Das war die Blogparade „Der Tag meiner Geburt“

Ganz egal, welche Haltung jeder Einzelne von uns zu diesem bestimmten Sonntag im Mai hat, so kommt doch keiner daran vorbei, gerade an diesem Tag an den einen Menschen zu denken, mit dem unser eigenes Leben unweigerlich verknüpft ist. Und zwar vom ersten Tag an. Vom #TagmeinerGeburt.

Anlässlich des diesjährigen Muttertages wollte ich eure Geburtsgeschichten lesen und es sind spannende Berichte zusammengekommen. Ich danke euch allen, dass ihr mitgemacht habt und eure Geschichte mit uns teilt!

Sehr berührt hat mich der Bericht von needless to say. Eine Geschichte über ein Wunder, ein Kind, dass eigentlich nicht hätte kommen sollen und doch freudig erwartet wurde. Über mutige Eltern, die schon damals mehr ihren eigenen Instinkten als den Ärzten Glauben schenkten. Einem Kind, das schlussendlich in einer Einkaufstasche nach Hause getragen wurde. In sein neues Leben.

Bei essential unfairness brachte eine tapfere Mutter ihr Kind in einer Teeküche des Krankenhauses zur Welt, weil nebenan renoviert wurde. Inklusive Besuche der Handwerker. Exklusive des Vaters, der sich von den Strapazen daheim vor dem Fernseher ausruhen musste.

Bei Wunschkind² hat eine etwas störrische und bockige junge Mutter, die eigentlich keine Kinder bekommen konnte, eine langwierige Nierenbeckenentzündung nach vierzig Wochen entbunden und als dieses Überraschungskind dann noch nicht mal ein Junge war, weigerte sie sich anfangs vehement, das Kind auch nur anzusehen. Bei einem Bierchen und einer Zigarette mit dem Arzt konnte die Frischentbundene doch noch überredet werden, wenigstens mal einen Blick auf das Töchterchen zu werfen (vermutlich war es dann Liebe auf den ersten Blick). Im Übrigen bekam die Unfruchtbare noch drei weitere Kinder… Ich mochte diese Mutter sehr beim Lesen!

Bei parentsdont brachte eine junge Schwesternschülerin ihr erstes Kind im Krankenhaus zur Welt, in dem sie auch arbeitete. Das wirklich Ergreifende an dieser Geschichte ist aber eher die Tatsache, dass sie sich von allen anderen abhebt durch den Umstand, dass der Vater schon damals eine größere Rolle spielte als bei anderen Familien, wo die werdende und Mutter oft mit der Kinderkriegerei und auch dem Versorgen allein beschäftigt war. Sehr lesenswert mit Schmunzelgarantie!

Miriam von TheMama schreibt einen sehr warmherzigen und dankbaren Text und in diesem ist auch ein Schriftwechsel zwischen ihr und ihrer Mutter abgebildet, der zeigt, dass sie ein sehr herzliches Verhältnis haben. Und es spiegelt wider, dass selbst unter den damaligen Bedingungen (alle vier Stunden bekam man das Baby zum Stillen, nachts nie, strikte Besuchszeiten) die Mutter der Ansicht ist, früher sei alles noch schlimmer gewesen! Und hauptsache, die Kinder waren gesund!

Dass Ultraschall, CTG und engmaschige Geburtsüberwachung ein Segen der Neuzeit sind und durch die dadurch gegebene Möglichkeit frühzeitig eingreifen und helfen zu können vermutlich viel Kummer erspart werden kann, ist in der Geschichte um die überraschende und traurige Zwillingsgeburt von Nadine P. nachzulesen.

Kinder werden immer geboren. Selbst unter widrigsten Umständen. Das liegt in der Natur der Sache. Und ist das Normalste und Natürlichste der Welt. Und trotzdem immer wieder ein kleines Wunder. Und dieser Moment, in dem beide geboren werden, das Kind und die Mutter, die vorher diese Rolle möglicherweise noch gar nicht innehatte, werden beide verbunden bis an das Ende ihrer Tage. Die Nabelschnur wird nur physisch zerschnitten. Sie bleibt ein Leben lang fühlbar bestehen.

Karl-Haende

Meine Blumen für…

Meine Blumen für…

Wisst ihr, dieser Fliederduft hat schon was Magisches… ich möchte mich am liebsten damit abreiben! Oder ihn mir in alle Hosentaschen stecken. Aber nein, der gehört jetzt nicht mehr mir! Ich verschenke ihn.

Meine Idee hinter dem Blumen-Verschenken ist ja zum Einen, jemandem Danke zu sagen, weil er mir ein Lesevergnügen bereitet. Zum anderen hoffe ich, euch mit dieser kleinen wachsenden Sammlung auch mal den einen oder anderen lesenswerten Blog vorzustellen, den ihr möglicherweise noch nicht kennt.

Vor ein paar Tagen bin ich über den Blog „Sandkuchen-Geschichten“ gestolpert. Und hängengeblieben! Ich hab alles gelesen. Und sehr gelacht zum Beispiel bei der Geschichte von dem Sohn mit der Sabberschnute oder auch über das Portät. Geht doch mal vorbei, sagt einen lieben Gruß und amüsiert euch!

Danke, Verena, für die köstliche Unterhaltung! Ich freue mich auf mehr. Und hier, dieser selbstgeklaute Flieder ist jetzt deiner!

Mein erstes Fotobuch (sponsored post)

Als der Jüngling in unserem Haus vor ein paar Wochen Jugendweihe feierte, hatte ich mich entschlossen, außer einer die Familienkasse ruinierenden Feier ein Fotobuch anfertigen zu lassen. Nur für ihn. Als fotografischen Rückblick auf sein bisheriges Leben.

Mir gefiel die Idee sehr!

Da ergab es sich, dass mich just zu ebendieser Zeit die Firma Prentu anschrieb und fragte, ob ich nicht Lust hätte, deren Fotoservice zu testen. Und dann darüber zu berichten? Ich ließ mich nicht lang betteln. Wenn die Gestirne günstig stehen und der eine sich wünscht, was der andere will, dann ist das ein Zeichen! Oder so ähnlich.

Das Gute an ersten Mal-en ist: Man geht unvoreingenommen heran. „Open minded“ quasi, wie wir hier so schön auf neudeutsch sagen (Denglisch ist das neue Neudeutsch. Ich muss bald mal einen Artikel darüber schreiben. Am besten auch gleich auf denglisch… Aber darum gehts ja hier jetzt nicht.  Es geht um ein Fotobuch. Weiterlesen!).

Ich habe absolut keinen Vergleich zu anderen Fotoportalen hinsichtlich Layout und Benutzerfreundlichkeit, da ich bislang meine Fotoprodukte am Kiosk beim Drogisten erstellte. Aber ich hatte auch noch nie ein Jugendweihekind, dem ich eine doch exklusivere Freude bereiten wollte als die neun mal dreizehn matten Abzüge, die ich mir sonst zwischen Waschmittel und Hundefutter aus dem Fotodrucker ziehe.

Via www.prentu.de gelangt man zum Fotoservice. Das Portal erschien mir angenehm unüberladen und die Navigation selbsterklärend. Neben klassischer Fotoentwicklung auf Papier kann man Leinwände, Acryl, Holz bedrucken und diverse Artikel mit dem Foto seiner Wahl versehen. Ich hielt mich da nicht lange auf, ich wollte ein Fotobuch!

Erstaunt war ich über die Auswahlmöglichkeiten (Das toppt den Drogeriekiosk um Längen!). Allein bei den Fotobüchern kann man aus zehn Varianten wählen, drei Sorten Fotopapier stehen zur Auswahl und auch drei verschiedene Cover.

Für das Layout des Fotobuches hat man eine Vielzahl an Hintergründen und Motiven zur Auswahl,  die man sogar auf den Einband des Buches übertragen kann. Außerdem stehen Bildbearbeitungsmöglichkeiten im Portal zur Verfügung und grafische Finessen zur individuellen Verschönerung. Ein feines Spielzeug!

Die Erstellung an sich ist simpel: Die Fotos werden vom Rechner hochgeladen und einer Seite im Fotobuch zugeordnet. Das Layout der Einzelseiten ist beliebig änderbar. Ebenso können problemlos Seiten hinzugefügt oder gelöscht werden.

Ich fand die Erstellung wirklich einfach und leicht verständlich!

IMG_2546

Fünf Tage Produktionszeit sind auf der Homepage angegeben, dazu kommt dann noch die Lieferzeit. Ich fand das moderat für ein personalisiertes Produkt. Aber wisst ihr was? Drei Tage nach Aufgeben der Bestellung lag es hier, das Fotobuch. Das Kind Nummer eins gebunden auf zwanzig Doppelseiten. Vom ersten Schrei bis zum letzten Geburtstag… Ich war sehr gerührt beim Durchblättern.

Die Qualität hat mich beeindruckt, sowohl von Papier und Einband als auch von der technischen Bearbeitung des Fotomaterials. Einziger Makel: Auf dem hinteren Einband hatte ich ein Textfeld mit einer Widmung eingefügt. Das wurde leider überdruckt durch den CR-Code des Buches. Diesbezüglich hätte ich mir einen Hinweis während der Erstellung gewünscht.

IMG_2549

Aber das Wichtigste: Der Jüngling hat sich sehr gefreut darüber!

Erwähnenswert sind sicher auch die wechselnden Rabattaktionen von Prentu. Aktuell bekommt man bei Neuanmeldung zum Beispiel fünfzig Fotos gratis und auf Fotobücher gibt es im Moment fünfzehn Prozent Rabatt.

Vorbeisurfen lohnt sich also!

Usabilityprobleme

Sprächen wir hier über etwas anderes, etwas weitaus einfacheres als Kinder, also sagen wir Software zum Beispiel, dann würde ich mal beim Support anrufen und möglicherweise ergäbe sich dann folgendes Gespräch:

„Ding Dong!“

„Äh… Hallo! Ich rufe an, weil ich Probleme mit diesem Dings… System habe.“

„Welche Version?“

„ ´20M`.“

„Ah! Eines unserer beliebtesten Anfängerprodukte! Macht eigentlich kaum Probleme. Die treten meistens erst in den Versionen ´12J`bis ´17J`auf.“

„Also, ich denke, bei meinem ist die Sprachsteuerung kaputt!“

„Aha, dann erzählen sie doch mal.“

„Nun, er versteht mich nicht. Gar nicht! Klare Befehle ignoriert er oder macht das komplette Gegenteil…“

„Sind sie sicher, dass ihre Befehle klar formuliert sind?“

„Ja, schon. Also ´Nein!`und `Hör auf!`und so. Aber da erhöht er lediglich sein Tempo beim Blödsinnmachen.“

„Was muss ich mir darunter vorstellen?“

„Na, zum Beispiel Zeug ins Klo schmeißen: Handtücher, meinen Schmuck, Shampooflaschen…“

„Hm, das hören wir öfter. Das ist allerdings typisch für den ´20M`. Da können sie nur die Systemumgebung modifizieren.“

„Hä?“

Support murmelt leise „RTFM!“ und „Verfluchte Anfänger!“

„Sorgen sie einfach dafür, dass ´20M`nicht in Reichweite dieser Dinge kommt. Damit sollte die Störung behoben sein. War´s das?“

„Neiiiin! er rennt auch immer weg und verwüstet hier die Systemumgebung, wie sie so schön sagen. Er kommuniziert auch nicht mit mir. Kann es sein, dass das Sprachmodul nicht auf ´deutsch`gestellt ist? Dass ich ein tschechisches System habe?“

„Unwahrscheinlich!“

„Also, in vier Monaten ist ein Upgrade auf `2J` geplant und im U-Katalog… äh… Lastenheft dieser neuen Version habe ich gelesen, dass bereits zwei-Wort-Kombinationen möglich sein sollen. Das ist unvorstellbar mit dem hier! Der ist kaputt!“

„Na na, ganz ruhig, junge Frau! Sagt er denn irgendwas?“

„Also ´Mama`, ´Papa`. Damit deckt er alles ab. Essen, Leute, alles einfach. Oder er zeigt unspezifisch in der Gegend rum und verlangt ´Dal!`. Keine Ahnung, was er damit will. Und ganz schlimm ist auch ´Alldä!`. Aber das sagt er nur zu mir.“

„Das hat er vielleicht mal gehört und gibt es nur wieder?!“

„Na, hören sie mal! Sowas sagt sonst niemand zu mir! Ich habe auch mit anderen Nutzern dieser Version geredet und die erzählen Unglaubliches. Was die mit ihren ´20M`s alles machen. Der hier kann einfach gar nichts!“

„Unglaublich ist da ein gutes Stichwort. Meiner Erfahrung nach neigen gerade Erstnutzer dieser Version zu schamlosen Übertreibungen. Das sollten sie sich nicht zu Herzen nehmen. Glauben sie einfach generell nur die Hälfte!“

„Und außerdem ruft meiner neuerdings ständig ´Kacke!`.“

„Das finde ich erstaunlich, dieses Feature ist eigentlich erst in höheren Versionen vorgesehen.“

„Nein nein, er verlangt damit nach Kakaomilch! Sehen sie, der ist kaputt! Außerdem läuft er auch nachts unkontrolliert mehrere Stunden und lässt sich nicht herunterfahren! Ich finde das schwierig. Einen derartigen Wartungs- und Pflegeaufwand habe ich nicht vermutet. Ich habe hier ja auch noch andere Systeme laufen. Ich kann mich doch nicht ständig um den ´20M`kümmern!“

„Hören sie mal zu. Der ´20M`ist in erster Linie ein Informationsverarbeitungssystem. Heißt, er lernt durch sie und durch die Dinge, die er wahrnimmt. Kopiert in erster Linie. Wenn er sprachliche Befehle nicht umsetzt, liegt das vermutlich am unpräzisen Befehl oder dem, was er zu diesem Befehl und den Erwartungen aus der Umgebung empfängt. Haben sie das Nutzerhandbuch gelesen?“

„Äh… nein. Dieser Handbücher verwirren mich nur. Jeder Popanz schreibt ein Scheiß-Nutzerhandbuch! Ach, und außerdem fängt sich der ´20M`ständig einen Virus ein. Das ist doch nicht normal!“

„Erzählen sie mir bloß nicht, dass sie kein Anti-Virus-Programm haben!“

„Doch, natürlich. Immer auf dem neuesten Stand. Masern, Röteln, Schwarz-Rot-Gelb-Fieber… Alles bekommt er quasi eingeimpft.“

„Das ist schon mal gut.“

„Was mache ich denn nun mit dem?“

„Mit dem ´20M`? Mit dem machen sie gar nichts. Ich empfehle: runterfahren. Vom Strom nehmen. Für länger. Und damit meine ich sie! Verschonen sie mich und ihr System mit ihrem überspreizten Anspruchsdenken. Und jetzt muss ich mich verabschieden, ich habe noch jemanden mit einem ´15J` und RICHTIGEN Problemen in der Leitung!

… tut tuuuut.“

„Hallo?“

 

Ein Kaffee für Frau Nieselpriem

Hat Dir dieser Beitrag gefallen? Dann lade mich doch gern auf einen virtuellen Kaffee ein als Dankeschön.

€2,00

5 Bücher für 2015

5 Bücher für 2015

„Nenne fünf Bücher, die du im Jahr 2015 noch lesen möchtest!“

Anna vom Blog „Berlin-Mitte-Mom“ hat mich zu dieser Aktion aufgefordert. Und nicht nur mich! Eine ansehnliche Leseempfehlungssammlung ist mittlerweile zusammengekommen. Klickt euch doch mal durch. Damit euch nicht langweilig wird während des Sommerurlaubes. Oder Sonntagmorgen im Bett. Samstagabend auf der Couch. In der Bahn oder beim Anstehen am Bäckerladen.

So, genug gelacht…

Es geht den Menschen wie den Leuten und den Eltern wie allen anderen Eltern! Wunsch und Wirklichkeit korrelieren nicht unbedingt. Man bräuchte zwei Leben, um all die Dinge zu tun, die man gern tun wöllte. Oder am besten gleich drei Leben.

Eins davon würde ich mir tatsächlich fürs Bücherlesen reservieren. Ich liebe Bücher, ich habe hier schon mal darüber geschrieben. Auf meinem Nachttisch (Sagt man das noch? Nachttisch?) liegen auch immer ein paar. Darauf kann ich mein Handy ablegen abends. Oder den Stift vom Sudokurätseln. Richtig, der größte Stapel auf meinem Nachtschränkchen (auch nicht besser: Nachtschränkchen…) sind Sudokubücher. Selbst wenn ich nicht glaube, dass die als Bücher durchgehen.IMG_2486

Ich komme einfach nicht zum Lesen! Wobei selbst das nicht stimmt. Ich lese fast vier Stunden täglich. Ich lerne aktuell das Internet auswendig. Es gibt so viele Blogs, die ich gern täglich lesen würde, das schafft kein Mensch. Ich versuche es trotzdem. Nicht nur Elternblogs, ich hege außerdem noch eine tiefe Leidenschaft für Bastel- und Nähblogs (die in keinem Verhältnis zu meinem Talent in diesen Dingen steht). Und für Food- und Interiorblogs. Und Architekturblogs (da muss man Gott sei Dank nicht viel lesen).

Außerdem sammle ich alte Kochbücher. In denen muss ich auch rumblättern. Und alte Kinderbücher. Hauptsächlich wegen der Illustrationen. Und ja, selbstverständlich auch alte Kinderkochbücher! Es ist eine Krux. Ich habe nicht nur keine Zeit für die Romane, auch keine Zeit um die Rezepte in den Rezeptbüchern nachzukochen (Und kein Talent, aber die Sicherheitshinweise in den Kinderkochbüchern finde ich sehr wertvoll. Auch für mich. Oder gerade.). IMG_2487

IMG_2489

Ach, und Gedichtbändchen sammle ich auch. Weil da so schöne Sachen drinstehen, die ich dann aber nie finde, wenn ich mich mal erinnere, dass ich doch irgendwann mal sowas Schönes gelesen hatte… Wo denn noch gleich?!IMG_2491 IMG_2492

Was macht man also, wenn man aufgefordert wird, fünf Bücher auszuwählen, die man in diesem Jahr noch lesen will? Ich habe mich dazu entschieden, fünf Bücher auszusuchen, die ich bereits in einem anderen Jahr gelesen habe und diese einfach frech weiterzuempfehlen!

Hier kommt meine Leseempfehlung:

IMG_2493

Kathrin Aehnlich –  „Alle sterben, auch die Löffelstöre“

Julia Franck –  „Die Mittagsfrau“

Edward St. Aubyn –  „Schöne Verhältnisse“

Marieke van der Pol –  „Brautflug“

J.R.Moehringer –  „Tender Bar“

Jedes dieser Bücher hat mich berührt. So sehr, dass mir trotz meines desolaten Gedächtnisses die Geschichten noch präsent sind. Und diese Auswahl hat alle Bücher von Frank Mc Court und Jo Nesbo (mit Strich durchs O) gestochen, obwohl das schwierig war. Und alle Dieter-Nuhr-Bücher.

Also: Viel Spaß beim Lesen, wenn ihr mögt. Und verratet mir doch, welche Bücher noch auf euch warten!

Epilog:

Ich werde jetzt diesen kleinen Bücherstapel verpacken. Der geht mit mir am Mittwoch auf die Reise nach Berlin. Es gibt doch tatsächlich einen Menschen, der behauptet hat, die von mir empfohlenen Bücher wirklich alle lesen zu wollen! Ihr könnt euch also auf eine ausführliche Rezension freuen. Demnächst bei Andrea Harmonika. Und, Andrea, du hast noch Glück! Sehr gut fand ich auch die Abhandlung über den Baader-Meinhof-Komplex von Stefan Aust. Ich sag nur: Knapp tausend Seiten… 🙂

Der Tag meiner Geburt – Aufruf zur Blogparade

Am nächsten Sonntag ist Muttertag und ich möchte dies zum Anlass nehmen, eine Blogparade ins Leben zu rufen.

Geburtsberichte gibt’s zuhauf in allen Elternblogs. Tröstliche, euphorische und traumatische. Alle, die wir hier sind, erinnern wir uns unauslöschlich an diesen Tag, der uns zu Müttern und Vätern gemacht hat.

Und alle drehen wir uns um dieselben Themen der Elternschaft. Ich möchte diesen Kontext auch nicht verändern, sondern nur den Tellerrand des Kontextes erweitern. Und zwar um eine Generation.

Ich würde gern eure eigenen Geburtsberichte lesen!

Was bedeutete dieser Muttertag für eure Mutter im Jahr eurer Geburt? Wie war es für eine Frau in den Siebzigerjahren, jung und unverheiratet schwanger zu werden? Oder in den Achtzigern eine Spätgebärende zu sein. Wie fühlte es sich an, ein Kind zu erwarten, bevor es Begriffe wie „Bonding“, „PDA“ oder „Postpartale Depression“ gab? Hatte sie Angst oder war sie zuversichtlich? Welche Sorgen beschäftigten sie? Und wie war die Geburtsbegleitung? Welche Rolle spielte die Hebamme? Ich glaube, gerade beim heutigen Diskurs zu diesem Thema ist ein Blick zurück für uns möglicherweise augenöffnend und richtungsweisend!

Wie war das, als Mütter ihre Kinder nur zu festgelegten Zeiten im Krankenhaus sehen durften (und nie nachts, denn Wöchnerinnen brauchen ihren Schlaf) und Väter nur eine Stunde ihr Kind durch eine Glasscheibe bestaunen konnten?

Diese Frauen – unsere Mütter – haben uns einen großen Schritt voraus: Unsere Themen sind nicht mehr ihre. Aber sie waren es! Und vielleicht auch noch ganz andere, die wir uns nicht einmal vorstellen wollen. Und sie haben alles schon hinter sich: Die Fiebernächte, die Pubertät. Mit welcher Erinnerung sehen sie heute zurück? Und besonders auf diesen einen Tag?

Was verspreche ich mir davon? Verständnis zuerst. Auch wenn wir jetzt selbst Eltern sind und unseren eigenen Eltern auf Augenhöhe begegnen könnten, ist dies nicht immer selbstverständlich möglich. Unsere Mutter bleibt immer unsere Mutter. Möglicherweise sieht der eine oder andere seine Eltern nach diesem Gespräch in einem anderen Licht. Oder sich selbst und seine Rolle gegenüber den eigenen Kindern. Wer weiß? Oder es relativiert das eigene Kreisen um bestimmte Themen der Neuzeit. Vielleicht habt ihr auch einfach einen innigen und vertrauten Nachmittag voller Intimität während dieses Gespräches. Das wäre schön!

Ich werde den Muttertag zum Anlass nehmen, um mit meiner eigenen Mutter über meinen Geburtstag zu sprechen. Den Tag, der uns zwei zusammenführte für den Rest unserer beider Leben. Und dann erzähle ich euch, wie das war, damals im Januar neunzehnhundertsiebzig.

Jedem einzelnen von euch rufe ich jetzt mit Rolf Zuckowski´s Worten zu:

„Wie schön, dass du geboren bist,

wir hätten dich sonst sehr vermisst!“

Und ich würde mich freuen, wenn ihr mitschreibt, liebe Bloggerinnen und Blogger! Ich freue mich auf eure Geschichten. Wer mag, kann gern seinen Beitrag hier in einem Kommentar verlinken. Alle Leser ohne Blog sind herzlich eingeladen, das Kommentarfeld bis zum letzten Zeichen zu befüllen.

Ich bin sehr gespannt!

#derTagmeinerGeburt

„Die Fete endet nie“ in Dresden!

(Das ist ne Überschrift, was?)

Ich war mal wieder im Theater. Und ihr solltet das auch öfter tun! Ernsthaft. Jeden Abend stellt sich jemand auf eine Bühne und spielt sich die Seele aus dem Leib, die dann zwischen Reihe fünf und fünfzehn neben den leeren kalten Samtsesseln auf den staubigen Boden plumpst und verpufft. Weil ihr alle lieber vorm Tatort sitzt und Chips knuspert! Dabei kann Theater, was die Flimmerkiste nie vermag, ja, nicht einmal das Kino schafft: Du bist Teil der Geschichte! Denn das Publikum gehört zur Inszenierung wie die Bühne, der Vorhang und die Sektbar neben der Garderobe. Und ein Bühnenschauspieler ohne Publikum, ohne das Rascheln und Murmeln hinter dem Licht dort am Ende der Bühne und ohne den verdienten Applaus am Ende, das ist doch ein bisschen wie Formel eins im ersten Gang. In einem Fiat Panda. Ich muss schmunzeln bei der Vorstellung, dass seit Jahren versucht wird, cineastisch eine Realität für den Zuschauer abzubilden, die das Theater schon immer mitbringt! Mehr als 3D. Theater kann man riechen, fühlen, anfassen. Ohne dass einem davon schwindelig wird, so wie mir beim 3D. Außerdem gibt’s keine lästigen Werbeunterbrechungen. Alles besser als TV. Einfach mal machen!

Am vergangenen Sonntag war die Premiere von „Die Fete endet nie…“.

Ich glaube, jeder Mensch, der zwischen neunzehnhundertfünfzig und neunzehnhundertachtzig geboren wurde, kennt „La Boum“, den Film. Die Filme. Die junge Sophie Marceau auf der Suche nach Liebe und einem Weg durch die Pubertät, umrahmt von ganz typischer frühachtziger Mucke. Richard Sanderson, der das Lied „Reality“ performt, erlangte durch „La Boum“ Weltruhm und noch heute ist dieses Lied verknüpft mit dem Film. Nicht nur in meiner Erinnerung.

Also, wie soll das gehen, einen Kultfilm und das Gefühl eines ganzen Jahrzehnts, einer Generation auf eine kleine Theaterbühne zu bringen? Es geht. Sie haben´s einfach gemacht. Und gut gemacht!

Was wäre, wenn Vic und Mathieu sich heute wiedertreffen würden? Zufällig, beim Abliefern der eigenen Kinder bei einer Party? Und dann in eine Bar gingen, um sich an Früher zu erinnern? Hab ich mir angesehen. Und vor allem: angehört.

Reihe vier. Me and the Pubertier. Ich würde heute Abend den Beweis erbringen, dass auch ich einmal jung war und das arme, verunsicherte, von Hormonen gebeutelte Puberkind damit noch mehr konfus-en („Nein, so habe ich mich nie benommen! Nein, ich bin nie wegen einem Jungen abgehauen. Nein, wirklich, mein Leben war öde und langweilig, bis der Papa kam. Genau, es wurde auch nicht geknutscht im Sozialismus!“).

Die nächsten zwei Stunden war ich im Taumel. Aus Vic und Mathieu wurden Sophie und Pierre, aber ansonsten war alles wie damals…

Ich war nie ein Popper. Auch nicht mit dreizehn (Das war neunzehndreiundachtzsch, als der Film in die DDR-Kinos kam). Ich stand auf Depeche Mode, The Cure, U2 und alles, was rumste und schrammelte. Nicht so „Do you really want to hurt me“ und discofox-artig eins-zwei-Tipp… (Ich kann heute noch keinen Discofox! Ich weigere mich. Und werde wohl bald die einzige Omi sein, die im Altersheim nie aufgefordert wird zum Tanzen.).

Aber was soll ich sagen, ich konnte fast den „Action“-Haarspray riechen, dieses Konglomerat aus Zuckerwasser und dem, was DDR-Chemiker für den Duft von Johannisbeeren hielten… „Je le Taxi“. Ich sah mich mit auftoupierten Haaren und pinkem Lidschatten im Dresdner Parkhotel, älter geschwindelt, oder im Volkshaus beim „Schippelrennen“. „Boys don´t cry“. Rechts hinten in der Ecke standen die coolen Kids. Man trug aus Bettlaken selbst genähte und schwarz eingefärbte Pluderhosen und Schuhe, in die wir selber Nieten reingekloppt haben.

„Mama, guck, der DJ dort auf der Bühne hat Nike Air Force an! Gabs die schon in der DDR?“

Und dazwischen „Voyage voyage“. Mit Kernseife eingefilzt hielt die Frisur am besten, allerdings machte das auch die Haare grau und stumpf. Ich erinnerte mich auch an Haarfärbeexperimente der sozialistischen Art: Kaliumpermanganat, eigentlich gegen Fußpilz gedacht, färbt einfach ALLES pink. Wirklich alles. Außerdem hochgiftig, aber das war sicher auch jede einzelne Zigarette der Marke „Club“.

„Mama, was ist eine Kuschelrunde?“

Ach, die armen Kinder heutzutage! Es gab doch wirklich niemanden in den Achtzigern, der sich nicht irgendwann zu „Reality“ mit wem anders im Kreis gedreht hat! Die „langsame Runde“ war DAS Highlight jedes Discobesuches. Da entschied sich, ob der Thomas dort drüben nur cool tut und mich eigentlich urst fetzig findet. Fünf Titel lang konnte ich dann zitternd hoffen, dass er rüberkommt und mich lässig an der Hand auf die Tanzfläche zieht. Ich weiß nicht, wie die Kinder das heutzutage machen mit dem Anbahnen der Knutscherei?! Ich glaube, wir hatten es wirklich einfacher…

… Ich konnte mich sehen. Ich war dort. Mein Herz bubberte auch irgendwie anders. Jünger. Ich sang alles mit. Alles. Die ganzen Popsongs, die ich mir offiziell freiwillig niemals anhören würde. In diesem Raum dort war sie wieder da. Süße Jugend. Ich sah mich anstatt der älteren Sophie (Katharina Eirich) auf mein jüngeres Ich (Stephanie Bock) schauen, untermalt von „True colors“ und „Girls just wanna have fun“.

Grandios gespielt! Stefanie Bock hat mich so verzaubert, man konnte vergessen, eine erwachsene Frau dort vor sich zu sehen. Dieses verträumte Glitzern in den Augen, dieser Hunger nach Leben! Ach, und Poupette. Erinnert ihr euch noch an die Uroma? Katrin Jaehne haucht dieser grandiosen Oma Leben ein auf eine ganz besondere Art und Weise. Und mit soviel Spaß und Pfeffer im Arsch, dass es niemanden auf dem Sitz hielt!

Es gab „Swimmingpool“ auf der Bühne zu trinken. Und Erdbeerbowle. Luftschlangen und Glitzer im Gesicht.

Und Philosophisches. „Liebe ist wie ein Puzzle. Auch wenn ein paar Teile fehlen, ergibt es trotzdem ein Bild.“, stellt der erwachsene Pierre (Andreas Köhler) treffend fest.

Bei „Stay“ suche ich mit feuchten Augen nach einem Feuerzeug. Was macht das Kind? „Mama, hier im Theater ist Rauchen aber verboten!“.

Am Ende Luftschlagen und Konfetti über allen, keiner sitzt mehr, alle singen klatschend und tanzend in den Reihen. Nur mein Sohn sitzt und staunt mit offenem Mund über die alten Leute.

Der zweite Vorhang. Sie singen uns zu: „You´re simply the best“ und verteilen Erdbeerbowle, dann „Forever young“, vielstimmig. Alles bebt und feiert das Leben, die Jugend. Für immer jung. Und wir waren für immer jung, einen Abend lang. Und es hält noch an!

Fazit: Dieses Stück ist eine Detox-Kur!

Wo gibts schon eine Verjüngungskur für unter zwanzig Euro in nur zwei Stunden? Alle Daten zum Stück, Karten und Spielplan gibts hier: Boulevardtheater Dresden

Einseitig deformiert

Großer Schreck.

Beim Duschen bemerkte ich eine gruselige Verhärtung am rechten Oberarm. So groß wie ein Hühnerei. Einem ersten (logischen) Reflex folgend habe ich „Oberarmtumor“ gegoogelt.

Offensichtlich ist es kein Tumor, sondern etwas muskuläres. Vom Schleppen. Vom Kind-Rumwuchten. Ich bin ja nicht nur Rechtshänder, sondern auch Rechtsärmler.

Ein Bizeps. Einer! Himmel, hilf, ich bin entstellt. Ich hoffe, er geht wieder weg. Bis dahin nur Langarmshirts…

Der große Tag

Am vergangenen Samstag hatte unser Erstgeborener Jugendweihe. Dieses Fest geht auf die Freidenkergemeinde zurück und stellt ein nichtchristliches Pendant zur Konfirmation dar. Ein Initiationsritual, um den jungen Menschen im Kreis der Erwachsenen willkommen zu heißen.

Als DDR-Kind kam man gar nicht um dieses „Event“ drum herum, wurde es nur allzu gern instrumentalisiert, um die gewünschte Ideologie und den marxistisch-leninistischen Klassenkampfgedanken und die zweifelsohne bewiesene vorherrschende Überlegenheit des Sozialismus durch Veranstaltungen in den Köpfen und Herzen der Jugendlichen auf ewig einzupflanzen.

Hat nicht funktioniert. Wir haben alle nur wegen der Geschenke mitgemacht.

Mir gefällt allerdings der Ursprungsgedanke. Und auch heute noch werden im Rahmen dieser Weihe die Jugendlichen mit Veranstaltungen rund ums Erwachsenwerden, Erwachsensein, unsere humanitäre Verpflichtung gegenüber der Welt und unseren Mitmenschen auf ihren Schritt in die Selbständigkeit vorbereitet. Es ist ein bisschen wie ein erweiterter Ethikunterricht. Nur draußen. Und alles ist freiwillig. Am Ende folgt dann eine festliche Veranstaltung mit kulturellen Beiträgen (meist in einem Theater abgehalten), wo alle Jugendlichen eines Jahrgangs im Beisein ihrer stolzen Verwandten in todschicken Klamotten auf einer Bühne stehen und die Devotionalien des Festtages entgegennehmen (Buch, Gerbera, ein Pamphlet).

Man muss den Dingen
die eigene, stille ungestörte Entwicklung lassen,
die tief von innen kommt
und durch nichts gedrängt oder beschleunigt werden kann,
alles ist ausgetragen –
und dann geboren…

Reifen wie der Baum,
der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen des Frühlings steht,
ohne Angst
dass dahinter kein Sommer kommen könnte.

Rainer Maria Rilke

Auch heute machen die jungen Leute nur wegen der Geschenke mit.

Also nun der unsrige. Ich war mäßig aufgeregt. Übermäßig. Ansteigend aufgeregt, könnte man sagen. Am Vorabend legte ich schon die Klamotten der Kinder in ordentlichen Häufchen breit und ging in Gedanken alles durch. Kneipe war bestellt, Einladungen waren verschickt. Zwei Varianten, um auch ja die innerfamiliären Animositäten zu beachten! Person A kann nicht im selben Raum wie Person B sein, also kommt Person A zur Feierstunde und Person B zur anschließenden Familienfeier. Oder doch lieber umgekehrt? Das Hotel für die Leute von außerhalb reserviert. Allen erklärt, wann man sich wo trifft. Ich war soweit fertig. Der große Tag konnte kommen.

Er kam. Und ich drehte schon frühmorgens durch. Also so richtig. Nicht das Pipifax-Durchgedrehe, das ich sonst auch täglich veranstalte. Ich schmiss Kleider, Mäntel, Blusen und Schuhe in der Gegend rum. Ich hatte noch immer nichts anzuziehen! Der Beste besah sich mein Treiben mit müden Augen vom Bett aus und sagte den folgenschweren Satz: „Jetzt erst fängst du an, dir Gedanken zu machen, was du anziehst?“. Ich sag euch, der war binnen Minuten hellwach! Ein gnadenloses Donnerwetter brach über ihn herein. In Gestalt seiner hysterischen Zwergenfrau. Ob er überhaupt eine Ahnung hätte, was ich alles in den letzten Tagen und Wochen um die Ohren gehabt hätte wegen diesem Tag. Und ob ihm nicht aufgefallen sei, dass die gemeinsame Behausung bereits seit Wochen einer Edelboutique ähnelte, weil einfach an jeder Tür und an jedem Schrank Unmengen von Kleidern hingen. Und ob er auch nur den Hauch eines Verständnisses dafür aufbringen könnte, dass ich zwar an jedem Abend mit der Gewissheit ins Bett gegangen sei, etwas Passendes zum Anziehen zu haben, aber an jedem verdammten Morgen im todsicheren Bewusstsein erwacht wäre, dass einfach nichts von all dem hier wirklich passend sei! Und wenn ihm sein Leben lieb sei, dann solle er wenigstens einmal so vernünftig sein und die Klappe halten und einfach mal nicht im Weg rumstehen. Das sei schon alles. Mehr würde ich wirklich nicht verlangen! Danke.

Ich bin mit einem sehr klugen Mann verheiratet. Er nahm sich den Hosenscheißer und ging mit den Nachbarsmännern und deren Hosenscheißern einfach runter in den Hof spielen. Den ganzen Tag.

Gegen elf Uhr Mittags hatte ich noch immer nichts zum Anziehen, aber für alle Fälle schon mal Lockenwickler auf dem Kopf. Was das werden sollte, das wusste ich allerdings selbst nicht. Dennoch kam mir das anlassentsprechend vor.

Scheiße, war mir schlecht. Und ich hatte Herzrasen. Ich fühlte mich wie eine Braut an ihrem Hochzeitstag. Eine vollkommen verrückte, durchgeknallte Braut.

Durchdrehen macht hungrig. Ich erschien in meiner Lockenwicklerpracht auf dem Balkon und bellte „Schatz!“ nach unten. Sechs Augenpaare blickten zu mir hoch (so müssen sich Könige fühlen). Ich erbat, dass einer der Schätze bitte zum Supermarkt flitzen möge um mir eine Tüte Milchreis zu besorgen. Maggifix oder Mondamin, sowas halt. Die Nachbarsmänner boten hilfreich an, mir mit Milchreis auszuhelfen. Also Körnern. Ich atmete, bis ich wieder bei Stimme war und erklärte dann bemüht unhysterisch, dass ich ganz sicher nicht in der Lage sei, dreißig Minuten in einem Topf zu rühren! Und auch sonst eher nicht der natürliche Typ sei. Ich bräuchte E-Stoffe! Stärke. Zucker! Viel. Und pronto!

Der klügste unter den Schätzen stapfte los und legte wortlos nach nur wenigen Minuten eine Tüte E-Stoff-Milchreis in den Flur. Dann ganz schnell wieder die Tür zumachen, vielleicht beißt die Frau sonst in die Hand? Man kann nie wissen…

Nachdem ich mich gestärkt hatte, durften auch die Jungs wieder rein. Ich versprach, mich zu benehmen.

Wenig später- der Bärtige stutze die Wallemähne, die ihm diesen Namen eingebracht hatte- da klingelte es. Der Pizzadienst! Ich informierte den behaarten Mann, dass ein „senior food delivery manager“ unten sei. Mit  Pizza. Der Mann empfahl, dass ich dann doch runtergehen möge um diesem Menschen im Tausch dafür Geld anzubieten (Ich hatte noch immer die Lockenwickler auf dem Kopf!). Ich informierte ihn im Gegenzug darüber, dass ich finden würde, er sei heute so hilfreich wie ein eitriges Gerstenkorn und präsentierte mich danach dem nächsten Mann an diesem Tag mit bunten Plastikwürsten auf dem Kopf.

Nach dieser neuerlichen „shame attack“ erklärte ich der Familie, ich würde das jetzt so lassen mit dem Plastekopf. Fall ich überhaupt mitkäme!

Eine Stunde vor Abmarschzeit zerrte ich die Nähmaschine aus dem Schrank, steckte mit zittrigen Fingern eine Hose ab (von der ich in diesem Moment annahm, dass sie die einzige sei, die ich heute würde tragen können) und würschte den Stoff irgendwie durch die knatternde Maschine. Der Faden riss nicht. Die Beine waren am Ende sogar gleich lang! Das war wirklich nicht zu erwarten gewesen.

Ich hatte was zum Anziehen. Ich ging also mit (Die Lockenwickler blieben zu Hause. Eine Frisur hatte ich trotzdem nicht, nur Haare, aber das war auch keine wirkliche Überraschung.). Die Jungs waren allesamt innerhalb drei Minuten fertig und sahen so… aus, dass ich schon mal probeheulte.

Programm zur Jugendweihe

Programm zur Jugendweihe

Im Theater ging es dann weiter. Eine Schauspielerin eröffnete mit Hilde Kneefs „Für mich solls rote Rosen regnen“ und ich heulte ab dem ersten „mich“. Als mein Kind auf die Bühne gerufen wurde, brachen alle Dämme. Wie er dort stand. So erwachsen, so ernst, so groß, so klein. Mein Junge.

Loslassen, ein Wort, das schwer zu fassen,
manchmal möchte ich es hassen,
trennt es doch was einst verbunden,
es entstehen tiefe Wunden.
Ich will es lernen, tut es auch weh,
und bin ich bereit, ich schließlich seh´,
daß alles im beständigen Fluß.
Loslassen ist leider ein Muß.

Irmgard Adomeit

Der Kindsvater lachte mich aus und machte Fotos von meinem verheulten Gesicht. Ich hielt mich an meinem Baby fest und ignorierte den emotional unterentwickelten Mann.

DSCN2954

Dann schnell Fotos machen. Du mit dem und jetzt noch mal andersherum. Nun alle bitte vor dem Springbrunnen. Halt! So nicht, bitte so. Es dauerte. Draußen lief mir bereits die Mailbox vom Handy über, weil alle, die wir irgendwie unterwegs auf dem Weg zum Restaurant treffen sollten, mich bereits darüber informierten, dass: Es zu kalt sei/ Man schon ewig warten würde/ Man jetzt alleine losginge und: Wo wir denn verdammt noch mal blieben?!

So kamen wir zu unserem eigenen Fest als letzte im Restaurant an. Alle hatten sich irgendwie platziert, Kaffee geordert und feierten schon mal los. Es gab auch keine vier zusammenhängenden Plätze mehr für uns. Man saß ja schon! Und was mer ham, das hammer. Bevor wir uns dann zu viert auf einen Eckplatz quetschten, traf aber noch eine befreundete Familie ein und ich gab die nonchalante Gastgeberin. Stellte die Freunde unseren Verwandten vor und erklärte meinen Freunden, das da vor ihnen seien quasi unsere Verwandten. Also bis auf die Familie Schiemann dort drüben, mit der wären wir nicht verwandt. Nur befreundet.

Ganz großartig…

Als ich mit einer halben Arschbacke auf dem Eckplatz verkantet war, sah ich, dass nun alle Torte schaufelten und murmelten und das gefiel mir aber auch nicht! Das war nicht festlich genug. Igerndwer müsste was sagen. Ich rungste und schubste also „Irgendwer“ zu meiner linken Seite an und besprach ihn ohne Unterlass, dass er gefälligst aufstehen und was Feierliches sagen solle!

Und der Mann hat wirklich eine leidenschaftliche Rede gehalten. Das ist nicht zu leugnen. Zuerst stellte er sich allerdings irgendwo unsichtbar an den Rand und murmelte etwas von „Tag“ und „Appetit“, was meine innere Autovervollständigung zu „Guten Tag und guten Appetit!“ auffüllte, aber dann! Mit funkensprühendem Blick schmiss er seinen Körper auf unseren Eckplatz und mit ungeahnter Leidenschaft hielt er eine Rede. An mich gerichtet. Ob ich jetzt zufrieden sei, dass er sich mal wieder zum Horst für mich gemacht hätte und dass ihm mein überkandideltes Anspruchsempfinden sowas von auf den Sack gänge! Wenn ich mich nicht sofort runterfahren würde, dann könne er heute für rein gar nichts mehr garantieren! Er habe seine letzten Haare verloren. Und die letzten Nerven, auf die ich ihm noch hätte gehen können. Es reiche!

Was für ein Temperament! Mir war ganz wuschig ❤

Leider platzierte er mich darauf ans andere Ende der Tafel, weil er sich von mir ausruhen musste. Dort saß ich dann auch den Rest des Tages und versuchte, mich dem Anlass entsprechend zu verhalten. Von dort hinten konnte ich allerdings auch nicht verhindern, dass Vater und Sohn unter großem Gejohle ihr erstes gemeinsames Bier zusammen leerten!

Nein, es war wirklich schön.

IMG_2409

Tags darauf nahm der Junge, der jetzt ein junger Mann ist, meine Hand und erklärte, mit dem Fotobuch und der Feier hätten wir ihm das schönste Geschenk von allen bereitet. Das aus dem Mund eines Menschen zu hören, der niemals in der Lage wäre, etwas aus bloßem Kalkül zu sagen, hat mich sehr ergriffen.

Gestern waren wir in der Stadt. Und haben uns einen Maple Macchiato geteilt. Der junge Mann und ich.

Mit der Zeit lernst Du,

dass eine Hand halten nicht dasselbe ist
wie eine Seele fesseln.
Und dass Liebe nicht Anlehnen bedeutet
und Begleitung nicht Sicherheit.
Du lernst allmählich,
dass Küsse keine Verträge sind
und Geschenke keine Versprechen.
Und Du beginnst,
Deine Niederlagen erhobenen Hauptes
und offenen Auges hinzunehmen
mit der Würde des Erwachsenen,
nicht maulend wie ein Kind.
Und Du lernst,
all Deine Straßen auf dem Heute zu bauen,
weil das Morgen
ein zu unsicherer Boden ist.
Mit der Zeit erkennst Du,
dass sogar Sonnenschein brennt,
wenn Du zuviel davon abbekommst.
Also bestell Deinen Garten
und schmücke selbst
Dir die Seele mit Blumen,
statt darauf zu warten,
dass andere Dir Kränze flechten.
Und bedenke,
dass Du wirklich standhalten kannst …
und wirklich stark bist.
Und dass Du Deinen eigenen Wert hast.

Kelly Priest

Kennt ihr Karlchens Königreich? #DailyRoutine

„Es war einmal ein kleiner König. Der hieß Karlchen. Ja, genau wie du!

Dieser König wohnt in einem winzigen Königreich. Das ist wirklich klein, gibt es doch nur sechzehn Häuser. Aber was für schöne Häuser! Spitze Türmchen, kleine Häuschen, breite Häuschen. Manche stehen putzig schräg und andere wieder ganz gerade in einer Linie. Und alle sind sie wunderschön. Strahlend weiß. Sie funkeln wie Perlen, wenn die Sonne darauf fällt. Es gibt aber auch einen Bösewicht im Königreich. Wie der heißt? Nun, ich glaube, der heißt Gnom Jerome. Dieser Gnom Jerome ist ein arger Schmutzfink, ein Dreckspatz! Er versteckt Essensreste zwischen den Häusern. Verschmiert damit die weißen Häuschen, bis sie gar nicht mehr hübsch glänzen und irgendwann kaputt gehen. Dieser fiese Gnom Jerome! Und dann -Schwupp!-versteckt er sich heimlich. Man kann ihn nicht sehen, so winzig klein ist er. Aber ein wahrer Tunichtgut! Doch es gibt auch einen Helden im Königreich: Elmo Elmex heißt er. Hier kommt er, guck, so sieht er aus. Dieser Elmo passt auf, dass das kleine weiße Königreich nicht schmutzig wird. Mit seiner Bürste hier jagt er hinter dem Gnom Jerome her und putzt die Häuser im kleinen Königreich.

der tapfere Elmo Elmex

der tapfere Elmo Elmex

Was meinst du, ob der böse Gnom Jerome auch was bei dir versteckt hat? Pflaumenmusbrötchen vom Frühstück vielleicht? Was sagt man da? „Oooooh!“

„Oooooooooooooooooooooooh!“

(Schrubb-schrubb-schrubb)

Und was gab es zum Mittagessen? Nudeln mit Spinat? Na, das sieht aus, wenn der hinterlistige Gnom Jerome grünen Spinat zwischen den hübschen weißen Häuschen versteckt hat. Das wollen wir nicht. Das ist „Iiiieh!“.

„Iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiieh!“

(Schrubb-schrubb-schrubb)

Und dann habe ich gesehen, dass du ein Gummibärchen stibitzt hast von deinem Bruder, du kleiner Räuber! War´s ein rotes? Nein? Ein gelbes? Wollen wir mal nachsehen, ob der Gnom Jerome ein Stückchen davon versteckt hat? Was meinst du? Ob wir eins finden? „Aaaah!“.

„Aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaah!“

(Schrubb-schrubb-schrubb)

Jetzt ist der tapfere Elmo Elmex ganz erschöpft. Er hat das kleine Königreich geputzt und dem fiesen Gnom Jerome das Handwerk gelegt. Nun ist er müde. Wir waschen ihn, guck, so wie dich jeden Abend, und jetzt kann er sich ausruhen bis morgen. Gute Nacht, Elmo! Und danke schön. Genau, winke winke. Das machst du toll, mein kleiner König.“

-Ende-

Der Blondino ist neunzehn Monate alt und liebt meine Erzählstimme. Ganz gebannt lauscht er. Außerdem freut er sich, wenn er Worte nachahmen kann. Die langgezogenen Vokale machen es ihm einfach, das bekommt er gut hin. Und vermutlich werde ich nun jeden Abend einen Zahnputzgeschichte vom tapferen Elmo erzählen müssen, so gut fand er das! Und nicht mehr lange, dann wird er selbst gemeinsam mit dem tapferen Elmo Elmex hinter dem fiesen Gnom Jerome herjagen.

Quelle: Elmex

(c) Elmex

Das ist mein Beitrag zur Blogparade von Frau Mutter #DailyRoutine.Warum ich hier mitgemacht habe? Zum einen gibt es einen Reisegutschein zu gewinnen. Das ist ein Anreiz, oder?

Zum anderen ist der Elmo Elmex bei uns schon vor dem ersten Zahn eingezogen und gehört quasi zur Familie. Das erste Zahnputzset gabs gratis in einer Baby-welcome-Tüte und so hatten wir zwar noch keinen Zahn, waren aber für alle Eventualitäten schon mal bestens ausgestattet! Mittlerweile ist das Starterset schon längst aufgebraucht, aber ich kaufe es für den Kleinsten immer wieder nach. Warum? Er ist mittlerweile auf den Geschmack der Elmex-Zahncreme konditioniert, aber wichtiger ist für mich, dass ich mit dem Aufbrauchen der kleinen Tube eine Erinnerung habe, wann es aus hygienischen Gründen sinnvoll ist, die Bürste zu wechseln! Dann kaufe ich wieder so ein Set nach. Ich finde das praktisch und muss sagen, die Markenbindungsstrategie von Elmex funktioniert bei mir 😉

Elmex Lernzahnbürste/ Zahnpasta im Set

Elmex Lernzahnbürste/ Zahnpasta im Set

pseudophilosphische Gartenbetrachtungen (von unten, aus der Hocke)

Es geht wieder los.

Das Kraut ruft. Das Unkraut. Eigentlich gings ihm ja ganz gut und besonders laut ruft es auch nicht nach meiner fortpflanzungsregulierenden Hand. Ich bin trotzdem da. Und hocke mal wieder in der Furche. Das dritte Jahr nun schon begebe ich mich in die Hocke. Hocke im Dreck, dessen Ursprung mir zwar geläufig ist, mich aber zu keiner städtertypischen Igitt-Reaktion mehr hinreißt.

Gemüsebeet. Gierschfeld. Was ihr wollt.

Gemüsebeet. Gierschfeld. Was ihr wollt.

(Exkurs. Letztes Jahr gab es folgendes Telefonat zwischen dem Bärtigen und dem Vorgartenbesitzer: „Du, Vati, alle wieviel Jahre muss eigentlich die Klärgrube geleert werden? Und welchen Anbieter haste da immer gerufen?“. „Äh, nee, da kam nie jemand. Du nimmst einfach mal ein Holz aus dem Schuppen und rührst kräftig um. Wenn viel Dickes oben schwimmt, machste einen Strick an eenen Eimer und schöpfst das ab. Das ist Superdünger! Ich hab das vierzig Jahre auf die Beete geschüttet. Im Gewächshaus brauchte ich nie Erde nachfüllen und die Tomaten werden dadurch einfach klasse!“.)

So knie ich also das dritte Jahr in der kompostierten Scheiße meiner Schwiegerleute und verteile im Sommer großzügig Kackgemüse aus meinen eigenen Beeten und langsam finde ich das großartig! Alles. Auf eine ganz andere Art, als ich mir das vorgestellt habe. Damals, als wir anfingen, dieses Stückchen Erde zu unserem zu machen. Ich bin Lichtjahre entfernt von allem, was ich mir in den letzten Jahren so ersponnen habe über mein Leben als Vorstadtgärtner mit Strohhut und Sommerkleidchen, das mit dem Lavendel im Takt zur zarten Brise mitschwingt…

(Hier, hier und hier sind die alten Posts verlinkt, die „frühen Beginne“ quasi.)

Und irgendwie ist es auch gut so. Das alles ganz anders gekommen ist. Was hatte ich für hochtrabende Pläne! Und wen wollte ich eigentlich damit vom Hocker hauen? Rückblickend kommt es mir vor, als sei das vergleichbar mit dem seltsamem Gebahren, die Wohnung grundzureinigen, bevor die Putzfrau kommt (Was soll die denn sagen!) oder wie blöde die Fenster zu wienern und die Böden, wenn sich Besuch mit Kindern ankündigt (Was sollen die denn sonst denken!). Als ob es danach nicht sinnvoller wäre! Was für ein Scheiß. Ich schüttele den Kopf, während ich am Giersch rumzuppele.

Was am Ende eines Nachmittags mit Kind im Garten so geschafft wurde... unglaublich, oder?

Was am Ende eines Nachmittags mit Kind im Garten so geschafft wurde… unglaublich, oder?

Über mir tschilpt es. Und tschiept. Und summt. Irgendwo röhrt ein Rasenmäher. Es riecht nach… hm… Erde. Und Grünzeug. Gut irgendwie. Mir brennen die Schultern und die Sonne bitzelt in meinem Gesicht. Das Gartenkind isst Fliegen und wühlt im Dreck. Ich wühle im Dreck.

Tonne mit Kindersicherung

Tonne mit Kindersicherung

Richtig voran komme ich nicht. Ich werde auch nie wirklich fertig. Ich hab mich damit abgefunden. Hier kommt keiner vorbei, um mich für „Mein schöner Garten“ zu interviewen. Die Regentonnen des Todes sind nach wie vor mit einem lächerlichen Stein gesichert, das Gewächshaus habe ich mit Schwiegervaters todsicherer alltime-favourite-Klebeband-Methode repariert, weil der Baby-Fliegenfresser schon versucht hat, die maroden Scheiben auszubauen. Jetzt glitzert mein Gewächshaus im Sonnenschein. Kann man so lassen. Hält.

glitzerndes Gewäschshaus

glitzerndes Gewäschshaus, sieht auch innen super aus

Ich zupfe weiter am Giersch. Vielleicht ist es auch Akelei oder ganz was anderes. Ich nenne alles Giersch. Ist praktischer. Außerdem habe ich gar keine Ahnung. Manchmal, wenn man gefühlvoll vorgeht, bekommt man die Pflanze ohne Spateneinsatz aus der Erde gezogen. Dann ist das wie Gebären. Irgendwie. Es ruckelt und geräuscht und dann -Schwupps!- ist die Pflanze draußen! Alles dran. Die Wurzel ist vollständig. Herzlichen Glückwunsch!

Es gibt in der Tat zwischen dem Gärtnern und der Kinderkriegerei sichtbare Parallelen.

Als wir anfingen – mit hochtrabenden Plänen und Abrissbirne und dem allen- da standen die erfahrenen Gärtner am Zaun, schüttelten die weißen Haare und regten sich tierisch auf, was wir da treiben. Das macht man aber nicht so! Das geht ganz anders! Wir dachten, so schwer kann das nicht sein. Können alle anderen ja auch. Und wir hatten ganz genaue Vorstellungen, wie das so werden würde.

Pah!

Das erste Jahr hat uns demütig gemacht. So viel Arbeit. So viel Plackerei. Ein Schund. Das hat uns niemand gesagt, dass das so viel Arbeit ist! Das erste mal mit nackten Händen in lebendes Schneckenfleisch fassen ist vom Ekelfaktor vergleichbar mit dem ersten schwallartigen Erbrechen eines Kindes im Auto. In die Stereoanlage. Die Gurte, Ritzen, Fugen. Alles. Beim zweiten Mal ist es dann schon nicht mehr so wild.

Und dann hat dieser Garten ja auch eine ganz eigene Dynamik: Pflanzen vermehren sich an Stellen, wo man die überhaupt nicht haben will. Und nie wieder wegkriegt (vergleichbar mit seltsamen Charakterzügen beim Nachwuchs: „Das hat er von deiner Familie! Bei uns sind wir nicht so!“.). Gras wächst prinzipiell am grünsten und dichtesten auf Beeten. Nicht auf dem Rasen! Dort will es nicht. Da bockt es wie ein Zweijähriger. Im ersten Jahr habe ich versucht, meinen Willen durchzusetzen, dem Garten meine Wünsche aufzudiktieren. Es wurde nichts. Jetzt sehe ich manchmal diese akkuraten ordentlichen Gärten, die nach dem Gartenkatalog geformt wurden und ich mag nicht mehr haben, was ich dort sehe.

Eine Sandsteinmauer als Mahnmal für nichtrealiserte hochtrabende Bauträume. Irgendwer hat aber Mileid und steigt wohl bei uns über´n Zaun. Im letzten Jahr war der Haufen noch deutlich höher ;)

Eine Sandsteinmauer als Mahnmal für nichtrealiserte hochtrabende Bauträume. Irgendwer hat aber Mitleid und steigt wohl bei uns über´n Zaun. Im letzten Jahr war der Haufen noch deutlich höher 😉

Und manchmal freue ich mich diebisch, wenn ich mit meiner hemdsärmeligen quick´n dirty-Taktik erfolgreicher bin als die Weißkappen mit ihrem achtzigjährigen Erfahrungsschatz und ihren gestutzten Buchsbaumhecken. Im letzten Jahr habe ich versäumt, Saatkartoffeln zu kaufen. Sie waren dann alle. Die Weißkappen belehrten mich, dass ich eh viel zu spät dran sei und laberlaberlaber. Ich habe einen Sack Kartoffeln beim blauweißen Discounter gekauft und weil das dann zu wenig für den Acker war, die Knollen einfach halbiert. Ab damit ins Feld. Ohne Dünger, ohne Vorkeimen, ohne Ahnung. Einfach so. Monate später klagten alle reihum über die versaute Kartoffelernte. Fäulnis, Viecher, was weiß ich. Bei uns standen die Pflanzen wie ne Eins und im Herbst habe ich eine fette Ernte eingefahren 🙂 Die dümmsten Bauern haben wirklich die größten Kartoffeln!

Gleich wird das Gartenkind wach und wir fahren raus. Vielleicht kommt Familie Igel wieder vorbei oder wir sehen ein Mäuschen. Oder die Katze, die sich abends bei uns auf der Terasse eingerichtet hat. Wir haben die noch nie zu Gesicht bekommen, aber stets ist ein runder Fellfleck auf einer der Auflagen zu sehen, wenn wir kommen.

Und wir kommen! Wir kommen gleich.

Unkraut oder Glückskleeteppich? Alles eine Frage der Einstellung!

Unkraut oder Glückskleeteppich? Alles eine Frage der Einstellung!

Nur ein Schnipsel…

… eines Beitrages. Nämlich meines Beitrags zum Thema #regrettingmotherhood.

Ausgelöst durch diesen Artikel in der Süddeutschen Zeitung ging das Thema wie ein Lauffeuer durch Bloggershausen. Und auch ich habe in die Tasten gehauen, vehement und enthusiastisch. Erbost, empört, ungläubig. Gestern.

Ich hatte heute einen anstrengenden Tag. Nichts besonderes. Besonders ist vielleicht, dass mir jetzt von meinem ursprünglichen Artikel eigentlich nur noch die letzten Absätze im Kopf nachhallen. Die Wut ist verflogen. Für heute. Diesen Schnipsel allerdings, den werde ich hier lassen. Für euch. Und auch für mich. Manchmal ist es wichtig, Dinge aufgeschrieben zu sehen.

„… Glücklicherweise sind mir die Gefühle fremd, die die Frauen in den Texten beschreiben. Also nicht das Benennen der Umstände: Fremdbestimmtheit, Schlafentzug, Verantwortung, übergroße Sorge, Fehlen von Zeit für sich allein, Kollektivbedürfnis vor Individualbedürfnis, immanente Präsenz anderer Menschen, nein, das kennt wohl jede(r) mit Familie. Fremd ist mir die Verknüpfung mit dem Gefühl der Reue.

Ich bin glücklich darüber, dass das so ist. Und ja, ich sah das bislang als selbstverständlich an! Ich habe viele Rollen in meinem Leben, und die der Mutter ist die herbeigesehnteste und die allerliebste. Und nein, auch ich habe nicht gewusst, was da auf mich zukommt. Dennoch, meine Kinder erfüllen mich. Sie machen mich vollkommen. Vollkommen fertig machen sie mich auch, aber in erster Linie fühle ich mich erfüllt durch sie. Beschenkt. Sie haben aus mir einen besseren Menschen gemacht. Einen, der fürsorglich anstatt egoistisch ist. Der sich disziplinieren kann, organisieren. Der Wort hält. Der beschützt. Einen, der mutig ist. Der nicht mehr beim kleinsten Krach die Sachen packt und einfach weiterzieht. Einen Erwachsenen.

Nichts, was ich dafür aufgeben musste, vermisse ich. Ich habe es ziehen lassen. Und zwar leichten Herzens. Ich würde niemals tauschen. Und wie könnte ich bereuen, was ich habe? Unmöglich. Was aus mir hätte werden können ohne Kinder? Keine Ahnung! Aber dass ich weit weniger glücklich wäre, da bin ich mir sicher.

Durch die öffentliche Diskussion zu #regrettingmotherhood weiß ich, dass dieses Empfinden etwas nicht Selbstverständliches ist.

Ich bin dankbar dafür.“

 

 

 

Wochenende in Bildern

Wochenende in Bildern

Ich habe mal mit einem vietnamesischen Kollegen zusammengearbeitet, der uns stets „Flöhliche Östeln!“ an Ostern wünschte. Ob er nicht anders konnte oder sich einen Witz draus machte, weil wir Langnasen annehmen, Asiaten könnten kein „R“ aussprechen, weiß ich nicht. Jedenfalls hoffe ich, ihr hatte flöhliche Östeln.

Ich zeig euch ein paar Bilder von meinem langen Osterwochenende.

Ostern ist das Fest des Suchens, auch in der tschechischen Pension, weshalb wir erst einmal eine leihweise Dachbox fürs Auto im Freundeskreis suchen mussten, um die obligaten Schokoladen- und Chipsmassen für vier Kinder über die Grenze transportieren zu können. Und so suchten wir dann alle nach irgendetwas. Ich nach Ruhe, die anderen nach… irgendwas anderem.

DSCN2865

Auf der Suche nach Süßem…

DSCN2882

Auf der Suche nach dem Trick, wie das Gartentor aufgeht…

DSCN2884

Diese Urlauberin sucht eigentlich nur ihre Ruhe, muss sich aber für ein total natürliches ungestelltes Foto neben einen Blecheimer stellen! Zum Beispiel.

Osterwanderung ist Pflicht. Und zwar auch immer diesselbe Tour (Kindern soll man Traditionen vermitteln, oder?). Durchs beschauliche Örtchen geht rauf auf den Jeschken. Sieben Kilometer, fünfhundert Höhenmeter, ein kleines feines Spaziergängchen, auch für kurze Beinchen zu erlaufen. Im übrigen: Solange sie noch motzen, können sie immer noch weiter laufen…

Motzendes, fußlahmes, halbstarkes Pubertätervolk. Distanz: Ca. 150m vom Start entfernt

Motzendes, fußlahmes, halbstarkes Pubertätervolk. Distanz: Ca. 150m vom Start entfernt

Um den Kindern auch mal etwas Abwechslung zu bieten, haben wir nicht nur Schnee in Hülle und Fülle organisiert, sondern auch dafür gesorgt, dass sie mal zuschauen können, wie ein Film gedreht wird (Das ist im übrigen ziemlich langweilig.). Im Örtchen gastierte eine tschechische Filmcrew und die drehten irgendsowas wie „CSI Tschechei“, denn wir sahen einen als Gerichtsmediziner verkleideten Mann ständig rein- und rauslaufen und ein Sarg wurde auch mehrmals rein- und rausgetragen, ehe die Szene im Kasten war. Alles sehr langweilig. Vor allem für mich, weil ich nicht als Statist mitspielen durfte!

DSCN2893

„Mord vorort“ oder „CSI Tschechei“; the making of

Das geliebte Örtchen ist wunderschön und in jedem Jahr mache ich zahllose Fotos. Ich denke, ich besitze mittlerweile von jedem Haus in Christofsgrund mehrere Fotos (falls jemand von Google Interesse hat). Ich kann nicht anders, jetzt kommen welche:

DSCN2879

die ehemalige Dorfschule; jetzt das schönste Rathaus auf der Welt

DSCN2887

Haus. Schön. Am Waldesrand. Und unbewohnt!

DSCN2888

Brücke über die Rokytka mit Blick auf die Kirche (Ja, ich weiß, es ist nicht der Stephansdom, aber ich mag das doch so dolle dort! Ihr müsst jetzt da durch. So viele Bilder sind´s auch nicht mehr.)

DSCN2895

Haus. Noch schöner. Leider bewohnt.

DSCN2881

Österliche Dekoration. Auch sehr schön.

DSCN2902

„Errichtet von Stefan Schwanz“. Steht dort. Wanderer, halte inne und sei dankbar. Dem Herrn. Und dem Herrn Schwanz.

Wenn man aus dem Örtchen rauskommt, ist man von Wald umgeben und von Ruhe. Die Kinder motzen dann auch nicht mehr, die sind mit Keuchen beschäftigt.

DSCN2905

DSCN2897

DSCN2907

Erstbegehung im „Tiefschnee“

DSCN2908

DSCN2920

DSCN2911

DSCN2913

DSCN2919

Das Ziel. In Sichtnähe.

Das Wichtigste nach jeder Wanderung ist das Biertrinken im „Hot Tub“, also diesem Holzfass im Garten der Pension, wo der Wirt jedem ordentlich Feuer unterm Hintern macht. Da die Pension vollausgebucht war, gabs keine Leihbademäntel mehr und die Männer durften die privaten Negligés der Wirtsleute tragen. Ein Augenfest!

Heiße Typen in Brokatseide

Heiße Typen in Brokatseide

Es wurde gekniffelt. Und ja, auf dem Zettel steht vierhunderteinundachtzig. Und dafür brauchte ich weder den Viererpasch, noch die große Straße. Tja, wenns läuft!

IMG_2319

Kniffelgöttin forever: me

Zu Hause angekommen finde ich eine knuffige Karte im Briefkasten, die mich mit den lieben, warmen Worten meiner Freundin willkommen heißt.

schönster Osterfund

schönster Osterfund

Schnell noch irgendwelche gekauften Eier breithängen, wir bekommen Besuch…

IMG_2339

Eier am Ast vor Eier auf Bild. Eier halt.

So, das wars fast. Wochenende vorbei! Und weil Bilder vom Essen bei keinem Wochenendrückblick überhaupt fehlen dürfen, habe ich heute noch schnell das Essen fotografiert…

IMG_2327

IMG_2334

Genau: Tetrapackmilch und Sprühsahne. Und Bier. Wir wissen zu leben!

IMG_2337

IMG_2338

Du hast den Voyeur in dir entdeckt und willst mehr Bilder von den Wochenenden anderer Leute? Dann hier entlang. Viel Spaß!

Wo Milch und Tränen fließen

Manchmal passiert es mir, dass ich irgendwo einen Satz lese und ein tiefer Seufzer des Verstandenwerdens meiner faltigen, malträtierten Brust entweicht. So geschehen beim Johnny von Weddingerberg.

»Was zwischen der Brust und dem Baby passiert, bleibt zwischen der Brust und dem Baby.«

Mir geht das alles auf den Sack. Auf den Driss, den Piss, die Eier, die Nerven. Mir tun die Augen weh. Und die Ohren schon lange (die Brust selber mittlerweile nicht mehr).

Mich nerven die „breast feeding selfies“ irgendwelcher Stars beim Frisör. Die von Schundblättchen aus irgendwelchen Ecken hervorgezerrten Mütter, die ihren vier Kindern kurz vor Pubertätseintritt noch als Schlummertrunk die welke Zitze hinreichen. Die abartig pietätsbedachten Mitbürger, die sich an öffentlich Stillenden echauffieren. Alles daran!

Wir sind Säugetiere. Allerdings ist der menschliche Körper auch dazu ausgelegt, täglich kilometerweit barfuß zu laufen. Mit einem selbst erwürgten Wildschwein über den Schultern. Mag sein, dass in Anbetracht dieser Tatsache und der allgemein grassierenden Degeneriertheit der urbanen Gesellschaft der eine oder andere darauf hingewiesen werden muss, wozu nochmal bestimmte Körperteile gedacht sind. Und es ist traurig, dass das Stillen eine Imagekampagne benötigte. Dass es über Jahrzehnte Mythen und Moden gegeben hat, die es aufzuklären gilt (Ich selbst bin ein verwaister Zwilling. Aus diesem Grund galt die Milch meiner Mutter als „vergiftet“ und sie musste sie abpumpen, um das „Gift“ aus ihrem Körper zu schwemmen. Wirklich wahr, also zumindest 1970. Ich bekam Chemiemilch. Aus Sicherheitsgründen.).

Aber nun isses mal wieder gut. Langsam habe ich das Gefühl, je mehr Bohei gemacht wird, umso unnatürlicher gestalten sich diese per se natürlichen Vorgänge (Ist beim Laufen meiner Einschätzung nach auch nicht anders; es gibt schon wissenschaftsnahe Untersuchungen, wie und womit und mit welcher Technik man denn nun zu laufen hätte! Und in welcher Pantalon aus welcher Chemiefaser. Unsere Vorfahren würden vermutlich vor Lachen vom Baum fallen.).

Das Stillen wird ins Licht der Öffentlichkeit gezerrt. Und damit Augen und Meinung von Menschen preisgegeben, die das überhaupt nichts angeht.

„Und? Stillst du noch?“

Und bei dir? Der Stuhlgang fest und regelmäßig?

Vor ein paar Jahren habe ich als Zuschauer miterlebt, wie eine Freundin sich furchtbar abgequält hat mit der Stillerei. Es klappte nicht, das Kind saugte nicht stark genug. Viele Faktoren kamen zusammen. Stündlich saß sie an der Melkmaschine, von Glücksgefühlen weiter entfernt als von der Besteigung eines Achttausenders. In meiner grenzenlosen Naivität sagte ich einmal mitfühlend zu ihr: „Was quälst du dich denn so! Gib dem Jungen doch die Flasche und lass es gut sein.“. Wahrheitsgemäß knallte sie mir vor die Füße: „Du hast KEINE Ahnung! Weißt du, wie das ist, wenn die alle nach´m PEKiP ihre Titten rausholen und du als einzige mit Wasser, Pulver und Flasche rumhantierst?! Und die blöden Fragen! Waaas?! Du stillst nicht? Weißt du, wie ausgegrenzt man sich da fühlt?“. Nein, wusste ich nicht.

Zu diesem Zeitpunkt waren meine letzten Stillerinnerungen mit einer jahrelangen Staubschicht überzogen und von romantischen Erinnerungen zartrosa eingefärbt. Und ich wusste auch noch nichts von gesellschaftlicher Inakzeptanz in Mütterkreisen gegenüber allen, die nicht modekonform ernähren/tragen/kleiden/wickeln und so weiter. Und ich hatte keine Ahnung, wie viel Selbstbewusstsein nötig sein muss, um nicht wenigstens ALLES zu versuchen, um dem mütterlichen Normkodex zu entsprechen.

Ich weiß es jetzt besser.

„Stillst du noch?“, „Du stillst doch noch, oder?!“. Wie ich das hasste. Weil ich mich sofort unter Druck gesetzt gefühlt habe. Kontrolliert! Bloß alles schön regelkonform machen. Supermuttimäßig. Je öfter und länger stillen, umso besser (Nur nicht zu lange, dann ist es auch wieder nicht richtig. Am besten immer schön auf dem Laufenden bleiben, was gerade die Mode vorgibt.). Und dann noch erwähnen, dass man ja soooo viel Milch hat, dass man drei Kinder davon nähren könnte! Ja, nach so einem Gespräch fühlt sich die anerkennungssüchtige Mutti wohl.

Ich fühlte mich immer mies bei der Fragerei, das da oben war nie mein Text.

Und wie oft ich das selber fragte: „Stillst du noch?“. Ja, ich habe meine ganz eigenen Anteile an diesem Thema! Wieso rutscht selbst mir diese bekloppte Frage raus? Weil ich hören will, dass mein Gegenüber erklärt, dass es eigentlich Scheiße läuft und ihr die Nippel weh tun und die Milch nicht fließen will? Weil ich mich dann ein bisschen weniger unzulänglich fühlen kann? Ist das armselig? Und wie.

Bevor das Kind Nummer zwei zur Tür raus kam, war schon klar: Der wird gestillt. Selbstverständlich! Der erste hat nur drei Monate an mir gezutzelt, bis eine Kinderärztin erklärte, ich würde ihn an meiner Brust verhungern lassen und ich also pflichtschuldig zufütterte bis… bis die Pulle attraktiver war als mein Angebot (Er trinkt heute noch am liebsten aus Plastikflaschen. 1,5Liter.).

Das Baby kam und dockte fachmännisch an, als hätte er die letzten Monate nur darauf gewartet. Und ich schrie mir die Seele aus dem Leib.

Tagelang.

Gefühle, als würde mir jemand eine Ahle durch den Nippel in die Brust bohren.Tränen. Blut. Angst vorm nächsten Mal.

Zwischendurch Besuch, der fröhlich erklärte, man bräuchte gar nicht nach der Zimmernummer fragen, man höre mich ja schon vorn am Eingang. Und Wöchnerinnenstationspersonal, das auf einer überbelegten Station fast durchdrehte und fünfminütig zu mir reinkam um zu bitten, drohen, anzuweisen, dass ich doch gefälligst aus Rücksichtnahme meinen gebuchten Einzelzimmerstatus aufgeben solle! Die Frauen müssten wegen meines Egoismus bald auf dem Gang untergebracht werden! Unterbrochen von den alltäglichen Geräuschen und Aktivitäten eines Klinikalltages. Und: „Frau Nieselpriem, klappt es denn nun endlich mit dem Stillen?“ (Hände in den Hüften).

Ich hab das nicht verstanden. Da sah ich nun aus, als hätte ich beim Pamela-Anderson-Resteverwertungsroulette den Hauptpreis gewonnen und die Mädels benahmen sich wie Diven und schmollten: „Püh. Nö. Wir dachten, wir sind hier für ne Party gebucht!“.

Ich versuchte alles. Kompressen, Stillzimmer in Gesellschaft zufrieden lächelnder Neumuttis. Ich schrie. Vor Schmerzen. Im Liegen. Im Sitzen, auf allen Vieren knieend mit herunterhängendem Euter. Nichts klappte. Das Baby schrie, ich schrie. Ein Bild des Jammers.

Am Ende des zweiten Tages nahm ich Ibuprofen vor jedem Stillen. Am Ende der zweiten Nacht heulte ich wie ein Schloßhund und verlangte die Abstilltabletten. Und nahm sie.

Am Tag vier verließen wir endlich das Krankenhaus, im Gepäck winzige Babyflaschen, mit denen das neue Baby nun gefüttert werden sollte.

DSCN0965

Tag vier

Zu Hause angekommen fiel alles von mir ab. Und mir taten die Brüste weh. Vor Kummer. Ich wollte doch stillen. So unbedingt! Was stimmte nur nicht mit mir? Wieso geht das nicht?! Und wieso habe ich diese Scheißtabletten genommen? Jetzt ist alles vorbei… Ich heulte schon wieder.

Und googelte. „Relaktation nach Einnahme der Abstilltabletten“. Möglich, aber unwahrscheinlich. Vielleicht bekommt man den Milchfluss wieder in Gang, aber Vollstillen hätte ich mir selbst versaut. Dann kamen noch die vollstillenden Nachbarinnen zum Kaffee um das neue Hausmitglied zu begrüßen. Mit vollgestillten Babies auf den Armen. Ich schämte mich. Und grämte mich. Besorgte mir (es war Freitagnachmittag) ein Rezept für eine Milchpumpe und rannte die Apotheken ab nach einer freien Melkmaschine. Alles im hormonellen Delirium. Und weil auch ich nicht einfach sagen konnte: „Rike, was quälst du dich denn so? Gib ihm die Plastemilch und gut is.“.

Hochdosiertes Bockshornklee und Weizenbier, Schwarzkümmelöl. Warme Schals um die Brust und stündliches Melken im Wechsel mit Anlegen (und schmerzvollem Schreien) über Wochen. Also genaugenommen drei. Laut Stillprotokoll, das ich nebenbei auch noch führte, habe ich ab dem 27. September dann doch noch voll gestillt.

Angeblich das Natürlichste der Welt: Säuglingsernährung. Hier im Bild: die Dokumentation

Angeblich das Natürlichste der Welt: Säuglingsernährung. Hier im Bild die Dokumentation

Die Schmerzen ließen dann um den sechsten Monat nach.  Alles ganz natürlich. Nichts dabei. Keine große Sache. Na klar.

Leute, ehrlich, bin ich froh, dass ich jetzt mit dem zu Mc Donalds gehen kann! Das sag ich euch. Und eins ist klar: Ich sage bestimmt noch oft blöde Sachen zu Frischmüttern (wie zum Beispiel zu fragen, wie die Nächte sind), aber nie, nie wieder mische ich mich in den Still-BH einer anderen Mutter ein!

 

Ein Kaffee für Frau Nieselpriem

Hat Dir dieser Beitrag gefallen? Dann lade mich doch gern auf einen virtuellen Kaffee ein als Dankeschön.

€2,00

#Geschichten vom Scheitern

Liebe Alu,

Du hast mit Deiner eigenen Geschichte zu einer Blogparade aufgerufen und geschrieben, dass du dich unter anderem ganz besonders auf meine Geschichte zu diesem Thema freust. Seit Tagen gehe ich mit qualmendem Kopf umher und hinter jeder Ecke springt dieses Thema hervor und schreit „Möp!“ (wie du sagen würdest). Ich tu mich schwer. Ich muss dir das jetzt mal schreiben!

Eigentlich ist es ja einfach. Dreiviertel aller meiner Vorhaben funktionieren nicht nach Plan. Scheitern, könnte man sagen.

Ich wäre gern eine Bree van de Kamp mit tollen Haaren und einem perfekten Haushalt. Wenn du die Geschichten über meinen Haushalt und meine vielen Unfälle gelesen hast, weißt du ja, dass ich von Glück reden kann, abends mal wieder einen Tag überlebt zu haben, ohne die Bude abgefackelt oder mir drei Finger abgesägt zu haben. Verbranntes und versalzenes Essen gehören neben Kuchenexperimenten, bei denen im Nachgang festgestellt wird, dass der Zucker vergessen wurde (oder die Eier) zu meinen Spezialitäten. Man kann also sagen, dass ich täglich an meinem Hausfrauenideal scheitere. Ich mache trotzdem weiter.

Beziehungen. Ich glaube schon immer, dass jede Beziehung auf Verständnis für den anderen basieren sollte. Irgendwie hänge ich da in einer „trial and error“-Schleife. Meiner Umwelt gegenüber bin ich nie „Nein! Auf gar keinen Fall!“, sondern stets „Ja. Vielleicht. Ich versuchs.“. Man könnte zusammenfassend sagen, dass ich regelmäßig beim Versuch scheitere, meine eigenen Interessen durchzusetzen (Ich bin auch nicht sturmtauglich. Sobald der Wind rauher weht, fühle ich mich unwohl und verteile an alle Anwesenden Decken. Und Handwärmer in Herzform.).

Es gab eine Zeit, in der meine Ehe als gescheitert galt. Heute weiß ich mit schmerzendem Herzen, dass das, was wir zwei haben, einfach besonders ist und niemals zu ersetzen. Und trotzdem gibt es Tage, an denen ich mich frage, ob es sein kann, dass manchmal Liebe allein einfach nicht reicht. Klingt das nach Scheitern?

Und die Kinder. Beziehung statt Erziehung. Bedürfnisse akzeptieren. Annehmen. Ich gehe immer mit ausgestreckten Händen auf meine Kinder zu, beide Handflächen nach oben. Mit offenen Augen und weitem Herz. Und doch. Der eine bricht mir das Kreuz und der andere das Herz. Ich sollte den Kleinen nicht mehr tragen, aber da steht der knopfäugig vor mir und reckt die Ärmchen hoch. Und ich bin dem wehrlos ausgeliefert (Ich werde bis zum Ende meiner Tage chronisch Rücken haben.). Der andere will kämpfen, sich reiben, messen, diskutieren. Ich biete so viel Angriffsfläche wie eine junge Birke im Frühlingswind. Und muss mir zur Belohnung anhören, dass er Respekt nur vor dem Papa hat. Ich sei ja immer nur… lieb. Man kann sagen, dass ich täglich daran scheitere, den Kindern meine Grenzen zu aufzuzeigen und diese zu verteidigen.

„Scheitern geht auf Scheiter, eine Pluralform zu Scheit zurück. Im 16. Jahrhundert existierten zunächst die Verben zuscheitern und zerscheitern, deren Bedeutung noch ‚in Stücke brechen‘ lautete. Die verkürzte Form entstand vermutlich in Anlehnung an Wendungen wie zu Scheitern gehen ‚in Trümmer zerbrechen‘.“

(Wiktionary)

Ich hatte so viele Träume. Ich wollte Dolmetscher werden. Später dann auch mal Friseur. Ich habe es immer versucht. Immer gekämpft. Aber auch da kann man konstatieren, ich bin wohl gescheitert (Denn ich bin ja weder Friseur noch Dolmetscher worden. Auch nicht Maler, trotz ansatzweisem Talent.). Das Leben kam mir in die Quere. Immer wieder.

Als ich mit diesem Blog anfing und der Schreiberei, war es ganz schnell so, als stellte mich das Leben vor ein buntes, glitzerndes Schaufenster. Und sagte zu mir: „Siehst du, mal kurz mache ich die Tür auf für dich, darfst mal reinlunschen. Aber nichts anfassen!“. Ich fühle mich mit der Tastatur unter den Fingern so wohl wie nirgends sonst und wirklich oft habe ich im letzten Jahr gehört, dass ich da etwas gefunden hätte, was „besonders“ sei. Besonders. So fühlt es sich auch an. Aber ich habe auch ein Leben drumrum. Und wenn im September meine Erziehungszeit endet und mit ihr diese unglaublich intensive Zeit wie ein endloses Kinderferienlager, mit Zeit zum Nähen und Spaziergängen und Mittagschlaf und Frei-Zeit für meine Gedanken und deren Niederschriften, ja, dann werde ich wohl auch auf diese Traumkiste den Deckel drauftun. Manchmal kommen mir so trotzige Gedanken und ich stampfe innerlich auf und will mich dem Unabwendbaren widersetzen! Es gibt doch Leute, die davon leben. Die nur schreiben. Als Arbeit. Ich will das auch! Der erwachsene, vernüftige Teil, meine Ratio, streichelt mir dann über den Kopf und sagt, dass mein zum Familieneinkommen beizutragender monetärer Teil leider nicht optional ist. Und so wird das Schreiben ein Hobby bleiben. Eines mit knapp bemessener Zeit. Ich hoffe, ich finde die Zeit. Diese Kiste zu deckeln wird mir sehr schwerfallen. Man kann also sagen, dass ich stets daran gescheitert bin, meine Träume in die Realität zu retten. Ihnen ein Fundament zu geben. Mein Drumherum ist mir immer wichtiger gewesen.

Aber ich bin nicht „man“. Mir ist egal, was „man“ übers Scheitern sagt! Und im Drehbuch meines Lebens steht auch nichts von Scheitern. Ich glaube, es gibt nicht mal ein Drehbuch! Das ist ein verdammtes Improtheater, bei dem ich nicht weiß, ob im nächsten Augenblick das Bühnenbild zusammenkracht, der Strom ausfällt oder ein Dinosaurier erscheint! Ich glaube aber, es ist eine Komödie.

Das ist das Leben! Und es ist schön 🙂 Scheitern unmöglich. Es geht immer weiter. Und es kommt immer das, was dran ist (Vielleicht gibts ja doch ein Drehbuch…).

In diesem Sinne: Immer weitermachen! Deine Rike

12 von 12 im März 2015

#12von12 ist eine Bloggeraktion, initiiert von Draußen nur Kännchen.

5:40 Uhr. Der Tag flötet fröhlich: „Guten Morgen Rike!“. Ich zurück: „Schnauze! Fresse halten! Licht aus!“

IMG_2198

Halb neun habe ich meinen alten Kadaver bereits eine Stunde in der Physiotherapie geschunden (Bagira und der Frosch auf dem Spiegel lachen mich aus. Jedes Mal! Ärsche.).

IMG_2203

Ich renne zum Lüften mit der Plagenkarre in der Gegend rum. Finde zwei Euro auf der Straße…

IMG_2210

…und dann steht da vorm Trödelladen ein Rollator zu verschenken! Ich glaube, das nennt man „einen-Lauf-haben“.

IMG_2211

Vor lauter Übermut hätte ich beinahe diesen Stuhl gekauft, auch wenn ich mich dafür noch hundertmal nach einem Zweieurostück hätte bücken müssen. Weil ich mich aber im Moment so schlecht bücken kann, steht er noch dort. Wenn ich allerdings morgen den Stuhl auf den Gratisrollator hieve und dann mit einer Hand den Kinderwagen hinter mir herziehe…

IMG_2213

Ich kaufe aber nicht nur altes Zeug. Nein, auch Unbenutztes. Und ich lasse mich auch in Läden mit Produkten von zweifelhafter Qualität locken. Ich muss jetzt mal was  enthüllen: Meine größte Stärke ist mein Abstraktionsvermögen. Ja, wirklich! Ich kann in dem größten Scheiß noch was Schönes entdecken. Besonders, wenn „stark reduziert“ draufsteht. Das funktioniert im übrigen auch bei „stark reduziert“-en Menschen (Ich sagte ja, es ist eine Stärke.).

IMG_2208

Mittag! Hammer einen Tischspruch? Hammer! „Lieber Netto, danke dir, du verkauftest heute mir dieses Zeug zum Fraße hier. Mahlzeit! Ach, und wir wollen auch an die Menschen denken, die heute keine nahrhafte Matschepampe auf dem Tisch haben. Unsere Gedanken weilen besonders bei der Familienbetriebsfamilie, die einer großen Hungensnot anheimgefallen ist…“.

IMG_2215

Ausruhen ist wichtig. Besonders nach Kartoffelbrei. Es ist schwer, zwischen der ganzen Schlafzimmerdeko noch ein Plätzchen zum Liegen zu finden (Mit angezogenen Beinen gehts gerade so.). Ehrlicherweise muss ich zugeben, dass ich bei der Dekoration Hilfe hatte. Ich danke hiermit meinem Team: dem Bärtigen, dem Stimmbrüchigen und besonders dem Blondino für das unermüdliche Auftürmen von Wäschebergen. Danke!

IMG_2207

Nachmittags stapeln das Jüngste und ich Becher. Immer wieder. Als uns das zu langweilig wird…

IMG_2222

… verwüsten wir das Kinderzimmer von Freunden. Außerdem hat einer von uns den Teppich bei den Freunden vollgekotzt. Wir dürfen trotzdem wiederkommen. Haben sie gesagt…

IMG_2224

Jetzt isses schon dunkel… Zwei Stunden am Tag lese ich in der Gegend rum. Der Bloggergegend. Und dabei komme ich nicht im Mindesten hinterher, alles zu lesen, was ich wöllte! Frau Mutter fragt sich, ob sie „was“ machen lassen soll. Das ist nicht meine Frage. Meine Frage wäre „Wer?“. Also: Wer soll das bezahlen? Botox-Abo, Botox-Flatrate. Ich erwarte eigentlich, dass der Aldi bald mal was anbietet! Und der Bärtige ist sehr für Botox bei mir. In den Stimmbändern… Wehe, es lacht jemand! Im übrigen ist der ja überhaupt nicht komisch. Der Mann. Das muss ich jetzt mal loswerden. Ich habe zum Beispiel eine schöne orange Fellweste aus einer schweineteuren italienischen Boutique. Wenn ich die anhabe, nennt der mich Uta. Orang Uta. Und den Sohn der Familie Göhring nennt der ernsthaft Hermann! So gehts mir. Jetzt wisst ihr bescheid. Und dabei wollte ich doch immer einen Mann mit Humor… (Wenn das einer liest, bitte melden!).

IMG_2217

Da ich zuerst den Bindestrich in Frau Mutter´s URL vergessen habe, fragt mich das Internet, ob ich ein Haus im Wald kaufen will – witzisch. Volle Pulle 😀

Bei wievielen Fotos sind wir jetzt? Hat jemand mitgezählt?

Ich muss jetzt noch mal in die Berge… die Wäscheberge. Es nimmt kein Ende. Warte mal, sag mal… das ist doch! Wie oft denn noch?! Ich glaub, ich spinne! Seht ihr, was ich sehe? Ey, ihr dort an der Playstation! Wer von euch Kerlen war als letzter auf´m Klo?! Antreten!

IMG_2228

So, zum Schluss noch was Hübsches als Betthupferl. Das Goodie quasi. Ich habe mich ja seit Jahren gefragt, wo immer die fetten Wollmäuse herkommen, kaum dass der Staubsauger weggeräumt wurde. Ha! Ich habe die Mutter gefunden. Diese fette gefräßige Spezies hockte in meinem Flusensieb und grinste mich höhnisch an! Na warte, dir wird das Grinsen vergehen. Und alle Wollmäuse heulten ängstlich: „Huhu. Nicht unsere Mutti! Huhuhu. Bitte nicht unsere Mutti töten!“. Doch! Stirb, du Sau! Kurz vorm Ableben hat die alte Schweinerei allerdings behauptet, sie heiße Arnie und ich meine, ein „I´ll be back!“ gehört zu haben…

IMG_2226

Auf eine Tasse Tee mit Frau Jott

Kinder und Erwachsene unterscheiden sich darin, dass Erwachsene in der Lage sind, die Konsequenzen ihres Handelns im Vorfeld einzuschätzen.

„Kommse, Frau Jott, nehmense noch ein Tässchen Nerventee. Das können wir beide jetzt gut gebrauchen. Hach, es sind harte Zeiten! Wir zwei, sie und ich, wissen ja, dass leider nichts so sehr stimmt wie der blöde Satz: „Kleine Kinder, kleine Sorgen. Große Kinder, große Sorgen.“. Und man hört ja nicht auf, Mutter zu sein, nur weil dem Blag irgendwann Haare zwischen den Beinen wachsen. Da sitzen diese Jungmütter selbstgefällig da mit ihren harmlosen Kleinkindern auf dem Schoß und denken, sie hätten für alles eine Lösung! Und immer dieses Geschwafel von wegen gewaltfreier Erziehung! Also, ich für meinen Teil, hab manchmal arge Lust, jemanden übers Knie zu legen. Ihm den Allerwertesten zu versohlen. Sie nicht? Doch, ich schon. Besonders die verhaltensauffälligen Kinder andere Leute. Nichts für ungut, ich verstehe das schon. Da zieht man das Kind groß unter Entbehrungen, schleppt ihn durchs Abitur und ermöglicht ihm das Studium. Dann bricht er´s ab. Neuer Versuch. Er muss sich eben erst finden! Den Nachbarn erzählt man stolz, der Sohn wäre nun angehender Anwalt (Irgendwie muss man sich ja selbst die Sache schönreden. Ich bin da ganz bei ihnen.). Aber, wieder nichts. Naja, er wird schon seinen Weg machen. Das dauert eben bei manchen. Und dann hacken die anderen alle auf dem rum!

die Instagram-Veröffentlichung eines erwachsenen Mannes und Journalisten - ich habe da meine Zweifel (c) wzonline.de

die Instagram-Veröffentlichung eines erwachsenen Mannes und Journalisten – ich habe da allerdings meine Zweifel (bei beidem)
(c) wzonline.de

Ja, das stimmt, er hat sich entschuldigt, öffentlich. Sie haben recht. Es tut ihm leid, sagt er. Und das jedesmal sogar! Der guter Jung-e. Weiß, was sich gehört. Ich finde, wenn man sich entschuldigt, isses dann auch mal wieder gut. Also bei meinem Anderthalbjährigen sehe ich das zumindest so. Bei dem Fünfzehnjährigen erwarte ich allerdings bereits, dass seine Lernkurve größer als die eines Einzellers ist. Nun gut, ich bin da vielleicht etwas strenger als andere. Hach, plagen sie sich nicht mit Selbstzweifeln! Immer dieses „Was habe ich bloß falschgemacht?“. Wissense, der Michi Mittermeier hat ja mal gesagt, es gibt diese Arschlochkinder. Ja, ich weiß, da war er selbst noch nicht Vater. Aber möglicherweise ist da was dran. Einmal Arschloch, immer Arschloch. Das finden sie nicht tröstlich? Hm. Aber ich hab da auch keine andere Erklärung! Man sollte doch meinen, dass irgendwann die emotionale Entwicklung der physischen nachfolgt. Dass es spätestens nach Beendigung der Grundschule nicht mehr lustig ist, den Mädels den Schlüpper runterzuziehen oder was anderes Dämliches. Es lacht ja auch keiner! Nein, wirklich, es lacht keiner mehr. Hoffen sie eigentlich auf Enkel? Das wird sicher noch dauern, befürchte ich. Also ehrlich, ich kann mir nicht vorstellen, das sich momentan eine anständige junge Frau zu Paarungszwecken findet für ihren Jung-en. Er wird wohl eher regelmäßig den Rat bekommen, seine Beinbeuge zu penetrieren. Was kann man da machen? Nun, was würde Jesper Juul raten? Vielleicht würde er sagen, man sollte die Kinder immer auf dem Entwicklungsstand abholen, auf dem sie sich befinden. Zumindest, wenn es um Erziehungsmaßnahmen geht. Also wenn das meiner wäre, dürfte er eine Woche nicht in der Superman-Bettwäsche schlafen. Und Handyverbot. Zu alt? Ich bitte sie! Immerhin benimmt er sich ja auch wie ein ungezogener Grundschüler! Naja, nichts für ungut. Nehmense doch noch nach, hier bitte. Ach, und wo wir gerade so schön zusammensitzen… wo sagten sie, ist er im Moment? Am Strand? Wissen sie, vielleicht red ich mal mit dem. Reiche ihm die Hand. Oder geb ihm einen Tritt in den Arsch. Soll ja manchmal Wunder wirken.“

Ein Klempner auf Abwegen

Ein Klempner auf Abwegen

Was passiert, wenn man ein paar Schauspieler und einen Dresdner Klempnermeister zusammen auf eine Bühne stellt? Das hab ich mir mal angeguckt.

„Familie Bernd Seifert“, eine Dresdner Komödie

Ich konnte den verklemmten Ischias überreden, mit mir zur Premiere zu gehen. Wir also hin. Ich mag ja das Boulevardtheater. Und da ich bewiesenermaßen nun schon mindestens zweimal da war, kann ich mit Expertenmeinung behaupten: Es ist ganz reizend dort! Und die Sanitäranlagen sind von meisterlicher Hand installiert. Vielleicht war’s der Seifert persönlich. Vielleicht war’s auch der Marko… Wer also schon immer mal auf einer Schüssel pullern wollte, die ein Schauspieler eingebaut hat, bitte sehr. Das könnt ihr hier (Das mit dem Marko versteht ihr, wenn ihr euch das Stück anguckt).IMG_2187

Migrationshintergrund ist von Vorteil. Also für das Stück! Wer nicht aus dem Osten kommt, versteht möglicherweise nur „Wiener Loch“. Oder Bahnhof. Nehmt für diese Fälle eine Dresdner Begleitung mit. Und: Fragt ruhig mich!

Ich saß zu meiner großen Freude neben einem furchtbar sympathischen und talentierten Schauspieler, der extra zur Premiere des Stückes aus Berlin angereist war (Nein, es war nicht Jürgen Vogel.). Zwar musste ich ihm soufflieren, wer Wolle Förster sei und was genau das „Klax“, dafür hat er mir aber Babyfotos seines Sohnes gezeigt. Ganz allerliebst ❤

Und worum geht’s in dem Stück? Um die ganz ganz großen Themen! Familienfeiern, Rouladen, das „Wiener Loch“, WBS70-Charme und Kürschi (Kirschlikör). Und noch viel mehr! Philosophisches zum Beispiel:

Verliebtsein ist wie Einpullern.
Alle können es sehn,
aber nur du spürst die Wärme!

(Marion Seifert, die Ehefrau)

Außerdem wird bewiesen, dass Besitz sexy macht. Zumindest, wenn es sich bei dem Besitz um ein halbes Haus auf dem Weißen Hirsch handelt. Das fand ich persönlich ja überraschend!

Zum zweiten war das Stück wirklich komisch. Also nicht überraschend! Es war saukomisch. Ich bin ja bekanntermaßen vom Niveau her von der Mitte abwärts variabel einstellbar und könnte euch also viel erzählen. Aber das war wirklich lustig auf eine breitenkompatible Art. Da könnt ihr mit der ganzen Familie rein. Oma, Opa und besonders mit Teeniekindern. „Gugge dir an, was aus dir wird, wennde so weidor machst! Dann wirste Stift beim Seifert!“.

Dieser Seifert, das Handgelenktaschenmodel! Und dieser Heiko! Aber Leute, ganz ehrlich. Warum ihr wirklich, wirklich hinmüsst, auch wenn ihr gar nichts mit Dresden oder Gas-Wasser-Installationen am Hut habt und euch eigentlich auf der anderen Seite der Weltkugel befindet, das ist „de Scholz´n“. Ich halte mir jetzt beim Schreiben mit einer Hand den Mund zu, damit ich nicht zuviel verrate. Aber diese Omi, nein, dieses Wesen… Warte… ich fange noch mal an. Also, Omis mag ja jeder. Aber ich will sogar wie diese Omi werden! Ich werde mir nie wieder den Song „Happy“ anhören können, ohne diese Gestalt vor mir zu sehen. Lang wie der Dresdner Fersehturm und genauso gebeutelt (aber windschnittig). Mimimi… ich beiß mir auf die Zunge… bitte guckt´se euch an! Aber um Gottes Willen, lasst euch keine Nuss andrehen von der. Ihr werdet es verstehen. Hinterher.

So, was also versuche ich hier mit vielen Worten zu sagen? Hingehen!

Und die Premierenfeier war grandios. Die Haute Volée Dresdens im Blitzlichtgewitter. Und alle waren sie da. Sogar ein Oscar-Preisträger. Wirklich, ohne Scheiß. Ich verhohnepiepel euch nicht. Ich kenne eben solche Leute! Hinterher standen wir kurz beisammen und er resümmierte: „Also, la Bohéme war das nicht.“ (Nee, mei Guhdor, das hieß ja ooch ganz anders!), „Eher was fürs Volk. Aber für die muss man ja auch was spielen!“ (Nu genau! Und wir sind ja das Volk! Ach nee, als Dresdner sagt man das lieber nicht öffentlich…).

Leider war ich ja in Begleitung des Ischias und der ist nicht so die Rampensau. Der steht lieber alleine auf der Raucherinsel. Deshalb musste ich beizeiten gehen, hab aber noch ein Foto gemacht für euch. Hier sind sie, die Stars. Hinter diesem Fenster. Bitte, hab ich doch gern gemacht.

Premierenfeier von außen. Voller Stars.

Premierenfeier von außen. Voller Stars.

Ich bin am Samstag zu einer Familienfeier eingeladen. Die wünschen sich immer irgendwas von Paul Toms, oder wie der Typ heißt. Gibts nicht mehr! Ab jetzt gibts jedes Jahr „Bernd Seifert“. Das Schöne ist, dass in der Tat jährlich ein neues Stück mit dieser Familie geplant ist. Ich finde das überaus begrüßenswert, somit habe ich endlich neben meinem jährlichen Zahnreinigungstermin ein weiteres Highlight, auf dass es sich zu freuen gilt.

Die Freuden des Alters oder: Fummeln als Kassenleistung

Die Freuden des Alters oder: Fummeln als Kassenleistung

Hinweis: Nachfolgender Text ist unter Einfluss starker Schmerzmittel entstanden und sowohl in Inhalt und Ausdruck grenzwertig. Wer also zufällig auf der Suche nach einem hochgeistigen Wort zum Sonntag versehentlich hier gelandet ist, wird dringend zur Umkehr aufgefordert! Bitte lesen sie die Apothekenrundschau. Oder schauen sie sich wenigstens die schönen Bilder an. Danke.

Essen sei der Sex des Alters, behauptet meine Mutter gern und hat damit natürlich unrecht.

Es sind die vermehrten Arztbesuche!

Und ich behaupte, an der Zielgruppe für Arztserien belegen zu können, dass das auch so stimmt. Meine Mutter konnte man früher nie mittwochs nach acht anrufen, da ging sie nicht ans Telefon. Sie schaute „Ämmergännsi Rom“.

Bis vor kurzem war mir derartiges Telekonsumverhalten vollkommen schleierhaft, aber da war ich ja auch noch jung und gesund.

Jetzt sehe ich manchmal in meinen Träumen Patrick Dempsey mit wehendem Kittel auf mich zueilen, das Wort an den über mich gebeugten Dr. Cox gerichtet: „Und, was haben wir hier?“. „Fünfundvierzigjährige mit fortgeschrittener Faltenbildung, depigmentiertem Haar und erschlafftem Bindegewebe!“. „Hoffnungslos. Herr Kollege, lassen sie uns wenigstens die postpartale Beckenblockade behandeln und dann kommt sie in ein Seniorenpflegeheim.“.

Seit einer Woche bin ich mal wieder offiziell im Medizinwesen tätig. Als Patient. Seit ich täglich „fifty shades of grey“ sehe (auf meinem Kopf), beschäftige ich einen Chiropraktiker, Orthopäden, Ostheopathen und eine ganze Physiotherapiepraxis. Regemäßig. In Vollzeit.

Bei soviel Körperkontakt mit unterschiedlichen Leuten in Medizinerkleidung ersetzt der tägliche Konsum von Artzserien den Gang zur Erwachsenenabteilung der Videothek. Zumal man sich als Rückenpatient wirklich dreimal überlegt, ob man beim herkömmlichen Rumgefummle einen weiteren Bandscheibenvorfall riskieren will!

Dann doch lieber gleich die „fifty shades of grey“- Nummer.

Ganz recht. Als erfahrene Patientin im orthopädischen Sektor habe ich nur ein müdes Gähnen übrig für die stümperhaften Ausführungen der Trilogie (Ehrlicherweise muss ich gestehen, dass ich nur 1,5 Bücher gelesen habe, mir bluteten bereits danach die Augen aufgrund des Schreibstils der Autorin.).

Ich erlebe tagtäglich weitaus Skurilleres!

Und hoffe nach wie  vor wider besseren Wissens, dass irgendwann ein athletischer Mittdreißiger mit vollem Haar und Augen wie Milka-Zartbitterschokolade den handelsüblichen Knochenbrecher in der Orthopädie ersetzt hat über Nacht (In meinen Tagträumen gern auch in der aktuellen Besetzung meines Zahnarztes; diesen ersetze ich dann durch einen Menschen, der die Vollnarkose schon im Wartezimmer standardmäßig legt.).

Aber stattdessen jemand namens Siggi, sechzig Jahre alt, Barfußläufer und mit einem prägnanten Körpergeruch nach drei Tage altem Eintopf.

Siggi schwafelt nicht lang und umarmt mich ungefragt mit seinen Knochenbrecherarmen, bis wir zwei in einem tantrischen Knoten verschmelzen. Und ich meine Wirbel knacken höre. Das „Öh, normalerweise gibts vorher einen Kuß und ein Sektchen!“ bleibt mir wie immer im Halse stecken. Stattdessen quetscht er als nächstes meinen Brustkorb zusammen, so dass mit dem letzten Atemrest Laute wie „Pffffffiiieeeeh!“ meiner erschlaffenden Lunge entweichen. Er presst meine angestellten Beine auseinander und wirft sich ungefragt mit seinem ganzen Körpergewicht dazwischen (R.L.James, da kannste noch was lernen! Vom Chiro-Siggi.), bis sich meine Beckenknochen ergeben und einfach abfallen.

Damit bin ich aber noch nicht fertig. Oh nein!

Als Anschlussbehandlung wird man weiterüberwiesen: Physiotherapie. Wieder kein Patrick Dempsey (Und auch mein Zahnarzt hat noch immer nicht umgeschult.). Ein Jüngling mit dem Sexappeal einer Clearasiltube hängt meinen alten, desolaten Körper in ein  Konstrukt, das die Freunde von R.L.James als Liebesschaukel kennen. Bei den Physios heisst das Ding „Perlsche Schaukel“ und soll Blockaden lösen.

Tuts nicht. Es schafft neue.

Da hänge ich also mit Oberkörper und Kniegelenken in Seilen von der Decke. Warum ich die Hose ausziehen soll, verstehe ich nicht. Glaube aber sofort, dass hier die Meinung vorherrscht, Bloßstellung diene der Gesundung! Ich hänge also mit leicht gespreizten Beinen (ich vermute, aus orthopädischen Gründen) und soll entspannen. Währenddessen sitzt der Physioknecht irgendwo hinter meinen Beinen und versucht sich in Smalltalk. Mit Blick auf meinen Schlüppi. Und selbst wenn ich mir einrede, dass der sowas andaudernd sieht, ist an Entspannung nicht zu denken.

Es gibt auch Bondage im orthopädischen Bereich. Alles auf Krankenkassenkarte, versteht sich! Da wird man in Schlingen gewickelt und dann gehoben, gezogen. Irgendsowas. Ist gut für den Rücken. Aber schlecht für die Libido.

Wie eigentlich alles an dieser Art der Ersatzfummelei.

Wenigstens durfte ich bislang die Proktologie aussparen. Himmel, Arsch und Zwirn! Ich frage mich, welche Synapsenverhedderung im Kopf eines jungen, aufstrebenden Medizinstudenten vorliegen  muss, damit sich der Berufswunsch „Proktologe“ ausbildet. Und die armen Eltern erst! “ Kind, da haben der Vati und ich uns also zehn Jahre dein Medizinstudium vom Munde abgespart und dann wirst du sowas?! Arsch-Arzt? Was soll ich meinem Bridge-Kränzchen erzählen? ´Um die Weihnachtszeit hat mein Junge immer am meisten zu tun. Es passieren ja so schrecklich viele rektale Unfälle mit Weihnachtsbäumen?!`“.

Es könnte also immer noch schlimmer kommen.

In diesem Sinne: Geriatrische Grüße vom Heizkissen!

IMG_2178

Happy Birthday!

Happy Birthday!

Das Nieselpriemchen ist jetzt ein Jahr alt. Heute kommen die Leser und Freunde zu Wort. Herzlichen Dank euch allen! Es ist mir eine Freude, für euch zu schreiben! Und ich werde weitermachen, bis es keine Sau mehr lesen will. Im Ernst. Ich bin ja schliesslich nicht zum Spaß hier!

Liebe Rike,
ich gratuliere Dir ganz herzlich zum Blog-Jubiläum! Es ist eine Freude, bei Dir zu lesen, ich liebe Deine leichte Art zu schreiben, mach weiter so. Überhaupt finde ich Dich einen herzensguten Menschen, der das Herz am rechten Fleck hat. Ich mag Deine Art zu denken und schätze Dich sehr <3!
Alles Liebe, Séverine alias Mama on the Rocks

 

Sehr geehrte Mama von Nieselpriem,

herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag Ihres kleinen Blöggchens. Anbei übersenden wir Ihnen die Zusammenfassung der U6 Untersuchung bei Ihrem Blogkinderarzt. Insgesamt können für einjährige Blogs folgende entwicklungsdiagnostische Meilensteine genannt werden, bei welchen Sie in Summe wirklich ganz hervorragend abgeschnitten haben:

Um Entwicklungsfortschritte beurteilen zu können, beobachteten wir Ihr Kleines zunächst beim Spielen. Mit seinen Lieblingsspielsachen, einem Laptop und einer Tasse Kaffee, kann es schon ganz hervorragend umgehen und beherrscht die Spielwiese des www deutlich besser, als etwa die Mutter der Unterzeichnerin. Und das mit eins! Sensationell. Es beherrscht nicht nur den Pinzettengriff (Greifen mit Daumen und Zeigefinger) sondern untersucht auch Gegenstände und Lebensereignisse, indem es sie schüttelt, abtastet, hinterfragt, auf den Arm nimmt, ins rechte Licht rückt und klarstellt. Eine wirklich bemerkenswerte Leistung! Auch die Sprachentwicklung wurde schon während der U6 Untersuchung geprüft und wir schlagen vor, Ihr Blöggchen zumindest etwas früher einzuschulen. Nicht nur nutzt es Silbenverdoppelungen wie Dada, sondern auch Bubu und Ada. Wir konnten, nach eingehender Betrachtung, ein wahres Feuerwerk an Lauten vernehmen, die uns auf das Köstlichste unterhalten haben. Selten sind einjährige Blogs zu solchen Transferleistungen in der Lage, herzlichen Glückwunsch. Viel Aufmerksamkeit richteten wir auch auf die neuen Fähigkeiten Ihres Kleinsten, etwa auf das Krabbeln, freie Sitzen in Erzählen und Hochziehen an Gegenständen oder Geschichten, um zu stehen oder erste Gehversuche oder wunderbare Anekdoten daraus zu machen. Auch hier kann es nur Lob geben, das macht es auch schon ganz ganz fein. Es gibt 12-Jährige, die zu weniger in der Lage sind und gänzlich unordentlich daherkommen. Liebe Nieselpriem-Mama. Ich hoffe das kleine Blöggchen entwickelt sich weiterhin so prächtig und bin gespannt, auf was wir uns bis zur U7 gefasst machen können. Holen Sie schon mal das Laufrad aus dem Keller und setzen Sie ihm einen Helm auf. So ein aufgeschlossenes, freundliches, schlaues Blöggchen, es lebe hoch!

Herzlichst Ihre Juramama

 

Liebe Rike!

Zum Blog-Geburtstag herzliche Glückwunsche. Dafür, dass Du unter die Blogger gegangen bist, obwohl Du anfangs gezweifelt hast, dass Du NIESELPRIEM mit soviel Liebe betreibst und so tolle und ehrliche Texte verfasst. Du hast in diesem Jahr schon sehr viel geschafft und bist sehr gut in der Blogger-Community vernetzt und angekommen. Ich freue mich für Dich und wünsche Dir weiterhin viele tolle Erlebnisse mit dem Blog.

Ganz liebe Grüße nach Dresden, Nina alias Frau Mutter

 

Liebes Nieselpriem,

als ich das erste Mal von dir las, war ich überrascht, erstaunt und musste sehr oft dolle schmunzeln, ob der witzigen Geschichten, die sich von nun an in mein Leben einschlichen, und die sind ganz und gar nicht langweilig. „Soll ich´s wirklich machen oder lass ich´s lieber sein…“ Das war der erste Blogbeitrag. Der sprach mir aus dem Herzen – genau das sind die Gedanken, die man sich macht, wenn man ein neues Unterfangen starten will und sich leider viel zu oft dagegen entscheidet, weil es ja alles irgendwie immer schon alles gibt. Zu unser aller Glück und Freude war das hier nicht so und jetzt kannst du weiter wachsen, gedeihen und ganz viele Menschen zum Schmunzeln und zum Nachdenken anregen. Also lass dich im neuen Lebensjahr nicht unterkriegen und wachse über dich hinaus, auch wenn der Wind manchmal eine ziemlich steife Brise hervorbringt. Also liebes Nieselpriem, lass uns die Gläser mit Gin&Tonic füllen und gehörig auf deinen Geburtstag anstoßen, denn du bist schon jetzt einer von den ganz Großen für mich! Gerne auch persönlich!

Herzliche Geburtstagsgrüße von Bea vom Reiselustmacher-Blog Cool places to stay

 

2015-02-17 11.02.48

Schneeglöckchen mit Marmeladenbrot von Perry

Liebe Henrike,
ich war fix im Garten und habe dir Blumen geholt, dann habe ich dir einen Kaffee gekocht und ein Marmeladentoast geschmiert…
…und jetzt, lass dich umarmen und nimm die ♡-lichsten Glückwünsche entgegen. Hab Dank für so viele schöne Texte, für das Schmunzeln und das laute Lachen und auch für das, was nachdenklich stimmt. Ich schicke dir gaaanz dolle Geburtstagsgrüße irgendwo nach Pieschen ♡☆♡☆♡ Perry Schroeder

 

Liebes Nieselpriemchen,

zu Deinem ersten Blog-Jubiläum möchten wir, Mr. und Mrs. Essential vom zufällig gleichnamigen Blog vor allem eines sagen: Danke! Danke für Deine lustigen, sensiblen, ehrlichen, sympathischen und auch tiefsinnigen Beiträge. Danke für den Einblick in Dein Leben und Deine Gedanken. Natürlich sagen wir nicht nur Danke, sondern gratulieren zusammen mit Nummer 1,2,3 und 4 sowie K1 und K2 von ganzen Herzen und freuen uns gleich auf das nächste Jahr mit Dir in der Blogospäre.

Alles Liebe von Deinen Lesern von Essential Unfairness

 

Liebste Rike,
Schon ein Jahr Nieselpriem. Schon ein Jahr Party on. Schon ein Jahr Goldstaub im Bloggerkosmos. Ich lese sehr gern deinen Blog und ich muss oft dabei kichern und nachdenken über deine Zeilen. Mach weiter so. Ich freue mich auf weitere tolle Jahre mit Nieselpriem.

Deine ALU  von Große Köpfe

 

Liebe Rike,
der erste Geburtstag ist immer was Besonderes. Nicht nur für die Kinder, auch für die Eltern. Man lässt das vergangene Jahr Revue passieren, klopft dem Kind und sich auf die Schulter was man alles geschafft und vor einem Jahr noch nicht für möglich gehalten hat.
Nun ist dein Blog kein Kind. Aber auch er verhält sich ein bisschen so. Er möchte gehegt und gepflegt werden, mit Neuigkeiten gefüttert und ja, auch gelobt werden.
Ich kannte Nieselpriem schon länger als ich dich kenne. Und hatte immer das Gefühl, dass da jemand mit viel Herz und Hirn schreibt. Dann lernten wir uns zufällig kennen und ich sah all das bestätigt. Du bist toll, dein Blog ist großartig und ich freue mich schon aufs Zehnjährige. Und auf die Hochzeit zwischen Nieselpriems jüngstem „Mitarbeiter“ und dem Runzelfüßchen. Das können Geschichten werden!

Alles Gute und lass es krachen Liebste, Andrea von Runzelfüßchen

 

Liebe Rike,

ein Jahr ist er nun alt, dein ‚Nieselpriem‘-Blog. Das heißt, ein Jahr lang hast du uns mit deinen Blog-Posts erfreut: mal lustig über Furz- und Rülpskassen, über den Pieschener Konzept-Supermarkt oder über das Kochen von Sanddorngelee, mal furios mit einer Konzertkritik zur Tim Herzberger Show und mal nachdenklich mit Artikeln zu deinem ältesten Sohn oder über das Wunder, viel später noch ein zweites Kind zu bekommen. Dein großes Herz zeigst du immer wieder mit deiner Reihe „Meine Blumen für …“, in der du in elaborierten Elogen (welch hübsche Alliteration!) Bloggerinnen und Blogger würdigst. Es erfüllt mich mit großer Freude, selbst auch einmal einen der Nieselpriemschen Blumensträuße erhalten zu haben – verbunden mit einer geradezu beschämend löblichen Lobpreisung des Familienbetriebes. Noch viel mehr freut es mich jedoch, dass ich durch deine Blumen-Laudatio den Blog der großartigen Andrea Harmonika entdecken durfte. Aber du hältst dich nicht nur auf deinem Blog auf. Nein, du belebst die Blogosphäre, indem du eifrig und regelmäßig andere Blogs besuchst, wo du genauso fleißig und herzlich kommentierst wie auf Facebook. Dafür von ganzem Herzen ein großes Dankeschön! Zum ersten Geburtstag deines Blogs habe ich es dann auch geschafft, endlich nachzuschlagen, was ‚Nieselpriem‘ eigentlich bedeutet. Die Wort-Bild-Schere könnte nicht größer sein, handelt es sich doch um einen „langweiligen, mürrischen Menschen“. Obwohl wir uns gar nicht persönlich kennen, wage ich mit dem Brustton der Überzeugung zu sagen: Das bist du sicherlich nicht! Denn durch deinen Blog habe ich dich, liebe Rike, als charmant, selbstironisch, leidenschaftlich und warmherzig kennengelernt. Daher kannst Du dir gar nicht vorstellen, wie sehr es mich grämt, dass mich die Arbeit davon abhielt, dich bei deinem Berlin-Trip vor ein paar Wochen zu treffen. Wir holen das nach. Versprochen! Bis dahin wünsche ich dir und deinem ‚Nieselpriem‘-Blog alles Gute und freue mich auf zukünftig zu erwartende Blog-Beiträge von Erika Mannscher Qualität aus deiner Feder.

Mit den besten und herzlichsten Blogger-Grüßen von Christian vom Familienbetrieb

 

IMG_1511

Metamorphose abgeschlossen

Ich renne schon mein ganzes Leben. Langsam gehen, gar schlendern, kann ich einfach nicht. Ich hektike mich so schon Jahrzehnte ab. „Mensch, renne doch ni so!“, hörte ich jedesmal, wenn der Beste mit mir mal Sonntags irgendwo lustwandeln wollte. Ich hetzte durch liebliche Auen, sprintete durch Museen, raste durch Wälder. Immer Tempo! Nichts deutete darauf hin, dass dieser Zustand irgendwie zu ändern wäre.

Selbst mit Kugelbauch und dreißig Kilo Übergewicht hetzte ich.

Ich spurtete später einsam mit der Plagenkarre in dunklen Frühmorgenstunden durchs beschauliche Viertel, damit das Lerchenkind die Eulen meiner Familie nicht weckt. Immer, als hätte ich dringend einem Termin nachzujagen. Tempo, Tempo!

Ich hatte auch keinerlei Interesse an diversen Muttifeatures. Ausfahrten zu zweit zum Zwecke des Erfahrungsaustausches oder dergleichen, wie öde! Als ich dem Wochenbett entstiegen bin und mir zum ersten Mal die Laufschuhe an die geschwollenen Füße stülpte um am Elbestrand zu metern, kamen mir zwei Muttis entgegen, versonnen lächelnd in ein angeregtes Gespräch vertieft: „Meine Winifred hat gestern blabla.“, „Und stell dir vor, meine Soraya-Sophie hat blubblubblub.“. Wie unendlich öde! Ich könnte mir vorstellen, dass ein abfälliger Gesichtsausdruck mein keuchendes Äußeres entstellte, als ich sie überholte. Nichts und niemand hätte darauf gewettet, dass ich eine von ihnen werden würde. Oder Schlimmeres.

Und wenn ich mich erinnere, wie ahnungslos ich noch vor einigen Monaten auf das sabbernde und anbetungswürdige Produkt meiner Lenden herabsah und schier verzweifeln wollte ob unserer offensichtlichen Kommunikationsprobleme.

Es hat gedauert. Ewig quasi. Aber nun bin ich vollständig metamorphiert. Da haben wir den Salat.

Meine wichtigsten Wochentermine sind die Krabbelgruppentreffen. Und eine gängige Frage zum Aufwärmen ist immer gern: „Und, was kochst du heute Mittag?“. Aus meinem Mund! Ich kann problemlos alle Wawawa´s und Füffüffüff´s übersetzen und erkenne an diffizilen Sprachnuancen – ach was, minimalen Einfärbungen- ob es sich bei „Wawa“ nun gerade um ein Flugzeug, einen Vogel oder etwa einen Hund handelt.

Leider muss ich gestehen, dass aufgrund eingeschränkter Speicherkapazität für die neue Fremdsprache eine altbekannte gelöscht werden musste: Ich kann überhaupt kein denglisches Projektlersprech mehr. Nichts. Is weg! Alles! Außerdem kann ich jetzt nur noch langsam. Wirklich wahr. Und ich bin mittagschlafabhängig. So richtig.

Zu allem Übel bin ich auch noch von der Schwangerschaftsdemenz übergangslos via Stilldemenz in die Altersdemenz geschlittert. Heute erst schaute ich interessiert in unseren Wochenkalender und da stand mit der bärtigen Schrift im Montag: „20:00 Uhr, Weihn.-Markt mit Silke“. Es hat wirklich einige Minuten gedauert, ehe eine Fehlermeldung bei mir ankam und weitere Minuten, bis ich realisierte, dass ich mir den Dezember 2014 ansah. Warum, das weiß ich allerdings immer noch nicht.

Und das alles quasi fünf-vor-Berufsrückkehr! Was soll nur aus mir werden?

Rentner. Das ist die einzige Stellenbeschreibung, die zu meinen neugewonnenen Fähigkeiten passt. Einen passenden beigebraunen Stoffbeutel zum Rumschlenkern habe ich ja schon.

10922830_10204472068100775_8219655858786225565_n

 

“Ein Grundrecht auf Wissen”

Ich habe heute einen Artikel von Ulrike Baureithel beim Freitag gelesen, der in einer Passage einen Wissensträger zitierte mit dem Ausspruch, Paare hätten ein Grundrecht auf Wissen. Und zwar im Zusammenhang mit immer spezifischeren Tests in der Pränataldiagnostik. Es ging in diesem in seiner Vollumfänglichkeit wirklich lesenswerten Artikel nur absatzweise um die Pränataldiagnostik, aber mich beschäftigt gerade dieser Aspekt besonders.

Vorweg: Ich möchte den Fortschritt der Wissenschaft nicht schmähen oder gar verpönen, und doch frage ich mich: Sollte nicht bei aller Forschung und bei allem Bestreben nach Klarheit, Begreifen und Wissen die Frage im Fokus stehen: Wem nützt es? Und welche Tests auf welche erblich bedingten Krankheiten brauchen wir denn wirklich? Wenn es bald vorgeburtlich nachweisbar wäre, dass eine erhöhte Eintrittswahrscheinlichkeit für Mukoviszidose besteht oder Leukämie, sollte das transparent gemacht werden? Und dann? Dem Kind das Leben verwehren um ihm eine möglicherweise eintretende Krankheit zu ersparen?

Und ich frage mich zusätzlich: Was kann denn wirklich zweifelsfrei bewiesen werden? Bei diesen Testverfahren werden Parameter ausgelesen und mit allen dem heutigen Stand der Wissenschaft zur Verfügung stehenden Erkenntnissen abgeglichen. Und daraus dann ein Befund ausgelesen.

Sollte im Rahmen einer vorgeburtlichen Untersuchung ein positiver Befund auf eine tiefgreifende Erkrankung nachgewiesen werden, haben die werdenden Eltern schlussendlich die Entscheidung zu treffen, wie sie mit dieser Nachricht umgehen. Wer einmal in diesen Schuhen steckte, wird das nie wieder vergessen. Die Ohnmacht, die Hilflosigkeit und auch das Alleingelassenwerden. Denn:

„Die heute übliche humangenetische Beratung klammert Aspekte wie die Ausprägung einer Behinderung oder die Lebenswirklichkeit von Menschen mit Behinderung ohnehin aus, das ist noch immer nicht Teil der medizinischen Ausbildung.“

Ich würde mir wünschen, dass daran gearbeitet wird. Dass das Wissen um genetische Veränderungen und deren Nachweis nur die eine Seite einer Medaille ist. Solange die Medinzin als einzige Option, die das „Wissen“ mit sich bringt, den Schwangerschaftsabbruch anzubieten hat, bezweifle ich, dass dieser Forschungsschwerpunkt einen humanitären Nutzen hat.

„Denn im Falle eines Befundes kann sich an den Test keine Therapie anschließen, die Schwangerschaft wird meist mit einem Abbruch beendet.“

Die Situation, vor der die Eltern dann stehen, ist in ihrer Schrecklichkeit kaum zu überbieten. Reden wir ja in den allermeisten Fällen von einer fortgeschrittenen Schwangerschaft mit Kindsbewegungen, einer Wiege daheim im Wohnzimmer, Hoffnungen und Plänen. Die Option, die die Ärzte anbieten, wird „medizinisch indizierter Spätabort“ genannt. Etwas anderes kann die Medizin nicht leisten. Nachweisen, dass das Kind möglicherweise eine schwerwiegende Behinderung hat und anbieten, die Schwangerschaft zu unterbrechen. Zu beenden. Entscheiden müssen das die Eltern. Und sie sind es auch, die mit dieser Entscheidung leben müssen. Für den Rest ihres Lebens.

Möglicherweise. Das ist das Schlüsselwort. Denn kein Mediziner wird sich dazu hinreißen lassen, eine „garantierte“ Diagnose zu stellen. Es sind nur Tests. Und die haben eine Fehlerquote.

Ich kenne ein Paar, das nach einem unauffälligen Screening ein Mädchen mit einer Trisomie 21 bekam.

Und ich kenne eine Frau, bei der im sechsten Schwangerschaftsmonat eine frisch durchlaufene Rötelninfektion festgestellt wurde. Der jungen Frau wurde dringend zu einem Abbruch geraten. Das Kind sei im günstigsten Fall blind oder taubstumm, im ungünstigsten Fall blind, taubstumm und geistig behindert. Sie konnte sich nicht durchringen und forderte weitere Tests. Es wurde durch die Bauchdecke der Mutter vom Kind Blut abgenommen und auch beim Fötus der erhöhte Rötelntiter festgestellt. Dieser invasive Eingriff setzte schlussendlich Wehen in Gang. Mariechen, so nannte die junge Frau ihr Kind, kam in der achtundzwanzigsten Woche tot zur Welt. Die Autopsie ergab „Keine Anzeichen auf Röteln-Embryopathie oder Röteln-Fetopathie“. Keine.

Als ich mit dreiundvierzig schwanger wurde, war mir persönlich klar, ich kann so eine Entscheidung niemals treffen. Ich will nicht nur nicht, ich kann es nicht. Keine Tests! Beim Ultraschall war das Stupsnäschen und ein verkürzter Oberschenkel Thema. Manchmal ist ein Stupsnäschen aber einfach nur ein Stupsnäschen und ein kurzes Bein ein kurzes Bein… Wir haben zwei gesunde Kinder.

Mariechen wäre im März diesen Jahres dreiundzwanzig Jahre alt. Ihre Mutter hat nie aufgehört, an sie zu denken.

 

Alle Zitate sind dem Artikel von Ulrike Baureithel „Sicherheit ist längst nicht alles“, erschienen am 23.02.2015 bei „Der Freitag“, entnommen.

Wenn einer eine Reise tut…

… dann schaue ich mir im Nachgang gern die Fotos an.

Ich mag auch Internet- und TV-Reisen. Ich sitze mit Schokorosinen und einem Eiseimer in meiner Couchecke und erlebe hautnah wilde Tiere und die dollsten Abenteuer! Aber ich muss da nicht selbst hin. Wirklich nicht.

Wobei ich ferne Länder und nahe Gebirgszüge durchaus reizvoll finden könnte, nur, das Reisen beinhaltet ja stets, man muss erst mal dahin reisen… Und da liegt die Krux.

Ich fliege nicht gern. Kann man von mir sagen. Das sagen auch andere Menschen von sich, ich bin also in guter Gesellschaft. Nur mit dem Unterschied, dass die meisten anderen Menschen sich trotz Angst noch benehmen können. Ich nicht! Bei unserer Hochzeitsreise war ich durch den Hinflug (auf den ich mich irgendwie noch einlassen konnte) so traumatisiert, dass ich während des kompletten Urlaubs permanent wiederholte: „Aber ich steige nicht wieder in dieses Flugzeug! Damit Du´s weißt!“. Der frisch Angetraute hat das schlichtweg ausgesessen ohne alternative Rückreisemöglichkeiten zu sondieren und wäre beinahe schon in der Fremde aufgrund seelischer Grausamkeit von mir zwangsgeschieden worden. Es begab sich also die Situation, dass ich mich zwar immer noch weigerte, als wir bereits zum Boarding aufgerufen waren, dann aber wenigstens in Kaffeebohnen diese Röhre des Todes erklomm, die ganze Zeit flehend, man möge doch bitte ein Boot finden, um mich heimzubringen! Ein Fahrrad. Ich laufe auch! Nichts da. Zitternd wie Espenlaub wurde ich dann von dem Flugpersonal und meinem Ehemann quasi in diese Fischbüchse gezogen und geschoben (in der bereits alle anderen Passagiere genervt warteten). Kaum war ich drin, machte ich mich los und rannte wieder raus! Bettelte erneut, trotzte, behauptete, ganz sicher auf der Stelle einen Herzinfarkt zu bekommen und durfte/ musste dann an dem Außentürchen der Röhre eine Fluppe durchziehen. Zitternd wegexen bis zum Filter. Dann war mir schwindlig genug, dass ich mich in das Stahlschwein reinbugsieren ließ. Ich bin nicht abgestürzt. Für alle weiteren Flüge vertraue ich seitdem auf ein niedrigdosiertes Valium. Klappt. Nur leider nicht im Businesskontext, denn wenn man eine Stunde nach Bonn fliegt und dann dort noch zwei Stunden später im Meeting grinsend Blümchen ans Flipchart malt, ist das eher kontraproduktiv.

Dann also PKW. Geht aber auch nicht. Aus (in meinen Augen) plausiblen Gründen bilde ich mir ein, bei jeder Autobahnfahrt dem sicheren Tod durch rempelnde LKWs ausgesetzt zu sein. Selbst als Beifahrer bin ich eine maximale Katastrophe! Ich sitze schweißgebadet in meinem Sitz, die Hände in irgendwelchen Griffen und Tempotaschentüchern verkrallt und lasse die angstvoll geweiteten Augen über meine Familie gleiten, als sähe ich diese zum letzten Mal und verkünde mit dünnem Stimmchen: „Wenigstens sterben wir alle zusammen!“. Das ist meine Rolle. Das mache ich. Immer. Und der Geduldige muss stets ganz rechts fahren und maximal achtzig (Macht er nicht. Die Sau!).

Wenn ich dienstlich verreisen sollte, war also stets die Bahn das Mittel der Wahl. Aber irgendwas ist mit meinem Karma nicht in Ordnung, meine Aura hängt schief und womöglich muss ich mir mal meine Chakren aus-channeln lassen… Es muss an mir liegen. Irgendwas ist nämlich immer! Einmal brannte die Lok, mitten auf dem Feld. Deswegen (oder wegen dem durchs Löschen entstandenen Wasserschaden) fiel die Elektronik aus und wir standen dann Stunden im Geisterzug in der Uckermarck. Ein anderes Mal gabs einen tragischen Personenschaden, der (wiederum auf einem Feld) zum Zwangsstopp führte und einen vollbesetzten Zug in der Sommerhitze ohne Klimaanlage zum Kochen brachte. Unterstützt duch folgende Durchsagen: „Die Feuerwehr ist jetzt da, die Lok wird abgespritzt!“, „Der Seelsorger betritt jetzt den Zug!“, und: „Der Lokführer wird noch ausgetauscht und dann fahren wir weiter.“ Also pro Wartestunde eine Durchsage.

Im Winter ist es aber auch nicht besser! Ich saß schon in einem Zug von Berlin heimwärts, als ein Schneeschauer die Schranken auf der Strecke lahmgelegt hatte. Tuuut tuuut! Mit zwanzig Km/h und laut dauertutend tuckerten wir durch die verwehte Landschaft. Tuuut tuuut! An jedem Bahnübergang stellte ich mir vor, wie aus der kreuzenden Richtung auch gerade ein fröhlich dauertutender Zug daherkommt. Tuuut tuuut! Und bumms! Ist nicht passiert, aber hätte.

Bumms gemacht hat es aber bei meinem Testversuch mit dem Reisebus. Letzte Woche. Wobei ich sagen muss, dass ich nach der Hinfahrt ein begeisterter Fan war! Preislich nicht zu toppen, schnell, bequem, sauber und in netter studentischer Gesellschaft bin ich nach Berlin gefahren. Aber ich musste ja auch wieder zurück und man soll eine Reise nie vor der absolvierten Heimreise loben! Am Alexanderplatz pünktlich gestartet, war die Reise bereits nach einem (!) Kilometer für zwei Stunden unterbrochen, inklusive überlaufendem Klo, das dann gesperrt wurde. Totem Akku und zur Neige gehender Schweizer Schokoladenvorräte meinerseits ebenso. Bombenstimmung im Bus!

Es liegt an mir. Es muss einfach an mir liegen! Aus diesem Grund habe ich beschlossen, ab sofort stets die Mitreisenden zu warnen:

„Mein Name ist Henrike und ich beabsichtige dieses Verkehrsmittel zu benutzen. Sollten sie kein ausgewiesenes Interesse an unvohergesehenen Unterbrechungen mit zweifelhaftem Unterhaltungswert haben oder eine Anschlussverbindung erreichen müssen, bitte ich sie in ihrem eigenen Interesse, alternative Reisemöglichkeiten in Betracht zu ziehen. Ich danke für ihr Verständnis!“

Wer wissen will, warum ich in Berlin war und wie das dort so war, dessen Neugier wird hier gestillt:

Hex Hex

Weddingerberg

Mama on the rocks

 

Valentinstag

„Mama, ich brauche fünf Euro für eine Rose! Ich will heute um Mitternacht im Mondenschein jemandem meine Liebe gestehen.“

Den Hang zur Theatralik hat er in jedem Fall von mir.

„Freundchen, um Mitternacht gestehst du niemandem deine Liebe! Da liegst du im Bett und schläfst.“.

„Ich hoffe, du weißt, was du mir damit zerstörst!“

Die Tendenz zu übertriebener Melodramatik wohl auch…

12 von 12 im Februar 2015… einmal ist keinmal

Ich gestehe, ich bin ein Voyeur. Immer am zwölften eines jeden Monats fotografieren viele Bloggerinnen ihren Alltag mit zwölf Fotos. Und ich gucke das! Ja, ehrlich, ich mag diese Aktion, die ich vom Blog „Draußen nur Kännchen“ kenne. Jetzt habe ich mir gedacht, ich mach da mal mit. Dokumentiere meinen spektakulären Tag und erzeuge Mitleid mit verwackelten Handyfotos.

Los gehts:

Groß, stark, mit Milch und vier Löffeln Kaba Vanille. Morgens um sechs. IMG_2063

Der Großzügige bietet an, eine Stunde später ins Büro zu starten, damit ich noch laufen gehen kann. IMG_2066

Außerdem ist er auch der Oberschlaue, der mich darauf hinweist, das Handy zu Hause zu lassen, damit ich nicht ständig stehenbleibe, um irgendwelche Blümchen zu fotografieren. Pffffff…

Och, kuck mal! Schneeglöckchen! Wie süüüüüß!

IMG_2067

Frühstück! Ermattet und erfroren gelüstet es mich nach Hash brown Burgern mit pochiertem Ei und Gorgonzola, einem Berg Pancakes und… ja, nee, Toast mit Nudossi ist super! Bitte beachten: Es liegen sogar einige verstreute Physalis-se (Physalen, Physaloden; Klugscheißer dürfen sich gern melden und mit ihrem Pluralwissen angeben) auf dem Tisch.IMG_2076

Zahn elf und zwölf (to be) des Kleinsten versauen uns den Tag. Ihre Ankunft wird stärker und in schrilleren Tönen beworben als der Kindersegen in den europäischen Königshäusern. Egal, der Zahnende, der Stimmbrüchige und ich fahren in die Stadt. Shoppen und so. Rumlaufen. Machen ja alle anderen auch. Außerdem will ich heute schliesslich Fotos von unserem Tag machen, da können wir doch nicht den ganzen Tag auf der Couch sitzen und daddeln! Wie sieht denn das aus…

Ach so, apropos aussehen. Das schmuck aussehende und echt praktische Flaschenband an der Plagenkarre hab ich von „Moms Accessoires“, für die ich hier wirklich sehr gern und lauthals Werbung machen möchte! Ein Interview und eine Produktvorstellung könnt ihr auf Janinas Blog nachlesen (Und bei den StadtLandMamas gibts aktuell sogar zwei Bänder zu gewinnen! Nix wie hin!).

IMG_2083

In der Stadt habe ich mich wieder erinnert, warum ich so selten in die Stadt fahre: Ich hasse Menschenmassen, die hektisch umherrennen und die Geschäfte verstopfen. Es hat also großen Spaß gemacht.

Mahlzeit! Der Rest liegt auf dem Fußboden und den Nachbartischen. Der ursächlich für diesen Schabernack Verantwortliche ist nicht im Bild.IMG_2086

Nachmittags Presseschau. Es werden die zehn bis zwölf angesagtesten Bücher des Tages durchgeblättert. Mehrmals. Aber seltenst allein (das Foto lügt). Versuche ich mich davonzustehlen, watschelt ein Entenjunges mit einem oder zwei Büchern in der Hand hinter mir her und quietscht: „No ma! No ma!“. Ich habe versucht, ihm Jo Nesbo vorzulesen, der sonst jämmerlich auf meinem Nachttisch einstaubt, aber das Kind hat einen merkwürdigen Literaturgeschmack. IMG_2087

Wir waren auch noch mal zum Lüften draußen und sind über Pieschner Spielplätze gestolpert. Und nein, die sind sonst nie leer. Ich habe rumgebrüllt: „Weg da, alle weg da! Ich mache hier Fotos!“. IMG_2090

Eigentlich müsste ich die Wäsche zusammenlegen, aber der Zahnende will lieber meinen Schalkorb plündern und mich mit allerlei Zeug behängen. Ist ja Fasching. IMG_2092

So, fertig! Ich gehe als Taubenfrau („Kevin allein in N.Y.“, erinnerste dich?) IMG_2093

Jetzt noch das Kind gießen, damit es schneller wächst…IMG_2098

… und dann vier mal Abendbrot machen. Erst für den Kleinsten. Der schmeißt alles in der Gegend rum oder arbeitet das Leberwurstbrot in die Tischplatte ein. Davon gibts keine Bilder. Ich bin damit beschäftigt, Birnenstücke im Flug zu fangen und Breispucke auszuweichen. Wenn das Kindlein im Bett ist, schnell eine Wurstschnitte im Stehen für die liebe Mutti, während die ein optisch ansprechendes Trainingsfutter für das große Kind zusammenwurtschelt. Kennt ihr die Bento-Boxen? Es gibt Leute, die das Frühstück ihrer Kinder in diesen Dosen bei Instagram teilen. Ernsthaft. Vermutlich stehen die dafür halb vier auf, um Käse in Mäuseform zu schnitzen. Ich weiß es nicht. Aber, kann ich auch! Ich präsentiere: die nieselpriemsche Bento-Box. Wurschtbemme in Alufolie an zucker- und weißmehlhaltigem Keks und Quetschobst. Liebevoll arrangiert in einer Plastiktüte. IMG_2101

Gegen neun Uhr Abends kommt dann der Beste von Arbeit, das Karatekid im Schlepptau und dann wird der Vierte von uns irgendwas zu Abend essen. Heute keine heile-Welt-Familie am Abendbrottisch mit selbstgebackenem Dinkelvollkornbrot und Tofuaufstrich mit Petersiliensträußchen. Wunsch und Wirklichkeit, so siehts aus.  😉

Gute Nacht.

 

 

 

I´ve got you under my wings

I´ve got you under my wings

Seit ich Mutter bin, sind mir Flügel gewachsen. Starke Schwingen, bereit zu beschützen und zu tragen. In der Tat sehe ich das wirklich so, dass meine Kinder mir Flügel verleihen, mich beflügeln. Für manche sehen die Dinger von weitem allerdings aus wie Rotorblätter…

Nimm ein offensichtlich verhaltensauffälliges Kind und eine besorgt dreinblickende Mutter und die Sache ist für jede andere Mutter klar! Also für jede, die irgendwann mal im Wartezimmer neben einer alten Ausgabe von „Psychologie heute“ gesessen hat (Es waren immer nur die Mütter, deshalb „jede“. Und ja, Ich würde lieber behaupten, das sei anders gewesen.).

Was war zuerst, Henne oder Ei? Ganz klar, die Henne ist an allem schuld! Das dazugehörige Ei war laut, schwer zu bändigen und zu sozialisieren. Außerdem motorisch ungeschickt. Konnte weder Seilspringen noch einen Ball kicken. Sollte er dennoch Fußballspielen, dann verlangte er nach gänzlich anderen Regeln. Er wollte nie auf einen Baum klettern oder mit anderen Kindern gemeinsam irgendetwas bauen. Dreck fand er eklig und ich habe in meinem ganzen Mutterleben noch nie ein Knie geflickt. Der war schon immer seltsam komisch und die Sache war sonnenklar. Das rief ungefragt alle wohlmeinenden Mitmütter auf den Plan.

„Das Kind braucht mehr Grenzen!“, „Der Junge braucht mehr Freiheiten!“, „Du engst ihn ein!“, „Du traust ihm nichts zu!“, „Du musst ihn loslassen.“.

Allein, das Kind gab mir ganz andere Signale. Das der Umwelt zu erklären habe ich lange erfolglos versucht…

„Das ist nur deine eigene Unruhe! Das überträgt sich alles.“, „Du musst mehr…“, „Du musst weniger…“.

In Erziehungsfragen sind Ratschläge in erster Linie Schläge. Es war ein Teufelskreis. Sie meinten es alle nur gut. Sie wollten doch nur helfen! Und verunsicherten mich vollends. Offensichtlich schien ja jeder besser als ich zu wissen, was der Junge denn nun brauchte! Selbst als sich herausstellte, dass meine seltsame Besorgnis nicht unbegründet war, musste ich mich tatsächlich einmal fragen lassen, ob ich denn glauben würde, dass das meine Schuld sei?! Also, dass er so seltsam sei aufgrund meines Verhaltens? Sie habe da mal was darüber gelesen…

Apropos lesen. Ich wünschte, ich hätte das Geld für die unzähligen Erziehungsratgeber gespart und stattdessen einen herzensklugen Menschen gehabt, der mir gesagt hätte:

„Hör zu, Mädchen. Das hat die Natur so eingerichtet, dass du schon alles mitbringst, was du brauchst um dein Junges zu versorgen, von der ersten Sekunde seines Lebens an. Und zwar unabhängig davon, ob das Internet je erfunden wird oder Steve Biddulph und Jesper Juul Bücher schreiben. Sonst wären wir Menschen schon ausgestorben! Deine Instinkte und dein Mütter-Sonar sagen dir, was dein Kind braucht. Dieser kleine Mensch vertraut dir blindlings und das hat seine Richtigkeit! Wird Zeit, dass auch du dir diesbezüglich traust. Hör auf dein Kind und auf dein Bauchgefühl. Und macht euer Ding. Du schaffst das! Und kein Mensch auf der Welt weiß besser als du, was das Kleine wann braucht. Und wenn du das Gefühl hast, da stimmt etwas nicht, geh dem nach. Und hör auf dein Kind. Vor allem: Lass dich nicht verunsichern. Alle Kinder laufen irgendwann, sprechen und legen den Schnuller und die Windeln ab. Jedes zu seiner Zeit. Und alle können irgendwann eins und eins zusammenzählen, der eine mit vier, der andere mit acht. Das ist eure gemeinsame Reise. Sie ist das schönste Abenteuer deines Lebens und du bestimmst, wie ihr reisen wollt: Im Hubschrauber, im U-Boot oder zu Fuß. Dein Kind und du, ihr zwei entscheidet das. Genieß doch einfach mal die Reise!“

So, und jetzt putze ich meine Rotorblätter! 🙂

 

 

 

Der Kloß im Hals

Diesen Text habe ich vor beinahe einem Jahr geschrieben für eine Zeitung. Die meinten, er sei „gut, aber viel zu heftig“, und deshalb wollten sie ihn nicht veröffentlichen. Heute kam das Kind von einer Landheimfahrt zurück und mir diese, meine, Worte wieder in den Sinn. Ich schreibe hier immer, was ich denke. Und heute denke ich den ganzen Tag nur über meine Schluckbeschwerden nach…

In jeder Klasse gibt es Außenseiter, die in der Hofpause verkloppt werden. Denen der Ranzen ausgeschüttet wird, die Brille weggenommen, die Jacke in die Mülltonne gestopft. Die immer die ersten sind, die nach frischem Schneefall vor der Schule grölend eingeseift werden.

Die gab es schon immer. Kinder sind grausam. Manchmal. Irgendjemand ist halt immer der „Horst“, der „auf´s Maul“ kriegt! Das war schon immer so. Und irgendjemand ist halt dessen Mutter. Auch das war schon immer so.

Der Kloß im Hals ist bei mir chronisch. Wann fing das an? Mit Schuleintritt des Kindes? Vermutlich etwas eher. Dieses diffuse Wissen, viel mehr als nur eine Ahnung, mit diesem Kind stimmt was nicht. Die permanente Ablehnung von außen. Und mit den Jahren immer rabiatere Ablehnungssymptome der Kinderumgebung.

Der Kloß im Hals. Mittags im Büro zu sitzen und sich nicht zu fragen: Wird es klingeln? sondern: Ruft die Schule an, dass ich mein Kind holen soll oder ruft der Empfang meiner Firma an, weil das Kind (wahrscheinlich ohne Jacke und/oder ohne Ranzen) am Empfang steht und zu mir will?

Unzählige Kindergeburtstage, an denen die eingeladenen Kinder kamen, weil wir so tolle Aktionen auf die Beine gestellt haben und nicht wegen dem Geburtstagskind. Unverständnis traf auf Unverständnis und trotzdem immer wieder neue Versuche. Und erneute Ablehnung.

Dunkelbraune Augen über einem hübschen Mund, der spricht: „Ich hatte in meinem ganzen Leben noch nie einen Freund. Ich glaube, ich bin der einsamste Mensch auf der Welt!“.

Eine Zeitung. Ein schreckliches Foto. Jugendliche haben einen anderen Jugendlichen zu Tode geprügelt. Ich kann den Beitrag nicht zu Ende lesen… Der Kloß verkrampft mein Herz vor Angst. Könnte dort ein anderer Name stehen? Irgendwann wird dem jemand etwas Schlimmes antun… Wohin nur mit dieser Furcht? Wie nur kann ich ihn sein Leben lang beschützen?

Ein anderer Tag, eine andere Zeitung. Ein anderes Foto. Ein sympathischer Junge, kaum älter als mein eigener. Viele tote Kinder. Schrecklich. Die Buchstaben verschwimmen vor meinen Augen. Mein klumpiges Herz weint heiße Tränen. Um das Opfer, das nicht mitgezählt wurde. Galoppierende Gedanken: Wie verzweifelt muss dieser Junge gewesen sein?! Fast noch ein Kind! Warum hat man das nicht verhindert?! Er muss doch jemandem aufgefallen sein! Und was ist mit seinen Eltern? Seiner armen Mutter? Wo findet sie einen Platz für ihre Trauer? Und: Könnte dort auch ein anderes Foto stehen, dunkelbraune Augen…? Niemals! Nicht denken, nicht aussprechen! Entsetzen, Furcht und Verzweiflung. Der undenkbare Gedanke, die unmögliche Möglichkeit, die unaussprechliche Angst. Der Kloß ein Klumpen.

Erinnerungsfetzen, Gesprächsschnipsel kommen mir in den Sinn:

„Ihr Junge hat eine psychische Behinderung. Vielleicht wird er niemals Freunde finden, helfen sie ihm das zu akzeptieren. Und lernen sie selbst das zu akzeptieren!“ (eine Psychiaterin)

„Unsere Töchter haben Angst vor diesem Jungen! Entweder er geht oder wir nehmen unsere Kinder von dieser Schule! Schließlich ist das eine Privatschule und wir bezahlen ein hohes Schulgeld.“ (zwei Mütter)

„Dieser Amokläufer da in Dingsbums, der war ein Asperger. Wie euer Sohn!“ (eine andere Mutter)

„Sie müssen den Jungen irgendwie durch die Schulzeit bringen. Danach wird’s meistens besser!“ (eine andere Ärztin)

…Danach wird’s besser. Es wird schon besser. An den meisten Tagen glaube ich das sogar. Noch fünf Jahre Schule. Und dann? Dann sehen wir weiter. Eins nach dem anderen. Das sagen alle. Aber was heißt das? Und was mache ich bis dahin?

Habe ich dem fremden Jungen neulich vor der benachbarten Schule mit meinem Dazwischengehen geholfen, als er gehänselt und geschubst wurde von mehreren anderen Jungen? Ich fürchte, nicht. Vermutlich bezieht er alleine dafür morgen wieder eine Abreibung. Aber ich konnte nicht anders. Das war der Kloß. Irgendwo habe ich gelesen: „Kinder müssen lernen, ihre Konflikte alleine auszutragen!“. Ich finde das grausam, das sollte niemand lernen müssen. Aber wahrscheinlich spricht auch hier der Kloß.

Außenseiter hat es immer gegeben und wird es immer geben. Und die haben alle eine Mutter. Eine Außenseitermutter mit Kloß im Hals. Manchmal Klößchen, manchmal Klumpen.

Meine Blumen für…

Meine Blumen für…

Es ist mal wieder an der Zeit, Blümchen zu verschenken.

Das sind diesmal zwei Blumensträuße auf dem Foto und das hat auch seine Richtigkeit (Besser wäre es gewesen, ich hätte zwei identische gehabt oder wenigstens zwei Sträuße mit den exakt gleichen Blumen. Aber man muss halt mit dem arbeiten, was so rumsteht.).

Bei jeder meiner Schwangerschaften gab es mindestens einen Moment, an dem ich naiv, grenzdebil grinsend und meinen Bauch streichelnd vor mich hinflötete: „Ach, Zwillinge wären auch schön!“. Ha! Als ob ich über eine neue Wandfarbe für die Küche sinnieren würde: „Mocca wäre aber auch schön!“. Mittlerweile bin ich schlauer. Und demütig. Zwillingsmütter sind die Chuck Norris-e unter uns Müttern. Daran besteht nicht der geringste Zweifel!

Stell dir doch mal folgende Situation vor: Du hast dir das Schlüsselbein gebrochen und wirst mit den Kindern an einem Zielort erwartet (sagen wir mal, beim Babyschwimmen). Da stehst du neben deinem Auto mit dem einen benutzbaren Arm der dir geblieben ist, auf der Rückbank zwei Maxi Cosis und eine Reisetasche mit dem Nötigsten. Vom Parkplatz bis zum Eingang sind es fünfzig Meter. Was machst du? Und nein, du hast keinen Telefonjoker, um McGyver anzurufen. Heulen wäre eine Option, das stimmt. Das ist mir auch als erstes eingefallen…

Und diese Situation ist keineswegs abstrakt, wie du bei Kerstin auf dem Blog nachlesen kannst. „Chapeau!“ kann man dazu nur sagen.

Und was machst du, wenn du den Jackpot knackst und das zweite Kind ein Doppelsparpaket ist und du auf einmal kinderreich? Und die Wohnung zum Indoorspielplatz wird und Dompteurskünste von dir gefordert werden? Dann kann dir nur noch Mara helfen! Ihre Erziehungstipps einer Profimutter sollten in jedem Geburtsvorbereitungskurs Thema sein. Der Rest auch. Also alles.

Falls mir jemals der bei der Evolution bestellte dritte Arm wachsen sollte, werde ich ihn mir ausreißen und den beiden stellvertretend überlassen für alle Zwillingsmoms. ❤

 

Liebeserklärung

… an einen bestimmten Ort auf der Welt, wo man „ditte“ sagt und damit keine Frauenbrust meint.

Die Sachsen und die Preußen haben ein schwieriges Verhältnis zueinander. Warum, wieso, weshalb, die Geschichtsbücher sind voll und beim Deutschlandradiokultur kann man dazu auch noch nachlesen, wenn man möchte.

Ich allerdings bin seit Kindheitstagen einer schwärmerischen Verliebtheit gegenüber Berlin aufgesessen. So von weitem zumindest.

„Sind wir schon in Berlin?“, lautet meine Frage bei jeder Autofahrt in Richtung Ostsee. Also ab circa fünf Kilometer hinter Radeberg. „Aber jetzt sind wir in Berlin, oder?“, bin ich spätestens am Senftenberger See sicher.

Berlin, Berlin. Schon zu DDR-Zeiten war dort alles viel wunderbarer als bei uns. Die hatten sogar Kakao im Tetrapack. Das muss man sich mal vorstellen! Und der VEB Jugendmode schickte stets die besten Klamotten ins Centrum-Warenhaus auf den Alexanderplatz. Ich fand alles ganz toll! Die Tiere im Berliner Zoo waren toller als die in Dresden und später, während meiner Sturm-und-Drang-und-keine-Macht-für-niemanden-Zeit in den Achtzigern, wo fanden wohl die besten, coolsten Punkkonzerte der Republik statt? Rüschtüsch.

Meine Cousine hatte sogar eine Cousine in Berlin. Ihr Vater und meine Mutter sind Geschwister und ihre Mutter kam aus Berlin, hatte eine Schwester dort und diese eine Tochter, die dann aufgrund der soeben beschriebenen Umstände zur Berliner Cousine meiner Dresdner Cousine wurde (Es war schwierig für mich zu verstehen, dass das nicht auch meine Verwandte war und ich bedauerte dies sehr.). Durch diese Berliner Cousine kamen Kassetten mit Musik in die sächsische Provinz, von der hier noch niemand was gehört hatte. Oder erst viel später, wie zum Beispiel die NDW. Alles, was aus Berlin kam, war irgendwie cooler. Lässiger. Eben knorke.

Und die Leute sind auch viel cooler, wa?

Vor ein paar Jahren hatte ich im Rahmen eines Projektes mit Berliner Kollegen zu tun. Am Anfang war das anstrengend. Die waren viel kommunikativer als ich. Auch viel jünger (Wahrscheinlich war das der eigentliche Grund und nicht die Verortung in der Hauptstadt.). Ständig poppte irgendein Fenster von Sync, Skype oder WhatsApp auf mit: „Na? Allet schick?“, oder das Telefon piepte, weil sich jemand aus Berlin unterhalten wollte. Ich kam kaum zum Arbeiten! Das war sehr gewöhnungsbedürftig. Die Berliner waren auch ständig in irgendeinem „Call“. Ich hatte ab und zu eine Telefonkonferenz oder kurz: TelKo, aber „Calls“ hatte ich keine. Telefonkonferenz versus Call, man merkt schon an der Begrifflichkeit, dass die wirklich hipper waren.

Aber ich liebte die Tage Vorort in Berlin! Wenn ich auf dem Hauptbahnhof ankam, betrat ich eine andere Welt. Lauter, voller, größer. Dann die Taxifahrt zum Office (Die Berliner arbeiteten in keinem Büro, die hatten ein Office.), ich zitternd auf der Rückbank, beide Hände am Angstgriff, „Ohgottohgottohgott!“-flehend, sicher, die Autofahrt nicht zu überleben. In Berlin Taxi zu fahren ist für mich, als hätte mich einer in ein Computerspiel reingedingst (Ich kenne mich leider gar nicht aus mit sowas, „ The race“ wäre ein passender Name.). Aber von vorn kam ganz bestimmt ein tröstendes: „Keene Angst, kleenet Frollein!“. Taxifahrer müssen in Berlin wahrscheinlich einen speziellen Kurs absolvieren, so kann ganz sicher nicht jeder Auto fahren! Ich könnte mir vorstellen, dass es einen Witz unter Berliner Taxifahrern gibt, der in etwa so gehen könnte: „Du, der Didi, der hat sich zur Ruhe gesetzt. Ick gloobe, der fährt jetzt in Dresden!“.

Ich bin immer gut angekommen. Nur angstschweißtriefend.

Im Berliner Office war auch immer alles viel cooler als im Dresdner Büro. Und die Leute so lässig entspannt! Null gehetzt. Chillig. Mach ma locker, ey. Ich fand das toll. Gut, so richtig zum Arbeiten bin ich da dann auch nicht gekommen, aber zum Staunen. Kaum biste da, geht’s ja auch gleich wieder zum Lunch. Ich geh in Dresden zum Mittagessen, in Berlin gehste eben lunchen. „Wo gehn wa hin? Koreaner, Inder? Magst du Tajine? Lieber thailändisch oder Pizza?“.

Also, ich hab noch nie Tajine gegessen. Ich musste jetzt auch erst mal bei Google nachgucken, wie das geschrieben wird. Berlin macht mich auch kulinarisch zur Provinzschnepfe. Und dann gehen wir los. Nur so die engsten fünfzehn, zwanzig Kollegen. Also nicht direkt gehen, schnurstracks mit Zeitdruck verbunden. Mehr so lässig, schlendernd. Und es ist immer schönes Wetter! Stets Frühling oder angenehm temperierter Sommer. Ich war noch nie bei Scheißwetter in Berlin (Wahrscheinlich ham die gar kein Scheißwetter, wa?! Nur wir! Das ist mal wieder typisch!). Egal, wir schlendern und flanieren durch hippe Gegenden mit hippen Leuten, die große Mützen und Sonnenbrillen und Chinos mit Pofreiheit tragen (oder was eben grad so angesagt ist bei Hauptstädtern unter vierzig) und allet schick. Und wenn in den zwei, drei Stunden, die der Lunch-Spaziergang so dauert, ein „Call“ ansteht, dann wird der eben im Gehen mit den Knöbbeln im Ohr (Weiß nicht, wie das auf preußisch heißt. Kopfhörer?) absolviert. Entspannt. Hände in den Taschen.

Das ist alles so… so arschcool! Ich will das auch. Ich will auch ein bisschen Berlin sein! Tausche sächsische Gemietlischkeet gegen Berliner Coolness. Wa?!

Kommste dann heeme aus der großen Stadt und stapfst in Dresden aus dem Hauptbahnhof, dann ist alles irgendwie slomo. Und keiner auf der Straße! Also nur so ganz wenige Leute. Das Auge ist an die gemietlische Kleenstadt nicht mehr gewöhnt. Und das Beste ist dann immer die Taxifahrt vom Bahnhof nach Hause. Gefühlt fährt der Dresdner Taxifahrer dreißig Km/h und stets rechts (Also, wenn man gerade aus Berlin kommt.). Und wehe, du sagst, du hättest es eilig! „Immer mit dor Ruhe! Isch lasse misch dor hier ni hetzen! Dann gönnse glei loofn!“. Ja, cool können wir auch…

Alles was aus Berlin kommt, ist wunderbar. Auch die Berliner Blogs sind cool. Und die Blogger alle lässig. Machen Bloggertreffen und Events. Da kiekste als Dresdner in die Röhre, wa?! Sowas gibt’s hier nicht.

Also noch nicht. Aber wer weiß, vielleicht im Sommer 2015? Mit Dresdner Eierschecke und Tajine? Gemietlischkeet meets Coolness?! Das wäre doch nett, oder? Arschcool wäre das!

#Familienalbum

Hach, Kinders, da hat die Nina von Frau Mutter ja was losgetreten. Nun sitze ich seit gestern zwischen alten Fotos und zwischen vier Jahrzehnten. Wollt ihr mal gucken?

b7…mit Strickkleid und Spangenschuhen.

b6… mit Familienangehörigen. Ich bin das ganz rechts im modischen Jumpsuit mit Fuchs (Ihr seht, es war echt alles schon mal da!). Wer die anderen beiden sind, darf ich euch aus Datenschutzgründen nicht verraten. Nur so viel: Das große Mädchen mit den Zöpfen war gar nicht so lieb und unschuldig, wie es auf dem Foto scheint. Ja! In der Tat soll sie Kleinere gekniffen haben (mehrmals).

b2… mit todschicker Handtasche und Oma Else.

b5… mit Buch und offensichtlich mitten im Zahnwechsel.

b4

Das mach ich jetzt lieber nicht so groß, das Foto.

… mit Bauchansatz und Dedoronblouson (das war ein absolut gängiges Wort im DDR-Mode-Jargon).

b9

… mit John-Lennon-Brille und meinem neuen Freund.

Ach ❤ das mag ich, das Bild! Auch wenn es gar nicht mehr zählt, weil das schon die Neunzigerjahre waren. Ich weiß noch, dass meine einzige Angst war, der Typ in dem anderen Boot könnte einfach so mit unserem Fotoapparat abhauen! Man siehts auch ein bisschen, ich sitze auf dem Sprung, bereit, mich kopfüber hechtend in das andere Boot zu werfen. Der neue Freund hat dann fünfzehn Kilo zugenommen und sich einen Vollbart und einen Sehfehler wachsen lassen (der das Tragen einer Brille erforderlich machte.). Ob das alles geschah, um nicht in Zusammenhang mit ollen Fotos gebracht zu werden, ist nicht bekannt. Ich habe ihn geheiratet. Aber nicht mit dieser Frisur (also meiner). Aber das waren dann sogar schon die Zweitausenderjahre.

Also: Album zu für heute!b1

„Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt!“

Heute Abend saß ich mit dem Kleinsten beim Abendbrot. Er hatte Hirsebrei mit Apfelmark und einem Schuß Ahornsirup. Ich musste auf einmal grinsen.

„Also das hätte es bei uns früher nicht gegeben!“

Genau. Bei uns gab es nämlich was Ordentliches zu essen! Schnitte zum Abendbrot. Mit Wurst. Oder auch mal ein Rostbrätel auf Brot. Auf jeden Fall tierisches Eiweiß. Grießbrei zum Abendbrot? Mein Vater würde sich im Grab umdrehen… Bei Grießbrei generell, vermute ich.

Überhaupt, was sollte das sein, ein Essen ohne Fleisch?! Eine Vorspeise vielleicht? Bei uns gab es Fleisch. FLEISCH! Schweinebraten, Rindergulasch, Rouladen. Putenrollbraten, ganze Hühner.

Ich hatte es nicht leicht. Ich mochte nämlich kein Fleisch. Mehr noch, es widerte mich an. Der Geruch, der Geschmack, die Fasrigkeit im Mund. Allein schon die Farbe. Ekelhaft.

Mini-Rike vor einem Teller (vermutlich mit Fleisch)

Mein Vater hat die entbehrungsreichen Nachkriegsjahre als Kind erlebt und erzählte oft, dass er damals stets sein kostbares Stück Fleisch beim Sonntagsessen aufsparte bis zum Schluss, um es sich dann ganz langsam und genießerisch mit Wonne einzuverleiben.

Ich ließ das Fleisch auch immer bis zum Schluss auf meinem Teller. Aus anderen Gründen. Aber es gab kein Erbarmen.

„Iss das, das ist gesund!“

Es wäre undenkbar gewesen, mir das verhasste Fleisch zu ersparen. Generell war es nicht üblich, dass auf Sonderkostwünsche eingegangen wurde. Extraessen für die Kinder? Nicht nach dem ersten Geburtstag! Es gab Fleisch mit Kartoffeln und Gemüse und Soße. DAS war ein anständiges Essen!

Ich war ein mickriger Esser. Und das verhasste Fleisch machte alles nur noch schlimmer. Mein Vater musterte mich beim Essen mit einem bohrenden Blick und strafte mich schon für eventuell beabsichtigtes Gesichtverziehen im Vorfeld. Meine Allüren waren für ihn unverständlich. Wie gut ging es uns, jede Woche, ach was, jeden Tag konnten wir Fleisch essen! Das kannte er schließlich noch ganz anders von früher. Undankbar war das von mir. Und die Mutti hatte sich so eine Mühe gemacht mit dem Kochen!

Ich musste am Tisch sitzen, bis das Fleisch weg war. Ich zermahlte und zerkatschte das Gelumpe und parkte den grauen Brei in meinen Backentaschen. Allein, ich wurde immer durchschaut. „Mach mal den Mund auf!“. Einmal saß ich vor meinem Teller, bis meine Mutter bereits den Tisch um mich herum für die Kaffeetafel deckte.

„Wenn du das nicht aufisst, gibts keinen Nachtisch!“

Nachtisch war mein Leben. Ich hatte auch nichts prinzipiell gegen tierisches Fett einzuwenden. In der Variante als Buttercremetorte, Schlagsahne oder Vollmilchschokolade mochte ich es sogar sehr! Aber das olle Fleisch…

„Damit du groß und stark wirst!“

Es ist überliefert, dass ich bereits als Vorschulkind einmal antwortete: „Aber ich will doch klein und zierlich bleiben!“.

Als das erste Kind bei uns unterwegs war, habe ich das wichtigste schon vorab klargestellt: „Meine Kinder werden nicht zum Essen gezwungen!“. Das war schwierig. Vor allem, weil der Beste alles isst außer Grießbrei (und Leber) und nicht verstehen kann, dass es anderen Menschen da anders gehen könnte. Aber da blieb ich fest: Ich zwinge ihn nicht, Grießbrei zu essen und brate seit siebzehn Jahren keine Leber in seiner Gegenwart und er darf im Gegenzug die Kinder nicht zwingen, etwas zu essen, was die nicht mögen.

Klingt alles einfach und machbar. Ha! Wir waren super in der Vorlage. Zwei Sachen aus der Menüauswahl müssen auf jeden Fall gegessen werden. Gekostet wird aber alles, und wenn´s nur ein kleiner Bissen ist. Eine Zeitlang stand noch ein Brotkorb stets auf dem Tisch, damit im Ernstfall wenigstens Brot als Alternative angeboten werden kann.

Scheiße, ist das anstrengend! Ein Heckmeck ist das! Seit Jahren. Dieses schmeckt nicht und jenes schmeckt nicht. Und die Soße schmeckte doch sonst immer, aber heute nicht. Ich will nur Nudeln ohne alles. Und DAS esse ich noch nie!

Es macht keinen Spaß. Also das mit dem Wahlessen. Und dürr wie ein Aal ist das große Kind außerdem. Wie soll er denn mal groß und stark werden? Und der Kleine? Denkste, der freut sich über den Hirsebrei? Ach was. Drei Löffel, dann hat der mir das mit Knurren aus der Hand geschlagen! Dabei ist das doch gesund! Vermutlich will der lieber Fleisch. Ein Steak oder eine Bratwurst. Pommes und Pizza. Da mmmmm-t der schon beim Anblick. Aber das sag ich euch, der isst, was auf den Tisch kommt! Noch so ein verzogenes Blag sitzt mir nicht in der Küche!

Dieser Text ist ein Beitrag zur Blogparade von Frau Mutter, die unter dem Hashtag #Familienalbum zum Geschichten-von-früher-Erzählen aufgerufen hat. Dem bin ich gern gefolgt. Wer mehr davon möchte, der surft schnell zu Frau Mutter auf dem Blog, dort sind sicher bald weitere Familienalbum-Einträge verlinkt. Viel Spaß! 🙂

 

 

Eine Küche muss her!

Der Blondino will immer mitkochen, was ich generell begrüßen würde, wäre er zehn Jahre älter! Bis dahin bin ich damit beschäftigt, seine knubbeligen, spuckefeuchten, niedlichen, kurzen, weichen, zum Dauerknutschen anregenden Fingerchen von der Herdplatte und den Knöpfen und dem Backofen fernzuhalten. Da kommt man kaum zum eigentlichen Kochen! Außer, man besitzt acht Arme.

Hilfreich hat sich erwiesen, dem Babynator Plasteschüsseln, Löffel und ähnliches auf den Boden zu legen oder ihm zu gestatten, damit in einem der Geschirrschieber „zu kochen“.

Vorab: Falls es irgendjemand für vollkommen übertrieben findet, einem (fast) Anderthalbjährigen eine Spielküche hinzustellen, dem sei gesagt: Erstens kann man nie früh genug anfangen, die Kinder an den Haushalt heranzuführen. Zweitens habe ich nicht acht Arme.

Lange Rede, kurze Rike. Es muss was her! Jetzt könnte ich bei Blau-Gelb eine Pressspanküche kaufen (O-Ton Kind Nummer eins: „Pressspan ist ist sowas wie das Formfleisch unter den Holzmöbeln, richtig?“), dann wäre ich heute schon durch mit dem Thema. Allerdings will ich auch ein bisschen Spaß!

Deshalb schmachte ich mich seit Tagen durch die Spielküchensammlung von Hyggelig. Sowas hier will ich! Also, ich meine natürlich, das Krabbelkind will sowas.

Eine bebilderte Anleitung gibts auch dazu, und zwar hier.

Natürlich braucht der Nachwuchssternekoch in Windeln noch Zutaten. Dank Valentina von Raumdinge will ich das jetzt nicht mehr irgendwo in der Plastikversion kaufen, sondern basteln!

(Fürs Verständnis: In der vergangenen Adventszeit habe ich erfolgreich bewiesen, dass es durchaus Leute gibt, die nicht in der Lage sind, einen Papierstern mit simplem Muster auszuschneiden. Im schlechtesten aller Fälle leiden dieselben Menschen außerdem an überproportionaler Selbstüberschätzung ihrer Kompetenzen in Basteldingen und Handwerksprojekten.)

Sowas hier zum Beispiel:

Quelle: www.raumdinge.de

filz_sushi_k_02 Käseschachteln_k tortenbaeckerei01Quelle: http://www.raumdinge.de

Nun wisst ihr bescheid über meine nächsten Projekte und ich werde das Ergebnis mit euch teilen. Ich denke, wir alle werden viel zu lachen haben! Also, ihr. Beim Bildervergleich zumindest.

In bed with…

Eltern und Schlafen. Nun ja. Ein deutscher Comedian hat vor Jahren sinngemäß Folgendes gesagt: Du wirst nie mehr schlafen! Also nie mehr so wie „vor Kind“.  Zuerst sind sie klein und wollen Milch und zahnen und so. Dann musst du sie mitten in der Nacht anziehen und in irgendeine Einrichtung fahren. Danach in eine andere. Dann kannst du nicht mehr schlafen, weil sie bei der Disco sind und du wartest, dass sie heimkommen oder anrufen, dass du sie holen sollst! Tja, und dann kannst du nicht mehr ausschlafen, weils im Altersheim halb sieben Frühstück gibt…

Und dabei wollen wir doch alle nur das Eine: Schlafen! Familienbett, Gästebett, Besucherritze. Einsvierzig, einsachtzig, zweifuffzig. Zu zweit schlafen, zu viert, mit Oma und dem Nachbarshund. Es ist ein Thema, und nicht erst seit dem streitbaren Artikel über Für und Wider das Familienbett, der vor kurzem die Gemüter erhitzte.

Bloggers Bettgeschichten. Ich weiß gar nicht, ob es überhaupt einen Elternblog gibt, bei dem das Thema „gemeinschaftliches Schlafen“ (freiwillig oder notgedrungen) noch nicht thematisiert wurde. Am frischesten ist mir noch die gestrige Gutenachtgeschichte aus dem Familienbetrieb , MamaOnTheRocks und ihr fehlender Gitterstab und natürlich diese hier aus dem Geflügelzuchtbetrieb von GoodWords.

Und heute erzähle ich euch eine Schlafzimmergeschichte.

Menschen sind Rudeltiere, die sich gegenseitig wärmen und säugen sollten. Auch nachts. Und ich habe es versucht, wirklich! Das Kind Nummer eins lag in seiner ersten Nacht bei uns in einem Körbchen neben mir. Niemand schlief. Weil: Ich konnte nicht schlafen! Das Baby miepte, fiepte und atmete und geräuschte neben mir. Der Bärtige verfrachtete den Neuen also bereits an Tag zwei in sein eigenes Zimmer. Mir blutete das Herz, aber alle schliefen selig! Also stand für den Mann, der mich geheiratet hatte, fest: Jeder bei sich! Ende der Durchsage.

Jahrelang habe ich bei jeder Gelegenheit, in der mir die Argumente gegenüber dem Bärtigen ausgingen, stets darauf hingewiesen, dass er ja schon immer fies gewesen sei, was man selbst ohne Brille daran erkenne, dass er ein winziges, klitzeklitzekleines Baby herzlos aus den Armen seiner Mutter gerissen hätte und in das kalte, dunkle Kinderzimmer gesteckt hätte, wo es sich ohne den wärmenden Busen seiner Mami einsam in den Schlaf schluchzen musste (Natürlich mit mehr Melodramatik!).

Dann kam der neue „Neue“. Dasselbe in Grün: Eine schlaflose Nacht neben mir und seitdem alle anderen Nächte nebenan in seinem (kalten, dunklen, herzlosen) Kinderzimmer. Wenn eines meiner Babys krank ist, zahnt oder sonst wie moralischen Beistand benötigt, ziehe ich mit der Gästematratze und meinem ganzen Zeug in das jeweilige Kinderzimmer. Ins elterliche Bett dürfen sie nur, wenn der Beste verreist ist.

Aber ich muss jetzt den Bärtigen mal in Schutz nehmen. Dass er sich so vehement (und notfalls durch Schlüsselgewalt) vor nächtlichen Invasionen schützt, hat seinen Grund: Irgendwie und irgendwann muss er schliesslich auch mal schlafen! Es ist nämlich so, dass er bereits seit vielen Jahren jede Nacht das Bett teilen muss mit einem kleinen Menschen mit haarsträubenden Schlafgewohnheiten: Mit mir.

Ich brauche soviel Platz wie nötig wäre, um einen Schneeengel zu machen (egal, wie breit das vorhandene Bettmaterial ist). Und absolute Ruhe, aus diesem Grund darf das Fenster nicht mal angelehnt sein. Ich kann auch nicht einschlafen, wenn neben mir jemand einschläft… und da so rumatmet. Oder Bewegungen macht, die Geräusche erzeugen. Ich muss also genug Zeit haben, um allein einschlafen zu können. Die Tür soll aber einen Spalt angelehnt sein. Und zwei dicke Kissen und zwei dicke Decken brauche ich auch (bei Temperaturen unter dreißig Grad extra noch eine Wolldecke obendrüber). Wenn wir auswärts schlafen und es bei der Schlafstatt nur zwei Decken und zwei Kissen gibt für uns beide, dann hat er eben Pech! Wer in einem indischen Zug schlafen kann oder mit einer Lamadecke irgendwo im Dreck auf der anderen Seite der Welt, hat nicht automatisch ein Anrecht auf ein Daunenkissen, nur weil da eines liegt! Das ist dann meins. Und alles andere auch.

Wenn der Beste irgendwann mitten in der Nacht leise auf Zehenspitzen zu seiner Seite des Bettes schleicht, sieht er von mir nichts. Nur einen großen Haufen Decken und Zeug. Unter dem Einfluss von mutmachendem Alkohol hat er schon das eine oder andere Mal versucht, mir eine Decke abzuluchsen. Fataler Fehler! Ich benehme mich im Schlaf wie ein Tier. Ich knurre, fauche und trete um mich. Auch, falls mir irgendwer zu nahe kommen sollte. Don´t touch, sonst klatsch! Nicht, dass der Anblick des Betthaufens zu amourösen Übergriffen einladen würde. Aber selbst wenn er in all dem Stoff und Schaumstoff irgendwo seine Zwergenfrau ausmachen würde, bloß nicht anfassen! Ich habe ja nie verstanden, wie irgendjemand in der „Löffelchenstellung“ schlafen kann. Wenn ich schlafen will, dann will ich schlafen. Wie kann man denn mit dem Unterleib eines anderen Menschen an den eigenen Pobacken schlafen?! Ich unterstelle, dass Menschen, die über dieses Feature verfügen, sonst auch eher mit niedriger Betriebstemperatur vor sich hinköcheln…

Den Betthaufen lässt man am besten in Ruhe. Nicht ansprechen, nicht anfassen, noch nicht mal anatmen!

Ich bin als Schlafzimmergast also eine echte Zumutung und deshalb wäre es eigentlich das Beste, ich schliefe allein. Das geht aber auch nicht, und zwar aus Sicherheitsgründen! Ich neige nämlich außerdem noch zu nächtlichen Abenteuern der anderen Art und irgendjemand muss ein Auge auf mich haben.

Als ich etwa acht Jahre alt war, ging mein Vater früh zur Arbeit und fand mich im Nachthemd auf dem Treppenabsatz  vor unserer Wohnungstür im Sitzen schlafend vor. Morgens halb sechs. Das geht ja noch. Folgende Begebenheit beruht auf den Erzählungen des Bärtigen: Als wir zwei jung (also zumindest er) und frisch verliebt waren, wurde er eines Nachts durch seltsame Geräusche wach. Er blickte zum Fenster und dort hing seine Freundin splitterfasernackt rittlings auf dem Fensterbrett. Ein Bein und ein Arm hingen bereits schon draußen. Sie (also ich) versuchte angestrengt, die Außenjalousie hochzudrücken. Ganz offensichtlich, um durch das Schlafzimmerfenster die Wohnung zu verlassen. Als er mich fragte, was ich da um Himmels Willen täte, rief ich aufgeregt, wir müssten verschwinden! Und zwar sofort! Und er solle kommen, wir müssten jetzt hier raus! Irgendwie behielt er die Ruhe und quatschte mich wieder zurück ins Bett… Zum Glück. Nicht auszudenken, wenn der Nachbar mit dem Hund eine Runde gegangen wäre, und der hätte mich dann nackig im Busch gefunden…

Ich bin immer noch gelegentlich unterwegs nachts. Unnötig zu erwähnen, dass ich stets voll bekleidet schlafe und Erdgeschosswohnungen bevorzuge.

Also ihr seht, die Kinder sind bei uns nicht das Problem! Die schlafen gut.

Wobei wir wieder beim Ausgangsthema sind. Ich bin ein großer Freund vom Familienbett und wir praktizieren das auch ausgiebig. In unserem Bett wird gekuschelt, getobt, gegessen, gelesen und gespielt. Von allen. Mit allen.

Allerdings niemals nachts.

😉

Von Blümchen und Bienchen

„Mama, was wollen Mädchen eigentlich? Also, von einem Jungen?“. Ohne mit der Wimper zu zucken oder vom Wäscheberg aufzublicken sage ich laut: „Das fragst du deinen Vater, der weiß das besser!“. „Den hab ich schon gefragt, der meinte, das wüsste er auch gern und ich soll doch dich fragen.“. Mit einem ostentativen Blick auf den Bärtigen sage ich deutlich zu laut: „Also, das ist wirklich ganz einfach!“, und versuche Zeit zu schinden…

Minuten später sitzt mein Sohn hoffnungsvoll (und offensichtlich hoffnungslos verknallt) vor mir und guckt mich erwartungsvoll mit seinen Bambi-Augen an.

„Sie zu fragen, fällt wohl aus, nehme ich an?“ (das Kind nickt), „Das Beste ist, wenn du einfach nett bist. Und höflich. Und hilfsbereit und zuvorkommend. Und ihre Nähe suchst! Dann schnallt sie das irgendwann.“.

Oh, mein Gott, was rede ich da! Das Kind wird fünfzehn! Wann war „nett“ je in Teenagerkreisen ein USP?

Ausweglos am Ziel vorbei schwadroniere ich weiter: „Weißt du, der Papa hat mir immer die Tür aufgehalten, obwohl das damals auch nicht mehr modern war. Einfach jede. Ich habe nie eine Autotür selbst öffnen müssen, er ging immer zuerst zur Beifahrertür und hielt die mir auf. Er hat sich immer wie ein Prinz aus dem Märchen verhalten.“. Darf man das noch sagen? Wo doch heute alle Mädchen und Frauen alles selber machen wollen und können?

Ich bin überhaupt keine Hilfe! Ich seh schon, wie mich eine andere Mutter anruft und mich befragt, welche antiquierten Wertesysteme wir unserem Sohn vermitteln. Scheiße!

„Und was, wenn du ihr einen Brief schreibst? Oder ein Gedicht?“. Für mich hat nie einer ein Gedicht geschrieben.

Oh Henrike, du meines Herzens Gräte,

wenn ich dich in die Finger kriegen tun täte,

ich schmisse dich auf meine Liege!

Hat niemand je geschrieben.

„Warte, vergiss das mit dem Gedicht. Wahrscheinlich zeigt sie das all ihren Freundinnen und dann lachen die über dich.“. Vermutlich wäre das der beste Augenblick, mit der Wahrheit rauszurücken: Ich habe keine Ahnung! Das Kind schaut immer noch hoffnungsvoll. Meine Arme und Mundwinkel werden immer länger.

Soweit ich mich erinnere, geht es nur ums Überleben, wenn du fünfzehn bist und nicht zu den coolen Kids gehörst. Das Kind gehört nicht dazu. Klassenbester und Außenseiter.

Ich erinnere mich, dass ich jahrelang für einen Jungen mit wilder Frisur und irrem Blick schwärmte, der nur mit mir knutschte nach der Schuldisco, wenn wirklich, und ich meine wirklich, alle anderen Optionen noch weniger vielversprechend waren. Währenddessen…

In meiner Klasse gab es den *Max Mustermann (*Name aus Datenschutzgründen geändert), Klassenbester und altkluger Streber. Der hatte zu allem Überfluss eine schlimme Schuppen-flechte und kaute an den Nägeln. In der ersten Klasse saß der bereits neben mir auf der letzten Bank. Und tat Unerhörtes, was mich veranlasste, mich zu melden und entrüstet zu verkünden: „Frau Menke, der Max hat mich gerade geküsst!“. Ob es Sanktionen gab, weiß ich nicht mehr. Was ich weiß ist, dass er auf jedem Klassenfoto neben mir sitzt. Auf unserem Jugendweihefoto neben mir steht und selbst in der Tanzstunde… Ach, wem mache ich was vor? Er war jahrelang der Einzige, der sich für das kleine, sommersprossige Mädchen interessierte. Er hatte nicht den Hauch einer Chance, rückblickend war mir gar nicht klar, dass der mich wohl urst Bombe fand (Hätter mal ein Gedicht geschrieben!). Also wurde er auch mein Tanzstundenpartner, obwohl ich lieber jemanden mit wilder Frisur gehabt hätte. Der Max klebte meine gesamte Schulzeit an mir.

Ich hatte kein Auge für die Netten, die Strebsamen. Das ist das Privileg der Pubertät. Was Aufrührerisches muss her. Wenn man in der Ecke mit den coolen Kids steht, sowieso. Und auch sonst. Dann schielt man eben zur Ecke mit den coolen Kids, und will auch dort stehen! Beliebt sein. Vielleicht dann erst recht.

Wann hört das auf? Ich hab keine Erinnerung mehr, wann „nett“ nett wurde. Leise anstatt laut, feinsinnig anstatt draufgängerisch. Sommersprossen auf den Armen anstatt Tattoos. Ab wann man sich zurückerinnert, wie die eigenen erwachsenen Vorbilder miteinander umgegangen sind. Selektiert, was man davon selbst haben möchte und was ganz anders.

„Hm, ich weiß auch nicht, was Mädchen wollen. Früher wollten sie cool sein und total beliebt. Vielleicht wollen sie das auch heute noch. Oder nur einige von ihnen. Möglicherweise findest du gerade die toll, die dich überhaupt nicht sehen. Daran kannst du vermutlich auch nicht viel ändern. Aber ich weiß ganz sicher, dass das besser wird. Später. Es wird einfacher.“ (Lüge! Schamlose Lüge!)

Das Kind schaut jetzt entmutigt und in mir krampft sich was (Wehe, wenn dem eine das Herz bricht!).

Man kann sich nicht aussuchen, in wen man sich verliebt. Nicht mit fünfzehn, nicht mit fünfzig. Aber manchmal ist es der Mut, sich zu offenbaren, der einem anderen das Herz öffnet. Nicht nur in Liebesdingen. Aber da auch. Wenn ich daran denke, mit welchem Blick mein Vater meine Mutter stets ansah, diese Mischung aus Erstaunen, Bewunderung und Stolz. Dieser Blick, der sagte: „Du bist die Eine für mich!“, vollkommen wurscht, wie antiquiert diese Äußerung auch heute sein mag. Ehrliches Interesse signalisieren, vor allem Interesse an dem, was im Herz und im Kopf los ist. Nicht nur in der Hose.

Aber das kann ich doch meinem Kind nicht sagen! Nein.

„Weißt du, wir hatten einen Jungen in der Klasse früher, der hieß Max.“, „Gehörte der zu den Coolen?“, „Nein, überhaupt nicht. Ich weiß nicht, ob der überhaupt während der Schulzeit je eine Freundin hatte. Aber du, wenn ich den jetzt sehe bei den Klassentreffen, freue ich mich immer besonders! Und weißt du was, der ist heute Physikprofessor und schreibt Bücher und unterrichtet Studenten!“, „Heute ist der also cool?“, „Ich glaub schon.“.

Das Kind guckt erleichtert, erhebt sich vom Stuhl und im Gehen sagt er: „Vielleicht werde ich auch mal Physikprofessor!“.

Ich atme tief, ich hab´s überstanden…

In der Tür dreht er sich plötzlich um und fragt: „Und was ist mit Sex? Der Arthur sagt, Mädchen wollen immer Sex?!“. „Nein! Äh, manchmal! Aber doch nicht jetzt! Und auch nicht mit sechzehn! Also überhaupt erst… Hä?! Also, der Arthur ist ein Idiot, der hat gar keine Ahnung! Und ich muss jetzt auch mal mit der Wäsche weitermachen! Und wenn du unterwegs im Flur deinen Vater triffst, sag dem, nur weil ich mir eine goldene Handschelle habe anlegen lassen, braucht er nicht aufhören, die Türen für mich zu öffnen! Und die Erfindung der Zentralverriegelung ist überhaupt keine Entschuldigung für nachlässiges Verhalten. Und überhaupt! Wann hab ich denn das letzte Mal Blumen bekommen?! Ja, ich weiß, ich mag keine Schnittblumen, aber ich will trotzdem welche! Und Komplimente! Aufmerksamkeit! Gedichte. Sag dem das. Und außerdem will ich, dass der die Erde küsst, auf der ich wandle und mich wie eine Prinzessin behandelt! Pah, keine Ahnung haben, was Mädchen wollen!“.

Ist doch ganz einfach, oder?

Alter Falter…

Die bloggenden Familienväter vom Familienbetrieb und ichbindeinvater äußerten sich neulich sehr amüsant über Indizien des Älterwerdens und –seins bei Männern.

Nun ist das Altern bei Frauen weit weniger amüsant. Möglicherweise liegt das am spaßbefreiten Verhalten der Betroffenen. Am schockstarren Verdrängungsbemühen oder am Geruch der Verzweiflung, der aus den Schals wabert, die um faltige Frauenhälse geschlungen werden. Oder Loops.

Ich kenne mich da aus. Ich bin betroffen.

Außerdem habe ich in diesem Monat schon wieder Geburtstag. Gefühlt habe ich alle zwei Monate Geburtstag und mein genaues Alter muss ich manchmal anhand meines Geburtsjahres nachrechnen. Und manchmal beschleicht mich der Verdacht, dass dort ein Fehler vorliegen muss. Auch der Beste meinte vor kurzem erschrocken: „Wiiiie alt wirst du?! Fünfundvierzig?! Du wirst doch nicht fünfundvierzig …Oder?“.

In der Rolle als Mutter spielt mein Alter für mich absolut keine Geige. Mein Löwinnenherz bubbert kein bisschen schwächer als vor fuffzehn Jahren. Beruflich nicht, auch wenn es mich stets amüsiert, dass man in der meinigen Branche mit Mitte Vierzig irgendwie Chef ist oder die Branche wechselt (Als würden mit dem Bindegewebe auch die kreativen Ideen flöten gehen.). In meiner Rolle als Partnerin ebenso nicht, diesbezüglich bin ich ein Glückspilz! Aber.

Ich erinnere mich an ein Buch über Marlene Dietrich, in welchem geschrieben stand, dass die Diva die letzten Jahre ihres Lebens auf und in einem Bett verbrachte, umgeben mit den Dingen des täglichen Bedarfes. Sie hat Jahrzehnte das Haus nicht verlassen, damit niemand sie derart gealtert und entstellt sah. Sie ließ sich telefonisch von irgendwelchen Verehrern anflirten und flüchtete so träumerisch in vergangene Zeiten.

Es gab Tage, da erschien mir dieses Verhalten vollkommen logisch.

„Alter“ bekam ich mit neununddreißig. Am allerschlimmsten waren die Tage vorm vierzigsten Geburtstag. Ich habe mir jegliche Feierei zu diesem traurigen Anlass verbeten und musste dann auch noch fluchtartig mein Heim verlassen an diesem beklagenswerten Tag, weil renitente Freunde der Meinung waren, wenn ich schon nicht ans Telefon gehen wöllte, kämen sie eben vorbei und es ginge doch wohl nicht an, dass ich hier klammheimlich vierzig würde ohne Party! Und hier ist der Schampus (Es war morgens um neun!). Ich floh und sah mir mit tränenfeuchten Augen in Anbetracht meines in Bälde zu erwartenden Endes die damals in der Stadt verweilende Plastinatenausstellung an und fand, das sei die passendste Art, diesen Tag rumzubringen.

Wir altern ja unser ganzes Leben, aber das Altern im Alter ist so fies, weil die Hülle überhaupt nicht mehr zum Inhalt passen will. Ich meine, ich bin kein bisschen anders als mit dreißig, sehe aber nicht mehr aus wie dreißig! Was für eine Scheiße. War ich vor fünfzehn Jahren beim Arzt, saß ich einem grauhaarigen Mann mit dicker Brille und weißem Kittel gegenüber. Heute sitzt da ein junges Frollein und erzählt mir irgendwas über meine Blutdruckwerte und ich möchte sie unterbrechen: „Was wissen sie in ihrem Alter denn schon über Blutdruck?! Haben sie überhaupt schon ihr Medizinstudium beendet?!“. Ging ich früher zum Arzt, bekam ich Hustensaft und Vorträge über die Schädlichkeit des Rauchens. Heute bekomme ich Infobroschüren über Mammografie und Darmkrebsvorsorge. Daran ist nichts Würdevolles.

Noch vor einiger Zeit witzelte ich, das einzige, worauf ich mich jetzt noch freuen könne sei der Umstand, dass es ja nicht mehr allzu lange dauern würde, bis mich morgens ein knackiger Zivi weckt mit den Worten: „Guten Morgen meine Teure! Jetzt wolln wir sie mal waschen.“. Geschmacklos? Ach komm, hör doch auf!

Jetzt, wo es keine Zivis mehr gibt, bin ich auf einen neuen Trichter gekommen: Ich stell mich mit einem Stock an die Ampel und wenn ein Pralinchen vorbeikommt, hänge ich mich flugs an seinen muskulösen Arm und lass mich über die Straße geleiten, den Duft der Jugend für einen kurzen Augenblick einatmend (Ich sags euch, wenn ich das nächste Mal eine Omi an der Ampel warten sehe, rempel ich die an und zische: „Ich weiß genau, was du vorhast, SCHWESTER!“).

In Würde altern. Ich habe noch nie begriffen, was das denn nun bedeuten soll. Ich vermute, den Begriff haben Leute geprägt, für die auch früher nie der Spaß im Vordergrund stand. Und man kann sich tierisch über sexuelle Belästigung aufregen, aber es kommt die Zeit, in der man sich dann fragt, was genau das eigentlich noch mal war… Wenn einem früher nie die Bauarbeiter hinterhergepfiffen haben, dann vermisst man das logischerweise auch nicht. Wenn es heute von einem Gerüst pfeift, bin ich sicher, nicht gemeint gewesen zu sein. Ganz sicher. Und es trifft mich, so ungern ich das auch zugebe (Bitte keine professionellen Pfeifer zum Geburtstag!). Wenigstens stehe ich mit diesem Phänomen nicht alleine da, wie sich treffend beschrieben bei Mamaarbeitet nachlesen lässt.

Wenn man nicht Madonna heißt, hat man als Frau irgendwann ein Marketingproblem. Auf dem Flirtmarkt zumindest. Es gibt diesen „Double standard of aging“, auf den Simone de Beauvoir schon in den Siebzigerjahren hingewiesen hat: Alle Altersindizien werden bei Frauen ungleich unattraktiver eingeschätzt. Natürlich hat das alles seine evolutionsbiologische Richtigkeit, fies ist es trotzdem! Zu Fortpflanzungszwecken wird die ältere Frau primär nicht gebraucht und wenn man der Großmutter-Hypothese der biologischen Anthropologie Glauben schenken will, überleben wir Weiber die Menopause nur deshalb, weil wir einen positiven Einfluss auf die Überlebensrate unserer Enkel haben können. Und dafür braucht man kein schmuckes Gefieder. Na, vielen Dank!

All diese Gedanken schlichen durch mein von einer faltendurchzogenen Haut umspanntes Gehirn. So um den vierzigsten Geburtstag rum.

Die gute Nachricht: Es gibt ein Leben danach.

Der fünfundsiebzigjährige Freund meiner Mutter erzählte gestern vom letzten Urlaub und meinte, es sei furchtbar gewesen. Lauter alte Leute, es hätte nur noch ein Bestattungsunternehmer gefehlt! Auf den Einwand meines Sohnes hin, er sei doch selber alt, erboste sich der Jung-Opa: „Ich bin doch nicht alt! Alt bin ich vielleicht in zwanzig Jahren. Aber jetzt auf gar keinen Fall! Ich bin zu jung für Seniorenteller!“. Sehe ich ganz genauso.

Offiziell zähle ich nun zu den „middle agern“ aber für mich heißt das, ich habe gerade mal die Hälfte rumgebracht! Und ich lasse mir nicht einreden, dass die zweite Hälfte spaßbefreit in beigen Gesundheitsschuhen mit ondulierter Kurzhaarfrisur zu absolvieren ist. Ist es angemessen, alle Hotpants wegzuschmeißen am vierzigsten Geburtstag? Oder schon am fünfunddreißigsten? Kiessertraining statt Freeclimbing? Langlauf statt Snowboard. Ab wann? Und warum sollen mir jetzt Männer über fünfzig gefallen? Die sind alt! Und haben in vielen prominenten Männern Scheißvorbilder. Wie alt ist denn die Dingsbums von dem ihr-wisst-schon? Zwanzig, fünfundzwanzig? Das wird schon seine Gründe haben, dass den keine Gleichaltrige wollte…

In diesem Sinne: Hoch die Tassen! Auf eine lustige zweite Halbzeit. Nicht umsonst wachsen uns im Alter Sonnenstrahlen um den Augen, oder?

Ein Hotel am Meer

Der Bärtige wollte seiner ihm Angetrauten, die auch als „die Meersüchtige“ bekannt ist, eine große Freude bereiten und hatte die kleine Familie über den Jahreswechsel in ein Hotel an der Ostsee eingebucht.

Und die Freude war groß!

Jetzt ist alles vorbei, die Waschmaschine röhrt bereits seit Stunden verzweifelt und ich sitze hier mit frischen Erinnerungen zwischen unausgepackten Tüten…

Gemeinsamer Urlaub ist ja bei uns immer etwas… nun ja, spannend. Da wir so vollkommen verschiedene Urlaubs- und Reisetypen sind, ist alles eine Challenge. Von der Planung über die Anreise, das Verhalten vor Ort, die Liste ist beliebig erweiterbar. Eines ist es jedenfalls nie: Langweilig!

In der Pack-Phase beäugte der Allerbeste bereits ängstlich und argwöhnisch die größer werdenden Haufen auf unserem gemeinsamen Bett. Er selbst war schon tagelang fertig mit der Packerei: Zwei Shirts, ein Hemd, Socken, Boxerdingsbumse. Dreißig Kubikzentimeter. Er hätte also problemlos mit einem Kulturbeutel reisen können.

Ich brauche stets den kompletten Platz unseres Kofferraumes. Und alle Fußräume im Auto!

Normalerweise steuern wir zur familiären Erholung Ferienhäuser an, beladen mit quasi allem. Und da das so drin steckt in mir, ging ich vor nach Schema F: F… ielleicht brauch ich das. Alles musste mit. Ich rechne bei der Packerei immer praktischerweise in Ikea-Beuteln: Ein Sack pro Person, ein Sack zusätzlich für Kosmetikartikel, ein Sack für Spiele, Zeitschriften, Bücher, und zwei Sack als Reserve für das Gedöns von mir, das dann doch nicht in die anderen Beutel passte (Meine ausgeprägte Vorliebe zu blaugelben Plastiksäcken ist bekanntermaßen grenzenlos und das Auto lässt sich damit prima nach dem Tetris-Prinzip beladen.).

Der Bärtige meinte allerdings, in ein Hotel könnten wir so nicht anreisen, wie sähe das denn aus?! Und er überraschte mich mit der Aussage, er habe die Koffer aus dem Keller nach oben geholt. Ich war neugierig. Denn, Koffer als Plural? Soweit ich mich erinnere, besitze ich ein kleines silbernes Hartschalen-Dienstreise-Köfferchen und er einen achtzig Liter- Rucksack. Das wars.

Koffer? Welche Koffer?

Ich weiß nicht, aus welchen Kellerecken er die Schmuckstücke geborgen hatte, mit denen wir dann später stilecht verreisten, aber ich bedaure jetzt gerade sehr, euch kein Foto präsentieren zu können! Er hatte eine ramponierte schwarze Reisetasche gefunden, die ich noch nie gesehen hatte. Eine weitere Reisetasche bestach mich mit ihrer grellblauen Farbe, die meine Augen bluten liess und weil das noch nicht gereicht hätte, prangte riesengroß ein Aufdruck vorn drauf: TECHNO (Ich datierte aufgrund des Prints das Herstellungsdatum in die frühen Neunziger). Der absolute Knaller aber war ein großer Koffer mit Camouflagedruck. Ein wunderschönes Stück! Vielleicht aus dem Armeefundus? Ich weiß ehrlich nicht, wie wir in den Besitz dieses Teils gekommen sind, aber damit stand also die Reisegarderobe fest. Und wahrlich: Wesentlich spektakulärer als Ikea-Beutel!

Unser Familienhotel am Meer erwies sich als eine Appartmentanlage irgendwo auf einer riesengroßen Wiese. Das Meer war drei Kilometer entfernt, aber nur Luftlinie und auch nur dann, wenn man nur jeden zweiten Meter zählt. In Wahrheit musste man lange mit dem Auto fahren, um Wasser zu sehen. Das war etwas betrüblich. Aber ansonsten hatten wir sehr viel zu lachen. Und fühlten uns auch ab dem ersten Tag wie zu Hause: Der Beste reparierte erstmal die Außenjalousien und ich organisierte feuchte Reinigungstücher und putzte den Dreck mehrerer Vorgangsbelegungen aus dem Appartment. So kann man sich die Zeit vertreiben. Was soll man auch machen, wenn es draußen wie aus Eimern schüttet, stürmt, dass die Balkonmöbel in der Gegend rumfliegen und man sich Steine in die Taschen stecken muss, damit man nicht davonfliegt. Weit aufs Meer.

An die Appartmentanlage angeflanscht war ein Schwimmbad, welches wir selbstverständlich täglich frequentierten. Auch weil in Ermangelung eines funktionierenden WLANs keinerlei anderweitige sinnvolle Freizeitgestaltung („Scheiße! Ich wollte hier bloggen! Jetzt kann ich nicht mal einen Beitrag bei Facebook öffnen!“. „Papa, ich will sofort nach Hause! Was soll ich hier bloß eine Woche lang ohne Internet machen?!“) möglich gewesen wäre.

Ich hasse Schwimmbäder!

Wenn ich in dem lauwarmen Babybecken saß, wurde mir ständig klar, dass Schwimmwindeln eigentlich nur Makulatur sind und schon zwei Hosenscheißer ausreichen, um das Wasser vollständig zu kontaminieren. Weil alles Wasserlösliche ausgeschwemmt wird. Irgendwann. Und dann diese Leute! Überall diese Leute! Ständig wollte ich schreien: „Mensch, verhülle dich!“. Faltiges oder wucherndes fahles Fleisch, notdürftig behangen mit unzureichend Stoff. Rudimentärer Fellbesatz. Ich will das nicht sehen! Am widerlichsten sind die, die nah an einem vorbeiwaten, während man im Babybecken sitzt und notgedrungen fluchtunfähig nur seufzend die Augen verschliessen kann und leise bitten: „Geh vorbei. Geh schnell an mir vorbei!“. Und diese Bademäntel! XXL, selbstverständlich. Wenn ich die Treppe ins Bad herunterwandelte, sah ich aus wie eine Braut, die eine drei Meter lange Schleppe hinter sich herzieht. Oder eben wie eine hutzelige Zwergenfrau, die vier Kilo Stoff die Stufen herunterwuchtet, ein Kleinkind auf der Hüfte sitzen hat und verzweifelt versucht, sich im Frottee nicht zu verheddern. Wenn ich einmal um das Becken geschlurft bin, brauchte der Bademeister nicht mehr wischen. Ich putzte mit meinem Bademantel.

Beim Essen hatten wir auch unseren Spaß. Ich eigentlich weniger, weil mich derartige Menschenansammlungen doch sehr erdrücken und ich mich ungern in eine Schlange stelle, um mir meinen Teller befüllen zu können. Diese „all you can eat“-Mentalität versaut mir den Appetit. Drei Teller vollbeladen („Ham wir schliesslich alles bezahlt!“) und dann die Hälfte wegschmeissen… Aber ich konnte doch gelegentlich schmunzeln über die Mitanwesenden (Sachsen in der Überzahl) oder das Personal, das uns stets freundlich begrüßte, aber ganz egal, ob man ein Wasser wollte, einen Hochstuhl ordern oder einfach nur eine erotische Fußmassage bestellen, stets antwortete: „Bitte warrrrten sie meine Kollega!“. Und zwar alle! Und so organisierten wir uns den Hochstuhl selber, tranken nichts zum Essen und das dritte hab ich sowieso erfunden.

Selbstverständlich verfuhren wir uns wie immer bei jeder sich bietenden Gelegenheit und ebenso selbstverständlich verweigerte der Beste die Benutzung des (zu unserem Besitz gehörenden, während der Fahrt stets in greifbarer Nähe befindlichen) Navigationsgerätes: „Ich brauche das Scheißnavi nicht! Ich WEIß, dass ich falsch abgebogen bin!“, und fährt dann noch zweimal falsch in irgendeine Straße. Sehr amüsant. Außer, wenn man Hunger hat und in der Pampa einen Burgerladen sucht. Oder eine Pizzaria. Oder eine Tankstelle, die Brötchen verkauft…

Schön war auch, als ich für unseren letzten Tag etwas ganz besonderes rausgesucht hatte. Ein Einheimischer hatte mir einen Tipp gegeben. Es sollte da irgendwo ein romantisches Fischerdorf sein, total versteckt, noch nicht mal die Russen hatten das nach dem Krieg gefunden (Im Nachhinein bin ich sicher, die hatten gar nicht gesucht!). Das romantische Dörfchen war überrannt von vornehmlich sächsischen Touristen, behangen mit teuren Kameras, die der Weihnachtsmann eine Woche vorher gebracht hatte. Man sah das Meer kaum vor lauter Leuten, die posend auf umgestülpten Booten standen und sich fotografieren ließen. Überall roch es nach öffentlicher Toilette. Ich nehme an, der Einheimische hatte sich einen derben friesischen Witz erlaubt mit mir. Und dabei hatte ich meinen ultimativen Ausflugstipp derart beworben und wollte Romantikbonuspunkte sammeln!

Aber wir haben ein wundervolles Stückchen Welt am Strand gefunden. Am Neujahrsmorgen in Lohme. Keine Sau da. Nur wir. Und das Meer. Hach, war das schön ❤

Aber ihr braucht da gar nicht mehr hin, jetzt wissens ja alle!

IMG_1956

 

 

 

Oh du fröhliche… letzter Teil

Draußen stürmt und regnet es bei apriligen acht Grad, aber das botanische Weihnachtsorakel lügt nicht: Es ist soweit.IMG_1924Der „Geist der vergangenen Weihnacht“ war in den letzten Tagen bei mir zu Besuch.

Ich habe mich an die Familienfeiern früher erinnert. Ich musste immer Mittagschlaf halten und durfte die „Stube“ nicht betreten, bis mich jemand holte! Ewig habe ich gewartet und die Kerzen am Baum schon durch die Butzenscheiben unserer Wohnzimmertür glitzern sehen. Kartoffelsalat und Würstchen, an den Feiertagen dann Gans und Pute. Mit Rotkohl.

Ich erinnerte mich an ein Weihnachtsfest auf den Malediven mit Sonnenbrand, pinkfarbenen Desserts und Palmen voller Christbaumkugeln. Und daran, dass ich danach behauptete, das sei die allerblödeste Idee von allen gewesen! Weihnachten im Warmen. Tss.

Ich erinnerte mich an das allererste Weihnachten mit dem Bärtigen. Siebzehn Jahre ist das nun her. Da wir uns im Januar gefunden hatten, war unsere junge Beziehung im darauffolgenen Dezember schon stabil und wir beschlossen, für uns und die Ewigkeit unsere eigenen Weihnachtstraditionen zusammenzuzimmern. Der Weihnachtsbaum kommt bei uns am ersten Advent und fliegt am siebenundzwanzigsten Dezember raus! Ja, Schatz, super Idee. Wir machen keine Ente, wir machen… äh… Fisch?! Klasse, Schatz! Oder griechisch? Auch super! An unserem ersten gemeinsamen Heiligabend saßen wir zwei alleine in unserem Stübchen mit unserem Bäumchen und um mich herum lag einfach alles, worauf in den vergangenen elf Monaten mein Blick länger geweilt hatte. Eine Honigdose aus Holz zum Beispiel, daran erinnere ich mich genau… alles hatte er gekauft aus lauter Liebe und dem Wunsch, mich glücklich zu machen. Dabei war er damals noch Lehrling und hatte gar kein Geld! Am Ende schleppte er eine Waschmaschinenkiste an und ich dachte mir, oh mein Gott, wieso schenkt der mir jetzt eine neue Waschmaschine! Aber nein, irgendwo zwischen Knüllpapier lag ein Silberkettchen in einer Schachtel. Und wie er da stand mit glänzenden Augen. Ich bekomme gleich Schnupfen…

Wir haben in all den Jahren unsere Zweisamkeit an diesen Tagen versucht vehement zu verteidigen. Das hat nicht immer geklappt. Eigentlich war das spätestens dann zum Scheitern verurteilt, als wir Eltern wurden. Auch den heiligen Heiligabend ließ man uns nicht. Aber ich erinnere mich, dass ich in jedem Jahr nur dem Besten in die Augen sehen brauchte und las: Warts ab, irgendwann sind wir allein und dann ist unser Heiligabend! Wir haben auch nach jedem Fress- und Feiermarathon geschworen, wir würden das im neuen Jahr anders machen…

Es wurde irgendwann von alleine anders. Und unsere Traditionen auch. Die sind mittlerweile etabliert. Wir haben immer am ersten Advent bereits den Baum und Tante Baum fliegt nach wie vor am siebenundzwanzigsten aus dem Fenster. Wir sind am Heiligabend bei uns daheim. Punkt. Es gibt Wunschessen, egal, was das nun gerade ist. Wir gehen zum Krippenspiel, spazieren durch den Abend und freuen uns an den Lichtern und erleuchteten Fenstern. Die Geschenke werden erwürfelt: Wer eine Sechs wirft, darf ein Geschenk mit seinem Namen unter dem Baum vorziehen. Wir spielen immer ein Brett- oder Strategiespiel. Und wir schauen „Schöne Bescherung“ mit Chevy Chase. Immer! Obwohl wir alle Dialoge mitsprechen können („Das gibt keinen Abrass, Drucki!“), gehört dieser Film zu unserem Weihnachten.

In diesem Jahr erfüllt mich das mit Wehmut und ich fühle mit Clark Griswold, der sich so sehr bemüht, seiner Familie ein unvergessliches Weihnachtsfest zu bescheren und von einer Katastrophe in die nächste schlittert. Denn, ganz ehrlich, so entspannt, wie wir das uns in jedem Jahr vornehmen, wird es natürlich nicht. Denn ich bin ja auch noch da! Und drehe durch, egal, was ich mir selbst für Vorsätze aufdiktiert habe. Ich bin der Clarky dieser Familie, der zwei Kilo Butterschmalz verbäckt, notfalls morgens zwischen vier und sechs. Der Weihnachtskarten selber bastelt und dann keine Zeit mehr findet, die rechtzeitig zu verschicken. So einer bin ich. Ich liebe diese Familie so sehr und will einfach, dass jedes Weihnachten unvergesslich wird und dass meine Kinder ihren Kindern irgendwann erzählen, wie schön das damals zuhause war (Ich rede auch schon wie Clark Griswold). Mit den unausweichlichen Folgen. Ich liebe Weihnachten! „Sie war stets bemüht, wenn auch übereifrig.“, steht bestimmt auch in diesem Jahr auf meinem Weihnachtszeugnis.

Die Kinder regulieren mich. Am letzten Heiligabend bin ich allein abends mit einem schreienden Baby in der kalten Dunkelheit rumspaziert, die beiden anderen Jungs lagen krank in ihren Betten. „Weißt du noch? Am ersten Weihnachten mit dem Großen warst du auch so lange krank.“, erinnert sich der Bärtige, als ich mich neulich beschwerte, ich käme vor lauter Grippewellen gar nicht mehr auf die Füße. Bin ich gesund, kränkeln die Kinder. Sie bremsen mich ab. Sie lenken meinen Blick auf das Wichtige. Gut so!

Dabei bin auch ich vom Geist der Weihnacht beseelt. Ich muss den Glauben nicht teilen, um der christlichen Weihnachtsgeschichte mein Herz zu öffnen und sie zu verstehen und danach zu handeln. Und wenn wir in der Adventszeit durch die Straßen spazieren und ich mich so an den geschmückten Fenstern erfreue und manchmal einen Hauch Vanillekipferlduft aus einem Küchenfenster schwappt, dann denke ich an meine liebste Weihnachtsgeschichte: „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“ von H.C.Andersen. Und ich weiß genau, dass ich diejenige bin, die hinter dem Fenster sitzt. Die mit dem Baum, dem leckeren Braten und dem warmen Ofen. Und dass dieses kleine Mädchen mit den Zündhölzern genau wie die heilige Familie in der anderen Weihnachtsgeschichte eine Botschaft ist. Dass es Menschen gibt, die vor dem Fenster stehen. Und ich weiß das auch im Sommer. Im Frühling und im Herbst. Nicht nur an Weihnachten.

Ich wünsche euch allen besinnliche Feiertage! Ein Fest in Frieden und Gesundheit, ohne Hunger und Angst. Ein großes Glück. Das wünsche ich euch. Und uns.

IMG_1832

 Ende.

 

kleines Intermezzo

Weihnachten hin, Erkältungswelle her, wir haben auch noch ein Familienleben und das gilt es zu pflegen!

Besonders die frühkindliche Spracherziehung liegt mir ja sehr am Herzen. Heute habe ich mich mit dem Jüngsten auf seinen Spielteppich begeben und mich dessen motorischer und linguistischer Talententwicklung gewidmet. „Drachenfutter“ heißt das Spiel, das dazu zum Einsatz kam. Zuerst las ich dem Kinde die Spielanleitung auf spanisch vor. Dann auf italienisch. Das Kind zeigte sich nicht nur wenig interessiert, nein, das Anarcho-Baby missachtete auch gänzlich alle Regeln. Es schmiss die Spielsteine einfach in der Gegend rum und verteilte sie ohne erkennbares Muster in verschiedenen Schiebern, Kisten und Gefäßen. Jede versuchte Intervention meinerseits wurde mit Knurren seinerseits quittiert.

Da der Jüngste ganz offensichtlich nicht daran interessiert war, mit mir gemeinsam zu spielen, habe ich mich dem Studium der Anleitung hingegeben. Wenn der schon nichts lernen will, kann es auf gar keinen Fall schaden, mich selbst fremdsprachlich weiterzubilden. Den Spielnamen auf italienisch kann ich bereits. So freue ich mich mitteilen zu dürfen, dass ich zum Heiligabend meiner lieben Schwiegermutter das Essen hinsetzen kann mit den Worten: „Das ist extra für dich. Das nennt sich ´Vinciamo insieme`!“. Auch den ersten Satz der Spielanleitung werde ich auf italienisch auswendig lernen und wenn mir beim nächsten Pizzariabesuch der Piccolo die Karte aus den Fingern reißt und wissen will, was ich zu speisen wünsche, werde ich weltfraulich die Hand heben und verlauten lassen: „Tutti i contenitori vengono esposti su un tavolo!“ (Alle Töpfe auf den Tisch stellen; steht zumindest an der entsprechenden Textstelle der deutschen Spielanleitung).

Bei der holländischen Übersetzung fängt bereits der Name des Spiels meine volle Aufmerksamkeit: Drakenvoedsel.

Interessant!

Ich beschließe, dass ich ab jetzt genug Anglizismen im Sprachgebrauch habe und dass es Zeit wird, besonders dem Holländischen eine Chance zu geben, mein Alltagsdeutsch zu unterwandern. Und ihr könnt das auch! Wenn ihr beispielsweise Dinnergäste über die Feiertage habt, könnt ihr mit euerm neuerworbenen Wissen glänzen und die Besucher nach dem Essen fragen, wie ihnen denn das Voedsel geschmeckt hat.

Ich jedenfalls werde den Bärtigen jetzt zum Essen rufen: „Schatz, komm in die Küche! Dein Voedsel wartet.“. Na, der wird Augen machen…

 

Oh du fröhliche… Teil 4

Was bisher geschah…

Türchen eins

Die erwiesenermaßen erfolgversprechendste Maßnahme, um sich in liebestrunkene Adventsstimmung zu bringen, ist das Schmusen mit Kleinkindern. Dazu stellen sie sich mit einem Baby auf dem Arm unter einen Mistelzweig und wiegen sich schnüffelnd und küssend einige Male hin und her.

Mistelzweig, zum Drunterstellen (Beispiel)

Mistelzweig, zum Drunterstellen (Beispiel)

Wenn sie selbst nicht im direkten Besitz eines Kleinkindes sind, fragen sie kinderreiche Freunde, ob sie bei denen als Aushilfsschmuser tätig werden können. Sollten ihnen ihre egoistischen Freunde kein Baby überlassen wollen, so wickeln sie sich ein altes Schaffell um den linken Unterarm (Linkshänder nehmen den rechten Arm. Unterlassen sie dabei die Versuche, sich selbst fotografieren zu wollen, das wird nüscht.)

Lammfellunterarmschmuseatrappe

Lammfellunterarmschmuseatrappe

Wiegen sie die Schmuseattrappe in ihrem unbefellten Arm, bis die gewünschte Intensität des Weihnachtsgefühls eingetreten ist.

Viel Erfolg!

So oder so ähnlich hatte ich mir das möglicherweise vorgestellt, als ich vor tausend Wochen anfing, mich auf den Advent zu freuen und plante, Euch mit einem Adventskalender der anderen Art zu erfreuen. Und was kriegt ihr stattdessen? Jammernde, larmoyante, ningelnde Wochenberichte über das defizitäre Gesundheitsbefinden der Nieselpriemfamilie. Und ich krieg die Erkältungswelle nicht aus dem Haus. Tja, so ist das mit dem Wünschen.

IMG_1879

Weihnachtsstimmung am Küchentisch (Ideal)

IMG_1880

Weihnachtsstimmung am Küchentisch (Realität)

Zwischen Gehetze von Kinderarzt eins (mit Kind eins) zu Kinderarzt zwei (mit Kind zwei) und Zwischenstopp beim Erwachsenenarzt versuchen wir Erwachsenen schlapp und krankheitsgebeutelt an der familiären Weihnachtsstimmung zu arbeiten. Ich moser wirklich bemüht an dem Besten rum und der reagiert sich an wehrlosen Haushaltsgegenständen ab. „Was hast du jetzt hier wieder für eine Scheißlampe in die Küche gehängt! Die Birnen sind alle kaputt!“, „Warte doch mal, das sind Halogen-Lampen!“, „Ja, hallo-gehn-die-auch-irgendwann-an-Lampen!“, „Du Idiot! Hör auf, dagegen zu kloppen! Das ist eine italienische Design-Lampe!“, „Eine italienische die-sein-Scheiße-Lampe ist das!“. Und später heute: „Komm, mach hinne! Los, alle Mann ins Wohnzimmer! Wir müssen die dritte Kerze anmachen! So, schönen Advent euch allen und ich muss jetzt los. Hopp hopp, Kerze auspusten! Du spinnst wohl, Kerzen an im Haus, wenn ich nicht da bin?! Das geht ja leider nicht mit dir!“.

offene Flammen (unter Aufsicht eines Erwachsenen)

offene Flammen (unter Aufsicht eines Erwachsenen)

So, weil der dritte Advent ist, singen wir jetzt alle zusammen noch ein Weihnachtslied! Und ich pfeife dazu. Auf dem letzten Loch 😉

Fortsetzung folgt…

Oh du fröhliche… Teil 3

Was bisher geschah…

Unser Advent riecht nach wie vor nach Eukalytusbonbons. Das Baby ist krank und bringt sich und seine Eltern um den Schlaf, das Großkind hat gefühlt jeden Tag zwei Klausuren in der Schule und drei Vorträge, die vorbereitet werden wollen. Die Nerven aller liegen blank. Das einzige das bei uns läuft, sind die Nasen. Die Gänsekeulendichte liegt bei… Null. Ebenso die Anzahl der gebackenen Plätzchen und der besuchten Weihnachtsmärkte. Ach, und geschriebene Weihnachtskarten ebenfalls Null. Facebook kann ich als Grinch wider Willen gar nicht mehr aufmachen, es weihnachtet von allen Profilen. Guck, schaut her! Wir haben gebacken, die zwölfte Sorte! Da, unser Baum! Hier, ein Adventsgewinnspiel! Das bin ich auf dem Weihnachtsmarkt! Und hier am Nordpol bei den Elfen! Kling, Glöckchen, klingelingeling…

Zeit, abzuhauen!

Zum Mädelsabend an der Eisbahn auf dem Weißen Hirsch. Warmes Lächeln, heiße Getränke. Und während die eine Hälfte der Truppe übers Eis flitzte, saß ich mit Beatrix und Apfelpunsch am Feuer und freute mich, dass sich die Umlaufbahnen unserer Leben mal wieder für ein paar Stunden gekreuzt haben. Hach, dieser Abend hatte so alles, was ich mir unter Adventsstimmung vorstellte.

IMG_1886

IMG_1887 IMG_1889 IMG_1890 IMG_1891 IMG_1894

Später am Abend zu hause habe ich dann den Ofen angefeuert und mich mit einer dicken Decke und meinem Strickzeug auf der Couch zusammengerollt. Mir war ganz weihnachtlich. Im Fernsehen kämpfte Tom Hanks ums Überleben auf einer einsamen Insel. Ich sah dem von der warmen Couch aus zu. Wie er schweißtriefend versuchte, Feuer zu machen. Nun, da war ich bereits einen Schritt weiter, bei mir prasselte ein loderndes Feuerchen und wärmte meine Eis (-bahn)- kalten Füße.

Aber aus irgendeinem Grund bekam ich einen fiesen Reizhusten. Das nervte. Und dieses eklige Krabbeln im Hals! Und stank es nicht erbärmlich?

Etwa gegen zehn Uhr führte Tom Hanks eine fachmännische Wurzelspitzen-Resektion mittels eines Schlittschuhs bei sich durch, da passierte es: Der Rauchmelder im Wohnzimmer ging über meinem Kopf los! Tom Hanks schrie. Ich schrie! Tom Hanks fiel in Ohnmacht. Ich sah durch einen gräulichen Schleier (Wieso war der mir nicht vorher aufgefallen?) meinen hauseigenen Feuerwehmann mir zur Hilfe eilen. Versiert sprang er auf einen Hocker, klatschte den Rauchmelder aus, sprang herunter, riss die Balkontür auf, sprang zum Ofen und balancierte die Kerzen und das Dekogedöns, das ich auf dem Öfchen drapiert hatte, auf ein Tablett.

Ach ja, die Kerzen… und ein bronzenes Krönchen. Und Kaminhölzer. Viele. Alles lag auf dem prasselnden Ofen! Oh Gott, was hab ich schon wieder angestellt…

Die Kerzen hatten sich der Wärme hingegeben und deren Wachs ist konsequent und in rauhen Mengen in die Lüftungsschlitze des Ofens gelaufen, wo er verdunstete und vor sich hinqualmte!

Ich stand zitternd und stocksteif wie Loth´s Weib mit meinem Strickzeug in den Händen inmitten der qualmenden Bude, die Augen aufgerissen. Der Mann sagte gar nichts. Kein: „Wie blöd muss man sein, Kaminhölzer auf dem Ofen liegen zu lassen?! Und überhaupt: Stumpenkerzen auf dem Ofen! Die ganze Deko fliegt jetzt achtkantig direkt in den Ofen!“. Er handelte einfach nur und beseitigte mein Chaos (In diesem Moment liebte ich ihn sehr. Sehr sehr. Viel mehr konnte ich auch nicht machen, ich war mit Zittern vollends beschäftigt.).

Advent, Advent, die Bude brennt. Beinahe hab ich´s geschafft. Mal wieder. Der geneigte Leser wird vielleicht noch folgende Geschichten vor Augen haben: „Der Haushalt hasst mich!“ und „Das Gegenteil von gut ist gut gemeint“.

Am Sonntag zündet ihr die zweite Kerze an im Kreise eurer Lieben. Ich werde ein Bild von zwei Kerzen basteln… oder mir ein Ausmalbild ausdrucken. Ich will hier nur noch unbeschadet raus! Und kann vielleicht jemand meine Kinder vor mir in Sicherheit bringen?

Fortsetzung folgt…

 

Oh du fröhliche… Teil 2

Was bisher geschah…

Die Vorbereitungen

Um nochmal kurz Luft zu holen, waren wir Drachen steigen an der Elbe. Unserer ist kaputt. Also alle beide. Das haben wir dann beim Auspacken festgestellt. Wir haben sie eingepackt und erneut in unseren Keller getragen. Damit wir nächstes Jahr im Herbst wieder zum Drachensteigen gehen können…

IMG_1782IMG_1778

Mit der Dampfente die komplette Behausung porentief gereinigt. Wenn ich schon alles schmücke, dann soll es doch bitte nicht in den Ecken aussehen wie bei der Familie Hempel mit dem berühmten Sofa. Zwischendrin habe ich festgestellt, dass wir auf zu großem Fuße leben. Hinter jeder Türe verbarg sich ein weiteres staubiges Zimmer. Habe errechnet, dass pro Person fünf Quadratmeter zum Leben reichen sollten. Zuzüglich zehn Quadratmetern zur allgemeinen Verfügbarkeit. Mache mich ab Januar auf die Suche nach einer neuen, dreißig Quadratmeter großen Wohnung für uns.

Ich orderte beim Kellerbeauftragten die Weihnachtskisten. Der Mann sagte, später. Verlangte fünf Minuten später erneut nach den Kisten, er behauptete, später wäre deutlich später. Erwäge nun, eine Umzugsfirma zu beauftragen, die fünf Umzugskisten aus dem Keller zu holen. Dann könnten sie gleich die kleine Sporttasche mit den paar Habseligkeiten des Bärtigen auf dem Rückweg wieder mit nach unten nehmen und vors Haus stellen…

IMG_1821

botanisches Weihnachtsorakel

Vom Entkalker brennen meine Atemwege, vom Putzmittel sind die Hände aufgesprungen. Der Blick auf das botanische Weihnachtsorakel bestätigt: Nö. Weihnachten ist noch weit. Nirgendwo ist etwas von Adventsstimmung zu verspüren. Weine mich leise in den Schlaf.

Die Weihnachtskisten wurden doch noch geliefert. Bei der Androhung, dem faulen Mann eigenhändisch mittels der noch im Weg rumstehenden Dampfente eine Darmreinigung zu verpassen, konnte er es irgendwie zeitlich einrichten.

Erkläre der Familie einige Tage später, in diesem Jahr würde das anders laufen mit dem Advent. Wir bräuchten einen Projektplan! Und dass ich beabsichtige, Scrum als Projektsteuerungsmethode bei uns einzuführen. Ich würde jetzt auch im Flur für alle sichtbar eine Scrumwand herrichten. Vierzehn Weihnachtskarten, acht Kilo Plätzchen, zwölf Weihnachtsmärkte, vier Weihnachtsfeiern, der ganze Verwandtenbesuch, das will doch alles organisiert werden! Niemand hört mir zu.

Hänge stattdessen Veranstaltungsplakate vom „Advent in Pieschen“ in der Nachbarschaft aus.1510861_896179510407321_6579175014689289317_nVon allen Facebookseiten und vom Haus gegenüber funzeln mich adventische Devotionalien an. Ich hänge dem Zeitplan hinterher!

Anstatt Plätzchen zu backen und Kaninchen zu schmoren, koche ich mal wieder ein Genesungshuhn aus. Anstatt „Kling, Glöckchen, klingelingeling“ hustets und schnodderts, rotzts und röchelts aus den Öffnungen der Jungen.

Habe mich der Forstpflege gewidmet. Aus diesem Grund war ich im Wald. Ich habe emsig alles aufgelesen, was liederlich so rum lag: Zapfen, Äste, Baumpilze und Zweige. Der Wald sieht jetzt wieder ordentlich aus. Der ganze Unrat liegt jetzt bei Nieselpriems rum. Und heißt jetzt nicht mehr Unrat, sondern Deko!

IMG_1807

Die Deko

Ich habe den Kleinsten mit dem Größten zusammen für zwei Stunden weggeschickt um mich der Verteilung der adventischen Schmuckelemente widmen zu können. Erst mal Räucherkerzen anzünden, Duftkerzen und Nat King Cole… Dann packe ich die ganzen Kisten aus und schleppe die Gegenstände von Zimmer zu Zimmer. Der erste Schock: Da, wo ich eigentlich was hinstellen könnte, steht schon was! Die Schränke sind auch alle voll mit Kram, da passt der notgedrungen weichende Dekoprassel nicht mehr mit rein. Ich schiebe alles elegant unter das Bett und beschließe, dem Besten zu erklären, wir bräuchten mehr Schränke. Und mehr Räume mit Schränken. Und vor allem: mehr Stellfläche für Deko!

Ich habe mir selbstverständlich im Vorfeld schon Gedanken über das Farbkonzept gemacht, aber während ich so das Gelumpe von Raum zu Raum trage, passt das alles nicht. Natur mit Kupfer, Gold mit Grün, Silber mit… irgendwas, es sieht bescheuert aus! Dabei habe ich doch wieder kiloweise die angesagten Zeitschriften mit „Land“ im Namen und „Deko“ gelesen. Sogar die von den letzten zwanzig Jahren! Ich war mir sicher, es würde spitze aussehen. Aber nee. Also schleppe ich Stunde um Stunde das ganze Zeug von Zimmer zu Zimmer, und wieder zurück. Von der ganzen Rumrennerei bekomme ich Durchfall. Kann auch von dem übermäßigen Räuchermännelschwaden in der Wohnung sein. Nach zwei Stunden kommen die Jungs zurück, der Beste schaut sich um und sagt: „Ich dachte, du wölltest dekorieren?“.

Einen Baum haben wir noch nicht. Da bin ich erstaunlich entspannt in diesem Jahr. Außerdem riecht´s aufgrund des täglich benutzten Erkältungsbadezusatzes andauernd nach Kiefernnadeln. Und Eukalyptus. Darauf schnell noch mit einem Sandelholz-Räucherkerzchen und einer Vanillekerze kontern. Gestern wurde mir mitgeteilt, dass wir noch nie, nie, niemals einen ersten Advent ohne selbstgebackene Plätzchen hatten. Nur keinen Druck! Ich hab ja noch heute. Den ganzen Tag. Deshalb kann ich jetzt hier auch nicht weiterschreiben, ich muss zu Eier und Schmalz, Zucker und Salz, Milch und Mehl…

Morgen wird die erste Kerze angezündet. Bei uns die ersten drei Kerzen: Im Wohnzimmer, auf´m Balkon und im Hausflur. Mehr ist eindeutig mehr.

IMG_1829

Adventsdings auf dem Balkon. Der heißt auf sächsisch Ballkong. Und der Plural Ballkongs.

Einen wunderschönen ersten Advent euch allen! Mit Plätzchen und Weihnachtsmarkt und Glühwein und Küssen und Musik und Kerzen und kandierten Äpfeln und Wildschweinbraten und Elchsteak und heißer Schokolade und gebrannten Mandeln und Stollen.

Wäre es nicht schön, wenn jetzt hier Schneeflocken über den Blog rieseln würden? Hach, wäre das schön! Ich muss jetzt den Informatiker wecken. Das ist doch nicht zuviel verlangt, dass der sich in den WordPress-Code hackt und es schneien lässt!

Fortsetzung folgt…

Oh du fröhliche… Teil 1

ES GEHT LOS!

Es ist morgens kurz vor acht. Der Kinderwagen ist vollgetankt, Weihnachtsstern, Grabgesteck und Marzipanbrot eingesackt. Jetzt warte ich nur noch darauf, dass diese Kinder endlich wach werden!

(Das Marzipanbrot ist nicht etwa sowas wie die Weihnachtsgurke dieses Artikels, sondern eine ernste innerfamiliäre Angelegenheit!) 

Heute ist nämlich Totensonntag. Vermutlich seid ihr etwas indigniert darüber, dass dieser Tag offenbar zu meinen hohen Feiertagen zählt. Das ist ganz einfach zu erklären: Meine Nachbarin hat gesagt, nach dem Totensonntag könne man anfangen. Könne man anfangen! Dämmerts jetzt? Das bedeutet, wenn ich heute Mittag von der Friedhofstour heimkomme, kann ich die Weihnachtskisten aus dem Keller holen! Die Weihnachtskisten! Endlich! Und wer sich jetzt fragt, ob das mit den Wiederholungen im Text so weiter geht, ja! Ja!

Ich hibbel ja schon seit Wochen, ach was, Monaten!

Heimlich schleppte ich schon Äste und Gedöns heran, an das ich noch heimlicher weiteres Gedöns gehängt habe, um mich schon mal an rumstehende vertrocknete Baumteile mit Rumhängern dran einzuschwingen. Oder vielmehr den Mann, der jetzt schon mit wedelnden Armen durch die Wohnung trabt und behauptet, er würde überall mit seinem Rauschebart an Ästen mit Dekoobjekten hängenbleiben („Diese Scheiße kommt hier weg! So eine Drecksscheiße! Diese vermaledeite Drecksdeko! Ich schmeiß das alles in den Ofen! Brennen wird das! Lichterloh!“). Ja, der Mann ist merkwürdig. Aber er macht schöne Kinder.

Die nächsten Wochen werde ich eine Zuckerguss-Rike sein. Eine, die ihrem wehrlosen Baby ein rotes Elchgeweih aufs Mützchen setzt. Eine, die im Weihnachtsstrickpullover mit rüschenverzierter Küchenschürze Backblech um Backblech voller duftender Plätzchen aus dem Ofen holt. Eine, die im Schein funkelnder Vanillekerzen dampfende Töpfe voller Krautwickel, Rouladen, Kaninchen, Hirschgulasch, Knödel, Klöße, sahniges Kartoffelgratin und Rotkraut, Rotkraut, Rotkraut, Rotkraut oder auch mal Rosenkohl mit Butterbröseln zubereitet. Eine, die vier Tannenbäume kleinteilig zerhackt um alle Türen in der Behausung damit zu drapieren und sogar schon mal mit Schneespray in Fensternähe gesichtet wurde. So eine, die überall und  jeden Stuhl/ Fensterbrett/ Tischkante/ Klodeckel weihnachtlich dekoriert. Eine, die mit rotglänzenden Bäckchen Abends den in liebervoller Erwartung herbeigesehnten Mann mit Aktentasche an der Tür begrüßt, der aufgrund der olfaktorischen Reizüberflutung schon an der Wohnungstür in Tränen ausbricht. So eine werde ich!

Das kann niemand durchhalten. Ich weiß das, aber in jedem Jahr versuch ich es aufs Neue…

Die Adventszeit ist wie Kinderkriegen. Bei mir zumindest. Schon Wochen vorm errechneten Termin würde ich am liebsten loslegen! Diese Warterei macht mich mürbe. Ich mal mir aus, wie das alles wird, mache Pläne. Wenns dann losgeht, bin ich auch noch euphorisch. Also mit kleinem Anflug von „Darauf hab ich mich also wochenlang gefreut, ja?!“. Wenn die Party dann richtig im Gange ist, bin ich dann die, welche sich lautstark beschwert, dass das hier ja überhaupt nicht nach Plan laufen würde! Um dann kurz vorm Showdown die Schnauze richtig voll zu haben und nur noch AUFHÖREN ENDLICH AUFHÖREN zu brüllen. So um den dritten Advent rum…

So ist das mit mir und Weihnachten. Und in diesem Jahr werde ich das Spektakel festhalten. Als eine Art Adventskalender der besonderen Art. Ein Blogbeitragadventskalendertagebuch.

Es geht los! ES GEHT LOS! Ich wünsche uns allen eine fröhliche, besinnliche und, hach, duftende, glöckchenklingende, leckere, liebevolle, knisternde, raschelnde, nach Zimtsternen und Glühwein riechende Weihnachtszeit. Freut ihr euch auch so? Ich freu mich wie blöde!

Fortsetzung folgt…

Nach wem kommt der denn?

„Ach, der sieht ja genauso aus wie dein Mann!“

„Der ganze Vater!“

Ich kann es nicht mehr hören. Seit Jahren schon verfolgen mich diese Sätze. Ich weiß nicht, mit welcher kollektiven Blindheit die alle geschlagen sind, denn Fakt ist: Sie kommen beide nach mir, die Kinder. Vollkommen zweifelsfrei! Ich verstehe schon, vermutlich wollen die Leute alle nett sein zu meinem Mann, denn das muss schon hart sein: Zwei Kinder zu haben, die so überhaupt nicht nach ihm kommen. Ich versuche immer mal wieder, dem Mann die Augen gegenüber der Wahrheit zu öffnen, nämlich, dass die Kinder wirklich nur und ausschliesslich und für alle sichtbar mir ähnlich sind, aber ich ernte stets schallendes Gelächter! Weil niemand außer mir dies sehen würde…

Bei dem Großen ist es besonders schlimm. Ständig behaupten irgendwelche Menschen, er sähe aus wie der Beste. Dabei sieht doch ein Blinder mit Krückstock, dass der nach meinem Opa Herbert kommt! Also um die Augen. Die Form des Kinns, die Öhrchen, die Wölbung der Fingernägel, sieht alles aus wie bei mir. Oder wie bei meiner Schwester, meiner Tante, meinem Vater… Und überhaupt ist keinerlei Barthaar an ihm. Auch die überaus prägnante Anlage zur Rückenbehaarung, die der Beste mitbringt, hat sich nicht durchgesetzt. Der Rücken des Kindes ist glatt und schön und… sieht aus wie meiner! Na, also. Außerdem ist er langgliedrig und schlank wie die Menschen in meiner Familie. Die Familie des Angeheirateten besteht aus einer Ansammlung von netten, sympathischen Hobbits. Alle so Ritter-Sport-formatig. Ein einziger Mensch in der gesamten Linie des Mannes hat die magische Wachstumsgrenze von 1,60m geknackt (und den habe ich geheiratet). Das Kind ist jetzt bereits 1,60m hoch. Ganz klar die mütterlichen Gene (Also die aus meiner Familie, nicht direkt meine, ich habe selbstlos alle Zentimeter über 1,57m dem Rest der Familie zur gleichmäßigen Verteilung überlassen.). Wenn ich nett sein möchte und mir viel Mühe gebe, dann kann ich Ähnlichkeiten zwischen den beiden großen Jungs erkennen. Zumindest beim o-beinigen Cowboy-Gang. Wenn ich hinter ihnen laufe, sehen die aus wie zwei Lone Rangers, denen jemand das Pferd zwischen den Schenkeln weggeschossen hat. Aber das wars schon an Gemeinsamkeiten. Glaub ich.

Als das Baby geboren wurde, dachte selbst ich kurz, ein Schluck väterlichen Erbguts hätte sich nun durchgesetzt. Denn das Kind schien hellblond zu sein. Nun ist der einzige naturblonde Mensch in der gesamten Mischpoke meine Schwiegermutter. Aber nein, bereits nach wenigen Tagen schimmerte ein deutlicher Rotstich auf des Kindes Kopf. Ganz klar: Der kommt nach meiner Oma Charlotte! Wobei das ganze Konzept des Babys noch Überraschungen birgt. Denn eigentlich sah er (bis auf das beschriebene güldene Haupthaar) aus wie eine Kreuzung aus Yoda und Benjamin Button. Also nicht in der ausgewachsenen Brad-Pitt-Version, sondern eher wie der kleine Benjamin Button. Ein mürrisch dreinblickender, faltiger Mini-Opa. Aber wir kennen ja alle den Film und wissen, was da später rausgekommen ist. Und ich bete zu Gott, dass der allgemeine Konsens darüber, was bei Männern als attraktiv gilt, noch einige Jahre so bestehen bleibt. Denn dann isser wenigstens hübsch. Das wird er brauchen können. Denn viel mehr kann er nicht, das ist jetzt schon abzusehen. Eigentlich kann er gar nichts. Das macht aber nichts. Der wird später eine schlauchbootlippige Schauspielerin heiraten  und viele Kinder adoptieren.

Was das Temperament der Kinder angeht, da besteht allerdings bei niemandem der Hauch eines Zweifels, dass sie beide nach ihrer Mutter schlagen. Theatralisches Geheul, dramatisches Sich-an-den-Haaren-reißen und Auf-den-Boden-schmeißen können wir alle drei. Der Beste hat diesbezüglich keinerlei Begabung.

„Das hatter von dir!“. Wenn dieser Satz aus dem Mund meines Mannes kommt, geht es garantiert um die beneidenswerte Fähigkeit der Fantasie. Warum gerade diese Eigenschaft so scheinbar neidlos meinem Genpool zugeordnet wird, weiß ich nicht. Aber es stimmt: Das Großkind und ich, wir können nicht nur die großen Dramen, nein, auch hemmungslose Übertreibungen liegen uns im Blut. Wenn jemand schnöder Fakten bedarf, fragt er am besten keinen von uns. Oder halbiert im Kopf unsere Aussage, pustet den Flitter runter und dann kommt er möglicherweise in Faktennähe. Möglicherweise.

Wenn ich mit dem Besten mal wieder streite, wem irgendjemand nun ähnlich sieht (der ist da echt hartnäckig auf seinen Standpunkt erpicht), dann holt er gern eine hornalte Episode vor (Gähn!): Die Besitzerin eines Getränkehandels in Wohnungsnähe hatte mal vor Jahren ein Paket entgegengenommen für mich. Als ich das Abends abholen wollte, verkündete sie, sie hätte das bereits meinem Mann mitgegeben. Auf meine verdutzte Frage hin, woher sie denn bitte wüsste, wer mein Mann sei, antwortete sie: „Na, ich habe sie doch schon mit ihrem Sohn gesehen. Und da kam heute ein Mann rein, der sah aus wie ihr Sohn. Nur größer. Und da habe ich dem das Paket gegeben.“ (Ich hoffe, alle DHL-Boten lernen daraus, dass ein Getränkemarkt der denkbar schlechteste Ablieferungsort für Pakete ist!).

Vermutlich werden noch die nächsten zwanzig Jahre alle Leute behaupten, die Jungs sähen aus wie ihr Vater. Aber ihr und ich, wir wissen es besser, nach wem die zwei wirklich kommen. Nach mir. Und Brad Pitt.

Und das stimmt, ohne Übertreibung!

Familie Seltsam

Als der Beste und ich noch jung und faltenfrei waren und das anbetungswürdige Produkt unserer Lenden noch ein Kleines, hatten wir immer eine volle Hütte. Eigentlich saßen bei uns zu jeder beliebigen Mahlzeit mindestens noch ein, zwei Menschen mehr am Tisch. Wir fuhren mit Freunden zusammen in Urlaub, feierten alle erdenklichen Feiertage mit der Familie und dann noch mal (schließlich sollen Feiertage ja Spaß machen) noch mal mit unseren Freunden.

Diese Zeiten sind vorbei. Wir sind einsam. Irgendwie.

Wann sind wir so seltsam geworden, frage ich den bärtigen Mann. Und der schaut mich an und sagt das, was auch ich empfinde: Er würde ja gern sagen, es hätte nicht mit IHM zu tun, aber leider hat alles immer mit IHM zu tun.

Ich weiß nicht, wann es anfing. Vielleicht mit den ersten gut gemeinten Erziehungsratschlägen vor vielen Jahren. Mit Freunden, die versuchten, uns zu erklären, wie wir doch am besten mit diesem Jungen umgehen sollten. Ist ja nur gut gemeint! Mit den Stichen in der Herzgegend, die sowas bei mir auslöste, dem rasendem Puls. Vielleicht auch mit den immer seltsamer werdenden Feiern und Zusammentreffen mit anderen Familien, bei denen wir zwei Alten niemals locker und entspannt waren. Immer in Hab-acht-Stellung. Immer ein Auge auf dem Jungen, um deeskalierend einwirken zu können. Und immer war es irgendwann nötig. Möglicherweise liegt es auch daran, dass die Einladungen über die Jahre weniger wurden, die Abstände zwischen den Treffen mit den lieben Freunden immer größer… Ob es an dem Jungen mit dem auffälligen Verhalten lag oder an seinen Eltern mit dem mittlerweile ebenfalls seltsamen Verhalten, wer weiß das schon. Manchmal „passierte“ auch gar nichts, aber angespannt nervös sind wir Eltern trotzdem immer gewesen. Was willste da machen…

Viele Jahre versuchte das Kind, in Kontakt zu kommen. Freunde zu finden. Er hat sich mittlerweile die meiste Zeit abgefunden, dass das nicht funktioniert. Und ist auf uns Eltern fokussiert. Und wir? Ja, wir auf ihn. Immer noch. „Mir müssen ihn doch vor Verletzungen schützen!“, sagt der Beste, und ich würde gern erwidern, dass er das irgendwann selbst schaffen können muss, wir ihn ja nicht sein Leben lang beschützen können! Aber ich kann das nicht aussprechen. Der Drang, mein Junges zu beschützen, ist nach wie vor so übermächtig, das einer anderen Teenie- Mutter erklären zu wollen, fällt mir schwer. Nein, es ist nahezu unmöglich.

Stell dir doch mal folgendes vor: „Du stinkst aus dem Mund! Du musst dir mal die Zähne putzen!“. Wenn sowas ein Vierjähriger zu deiner Freundin sagt, ist es ehrlich, direkt und vielleicht vorlaut. Nicht bei einem Vierzehnjährigen. Das geht gar nicht! Und wenn du dann verlegen stammeln würdest, er meine es ja gar nicht so, dann kommt garantiert: „Aber natürlich meine ich das so!“.

Und so vereinsame ich auch in meinen eigenen Kontakten. Der Beste und ich haben eine Handvoll Freunde. Bei mir sind es bis auf eine einzige Ausnahme Frauen, die ich schon jahrelang kenne. Die mein Kind schon jahrelang kennen. Und selbst die treffe ich lieber allein. Es fällt mir immer schwerer, jemandem die Tür zu öffnen zu dieser Familie.

Ich habe einen Kloß im Hals, während ich das schreibe.

Der Junge selbst hat vermutlich die wenigsten Sorgen damit. Er mag nur einen Handvoll Menschen, die wenigsten davon wissen etwas von ihrem „Glück“. Auch das Auswahlverfahren dazu liegt für mich komplett im Dunkel. Nein, ICH habe das Problem. ICH fürchte mich vor dem Verhalten anderer Leute zu dem Kind. Oder mir gegenüber. „Meinst du, der ist so geworden, weil du so hektisch bist? Und wäre es für den Jungen möglicherweise leichter, wenn du anders wärest?“. Eine liebe, kluge Frau. Eine wirklich Nette, und dann fragt sie mich sowas! Das Schlimme daran ist ja, dass ich mich das wirklich oft frage. Kann ich irgendwas dafür? Liegt es an mir? Das ist furchtbar, die Antworten weiß ich. Und trotzdem quäle ich mich mit diesen Fragen.

Ich will gar nicht mehr darüber reden. Mit den Freundinnen nicht, was soll ich mit einem besorgten Blick! Mit dem Besten nicht. Selten. Wir verschweigen uns manchmal schon gegenseitig üble Situationen, um den anderen nicht auch noch aufzuregen. Wir sehen doch die Sorge im Gesicht des anderen. Auch Wut, Angst. An manchen Tagen.

Und dann gibt es diese Abende.b3

b1

Ich gehe selten aus. Auch zu diesen Treffen eher sporadisch. Aber dann komme ich in die Kneipe, mein Blick sucht nach dem längsten Tisch. Mal sind es fünf Frauen, die da sitzen, mal zwanzig Leute. Auch Paare. Viele Gesichter kenne ich nicht. „Hallo, ich bin Henrike!“. Und kaum sitze ich, ist es wieder da: Dieses Gefühl, zugehörig zu sein. Verstanden. Egal, was ich erzähle, ein Nicken von links und ein Nicken von rechts. Kennen wir, ist bei uns auch so. Erzählt eine andere, nicke ich. Ja! Genauso ist es auch bei uns! Dazu gibt’s Informationen, Hilfestellung von anderen, Einladungen zu Informationsveranstaltungen. Interessante Vorträge. Peter, Joel, Mini, Tim. Hier bekommen die Kinder Namen, hier sind die Geschichten plastisch. Und niemand wundert sich! Hier darf man sogar lachen über die schrulligen Eigenheiten des Nachwuchses.b2

Als ich gestern nach Hause fuhr, dachte ich, wie stärkend doch so ein Abend ist. Wie unendlich tröstlich. Und wie dankbar ich bin, dass sich jemand die Mühe macht, diese Abende zu organisieren. Den Verein am Leben zu halten. Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. Zusätzlich zum eigenen Leben mit den ganz eigenen fremden, vertrauten Problemen mit einem besonderen Kind. Dass es Menschen gibt, die trotz der ganzen Ablehnung, die wir alle kennen, noch mit offenen Armen und Herzen auf Fremde zugehen. Und soviel geben.

 

Für Teresa, Annett, Barbara. Die Gespräche mit Euch sind wie heiße Schokolade für mein Herz. Und für alle Menschen, die sich aktiv in Selbsthilfegruppen engagieren und somit anderen Menschen Hilfe anbieten.

Danke dafür ❤

 

Du willst mehr Infos zum Autismus eV? Hier entlang: http://w3.autismus.de/pages/startseite.php

25 Jahre Mauerfall – Mütter in Ost und West

Für die Brigitte MOM haben meine Bloggerkollegin Nina alias Frau Mutter aus Berlin und ich uns zum 9. November 2014 einen Brief geschrieben. Darin geht es um unsere ost- und westdeutschen Sozialisation und mit welchem Frauen- und Mütterbild wir aufgewachsen sind.

Hier geht es zu Ninas Brief an mich. Und das war meine Antwort:

Liebe Nina,

als Du mich neulich fragtest, ob ich heute, fünfundzwanzig Jahre nach dem Mauerfall, glaube, dass es noch immer große Unterschiede zwischen Ost und West gäbe, gerade in Bezug auf Gleichberechtigung und die Mutterrolle, dachte ich im ersten Moment, das könne doch gar nicht sein! Gerade, weil wir beide – nehmen wir mal uns als Beispiel – ja erst Mütter wurden lange nachdem Deutschland wiedervereinigt wurde. Und rein theoretisch unter den gleichen Bedingungen leben, arbeiten und erziehen. Oder doch nicht?

Du hast Dich gegen das vorgelebte Rollenbild Deiner Mutter entschieden. Ja, und auch ich hadere ebenso mit dem Vorbild meiner eigenen Mutter. Ist es nicht interessant, wie uns unsere unterschiedlichen Vorbilder geprägt haben?

Ich war nach der Geburt meiner Kinder zwei beziehungsweise drei Jahre zu Hause und bin in meinem direkten Umfeld diesbezüglich ein Exot. In der Tat belegen Studien immer wieder, dass deutlich mehr Frauen in Ostdeutschland relativ früh wieder arbeiten gehen. Und auch wesentlich mehr Mütter in Vollzeit beschäftigt sind. Das kann man mit der gut ausgebauten Betreuungslandschaft erklären oder der Notwendigkeit aufgrund des immer noch existierenden Gehälterunterschiedes zwischen Ost und West, aber möglicherweise ist da noch mehr. Eine vorgelebte Selbstverständlichkeit zum Beispiel.

Ich bin in der DDR geboren. Bereits seit den Fünfzigerjahren war die Gleichstellung von Mann und Frau gesetzlich verankert, galt es als Scheidungsgrund, wenn ein Ehemann die berufliche Weiterentwicklung seiner Frau nicht unterstützte. Laut Ideologie des Marxismus-Leninismus kann die Gleichstellung der Frau nur durch wirtschaftliche Unabhängigkeit vom Mann, und die nur durch die vollständige Integration in den Arbeitsprozess erreicht werden. Lenin sagte, Hausarbeit sein die „Sklavenarbeit der Frauen“. Hausfrau war kein anerkannter Beruf. Ich hatte keine „Nadelarbeit“ in der Schule, ich hatte „Werken“. Ich lernte erst als erwachsene Frau einen Knopf anzunähen, konnte aber bereits im Grundschulalter verschiedene Werkzeuge bedienen. Und meine Schulbücher waren voll mit starken, kämpferischen Frauen: Clara Zetkin, Käthe Kollwitz und Rosa Luxemburg zum Beispiel. Oder Valentina Tereschkowa, die erste Frau im Weltall. All diese Frauen waren Vorbilder und hatten einen großen Einfluss auf das Bild, das ich von einer „vorbildlichen“ Frau hatte. Parallel zu den Frauen in meinem Leben. Diese hatten in dem System, in dem ich aufwuchs, die gleichen Rechte und Pflichten wie Männer. Mit dieser Selbstverständlichkeit wuchs ich auf. Ich sah darin nichts Exklusives. Ich war quasi per Geburtsrecht gleichberechtigt.

Und Frauen hatten ja nicht nur das Recht zu arbeiten, sondern auch die Pflicht, ihre Arbeitskraft in den Dienst des sozialistischen Volkes zu stellen. Dabei galt das Prinzip: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Ich arbeitete später in einem Betrieb auf „Akkord“, also leistungsbezogen. Und da war es regelmäßig an der Tagesordnung, dass etliche Frauen am Monatsende mehr Geld in der Lohntüte hatten als mancher Mann. Wer sein „Soll“ übererfüllte (das betraf die produzierenden Bereiche), der wurde entsprechend reichhaltiger entlohnt.

Meine Mutter bekam mich im Alter von neunzehn Jahren und musste sechs Wochen nach meiner Geburt wieder arbeiten. Die Kinder kamen in der Regel zu dem Zeitpunkt in Kinderkrippen und wurden dort entweder von morgens bis abends oder auch von montags bis freitags betreut. Ich habe viel Zeit mit meinen beiden Großmüttern verbracht. Wenn ich die Attribute „fürsorglich“ oder „mütterlich“ zuordnen müsste, bekämen meine Omas diese. Ich habe kaum Erinnerungen an Dinge, die meine Eltern mit mir in der Woche gemacht haben. Hausaufgaben habe ich später allein erledigt oder im Schulhort, dann war ich im Hof spielen oder bin in den Sportverein gefahren. Wir sahen uns zum Abendessen. Meine Mutter ging sehr gern auf Arbeit. Aber selbst wenn es anders gewesen wäre, hätte sie nicht wirklich eine Wahl gehabt, das darf man nicht vergessen. Die Tage, an denen ich mittags nach Hause kam und sie war schon da und hatte etwas für mich gekocht, gehören zu den besonderen und kostbaren Momenten in meiner Erinnerung.

Als die Mauer fiel und Deutschland wiedervereinigt wurde, habe ich nicht eine Sekunde meine Rolle, meinen Platz in der Gesellschaft, überdacht. Niemals wäre mir der Gedanke gekommen, irgendwer könnte annehmen, ich sei untergeordnet oder benachteiligt aufgrund meines Geschlechts. Ich kann mich auch an keinen Kulturschock bezüglich des tradierten Frauenbildes in Westdeutschland erinnern. Es war vielmehr so, dass ich manchmal dachte, wie gut diese Frauen es doch hätten! So ein schönes Heim, ein Auto, Nutella auf dem Tisch. Und dafür müssten sie noch nicht mal arbeiten! Und auch: Was machen die den ganzen Tag? Dass es bis in die Siebzigerjahre einer westdeutschen Ehefrau untersagt war, ohne die Zustimmung ihres Mannes ein Konto zu eröffnen oder einem Beruf nachzugehen, das habe ich erst sehr viel später erfahren. Diese Abhängigkeit von einem Mann ist unvorstellbar für mich! Apropos Mann: Auch mein Mann ist mit einer Vollzeit arbeitenden Mutter aufgewachsen und musste schon früh im Haushalt mit anpacken: Kochen und Backen lernen, Schuhe putzen, sauber machen. Und zwar selbstverständlich. Manches davon kann er heute noch besser als ich.

Oftmals höre ich von Müttern aus Westdeutschland mit ein wenig Neid in der Stimme, dass wir privilegiert seien aufgrund des geschichtlich gewachsenen und tatsächlich existierenden breit ausgebauten Betreuungsnetzes. Und ja, ich kann mir wirklich nicht vorstellen, welchen Zweck Einrichtungen haben sollen, die über die Mittagszeit schließen oder Öffnungszeiten bis 14:00 Uhr. Auch wird bei uns generell in den Grundschulen ein Früh-und Nachmittagshort angeboten. Ebenso eine Ferienbetreuung.

Und doch sehe ich auch das ein wenig kritisch. Ich habe das System „Vollzeit arbeitende Mutter“ oft hinterfragt. Und erstaunlicherweise ist auch meine Mutter mir in ihrer Rolle kein Vorbild. Ich möchte mehr Zeit mit meinen Kindern verbringen als sie mit mir. Ich möchte wichtiger sein als Bezugsperson! Zumal meine Kinder keine emsig sorgenden Großmütter haben, wie ich sie hatte. Mein großer Sohn besucht mittlerweile die achte Klasse und seit er drei Jahre alt ist, gehe ich voll arbeiten. Die Jahre der Kita- und Grundschulzeit waren von permanentem Zeitdruck und schlechtem Gewissen meinerseits geprägt.

Meine Mutter hat das System der Fremdbetreuung nie angezweifelt und käme nie auf die Idee, darin etwas Schlechtes zu sehen. Und ich? Ich kenne es aus eigenem Erleben als Kind und als Mutter und blicke kritisch darauf. Ist das nicht seltsam?

Ich halte die Möglichkeit der Entscheidungsfreiheit für die größte Errungenschaft. Aber das Beste wäre, wenn jede Frau in diesem Land unter den gleichen Bedingungen ihre Wahl treffen könnte. Und ohne dafür verurteilt zu werden. Das sollte das Ziel sein. Und dass Mädchen zu Frauen heranwachsen können, ohne über Entscheidungsfreiheit und Gleichberechtigung nachdenken zu müssen.

In diesem Sinne stoße ich mit Dir an auf das 25jährige Jubiläum!

Deine Henrike

Freiheit

Ich habe seit gestern Nachmittag verordnete Bettruhe. So liege ich faul und hustend ausgesperrt vom Wochenendtrubel der Familie in meinem Bett und lese.

Die Nachttischbibliothek war schon etwas angestaubt, ich nahm mir das Buch mit dem hübschesten Einband: „Caravan“ von Marina Lewycka.

Es dauerte ein wenig, bis ich mich auf die Schreibweise der Autorin einschwingen konnte, aber schon bald zog mich das Buch in seinen Bann und ich fieberte mit Irina und Andrij und den anderen jungen Menschen mit, die auf der Suche nach Freiheit aus ihren Städten und Dörfern im Osten der Ukraine auf abenteuerliche Weise in den goldenen Westen gereist waren. In das Land, wo Milch und Honig fließen. Und von einem Missgeschick ins nächste stolperten.

Ich schmunzelte. Und dachte an ein anderes Mädchen…

…vor fünfundzwanzig Jahren.

Eines Tages standen sie im Geschäft, in dem das Mädchen arbeitete. Die Jungs, die sie aus der Plattenbausiedlung kannte, aus dem Jugendklub. Die Jungs, die im Sommer über Ungarn getürmt waren. Da standen sie, sagten Hallo, wir sind´s! Heute Abend schon fahren wir zurück. Schau, da draußen, das ist unser Auto! Wir haben einfach nach der Flucht behauptet, wir hätten einen Führerschein besessen. Da wurde uns einer ausgestellt im Westen. Ist das nicht lustig? Dabei haben wir erst in Ungarn auf dem Campingplatz fahren gelernt. Willst du mitkommen? Wir arbeiten bei einem Bauunternehmer aus dem Osten, der schon vor Jahren abgehauen ist. Dort gibt’s auch Arbeit für dich!

Das Mädchen sieht in die fröhlich lächelnden Gesichter der Freunde und auf ihren langweiligen Schreibtisch. Dann verabschiedet sie sich von ihrer Mutti. Es ist ihr vierzigster Geburtstag. Die Mutti aber sagt, geh ruhig Kind. Schreib mir. Pass auf dich auf.

Sie packt eine kleine Tasche, viel braucht sie nicht. Da, wo sie hin will, ist alles viel schöner. Sie wird sich schönere Sachen kaufen! Sie fahren die ganze Nacht. Auf einer Raststätte staunt das Mädchen über die schöne Einrichtung. Wie im Interhotel. Die Toiletten sind sauber und haben einen Folienbezug. Sie kann sich nicht sattsehen.

In der schönen neuen Welt wohnen sie in einer kleinen Zweizimmerwohnung. Ein Raum ist voller Baumaterial. Das müssen wir jeden Tag mitnehmen, das klauen sonst die Polen, erklären die Freunde. In dem anderen Raum schlafen sie zu fünft, auf Matratzen. Das Mädchen und ihre Freunde aus dem Jugendklub von früher.

Am nächsten Morgen lernt sie den Bauherren kennen. Er sagt, sie könne als Sekretärin bei ihm arbeiten. Aber erst müsse das Haus fertiggestellt werden. Siehst du, Mädchen, hier kommt mal das Büro rein. Hier wirst du dann sitzen, sagt der Bauherr.

Das Mädchen fährt Schubkarren mit Schutt, sie lernt eine Maurerkelle zu benutzen, trägt Steine. Sie ist das einzige Mädchen auf der Baustelle. Die Polen lernt sie auch kennen. Die sind lustig. Das Mädchen spricht russisch und tschechisch, nach einer Woche auch polnisch.

Mittags kocht die Frau des Bauherren ein warmes Essen. Freitags bekommt sie ein paar Schachteln Zigaretten. Abends fährt sie mit den Freunden von früher in das Matratzenlager und träumt von einem Job als Sekretärin. Wenn erst das Haus fertig ist.

Sie schreibt fröhlich klingende Briefe an die Eltern daheim.

Nach einem Monat fragt sie nach einem Lohn. Der Bauherr vertröstet sie, das Büro sei bald fertig, dann könne sie bei ihm arbeiten. Und sorge er nicht gut für sie alle?

Sie schleppt weiter Steine und Mörteleimer und kehrt Baudreck aus dem halbfertigen Haus. Nach einem weiteren Monat sollen sie auf einer anderen Baustelle arbeiten gehen. Vom Büro ist keine Rede mehr.Sie überwirft sich mit dem Bauherren, der schmeißt sie raus. Bei uns kannst du jetzt nicht mehr wohnen, sagen die Freunde. Die Wohnung bezahlt schließlich der Bauherr.

Sie geht zu den Polen. Der eine junge Mann war doch immer sehr freundlich zu ihr. Er sagt, sie könne bei ihm bleiben. Sie arrangieren sich. Er wohnt in einem Hotel. Nur Aus- und Umsiedler wohnen dort. Er hat einen winzigen ehemaligen Keller bezogen. „Souterrain“ nennt der Hotelbesitzer das. Wenn das Mädchen das Kellerfenster öffnet, weht der Wind die alten Blätter vom Herbst herunter in den Keller.

Sie hat Heimweh. Nach der kleinen Wohnung mit den Vorhängen, die die Mutti genäht hat. Den beiden Bücherregalen, die der Vati für sie gebaut hat. Den beiden Stühlen von den Urgroßeltern.

Lass uns heiraten, sagt der Pole. Das ist hier nur eine Formsache und ich bekomme dadurch eine Aufenthaltserlaubnis. Dann können wir aus dem Keller ziehen. Was soll ich meinen Eltern erzählen? Nichts. Das ist nur Papier. Hier im Westen. Wir müssen zum Rathaus. Aufgebot bestellen. Was ist das? Das ist hier so. In ein paar Wochen sind wir verheiratet und ziehen aus dem Keller. Das ist nur formal. Wirst schon sehen.

Sie steht am Kellerfenster und schaut auf die Schuhe der vorbeieilenden Passanten, während der Pole auf der Baustelle arbeitet.

Eines Tages klopft eine wunderschöne Frau und sucht den Polen. Sie ist verwundert über das Mädchen. Das Mädchen staunt die schöne Frau an. Sie sei die Freundin des Polen. Ja, seit vielen Jahren schon. Er habe erzählt, er wolle eine Deutsche heiraten, damit sie beide in Deutschland bleiben könnten. Die schöne Frau und er. Wieso das Mädchen hier aber wohnen würde, das wöllte sie wissen?

Das Mädchen packt ihre Sachen und läuft durch die Stadt. Nach Hause kann sie nicht. Sie hat kein Geld. Sie kann nicht anrufen, jemand möge sie holen. Wen denn? So ist sie nicht erzogen.

Sie bleibt vor einem schönen Friseursalon stehen und erinnert sich, irgendwann mal gehört zu haben, dass Friseure immer gesucht würden. Dort im goldenen Land. Sie geht hinein und sagt, sie würde gern hier arbeiten. Sind sie Friseurin?, fragt eine nette Frau. Nein, aber ich würde das gern lernen, sagt das Mädchen. Dann erzählt sie alles. Die nette Frau bietet ihr einen Aushilfsjob an im Laden und ein Zimmer. Möbliert unter dem Dach.

Das Mädchen fegt jetzt die Haare im Frisiersalon und legt die Handtücher zusammen. Manchmal darf sie auch einem Kunden die Haare waschen. Der Pole steht tagelang wutschnaubend vor der Tür und verlangt sie zu sprechen. Die nette Frau verjagt ihn jedes Mal.

Abends sitzt das Mädchen in dem kleinen Zimmer und träumt davon, Friseurin zu sein und eine eigene Wohnung zu haben. Nicht dieses Zimmer neben der Afghanin, die jeden Abend laut weint und sich stundenlang im gemeinsamen Bad einschließt und ihre Hände schrubbt. Anfangs hat das Mädchen immer geklopft und Hilfe angeboten, Tee. Die Afghanin will sich nicht unterhalten. Tagsüber frisiert sie freundlich lächelnd die Köpfe der Kunden und abends weint sie laut und scheuert ihre Hände. Das Mädchen weiß nichts über Afghanistan. Die Sowjetunion ist unser Freund und Gorbatschow hat uns die Freiheit geschenkt.

Sie schreibt immer noch fröhliche Briefe nach Hause.

Einmal kommt die Mutti zu Besuch. Die nette Frau bietet an, der Mutti die Haare schön zu machen im Frisiersalon. Die Mutti schämt sich, hat sie sich doch zu Hause die Haare so schön gemacht mit Lockenwicklern.

Als das Mädchen die Mutti das nächste Mal wiedersieht, ist nichts mehr, wie es einmal war. Ähnlich wie Irina im Buch musste sie auch lernen, dass Freiheit kein Versprechen ist. Vielmehr eine Chance und eine große Verantwortung. Und es würde noch sehr viele Jahre dauern, bis sie die Früchte dieser Verantwortung und Chance ernten würde. Sie wurde nie Sekretärin. Auch nie Friseurin. Der Prinz mit dem weißen Schimmel ist auch niemals gekommen. Also nicht mit dem Schimmel. Mit einem hellblauen Trabi kam er gereist. Und mit diesem Zweitakter sind sie in die hoffnungsvolle Zukunft getuckert und haben sich ihr Bullerbü aufgebaut.

Menschenskinder, so spät schon! In einer ganz anderen Zeit lege ich das Buch beiseite und denke mir: ´Mist, die Jungs kommen gleich aus dem Zoo! Und ich hab noch nichts gekocht! Zwei Tage Bettruhe reichen vollkommen! `.Foto-2

Draußen strahlt die Sonne in bunt gefärbten Bäumen. Heute ist ein schöner Tag! Und ein besonderer.

 

 

 

 

 

Ein Kaffee für Frau Nieselpriem

Hat Dir dieser Beitrag gefallen? Dann lade mich doch gern auf einen virtuellen Kaffee ein als Dankeschön.

€2,00

Meine Blumen für…

Meine Blumen für…

Ich habe lange keine Blümchen mehr verschenkt. Das liegt daran, dass alles, was zur Verschönerung der Behausung dienen könnte, schnurstraks von dem Krabbelkind beseitigt wird. Zerstört, angefressen, versteckt in Schiebern oder hinter Schranktüren. Sowas eben. Der scheint irgendwie mit Elasti-Girl verwandt zu sein, denn wirklich überall kommt der ran!

Nun gut, auf diesen Schrank komme noch nicht mal ich. Hier sind die Blumen sicher (einstweilen).

Andrea Harmonika hätte wirklich mehr als Schrankblumen verdient, aber die Situation gibt mehr jetzt einfach nicht her. Wer diesen Blog tatsächlich noch nicht kennen sollte, hinsurfen! Ausdrucken, binden, auf den Nachttisch legen. „Unterhaltung auf mittlerem Niveau“ ist die Tiefstapelei des Jahrzehnts und spricht für den Witz und die Bescheidenheit der Autorin. Gegen die Beiträge dieser wunderbaren Schreiberfrau sind meine eigenen Ergüsse so originell wie der Beipackzettel einer Hämorrhoidensalbe.

Dieser Blog sollte auf gar keinen Fall auf der Leseliste kultivierter Menschen fehlen. Und alle anderen können sicher auch noch was lernen!

 

 

Alte Bekannte und neue Freunde

Auftritt einer alten Bekannten. Nicht schon wieder! Doch. Der dritte Infekt in sechs Wochen. Pünktlich zur Verdienstreisung des Besten (der aus offensichtlichen Gründen immer noch „der Bärtige“ heißt) schlurfe ich hier mit der Erkältung im Schlepptau rum. Den Blondino hat sie sich auch geschnappt.

Zu Inhalator und Rotztücherverpackungen in Gastronomie- oder Krankenhausgrößen gesellt sich sowas hier auf dem Frühstückstisch:

gretel

Sehr zur Belustigung des Mannes, der der Meinung ist, dann könnte ich auch alte Socken anzünden und damit die Wohnung ausräuchern, es hätte denselben Effekt. Der nimmt nur Sachen mit Totenkopf drauf oder einer langen Liste mit Nebenwirkungen. Sonst wirkts ja nicht! Bei mir wirkt nur Pflanzliches, bei dem anderen Zeug bekomme ich SOFORT alle Nebenwirkungen! Prophylaktisch.

Und dann kommt der Postbote und bringt mir ein Päckchen. Voller wunderbarer Pflanzensachen! Ich bin geheilt! Die ganze Zeit beim Auspacken und Anschauen fühlte ich weder Halsschmerz noch Kopfweh!

fb1

Carola vom Blog „Frische Brise“ war in Kühlungsborn und hat beim Anblick der ganzen Sanddornprodukte an meine bittersüße Liebe zum Sanddorn denken müssen. Und hat mir das hier geschickt. Ist das zu fassen? Ich bin sprachlos, was eher selten passiert. Aber über die Maßen erfreut! Vielen Dank Carola! Auch für die Karte 🙂

fb2

 

Auszeit

Mir ist gerade das Herz schwer.

Bei Nina konnte ich heute einen wundervollen Bericht über einen Kurzurlaub auf Sylt lesen und bei Gretel tolle Fotos vom Liebesurlaub an der Ostsee bestaunen.

Ich gönne es beiden neidlos von ganzem Herzen, wenn auch mit Weh. Denn bei uns werden vermutlich noch einige Jahre ins Land gehen, bis der Bärtige und ich wieder einmal alleine verreisen können. Oder überhaupt länger als ein paar Stunden allein zu zweit sein werden. Das wissen wir. Und wir haben auch gewusst, als uns unser zweites Kind geschenkt wurde, dass sich dieser Zustand um weitere Jahre verlängert.

Es wird immer angenommen und als selbstverständlich angesehen, dass -wenn es denn Großeltern gibt- Oma und Opa liebend gern Zeit mit den Enkeln verbringen und diese am Wochenende oder in den Ferien betreuen wollen. So kenne ich das auch aus meiner eigenen Kindheit. Meine Eltern sind oft ohne mich verreist, ich war dann bei den einen Großeltern. Oder bei den anderen. Und das sehr gern.

Bei unserer eigenen Familiensituation ist das so nicht vorstellbar. Als der Große noch ein Kleiner war, war meine Schwiegermutter mehrmals mit ihm allein im Urlaub. Da hätten wir dann alleine verreisen können. Liebesurlaub machen. Beziehungspflege. Haben wir nicht, vermutlich weil uns das Besondere daran gar nicht bewusst war in diesem Moment!

Mit dem Schuleintritt des Großen häuften sich die Verhaltensauffälligkeiten bei dem Kind, sodass es unvertretbar erschien, ihn irgendwo allein hinzugeben. Er wollte auch nicht mehr.

Abgesehen davon unterscheidet sich die heutige Situation extrem zu meinem eigenen Erleben von Großelternschaft: Waren meine Omas mit selbst gebackenem Kuchen und Pudding und feuchten Küssen stets tränenverschmiert erfreut, wenn ich zu Besuch kam, so erlebe ich die „neuen“ Omas bei uns doch ganz anders: Sie verreisen, machen Sport, gehen auf Veranstaltungen, haben einen straff gefüllten Terminkalender! Das sei „der Egoismus der neuen Großeltern“, habe ich mal irgendwo gelesen. Die sitzen nicht mehr strickend und stopfend auf der Couch und warten, dass einer der Kinder oder Enkel zu Besuch kommt. Die haben noch ein mit eigenen Interessen gefülltes Leben.

Das dürfen sie. Natürlich! Und trotzdem…

Es ist kein legitimes Recht, anzunehmen, dass die eigenen Eltern unsere Kinder genauso lieben wie wir. Und sich freuen, mit ihnen so viel Zeit wie möglich zu verbringen. Für mich war das ein schmerzlicher Lernprozess. Gerade weil ich in meinem Umfeld auch Großeltern erlebe, die ihre Kinder sehr aktiv unterstützen bei der Kinderbetreuung, im Haushalt. Die anreisen von sonstwo, wenn jemand krank ist, um zu helfen. Die sogar zusammen verreisen. Weil alle Beteiligten das so möchten. Ich finde das toll! Auch wenn ich mir natürlich vorstellen kann, dass das sehr viel Verständnis und Rücksichtnahme auf beiden Seiten erfordert.

Die Eltern begleiten uns bei unserer Entwicklung eine ganze Zeit und dann – mit Glück- noch einmal ein paar Jahre bei der Entwicklung unserer eigenen Kinder. Bis sie dann selbst auf unsere Hilfe angewiesen sind. Und ich frage mich manchmal, was sollen meine Jungs für einen Blick auf mich als alte Oma haben, wenn sie es gar nicht aus eigenem Erleben kenne? Reicht es aus, sie mit Liebe zu überschütten und immer präsent zu sein, wenn sie es denn wünschen? Oder mache ich dann womöglich schon wieder zu viel? Verliere ich vielleicht meine eigenen Interessen dabei?

Letztere Frage treibt mich sowieso immer mal um. Mit einem „besonderen“ Kind ist der Abnabelungsprozess ein ganz anderer. Er ist sehr fixiert auf uns Eltern und macht auch heute als Vierzehnjähriger nichts allein. Er braucht ganz viel Aufmerksamkeit und Präsenz. Und weil er als seltsam wahrgenommen wird, habe ich ein starkes Schutzbedürfnis und noch immer meine Schwingen über ihm ausgebreitet. Auch wenn er mittlerweile in der Mauser ist und kaum noch drunterpasst.

Mein Kleinster wird mit dem Bewusstsein aufwachsen, dass Omas und Opas die Leute sind, welche an Ostern, Weihnachten und zu Geburtstagen hier sind und Geschenke mitbringen. Feiertagsfamilie nenne ich das. Ich habe gelernt, das zu akzeptieren. Eine andere Familie haben wir nicht! Und ich weiß, es gibt auch junge Familien, die vor Elterngräbern stehen und die vermutlich sagen werden: Na, du hast gut reden!

Und doch: Manchmal wäre es schön, wenn es außer uns zwei Eltern noch jemanden gäbe, mit dem wir diese Obhut teilen könnten. Manchmal wäre es schön, wenn ich die mir vollkommen abhanden gekommene Spontaneität wiederfinden könnte und mal für ein Wochenende Hand in Hand alleine mit meinem Mann an einem Strand entlangspazieren dürfte (Kein Berg! Auf gar keinen Fall Berge! Dann bleib ich lieber hier!). Ihr wisst schon, was ich meine… Dass mal jemand stolz mit dem Baby ausfährt um den Block oder mit dem Großen zu Mc-en geht. Der Urlaub ist ja nur ein Platzhalter in dieser Geschichte.

Wenn ich dann diese Bilder und Berichte sehe, dann wünsche ich mir das auch für mich, für uns. Und mehr noch, dass Euch klar ist, dass ihr da etwas habt, das besonders ist. Und kostbar. Und nicht selbstverständlich.