Über Verstehen, Geleeöhrchen und das große Glück des Bloggens

Über Verstehen, Geleeöhrchen und das große Glück des Bloggens

Im Jahr zwanzigzwölf, also lange vor Coronamundschutzabstand, veröffentlichte ein Raggaekünstler mit dem lustigen Namen Omi ein Lied namens „Cheerleader“. Das hat im Refrain die sehr eingängige Zeile:

„Oh, I think that I found myself a cheerleader…“

Diese Textzeile ist so mitreißend, dass ich ungewollt seit nunmehr neun Jahren stets mitsingen muss, wenn das Teil im Radio läuft. Während ich im Auto sitze, zum Beispiel. Nur, dass ich seit neun Jahren exakt folgendes singe: „Oh, I think that I found myself a jelly ear…“. Für mich war das absolut schlüssig, dass jemand (Omi nämlich) einen Menschen gefunden hat, den er so süß findet, dass er ihm diesen Spitznamen gegeben hat. So wie andere Menschen eben ihre Lieben Zuckerschnäuzchen nennen oder Honigpups. Ich kam gar nicht auf die Idee anzunehmen, ich hätte da etwas falsch verstanden! So kann man sich irren.

Sachsen Ministerpräsident Kretschmer: »Die Situation ist hochdramatisch«
Sachsens Ministerpräsident Kretschmer; der Blick ist situationsangemessen

Heute ist der letzte Tag vor dem vierten Lockdown in Sachsen, der jetzt „Wellenbrecher“ heißt und nicht mehr Lockdown. Damit soll das miese Image des Wortes „Lockdown“ aufpoliert werden und möglichst eindringlich allen, die das bis dahin nicht verstanden haben, begreiflich machen, dass alle Maßnahmen dazu dienen, die aktuelle „Welle“ zu „brechen“. Menschenleben zu retten!

Ich weiß nicht, ob das hilft. Also bei denen, die nicht verstanden haben, nicht verstehen wollen. Die noch immer „jelly ear“ hören.

(C) Spiegel online

Es geht ein Riss durch Deutschland. Es geht ein Riss durch Familien, auch durch meine. Menschen, die mir schon vor Jahren begreiflich machen wollten, ich sei blind, wenn ich nicht (!) gegen Merkels Flüchtlingspolitik auf die Straße gehen würde, ich sei mitverantwortlich für die steigende Kriminalitätsrate und nur die Montagsspaziergänger am Dresdner Altmarkt hätten den Durchblick und eine einzige Partei im Politikdschungel sei so mutig, zu sagen wie es wirklich ist, diese Menschen rotten sich im Klüngel zusammen. Zusammen gegen die Impfdiktatur und ein erfundenes Virus. Die selben Menschen, die mir auf Familienfeiern fröhlich entgegenriefen: „Jetzt müssen wir das Thema wechseln, die Gutmenschen kommen!“.

Meine Familie ist kleiner geworden, ich bin nun geschieden. Ich habe mich scheiden lassen wegen unüberbrückbarer Differenzen. Und obwohl ich ja noch niemals geschieden war, glaube ich zu ahnen, wie sich das anfühlt. Befreit zum einen, und zum anderen mischen sich Bilder darunter, Erinnerungsfetzen an gute Zeiten. An gemeinsame Erlebnisse mit den geschiedenen Menschen, bittersüß, vermissend, verzweifelt ein wenig, dennoch wissend, es gibt keine andere Möglichkeit. Weil die einen vom Cheerleader singen und die anderen von Geleeöhrchen.

Wellenbrecher also. Wenn ihr mich fragt, mir geht das alles noch nicht weit genug. Das ist mein persönliches Empfinden. Ich verstehe nicht, dass wir im letzten Jahr zu Hause unsere Kinder betreut und beschult haben bei Inzidenzen um ein Drittel, die Hälfte niedriger als jetzt. Jetzt bleiben Schulen, Kitas offen. Ich habe keine Lust auf Homeschooling, wirklich, wer hätte das schon, aber ich bin verunsichert über die noch immer andauernde Verunsicherung der Regierungen (Bund, Länder; alle sind mitgemeint) hinsichtlich der Angemessenheit der Maßnahmen. Ich will die meinen beschützen um jeden Preis.

Ich frage mich, was ich davon denken werde, wenn ich in zehn Jahren diese meine Zeilen lesen werde. Was wird dann sein, wie wird es sein, mein Leben? Der Blondino ist dann achtzehn Jahre alt, volljährig also. Mein Bubi gar einunddreißig. „Ich will nicht, dass der Brudi auszieht!“, sagte das Blondchen neulich, als wir zwei händchenhaltend in seinem Bett lagen, dem Bett mit der kuschligen Kinderbettwäsche, eingehüllt in seinen süßen Kinderduft nach warmem Salzkaramell, in der schönsten schwersten bittersüßesten Stunde des Tages. „Aber das dauert doch noch mindestens drei Jahre, bis der ausziehen wird. Und weißt du, das ist doch auch so, dass die Kinder irgendwann alleine wohnen wollen, oder mit jemand anderem als ihren Eltern.“, „Dann will ich auch zum Brudi ziehen, wenn der auszieht! Dann wohne ich dort bei dem.“, „Aber da wäre ich wirklich traurig, wenn du schon so früh bei mir ausziehst.“, „Aber ich bin dann schon groß und du dann alt, das ist dann so! Ich komme aber manchmal zum Schlafen zu dir.“, „Das ist schön! Und jetzt musst du die Äuglein zumachen und schlafen, und ich werde dich ganz schrecklich vermissen, weil ich dich erst in zehn Stunden wiedersehe!“, „Aber Mama, das merkst du doch gar nicht! Wenn du gleich schlafen gehst, ist es nur wie eine Sekunde, versprochen!“.

Ich weiß nicht, ob das Blondchen in drei Jahren, mit elf also, zu seinem Bruder ziehen wird. Aber ich werde das wissen irgendwann. Und in drei Jahren, in zehn, in zwanzig Jahren diese Zeilen lesen können. Ich werde dann auch wissen, wie das Jahr zwanzigeinundzwanzig geendet hat, ob wir Corona irgendwann hinter uns gelassen haben, ob ich für immer von Teilen meiner Familie geschieden bleibe.

Ich werde es wissen, weil es dieses Blöggel gibt. Weil ich vor acht Jahren begann, diese Tagebuch zu füllen, das weit mehr ist als ein Tagebuch mit Bildern. Weil ich jetzt schon mit dollem Herzklopfen manchmal die alten Beiträge lese und so unendlich dankbar bin, dass ich Stunde um Stunde aufgewendet habe, um meine Gedanken und Gefühle in Worte zu kleiden und abzutippen. Das war die beste Entscheidung, das beste Geschenk, das ich mir selbst gemacht habe, ganz ehrlich. Und die vielen Geschenke, die mir erst dadurch in den Schoß fielen. Menschen, Freundschaften, Orte, Erlebnisse, so viel Zusammenhalt, so viel Neues, Schönes.

„Das Internet ist an allem schuld!“, spricht der Beste mit seinem schönen Mund und meint damit die Meinungsverschwurbelungen der Unbeirrbaren und die aktuelle Situation. Ich weiß, was er meint. Früher stellte sich ein Experte hin und sprach, und alle hörten auf ihn, denn er hatte ja die Expertise! Heute googelt erst mal jeder zweite nach einer alternativen Meinung. Und wird fündig. Natürlich wird er das. Und nirgendwo gibt es eine Anleitung zum Denken, leider.

Das Internet ist also an allem schuld. Wenn das Internet irgendwann in Flammen aufgeht, abgeschaltet wird, dann wird mir das hier am meisten fehlen. Das Blöggel, ihr, wir. Bis dahin schreibe ich weiter. Damit ich morgen weiß, was ich heute dachte und warum ich gestern dieses tat und jenes ließ. Und damit ich mich erinnere, dass man sich manchmal verhören kann, etwas missverstehen, aber dennoch seine Haltung ändern kann, ändern sollte, immer mal wieder.

Und vor allem, bei allem Driss, damit ich mich selbst erinnern kann, was das große Geheimnis meines Lebens ist, die Antwort auf alle Fragen, die Glücksformel, der Gral. Meine Kinder. Deshalb:

Wochenurlaubsende in Bilder

Wir waren die vergangenen zehn Tage in Lubmin am Greifswalder Bodden.

Ich mag es sehr dort, weswegen wir schon mehrmals neben der Saison genau dort Urlaub gemacht haben. Wenn ihr fragt, warum eigentlich dort, wo doch Usedom zum Beispiel genau in der Nähe ist, nun, weil Lubmin eben nicht Usedom ist. Oder Kühlungsborn. Lubmin ist nicht schick, nicht prominent, es gibt im Oktober kaum noch Gastronomie und keine Lädchen zum Shoppen.

Es gibt einen einsamen Strand, eine einsame Strandpromenade und nur Freitags kommen ein paar Berliner übers Wochenende rauf um Meerluft zu schnuppern. Urlauber finden sich im Oktober kaum noch – herrlich!

Also Scotty, beam me up im Oktober, entweder an den Mittelmeerstrand nach Antalya (Sorgun bitte), oder aber nach Lubmin! Danke schön.

Wenn man an der Seebrücke in Lubmin steht, befindet sich linkerhand der Teil der Stadt, der neuer ist, mit schickeren Häusern. Rechterhand ein paar Hotelanlagen, eine Ferienhausanlage, die bestimmt schon zu Honeckers Zeiten dort stand, weiter rechts dann der Wald, danach der Campingplatz am Hafen.

Hinter mir an der Seebrücke befindet sich die „Fischbrötchenbude“, die eigentlich ein drei-Buden-Konglomerat ist, wo der Bärtige sich seine Matjes-Erdbeer-Brötchen gezogen hat. Ich habe kein Foto davon, weil es mich schon allein beim Gedanken daran schüttelt, aber es sind tatsächlich Semmeln mit Fisch drauf und Erdbeermarmelade und frischen Erdbeeren. Und sauren Gurken und Zwiebeln, ja doch. Nein, ich weiß es doch auch nicht, wie man sich sowas einfallen lassen kann. Und mein eigener Mann isst das!

Wir wohnen nicht im schicken Teil Lubmins, außer einmal. Wir wohnen gerne am Wald. Nicht schick. Dafür einsam.

Gastronomie in Zeiten von Corona ist ein Märchen für sich. Auch die Auslegung der Corona-Regelungen. Von „Du kommst hier nicht rein, außer, dein Kind lässt sich Hirnwasser ziehen und der Hund auch“ bis zu „Ist mir doch egal, scheiß doch auf alles und Corona sowieso“, hatte jeder Wirt seine eigene Regelung. Das betraf nicht nur Lubmin.

Wir haben uns oft selbst versorgt, und wenn nicht, dann in der „Blaumuschel“ gegessen. Der „Boddenblick“ war früher unsere Lieblingskneipe, aber die hatte aus nicht erkennbaren Gründen zu, so wie viele andere auch.

Sein Teller: Forelle mit Feta, Grillgemüse, Reis und Karotten-Aioli-Salat

In jeder Regenpause waren wir am Strand und haben uns durchpusten lassen.

Hafen Lubmin – voll niedlich

Sehr schön ist auch der kleine Fischereihafen in Freest. Wir haben schon Bilder, auf denen der Bubi so klein ist wie der Blondino und hier motzend steht, es wäre kalt, und langweilig, und voll öde! Schön, solche Familientraditionen.

Man kann von hier aus mit der Fähre übersetzen. Oder man lässt es, weil man die Insel schon kennt und macht Fotos von der zauberhaften Umgebung. Die kennt man ja auch schon, aber guck doch mal!

Den Spielplatz hat man seit dem letzten Besuch erfreulicherweise modernisiert und das Ergebnis wurde von uns gern beturnt.

Ich hatte eine ganze Kiste Brett- und Kartenspiele mitgenommen, davon haben wir lediglich Triomino gebraucht. Jeden Tag wurde hier Triomino gespielt. Wehe, irgendwer lädt mich die nächsten Monate zu einer Runde Triomino ein!

Am meisten waren wir im Wald. Jeden Tag etwa drei Stunden. Zwei am Vormittag und noch mal eine am Nachmittag. Das lag nur zum Teil am Hund. Also es lag am Hund, dass wir in diesem Jahr im Oktober nicht am Strand in der Türkei lagen, aber dass wir so exzessiv im Lubminer Wald waren, lag hauptsächlich an diesem schönen Wald.

Er ist groß genug, dass man nach zehn Tagen noch nicht die Nase voll hat, aber nicht so groß, als dass man sich nach zehn Tagen nicht souverän darin zurechtfinden würde.

Wir haben unfassbar viele Pilze gefunden und insgesamt zehn Backbleche davon getrocknet. Hauptsächlich Kaiserlinge und Steinpilze. Am Ende des Urlaubs war eine drei Liter Gefriertüte voll mit getrockneten Pilzen.

Ich mach davon im Winter Pilzrisotto und eine Handvoll kommt auch immer in Braten-fake-Soßen. Jetzt, wo hier niemand mehr Fleisch isst, ist es schon eine kleine Kunst, eine „schmeckt wie…“-Soße zu den Lieblingsklößen hinzubekommen. Oder man gewöhnt sich die Klöße samt dem Rotkraut eben ab. Aber ich finde, das geht zu weit.

(durfte stehen bleiben)

Gestern, einen Tag nach zwei heftigen Sturmtagen, verabschiedete uns das Meerchen mit magischem Licht und…

… einer zauberhaften Aussicht.

Der Blonde hat noch seine Mutprobe (barfuß zehn Schritte durchs Wasser waten) bestanden und dann mussten wir uns wieder verabschieden.

Tschüss Lubmin, auf Wiedersehn!

Das magische Licht begleitete uns bis nach Dresden und heute morgen bereits warfen Zwerge lange Schatten.

Die „Kehrwochen“ beginnen. Am Ende des Jahres werden wir vierzig Abfallsäcke mit Laub weggefahren haben.

Dieser erste Haufen hier und heute ist allerdings zum Spielen für Hund und Kind.

Unser Hündchen wiegt mittlerweile sechsundzwanzig Kilo und hat seinen kleinen Freund damit bereits überholt. Die frisst fünfhundert Gramm Trockenfutter pro Tag und sieht dennoch aus wie ein Gerippe mit Fellbezug. Bei mir ist das anders. Ich esse fünfhundert Gramm Trockenfutter und habe danach zwei Kilo mehr unter dem Fell.

Dieses Licht, oder?!

Ich halte jetzt noch ein bisschen das Gesicht aus dem Fenster, streichele Quitten, die eben vorbeigebracht wurden von lieben Freunden (im Tausch gegen Gelee), sortiere mal die Hausaufgaben vor vom Kind, und dann freue ich mich tatsächlich auf meine Arbeit morgen, ist das zu fassen? Doch, ich schwöre.

Ich wünsche euch einen wunderbaren Wochenstart mit magischem Licht und schaut doch mal bei Alu und Konsti vorbei, die die Wochenenden vieler anderer sammeln.

Bedienungsanleitung für ein ausgeschlafenes Wochenende, unter anderem in Bildern – #wib

Bedienungsanleitung für ein ausgeschlafenes Wochenende, unter anderem in Bildern – #wib

So ein Wochenende beginnt immer Freitagnachmittag, auch bei uns.

Das Blondchen wird gezwungen, seine Brotdose zu leeren, in seinen Mund. Ich habe keine Ahnung, wie der den Tag übersteht mit nur zwei Cocktailtomaten und einem Oreokeks.
Wir fahren gleich zu Karate, vorher wird das Pizzablech bestückt #betterbeprepared

Erste #metime des Wochenendes – der Einkauf! Während das Kind sportelt, spiele ich: Ich packe meinen Koffer-Raum und nehme mit:
Warten auf Karatekid
Der kleine Prinz ist jetzt sauber
„Wer röchelt, fliegt raus!“, lautet das Motto bei Nieselpriems. Kranke werden gnadenlos verbannt aus dem Schlafzimmer. Das ist nicht schlimm, der Mann liegt bequem auf meiner Ausklappcouch im Büro. Ich muss es wissen, denn ich war jetzt fünf Wochen krank und deshalb, siehe oben, ausquartiert. Der Hund schläft regulär im Büro, dem Kind habe ich gesagt, es dürfe am Morgen die dämlichen Pyjamahelden im Pyjama gucken und ich dürfte NICHT (GAR NICHT ÜBERHAUPT NICHT) geweckt werden! Es war nur ein Experiment und siehe da…
… Samstags halb acht in Deutschland, unsere Heldin erwacht, zieht sich die Ohrstöpsel aus den faltigen Ohren und den ersten Kaffee des Tages rein. Es ist schon hell draußen! Leute! Ich hab wirklich ausgeschlafen! Und die Welt ist nicht untergegangen.
Nach einem unspektakulären Frühstück…
… renne ich in der Gegend rum. Da ich ewig nicht laufen war, muss ich eben heute länger ran, der Mann wird später behaupten, ich sei zwei Stunden weg gewesen. Wir halten fest: Ich muss fünfzehn Kilometer gelaufen sein, mindestens. Oder zwischendurch im Solarium gwesen, wer weiß das schon so genau. Ich meine, ich hab heute AUSGESCHLAFEN, ich reiße als nächstes die Weltherrschaft an mich!
Mittag probiere ich eine Brokkoli-Käse-Suppe nach einem Rezept von Martha Steward, die angeblich mit nur einer Handvoll Zutaten auskommen soll. Es schmeckt langweilig – Ausschläfer wie ich haben einen anspruchsvollen Geschmack, deshalb:
… muss es die Geheimwaffe rausreißen! Ich habe immer ein Glas mit Knoblauch-Salz-Schnittlauch-Olivenöl-Gemisch im Kühlschrank, das schütte ich im Zweifelsfall furchtlos über alles #makeknoblauchfahnegreatagain
Und, schmeckts denn? Joar, geht so, gibt hoffentlich noch Kuchen?!
Klar gibts Kuchen, gibt Bienenstich. Das Kind muss ziemlich tapfer sein an diesem Wochenende. Dieses Bild hier (Kind an Matheaufgaben) sieht man häufiger. Das kommt davon, wenn man die Sommerferienaufgabe komplett schwänzt („Das muss ich nicht machen, das ist freiwillig!“) und nun innerhalb einer Woche alle Aufgaben, für die man (es) sechs Wochen Zeit gehabt hätte, erledigen muss. Tscha, Grundschule is kein Ponyhof!
Währenddessen bauen die Männers den Pool im Garten ab…
… die ganze Aktion dauert länger, als der komplette Badespaß im Sommer 2021 zusammen! Schissdrack. Wahrscheinlich trocknet die Scheiße nie und alles schimmelt. Ich hab genug Fantasie, ich seh es schon schimmeln, ich muss weggucken…
… und spiele derweil mit dem Unkraut. Ich winde mich aus der Poolarbeit heraus und stattdessen Kränze.
Einen für die eigene Eingangstür…
… und einen für die Kirche.
Und, Baya, was hast du so gemacht in der Zwischenzeit?
Ach so, verstehe.
Der Blondino und ich haben den Kranz und Kürbisse fürs Erntedankfest in die Kirche gebracht und waren („Voll langweilig! Voll öde!“) spazieren in der beschaulichen Hood. Die Männer arbeiten immer noch im Garten und wenn ich zu zeitig da wieder auftauche, muss ich womöglich irgendwas machen!
Wir haben nachgeschaut, wie weit die Spielplatzbauarbeiten am Hermann-Seidel-Park sind (nicht fertig),
… Verstecker gespielt (Wo ist das Kind?! Egal, geh ich ohne wieder nach Hause… ),
… und erfolglos (zum Glück) versucht, freilaufende Meersauen zu entführen

Am Abend war der Mann bei einem seiner vielen Stammtische (wer für seinen – thematisch völlig egal – Stammtisch noch einen Mann braucht, der melde sich gern), und ich bin mit der Couch verschmolzen (ohne Beweis, ihr werdet es mir schon so glauben müssen).

Weil es in der Nacht zuvor so gut geklappt hat, habe ich wieder das Aufstehen verweigert – erfolgreich – YEAH! Der Hund scheint seit Stunden darauf zu warten, dass ich mich aus dem Bett bewege. Ich werde das zur olympischen Disziplin erklären, wirklich, ich schlafe ab sofort nur noch aus! Ich mache das so lange, bis mein Wochenende in Bildern aus Bettbildern besteht, so! Ich werde das Wochenende ab sofort wie Hefeteig zubringen: Zugedeckt und in Ruhe gelassen. Und da brauchste gar nicht so zu gucken, Hund, wenn ich ausrechne, wie viele Stunden Schlaf ihr Schlafräuber mir alle in den letzten Jahren geklaut habt, und das nachholen wöllte, dann bliebe ich bis Mai nächsten Jahres im Bett! Gute Nacht Johnboy!
Die steht einfach nicht mehr um sechs auf, da guckste.
Ich bin dann doch aufgestanden und zum Erntedankgottesdienst gegangen. Ich habe für vieles zu danken, kein Scheiß jetzt, und da hilft eine Liturgie drumherum mitunter ganz schön, um mir selbst das bewusst zu machen.
Ach, da ist ja auch der Efeukranz von gestern
Mittag gibts vegane Schnitzel, die mir nicht schmecken. Der Mann isst fünf davon.
Nachmittag gehe ich mit den beiden Kleinen in den Wald. Da das Wetter schön ist und alle People wie verrückt zu Fuß und auf Rädern in die Auen strömen, müssen wir den geheimen Wald ansteuern, über den ich nicht sprechen darf, sonst seid ihr dann alle nächstes Wochenende dort. Ich kenn euch doch!
Frage: Was haben: „Komm, Mami, lass uns in diese Schlucht runterklettern! Das wird lustig!“, und: „Henrike lässt sich immer zu leicht ablenken und überreden.“, miteinander zu tun? Am Ende des Nachmittages werde ich dreckverschmiert, schweißüberströmt und lädiert zu Hause ankommen, froh, überlebt zu haben. Dieser Abgrund (des Todes) wurde irgendwann wirklich halsbrecherisch und in einem Moment, wo das Kind bereits auf der anderen Seite eines dicken umgefallen Baumes war und ich gerade darüber klettern wollte, sprang mir der Hund von vorn panisch gegen den Kopf – Punch!- so richtig gegen den rechten Kiefer. Baya the Bud Spencer- dog in: „Vier Pfoten für ein Halleluja“. Ich sah kurz Sterne und kann nicht besonders gut kauen heute. Fühlt sich an wie nach einer Kneipenschlägerei. Ich war nicht mal ansatzweise angeschickert! Lauschiger Sonntagsspaziergang, ey. Na wenigstens war ich ausgeschlafen!
Pilze haben wir auch noch gefunden
Kind an Mathehausaufgaben, ones again
Das Abendbrot bestand aus Abendsalat für den Bärtigen…
… und Abendbrezeln mit Butter for se boys. Dazu heiße Schokolade, ist ja schließlich Herbst!

Ich guck jetzt, wie die ersten Hochrechnungen vom Wahltag sind – wir haben hier per Brief gewählt und waren deshalb heute vom Gang zur Urne entschuldigt – und vielleicht fang ich dann „Ozark“ an. Alternativ könnte ich die Brotdosen für morgen schon mal vorbereiten oder die übervollen Wäschekörbe bearbeiten. Ich denke, es wird „Ozark“.

Jetzt bleibt mir nur, euch und mir einen guten Wochenstart für morgen zu wünschen und wenn ihr auch mal wieder ausschlafen wollt, ihr wisst ja nun, wie´s geht! Alle aus dem Schlafzimmer schmeißen, Ohropax rein, gute Nacht! Eventuell müsst ihr noch die Tür abschließen und gnadenlos einen Schrank von innen gegen die Tür schieben, oder sogar das Haus gänzlich verlassen, die Stadt, egal, ihr schafft das! Wir werden alle irgendwann wieder schlafen, ist das nicht herrlich?!

In diesem Sinne: Gute Nacht!

Das Kinderzimmer makeover

Das Kinderzimmer makeover

(enthält Werbung)

Als unser Blondino im vergangenen Jahr eingeschult wurde, wollten wir ihm ein großer-Junge-Kinderzimmer schenken. Einen Platz, an dem er gerne schreiben und rechnen würde, einen Raum zum ausruhen, träumen und lesen.

Das musste verschoben werden, da Corona dafür sorgte, dass IKEA als bevorzugter Möbelladen nicht an unsere Adresse lieferte. Jetzt erst konnten wir das umsetzen.

Bis dahin war das Kinderzimmer eher ungünstig möbliert, wie wir feststellen mussten. Der Schreibtisch – an sich kein schlechtes Möbel – stand an einem unpassenden Ort und wurde vom Kind nie genutzt. Selbst während der Homeschoolingzeit hat der Blondino ausschließlich am Küchentisch gearbeitet oder neben mir an meinem Schreibtisch.

Hinter der Tür des Kinderzimmers befand sich ein lackiertes Küchenregal, auf dem Bücher platziert waren und zwei Regale – verschenkter Platz, wie ich im Nachhinein befinde!

Den Kleiderschrank aus unbehandeltem Holz hatten wir gekauft, als unser Kleiner ein Baby war und in die alte Wohnung mit den dunklen Böden passte er auch sehr gut. Hier nun wirkte er wie ein Trumm und…

… konnte schon lange kaum noch all die Dinge beherbergen, die ein junger Mann so braucht.

Wir haben den Schrank verschenkt, ein paar wenige Sachen neu gekauft und mit den vorhandenen Stücken Möbeltetris gespielt, et voila!

Das Bett steht jetzt an der Stelle, an der vorher der Schreibtisch war, davor ein schlichtes Bücherregal (Kallax von IKEA).

Der Schreibtisch wurde vom platzraubenden Aufbau befreit und unter das Fenster geschoben, flankiert von zwei Regalen (Kallax und Besta von IKEA). So fällt jetzt Licht auf den Arbeitsplatz und großzügiger wirkt es auch.

Der neue Schrank ist hinter die Tür gezogen. Er besteht aus zwei Schränken (Visthus-Serie von IKEA), nimmt großzügig alle Sachen auf und sich selbst nicht so wichtig. Alles wirkt jetzt größer, ruhiger und leichter.

Der Strahler im Kinderzimmer ist noch Erbmasse der Vormieter, und sollte schon längst ausgetauscht werden.

Und manchmal kommt es vor, dass just eine Kooperationsanfrage im Posteingang eintrudelt und man denkt: Bingo!

So ging es mir, als mich die Firma ELOBRA anschrieb und fragte, ob sie mich mit ihrem Beleuchtungskonzept und ihren Produkten bekannt machen dürfte. Die Möbelkisten für das Kinderzimmer standen bereits im Flur und die alte Funzel sollte runter, also war ich durchaus interessiert. Das alleine hätte aber noch nicht zwangsläufig zur Folge, dass ich euch heute davon berichte.

Ich bin in der Situation, dass ich nicht hauptberuflich blogge und somit auch nicht auf Werbeeinnahmen angewiesen bin. Aus diesem Grund findet man seit Jahren keinen werblicher Beitrag hier. Wenn ich aber etwas richtig dufte finde, dann solltet ihr durchaus davon erfahren!

Das Erzgebirge ist bekannt für seine lange Tradition in Sachen Holzkunst und Volkskunst, Räuchermännchen und Schwibbögen aus dem Erzgebirge zieren tausende Haushalte im Advent. Aus dieser Tradition heraus entstand ELOBRA.

ELOBRA kannte ich vorher nicht, war aber sofort begeistert, als ich las, dass die Lampen und Leuchten im sächsischen Freiberg in Handarbeit und aus ausschließlich nachhaltigen Materialien aus traditioneller Forstwirtschaft gepaart mit effizienter LED-Technik hergestellt werden. Die für die Lampen verwendeten Lacke sind ausnahmslos lösungsmittelfrei auf Wasserbasis. Dazu ist die Produktpalette nicht nur ausnehmend schön, sondern für eine erzgebirgsche Handarbeit auch erstaunlich erschwinglich!

Ich sagte gern zu zu dieser Kooperationsanfrage und entschied mich für unser Kinderzimmer zum Testen für die LED-Deckenleuchte „Wolke“.

Der Bärtige lobte die gute Verarbeitung und die kinderleichte Montage.

Nach wenigen Handgriffen saß unsere neue Wolke dort, wo vorher ein hässlicher Strahler hing.

Die Lampe hat drei Beleuchtungsmodus, die einfach über den Lichtschalter bedient werden. Man kann den LED-Ring einzeln ansteuern und erhält ein etwas helleres Nachtlicht, die Leuchte in der Mitte einzeln, und alles zusammen als dritte Option.

Wir finden das Ergebnis überaus geschmackvoll und passend!

Wie findet ihr das Kinderzimmer? Ich bin sehr überrascht, wie großzügig dieser Raum auf einmal wirkt und unser Blondchen hält sich jetzt deutlich öfter und länger hier auf. Auch die Hausaufgaben macht er nun in seinem Zimmer, an seinem eigenen Schreibtisch.

Neu gekauft haben wir nur ein Kallax-Regal und die Schrankkombination, der Rest war schon da. Die Möbel und auch Teppich, Vorhangstoff, Drehstuhl und Bilder sind allesamt von IKEA und befanden sich schon bei uns im Gebrauch. Und unter dem funkenden Licht der neuen Wolkenlampe hört der Kleine jetzt eine CD von den drei Fragezeichen und träumt sich in Detektivabenteuer hinein.

~

Wer von euch neugierig auf die Produkte von ELOBRA geworden ist, dem darf ich in Zusammenarbeit mit ELOBRA einen Rabattcode in Höhe von 15% auf das gesamte Sortiment anbieten, nieselpriem15. Dieser Code ist gültig bis zum 23.12.2021.

Ich würde mich freuen, zu hören, wie ihr die Marke findet und ob ihr ELOBRA vielleicht sogar kanntet. Ich wusste nicht, dass quasi „bei mir um die Ecke“ so schöne Leuchten hergestellt werden und freue mich auch deshalb sehr über diese Partnerschaft, weil ich zukünftig bei jedem weiteren Lampenkauf nicht nur ein nachhaltig erzeugtes Produkt erwerben, sondern auch meine Region unterstützen kann.

Röchelndes Bettgeflüster, oder: Vom Leben mit Hund

Ich bin nun schon die vierte Woche krank, virulent, und irgendwie wird es nicht besser, sondern schlechter. Das Gesicht ist dick, die Nebenhöhlen dicht und warum ich eine Nase im Gesicht habe, das erschließt sich mir nicht. Ich rieche nichts, ich schmecke nichts. Gestern Abend zum Beispiel löffelte ich lustlos in einem Becher Schokoladeneis und stellte fest, es schmeckte: Kalt! Sonst nichts. Das war seltsam. Der Löffel voll mit Nudossi, den ich im Anschluss als Geschmackstest ebenfalls in den Mund steckte, rief das Gefühl in mir hervor, auf Schlamm oder Lehm herumzulutschen. Temperatur und Konsistenz sind alles, was ich wahrnehme. Ich rieche nicht mal Hundekacke, was mich nicht nur zur Kotentsorgungsverantwortlichen macht, sondern hier auch als Überleitung dient.

Denn, ich habe meine Lädiertheit zum Anlass genommen, das Laptop entsprechend seiner namentlich angedachten Funktion auf den Schoß zu legen und im Bett zu bloggen – eine Premiere!

Wer mir auf Instagram folgt, weiß es schon vom ersten Tag an: wir haben seit dem ersten Mai ein Weimaranermädchen hier bei uns. Sie heißt Baya und ist eine Badenserin, keine Thüringerin. Ihre Mutter und Tante sehen aus wie graue Doggen von der Größe her, was wir allerdings erst bemerkten, als wir das Welpenkind abholten! Dank Corona hatten wir vor dem Kauf keine Gelegenheit, den Wurf zu betrachten und mussten alles fernmündlich und nach Betrachtung von Videos entscheiden.

Wir haben uns ein Jahr lang mit dem Weimaraner als Rasse beschäftigt, und uns lange vergeblich auf Wartelisten und Wurfankündigungsbewerbungslisten gesetzt. Nach unendlichen Rückschlägen dann waren wir schwanger und kurz darauf purzelten aus der badischen Entfernung täglich goldige Filmchen ein.

Zum Beispiel solche (pardon the furchtbar miese quality):

Wir waren verzückt! Nun ist es dank Corona und der Entfernung nicht möglich gewesen, den Wurf zu besuchen bis zur endgültigen Abholung, sodass wir schlussendlich die Katze im Sack kauften, den Weimaraner im Korb. Und der war dann tatsächlich gar nicht mehr soooo klein, wie (ein bisschen) erhofft. Sie wog am Tag des Einzuges bereits acht Kilo und war größer, als dass ich sie hätte in eine Hundetasche stecken können. Was ich annahm, dass ich es tun würden täte, als ich noch auf sie wartete und idiotische Pläne schmiedete über das Leben mit Hund.

Ich war sehr müde an dem Tag, und glücklich, also alles wie immer, wenn Nachwuchs kommt!

Der Vergleich sollte auch die kommenden Wochen standhalten, was ich noch nicht ahnte. Zum Glück. Irgendwann später mal erzählte mir eine Psychotherapeutin, dass es den Begriff der „postpartalen Depression“ tatsächlich auch bei Hundebesitzern gäbe, klingt verrückt, aber genauso hab ich mich gefühlt!

Der Babyhund hatte nicht nur rund um die Uhr Betreuung nötig, sondern auch Schutz, vor dem Blondino zum Beispiel. Der wollte den Babyhund am liebsten permanent befummeln und herumtragen! Das gefiel dem Hund zwar, allerdings hatten die scharfen Krallen und spitzen Zähnchen des Milchgebisses bald nicht nur an allen erwachsenen Händen und Armen und Beinen und Rücken (ach, ihr habt Fantasie, erweitert beliebig) hinterlassen, sondern auch auf der zarten Kinderhaut. Es gab ständig Geschrei, wie böse der plöte Hund sei, und im nächsten Augenblick – Zack!- war das Kind wieder dran am Korb.

Die vielen Treppen in unserem Haus waren auch ein Problem. Also nicht für Baya, die enterte die Stufen problemlos und unerwünschterweise bereits ab dem zweiten Tag bei uns, also im zarten Alter von acht Wochen. Nur kam sie am Anfang nicht wieder herunter! Also traute sich nicht. Dann traute sie sich zwar, sollte das doch aber nicht, wegen den Gelenken, der Hüfte! Kindersicherungen wurden konzipiert und wieder verworfen, wir müssen eigentlich ständig treppauf treppab. Also schleppten wir fortan den ganzen Tag einen Welpen mit uns herum. Einen Welpen, der sehr schnell zunahm und sehr schnell sehr schwer war. Und sehr süß. Das auch.

Wir waren von Anfang an streng. Sie darf nicht auf die Couch! Also nie. Wie man deutlich an dem Foto sieht, hat sie das nicht interessiert. Weil, die Sonne schien doch! Guck doch mal, wie schön das ist! Und ich muss immer auf einem Sonnenfleck liegen, das hat meine Mami gesagt! Als ich dieses Foto oben machte, rief ich sie beim Namen, was sie schon verstand, sie guckte einfach nicht zu mir, getreu dem Motto, ich höre dich gar nicht, Frau mit den gelben Haaren. Es ist so schön hier auf dieser Decke, auf dieser Couch! Und guck mal, wie süß ich bin, du darfst mir nichts verbieten. Guck doch mal, wie ich gucke!

Das war auch ein Problem: Die übergriffigen Menschen. Gingen wir mit der Grauen raus, stürzten wildfremde Menschen herbei und grabschten an den Hund (der sich natürlich immer freute), eititei, wie süß du bist! Wir mussten ständig die Leute erziehen, und das klappte etwa so prima wie bei unseren Kindern, also eher schlecht. Gut war, wenn ich jemandem erklärt habe, dass der Hund nicht lernen soll, dass fremde Menschen immer Streicheleinheiten parat hätten, denn ich könnte mir nicht vorstellen, dass die fremde Person sich noch immer so übergebührlich freuen wird, wenn die kleine Baya dann ausgewachsen mit mindestens fünfunddreißig Kilo auf sie zustürzen wird. Das Gute war, das brachte stets Einsicht bei den Menschen. Das Schlechte daran, diesen Text sagten wir sehr oft auf.

Aber die Zeit spielt uns da ja in die Karten. Bereits jetzt wechseln manche Menschen die Straßenseite, wenn wir kommen. Sie ist schon ein eher mittelgroßer, langbeiniger Hund mit ihren sechs Monaten und wiegt bereits dreiundzwanzig Kilo.

Die blauen Weimaranerwelpenaugen sind einem Bernsteinton gewichen, der Brustkorb ist tief und bereits jetzt mächtig breit.

Sie ist eine beeindruckende Schönheit, was selbst andere Weimaranerbesitzer (- betreuer) beteuern.

(Nur wenn sie sich schämt oder Blödsinn angestellt hat, sie sieht voll affig aus. Dann streckt sie den langen Hals nach vorn, die Rute nach hinten und läuft quasi Rute-Körper-Hals-Kopf bilden eine Linie wie bedröppelt herum und ich finde, sie sieht dann aus wie eine laufende Biertischgarnitur! In grau!)

Dabei hat sie ein ganz zauberhaftes Wesen. Sie ist scheu, aber nicht ängstlich. Super anschmiegsam und sehr gelehrig. Sie bellt nicht, sie fiept selten, sie will einfach nur gefallen. „Baya, unser Stelzbein, ist ein wirklich angenehmer Hund!“, sagte neulich der Betreuer in der Hundetagesstätte, wo die Graue zweimal in der Woche hingeht, und ich war ganz schön stolz. Affig, ich weiß, aber was soll man machen, wenn einen schon die Kinder nicht stolz machen und es in der Schule nur Früchtchengespräche gibt, die beginnen mit: „Ihr Kind hat…!“. Dann muss mich eben der Hund mit tadellosem Verhalten mit Stolz erfüllen. Dann kann ich sagen, es liegt nicht an mir, guck, der Hund ist prima erzogen! Kleine Scherz. Ich kann die Kinder immer noch mehr leiden als den Hund. Also meistens.

Was man wissen sollte, wenn man sich in die Rasse verliebt ist nicht nur der Umstand, dass diese Tiere viel Beschäftigung brauchen für den Kopf, die Nase. Auch als „grauer Schatten“ bezeichnet man sie, und das sieht so aus, dass Baya uns alle auf Schritt und Tritt folgt, ganz egal, wie absurd das ist. Also auch dann, wenn ich nur aus der Küche in die Kammer gehe um Mehl zu holen, sie latscht hinterher. Alleine aufs Klo gehen habe ich mir ja zum Glück noch nicht wieder angewöhnt, denn das werde ich nie wieder. Sie hockt sich vor mich hin, ganz egal, was ich mache. Nur das liebevolle Abschleckern meiner nackten Knie, wenn ich auf der Schüssel hocke, das musste ich ihr verbieten – also irgendwo ist mal Schluss!

Wir haben drei identische Hundekörbchen im Haus verteilt, sodass sie auf jeder Etage eine Ruhezone hat.

Beim alleine Einschlafen haben wir das so gemacht, dass sie die ersten Wochen bei uns im Schlafzimmer ruhte in einem der drei Körbe, und wir den dann immer weiter aus dem Zimmer zogen, bis sie nun in meinem Büro schläft (da liegt sie jetzt auch neben mir, während ich schreibe). Das klappt alles, also jetzt.

Denn bis der Hund aus dem Schlafzimmer auszog, vergingen einige Wochen. Wochen, die immer länger wurden, denn ich genierte mich. Kaum fingen der Kerl und ich an zu fummeln, wollte der Hund mitmachen! Auf irgendeinem Schoß sitzen! Auch knutschen! Schubsten wir sie weg, fiepte sie. Das hielt ja keiner aus. Irgendwann – es nützte ja nichts – wir also bei der Sache, der Hund hatte mittlerweile gecheckt, dass unser Bett TABU mit Großbuchstaben ist, da steht sie am Bettende und guckt in „Pass auf!“-Haltung ganz genau, wer hier wem weh tut und ob sie vielleicht einschreiten müsse. Und kurz bevor die Blitze und das Feuerwerk kamen, also in dem Moment, wo man die Augen nicht mehr aufhalten kann, dann spurtete die um das Bett herum, vor, zurück, Kopf und Rute hoch und hat Alarm angezeigt! Radau gemacht! Hülfe, zu Hülfe! Die neue Mami ist in Gefahr! WUFFWUFFWUFF!

„Le petit mort“, der kleine Tod, so nennen die Franzosen den Orgasmus. Braucht keiner, habe ich beschlossen. Ich habe jetzt einen Weimaraner, der will auch kuscheln, eigentlich permanent. Reicht doch!

Was hat die letzten Wochen noch genervt? Magen-Darm-Infekt beim Hund, das ekligste überhaupt. Dann überhaupt diese Haufen! Baya kackt Riesenfladen, die mich an Kuhkacke erinnert, nicht an Hundehaufen. Sie verträgt nur eine einzige Sorte Futter, sonst kotzt und kackt sie mengenmäßig täglich ihr eigenes Gewicht, überall (hier Würgegeräusch vorstellen). Was noch? Ganz klar halb sechs aufstehen, also am Wochenende, in der Woche tut sie, als wäre sie ein Langschläfer, wie das Kind!

aktuelle Spitznamen: Stelze, Stelzbein, Köti, „mein Meeeedschn“, Bayanator, Bayakowskaja, Fiffi

Jetzt seid ihr erst mal im Bilde. Wie das mit der Grauen hier weitergeht, das könnt ihr zum Beispiel bei Instagram verfolgen, wenn euch das Warten auf einen neuen Blogpost zu lange erscheint. Ich poste ziemlich regelmäßig dort, fürs Blöggel bleibt leider aktuell viel zu wenig Zeit. Das ist alles Netflixens Schuld im übrigen. Seit es Netflix gibt, bin ich seltener Blogger, dafür öfter Netflixer! Ich gelobe Besserung. Ich hoffe, wir lesen uns bald!

Achtsam wechseln Teil 3 (das faltige Ende der Trilogie)

Diesen Beitrag hier habe ich in tagelanger Schreibarbeit geschrieben, um ihn danach zu löschen. Und nun steht jetzt hier etwas anderes.

Tja, warum? Weil ich feststellen musste, dass ich mich ins Ratschlagen begeben habe, ganz unabsichtlich. Und nein, das möchte ich nicht. Ratschläge sind auch Schläge.

Was anderes wäre es, säßen wir bei mir auf der Couch, einen Entwässerungstee oder ein großes Glas Klosterfrau Melissengeist (wer´s glaubt) auf den faltigen Knien und wir würden einfach nur quatschen. Dann könnten wir frei reden und vielleicht wirklich Tipps austauschen und Visitenkarten vom Doktorchen, der das Gesicht glättet, einfach nur durch Handauflegen, zum Beispiel. Tja, aber das ist hier das Internet, niemand weiß so genau, wer das alles liest, ganz so privat ist das alles nun doch nicht.

Außerdem: Niemand von euch läuft mit meiner Haut herum, nur ich alleine. Also wozu soll ich euch schreiben, was ich mir ins Gesicht schmiere! Allenfalls könnte ich euch meine Meinung sagen, und die ist: Ich habe wirklich alle Produkte gekauft, die versprachen, gegen Falten und Hautalterung wirken zu können und sage heute: Die lügen alle! Nichts, was man obendrauf schmiert, verändert wirklich die Hautstruktur. Keine Creme für zwei Euro und auch keine für zweihundert. Ich habe es probiert, jahrzehntelang!

Ich könnte euch erzählen, dass ich irgendwann bei der Hautärztin mit der porenfreien, makellosen Haut saß und fragte, was ich da tun könnte. Dagegen. Gegen Falten zum Beispiel. Sie murmelte gelangweilt ohne aufzusehen etwas von: „… Feuchtigkeit, viel trinken, Lichtschutzfaktor…“.

Das war mir zu wenig. Ich sagte: „Was, wenn sie morgen früh aufwachen und im Spiegel sehen sie mein Gesicht? Womit würden sie dieses Gesicht pflegen?“. Da schaute sie auf einmal interessierter, nahm den großen Block und fing an zu schreiben. Nicht alles, was sie für „unser“ Gesicht empfahl, fand ich nach dem Ausprobieren prima (zum Beispiel stand sie sehr auf chemische Peelings, ich finde aber, ein ausgebleichtes Gesicht steht mir nicht), allerdings steht wohl unumstritten fest, dass ein Hautarzt wohl die beste Expertise hat hinsichtlich der Haut. Just saying, ohne Ratschlag.

Ich könnte euch erzählen, dass ich bei einem weiteren Arzt war, der im übrigen – bevor die Frage aufkommt – Schulmediziner mit Approbation ist und sich selbst als „Anti-Aging-Papst von Dresden“ betitelt. Dieser Typ ist ein Mann mit unschätzbarem Alter, was seiner Passion sehr entgegen kommt. Er propagiert das Heil und die ewige Jugend durch die Einnahme hochdosierter Vitamine und Mineralstoffe.

Das Gute war, er hat einen wirklich sehr umfangreichen Bluttest bei mir gemacht, der auch den Mineralstoffhaushalt und alle Parameter, die nie abgefragt werden, beinhaltete. Da war doch tatsächlich diverser Mangel erkennbar. Ob der nur tagesaktuell war und überhaupt irgendeine Relevanz auf meine Gesundheit hat, keiner weiß es. Glauben war da auch die Devise. Seitdem habe ich den teuersten Urin der Stadt, muss aber sagen, dass ich zumindest hinsichtlich meines Wohlbefindens einen Unterschied merke, zu merken behaupte. Ja, lacht ruhig! Wenigstens kaufe ich keinen Jaderoller für den „Glow“!

Ich könnte euch erzählen, fallt nicht auf irgendwelche Werbung ein, die euch suggeriert, um den „Glow“ zu bekommen, braucht ihr Massageroller aus Jadegestein für hundertfuffzisch Euro. Eine Bürste vom Drogisten für zwei Euro macht den gleichen Job. Ach, ihr wisst das selber. Aber wir sind verzweifelt, ich weiß.

Lasst euch nicht die Kröten aus der Tasche ziehen, investiert die lieber in feine Kaschmirpullis, die auch schmeicheln oder einen harten TRX-Kurs, der euch den stählernen Körper einer Dreißigjährigen verschafft, dann könnt ihr auch löchrige Jeans tragen wir Dreißigjährige. Falls ihr das wollt. Und Sport macht ja tatsächlich gut durchblutete Haut, der Glow kommt dann von selbst.

kann peelen, Produkte einmassieren, macht „Glow“, kostet nur zwei Euro

Ähnliches gilt für Wimpernseren für sehr viel Geld. Könnt ihr machen, na klar, aber schon meine Oma wusste, dafür eignet sich Rizinusöl ganz hervorragend! Dieses hier zum Beispiel kommt sogar mit einem Wimpernbürstchen daher, was ich persönlich nicht brauche, denn ich massiere mir das einfach um die Augen. Brennt nicht, riecht fast gar nicht und erfüllt seinen Zweck: Ausgedünnte und abgebrochene Wimpern wieder auffüllen. Kostet unter zehn Euro und in der Apotheke verkauft man euch bestimmt auch eine Kleinstmenge, denn für diesen Zweck hier braucht man einfach nur ganz wenig. Aber ihr könnt natürlich auch das schicke Wimpernserum kaufen. Wer bin denn ich, dass ich hier Empfehlungen verteilen könnte. Ich sag ja nur.

Die Haare fallen oben aus und wachsen irgendwo als Backenbart oder Kinnbehaarung wieder nach – scheiß drauf, das überleben wir! Zupfen hier und auffüllen da, man hat gut zu tun, wenn einem nicht alles egal ist, was mit dem Körper so passiert. Das ist ein full-time-Job. Die Zeiten, in den ich achtlos morgens um zwei nach eine Feiernacht und fünf Bier geschminkt ins Bett fiel, sind lange vorbei! Das heißt nicht, dass ich keinen Spaß mehr habe, aber eben disziplinierteren, wenn man so möchte.

Das hier unten ist Oma Else mit Ende vierzig, an der Hand die kleine Rike. Else trug damals eine praktische Kurzhaarfrisur und praktische Schuhe.

Oma Else mit 48 Jahren, an der Hand die kleine Rike

Die kleine Rike verweigert mit Anfang fünfzig beides – Kurzhaarfrisur und praktische Schuhe!

Wechseljahre, das ist auch die Zeit, wo Frau mitunter einiges wechselt: Lebensgewohnheiten, Partner, Job. Das liest man gelegentlich. So eine Umbruchzeit ist auch wirklich eine gute Zeit, um Inventur zu machen. Es ändert sich so viel im Innen, im Außen, Aufruhr herrscht in den Gefühlen. Ich glaube, wir verändern uns derart krass das zweite Mal seit der Pubertät, das kann durchaus Veränderungen im Lebensentwurf zur Folge haben. Das Nest leert sich, die primären Geschlechtsmerkmale sind nicht mehr für ihre Bestimmung zu gebrauchen – Ha! -aber dafür für Party! Na gut, wenn dir nicht gerade irgendwas weh tut. Der Rücken, der Kopf, der Unterleib, die Knie, die Hüfte…

Es gibt den Begriff des „cougar“ für eine „ältere“ Frau, die wie ein Puma auf Jagd geht nach jüngeren Sexualpartnern. Und eine Leserin mit dem Avatarnamen Fujolan schrieb in einem Kommentar unter dem letzten Wechseljahresbeitrag, sie hätte (Zitat): „…Richtig richtig übelst viel Lust auf Sex. An manchen Tagen fast dauernd. Harrrr (die Männer ergriffen die Flucht)…“. Ich fand das Bild herrlich amüsant! Männer auf der Flucht.

Wahrscheinlich ist, dass es alles gibt. Ich persönlich möchte auch diesbezüglich meine jungen Jahre nicht zurück, das erinnert mich irgendwie an fast food: zu viel, zu ungesund, zu viel Reue hinterher. Ich finde es durchaus befreiend, ein Gespräch mit einem Mann zu führen und es schwingt rein gar nichts Sexuelles mit. Es wurde mir erstaunlicherweise erst klar, dass das so war, als es dann auf einmal nicht mehr so war! Und ich hätte früher angenommen, dass mich der Verlust des Begehrtseins sehr treffen würde, tut es aber gar nicht. Ich werde immer noch wahrgenommen, für andere Aspekte meiner Persönlichkeit, und ich möchte nicht zurücktauschen. Oder nur selten. Und das stimmt.

Ich glaube, es ist alles gesagt, alles geschrieben. Vielleicht noch nichts zu der sich – zum Glück – ändernden Rolle der Frau in der Gesellschaft, was auch die unsichtbaren Frauen jenseits des großen run auf das Supersperma angeht, aber das bearbeiten wir andermal. Vielleicht. Oder ihr schreibt selber ein Kapitel mit, indem ihr laut werdet, sichtbar bleibt! Euch nicht in einer beigefarbenen Parallelwelt abkapselt. Das wäre schön.

Zum Abschluss die Hymne der Wechselweiber, danke sehr an Katharina, die das gefunden hat. Viel Spaß dabei. Und das ist auch das Credo: Bloß nicht den Spaß verlieren! Du bist nicht alleine. Und ich auch nicht. Und egal, welches peinliche Zipperlein dich plagt, es ist nicht exklusiv! Irgendeine von uns hatte das auch schon. Fühl dich eingeladen, die Kommentarfunktion hier hemmungslos zu nutzen, falls dir danach ist.

Über Pfingsten 2021, August 1982, Funktionskleidung und Biergartentrainig #wib

Das Pfingstfest fiel in diesem Jahr wieder -Hört, hört! – auf ein dreitägiges Wochenende und alle freuen sich über den zusätzlich freien Montag, auch wenn sie den Hintergrund dieses Feiertages womöglich nicht kennen. Um eventuell vorhandene Wissenslücken hier zu schließen: An Pfingsten feiern die Christen das Kommen/ die Ankunft des Heiligen Geistes, auch „der Geist Gottes“ genannt. Es ist dieses Gefühl, was uns tröstet, leitet, mahnt. Atheisten würden das vielleicht mit dem Bauchgefühl oder einer inneren Stimme gleichsetzen.

So, das hätten wir. Wer frei haben will, sollte zumindest im Geiste (dem eigenen) eine wohlwollend tolerante Haltung gegenüber dem kirchlichen Ursprung des Feiertages haben, oder? Gern geschehen.

Bestimmt fragt ihr euch, wann denn der dritte Teil der Wechseljahressaga endlich kommt und warum ich hier ständig Wochenenden verblogge. Ersteres ist schon da, nur noch nicht fertig und zweitens weil die Zeit rast und die Kinder und das Leben sich ständig in Veränderung befinden. „Man muss sich beeilen, wenn man etwas sehen will. Alles verschwindet.“, wusste schon der Paul Cézanne.

Auch ein Feiertagswochenende beginnt in Laufschuhen.

diese Schuhe könnten mal gereinigt werden

Beim Heimkommen erwarten mich Besucherschuhe, sie haben frische Semmeln mitgebracht.

diese Schuhe haben Frühstück mitgebracht

Mittags haben der Mann und ich unseren ersten Impftermin im Dresdner Messezentrum, das zu diesem Zwecke in eine durchorganisierte, durch die Bundeswehr unterstützte, ein wenig endzeitstimmungsverbreitende Notfallhalle umstrukturiert wurde.

Wir hoffen nun zeitnah auf einen freigegebenen Impfstoff für Kinder, da unser Blondchen Asthmatiker ist und in seinem kurzen Leben bereits mehrere Lungenentzündungen hatte und, wäre er erwachsen, eindeutig zur Risikogruppe gehören würde.

Wir sind froh, dass es endlich (!) soweit ist, dass wenigstens wir Eltern geimpft werden konnten. Ich habe heute mit einer Kollegin in Indien gechattet, die dortigen Probleme machen mich demütig, wenngleich sie nicht als Entschuldigung herhalten, was die Entscheidungen unserer Regierung in den letzten fünfzehn Monaten anbelangt.

diese Schuhe stehen im Impfzentrum

Nachmittags regnet es und wir sind auf dem Dachboden und sporteln.

dies ist ein weiteres Paar Sportschuhe, für aneroben Sport konzipiert

Ich glaube ja nicht an Funktionsbekleidung. Das steht natürlich in krassem Widerspruch zu all dem Equipment, das sich in unserem Hause befindet, ich weiß das! Aber generell ist das alles Humbug. Der Turnvater Jahn wusste nichts von Polyester und Täve Schur nichts von Polyamid. Und Maxi Gnaucks Gymnastikanzug hatte bestimmt keine elastischen Fasern aus Weltraumgestein, bei Vollmond zu unsichtbarem Gespinst verzwirnt! Also echt mal.

Das ist doch wie mit dem ganzen Allergiezeug. Heutzutage hat doch gefühlt jeder zweite Mensch eine Nahrungsmittelunverträglichkeit, und anstatt dass geschaut wird, wie es dazu kommen konnte und an den Ursachen bei der Lebensmittelherstellung gedreht wird, nein – ZACK!- ein neuer Absatzmarkt ist geschaffen! Glutenfreie Produkte, die noch mehr kosten als die glutenhaltigen stehen für die geplagten Menschen in zehn Metern Regal bereit, gleich neben den laktosefreien Produkten. Das ist ein Lehrstück in Kapitalismus und Marketing. Erst ein Problem schaffen und dann mit der Lösung sauviel Geld scheffeln.

Ich schweife ab. Wer von euch hat meinen roten Faden?!

Aber bevor ich wieder zum Wochenende im Jahre zwannscheenunzwannsch zurückkomme, hier noch mal ein Videobeweis. Ich bezweifle, dass die heutigen Kinder sportlicher sind in ihren Hightechfasern und doppelt gedämpften Sportschuhen, für jede Sportart ein extra Paar. Auf jeden Fall habt ihr was zu lachen, und Lachen ist systemrelevant! Auf gehts:

Ich war bei diesem Mega-Event „Pioniertreffen 1982 in Dresden“, damals bei der Sportwerbegruppe, die im Heinz-Steyer-Stadion Runden turnte und Rhönrad fuhr, während das DDR-Fernsehen leider am Elbufer filmte. Ich bin also hier nicht zu sehen. Und da niemand dort im Stadion ein Handy mit Kamera dabei hatte, gibts auch keine Selfies von mir als Zwölfjährige im Gymnastikanzug mit Emblem vorne dran, „SG Lokomotive Dresden“, das hat die Mutti aufgenäht und der gute Gymnastikanzug wurde auch nur bei Wettkämpfen getragen. Beim Training ging ich im „Nicki“, an den Beinen selbstgemachte Stulpen aus Bergsteigerstrümpfen, bei denen die Füße abgeschnitten worden und unten dann ein Schlüpfergummi drangenäht – Turnerin fertig!

Zurück zum Heute.

Der Weimaraner denkt, er sei wahlweise ein galoppierendes Rennpferd in Miniatur oder eine Katze, die sich sofort auf jedem Schoß einrollt, der sich ihr bietet. Außerdem zeigt sie das unmögliche Verhalten, dass sie jeder fremden Person auf der Straße, die sich hinhockt und das Hundchen anspricht, um den Hals fällt und sie abschleckert. Ich empöre mich! Hauptsächlich über die übergriffigen Menschen, aber der Hund kriegt auch sein Fett ab. Also wer gerne von unserem Hundebaby geknutscht werden will, sollte sich auch beeilen, das trainieren wir der ab!

FASS, BAYA, FASS! DU BIST EIN PÖSER GEFÄHRLICHER HUND!

Weimaranerkatze

Wir haben auch an diesem Wochenende Biergartentrainig mit der Grauen gemacht. Das ist wichtig! Denn der Hund muss ja lernen, wo sein Platz ist, und der Platz unseres Hundes ist im Biergarten zwischen unseren Stühlen – das muss man üben, und oft wiederholen! Besonders der Mann musste hart überredet werden, gestern schon wieder Bier zu trinken. Die Kinder haben wir sich selbst überlassen, der Älteste hatte das Sagen. Dem Hund haben wir ein Stück getrocknetes Reh überlassen, ich hatte drei Kugeln Eis, der Mann drei Kugeln Bier.

Biergartentraining

Außerdem waren wir gestern auf Wandertag. Das Blondchen braucht dringend Exklusivzeit mit uns Alten, da es gefühlt den ganzen Tag nur Gemecker gibt. Es fällt dem Kind wirklich schwer, sich adäquat gegenüber dem Hund zu benehmen, was schwierig ist, denn in einem Jahr wird der Hund größer und schwerer sein als unser eigenes hausgemachtes Junges!

Wir haben im Vorfeld mit einer App das Verhalten geübt, alles immer wieder besprochen, dennoch, es bleibt auch in Woche vier noch aufregend. Deshalb hieß es mehrmals auch an diesem Wochenende: „Geh nach oben auf dein Zimmer und schreib die Hunderegeln ab!“, was für uns zwei Dinge vereint: Erstens werden wildes Kind und aufgeregter Hund getrennt, und zweitens erhoffen wir uns von der permanenten Wiederholung des Abschreibens irgendwann einen Lerneffekt.

Hunderegeln; nicht für den Hund

Jedenfalls waren wir mit dem Kind und ohne Hund mit der Dresdner Schwebebahn fahren, die im übrigen die älteste der Welt ist. Das war schön und vor allem entspannend, weil wir früh dran waren und deshalb alleine dort.

Bärtiger Passagier beim Betreten der Schwebebahn
Blick von der Station ins Tal
Gegenverkehr; Geisterbahn ohne Passagiere
Heute nicht!

Zu Hause erwarteten uns Bubi und Baya, und letztere tat so, als seien wir mindestens drei Tage weg gewesen, nicht drei Stunden!

Kraulst du mich jetzt endlich?

Außerdem waren wir das erste Mal mit der Baya an der Schleppleine auf den ungemähten Elbwiesen (Ein Spaß!), es gab sicher auch dreimal am Tag was zu essen, was, das habe ich vergessen, und wer am nächsten Wochenende auch mit einer Bergbahn fahren will, dem sei gesagt, die Standseilbahn öffnet erst wieder Mitte Juni, die Schwebebahn ist ab morgens um acht fahrbereit und leer zu dieser Zeit.

Oben an der Station empfiehlt sich der kurze Spaziergang die Sierksstraße bergauf zum nahegelegenen Spielplatz. Dieser ist neu gemacht worden und eignet sich aufgrund der neuen Kletterfeatures auch für größere Kinder.

Mehr Ausflugstipps für Menschen mit Kindern findet ihr in diesem Büchlein, dass meine Bloggerkollegin Jenny vom Weltwundererblog geschrieben hat.

111 Orte für Kinder in Dresden, die man gesehen haben muss
(c) Thalia

Jenny kenne ich durch die Dresdner Bloggertreffen, die in Friedenszeiten immer regelmäßig durch die liebe Elbmargarita organisiert wurden und hoffentlich bald wieder werden. Dort habe ich schon viele interessante Dresdner Menschen und ihre Blogs kennengelernt, wie Birgit von Livona, oder Jan vom Neustadtgeflüster und Chris von Kleinstadtgedanken. Simone, die Eventagentin, ist nun ja wieder zurück ins Rheinland gezogen, bleibt aber für immer Herzensdresdnerin und wird wohl zukünftig via Skype zu den Dresdner Bloggertreffen hinzugeholt.

Meinen Aufreger des Wochenendes will ich euch auch nicht vorenthalten. Es war dieses Filmchen hier, und besonders die Auslegung des Begriffes „Nachhaltigkeit“ unseres grünen (!) Baubürgermeisters macht, dass mir die Galle hochkommt! Gibts schon eine Petition geben den Unsinn?! Ja? Nein! Vielleicht?!

Über Kreisläufe und Kreisläufer

Sport frei!

Ich renne mittlerweile fast täglich, das brauche ich für meinen inneren Frieden. Und zum Wachwerden. Und zum Nichtdurchdrehen in der Pandemie.

Seit wir vor fast fünf Jahren nach Blasewitz gezogen sind, laufe ich meine Runden im Waldpark.

Laufstrecke um den Dresdner Waldpark; 2km

Früher, als wir noch in Pieschen wohnten, lief ich an der Elbe entlang. Manchmal in Richtung Stadt, auf die weltberühmte Canalettosicht zu, meistens allerdings in die andere Richtung, wie auch oft schon hier fotodokumentiert wurde. Ich lief damals nicht täglich, dafür aber länger und weiter. Ich kam mehr „rum“ damals. Früher war eben alles besser.

Jetzt laufe ich im Waldpark im Kreis, eigentlich in einer Ovalform, immer drum herum um den Park. Dem Mann ist das zu langweilig, der läuft auf dem Elberadweg (den finde ich doof wegen den ganzen Spaziergängern und gefährlich wegen den Rennradrasern), ich laufe lieber im Kreis, im Wald.

Nun tue ich das nicht alleine, nur in den ganz frühen Morgenstunden vielleicht. Nein, es laufen und walken jede Menge andere Menschen mit mir in Runden á zwei Kilometer. Manche von ihnen sehe ich regelmäßig, andere nur zu bestimmten Zeiten im Jahr. Es ist wie ein Kreislauf bei den Kreisläufern.

Da gibt es die Neujahrsläufer, die pünktlich zum zweiten Januar beginnen ihre guten Vorsätze umzusetzen. Und komm, also zwei Kilometer, das schafft ja wohl jeder! Im Mai sind die dann wieder verschwunden und werden abgelöst durch die Sommerfigurläufer, die meinen, jetzt könnte und müsste man und auf, los gehts! Der Sommer naht! Im Sommer, wenn die Temperaturen zwischen dreißig und vierzig Grad angekommen sind, sind diese du-hast-ja-ein-Ziel-vor-den-Augen-Läufer wieder verschwunden. Ob sie ihr Ziel erreicht haben, ist nicht überliefert. Dann gibt es da noch schnatternde Grüppchen von walkenden Frauen, denen vor allem der gesellige Aspekt das Zusammenseins wichtig erscheint, ein paar Rentner, denen ich regelmäßig begegne und die mit Stöcken oder energisch schwingenden Armen den sportlichen Aspekt ihres Unterfangens unterstreichen. Nicht nötig, denn sie sind an ihrer bunten Polyesterkleidung als ernstzunehmende Sportler von weitem erkennbar.

Nach der ersten Runde begegne ich der Hälfte von ihnen schon nicht mehr, nach der zweiten Runde sind sie spätestens alle verschwunden. Länger als drei Runden läuft kaum jemand im Waldpark, dann lernt man wieder neue Leute kennen unterwegs. Die echten Langstreckenläufer laufen alle auf dem Elberadweg, oder daneben.

Nun ist es so, dass ich es gewohnt bin, dass man sich grüßt unter Sportlern. Früher in Pieschen hob man lässig einen Unterarm mitsamt der Hand, begegnete man als joggende Person einer ebensolchen. Der Mann berichtet, das sei auch übliches Vorgehen auf dem Elberadweg! Allein, die Waldparkrunners scheinen das nicht zu wissen. Da ich mich aber irgendwie nicht umgewöhnen kann, kommt es nahezu täglich zu der peinlichen Situation, dass ich wildfremde schwitzende Menschen im Park grüße. Ich kann nicht anders! Wahrscheinlich wird vor mir mittlerweile ebenso gewarnt wie vor dem seltsamen kleinen Mann, der mit zerzausten Haaren und abgeranzten Sachen durch den Waldpark sportgeht (oder etwas ähnliches), und dabei ganz wild mit den Armen rudert – ich zumindest habe etwas Angst vor ihm.

In den „Statuten zum freundlichen Miteinander“ steht geschrieben, begegnet man als Sport treibende Person einer anderen Person bei der Ausübung der gleichen oder einer artverwandten Ertüchtigung, so bietet sich eine der folgenden Grußformeln an:

„Morgen!“

„Moin!“

„Tach!“

„Hallo!“

„Servus!“

„Gruezi!“

„Grüß Gott!“

„Gutes Tempo!“

„Gutes Wetter heute!“

„Hast du meinen Hund gesehen?“

„Läufst du schon oder walkst du noch?“

„Soll ich den Taschendefibrillator rausholen?“

Und während eines Überholvorgangs bietet sich ein motivierender Gruß an, in etwa so:

„Ziiiiieh!“

„Was machst du, wenn du nicht mehr weiter kannst? Weiiiiiter!“

„Schnell! Da hinten gibts was umsonst!“

Nein, diese Statuten gibts natürlich (noch) nicht, das hab ich mir gerade ausgedacht! Suche auf diesem Weg eine Person mit Drucker, Laminiergerät und Tagesfreizeit, die diese Statuten in Sichthöhe im Waldpark aufhängt.

Und ansonsten: Wenn euch demnächst eine wildfremde Frau im Waldpark grüßt, keine Angst, die tut nix! Das bin nur ich. Ich kann einfach nicht anders.

„Tach!“.

Wochenende mit fast ohne Bildern, irgendwann im Corona-Mai 2021

Wochenende mit fast ohne Bildern, irgendwann im Corona-Mai 2021

Ich dachte, ich dokumentiere mal wieder ein Wochenende. Dann fiel mir ein, zu Dokumentationszwecken wäre eine visuelle Komponente schon ganz schön, aber irgendwie war das Handy immer verlegt in entscheidenden Momenten. Nun, es ist, wie es ist, das muss also dann so gehen.

Die Morgen beginnen neuerdings immer damit, dass die Neue, die des Mannes Bettseite rechts flankiert, auf das Bett springt, über den schlafenden Kerl drüber, auf die nette Frau mit den gelben Haaren drauf, die immer so feines Fressi macht, abschlappern, alles, bis die Frau endlich fluchtartig das Bett verlässt.

Ich (die nette Frau mit den gelben Haaren) torkele also die Treppe herunter, der Köti springt derweil wie ein galoppierendes Fohlen an mir hoch. Da ich ein Auge geschlossen habe und mit dem anderen nach dem irren Hund schiele, verfehle ich die Türöffnung und – DONG!- haue mir selbst ein Horn.

Ich würde im übrigen die Fliesen im Bad gerne streichen, ich folge schmachtend Miss Pompadour und ihren make-over-stories. Allerdings wohnen wir nur zur Miete, deshalb bleibt es bei den Fliesen. Vielleicht streiche ich einfach den ganzen Rest? Was meint ihr zu dunkelgrau?

Dunkelgrau passt auch zum Wetter. Entweder Augustheiß oder Aprilnass, so zeigt sich der angebliche Wonnemonat. Heute ist Duftkerzenwetter.

Mittags gibts Spargelrisotto für die Großen und Tomatensuppe mit Reis für den Kleinen, Eierkuchen für alle.

Und, hat´s denn geschmeckt?

„Mama, ich hab dir einen Brief geschrieben! Eigentlich ist es ja kein Brief, sondern eine Verbettelung. Sag ja, ja?!“. Er will also außer der Reihe ans „Terblet“. Ich habe „Ja!“ gesagt und das am Sonntag schon wieder bereut, denn dann kam ein identischer Zettel angeflattert. Hat ja schließlich am Samstag geklappt, dann macht er das ab sofort täglich, ganz klar! Nee, Freundchen, da muss dann schon mindestens noch ein Herzchen drauf und an der Schrift musste auch noch was machen!

Am Nachmittag waren wir beim Marché, ich hatte ein Lebensmittelpaket gekauft über die „Too good to go“-App und war doch ziemlich überrascht. Ich stand kurz vor Ladenschluss vor einer vollen Auslage und die Verkäuferin sagte: „Suchen sie sich aus, was sie wollen, wir schmeißen das dann alles weg!“. Ich hoffe sehr, dass sie sich nur versprochen hat und die nicht verkauften Backwaren der TAFEL oder der Bahnhofsmission spendet. Ich bekam jedenfalls für den Festpreis von knapp fünf Euro achtzehn Semmeln und ein Brot.

Da der Mann und ich das Netflix zu Ende geguckt haben, sind wir auf youtube umgestiegen. Am Samstag haben wir in unserer Lieblingsreihe „Der letzte seines Standes“ die Kautabakexpertinnen Anna und Lieselotte bei der Ausübung ihres Handwerks beobachtet. Wir hauen uns weg über die Dialoge und die Kittelschürzen, uns gefällt diese Reihe supergut.

Das sieht man auch daran, was dem Mann dann auch gleich für weitere Beiträge vorgeschlagen werden. Ich weiß gar nicht, was ein Einsteckreider ist, bin aber schon sehr gespannt, diese Wissenslücke bald zu schließen. Und ja, wir schauen sowas komplett nüchtern. Manchmal kommt der Sohn hoch und fragt, warum wir so laut grölen. Wir wischen uns die Tränen aus den Augenwinkeln und können kaum sprechen. Wir finden das sehr lustig! Der Mann und ich sind seltsam.

Sonntagmorgen. Wir lümmeln so gut wir können, um uns vom frühen und abrupten Start in den Morgen (siehe Samstag) zu erholen. Vor um sechs war es heute. Die beiden Männer kriegen davon nichts mit, die liegen noch in den Betten.

Ich mag die Gespräche mit dem Kleinsten sehr in diesen Stunden. „Mama, ich wünsche mir eine Rutsche von hier bis zum Nordpol, direkt in eine Eisbärenhöhle!“. „Das klingt ziemlich gefährlich für mich. Was, wenn der Eisbär Hunger hat?“. „Ich hab´s! Ich bringe ihm eine Robbe mit!“. „Och, das tut mir leid. Stell dir doch mal vor, wie diese Robbe dann guckt! Die haben so schöne Augen, ich könnte das ja nicht, eine Robbe an einen Eisbären verfüttern!“. Kind überlegt kurz, dann: „Ich nehme einfach eine Robbe ohne Augen!“.

Weil ich keine Lust zum Backen habe, beschließe ich, das neueste Gadget im Hause Nieselpriem auszuprobieren: Eine Gummivorrichtung zur Herstellung von pochierten Eiern. Ich liebe eggs Benedict, finde allerdings die Zubereitung frustrierend. Bei Karolin habe ich diese Teile entdeckt und hier gekauft. Ich mache dafür jetzt wirklich Werbung, weil das mich total verblüfft hat! Pass auf.

Wasser mit Weißweinessig aufkochen, ausschalten.

Dann die Einsätze reinstellen in den Topf, in jeden ein aufgeschlagenes Ei reinplumpsen lassen, Deckel drauf.

Nach fünf Minuten die Einsätze herausheben und et voilá!

Auf meinem Frühstücksteller sah das dann so aus:

„Kontaktschlafen“ ist das größte für die Neue. Irgendwo drauf auf etwas, das Puls hat, das findet sie schön. An der Haltung meines Beines sieht man, dass das für mich weniger schön ist. Aber schlafende Hunde soll man ja nicht wecken. Auch gut im Bild erkennbar: Kratzspuren. Nicht im Bild: Beißspuren.

Lauter Dinge, die ich an diesem Wochenende gemacht habe, ohne dass ein Foto es beweisen könnte: Zwei Bäder geputzt, eine Schüssel Erdbeertiramisu zusammengerührt, Kackwürstel (viele) vom Rasen aufgepolkt, den Mann geküsst, Brennessel-Mango-Tee aufgegossen, vier Runden im Waldpark gerannt, viermal die Böden im Erdgeschoss gewischt, vegane Bolognese gekocht, vegane Bolognese gegessen, den Wochenplan für die Klasse 1c vorqualifiziert, geimpften Elternbesuch geküsst, mich über die Lehrstellenzusage für den jungen Mann gefreut, Sprachnachrichten mit der Freundin gewechselt. Es war ein schönes Wochenende.

Dinge, die offensichtlich nicht gemacht habe: Betten. Egal!

Wochenend-Rike im Kleid, in das der Hund am Ende des Sonntages ein Loch reingebissen haben wird

Achtsames Wechseln Teil 2 (Protokoll eines Selbstversuches)

Disclaimer: Nur, um hier keine Erwartungshaltung zu enttäuschen, möchte ich kurz noch mal anmerken, dass mein Interesse lediglich der Information gilt, welche Beschwerden möglicherweise auf dich zukommen könnten. Also genauer, was hatte/ habe ich und wie war/ist das so für mich gewesen.

Ich habe mich überhaupt nicht informiert gefühlt (weder durch weibliche Familienangehörige, durch meine Gynäkologin, noch durch einen Blogbeitrag im Internet – es gibt sie, aber ich habe die wenigen existierenden erst viel später gefunden), und sah mich ständig irgendwelchen Ausfällen meines Körpers gegenüber, von denen ich nicht wusste, woher die kamen und mich permanent denken ließ: “ Was ist das jetzt wieder für eine Scheiße?!“. Für eine hypochondrisch veranlagte Person wie mich war und ist diese Umbruchphase eine Katastrophe Herausforderung.

Wechseljahre sind keine Krankheit, jaja, allerdings erfüllen verschiedene Nebenwirkungen sehr wohl den Krankheitsbegriff, das solltet ihr wissen. Und gut mit euch umgehen, ohne in ängstliche Schockstarre zu verfallen. Meist steckt dahinter tatsächlich nur das Hormonchaos und keine bedrohliche Krankheit – das weiß ich mittlerweile. Im Zweifelsfall geht ihr zum Arzt, aber manchmal klärt sich einiges mit Abwarten. Viele der Symptome sind bei mir nach ein paar Wochen einfach wieder verschwunden, und machten Platz für neue, hallo, herzlich nicht willkommen!

Was Behandlungsmöglichkeiten angeht, so erlaubt mir den Hinweis, dass ich lediglich Betroffene bin und keine Empfehlung geben will und kann, außer bei ganz offensichtlichen Sachen, wo ihr aber selbst drauf gekommen wäret. Sprecht ihr mit einem Arzt, der Hormonersatztherapie für supi hält, wird er genau das empfehlen. Eure Homöopathin vermutlich etwas anderes, ebenso euer Arzt für TCM oder wen auch immer ihr um Hilfe bittet! Am Ende hilft, wer heilt und das bedeutet in dieser Umbruchphase, ihr habt Vertrauen in die Behandlung und das Mittel der Wahl. Wenn ihr rein gar nichts „dagegen“ machen wollt, auch prima. Zumal ja bekanntermaßen nur ein Drittel der Frauen wirklich starke Beeinträchtigungen haben. Wenn ich also hier schreibe, was mir geholfen hat, dann soll das lediglich als Information gelten, okay? Gut, dann los mit der Liste des Grauens.

Depression

Alles begann (rückblickend) vor fünf Jahren mit einer mittelgradigen depressiven Episode, die mich wie ihre zwei Vorgänger(innen) völlig aus der Bahn warf. Keiner meiner Behandler kam auf die Idee, mit Hormonen zu behandeln, verschiedene Antidepressiva wurden probiert und verworfen. Das kostete mich ein Jahr meines Lebens! Am Ende habe ich mich naturheilkundlich behandeln lassen, aber nicht primär die wahrscheinliche Ursache (Hormonschwankungen), sondern eben situativ die Nebenwirkung (Depression).

Stimmungsschwankungen bis hin zu Angstattacken und Depression werden immer wieder beschrieben, wenn es um die Wechseljahre geht. Bei einer blutenden Frau von sechsundvierzig Jahren hatte das leider keiner auf dem Schirm – und ich auch nicht, aus Unwissenheit.

Haare/ Nägel/ Haut

Haarausfall und brüchige Nägel traten ziemlich zeitnah auf mit der Depression und ereilen mich auch jetzt noch immer wieder. Haut ist auch ein Thema für sich. Ich schreib dazu mehr im dritten Teil unter „look and feel and sex and other things“, oder so ähnlich. Das wird dann auch eher wieder ein Blogbeitrag und nicht so einen Gebrechensaneinanderreihung.

Zahnfleisch

Wusste ich auch nicht, hab ich aber am eigenen Leib erfahren: Der Östrogenmangel sorgt unter Umständen für Probleme mit dem Zahnfleisch. Ich hatte deutlichen Zahnfleischrückgang und außerdem entzündete Zahnfleischtaschen, die nicht nur schweineweh taten, sondern auch aufwendig behandelt werden mussten- das Problem trat einfach immer wieder auf. Am Ende hilft mir hier nur eine konsequent zweimal im Jahr durchgeführte Reinigung der Zahnfleischtaschen und pingelige Mundhygiene! Und nein, ich esse keine Nüsse mehr und auch keinen Mohnkuchen… Aber hey! Meine Großeltern hatten in meinem Alter schon ein Glas auf dem Nachttischchen stehen!

Gelenkbeschwerden

Andauernd hab ich seit ein paar Jahren „Knie“, auch mal „Schulter“ für sechs Monate am Stück, morgens knirschen die Gelenke, das ist die traurige Wahrheit. Die Füße tun mir weh, manchmal liege ich abends im Bett und denke: „Scheiße, jetzt kriegste auch noch Arthritis, oder was ist das jetzt hier?!“. Im Liegen tun die Fußknöchel, die Kniegelenke und beide Hüften weh. Und zwar oft so, dass nur Ibu zum Schlafengehen hilft. Na dann, gute Nacht! Einzige Hilfe: Viel Sport! Wirklich viel. Ich renne nahezu jeden Tag, pro Woche um die dreißig Kilometer, außerdem sind auch Gewichte und HIIT-Einheiten nötig. Use it or lose it. Man sieht es mir leider nicht an, das schon mal vorab! Dazu in Teil drei mehr. Aber die Beschwerden verschlimmern sich tatsächlich bei Schonhaltung. Sitzen ist das neue Rauchen, stimmt besonders in the middle age.

Beginnende Osteoporose ist hier auch ein Thema, was da reinspielt. Kalzium und Belastung, besonders Training mit Eigengewicht oder Gewichten soll den Knochen und Gelenken helfen. Und Hormonersatz, sagt das Internet, ihr vertraut da auf die Heiler*innen in euerm Bekanntenkreis, wie bei allem anderen. Ihr solltet nur wissen: Wenn´s zwickt und knirscht, wo vorher alles elegant schlenderte, dann liegt es möglicherweise auch am blöden „W“.

Brustschmerzen/ -veränderungen

War zum Glück nur eine kurze Episode vor fünf Jahren: Ich hatte mehrere Wochen Schmerzen in den Brüsten, die denen beim Milcheinschuss ähnelten. Allerdings waren die 7/24 da und machten mich fast bekloppt! Ich wusste nicht, was ich an Klamotte tragen sollte, wie ich nachts liegen sollte. Dabei war die Brust selbst überhaupt nicht verändert, soweit mein Laienauge das beurteilen konnte. Am Ende ging das wieder weg – klopf, klopf auf Holz. Ich lasse einmal im Jahr einen Brustultraschall machen und war nun auch schon mit Einladung bei der Mammografie, was gar nicht so schlimm war, wie manchmal behauptet wird. Das Beste: Alles in Ordnung! Außerdem: Ich habe in den letzten fünf Jahren meine Körbchengröße ungewollt und unwillkommen von 75C auf 80D gewechselt, was wohl auch damit zusammenhängt:

Gewichtszunahme

Zehn Kilo in fünf Jahren bei mir, und auch „nur“ zehn Kilo, weil ich total auf die Bremse getreten bin, was das Essen angeht. Der Grundumsatz einer Frau in meinem Alter beträgt kaum mehr als zwei Stück Streuselkuchen ohne Sahne pro Tag. Und ich musste feststellen, nahm ich früher ratzfatz ab, sobald ich mal etwas weniger süß und sahnig gegessen hatte, bleibt jetzt alle drauf, als würde mein Körper sagen: Vergiss es! Das brauche ich allllles! Am Ende ist klar, was der Körper wirklich braucht, und das sind eben wirklich nicht zwei Stück Streuselkuchen. Allerdings vertrete ich die Meinung, dass mein Jieper auch nicht immer überhört werden muss. Ich liebe Kuchen! Und Torte! Und Eisbecher! Und Chips! Ist das ungesund? Na, aber sicher! Macht mich das glücklich? Und ob. Aber eben nicht mehr einfach immer, jeden Tag (leider). Und egal, an was für eine Ernährungsphilosophie ihr glaubt: Wenn mehr Kalorien oben reingehen, als am Tag verbraucht werden, dann nimmst du zu. Also zu wissen, was du verbrauchst und was du zu dir nimmst, kann hilfreich sein. Im übrigen ist die Gewichtszunahme in den Wechseljahren typischerweise am Bauch, was nicht nur unter Umständen zu einer taillenlosen Fassfigur führt, sondern eben auch das böse viszerale Bauchfett füttert. Oh oh.

Schwitzen

Sweat, Baby, sweat. Meine Schwiegermutter schlief eine Zeitlang auf einem Badetuch (Was habe ich gelacht! Damals.), um nicht jeden Tag die Laken wechseln zu müssen. Bei mir ging das mit Ende vierzig los, auch zuerst „nur“ mit Nachtschweiß. Ich wurde wach, weil ich obenrum komplett nassgeschwitzt war. Das war komisch, weil ich überhaupt nicht zum Schwitzen neige, ich friere eigentlich ständig. Danach kamen dann auch so Hitzewellen, tagsüber. Ich bekam einen heißen Kopf, mein Blut kochte und im Anschluss hatte ich feuchte Haare. Das nervt! Ich muss eigentlich noch immer täglich Haare waschen, sie fetten auch schneller, kommt das vom Schwitzen? Weiß ich gar nicht. Vielleicht haben deshalb so viele „ältere“ Frauen praktische Kurzhaarfrisuren? Gegen das Schwitzen prinzipiell geholfen hat mir ein freiverkäufliches Traubensilberkerzenpräparat (Cimicifuga). Die Hitzewellen sind deutlich schwächer geworden. Allerdings muss ich sagen, dass ich das Gefühl habe, meine Klimaanlage ist gänzlich aus dem Tritt. Zwischen Fenster aufreißen und eine zweite Strickjacke anziehen liegen oft nur wenige Minuten und selten haben meine Mitbewohner dasselbe Temperaturempfinden wie ich.

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Herzstolpern

Herzrasen und innere Unruhe kommt auch regelmäßig vor. Ich war einmal wirklich in Sorge und dann war auch der Blutdruck oben, also bin ich zum Dok und hab ein EKG schreiben lassen – ohne Befund! Seitdem trinke ich Beruhigungstee (der alleine schon wegen dem Namen beruhigt) und denke an etwas anderes, wenn das losgeht. Das sind meistens nur ein paar Minuten und ich weiß, ich sterbe jetzt nicht. Dass das beunruhigend sein kann, keine Frage! Meistens messe ich Blutdruck, und wenn der ok ist (was er eigentlich immer ist), dann entspanne ich mich. Blöd ist es nur, wenn das abends auftritt, denn:

Schlafstörungen

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Nicht einschlafen zu können oder nachts um zwei hellwach mit hämmerndem Herzen zu erwachen, ist leider auch ziemlich typisch. Nicht aufregen, nicht drüber nachdenken, meditieren, lesen, was weiß ich, die Ruhe bewahren. Generell schlafe ich weniger fest als früher, was doof ist, denn auch der Entspannungseffekt stellt sich nicht so ein wie früher. „Hellwach“ bin ich eher selten nach dem Aufstehen. Vielleicht kommt das wieder zurück? Ich würde supergern mal wieder wie ein Stein schlafen.

Schwindel/ Übelkeit/ Kopfschmerzen

Tja, was soll ich da groß schreiben. Es ist wie in den Schwangerschaften! Das kenne ich von damals, nur dass ich jetzt nicht froher Hoffnung bin. Das Gute ist, es sind nur ein paar Tage im Monat, wo mich das wirklich belastet. Da hilft mir nur, mich besonders zu verwöhnen: Badewanne, Körperöl, Buch, alles was mir schmeckt, ich tröste mich einfach selber.

Stimmungsschwankungen

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Von Natur aus mit einem Caramba-olé-Temperament ausgestattet, ist mir in den letzten Jahren auch die Zündschnur deutlich geschrumpft, was bedeutet, ich springe aus dem Stand. Aber richtig! Das Gute, nach einer Explosion ist es wieder vorbei, ich kann die Scherben einsammeln, die Wunden aller Beteiligten versorgen und finde rein gar nichts verwerflich daran, dass ich so emotional reagiere! Meine Familie tut mir manchmal leid, aber ich kann mich entschuldigen, wenn ich überreagiert habe und sie haben auch was davon, wenn ich übersprudelnd fröhlich bin, was manchmal ja auch vorkommt.

Erschöpfung

Früher, ach, früher, da bloggte ich abends bis elfe, da nähte ich nach drei Stunden Nachtschlaf Kinderkleidung, früher war alles besser! Ich bin wirklich dauernd erschöpft. Ich substituiere unfassbar (ich habe den teuersten Urin der Stadt, sagt mein Mann), und rede mir ein, das macht mich fit und munter! Nun ja. Es ist, wie es ist. Die Akkus sind deutlich schneller leer als früher und wenn ich heute nicht schlafen kann, dann komme ich energetisch gar nicht auf die Idee, zu nähen oder zu bloggen! Ich starre müde und stumpf in ein Buch oder ein tragbares Internetempfangsgerät und warte darauf, dass der Schlaf kommt. So ist das heute. Tagsüber bin ich matschig in der Rübe und meine Merkfähigkeit ist deutlich eingeschränkt, auch das ein Aspekt, den man öfter liest beim Thema „Wechseljahre“. Aufschreiben, eins nach dem anderen bearbeiten und sich an alles wichtige erinnern lassen. Vom Liebsten zum Beispiel.

Schleimhautveränderungen

Trockene, juckende Augen, Nase, Vagina. Nicht schön, aber auch enthalten im bunten Strauß an Unannehmlichkeiten. Es gibt für alles Mittelchen und Cremes, und ich empfehle hier, sich beim Gynäkologen beraten zu lassen und gerade am Äquator nur das Beste dranzuschmieren! Überhaupt finde ich, ein wenig Respekt und besondere Fürsorge hat bestimmt noch keiner Muschi geschadet (Kann ich das hier am helllichten Tag so schreiben? Egal, ich mach´s.). Meine hat mir Kinder und sehr viel Lust geschenkt und wenn sie sich jetzt wie eine Diva aufführt, wird sie auch so bedient! Basta. Ach, wo wir gerade dabei sind…

Inkontinenz

Eine von drei Frauen, sagt die Statistik, ich bin eine von dreien. Und mir macht es nichts (mehr) aus, das zu sagen. Undicht wurde ich vor ungefähr vier Jahren mit Ende vierzig, schleichend, mit Niesen, Husten, beim Joggen fing es an. Ich hatte nach keiner Schwangerschaft Probleme mit dem Beckenboden! Ich hab das einfach nicht kommen sehen. Mittlerweile habe ich Grad 2, das heißt, bei einer Änderung der Lage (Aufstehen nach Sitzen, Stehenbleiben nach Laufen, manchmal einfach nicht nachvollziehbar) laufe ich aus, unkontrollierbar. Das sind dann keine drei Tröpfchen! Das machte es für mich so schlimm. Ich bin ein Riesenfan von Yoga und Pilates, weiß ganz genau, wie ich meinen Beckenboden anspannen muss, wieso klappt das dann jetzt nicht?! Kennt ihr noch die „Aprikosenübung“ aus der Rückbildung, als wir uns vorstellen mussten, wir hätten eine Aprikose in der Vagina und sollten die drehen, befühlen und an den Härchen zupfen?! Ja, nein, vielleicht? Jedenfalls kann ich das noch heute. Und drei Etagen Fahrstuhlfahren mit meiner Beckenbodenmuskulatur. Warum also ich?

Darauf gibt es eine einfache Erklärung, und die habe ich aus der urogynäkologischen Ambulanz (das sind die Ärzte, die für sowas zuständig sind; für Dresdnerinnen: Ich bin im St-Joseph-Stift und kann die Ambulanz dort wirklich empfehlen): Bindegewebe und Muskeln bilden den Beckenboden und lediglich die Muskeln sprechen auf ein Training an. Bei der Untersuchung dort herrschte allgemeines Staunen, wie konzentriert ich die Muskulatur anspannen kann und das war doch ungewöhnlich bei meinem Befund! Fazit: Mir hilft kein weiteres Beckenbodentraining, kein EMS und keine Physiotherapie – meine Muskulatur ist super. Das Problem sind die schlaffen Bänder. Mir wurde direkt nach der Untersuchung der Einbau eines TVT-Bandes empfohlen, das die Harnröhre stützen soll. Aufgrund von Corona und meiner Unsicherheit hinsichtlich des Eingriffs ist das noch nicht passiert.

Unabhängig davon gibt es Sachen, die helfen, und das schreib ich jetzt auch als Empfehlung hin. Verlass dich nicht auf Monatshygieneprodukte! Am besten und leistungsstärksten sind meiner Meinung nach tatsächlich die Vorlagen von Aldi und Lidl, die für diesen Gebrauch auf dem Markt sind. Da kannst du versuchsweise 300ml draufschütten und nichts läuft raus. Frischer Urin riecht in der Regel nicht, heißt, wenn du dich direkt „trockenlegst“ nach einem Malheur, fällt das niemandem auf. Verstärkte Hygiene ist selbstverständlich. Deine Handtasche wird größer werden und vollgepackt, für Notfälle. Für unterwegs gibt es Silikontampons in verschiedenen Stärken, die man einführen kann und die dann durch die Scheide gegen die Harnröhre drücken und somit ziemlich wirkungsvoll abdichten. Die sind frei verkäuflich, leicht zu reinigen und es gibt sie auch ohne Bändchen, wen das stören sollte. Auch normale Super-Tampons funktionieren im Notfall. Das erspart gegebenenfalls Ängste vor unliebsamen Zwischenfällen. Und der Gang zu einer urogynäkologischen Praxis ist auch ein guter Rat.

Eine von drei Frauen betrifft Belastungsinkontinenz. Ich schäme mich nicht mehr deswegen, das ist auch völliger Blödsinn! Ich schäme mich, dass ich dreißig Jahre lang geraucht habe und für andere blödsinnige Entscheidungen, die ich in meinem Leben getroffen habe, aber dafür? Nee!

Das Absinken des Östrogenspiegels verschlimmert die Inkontinenz, was ich zum Beispiel gut daran merke, dass es kurz vor Eintritt der Periode deutlich schlimmer ist als in den drei Wochen davor. Auch daran, dass es deutlich besser ist, wenn ich eine Zeitlang Zäpfchen mit Estriol nehme (Gynoflor; meine Gynäkologin verschreibt mir pro Quartal eine Packung mit 24 Stück, ein Hohn, ich muss immer haushalten damit).

Zwischenblutungen/ PMS

Zwischenblutungen stehen auch immer auf der Liste, aber das habe ich gar nicht. Mein regelmäßiger Zyklus lud ja in der Vergangenheit immer gern dazu ein, dass mir unterstellt wurde, meine Symptome seien nicht menopausal oder perimenopausal (sondern psychosomatisch), da dafür eine unregelmäßige Monatsblutung DAS Indiz sei! Denkste. Nun bin ich einundfünfzig und noch immer regnet es alle achtundzwanzig Tage. Alles wie gehabt, mit PMS aus der Hölle im Vorfeld. To be continued.

In Teil drei wird es wieder ein wenig lustiger zugehen, und nicht mehr eine Horrorliste von will-ich-nicht´s und oh-Gott-oh-Gott-bloß-nicht´s zu lesen sein. Aber ich wollte hier wirklich mal runterschreiben, was mir bislang widerfahren ist, und was nach dem Stand der Dinge mit dem veränderten Hormonhaushalt zu tun hat. Dass die „Wechseljahre“ nicht mit der Menopause beginnen, sondern eben viel früher, das erzählt einem ja auch nicht jeder. Mit Anfang vierzig finden bei den meisten Frauen die ersten Veränderungen statt, oft unbemerkt.

Zwei Bücher, die ich gelesen habe, hab ich bereits in Teil eins genannt. Es gibt sicher jede Menge andere, basierend auf anderen „Heilsversprechen“, ich fange gerade erst an, unabhängig von Lebenswandel und Supplements positiv gegenzuwirken, oder „mit“ dem Wandel zu wirken, wie auch immer.

Fakt ist aber, wenn es Einschränkungen gibt, die die Lebensqualität negativ beeinflussen, dann hau mir ab mit positiver Einstellung! Dann muss was her! Und wenn man sich vor Augen führt, was in Sachen Frauengesundheit geforscht wird und dass tatsächlich mittlerweile Zusammenhänge gesehen werden zwischen dem Östrogenmangel und zum Beispiel dem späteren Auftreten von Alzheimer Demenz, Osteoporose, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und anderen bitteren Pralinen, dann ist das alles nicht mehr nur kosmetischer Natur, betrifft eben unter Umständen nicht nur ein paar Jahre, sondern die ganze zweite Hälfte meines Lebens. Und deines.

Früher, als man mit fünfzig kurz vorm Siechtum stand, und Frauen der Unsichtbarkeit anheimfielen, hat das doch keinen interessiert! Wird Zeit, dass sich das ändert. Denn ich muss nicht nur noch mindestens fünfzehn Jahre arbeiten, ich habe auch noch mindestens genauso lange ein Kind im Haushalt zu versorgen und Pläne, in denen: „Auf der Couch meine Zipperlein pflegen“, keinen Platz haben. Und wenn ich Fotos meiner Omas mit Ende Vierzig ansehe und dann an Jennifer Aniston oder Caroline Beil oder meine superhotten Freundinnen denke, dann haben die Einen wirklich fast gar nichts mit den Anderen zu tun! Und nicht nur äußerlich. Diese verflixten Jahre sind nur eine weitere Pubertät, das ist nicht das Ende, noch lange nicht!

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Auf Wiederlesen bei Teil drei!

Achtsames Wechseln (Arbeitstitel)

So.

Ich will jetzt über Wechseljahre schreiben! Das ist aktuell mein Thema, darüber errege ich mich, das treibt mich zwangsläufig um und da bislang kaum jemand schrieb, was mir wirklich hilft, mach ich das eben selber. Und ja, ich mache das hier. Wer das nicht lesen möchte, springt gerne ab („Tschüss, bis später vielleicht!“), oder legt sich das auf Wiedervorlage in fünfzehn Jahren. Denn, wenn du weiblich bist, wird das irgendwann auch dein Thema! Ob du nun willst oder nicht. Und niemand will, das ist mir schon klar.

Es ist ja so, dass die Zeiten, in denen „Frauenprobleme“ automatisch in den Mantel des Schweigens gehüllt wurden, endlich vorüber sind. Doch leider ist die Generation der lauten Frauen noch nicht in meiner hormonell schwankenden Phase angekommen. Ich bin von: „Darüber spricht man nicht!“, und: „Wir sind Frauen, wir halten das eben aus, das ist nun mal so.“, umgeben. Schrecklich!

Pubertät und Schwangerschaft, das sind hormonelle Umbruchphasen, wo der/ dem Betroffenen Mitgefühl entgegengebracht wird für die Stimmungsschwankungen und körperlichen Veränderungen. Frauen in den Wechseljahren bekommen dieses Verständnis leider nicht. Manchmal noch nicht einmal von ihrem behandelnden Gynäkologen, leider.

Kommst du in der Peergroup der Wechselweiber an und fängst irgendwann an, dich um Austausch zu bemühen – schließlich ist es dein erstes mal und du bist verunsichert, dann lernst du unter Umständen sehr schnell, dass es ebenso frustrierend sein kann wie früher, nach anderen hormonellen Umbrüchen. Ich erinnere mich noch genau an die Frauen, die mir in der Rückbildung erzählten, der Wehenschmerz sei eigentlich „geil“ gewesen, es käme nur auf die Atmung an, und die Einstellung, hauptsächlich auf die Einstellung! Bei Stillproblemen pöbelten die selben Frauen, das wäre doch alles gar kein Problem, es käme nur auf die Einstellung an.

Die selbe Liga Frauen proklamiert nun, die Wechseljahre seien ein zutiefst natürlicher Vorgang, dem man begrüßend und wohlwollend entgegensehen soll, mit der richtigen Einstellung natürlich! Das wäre ja alles gar kein Problem, nur ein paar Asanas machen und Frauentee trinken und in die trockene Muschi atmen (das ist jetzt von mir; #sorrynotsorry). Leck mich einfach am faltigen Arsch. Es gibt nun mal Frauen, die haben keine Beschwerden, ein Drittel hat leichte Beschwerden und ein Drittel ist für zehn Jahre echt angearscht, auf der ganzen Linie.

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Wenn man sich mal die Beschwerdeliste der Wechseljahre ansieht, findet man so Einträge wie:

Haarausfall

Depressionen

Inkontinenz

Schlafstörungen

Konzentrationsstörungen

Gelenkschmerzen

Gewichtszunahme

Herzklopfen

Unruhezustände

Libidoverlust

Schleimhautveränderungen

Hitzewallungen

Reizbarkeit

Ich finde, das sieht aus wie die Nebenwirkungsliste eines krassen Medikamentes. Und die Liste ist noch nicht mal vollständig! Ich gehöre zu den Frauen, die auch die Migräne als altverhasste Begleiterin wieder zurück begrüßen durfte, und auch die Morgenübelkeit, die man sonst nur Schwangerschaften zugesteht – alles die Hormone! Prima.

Ich will, dass der Mantel des Schweigens endlich heruntergerissen wird und die Frauen anfangen, darüber zu reden! Miteinander. Ich hätte sehr gern gewusst, was da auf mich zukommt, aber hatte gar keine Wahl! Meine Mutter sagte auf meine Frage hin, wie das nun so gewesen sei: „Hm, irgendwann waren die Tage weg und das war´s dann!“. Mittlerweile weiß ich, dass das nicht die ganze Wahrheit war. Warum sie mich belogen hatte, das konnte sie nicht schlüssig erklären. Irgendwas mit Scham.

Apropos Wahrheit. Diesen Beitrag habe ich quasi semi-recherchiert, denn seit ungefähr fünf Jahren befrage ich jede Frau im oder nach dem kritischen Alter völlig ungeniert nach ihren Wechseljahresbeschwerden. Ich habe die achtzigjährige Nachbarin gefragt, deren Töchter, Urlaubsbekanntschaften in Dänemark, sämtliche Freundinnen und Kolleginnen. Einfach jede Frau, die ich zwischen die Finger bekam! Die beste Antwort kam von der Nachbarin: Wenn der ganze Spuk vorbei ist, hast du zehn wunderbare, starke Jahre vor dir! Keine Ahnung, ob das stimmt, aber der Satz ist wie ein positives Mantra, eine Verheißung fast.

Die meisten Frauen klagten im übrigen über das Herzrasen und Herzstolpern, gefolgt von Schlafstörungen. Nicht jede Frau hat ja die gleichen Beschwerden, aber das zermürbt wirklich entsetzlich. Wer Erfahrung mit Panikattacken und Strategien zur Kompensation hat, ist da besser aufgestellt als unbedarfte Frauen, die auf einmal aus dem Nichts denken, sie bekämen einen Herzinfarkt. Schön ist das alles nicht. Und wenn du die vierte Nacht in Folge erst um vier eingeschlafen bist wegen massiver innerer Unruhe, und um sechs der Wecker klingelt, dann braucht sich auch keiner mehr über deine Reizbarkeit beschweren!

Ich habe das Buch von Katja Burkhardt: „Wechseljahre, keine Panik!“, gelesen, und habe mir auch das Buch: „Women on fire“, von Sheila de Liz bestellt, allerdings wird schnell klar, für beide Autorinnen liegt der Gral bei der Gabe von bioidentischen Hormonen. Und der Einstellung, es ist immer die Einstellung!

Nun ist es ja so, dass Hormone, auch bioidentische, nur Frauen gegeben werden, die in der Menopause sind. Das heißt, wenn du so wie ich mit einundfünfzig Jahren fröhlich alle achtundzwanzig Tage menstruierst, sagt die Lehrmeinung, dass dein Körper ja noch alle Hormone selbst produziert! Du bist also nur in der Perimenopause, in der Vorstufe zur Hölle! Das dicke Ende kommt erst noch. Dann kannste wiederkommen! Ich habe mit blutunterlaufenden Augen schon meine arme Gyn angeschnauzt, ich würde das keinen einzigen Tag mehr aushalten und was sie denn glauben würde, was das hier sei, wenn nicht die Menopause?! Immerhin sei ich schon allein vom Alter her drin. Sie gab mir Minizäpfchen, damit ich endlich gehe und sie nicht etwa beiße. Dazu später mehr.

Es gibt tatsächlich Frauen, die bluten bis zum Schluss, regelmäßig. Vielleicht gehöre ich dazu. Ich könnte auch auf eigene Kosten meinen Hormonstatus checken lassen. Hab ich nicht gemacht, nachdem ich mich über Für und Wider informiert habe. Ich behalte mir vor, meine Frauenärztin zu wechseln nach dem nächsten Gespräch, wobei natürlich nicht allein der Umstand zählen darf, dass sie mir keine Hormone verschreibt!

Aber ich habe mich dazu entschlossen, mir selbst zu helfen in verschiedenen Aspekten und bei den verschiedenen Problemen, die in den letzten Jahren auftraten. Und ich denke mir, ich schreibe im nächsten Teil mal auf, was ich seit fünf Jahren für Probleme bekommen habe aufgrund der hormonellen Veränderung, und was mir (!) geholfen hat, oder noch immer hilft. Wenn das auch nur für Eine von euch nützlich ist, dann bin ich froh darüber.

Denn eins ist klar, ich sag es euch, in spätestens zehn Jahren wird keine Mauer des Schweigens mehr über diesen vermaledeiten zehn Jahren liegen! Denn dann sind die lauten Frauen, die jetzt über Gewalt im Kreißsaal, regretting motherhood und andere Tabuthemen sprechen und schreiben, dort an der Schwelle zur zweiten Pubertät.

Aber bis dahin kann es auch nicht sein, dass alle schambehafteten Seniorinnen uns erzählen, darüber rede man doch nicht öffentlich! So schlimm sei das doch alles nicht und wir seien schließlich Frauen, wir steckten sowas weg. Nein! Und um mal Klartext zu sprechen: Wenn du denkst, du bist die einzige Frau, die Windeln tragen muss und sich schämt, weil sie fünf mal am Tag in die Hosen macht und nicht nur drei Tropfen beim Niesen, dann stell dich beim Rossmann vor das Regal und zähle die Produkte für Inkontinenz. Und dann frage dich selbst, ob die wirklich achtundzwölfzig verschiedene Produkte nur für dich allein (und ein paar Hundertjährige) auf den Markt gebracht haben! Eben. Wird Zeit, dass wir darüber reden.

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Wir lesen uns! Bald. Deine Rike

Zwischen den Phasen

Die Babyphase ist die anstrengendste aller Phasen, das wissen alle Eltern ganz genau. Also dann, wenn sie sich mittendrin befinden. Du kannst nicht schlafen, wirst angeheult, ausgesaugt, vollgekübelt, angekackt, belagert und gebraucht von früh bis spät. Hunger, Durst, Kacke, Zähne, Fieber, Weltschmerz, irgendwas ist immer. Und du bist verantwortlich. Kümmere dich darum! Kümmere dich um mich! Sofort! WÄÄÄÄÄÄH! WÄÄÄÄÄÄH!

Ich fand das eigentlich schön, muss ich gestehen. Ich mochte dieses krasse Abhängigkeitsgefühl, ging auf in der aufopfernden Haltung gegenüber meinen Kindern, die kleinen Gesichter neben meinen, ihre feuchten Händchen überall auf mir, Oxytocin bis zum Abwinken. Ich fand das super, am liebsten hätte ich sie nach dem ersten Geburtstag mittels einer „Freeze“-Taste so gelassen, als Einjährige. Ich vermisste irgendwann ganz schrecklich das Stillen, das Geräusch des Schnullerschmatzens, den Geruch ihres Morgenatems, ihrer Halsfalte. Das Gefühl dieser süßen Schwere, wenn sie mir auf der Hüfte saßen und sich an meinen Haaren festhielten. Ich wusste schon während ich die Zeit versuchte anzuhalten, dass ich das vermissen würde! Unzählige Liebeserklärungen hier auf dem Blog verklären diese ersten Zauberjahre in den schnulzigsten Tönen. Müde war ich, ja, mein Gott, aber all die Liebe! So viel Liebe! So viele schnodderige Küsse, so viel Nähe, die Nabelschnur unsichtbar und dennoch stark zwischen uns pulsierend. Ich bin süchtig nach diesem Gefühl, gewesen und immer noch. Dass ich mich lange Zeit nicht als alleinstehender Mensch fühlte, sondern als Teil eines symbiotischen, fast siamesisch anmutenden Menschgebildes, das störte mich nie. Das kam meinem Gefühl von Liebe und dem damit verbundenen Bedürfnis des Einswerdens sehr nahe. Näher, als das in einer Erwachsenenbeziehung je möglich wäre! Aber, alles ist endlich, alles hat seine Zeit. Ich habe den Freeze-Button nicht gefunden. You know.

Die Pubertät ist die schlimmste aller Phasen, das wissen alle Eltern auch ganz genau. Und ja, nämlich genau dann, wenn sie mittendrin stecken. Gemaule, Gemotze, Gestank, Gebrüll, Fressattacken („Wo sind die acht Schnitzel hin, die für morgen Mittag gedacht waren? Und wer hat die ganze Erdbeertorte gegessen? Und hatten wir nicht gestern noch drei Toastbrote?!“). Das Bad ist immer blockiert, und „blockiert“ ist auch ansonsten das Leitthema für die Pubertät. Du kannst mit den Kindern nicht reden, sie verstehen nicht, sie hören nicht, sie wollen nicht. Und du auch nicht! Was soll nur aus dieser undankbaren stinkfaulen Brut werden.

Die Pubertät habe ich immer gut verstanden. Für mich selbst waren das schreckliche Jahre. Vielleicht deswegen. Ich habe mich hässlich, fett, ungeliebt, nirgends zugehörig und entsetzlich wertlos gefühlt. Ich habe das nie vergessen. Ich war in Träumen gefangen, die mich weit weit weg von allem Realen trugen, verlor die Bodenhaftung, den Blick für Gefahren. Ich hatte keine Anker, keine starken Arme, die mich hielten. Ich erinnere mich ganz genau, was ich so vermisste. Verstanden sein, angenommen werden, begleitet sein. Und immer wieder bewunderndes Lob und Vertrauen.

Als der Bubi in die Pubertät kam, hob der Mann die Arme und sprach, er sei raus! Er kam gar nicht mehr klar mit dem. Da kam ich auf den Plan. Alles, was vorher nie abgefragt wurde und ich gut liefern konnte, war jetzt groß in Mode. Zuhören, Mut zusprechen, trösten, motivieren, absoluten Unsinn und abstruse Fantasien geduldig anhören. Ich konnte den jungen Mann gut begleiten, mit gehörigem Abstand natürlich, ich habe ihn immer unterstützt, egal, wie blöd der sich aufgeführt hat, mir fiel das nicht schwer, das konnte ich gut von mir als Person trennen. Ich wusste ja noch, wie Scheiße Pubertät sich anfühlt. Den ersten Liebeskummer haben wir dann als Eltern zu zweit überwacht am Bett des Jungens, der glaubte, er würde sterben. Sein Herz bräche und weiterleben sei nicht nur sinnlos, sondern sogar unmöglich. Der Mann rollte mit den Augen, ich aber wusste genau, was das Kind fühlte und sah sofort die Gesichter von Thomas K und Tilo B vor mir und war in dem Moment sechzehn wie er. Ich fühlte mit und sagte ihm nicht: „Ach, so schlimm ist das nicht! Daran stirbst du ganz sicher nicht!“, sondern, dass ich wüsste, wie weh das täte und dass ich ihm aber versichern könne, so weh wie jetzt wird ihm nie wieder etwas tun (was natürlich auch gelogen war, aber das erste Mal Liebeskummer ist wirklich eine Grenzerfahrung, da sind wir uns wohl alle einig). Die erste Pubertät haben wir überstanden, vor der nächsten habe ich keine Angst, ich kann das.

Die Phase zwischen den Phasen, dort hänge ich jetzt fest.

Diese Phase ohne Namen, ohne reißerische denglische Begrifflichkeit samt Ratgeberstapel. Dieses Alter zwischen fünf und elf, ich hasse das! Doch, ja, dieses starke Tunwort ist hier angebracht. Ich hasste es schon beim ersten Sohn, ich fürchtete mich schon Jahre jetzt beim zweiten und nun bin ich mitten drin. Das ist für mich die schlimmste aller Phasen. Ich komm nicht klar mit dem. Alles was ich kann, wird vollmundig in schlauen achtsamen Büchern aufgeschrieben: Kommunizieren, auf Augenhöhe, eigene Gefühle ansprechen, Ich-Botschaften, klare Regeln, Lob und Wertschätzung. Allein, ich könnte genauso gut Suaheli sprechen. Ich komme nicht durch. Ich bin nichts wert aktuell. Ich werde zum Kochen und Nägelschneiden und Kotzschüssel halten gebraucht, ansonsten kann ich abtanzen.

Vielleicht ist das die Quittung für die so innige Beziehung der ersten Jahre, das denke ich mir manchmal, dass die Söhne sich so vehement und geradezu brutal von mir lösen in diesen darauffolgenden Jahren. Wenn die Pubertät klopft, bin ich wieder die wichtigste Bezugsperson, jetzt bin ich abgemeldet und jede Bitte, jeder Wunsch, jede Handlungsanweisung wird ignoriert, ich werde vollgemault, angenölt, weggebissen. Ich bin zu blöd zum Spielen, zu uncool, um Minecraft zu kapieren oder dass man mit mir spielt. Der Papa ist der Größte, der Held, ich bin ich hier der Privatidiot von allen.

Die sind in diesem Alter nicht erreichbar durch gefühlsbasierte Ansprache, die reagieren nur auf Befehle und knappe Aufforderungen, gern gespickt mit „Wenn du nicht, dann du nicht…!“, Tablet, Fernsehzeit etc. Das nervt mich unendlich. Ich will das nicht! Und ich kann das nicht! Das ist, als müsste ich mich komplett verbiegen und verstellen, bis ich wieder begleiten darf. Erziehen kann ich nämlich nicht.  Der Mann weiß das auch. Der Mann bedauert mich und streichelt mir über den Kopf und sagt: „Dass gerade du zwei solcher Exemplare bekommen musstest…“, und dass er mich liebt, gerade weil ich so weich wie ein Muttibauch sei. Das ist lieb von ihm, ändert aber nichts daran, dass er ER im Moment alleinerziehend ist und ich alleingelassen.

Manchmal ruft das Kind mich säuselnd: „Mäusel, wo bist du?“, ebenso wie der Mann es tut, und dann muss ich lächeln. Oder er sagt, ich sei zwar die älteste Mama, die er kenne, aber keine sei schöner und sogar meine Falten seien schön. Und meine Fürze niedlich. Und dass er unter meinen Pulli kriechen will und sich an mich schmiegen, als wäre er noch in meinem Bauch. Es würde so gut riechen dort. Diese Momente genieße ich innig und versuche nicht, sie mir selbst zu versauen, indem ich sauer bin, dass er zehn Minuten vorher noch rotzfrech war und Mundfürze gemacht hat oder widersprochen.

Denn meistens sind sie extrem selten und extrem kurz, die innigen Momente. Am letzten Wochenende waren wir zu dritt im Park Bumerang schießen. Den zu kaufen war meine Idee, meine Umsetzung und auch die ersten Lernversuche habe ich alleine mit dem Blondino gemacht. Dann aber im Park, schlurft der an mir vorbei, blickt zu mir hoch und sagt: „Du kannst jetzt wieder gehen! Du spielst nicht mit!“, latscht weiter. Zack, und lässt mich in etwa so zurück:

 

Sieben ist er jetzt. Noch fünf Jahre bis zur Pubertät. Noch fünf Jahre die schlimmste aller Phasen. Ich brauche einen Hund oder einen Skorpion oder irgendwas anderes zum Liebhaben. Und einen Einführungskurs in Kindererziehung, bei den Navy Seals am besten.

Gemischtes Weihnachtsgeplänkel

Die Gedanken der letzten Tage, nacheinander und durcheinander gedacht und aufgeschrieben.

Dieser Blogpost ist ein Kessel Buntes. So hieß früher zu DDR-Zeiten eine Fernsehsendung, in der Helga Hahnemann auftrat und Gunther Emmerlich und Jürgen Lippert und wenn euch das alles überhaupt nichts sagt, ist das nicht schlimm, ihr habt nichts verpasst! Und an Weihnachten kam auch immer „Zwischen Frühstück und Gänsebraten“, eine Sendung, in der alle Mitwirkenden besoffen waren, ich bin mir ziemlich sicher. So viel Fröhlichkeit ist nur mit Nordhäuser Doppelkorn hinzubekommen. Ich hab das immer geguckt als Kind, es gab keine Alternative, wenn man schon als kleines Mädchen allergisch auf „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ war (hier Würgegeräusch vorstellen).

Jedenfalls hat Inka Bause, die manch eine aus „Bauer sucht Frau“ (ich hatte gerade aus Versehen „Bayer sucht Frau“ geschrieben und fand mich grad selbst übelst lustig) das sogar fünfzehn Jahre lang moderiert und früher als junger schnieker Hüpfer mit toupierter Action-Haarspray-gestylter Mähne bestimmt dort auch mal gesungen. Das mit dem Haarspray verstehen nun wirklich nur noch alteingesessene Ossis, deshalb für alle: Stank nach Johannisbeere, klebte wir Zuckerwasser und war in den Achtzigern der letzte Schrei. Auch, weil es kaum Alternativen gab, wollte man obenrum nicht nach Erdöl riechen. Und ein Alon-Haarspray aus dem Exquisit kostete zwölf Mark, Alter!

Wo ist mein Faden? Der rote?! Ah, danke.

Also, Weihnachten 2020. Alle riechen hier nach Westshampoo und es gibt jeden Tag Bohnenkaffee so viel wir wollen! Schöne neue Welt. Scheiß doch drauf, dass wir in der Bude hocken, ey, wir haben Farbfernsehen! Und Mandarinen aus der Dose! Und wir dürfen sagen, was wir wollen und keiner wird verhaftet! Jeder darf sagen, was er will, egal wie bescheuert das ist. Man darf auch sagen, dass die Coronaimpfung alle krank macht und nur eine Riesensauerei der Mächtigen ist und… darfst du alles sagen. Wenn du willst und keine Freunde brauchst um dich herum oder jemanden, der dir länger zuhört. Und dennoch fühlen sich manche Menschen „eingesperrt“, Menschen sind komisch.

Wir reden hier in der Familie über Nachwuchs, Nachwuchs mit Fell. Nachwuchs mit sehr kurzhaarigem, nahezu nicht haarendem Fell. Allen Leserinnen und Lesern ist also nun sicherlich klar: Wir reden über Weimaraner, Singular. Es soll eventuell eine Hündin hier einziehen im nächsten Jahr. Es steht auch schon fest, wie die heißen wird, für jede(n) von uns:

  1. Pepita; kurz: Peppi oder Pepsi  (für mich)
  2. Isabell (Unmöglich, oder? Kann nur vom Bärtigen kommen)
  3. es wird auf jeden Fall ein Hundejunge und der heißt Justus Jonas (der Blondino)
  4. es wird kein Weimaraner sondern ein Dackel und der heißt dann „Dackel“, was sonst

Der imaginäre Hund beschäftigt uns und wir lenken uns mit Hundegesprächen vom Alltag ab, auch nicht so schlecht. Klar ist auf jeden Fall, der Hund wird nie was vom Tisch kriegen, na-hein! Und er wird nicht auf die Couch dürfen, schon gar nicht in eins der Betten, niiiiemals! Und ich habe schon mal vorsorglich Bücher bekommen mit dem Titel: „Du bist der Rudelführer“, und dem Hinweis, es wäre enorm wichtig, dass ich das lesen würde! Weil, man wüsste ja… klappt ja schon nicht bei den Kindern mit der Strenge und Konsequenz. Mir persönlich ist wichtig, dass wir keinen Kläffer bekommen, also ich will einen Hund, dem man den „no-bell-Preis“ geben könnte, har har. „Bell heißt Klingel, das weißt du schon, oder?“, grätscht der Bubi humorlos ein, und: „Weiß jetzt nicht, wo das lustig gewesen sein soll!“. So geht das andauernd. Ich behaupte dann gern, andere Leute fänden mich urst lustig! Da winken sie immer gelangweilt ab, die Kerle. Der Prophet ist im eigenen Dorf nichts wert, das sag ich euch!

Heute ist Mittwoch und mir tut der Rücken weh vom Geschenkeeinpacken. Das vorherrschende Geräusch ist das Abrollen von Tesaband in einem Klebebandabroller, kennt ihr? Quiiiietsch. Das Geschenkpapier hat geradeso gereicht und in jedem Jahr denke ich, das muss aufhören, anders werden, jemand muss das für mich machen. Ich hasse das! Man sieht es im übrigen auch meinen Paketen an, dass ich Verpacken hasse. Es geht schon damit los, dass am Ende verschiedene Stücken übrig bleiben, die nicht auf das letzte zu verpackende Paket passen. Dann das Gefalte. Meine Mutter war da Königin. Akkurate Falze, Papier, das sich wie draufgebügelt um die Geschenke schmiegte. Mir hat sie das nicht vererbt.

Apropos Vererbung. Mein Onkel rief neulich an und sagte, er habe meine schöne Weihnachtskarte vor sich und freue sich daran. Was ich für eine hübsche Handschrift hätte! Da wusste ich, er hat die Weihnachtskarte meiner Schwester vor sich und uns zwei gerade verwechselt. Denn ich habe eine Sauklaue, echt jetzt. Ich schmadere was zusammen und hoffe, der Adressat kann es lesen. Meine Schwester hat die schöne Handschrift der Familie meiner Mutter. Die hatten wahrscheinlich alle in Schönschreiben eine Eins! Ich bin anders. Der Freund meiner Mutter sagt immer, eine von uns hat man mit Sicherheit vertauscht im Krankenhaus und ich weiß genau, wen er meint.

Weil wir gerade dabei sind. In den letzten Monaten mache ich oft Videotelefonie mit meiner Familie und meine Mutter und ihr Freund freuen sich immer sehr. Die staunen und strahlen, was das Zeug hält, wenn sie uns in der kleine Kiste (Smartphone) sehen! Was es nicht alles gibt. Guck mal, da bewegt sie sich sogar und ich kann sehen, wie sich der Mund bewegt beim Sprechen, abgefahren! Also wenn ich beim Freund der Mutter anrufe, dann sehe ich stets seine Handyhülle von innen. Nein, nein, er würde mich gut sehen! Alles prima, sagt dann der Opa. Rufe ich meine Mutter an, stellt sie das Telefon vor sich (schon mal super). Allerdings, wenn ich spreche, sehe ich nur grauen Pelz, weil sie stets das Ohr an das Display hält um mich gut zu verstehen. Dann setzt sie sich wieder aufrecht, um das Wort an mich zu richten. Ich antworte und sie beugt sich wieder nach vorn – ich sehe grau. ❤ Das rührt mich.  Die beiden sind siebzig und achtzig Jahre alt. Es geht ihnen gut, das ist das wichtigste.

Morgen, Kinder, wirds was geben. Der Baum nadelt vor sich hin und ich habe großzügig um die Tanne herumgefeudelt. Ich putze ständig und dennoch ist alles schmoddrig hier. Das liegt daran, dass wir zu viert hier sind und ich meistens zweimal pro Tag koche. Es gibt so Menschen, organisierte, die stellen vorm Kochen die benötigten Gewürze parat und haben das Rezept laminiert in einem Rezeptaufsteller neben dem geputzten Herd. Ich habe nie ein Rezept und knete zum Beispiel Hackfleisch und denke dann, ach, Majoran könnte noch dran, zack, mit den Hackfleischfingern den Gewürzschrank geöffnet und nach dem Fläschchen geangelt. Bei mir ist alles verschmiert und die Besteckschubladen voller Krümel und sogar die Topfschieber innen dreckig. Nur damit ihr mal Bescheid wisst! Immer wenn eine Freundin zu mir sagt: „Hach, bei euch ist immer alles so schön sauber!“, denke ich: `Was ist los mit dir? Bist du blind oder verlogen?!`. So ist das. Aber schon bei meiner Oma Else sah die Küche aus wie Bombe, aber das Essen! Die konnte kochen! Ich wünsche mir, das sagen die Leute auch irgendwann von mir. Scheiß doch auf ordentliche Besteckschubläden und streifenfreie Fronten!

Ich denke an die Studentinnen, die sonst in der Adventszeit bei Douglas Geschenke verpackten, was machen die in diesem Jahr? Und wie hat sich die Maskenpflicht auf den Absatz von Lippenstiften ausgewirkt? Weiß das jemand? Wie ist die Virusauswirkung im arabischen Raum, wo alle draußen sowieso mit Mundschutz rumlaufen, also die Frauen zumindest? Fragen, die mich beschäftigen.

Der Bärtige hat ein Buch mit Papierfliegeranleitungen gekauft (Warum?!) und nun muss einer von uns Erwachsenen ständig Druckerpapier zu Papierfliegern verfalten. Und die Dinger liegen überall rum, unter Schränken, hinter Möbeln. Des Kindes Begeisterung für Papier endet allerdings abrupt vor dem Wochenplan der Klasse 1c. Dort sind die Arbeitsbögen gesammelt für das Homeschooling. Katastrophe, sag ich euch. Malen, schneiden, kleben und lesen verweigert der Blondino lautstark und enthusiastisch. Mathe geht und Schreiben auch. Wir machen „angewandte Pädagogik im Alltag“ und lesen die Zahlen auf den Autokennzeichen, üben spielerisch die Malfolgen und ich schreibe dem Kind Liebesbriefe. Wenn er wissen will, was da steht, muss er sich eben Mühe geben! Ansonsten bin ich entspannt. Ist mir egal, wenn wir das nicht alles schaffen. Aber ich hab auch gut Lachen in Klasse eins. Wobei ich denke, das ist die Erfahrung. Die Erstlingseltern bei uns im Klassenchat sind mitunter überambitioniert, aber was weiß denn ich. Das ist mein vierzehntes Schuljahr als Mutter. Ich glaube, ich hab schon alles gesehen und gehört, sollen sie doch. Mich erregen die nicht. Ich gehe mit zu Wandertagen solange ich darf, weil die Zeit so verdammt kurz ist, wo das Kind das dulden wird und ich so alle anderen Kinder sehe und kennenlernen darf und damit ein Gesicht vor Augen habe, wenn von Dustin und Justin gesprochen wird. Und ich helfe der Lehrerin, wenn Elternunterstützung gewünscht ist, das versteht sich von selbst. Aber bei dem üblichen Schmus (wer hat was gesagt, welches Kind hat die längste Leseraupe und warum, wieso sind die Ranzen so schwer und mein Kind hat dieses und will jenes und überhaupt) da schalte ich ab.

Neulich stand ich mit Mundschutz beim Abholen im Foyer und eine Mutter beschwerte sich bei einer anderen Mutter über meinen Sohn. Weil, er sei so ein schlechter Einfluss auf ihr Schätzchen! Ich hab in mich reingegrinst, sie haben mich nicht erkannt mit meinem Ganzgesichtsschutz. Ich grinse auch, wenn die Horterzieherin beim Abholen sagt: „Und sie? Sie sind die Oma?“, mich haut im Moment nichts vom Hocker, was die Schule betrifft. Solange das Kind gern hingeht (wenn er denn wieder kann) und keine pathologischen Defizite zeigt. Für den Rest habe ich keine Zeit. Ich hab keine Lebenszeit übrig mich aufzuregen wegen irgendwelchem Blödsinn, der gar nicht wichtig ist. Und jetzt ist auch Weihnachten.

Drei Tage, eine Gans, eine Ente, zweierlei Klöße, eimerweise Rotkraut, ein Mohnstriezel und allerhand Kekse später ist nun der zweite Feiertag und ich hab voll das Weihnachtsmojo. Dieses Jahr in echt. Es hat mir gutgetan, nur mit den Meinen zu sein. Kein Besuch, keine Weihnachtsmarktglühweinverabredungen, kein Kalender-übereinander-legen, um alle Freunde zu treffen. Ich bin komplett runtergefahren und Weihnachten ist passiert. Ist mir passiert! Fern ab von all der Hektik, die mich sonst kirre und froh macht, bin ich glücklich gewesen.

Der Sohn hat mir einen Harry-Hole-Krimi von Jo Nesbo geschenkt und beömmelt sich stundenlang wegen dem Namen („Harry Hole… das klingt wie… hihihi… das klingt wie…. hahaha!“, „Ich weiß, das klingt wie haariges Loch, du Quatschbirne! Das findest du lustig, aber bei no-bell-Preis verleierst du die Augen, ja?!“). Alle freuen sich über die Geschenke und wir habens schön.

Die Tage waren gemütlich, unter allen Tischen liegen Legobausteine, jede freie Fläche ist mit Spielzeug vollgestellt. Die Weihnachtssterne sehen langsam müde aus und abgekämpft und auch der Baum hat durchgehalten – danke dafür!

„Rupfi of Blasewitz“, der schönste Tannenbaum vom Blasewitzer Waldpark

Abend laufen wir durch die Hood und schauen in die geschmückten Wohnungen, das ist der schönste Adventskalender für mich.

Gestern begannen die Rauhnächte, diese besonderen Tage, in denen mir früher manchmal das Gemüt etwas wackelte. In denen ich mich fragte, was das neue Jahr wohl bringen würde, in denen ich oft sehnsüchtige Wünsche an das Universum schickte. In diesem Jahr ist alles gut. Es gibt keine losen Enden, es ist alles geworden. So möge es bleiben, das ist mein Wunsch.

Im Garten schiebt sich neues Leben durch den kalten, feuchten Boden und die Tage werden wieder länger. Alles wird neu, alles fängt wieder von vorne an, wunderbar.

Euch wünsche ich magische, schöne und friedliche Tage bis zum Wiederlesen und jede(r) hat einen Wunsch frei beim Universum, ich habe das geklärt! ❤

Weihnachtsstimmungen, gemischt

Das Facebook hat diese Erinnerungsfunktion und ich weiß ja nicht, also in diesem Jahr nervt die mich unfassbar. Heute zum Beispiel wurde ich ohne darum gebeten zu haben daran erinnert, dass ich vor sechs Jahren um die selbe Zeit in der Garage in Pieschen stand, zusammen mit meiner Nachbarin Manja, und einen Flohmarkt im Rahmen von „Advent in Pieschen“ veranstaltet habe.

Ich hätte jetzt gern ein Stück Birnenkuchen, wenn ich das Foto sehe. Und ich bin natürlich zurückversetzt an diesen Tag. Ich weiß noch, wie blöde wir das damals fanden.

unter Einfluss von Glühwein geschossenes Foto; 2014

Es regnete, die hübschen Butterbrottüten, die den Weg zur Garage flankierten und mit Teelichtern bestückt waren, weichten auf und das Licht ging ständig aus, es kamen nicht so viele Anwohner zu uns wie erhofft, Mensch, hatten WIR PROBLEME! Also gemessen an „Advent 2020“. Sogar unser Vermieter kam vorbei um einen Glühwein bei uns zu trinken, damals.

Wir wissen selten, wenn wir glücklich sind. Aber immer, wann wir glücklich waren! Stimmt doch, oder?

Advent 2020. Alles ist abgesagt und mittlerweile kenne ich nicht nur mehrere Menschen, die Corona hatten, ich kenne auch einen Menschen, der Corona nicht überlebt hat. Siebenundsiebzig Jahre alt und mit Vorerkrankungen, das schon, dennoch sind die Töne etwas leiser um uns herum seit der Todesmeldung in unserer Familie. Dieser Onkel wäre ohne Corona ziemlich sicher noch am Leben, jetzt, heute. Deshalb nehme ich es demütig hin, was alles ist – oder nicht ist – in diesem Dezember, denn ich möchte gern, dass es bald vorbei ist. Dass wir wieder unbeschwert Leute empfangen können, Freunde besuchen können.

Meine Eltern werden uns am ersten Feiertag die Geschenke über den Zaun reichen und wieder gehen, die Christvespern sind abgesagt. Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos. Möchte ich fest glauben. Zeit für neue Traditionen: Chips und Eis und Jogginghosen und die Weihnachtsgeschichte spielen wir mit Indianern und Legofiguren nach. (Die korrekte Bezeichnung der indigenen Ureinwohner Nordamerikas ist mir bekannt und ich achte sie sehr. Ich rede hier von den Plastikfiguren mit spärlichem Lendenschurz aus den Siebzigern, die meine Oma Else früher in der Spielzeugkiste im Flur hatte, und die hießen eben Indianer; seht es mir einmal nach, danke)

Wie ist sonst so der Lifestyle und das gesellschaftliche Leben? Letzte Woche waren wir abends noch um diese Ecke bei meiner Freundin Fika, mit Abstand, ohne Küsse und Umarmungen – komisch, noch immer. Ich saß in der neuen Gartensauna, die zum privaten Glühweinstand ernannt wurde. Es funktionierte nicht mit dem Weihnachtsfeeling, ich habe es versucht.

Allein in der Glühweinsauna – Frau Nieselpriem

Deshalb lassen wir das jetzt auch mit dem privaten Biergarten hinterm Haus. Wir lassen das alles. Es bringt nichts, die Situation zu „simulieren“. Das ist, wie vegan zu essen und dennoch permanent nach nachgebasteltem Gyros oder Schnitzelersatz oder schmeckt-wie-Frikadellen zu verlangen. Kannste machen, wird aber anstrengend auf Dauer.

Uns geht es gut. Ich mag mir nicht vorstellen, wie andere vierköpfige Familien in einer sechzig Quadratmeter kleinen Wohnung ohne Balkon aktuell leben. Ebenso blende ich aus, dass der Kinderschutzbund vermeldet, dass in jeder Klasse mindestens ein Kind säße, das häusliche Gewalt erfahre. Was die Lockdown-Situation mit einer toxischen Familienatmosphäre macht, darüber brauche ich hier ja nicht zu spekulieren. Ich will es nicht wissen, ich kann nichts machen. Wüsste ich es in einem konkreten Fall, könnte ich nicht mehr schlafen und würde Kinder aufnehmen wollen, alle. Ich bin noch dünnhäutiger als sonst.

Was sonst noch? Nun, wir hatten das erste Elterngespräch (fernmündlich, eine Stunde achtzehn Minuten) mit der Klassenlehrerin, der Sohn verhält sich erwartungsgemäß. Wir sind nicht überrascht. Er öffnet zum Beispiel ständig die Türen der Spinde der Klassenkameraden. Das sei verboten, sagt man ihm. Warum, fragt er zurück. Er nähme ja nichts raus! Den Zettel solle er abgeben mit den Codes, sagt man ihm. Er habe keinen Zettel, das stünde alles in seinem Kopf, antwortet er. Vierstellige Codes, vierundzwanzig an der Zahl.

Ansonsten ist er liebreizend wie eh und je und tolerant gegenüber fremden Menschen. Wir erinnern uns: 2014, im Aldi zu freundlichen Senioren: „Nisch misch anguggen!“. 2017 zum Neffen der Nachbarn, der freundlich grüßte: „Hau ab, du alte Scheiße!“, und gestern zur alten Dame, die unsere Nachbarin besuchte: „Sie hamm hier nüschts verloren!“. Da stand er auf der Treppe, finstrer Blick, wie ein Zwergenbonaparte. Oder wie ein kleiner Adolf, wie ich manchmal heimlich sage. Ein Schatz. Er disst auch unfassbar. „Du Bankautomat! Du glue stick!“, da fällt mir nichts ein.

Nun ja, es wurde ausgeknobelt in der Autismusambulanz und die Kästchen beim multiple-choice-Test übereinandergelegt. Er habe keine Autismusspektrumstörung und wir sollten doch Verhaltenstrainng machen, am besten in einer Gruppentherap… halt, wo gehen sie denn hin?! Ich hab abgewunken, ich kenn das alles schon. Da gehen wir ganz sicher nicht hin! Am Nachmittag nach einem anstrengenen Tag noch „realitätsnahe Situationen nachschauspielern“, nein. Wir machen situativ das Richtige (hoffe ich), wir korrigieren ihn situativ und wir haben die optimale Schule ausgesucht, das sind die guten Nachrichten.

Im Moment ist der völlig neben der Spur, normal. Seit Oktober sind ihm sechs (!) Milchzähne ausgefallen. Wackelnde Zähne, wackelndes Gemüt. Manchmal denke ich, in zwei Wochen kaut der dann auf seinen einzigen zwei „neuen“ Zähnen.

Was noch? Ach ja. Andere coronisierten Menschen holen sich Haustiere ins Haus, wir ein „Echo Bike“. Die Männer sind ganz aus dem Häuschen. Hier bauen sie das Ding aus Übersee gerade auf dem Dachboden zusammen.

Das heißt auch manchmal „Assault Bike“, oder wie die Kenner sagen: „Asshole Bike“. Damit kann man in einer Minute (je nach Strampelei) ungefähr 40 kcal verbrennen. Das klappt mit keinem anderen Gerät. Und entsprechend Killerpotential hat das Asshole Bike. Wer das nicht glauben kann mit dem „schlimmsten Fitnessgerät der Welt“, der kann sich ja hier mal reinziehen, wie der Gewichtheber Max Lang vom Asshole Bike fällt. Ganz am Ende, bitte schön:

Ich hab ja noch so eine Challenge laufen vonwegen bis Ende Januar einen „toes to bar“ an der Stange hinzulegen. Im Moment kann ich nur durch kontinuierliche Zufuhr von gesättigten Fettsäuren meinen Gemütszustand halbwegs stabil halten, also nope, ich trainiere nicht! Ich esse. Gerade zum Abendessen gab es Nuss-Feigen-Brot mit Hüttenkäse und Honig, oder um, es mit den Worten meiner Kinder zu sagen: „Iiiiiiieh!“. Tja, man muss immer tun, was man nicht lassen kann. Und ich muss Süßigkeiten essen!

Das Haus habe ich dekoriert, sogar die Türfenster beschmiert, weihnachtlich, von innen. Anstatt: „Hohoho!“, liest man von außen das:

Passt ja auch zur Situation. Innen habe ich die Basteleien des Großsohnes aus Kindergartenzeit rausgeholt und an die Türpfosten geklebt für mehr Heimeligkeit. Der große Sohn hasst es. Der kleine Sohn ist eifersüchtig, weil ich nichts von ihm an den Türpfosten klebe. Nun, was sollte das auch sein?! Ein zerknülltes kariertes Blatt, wo schief: „FURZEN“, draufsteht vielleicht? Das wären so die Kunstwerke vom Kleinen…

Anyway, wie wir Sachsen so sagen, der Baum steht! Und nu gugge ma, er nadelt, als wäre es der vollkommen normalste fuffzehnte Dezember überhaupt! Als wäre nichts, oder alles.

Oh Tannenbaum.

„… Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum
Dein Kleid will mich was lehren
Die Hoffnung und Beständigkeit
Gibt Kraft und Trost zu jeder Zeit
Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum
Dein Kleid will mich was lehren…“

Über unfreiwillige Toilettenbesuche, das medieninkompetente Kind, Coronablues in Grautönen und Wunscherfüller

Gestern gingen der Bärtige, der Blondino und ich spazieren. Ein älteres Ehepaar lief vor uns auf der Straße. Instant belehrte das Belehrkind laut und entrüstet: „Man läuft nicht auf der Straße!“. Die Leutchens schauten sich erschrocken um und erwiderten sehr kinderfreundlich: „Da hast du recht! Wir passen in Zukunft auf.“. Kaum waren sie ein paar Schritte weitergegangen, brüllte Meiner in Richtung der beiden Silberrücken: „ICH BEOBACHTE EUCH!“. Da fiel dann niemandem mehr etwas ein. Die Leute marschierten dann auch schnell aus unserer Sichtweite.

Das Kind hat ein dominantes Imponiergehabe im Moment, was bestimmt lustig ist, wenn ich das später mal lesen werde. Sehr viel später.

Und: Immer wenn jemand von uns auf Toilette geht, muss er/sie sich ungebeten fragen lassen: „Musst du kacken?“. Auch fremde Menschen auf öffentlichen Toiletten werden schonungslos nach dem Zweck ihres Toilettenbesuches gefragt: „Warst du kacken?“.

Wenn er selbst sein Thrönchen besteigt, sinkt das Unterhaltungslevel für mich allerdings ins Bodenlose, denn seit nunmehr sieben Jahren bin ich fürs Abputzen verantwortlich und manchmal denke ich, ich werde das noch in zehn Jahren machen. Ich werde mittags meinen pickligen Teenager in der Schule während der Hofpause besuchen um ihm bei seinem Toilettengang zu assistieren. Denn das Kind ekelt sich, theatert, plärrt, dramatisiert, bis ich das Gelärme nicht mehr aushalte und er seinen Abputzwillen bekommt. Ich glaube, das hört nie auf. Aber ich dachte auch, der Bubi würde noch mit dreißig in meinem Bett schlafen. Vielleicht wird doch alles irgendwann enden, sogar das Unfreiwillige.

In diesem Jahr ist vieles schärfer in meiner Wahrnehmung, was sonst irgendwie verwaschen im Alltag unter „ferner liefen“ läuft. Das kommt von der Allgegenwart und immanenten Präsenz der kompletten Kleinfamilie. Wir sind chronisch coronisch und permanent aufeinander. Und auf uns zurückgeworfen. Selbst wenn die Kindereinrichtungen – wie jetzt gerade- geöffnet sind, so fallen dennoch puffernde Aktivitäten wie Sportvereine, Playdates und so weiter weg, sodass an jeden gemeinsamen Homeofficetag Seite an Seite mit dem Mann der gemeinsame wer-beschäftigt-jetzt-wie-lange-das-nölende-Kind-Nachmittag anschließt. Jeden Tag. Denn das Kind hier lebt nur für die „Tablet-Zeit“. Furchtbar ist das! Der beschäftigt sich nicht selber, spielt nur in Gesellschaft seiner Eltern und fragt ohne Unterlass, ob er nicht doch jetzt schon ans Tablet dürfe! Wir haben das versaut. Und versauen uns damit die Tage.

Beim Bubi waren wir rigide und zwar auf ganzer Linie. Ich war Tigermom und Tigerdad und ich führten ein strenges Regime. Hier kann das gern beispielhaft nachgelesen werden (zum Glück hatte ich früher viel Zeit, alles mögliche niederzuschreiben). Bei dem Blondino dachten wir, ach komm, zweites Kind, mach mal locker! Vielleicht funktioniert das ja alles doch mit diesem neumodischen Erziehungsquatsch und der Selbstregulierung – pah! Am Arsch! Niemals würde der Zweite das Tablet von allein aus der Hand legen, nie den Fernseher ausschalten und verkünden, er würde sich fürderhin den Rest des Nachmittags mit der Gestaltung von Perlentieren beschäftigen, nie! Ich fand ihn schon auf der Couch, die Hände an den Kopf gepresst weinerlich verkündend, er habe Kopfschmerzen. Auf mein Insistieren, der Fernseher müsste nun ausgemacht und der wehe Kopf in den Garten zum Durchlüften gebracht werden, wurde ich angeschrien, ich HÄTTE ÜBERHAUPT KEINE AHNUNG und das käme nicht vom Fernsehen! Der Mann und ich haben beschlossen, es nützt nichts. Und nein, wir haben keinen Bock auf die kommenden Tage, aber ab morgen ist das Tablet weg und TV gibt es nur noch halb sechs bis sechs abends. Es wird hart werden. Am besten stecke ich mir Ohropax in die Ohren um dem Genöle zu entfliehen. Und vermutlich werde ich in der zweiten Schicht als Animateuse im Schichtwechsel mit dem Mann arbeiten. Ich hatte verdrängt, wie doof Kindererziehung sein kann, manchmal. Vor allem, wenn man (frau) gerne Nachmittags vom Arbeitstag entspannt und seien wir mal ehrlich, abends entspannt ja auch niemand mit einem Siebenjährigen im Haus! Während ich das hier schreibe, wurde ich schon dreimal gestört, und es ist neun Uhr abends! Wenn der Ruhe gibt, ist es bei mir energetisch dann auch zappenduster. Gute Nacht Johnboy, gute Nacht, Bärtiger, sometimes, when the Kinder sind aus dem Haus, dann machen wir abends wieder was zusammen. Und noch nicht mal Zwischenentspannen ist mehr drin, weil das Kind beim Kindersport gestriezt wird oder einen Freund zu Besuch hat.

Apropos.

Früher, also vor Corona, sind wir Alten oft in den nahen Biergarten geflüchtet und haben den Bubi gezwungen, die Aufsicht über seinen Bruder zu übernehmen. Weil, das würde sich so gehören! Das war schön. Da hatten wir dann auch Zeit für Gespräche und Innigkeit, die über permanente Co-Anwesenheit im selben Raum hinausging. Wir zwei vermissen in der aktuellen Situation unterschiedliche Dinge: Ich vermisse Ruhe, Zeit für mich ganz allein, ohne Ansprache und Gespräche. Ich renne dafür jeden Tag, ich renne weg von allen. Ich renne zwanzig Kilometer in der Woche, ich war noch nie so sportlich wie in diesem Jahr. Joggen ist meine Zeit für mich allein. Dennoch: Auch der Mann hängt durch. Der Mann dauert mich sehr, denn er vermisst die Biergarten- und Kneipenbesuche gerade schmerzlich. Seine Kumpels, seine Sportfreunde, niemanden kann er treffen, und noch nicht mal mit der Ehezicke ausgehen. Ich werde deshalb für den Mann einen Heizpilz anschaffen und eine Biertischgarnitur und beides vors Haus stellen. Dann setzen wir uns davor und ich spiele Biergartengeräusche auf dem Handy ab, als Hintergrunduntermalung. Dass der Mann traurig ist, ist das Schlimmste.

Wir sind gesund, wir sind privilegiert, wir wissen das und sagen uns das in Demut auch gegenseitig immer wieder. Aber wir sind dennoch weit entfernt von achselzuckender Gleichgültigkeit, und da möchte ich noch nicht mal die Weltverschwörer, Coronaleugner und die Verantwortung der „Coronaeltern“ thematisieren – ihr wisst Bescheid. Ein langer Winter liegt vor uns.

Irgendwie hat der Begriff „besinnliche Zeit“ in diesem Jahr ein Geschmäckle. Ich dachte mir das auch schon beim Dekorieren für die Adventszeit. Für wen mache ich das eigentlich? Meinen Kerlen ist das herzlich Wumpe – im Idealfall – wahrscheinlich regen sie sich auf, dass so viel Zeug rumsteht. Also noch mehr als sonst. Und dass ich so viel backe, weil, sie wöllten das nicht essen und fett werden, aber wenn ich das backe, dann müssten sie es auch essen und deshalb: Warum backst du andauernd?! Das frage ich mich langsam auch. Denn es kommt ja keiner! Niemand wird zu Besuch kommen, die Deko loben und die geschmackvollen Bäckereiprodukte genüsslich vertilgen.

Besinnlichkeit reloaded, rebootet, downsized, anders als sonst. Nähe trotz Distanz, Zuneigung ohne Berührung, Kontakt trotz Aufruf zu Kontaktlosigkeit, kann das gehen? Am: „Wie?“, denke ich gerade herum, eine Woche vorm ersten Advent.

Und ich will euch was erzählen. Vor einigen Wochen traf ich mich (kontaktarm, natürlich) mit einer Freundin. Es ging thematisch im Gespräch irgendwann um den bevorstehenden vierzehnten Geburtstag der ältesten Tochter. Diese Freundin und ihr Mann haben vier Kinder, sind beide berufstätig und sogenannte „Aufstocker“, heißt, das Familieneinkommen liegt trotz Berufstätigkeit unter der allgemeinen Bemessungsgrenze und deshalb wird die Familie bezuschusst. Geld war nie ein Thema in unseren gemeinsamen Gesprächen und diese Leute sind alles andere als Barmer oder thematisieren ihre finanzielle Situation, nein. Sie erzählte mir, die Tochter wünsche sich zum Geburtstag einen Besuch im Belantis-Vergnügungspark, sie wöllte Achterbahn fahren mit ihrer Freundin! Das sei ihr einziger Wunsch und dieser leider nicht zu erfüllen. So ein Tagesticket sei einfach nicht drin, weil auch neue Fahrräder angeschafft werden müssten und die würden nun mal täglich gebraucht, weil ein Auto hat die Familie nicht. So ging das Gespräch, es war mehr die Traurigkeit der Freundin, dass sie den Wunsch nicht erfüllen konnte, die Thema war, eigentlich auch zum ersten Mal überhaupt.

Dieses Gespräch hat mich nachhaltig berührt. Ich dachte an andere Jugendliche in meinem Bekanntenkreis, die sich zum vierzehnten Geburtstag ein neues Smartphone wünschen (die Tochter meiner Freundin hat gar kein Handy) oder ein angesagtes Longboard, einfach so, und damit rechnen können, dass ihr Wunsch in Erfüllung gehen wird.

Ich schrieb Belantis an. Erzählte von dem Geburtstagswunsch und fragte an, ob es nicht möglich sei, dass der Vergnügungspark das Mädchen einladen würde – bot an, das dann auch zu bewerben, über diese Aktion zu schreiben, wenn das gewünscht wäre. Sie haben nicht geantwortet. Ich schrieb ein zweites Mal an die Pressestelle des Vergnügungsparks, wieder keine Antwort. Dann sah ich zufällig auf Instagram, dass just zu dieser Zeit eine Marketingkampagne lief, in der Tagestickets verlost wurden für Belantis! Bei einem „Influencer für Vergnügungsparks“. Ich schrieb also auf diesen Beitrag, schrieb, ich wöllte die Tickets unbedingt gewinnen! Schrieb über den Hintergrund, den sehnlichen Geburtstagswunsch einer Vierzehnjährigen, markierte Belantis in diesem Post, tat, was nötig ist, gesehen zu werden. Nichts geschah.

Ich konnte das nicht nachvollziehen. Das muss man verstehen: Die machen zur selben Zeit eine Werbekampagne um Leute trotz Corona zu sich zu locken, verlosen Tickets an irgendwen, bezahlen dafür sogar Menschen mit werbewirksamem Insta-Account, aber reagieren nicht auf meine Anfrage?! Es wäre ein Leichtes gewesen, zwei Freitickets zu spendieren und ein bestimmtes Mädchen sehr glücklich zu machen. Wollten sie nicht. Und nein, dass meine Mails oder mein Kommentar (trotz Markierung) nicht gelesen wurde, das glaube ich einfach nicht. Zack, du kommst hier nicht rein! (Und ich für meine Person will dort auch nie wieder rein) Ich war unfassbar enttäuscht.

Jetzt wollte ich erst recht meiner Freundin eine Freude machen und erinnerte mich, dass sie mir mal erzählte, dass es seit der Geburt des jüngsten Kindes kein Foto gäbe, das sie alle als Familie zeigen würde. Weil, Leben in Großfamilie und Hektik und so. Ein Foto, das sie alle zeigt. Ich rief Franzi an und fragte, ob ich bei ihr ein kleines Familienshooting buchen könnte für eine befreundete Familie. Nachdem ich die Geschichte erzählt hatte, war Franzi genauso berührt wie ich und erklärte, sie wöllte unbedingt die Familie porträtieren und selbst verständlich dafür kein Geld von mir nehmen. Und dass es Situationen gibt, da geht es nur darum, jemandem ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern. Etwas zu verschenken von dem, was man selbst hat oder kann an jemanden, der ebendieses nicht hat oder kann.

Vielleicht ist es das. Auf einander schauen. In diesem Jahr noch mehr als sonst. Die einen Mitmenschen hamstern Nudeln und Klopapaier und schauen, was der Nachbar so treibt – noch ärger als sonst – während andere besonders auf die Menschen schauen, die es auch in weniger anspruchsvollen Zeiten nicht unbedingt immer unbeschwert und leicht haben. Während die einen auf die Regierung schimpfen oder sich und andere gefährdend im öffentlichen Raum agieren, engagieren sich die anderen unter den nun noch schwierigeren Bedingungen zum Beispiel für diejenigen, die wir gern übersehen in unserer Vorweihnachtsfreude. Das soll mir ein Licht sein für die kommenden Wochen, eine Laterne für meinen eigenen Weg durch diese besondere Zeit, die vor uns liegt. Der Geist der Weihnacht zeigt sich vielleicht nie wieder so deutlich wie in diesen Zeiten.

Ich wünsche uns allen besinnliche Weihnachten.

~

Dieses Foto hat Franzi gemacht, als sie vor zwei Jahren zum Shooting bei uns zu Hause war. So schön finde ich uns nie, nur auf Franzis Bildern. Sie kann Dinge sichtbar werden lassen, die wir selbst viel zu selten sehen. Sie ist ganz sicher einer von diesen „anderen“ Menschen.

 

 

Sieben Sachen am Ewigkeitssonntag

Sieben Sachen, die ich heute mit meinen Händen gemacht habe.

Zweige vom Elberadweg in einer Vase drapiert…

… Stollenteig zusammengerührt (Es ist höchste Zeit; im übrigen habe ich drei volle Packungen Sternanis in meiner Rabusche gefunden. Sollte jemand engpassen von euch, bitte melden!)

… das erste Räucherkerzchen der Vorsaison angezündet (Geschmacksrichtung „Marzipan“)

…das diesjährige Adventskerzenunspektakel sehr streberhaft eine Woche vor Fälligkeit aufgebaut

… Kreidemalstifte hervorgekramt

… Kerzen angezündet. Vorm Haus, im Haus, und dabei an all die Menschen gedacht, deren Stimmen ich nur noch in Gedanken höre

… am Schal weitergestrickt.

Sieben Sachen Sonntag/ 08.11.2020

„Sieben Sachen, die ich am Sonntag mit meinen Händen gemacht habe“, so lautete einst die Beschreibung dieses Sieben-Sachen-Sonntags-Posts bei Frau Liebe, die leider nicht mehr bloggt und die neben vielen anderen ehemaligen Bloggern schwer vermisst wird in diesem Internetz. Also von mir.

… ein fleißiges Schulkind bei den Hausaufgaben gestreichelt

… einen Schal begonnen zu stricken; Fertigstellungsdauer geschätzt: einmal BER

… trocknende Waldpilze gewendet

… Rosenkohl in Butterbröseln gewälzt

…Herbstlaub in Säcke geschaufelt

… und anderes Herbstlaub (nämlich Gingko) draußen gesammelt und zum Trocken in ein dickes Buch (Elisabeth George) gesteckt; nächstes Jahr wird das im Herbst ein hübsches Mobile abgeben, die Gingkoblätter mit goldenem Basteldraht umwickelt und an einen knorrigen Ast gehängt

… aus einer löchrig gewordenen Fleecedecke frei Schnauze eine Kuschelhose für das Kind genäht

(das Kind hasst die Hose)

… Ingwer und Zitrone kleingeschnibbelt und mit Honig und einem Kräuterteebeutel aufgegossen

Saul Goodman

Ihr kennt sicher die Netflixserie mit selbem Namen, und wenn nicht, es geht um einen Anwalt, der – neben vielen spektakulären Kawenzmännerdingens in und außerhalb des Gerichtssaales- seinen Namen ändert von James McGill in Saul Goodman, was jedem Menschen auf der Suche nach einem Rechtsbeistand Vertrauen vermittelt. Wenn man das hört. Also mir. Außerdem kennen wir diesen Saul Goodman alle schon aus „Breaking Bad“, und wenn dir das auch nichts sagt, dann, also dann weiß ich auch nicht, was das noch mit dir werden soll… dann musst du nachsitzen und nachschauen, alles!

Saul Goodman. It´s all good man.

Also. Ich habe mich in Sachen verhunzte Abiturprüfung vor einiger Zeit (ganz genau am sechsten Juli) in juristisch bewanderte Hände gegeben. Im Vorfeld fand ich spannend, dass es (besonders) eine Kanzlei gibt, die bundesweit vertreten will und explizit damit wirbt, Abitur- und andere Prüfungen anzufechten. Sinngemäß steht da, war es zu heiß, zu kalt, der Lehrer war gemein zu dir, sprich mit uns! Natürlich steht da nicht, dass man dann seine Prüfung anfechten kann! Natürlich nicht, das sind Anwälte, aber der juristisch unterbelichtete Laie könnte es so auffassen.

Ich wollte einen Saul Goodman. Einen, bei dem ich mich in Dresden Vorort an einen Schreibtisch setzen kann um die Sachlage zu erörtern. Ich fand in Dresden zwei Kanzleien für Verwaltungsrecht (das ist die relevante Sparte). Einer der beiden Anwälte hat außerdem vor Jahren eine Schule mitbegründet (das konnte ich in der Vita lesen) und hat eine autistische Tochter, die kurz vorm Abitur steht (was ich später im Gespräch erfuhr). Volltreffer! Weil er ja dadurch abseits von Gesetzestexten auch persönlich  irgendwie in das Thema involviert war, was mich hier umtrieb. Abitur plus Inklusion plus Kacke alles. Dieses Thema. Ich dachte irgendwie so bei mir, puh, jetzt ist es auf dem seinem Schreibtisch und jetzt wird alles gut. Jetzt macht der das! Natürlich nur gegen kontinuierlichem Einwurf kleiner Münzen, versteht sich. Ich will euch berichten, wie das so war.

Alles startete mit einer Rechtsberatung zum Thema, der Bubi und ich waren anwesend und Saul Goodman hat das Vorgehen erörtert. Wir haben einen Vertrag geschlossen und für diese erste Rechtsberatung zweihundertfünfzig Euro bezahlt. Er hat uns das weitere Vorgehen erklärt und uns auch informiert, dass es im ersten Schritt  – also bis es zu einem Gerichtsverfahren käme – um die eintausend Euro kosten könnte. Er würde aber kostentransparent arbeiten, sodass wir keine Überraschungen zu erleben hätten. Wir hatten ein gutes Gefühl und waren (sind) außerdem rechtsschutzversichert. Lessons learned: Die Rechtsschutzversicherung (also unsere) greift in so einem Fall erst ab den Gerichtskosten. Alles, was außergerichtlich mit anwaltlichem Beistand zu klären ist, bezahlen wir aus eigener Tasche.

Dann flossen viele, sehr viele Mails hin und her. Im ersten Schritt hat Saul Goodman die Schule informiert, dass wir Einsicht in die Prüfungsunterlagen fordern. Das läuft auf privaten Schulen anders als bei öffentlichen, habe ich mir sagen lassen. Bei öffentlichen Schulen findet da wohl ein Sichtungstermin bei der Schulbehörde statt, bei uns war es direkt in der Schule. Wir mussten nicht dabei sein. Saul Goodman hat die Prüfungsbögen des Bubi, die Aufgabenstellung und auch die Lösungsbögen bekommen und konnte Kopien machen. Ziemlich zeitnah legte Saul Goodman vorsorglich Widerspruch gegen diese eine Prüfung ein, bei der Schule. Wir hatten uns auf die durchgefallene schriftliche Mathematikprüfung fokussiert, es hätte auch die mündliche Nachprüfung sein können (auch durchgefallen), aber die Erfolgschancen standen bei „schriftlich“ irgendwie glänzender am Horizont.

Danach bekamen wir diese Kopien und sollten überprüfen, ob wir einen Ansatzpunkt für einen Widerspruch finden. Das war schwierig. Zum einen dachte ich naiv, der Anwalt hätte da irgendwen am Start oder selbst Expertise um das zu bewerten und zum anderen, ich meine, Leistungskurs Mathe?! What? Ich habe gar nichts verstanden! Und die Lösungsbögen waren ebenfalls kryptisch. Als Laie blickt man nicht durch das Benotungssystem, das kann ich euch sagen. Was da mit wieviel dreiviertelhochachtzehn Punkten bewertet wurde, puh. Abhilfe schaffte zum einen die Aufklärung über das Benotungssystem, die eine befreundete Lehrerin übernommen hat und der Bärtige als einziges Familienmitglied mit höherem Mathematikverständnis hat dann tagelang über den Seiten gebrütet mit dem Ziel, nicht bewertete Extrapunkte zu finden oder Ungereimtheiten.

Der Mann kam zum Schluss, dass mindestens ein Punkt mehr gegeben werden müsste. Danach brauchten wir noch einen Experten von außerhalb, da wir uns nicht in der Lage sahen, das alleine zu begründen. Ein Mathelehrer musste her! Nun war es so, dass wir den auch selbst suchen mussten. Es ist nämlich (leider) nicht so, dass eine Sache, einmal in anwaltliche Hände gegeben, dann auch von selbst läuft. Nein! Ich dachte im Vorfeld, so ein Fachmensch hat da einen Stab an Experten im Telefonbuch, die er entsprechend der Anforderung einfach so zu Rate zieht. Und uns das dann nur in Rechnung stellt. Nein, Eigeninitiative war wirklich an der Tagesordnung.

Der unabhängige Mathelehrer hat sich das dann auch noch mal angeguckt (gegen einen Obolus von 150,00€) und ebenfalls einen Punkt gefunden, der unter Umständen noch bewertet werden müsste.

Nun war es allerdings so, dass dieser eine Punkt den Bubi nicht bis zur Mindestpunktzahl von fünf katapultiert hätte. Man muss es nicht umschreiben: Diese Matheprüfung strotzte vor Minderleistung. Das Perfide war ja, dass er mit wirklich guter Vornote in die Prüfung gegangen war und nicht rekapitulieren kann, was da los war, warum er an diesem Tag das nicht zeigen konnte. Für diejenigen, denen die Vorgeschichte nicht geläufig ist, hier kann das noch mal nachgelesen werden.

Was wir gefunden haben, war eine zum Teil absurde Umsetzung der geforderten Aufgabenadaption, die – laut Anwalt – eine gute Aussicht auf Klageerfolg hätte. Wir haben uns dagegen entschieden. Ich erkläre das gleich. Gewünscht hätten wir uns etwas wirklich profanes wie zwei bis drei Ansätze hinsichtlich der Benotung. Dann hätten wir über die Schule oder Bildungsagentur relativ zeitnah eine Wiederholung erreichen können, bei einer Klage ist das anders. Wenn wir klagen, dann muss das bei Gericht eingereicht werden. Dann wird irgendwann ein Termin festgesetzt, dann muss vorgetragen, bewiesen etc. werden, irgendwann wird darüber dann entschieden. Selbst wenn zu unseren Gunsten, wann wäre das denn? Das kann keiner sagen. Denn es ist ja nun so, dass unser Sohn sich um eine Ausbildungsstelle bewerben wird. Stell dir vor, er bekommt dann für Sommer nächsten Jahres einen Nachprüfungstermin, ist aber zum Einen schon aus dem Stoff raus und zum anderen, was bedeutet das dann für den Ausbildungsplatz? Wegschmeißen und sich schnell noch auf einen Studienplatz bewerben, wenn er denn bestünde? Nein, das funktioniert nicht für uns. An dieser Stelle endete das für uns. Also wirklich. Eine Ausbildung mit Abitur ist jetzt hier im Gespräch bei einem Bildungsträger, der viele junge Menschen mit Autismusspektrumstörung ausbildet. Darauf arbeiten wir nun hin.

Ich muss auch noch erwähnen, dass ich sehr wohl die erschwerenden Aspekte mit dem Saul Goodman diskutiert habe: Corona, manche Länder vergaben sogar Extrapunkte, kein Schulintegrationshelfer, unklare Tutorbegleitung. Das ist alles nicht schön, das fand er auch, allerdings hat er mir sehr ernst klar gemacht, dass ich mich SOFORT und in der Situation des Eintretens beschweren hätte müssen und Abhilfe fordern. Nun, im Nachgang, nach verhunzter Prüfung, lässt das kein Richter mehr gelten. Warum haben sie denn nichts gesagt?! Na, ganz einfach, weil alle immer gesagt haben, ich bräuchte mir keine Sorgen zu machen. Und das habe ich dann auch getan – mir keine Sorgen gemacht. Das hat man nun davon.

Im übrigen sind alle Schritte, die wir gegangen sind, bis zur Klageeinreichung bei Gericht ohne anwaltlichen Beistand zu bewältigen. Ich hätte schlichtweg nicht gewusst, wie. Das ganze hat uns etwas über eintausend Euro gekostet. Wenn ihr in so einer Situation seid, wisst ihr nun, Einsicht in alle Unterlagen ist Bürgerrecht. Und Widerspruch kann jeder durchgefallene Abiturient formal selber stellen (oder der gesetzliche Vertreter). Danach braucht ihr jemanden, der das beurteilen kann und dann geht ihr mit dem Ergebnis zur Schule zurück und die kann „dem Widerspruch stattgeben“, das heißt, Fehler in der Prüfung eingestehen und das setzt dann irgendwie einen neuen Prüfungsversuch in Gang, oder sie sagt, „nicht stattgegeben“, und dann muss das vor Gericht, wenn ihr das wollt. Und dann braucht ihr zwingend einen Anwalt, der mit euch die Erfolgsaussichten klärt und auch, wie lange sich sowas hinziehen kann. Es ist ja so, wie Annett Louisan schon sang: … So viele Dinge bekommt man erst dann, wenn man sie nicht mehr gebrauchen kann. Im übrigen entbehrt das Lesen keiner Rechtsberatung, ich habe keine Ahnung, ich gebe nur wieder, was ich erlebt habe und was mir gesagt wurde. Immerhin könnt ihr euch gegebenenfalls tausend Euro sparen wenn euch zumindest der Prozess bekannt ist. Vielleicht wusstet ihr das alles auch schon oder habt das BGB gelesen und verstanden. Anderenfalls war es hoffentlich eine nette Lektüre! 😉

Wir schauen optimistisch in die Zukunft und ich bin friedlich, was das Thema angeht. Ich habe Frieden geschlossen. An dieser Stelle ist jetzt und hier alles gekämpft. Der Sohn will nie wieder einen Fuß in diese Schule setzen, muss er nicht. Er macht jetzt ein freiwilliges Jahr, was ihm gut gefällt und wo alle ihn mögen, was ihm außerdem sehr guttut und im nächsten Jahr dann halt Ausbildung. Und wer weiß schon, was danach ist. ich weiß noch nicht mal, was nächstes Jahr ist! Kleine Schritte und annehmen, was ist, das sind die Lektionen von 2020. Wer weiß, ohne Corona würde ich vielleicht anders aufgestellt sein. Jetzt ist es so, wie es ist. Ich hab den Sohn gefragt, was willst du?! Sollen wir weitermachen? Er meinte, nein. Er wird sich also nun 2021 mit seinem Abiturzeugnis ohne Abschluss um eine Ausbildung bewerben und wenn die Entscheider dort lesen können und wollen, sehen sie recht passable Leistungen aus drei Jahren Gymnasium, das ist doch was.

Ach so! Wenn ihr mich tatsächlich nach einem Rat fragen würdet nach dieser Sache, dann möchte ich den Bubi selbst zitieren, der meinte zu mir: „Wenn ich noch mal von vorn anfangen könnte, würde ich niemals Mathe/Info als Leistungskurs nehmen! Nicht, weil mir das nicht liegen würde, sondern, weil es die allerschwerste Prüfung ist mit dem meisten Stoff. Ich würde Englisch wählen oder etwas, was leicht zu schaffen ist, wo man leicht Punkte einsammeln kann.“. Damit hatte der Bubi hier das letzte Wort und das Kapitel ist nun abgeschlossen. It´s all good, man!

 

 

Ein Kaffee für Frau Nieselpriem

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€2,00

 

 

 

 

 

Geschenke

Disclaimer. Bevor eine(r) auf die Idee kommt, hierbei handelt es sich um eine gefühlsduselige Textkomposition über die immateriellen Geschenke meines Lebens – Kinder, Liebe, Gesundheit, Frieden, jaja, das ist alles sehr schön – nein! Es geht hier wirklich um Zeug! Gekauft! Mit Geld! Verpackt! Überreicht!

Am kommenden Sonntag ist der minus sechste Advent, wenn ich richtig gezählt habe. Höchste Zeit, sich auf die Weihnachtsgeschenke zu konzentrieren.

Bei uns werden in Google Dokumente öffentlich gepflegt, auf denen Wunschzettel beschrieben werden von allen Familienmitgliedern, die denn des Schreibens mächtig sind. Das mit den Wunschzetteln ist leider nötig, denn irgendwie neigen hier alle zu zweckmäßigen Geschenken oder besser gesagt zu ich-weiß-einfach-am-besten-was-du-wirklich-brauchst-Geschenken.

Wir gehen mal ein paar Jahre zurück in der Geschichte. Ich hatte vor dem Bärtigen mal einen Freund (Hört, hört!), der war sehr kultiviert. Er war zehn Jahre älter als ich, weit gereist, eloquent, gebildet, immer todschick gekleidet. Er trug Budapester, ich hatte nur Schuhe. Vom Reno. In dem Jahr, als wir eine gemeinsame Wohnung bezogen, schenkte er mir – dieser oben beschriebene Kerl – einen Eierkocher für zehn Eier! Das wars. Das war mein Weihnachtsgeschenk!

Das Trauma sitzt tief bei mir. Zumindest so tief, dass der „Eierkocher für zehn Eier“ hier sehr wohl als Thema bekannt ist. Allen ist klar: Ich will keine praktischen Geschenke! Und auf gar keinen Fall will ich Haushaltsgeräte und dergleichen mehr! Wer mir sowas schenkt, der liebt mich nicht. Der Mann darf mir Schmuck schenken (nachdem ich ganz genau gezeigt habe, was ich will), Unterwäsche, Parfum, Wochenendtrips, sowas eben. Ich verweigere mich dem in-diesem-Jahr-schenken-wir-uns-nichts-Gedanken ebenso vehement wie der Unart mancher Leute, sich gemeinsam etwas zu kaufen. Etwas praktisches meistens. Ein Küchengerät, ein Fernseher, ein neues Bett. Entsetzlich! Also für meinen Geschmack. Ich schlafe lieber auf einer Matratze auf dem Boden und benutze Omas alte Flotte Lotte, als dass ich auf persönlich für mich ausgesuchte Geschenke verzichte.

Der Mann weiß das, der Mann kennt mich. Dennoch erinnern wir uns mal an letztes Jahr. Heiligabend. Der Rotbemantelte kam zur Tür rein und grabschte übergriffig an seinem Enkel herum, während er seinen Sack entleerte.

Unten in der Mitte des Bildes seht ihr den zukünftigen Stein des Anstoßes meinerseits. Das Paket war für mich! Ich packte eine Pappschachtel aus, auf der gut leserlich stand: „Heizdecke“. Ich frotzelte, dass das eine wirklich originelle Verpackung sei für einen Ring/ ein Armband/ irgendwas von „La Perla“, der Mann sagte nichts. Ich zerrte das Innenleben der Schachtel ans Licht – eine Heizdecke! Mit Stromkabel!- und war fassungslos. Ich schüttelte die leere Verpackung in der sicheren Annahme, da käme noch etwas Güldenes rausgekullert, nichts! Mein Blick glich in etwas diesen Figuren meiner Kurrende:

„Oh! Es ist wirklich eine Heizdecke!“

Oh du fröhliche, jedenfalls nicht für mich. Und auch nicht für den Mann. Mindestens achtundvierzig Mal zischte ich ihm in den nächsten Tagen zu: „Du hast mir ernsthaft eine Heizdecke geschenkt! Ich meine, eine Heizdecke?! Bin ich deine Geliebte oder deine Großmutter?! Wie, du willst Sex? Mit jemandem, dem du eine Heizdecke gekauft hast? Vergiss es!“. Der Mann hatte viel Freude an seinem Geschenk. Ich missachtete jede seiner Erklärungen, mir sei doch immer so kalt und er wöllte nicht, dass mir immer so kalt sei! Geschenkt.

Jedoch, ich gebe es nur ungern zu und auch nur euch gegenüber: Ich liebe sie! Also die Heizdecke. Sie ist unter dem Bettlaken versteckt und keiner sieht sie. Und ich würde den Besitz natürlich sofort abstreiten, wenn ich danach gefragt würde! Sofort! Aber wisst ihr, wie herrlich das ist, an so einem kalten Regentag abends in ein warmes Bett zu steigen? Wunderbar ist das. Kein Wort zu dem Mann darüber! Wir verstehen uns.

Neulich kommt ein größeres Paket an, der Mann kriegt andauernd Pakete. Der Bärtige ruft mich und erklärt, das sei ein Geschenk! Für mich! Und weil es praktisch sei, bekäme ich es nicht zu Weihnachten geschenkt. Ich habe nur vorsichtig gefragt: „Wünsche ich mir es denn?!“, und er so: „Nein, das nicht. Aber du brauchst es!“. Ich frage noch nach, ob es wieder so „schön“ sei wie der Schuhstapler, den ich neulich erst geschenkt bekommen hätte?!

Ich habe ausgepackt:

Geschenk; man kann wippen damit

 

„Hast du gesehen, dass es beweglich ist?“, fragt der Mann. „Du kannst mit den Füßen wippen!“, sagt der Mann. Und: „Weil du so klein bist, kannst du ja nie richtig am Schreibtisch sitzen. Jetzt kannst du deine Füße abstellen!“.

Ich habe mich nicht bedankt. Unerwünschtes Verhalten muss nicht belobt werden. Was kommt nach Heizdecke und Fußbank? Ein praktischer Rollator? Nun muss ich aber leider sagen (also nur euch gegenüber), dass ich mit dieser blöden Fußbank tatsächlich meine Achillessehnen dehne, während ich arbeite. Weil ich als ehemalige Turnerin mit hypermobilen Bändern erhebliche orthopädische Probleme habe, die ich prinzipiell natürlich verschweige, und dazu zählen auch Hohlfüße. Wer niemals gelernt hat, über die Fersen zu laufen (Tänzer kennen das Problem auch), der kriegt dann später Probleme mit den Füßen. Und woanders auch. Ein Stützkorsett für die Lendenwirbelsäule hat der Mann noch nicht angeschafft für mich. (Oh Grundgütiger, hoffentlich liest er das hier nicht!)

Ich bin auch nicht frei davon, unpassende Geschenke zu machen. Wobei man da natürlich sagen muss, dass es der Mann ist, der einen komischen Geschmack hat, nicht ich. Unvergessen ist der Geburtstag, an dem ich ihm einen Tippeditopp Webergrill inklusive allen Zubehörs schenkte und den noch am selben Tag wieder zurückbringen musste mit den Worten: „Mein Mann möchte diesen Grill nicht geschenkt haben. Er grillt nicht so gerne. Er wünscht sich stattdessen einen Squashschläger!“. Dem Verkäufer ist derart das Gesicht entgleist, ihr macht euch kein Bild. Und dabei war ich mir sicher, die (!) Ehefrau des Tages zu sein! Denkste.

Es gibt bei uns nur noch Geschenke auf Bestellung. Deshalb die Google Listen. Keine Experimente! Letztes Jahr Weihnachten hatte ich einen klitzekleinen Vorstoß gewagt und ihm Karten für die Dresdner Humorzone-Gala geschenkt. Die ist dann ausgefallen wegen Corona. Außerdem hat sich der Mann auch nur so dezent nach innen gefreut beim Auspacken.

Ich geh keine Risiken mehr ein, habe ich beschlossen. In diesem Jahr bekommt der Bärtige Sportequipment (Laufhose und Handschuhe zum Joggen) und Bücher von Nele Neuhaus, Jo Nesbo, eine roségoldene Kette mit zwei verschlungenen Ringen, Duftkerzen, das Rosenöl von Weleda, ein Wochenende im Spa und jede Unmenge Häagen Dazs und Blätterkrokant und Minzschokolade. Es ist ganz einfach.

Frohe Vorfreude uns allen!

 

 

 

 

 

Haustiere und andere Unberechenbarkeiten

Wir hatten neulich Lebensmittelmotten in der Behausung. Da das unser erster Angriff war, waren wir nicht nur vollkommen naiv („Guck mal, da fliegt was! Hm, komisch. Naja, wird sich schon wieder verziehen!“), sondern auch überfordert.

Alles fing damit an, dass wir den jungen Mann allein ließen, während wir anderen drei auf Sommerurlaub fuhren. Er war ausgestattet mit dem notwendigen Wissen, allerlei Fertiggerichten und einem Kochbuch für Studenten.

Als wir wiederkamen, hatten wir Myriaden von Flieggetier in Küche und Wohnzimmer. Der Langbeinige erklärte, er habe extra die Balkontür geschlossen gehalten, damit nicht noch mehr hereinkämen! Mir schwante schon, dass die vermutlich nicht von draußen kamen. Nach einer Inspektion der Küche stellte ich fest, dass weder der Biomüll in den vergangenen vierzehn Tagen geleert worden war (den Eimer muss man nicht öffnen, wenn man sich zwei Wochen lang von Tiefkühlpizza ernährt) und der Brotschieber offensichtlich auch nicht (aus demselben Grund). Nachdem ich alles mit Essigwasser ausgewischt hatte und die biologischen Experimente entsorgt, verschwand die Hälfte der Tierpopulation.

Jedoch, es blieben welche, und die schienen sich zu vermehren. Maden kreuchten an den Wänden – es war ekelhaft! Einmal fiel eine von der Decke dem Mann ins Trinkglas. Ich warf sämtliche Gewürzmischungen weg, überprüfte alle Vorräte, ich fand weder das Nest noch angefressene Lebensmittel. Dass es sich um Trockenobstmotten handeln musste, hatte Google Lense zwischenzeitlich erkennungsdienstlich ausgespuckt.

Erleichterung fanden wir letztendlich nur in Schlupfwespenfallen – ich hatte wirklich alles versucht- und dann auch das Nest: Die Ungeziefer und Ungezieferinnen waren in einer Tüte Erdnüsse mit Schale ins Haus eingezogen. Diese Nussschale hatte ich im Vorfeld bestimmt schon zwölf Mal untersucht und keine Spuren gefunden! Erst nach mehreren Wochen fand ich Staub und Fraßlöcher in den Nussschalen. Ein Scheißdreck, sag ich euch!

Nun zieht diesbezüglich langsam Ruhe ein. Es gibt noch vereinzelt Motten, die umherfliegen und den Ausgang suchen. Wir wedeln und klatschen nach ihnen, es ist schon fast ein Reflex, und der Mann läuft ständig mit dem Handsauger umher und saugt die letzten ein.

Neulich jagte das Kleinste ein Mottentierchen und wir feuerten ihn dabei an. Dann erwischte er es und  – Klatsch!- mit der Fliegenklatsche ans Fenster geditscht! Da stand das Kind kurz wie versteinert. Danach brach es in herzzerreißendes Geheul aus: „Die arme Motte! Die arme Motte ist tot! Ich hab die Motte getötet! Die arme Motte!“. Ursache-Wirkung-Prinzip. Seitdem dürfen wir keine Motte mehr erschlagen, wir müssen sie einfangen, sonst gibt es Ärger mit dem Wutzwerg. Er hat ja sonst keine Haustierfreunde.

Anfang September fanden wir einen Igel im Garten. War das eine Aufregung! Wir servierten sofort einen Apfel, denn sieht man nicht auf Bildern in Kinderbüchern ständig Igel mit Äpfeln umherlaufen? Jetzt sind wir schlauer. Igel laufen nur mit Äpfeln auf dem Rücken umher, wenn sie ein Nickerchen unter einem Apfelbaum gemacht haben und ihnen einer auf Kreuz geklatscht ist. Wie soll sich so ein Igel den Apfel wieder aus dem Pelz ziehen? Genau.

Also bequatschten wir „Pieksi“, wie er/sie nun mittlerweile hieß und stellten Wasser auf. Und wirklich, Pieksi hatte sich eine Wurfhöhle gebaut neben unserem Treppenaufgang und mehrere Wochen sahen wir sie (wir wussten nun, es war eine Mami) mit ihren vier Jungen. Wir belasen uns und erfuhren dabei, dass Igelkinder nur etwa drei Wochen gesäugt werden und nach sechs Wochen den Bau verlassen, da Igel Einzelgänger sind. Wir stellten Katzenfutter und Igeltrockenfutter auf (Katzenfutter wurde lieber angenommen; gekochtes Ei verschmäht und rohes Fleisch haben wir nicht ausgelegt). Nach einer Weile sahen wir die Igel nicht mehr tagsüber, was ein gutes Zeichen sei, sagt das Igel-Internet. Denn Igel treiben sich nur tagsüber umher, wenn sie hungrig/durstig/in Not sind.

Nun gingen wir abends umher, mit Handytaschenlampen bewaffnet um die Igelchen zu sehen. Besonders der Bärtige zeigte ein über-igel-mäßiges Verhalten. Er lief abends das Grundstück ab und bequatschte die Igelkinder, was sie denn am Zaun suchen würden, sie sollen wieder zurück gehen ins sichere Versteck und auch sonst benahm er sich komisch. Er fragte mich dann täglich, ob ich schon unsere Igelkinder gefüttert hätte! Oder er formulierte es als einen Vorwurf: „Du hast unsere Igelkinder heute noch gar nicht gefüttert!“. Als ob die nicht bautechnisch dafür vorgesehen wäre, sich Nacktschnecken zu suchen! Und der Mann nicht in der Lage wäre, selbst was hinzustellen! Aber so ist das.

Wir hatten auf einmal fünf Pieksis. Dann waren es nur noch vier. Eins der Kinder wurde bei Nachbars auf der Wiese gefunden, alle vier Beinchen nach oben gestreckt. Es wurde amtlich beerdigt und wir waren alle furchtbar traurig. Seitdem wurde es still und oft sagte ich, ich dächte, es wäre nur noch einer da. Man sähe immer nur einem am Futter! Als ob ich drei Igel von einander unterscheiden könnte. Außerdem wurde kurz erwägt, alle Schlupflöcher im Zaun abzudichten, damit keines mehr rauskäme und dadurch in Gefahr. Das wurde dann aber aufgrund unserer DDR-Erinnerungen verworfen. Wer Freiheit sucht, stürzt sich in noch halsbrecherische Abenteuer, baut einen Fallschirm aus einer Katzenfutterdose oder was weiß denn ich.

Jetzt ist es still. Die letzte Schale heißbegehrtes Katzenfutter (Marke: „saftiges Huhn“) habe ich heute in den Müll geworfen, drei Tage stand es unangerührt da. Mir ist das Herz schwer. Der Mann denkt, die Igel haben sich unter die Treppe verzogen in den Winterschlaf. Dabei ist es noch nicht mal kalt nachts. Ich bin traurig. Der Mann ist traurig.

Immer öfter kommt deshalb das „Hundethema“ auf den Plan.

Nun muss man wissen, dass ich komplett durch bin war, was dieses Thema angeht, ich habe sogar hier schon mal berichtet.

Was in dem Beitrag völlig fehlt, ist der Umstand, dass wir durchaus wissen, wie es ist, mit einem Hund zusammenzuleben. Das ist auch der Grund, warum wir niemals leichtfertig die Entscheidung treffen würden, uns wieder einen „anzuschaffen“.

Ich hatte Eva, einen Bullterrier, bevor ich den Mann kennenlernte. Ein kluges, sensibles und vollkommen verstörtes Wesen, das aus einem Kofferraum an der tschechischen Grenze gerettet wurde. Zerbissen und vollgekackt war sie dort zwischen zig anderen Welpen eingepfercht gewesen. Sie war gerade vier Wochen alt, als sie zu mir kam. Die Zeit, die ihr zur Zivilisation fehlte bei ihrer Mutter in ihrem Rudel, die haben wir nie aufgeholt.

Dann kam der Mann und Benni. Benni hieß Olaf und war ein DSH-Mix unschätzbaren Alters, als er zu uns kam. Benni saß im Tierheim als Wiederholungstäter. Mindestens dreimal wurde er wieder zurückgebracht. Er sei in das Kinderbett gesprungen, man befürchte, er wolle das Baby beißen, hieß es zum Beispiel von ehemaligen Besitzern. Nun erkennt jeder Mensch, der sich mit Hunden ein wenig auskennt, was das Verhakten eigentlich sagen soll: Ihr habt ein neues Baby, das bekommt ganz viel Aufmerksamkeit, ich will auch Aufmerksamkeit!

Benni durfte sein Altenteil bei uns fristen. Er war liebevoll, immer bei unserem Bubi, der später dazukam, hat den Kinderwagen bewacht und den Schlitten gezogen im Winter (das waren damals noch Winter, in denen man einen Schlitten brauchte). Bennis Halsband liegt noch immer bei uns im Keller in einer Schachtel. Bei jedem Umzug nehmen wir es mit, selbstverständlich. Als wir Benni einschläfern mussten, hat der Mann so sehr geweint, dass ich dachte, er würde an gebrochenem Herzen sterben. Es war klar, niemals wieder kommt ein Hund zu uns, denn Hunde werden nun mal nicht älter als maximal dreizehn Jahre. Und große schon gar nicht.

Denn wenn wir uns manchmal (theoretisch) über einen neuen Hund unterhalten, wird klar, unter fünfundzwanzig Kilo wird es nicht werden! Rhodesian Ridgebacks, Viszlas, Weimeraner, das sind die Rassen, die uns gefallen. Erstaunlich finden wir dabei immer wieder, dass es sich dabei dann später um Moderassen handelte. Einen „ungarischen Vorstehhund“ kannte vor zehn Jahren kaum einer. Heute weiß fast jeder, wie ein „Viszla“ aussieht.

Wir sprechen oft darüber, wie schön das wäre, einen Hund im Haus zu haben. Was das für die Kinder für ein toller Zugewinn wäre. Dass es diesmal ein Welpe sein dürfte, weil wir beide schon unser Soll an traumatisierten, kranken Hunden erfüllt hätten und ob man denn so egoistisch sein dürfe. Und die „Zuchtfabriken“! Und was ist mit den Straßenhunden?! Wir reden.

Und immer mehr wird klar, der Mann will. Jetzt, nicht erst im hohen Rentenalter. Die Kinder wollen sowieso, denen wäre komplett egal, was das für ein Viech wäre! Die nähmen sogar begeistert irgendein Reptil auf, das sich einen Scheiß um uns schert und süße Gerbels verfüttert bekommen müsste, lebendig. No way.

Ein Hund steht also zur Disposition (das mit der Schlange wurde von meiner Seite nur ganz kurz tatsächlich erwogen).

Die Argumentation dafür ist außerhalb der emotionalen (da sind sich alle einig) eher organisatorischer Natur und zielen darauf ab, dass ich a) im Home Office arbeite und mich deshalb b) ja darum kümmern könnte. Natürlich können anders als damals der neue Hund in die nahe gelegene Hundetagesstätte gebracht werden (von mir), allerdings wäre ich dann dennoch dafür hauptverantwortlich. Morgens stehe ich als erster Mensch auf. Zu wem würde wohl der Hund kommen, um zu signalisieren, er wöllte raus? Nachmittags sind das Kind und ich zugange, und der Hund. Der Mann muss ja zum Arbeiten weit weg und ist zehn Stunden aushäusig. Was ist mit einkaufen? Wo bleibt dann der Hund? Was, wenn ich mal zum Arzt muss? Ein Welpe ist im Handling ja auch noch mal anders. Nachts raus, teilen wir uns das? Wie ist das, wenn ich nachmittags noch mal los muss, um Schulkram zu besorgen oder mit dem Kind zum Sport? Wie soll ich das machen? Kann ich das organisieren und besser: Will ich?

Das, was da gefühlsmäßig meine Bedenken flankiert, ist im Großen und Ganzen das blöde mental-load-Thema, das ich so überhaupt nicht für mich in Anspruch nehmen will. Weil es weh tut! Weil es dort zwickt, wo sich Gewohnheit und Bequemlichkeit Fahrspuren für den Alltag gefräßt haben. Weil wir dann ganz schnell nicht mehr über ein Haustier sprechen, sondern über Allgemeinplätze und wer wann was und am meisten macht. Ich will das nicht.

Unberechenbarkeiten. Vor fünfundzwanzig Jahren und zwanzig Jahren kamen die Hunde eher zufällig in mein Leben. Ich habe damals nicht groß nachgedacht, wie das werden könnte. Ich habe mein Leben darum herumorganisiert. Heute nun gehe ich alle Eventualitäten in Gedanken durch und versuche, theoretische Lösungen zu erarbeiten für noch nicht eingetretene Situationen! Weil die Verantwortung gestiegen ist. Weil ich nicht mehr nur für mich und mein Leben verantwortlich bin, das ist es.

Am besten wäre, uns würde ein Hund zulaufen, dann wäre das entschieden. So wie die Igel. Oder die Motten. Könnte mir bitte einer einen Weimeranerwelpen ans Tor bringen, mit einem Schild um den Hals: „Ich bin zugelaufen! Ich wohne jetzt hier!“?

 

 

 

Vom Leben mit Schulkind

Der Herbst steht auf der Leiter und wirft von dort oben Eicheln mit Vorhaut nach uns. So benennt der Hauptakteur dieses Posts zumindest die Früchte der Eiche.

Vier Wochen Schule liegen nun bereits hinter und. Höchste Zeit, ein erstes Resümee zu ziehen.

Eichel mit Vorhaut

Alles fing an, wie sowas immer anfängt. Mit Aufregung nämlich. Vor der Schuleinführung stand der Familienurlaub, bei dem der Bärtige beim Anreisetag aus der Familienkutsche stieg und verkündete, er könne sein linkes Bein nicht mehr bewegen – Fazit: Bandscheibenvorfall S1/L5 und das wäre ein guter Scherz, wenn es denn lustig gewesen wäre. Bandscheibenvorfall aufgrund einer mittellangen Autofahrt in einem bequemen PKW der Komfortklasse. Aber das war nicht lustig, hauptsächlich für den Mann natürlich, aber wir waren alle betroffen von der Krankenstation am Urlaubsort. Ich meine, am ersten Urlaubstag? Echt jetzt, Karma?!

Danach wurde der Kleine notwendigerweise mini-operiert, es galt neben der Schuleinführung auch noch den siebten Geburtstag inklusive Kindergeburtstag zu planen, der in die erste Schulwoche fiel (warum ich nicht vorher (!) auf die Idee gekommen bin, dass das ein bescheuerter Plan sein würde und stressig für alle und aus diesem Grunde in diesem Jahre doch besser ausfallen sollte, das frage ich mich noch heute).

Aber jetzt zum Eigentlichen:

Die Schuleinführung war schön, es wurde viel geheult (von mir) und meine drei Jungs sahen besonders schnieke aus. Vor der Festveranstaltung saß der Delinquent auf den Stufen und blickte mit gefalteten Händen auf seine Schuhe, während die anderen Kinder Blödsinn machten, weinten oder umhertobten. Das war´s dann mit dem schönen Leben, das stand in der Gedankenblase über seinem hübschen Kinderköpfchen. Er rührte mich sehr, ich stellte mich deshalb gleich zu der Gruppe mit den Heulern. ich heulte eigentlich durch, bis es endlich Mittagessen gab. Weil die Veranstaltung so ergreifend war, die Kinder so schön gesungen haben, weil der Blondino so groß aussah auf der Bühne, weil der Blondino so klein aussah auf der Bühne, weil wegen allem!

Die Schultüte für den Blondino habe ich bei Anja bestellt. Es ist eine Rakete mit Astronat. Mittlerweile ist es ein Kuschelkissen. Zugebunden wird die Rakete mit Zackenlitze, an der gesteppt die Buchstaben des Namens hängen.

 

Nun heißt „Schule unter besonderen Bedingungen“, unter anderem, dass man seine Fortpflänzchen an der Schultür abgeben muss. Okay soweit. Bereits in Woche zwei stand dann im Muttiheft: „Könnten sie bitte ihr Kind eher zur Schule bringen, er kommt immer erst beim letzten Klingeln ins Klassenzimmer, danke.“. Moment, dachte ich. Ich gebe ihn halb acht ab und winke durch das Fenster in die Garderobe. Um acht fängt der Unterricht. Frage: Was passiert in der Zwischenzeit?

Die Antwort ergab sich mir dann beim Abholen irgendwie aus der Situation heraus. Also beispielhaft quasi, aber lasst mich berichten: Ich komme und melde mich beim Anmeldebeauftragten des Hortes an, danach suche und finde ich das Produkt meiner ungezügelten Leidenschaft im Lego-Zimmer. „Hallo Kind, blablabla, komm bitte, ich warte vorn am Eingang, denn ich darf hier nicht sein, also komm doch bitte zum Eingang!“. Ich warte. Am Eingang. Irgendwann nach fünf bis zehn Minuten (wer schaut schon auf die Uhr) schlurft das Kind heran. „Kind, geh bitte nach oben und hole deinen Ranzen aus dem Spind!“, Kind trabt ab. Ich warte. Am Eingang. Sehr lange. Nach einer Viertelstunde gehe ich zum Hortbeauftragten und vermelde das Fehlen des erwartenden Kindes. Ich darf ausnahmsweise nach oben zum Suchen. In der zweiten Etage angekommen, lugt ein Ranzengurt des Sohnes aus dem Spind, kein Sohn in Sicht. Ich also wieder runter und vermelde, der Sohn fehle! Ich laufe das ganze Haus und umliegendes Gelände ab und finde ihn dann auf dem Spielplatz, in Hausschuhen und vollkommen schuldunbewusst! Er ist wohl zur Treppe hoch, an seinem Spind („Hole bitte deinen Ranzen aus dem Spind!“) vorbei, an der hinteren Treppe wieder runter und ab auf den Hof. Na klar. Danach wird noch jedes Kleidungsstück einzeln gesucht und dann können wir auch schon. Abholzeit an diesem Tag in Minuten: Fünfundvierzig. Macht ja nichts, ich hab ja Zeit! Ich ahne, wie das morgens so sein könnte. 

Am letzten Freitag regnete es. Ich weise das Kind an, Gummistiefel zu tragen und eine Regenjacke. Nachmittags komme ich, da steht jemand, der aussieht wie mein Kind, in riesengroßen Boxershorts ohne Socken, Hosen, Jacke in Hausschuhen auf dem Hof. Ich erfahre, dass der Blonde exzessiv in die Pfützen gesprungen sei (weil, er hat ja Gummistiefel an), bis das Wasser nicht nur bis zur Oberkante der Gummistiefel stand, sondern die Hose, die Jacke, die Unterhose, einfach alles, voller Wasser war. Man habe ihm notgedrungen ein Hose von irgendwem gegeben und ob wir die bitte morgen wieder mitbringen könnten?

Elternabend war mittlerweile auch schon. Eine Erziehungsperson im Elternverband der Klasse 1c meldete sich auch ganz aufgeregt und berichtete, dass Chiara-Chantal bereits fünfzig Seiten des „Lies mal“-Buches durchgelesen hätte und das halbe Mathebuch auch und ob man ihr das nun verbieten solle zu Hause, was meinen sie, was solle man tun mit so einem hochbegabten Kind?! (Ich meine dazu nur: Die Zeiten, als ich die Augen nur innerlich rollte an Elternabenden, sind endgültig vorbei, so viel kann ich dazu schon mal sagen.)

Als es um die Wahl des Elternsprechers ging, hatte die Erziehungsperson von Chiara-Chantal bereits den Arm oben, da war die Frage noch gar nicht gestellt. Ich war im übrigen dann gegen zweiundzwanzig Uhr die einzige, die sich nach dem Elternabend auf den Heimweg machte. Alle anderen hatten persönliche Fragen an die Lehrerin, die zwar auch vier Kinder hat und deshalb bestimmt gerne nach Hause gegangen wäre an einem Mittwochabend, wo doch am nächsten Morgen wieder früh die Glocke bimmelt, aber man hatte eben noch eine Frage. Oder zehn. Und das Klassenzimmer wöllte man auch noch mal besichtigen.

Schlafen ist auch so ein Thema. Nun hatten wir den Blondino endlich so weit, dass er auch mal bis sieben oder halb acht pennte, muss er nun sechs Uhr fünfzehn aufstehen – ein Drama! Fünf Tage lang zerre ich morgens ein vollkommen verschlafenes Kind in die Küche: „ich bin sooooo müde! Lass mich doch einfach in Ruhe!“, dann ist Wochenende und er hat es dann irgendwie verinnerlicht: Sechs Uhr fünfzehn wird er wach. Kein Scheiß. Ich bin vollkommen runter mit den müden Nerven und erkläre ihm, bis die Uhr um sieben anzeigt, bleibst du liegen! Das üben wir Samstag, das üben wir Sonntag und wann hat er es dann? Genau, Montag! Es ist nicht zum Aushalten. Ich werde nie wieder wach sein…

Aufstehzeit, irgendwann zwischen zu früh und viel zu früh

Hausaufgaben hat das Kind die erste Zeit total verweigert, wie eigentlich das ganze Konzept „Schule“. Nach zwei Wochen teilte er mit, er habe sich jetzt dort abgemeldet für ein Jahr oder so und wölle nun wieder in die Seesterngruppe gehen! Er habe es sich überlegt und so würde es jetzt werden.

Schulkind bei Hausaufgaben; ebenso im Bild: Anreize

Mittlerweile geht es, wenngleich das alles spielerisch und mit Anreizen passieren muss (ob du da als Elternteil nun Bock drauf hast, darum geht es jetzt nicht; also die nächsten – hier zweistellige Zahl ausdenken –  Jahre).

Was gut funktioniert ist, dass wir Nachmittags Scrabble spielen, das Kind und ich. Damit lernen wir Lesen und Schreiben. Gut, „horny“ kann ich nicht legen, auch wenn ich bei optimaler Position bestimmt dreißig Punkte machen würde, aber da will ich jetzt mal nicht kleinlich sein. Wichtig ist, ihn zu motivieren, außerhalb der Schule noch Schule zu machen. Er ist eben nicht wie Chiara-Chantal. Und mir macht es wirklich Spaß, seine Fortschritte zu beobachten, ohne Scheiß, auch wenn mir das den Nachmittag endgültig schrottet. Er wird dann auch bald die Zettel lesen können, die ich überall aufhänge: RÄUM DEIN ZIMMER AUF! ZIEH HAUSSCHHE AN! Das schont mir meine zarten Stimmbänder.

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Ich habe neulich auch eine sich auflösende Banane aus den frühen Septembertagen geborgen – in meiner Tasche! Und als der Familienwandertag anstand, suchte ich verzweifelt die Einladung dazu, denn ich wusste zwar noch wann (nämlich am vergangenen Samstag), aber weder die Uhrzeit noch den Treffpunkt. Und so begab es sich, dass der Bärtige einen Waschbären vermutend, abends aus dem Haus tritt und mich vorfindet, wie ich neben der ausgeschütteten Papiertonne inmitten von Zettelchen und Pappfetzchen hocke um die Einladung zu suchen. Diese verfluchte Einladung! Am nächsten Morgen wiederholte sich das Spektakel in aller Herrgottsfrühe zwischen der Restmülltonne und mir ein zweites Mal. Die Einladung blieb verschwunden. Es war aber neun Uhr, ich sei mir sicher, besprach ich den Mann. Da es nicht soooo viele Treffpunkte an der Dresdner Heide gibt, fuhren wir vor neun sämtliche Treffpunkte ab – keine Klasse 1c!

Vor zwei Tagen fand ich die Einladung. Sie klebte mit einem Magneten beschwert am Kühlschrank. Ich meine, am KÜHLSCHRANK, wer konnte das ahnen. Der Wandertag startete im übrigen zehn Uhr, aber das spielt eine Woche danach nun auch keine Geige mehr.

 

Note to myself: Hausmeister aufsuchen wegen der in den letzten vier Wochen verschwundenen drei Strickjacken, zwei Brotdosen und einer Trinkflasche.

 

Herzensangelegenheiten

Die erste Herzensangelegenheit: Ich danke euch allen für die zahlreichen und mitfühlenden Kommentare unter dem letzten Beitrag! Ich freue mich so über jede Zeile. Und wäre ich eine vorbildliche (oder nur eine leidlich anständige) Bloggerin, würde ich jeden einzelnen schon längst selbst dankend kommentiert haben. Aber diese hier – diese, ich – hat weder einen einen WordPresszugang über die App, einen mobilen Login oder sonstwas. Nein, diese ist zu faul, sich das endlich mal einzurichten und weiß auch nicht, wo eigentlich die Zugangsdaten stehen und ist froh, dass ihr guter alter Laptop die natürlich gespeichert hat und sie also über die Weboberfläche noch drauflässt auf das Blöggel. Es ist eine Schande, sie schämt sich, das tut sie wirklich, aber nun ja, so ist das eben. Und deshalb gibt es keine just-in-time-Dankbarkeiten, weil, ich muss immer erst die Turbine des Rechners hochfahren um auf einen Kommentar antworten zu können. Das hier ist jetzt für alle Kommentator- und -Innen (m/w/d, Unentschlossene sind mitgemeint): ❤

Fürderhin erwäge ich aufgrund meiner soeben beschriebenen Defizite im IT-organisatorischen Bereich eine Praktikantenstelle auszuschreiben, die ich dann mit zweifelhaften Kooperationen querfinanziere, die hier neuerdings wieder gehäuft bei mir einflattern. Aber darum geht es heute gar nicht. Es geht um Herzensangelegenheiten.

Es ist eine aufbruchschwangere Zeit, in der ich mich befinde. Und zum ersten Mal in meinem Leben begrüße ich diesen Umstand nicht. Ich befinde mich in der Bewahrungshaltung, einer brütenden. Ich sitze auf vertrockneten Eierschalen, während das Küken längst flatternd und aufgeregt nach Würmern pickert. Oder Asseln (Das Küken hier interessiert sich nämlich nach der Dinosaurierphase wieder vermehrt für Insekten und Reptilien.).

Die Vorschule im Kindergarten ist abgeschlossen, die Vorschullehrerin hat all ihren Eleven in der vergangenen Woche ein kleines Abschiedgeschenk und einen wundervollen Brief überreicht, den ich nicht zu Ende lesen konnte, weil die liebevollen, mit Stolz erfüllten Worte vor meinen Augen verschwammen. Wenn das Facebook mir als „Erinnerung des Tages“ ein Foto von 2015 anbietet, bei dem das holde Blondchen ein pausbäckiges Oberschätzchen neben seiner fünf Jahre jüngeren Mama, die er damals noch „Mama“, nannte und nicht: „Mutter“, dann ist das auch ein triftiger Grund, in Tränen auszubrechen. Wenn der Bezugserzieher die Kita verlässt, dann stehe ich mit dämlichen Blumen in der Türe, zucke mit den Schultern und: Genau, heule schon wieder. Die beste Kitatante von allen, die linke Herzhälfte der ganzen Kita, die hatte schon vergangenen Freitag ihren letzen Arbeitstag und schrieb dann so: „Wir haben uns leider verpasst!“. Irrtum, ich konnte mich nicht verabschieden und ich wollte auch nicht. Ich verweigere mich dieser allgemeinen Abschiedsstimmung. Ich habe nicht teilgenommen, also ist es nicht geschehen. Hier verabschiedet sich niemand von irgendwem für immer!

es gibt keinen passenden Blumengruß für einen Abschied…

Zwei Wochen ist die Kita nun geschlossen und danach wird sie noch genau zwei Wochen ihre Türen für uns öffnen. Nun noch zehn mal nach unserem Urlaub.

… aber bitte nicht für immer!

Ich dachte, das würde einfacher. Ich dachte, aufgrund des Frühjahres und diverser Probleme, Wechsel im Voraus, würde es einfacher werden. Tut es nicht. Weil ich ja nicht einfacher werde. Je älter ich werde (und ich werde wirklich immer älter, ist das zu fassen), werden Abschiede für mich unerträglicher. Ich möchte mich nicht mehr trennen. Mich nicht trennen müssen, nicht getrennt werden oder sein. Nein! Wenn es schön ist, soll es so bleiben, verdammt noch mal, das ist doch nicht zu viel verlangt.

Und mit einem Kleinkind kommt tatsächlich ständig etwas Neues, aber man verliert auch andauernd etwas. Die Stillphase, geliebt, gehasst, sehnsüchtig erinnernd bedacht. Wickeln, Küsschen auf den Bauchnabel beim Waschen, vorbei. Tragen, Rückenschmerzen, Sehnsucht nach den Kinderärmchen um den eigenen Hals beim Hinauftragen ins Bett. Schmierige Küsse beim Füttern, eng umschlungenes Einschlafen, Kindergartengarderobe, Wasserschneckengruppe, Seesterngruppe, vorbei. Ein Wimpernschlag nur gemessen an einer Lebensdauer. Ein verschwindend kurzer Moment vor langem Vermissen und weißt-du-noch. Die intensivsten kürzesten Jahre mit den längsten Tagen.

Ich wusste das. Ich wurde die Mutter dieses Kleinen, nachdem ich schon verdutzt fragend mein großes Kind angesehen hatte und nicht mehr wusste, in welcher Zeitfresserraffermaschine dessen Kindheit verschwunden war. Anders wollte ich es nun machen. Jeden Tag bewusst erleben! Und dennoch ist jeder Abend ein kleiner Abschied. Dieser Tag kommt nie wieder und mit jedem Tag wird das Kind größer, wächst von mir weg und über mich hinaus.

Jeder Tag ein Abschied. Die Zeit ist nicht meine Freundin. Sie malt hässliche Linien in mein Gesicht und nimmt mir meine Kinder. Wann wird der Kleine das letzte Mal meine Hand halten wollen?! Wann höre ich das letzte Mal: „Mami, dich lieb ich am meisten. Sogar, wenn du nackig bist!“? Jetzt schon ist er in Salome verliebt und nicht mehr lange, dann wird er mir das nicht mal mehr erzählen wollen.

So ist das jetzt. Der Kindergartenabschied steht an und eventuell dramatisiere ich ein wenig. Ich möchte mich dort nicht verabschieden, noch nicht, nie. Ich will jeden Morgen diesen Kindergartengeruch inhalieren und jeden Nachmittag mit Küsschen begrüßt werden. Noch zwanzig Jahre wenigstens. Ich feilsche vergeblich. Mir ist die Endlichkeit eines jeden Momentes mit den Kindern so dramatisch präsent. Den Großen erreiche ich wieder, aber gänzlich anders und er zeigt sich auch wieder empfänglich für meine mütterlichen Zuwendungen, aber es ist eine erwachsene Reaktion. So, wie erwachsene Kinder ihre Mütter anschauen, wenn diese ihnen den Reißverschluss der Jacke hochziehen mit den Worten: „Junge, du wirst dich noch erkälten!“, so schaut er mich an. Noch zweimal Zwinkern und dann rollt der kleine auch mit den Augen, wenn ich ihn an mich drücken will, ich ahne es. Tick tack.

In dieser herzwunden Zeit ist das Beste, nicht zu sehen, was man verliert, sondern zu bewundern, was man hat. Sich mit herzlichen Menschen und liebevollen Dingen zu umgeben, noch mehr bewusst in Dankbarkeit jeden Tag zu leben. Nicht zu bedauern, dass die Freundin, von der man dachte, man würde bis ins hohe Rentenalter zusammen Flohmärkte unsicher machen, sich nicht mehr meldet, weil man eben keinen Platz im neuen Lebensabschnitt hat, oder Familienangehörige sich nicht so verhalten, dass sie den Namen verdienen, das sind alles Begebenheiten, mit denen sich möglicherweise jeder und jede irgendwann auseinandersetzen muss. In unterschiedlichen Zeiten mit unterschiedlicher Grundkonsistenz des eigenen Befindens rufen diese Abschiede von Gewünschtem oder Gewohntem ein unterschiedliches Echo im Brustkorb hervor.

Und dann gibt es Momente und Begegnungen, die sind so voller unvorhersehbarem Glück. Alte Freunde, neue Freunde, für die ich so dankbar bin. Und dann ist da alles schön und warm im Brustkorb und wenn das Veränderung heißt und dazwischen immer wieder der Bestand alter Freundschaften voller Verständnis und Liebe aufflackert und neue Menschen neue Lebensabschnitte begleiten, dann bin ich mit der Veränderung und dem Wandel versöhnt.

Gestern hatte ich einen fantastischen Nachmittag bei Maria, die ich schon eine Weile kenne und mit der die Gespräche über Gott und die Welt und die Kinder darauf jeden Zeitrahmen zu sprengen scheinen und bei jedem Abschied drücken wir uns fester, als Versprechen, dass es: „Auf Wiedersehen!“, heißt. Maria bewohnt mit ihrer Großfamilie eine wunderbunte Wohnung voller Liebe, Leben, Türen, Gängen, Nischen, Kunst und Kerzen. Ich finde kaum den Ausgang ohne Hilfe, aber hinter jeder Ecke einen neuen Schatz für meinen buntverliebten Augen.

Ich war gestern da, um den Geburtstagsteller für mein Neffchen abzuholen und komme ganz bestimmt wieder aus vielen anderen Gründen.

Und Marias Töpferkunst finde ich genauso faszinierend wie sie selbst als Person. Das Kindergeschirr ist so zauberhaft, dass ich im vergangenen Jahr dem Neffen bereits eine Schale geschenkt habe und nach dem Teller zum zweiten Geburtstag wird sicher die Tasse zum dritten Geburtstag noch folgen. Es ist mir einen Herzensangelegenheit, euch Marias Seite Drehworm zu empfehlen, wenn ihr auf der Suche nach einem besonderen Geschenk seid.

Eine Herzensangelegenheit ist es auch, euch zwei Bücher vorzustellen von zwei Bloggerinnen, die mir sehr viel bedeuten. Dass Blogger Bücher schreiben, ist nichts Neues und dennoch sind das hier Prämieren.

Das Ei von Aua

Rike Drust schrieb schon Bücher, als ich noch nicht mal bloggte. Rike ist berühmt, gefeiert und zu Recht ausgezeichnet als Texterin und „mein Bett im Hamburg“. Der feinste Kumpel, der mitfühlendste Mensch, den du dir vorstellen kannst, irre lustig, wunderbar einzigartig und ich bete sie an. Rike hat mir beigestanden, als es mir schlecht ging mit Wort und Tat und Herz. Das ist unvergessen bis in alle Ewigkeit und noch weiter. Und als ob es nicht schon reiche, ist außerdem alles, was ihren kreativen Händen entspringt, auch noch so unfassbar am supersten (diesen Begriff hat sie geprägt). Ob das Bücher sind, Kolumnen, Häkelbuttons, Häkelbilder mit Flüchen und Schimpfworten, gestrickte Sommerkleider, die wild verziertesten Muffins und verrücktesten Kinderkostüme der Welt, ach, die Liste ist unendlich erweiterbar! Und dann schreibt sie seit ein paar Jahren als Kinstabuch über Kinderbücher. Unzählige unbezahlte Minirezensionen zu selbstgekauften Büchern für Kinder, und zwar, weil sie das am meisten liebt: Kinder und Bücher. Und Kinderbücher.

Und jetzt hat sie es gemacht. Ihr erstes Kinderbuch ist da! Endlich. Das wurde wirklich Zeit! Und die liebe Geschichte ist so „Rike“, dass ich sofort glaube, dass die Entstehungsgeschichte wirklich so war, dass sie sich diese Story spontan ausgedacht hat, als sie mit ihrer Tochter Ruby im Wald festhockte in einer blöden Situation, wo es nur eins gibt, was die Kinderstimmung irgendwie rettet: Eine fabelfantastische Geschichte! Und bitte, hier ist sie. Wunderschön illustriert von Mareike Engelke, die ich nicht kenne, aber deren Zeichnungen ich wirklich gut leiden kann (und Axel Scheffler hätte bestimmt auch sehr gern „Das Ei von Aua“, illustriert, hatte vermutlich nur keine Zeit).

Das „Ei von Aua“ ist im Kunstanstifterverlag erschienen und geeignet für Kinder zwischen fünf und einhundert Jahren. Und ihr müsst jeder mindestens ein Exemplar kaufen. Für euch. Und dann noch eines für alle Menschen, die ihr gut leiden könnt.

Mama allein in New York

Über Rena und ihren Sehnsuchtsblog bin ich eher zufällig gestoßen und hier habe ich auch schon mal davon berichtet. Mittlerweile sind Rena und ihre Familie in Berlin gelandet und glücklicherweise für uns alle ist es ihr spielend gelungen, Abenteuer und Skrurriles in der neuen Heimat ebenso spannend und mit mit einem ganz besonderen detailverliebten Spürsinn zu beschreiben. Über ihrer Zeit in New York hat sie ein Buch geschrieben, das ich ich einem Rutsch verschlungen habe, und das ein absolutes „must have“ für alle Menschen wie mich ist, die nicht genug bekommen von der Stadt, die niemals schläft.

Nun ist es ja so, dass Rena die drei Jahre ihres Daseins auf Roosevelt Island in Kolumnen dokumentiert hat. Warum also dieses Buch kaufen? Dieses zauberhafte Buch ist kein abgedruckter Blog. Mir kamen zwar ein paar Geschichten bekannt vor, aber ganz viele Situationen sind dort beschrieben, die es so in dieser Form nicht auf dem Blog gibt! Und vor allem hat Rena es geschafft, ihre Erinnerungen in einen Reiseführer, einen Traumspaziergang zwischen Seiten zu packen, der ans Herz geht und Bilder entstehen lässt vorm Auge des lesenden Menschens.

Zu Beginn steigen wir von der Fähre, wir kommen an auf der Insel. Sie beschreibt mit zartem und scharfem Auge das Setting, erzählt uns, was wir sehen, welchen schrulligen Protagonisten wir begegnen bei unseren ersten Schritten und führt uns so in eine Umgebung, in der sie drei Jahre gelebt hat und aus der sie 104 Geschichten mit uns teilt, die informativ, herzanrührend, zum Haareraufen und lustig sind. Dieses Büchlein ist für alle, die weder von „Sex and the City“, „Manhattan Love Story“, „und anderen Filmen aus dem Big Apple genug bekommen, noch von Frank Sinatras „New York, New York“, für alle, die das Rezeptbuch von „Olive Garden“ und der „Magnolia Bakery“ daheim haben (die „New York Christmas-Kochbücher“ sowieso) und alle, die wie ich verzaubert sind von den Bildern und Geschichten rund um dieses einzigartige Stadt.

Rena und ihr Buch „Mama allein in New York“ schließen da eine ganz besondere Lücke. Renas Buch zeigt, wie lebt es sich als Mutter, als Auswanderin, als ganz normaler Mensch mit Familie hier in dieser großen Stadt, dieser besonderen Stadt. Und das ist spannend! Das ist schreiend komisch und zum Teil wirklich unbeschreiblich zauberhaft. Nicht zu empfehlen für Menschen, die vorhatten, die nächsten Jahre unbedingt zu Hause zu bleiben, denn: Fernweh garantiert!

„Mama allein in New York“ ist bei Books on Demand entstanden und online erhältlich, zum Beispiel hier.

Wer noch mehr New York braucht fürs Leben, dem sei abschließend noch „Stadtnomaden“ empfohlen. Mehr New York inside geht nicht!

So, das waren die Herzensangelegenheiten für heute. Ich möchte abschließend erklären, dass die Kaufempfehlungen, die ich hier ausgesprochen habe, keiner „Kooperation“ entspringen und ich weder gebeten noch bezahlt wurde, hier etwas Nettes dazu zu schreiben. Die Menschen hinter den Produkten liegen mir am Herzen und ich mag jedes Buch und jedes Ding, das ich euch zeige so sehr, dass ich will, dass ihr es auch schön findet! „Werbung“ ist es dennoch im eigentlichen Wortsinn- deshalb schreibe ich diese Wort hierhin. Denn wir sitzen ja nicht zusammen in meiner Küche und quatschen, sondern hier im Internet, und da kann eben doch keiner machen, was er oder sie will. Ich vergesse das zum Glück oft und tu so, als säßen wir zusammen auf dem Sofa, jede ein Kissen zwischen den angezogenen Knien und einen Becher heißen Tee in der Hand… schönes Bild.

Ich packe jetzt die Koffer für die Ferien. Wer sich fragt, wie es nun bei dem Bubi weitergeht, dem sei gesagt, der Beitrag dazu heißt „Saul Goodman“, und ist bereits in Rohfassung erstellt. Ich muss noch warten, wie es nun weitergeht, bevor ich euch das schreibe. Aber wer weiß, wer Saul Goodman ist, dem ist auch schnell klar, welchen Weg wir eingeschlagen haben!

Bis zum Wiederlesen schöne Sommerferien und bleibt gesund und fröhlich! ❤

 

Die Reifeprüfung

Mein lieber Bubi,

ich soll nicht mit dir reden, hast du gesagt. Und ich solle auch keinen Brief schreiben, hast du gesagt. Ich soll dich doch bitte jetzt in Ruhe lassen.

Nun, das mit der Ruhe kann ich gerade nicht. Gar nicht. Seit Wochen hängen dein Vater und ich in einem Strudel aus Anspannung, was-wäre-wenns und Supportbestreben fest. Das ist ein Scheiß, das kannste laut sagen. Also, wenn dein kleiner Bruder gerade nicht zuhört.

Weißt du, das ist wirklich echt Kacke gelaufen heute. Und vor zwei Wochen auch schon. Ich meine, du hast wirklich passable Leistungen abgeliefert, dreizehn Jahre lang, und nur an an zwei Tagen waren die nicht abrufbar – shit happens! Tja, Abitur adé. Und dann heute die beschissene mündliche Nachprüfung – die allerallerallerletzte Chance, nur kein Druck- und wieder hat es nicht gereicht. Und dann noch diese Abwertung, dieses: „Das war gar nichts, was sie heute gezeigt haben!“, danke.

Als du den Weg zum Haus herunterkamst am heutigen Vormittag, da wollte ich dich nur in den Arm nehmen. Du wolltest das natürlich nicht, das willst du nie. Dein Gesicht, diese Enttäuschung, dich so zu sehen… weißt du, wir sind alle am Boden zerstört, heute. Aber das musst du wissen, wirklich glauben: Es hat nichts damit zu tun, dass wir dich für einen Versager halten, dass wir enttäuscht wären. Im Gegenteil! Wir sind so traurig, weil wir dir von Herzen gegönnt hätten, dass du diesen Sieg einfährst! Weil dein Vater und ich der Meinung sind, du hast das sowas von verdient, dieses alberne Blättchen mit dem Abiturzeugnis. Du hast dich dreizehn Jahre abgestrampelt unter deutlich erschwerten Bedingungen, die letzte Zeit gänzlich ohne Hilfe. Du hast nicht einen einzigen Tag geschwänzt, niemals „versehentlich“ verschlafen, du warst geradlinig bei der Sache. Das hat nicht gereicht. Leider.

Seit Ende letzten Jahres musstest du ohne Schulintegration auskommen, weil der letzte Integrationshelfer krank wurde und in der ganzen Stadt kein Ersatz zu finden war. Deine Schule hat bis heute keinen Integrationsbeauftragten benannt, obwohl sie nach dir in jedem Jahr mindestens einen Schüler mit Autismusspektrumstörung aufgenommen haben, das zusätzliche Geld für die Inklusion nimmt man gerne mit und niemand prüft so genau nach, ob der Auftrag denn überhaupt erfüllt wird, egal. Dann kam Corona und verbannte dich zum Alleinlernen in dein Zimmer. Tutorstunden fielen aus, Prüfungsvorbereitung nur noch im Alleingang. Du hast das wirklich bravourös gemacht! Ich habe dich eigentlich nie genervt erlebt, niemals schlecht gelaunt. Die letzten Tage der Prüfungen, da hattest du entsetzliche Muskelzuckungen, die dich um  den Schlaf brachten, du warst am Ende deiner Belastung, wir haben es alle gemerkt. Und dennoch hast du dich so wacker geschlagen, hast dich zusammengerissen (Auch wenn Autisten immer wieder gern beteuern, das sei per definitionem unmöglich!) und dich motiviert. Es hat nicht gereicht.

Mir will das Herz brechen über deinen Kummer heute, deinem Vater geht es ähnlich. Aber nur, weil wir finden, das ist so ungerecht, so kackdrecksgemein. Weil wir sehen, was du geschafft hast und wie weit du gekommen bist und dass dir wirklich niemals in den letzten dreizehn Jahren irgendwas in der Schule geschenkt wurde. Und zugefallen ist es dir schon überhaupt gar nicht. Wenn ich daran denke, dass du trotz aller Anträge im Vorfeld das Abitur ohne Nachteilsausgleich (lediglich ein paar Minuten mehr Zeit wurden dir zugestanden) ablegen musstest, will ich ein Loch in die Wand hauen! Da wird dir jahrelang zugesichert, dass du die Operatorenliste als Hilfsmittel bei Arbeiten benutzen darfst und in der Prüfungsordnung steht, der Integrationsschüler legt die Prüfungen ab unter den Bedingungen, wie der Stoff gelehrt wurde, und dann wird die für dich so wichtige Operatorenliste auf einmal abgelehnt mit dem Hinweis, das wäre ja sonst ungerecht gegenüber den anderen Schülern und alle müssten unter den gleichen Bedingungen abliefern. Hallooo?!

Chancengleichheit

(Ich bin so inklusionsagressiv, ich könnte was anzünden… )

Ich habe dir im Vorfeld gesagt, ganz egal, wie heute das Ergebnis ausgeht, ich bin stolz auf dich! Du hast dreizehn Jahre Schule gemeistert und ich schau mir deinen Zensurenspiegel an, da steht nichts von „durchgefallen“! Du hast die letzten drei Jahre Leistung abgeliefert, das steht dort. Du konntest es an den Prüfungstagen nicht abrufen, von mir aus, aber du hast es geleistet! Ich lass mir nichts anderes einreden. Du bist absolut großartig und ein fantastischer junger Mensch, den ich so gerne um mich habe.

Und ich habe dir gesagt, wurscht, was dort auf dem Papier steht, ich weiß einfach, du wirst deinen Weg finden und ich wünsche mir nur für dich – nicht für mich – dass du glücklich wirst und zufrieden und deinen Platz in dieser Welt ausfüllst. Ob du dazu als Baggerfahrer deinen Lebensunterhalt verdienst oder als Verkäufer für Tiernahrung, als Biochemiker oder Eintänzer, das ist mir wumpe, solange es deiner eignen Wahl entspricht.

Ich weiß aber auch, dass du das Meerrauschen einschaltest, wenn ich gefühlsduselig werde und liebesschnulzig. Du hast mal gesagt, das könntest du alles nicht ernst nehmen, was ich von mir geben würde, denn ich fände ja immer alles ganz toll, was du machen würdest. Das hat mich nicht gekränkt, ich verstehe, was du meintest. Aber dein Vater ist zum Glück auch noch da und darf den Part des konstruktiven Kritikers übernehmen und dir Rankhilfe sein, an der du dich festhältst und nach oben wächst. Ich muss das nicht. Ich bin der Barde mit den Lobgesängen.

Wenn ich so drüber nachdenke, weiß ich auch nicht, ob ich das super gefunden hätte mit einer Mutter wie mir. Ich weiß nur, dass ich mein erstes halbes Leben versucht habe, die Lücke zu schließen, das Loch zu stopfen, dort, wo die elterliche Unterstützung und Wertschätzung und ewiglich geschworene Liebe und Zuversicht eigentlich hingehören. Und dass ich es um jeden Preis anders machen wollte. Dass ich sowieso gar nicht anders kann, als für immer der größte Fan von dir und deinem Bruder zu sein, das ist für dieses Vorhaben natürlich überaus hilfreich.

Ich werde niemals damit aufhören, auch nicht, wenn du siebzig bist und ich hundert. Auch dann noch werde ich dir sagen, wie glücklich ich bin, deine Mutter zu sein. Und wie stolz du mich machst. Weil es eben nicht von einem Zettel abhängt, was deinen Wert ausmacht. Und noch nicht mal dein Lebensweg wurde heute entschieden, nicht im mindesten, auch wenn du das jetzt sicher denkst. Und dich fragst, was nun aus dir werden soll. Du musst nicht werden, du bist schon.

Ich erzähl dir mal was.

Wenn du jetzt nach dreizehn Jahren auf dem sogenannten „ersten“ Bildungsweg dein Abitur gemacht hättest, dann wärst du in unser ganzen Familie der erste Mensch überhaupt! Ernsthaft. Dein Opa hat die Schule nach acht Klassen verlassen und Maurer gelernt, sich danach irgendwie hochgearbeitet und Abendschule gemacht und war dann Chef von Dings und Bums. Deine Oma hat bei der Post gearbeitet, während der Lehre noch deinen Onkel bekommen und auch „irgendwie“ weitergelernt bis in ihre leitende Position. Damit will ich nicht sagen, dass eine leitende Position erstrebenswert ist, nur, dass beim Schulabschluss nicht entschieden wird, wo die berufliche Reise schlussendlich endet.

Dein Vater hat eine Ausbildung zum Schlosser gemacht und jeden Tag davon gehasst. Danach hat er sein Abitur nachgeholt und war mit dreiundzwanzig fertig damit. Mit achtundzwanzig hatte er das Studium beendet. Du warst fünf Jahre alt damals.

Und ich habe gar kein Abitur! Hab ich damals gedacht, das sei ein Manko? Natürlich. Ich habe eine verhasste Lehre gemacht unter Honecker (Elektronikfacharbeiter, damals noch ohne -in am Ende, Genderfizierung war noch nicht erfunden), danach zwei weitere Ausbildungen angefangen (Frisör, Außenhandelskauffrau) und aus unterschiedlichen Gründen abgebrochen. Erst mit fünfunddreißig (du warst schon da und ich bin täglich morgens um halb vier aufgestanden um zu lernen) habe ich meinen Abschluss als Informatikkauffrau gemacht, der mich zu meinem heutigen Job gebracht hat. Hat mich das zu einem Versager gemacht? Nein. Hatten andere Menschen in meinem Alter viel früher große Autos und schicke Häuser und einen Plan im Leben? Ja, sicher. Will ich rückblickend tauschen? Auf gar keinen Fall!

Was ich dir damit sagen will ist, dass Versagen in den seltensten Fällen wirklich Versagen bedeutet. Versagen ist nur ein Begriff der Abwertung, den du dir selbst auferlegst oder dir von anderen auferlegt wird. Nichts im Leben ist Versagen! Davon bin ich zutiefst überzeugt. Alles führt uns am Ende auf einen bestimmten Weg, unseren Weg! Und du stehst erst am Anfang deines Weges. Ob er verzweigt ist und mit Wurzeln bewachsen oder eine asphaltierte Straße, bei der du den Horizont fest im Blick hast, ich weiß es nicht. Ich hoffe, er ist mit schattigen Bäumen bewachsen und mit Blumen am Wegesrand, damit dein Blick Ablenkung erfährt und du dich nicht immer auf dein Ziel fokussierst. Und dass du immer nette Gesellschaft hast auf deinem Weg. Das ist überhaupt das wichtigste in meinen Augen, aber ich bin alt, das musst du noch nicht verstehen, jetzt mit zwanzig.

Ich möchte dich noch ein Stückchen begleiten, auch wenn ich lernen muss, dir nicht mehr die richtigen Wanderschuhe rauszustellen und dich mit Sonnencreme einzuschmieren, falls der Weg durch die Mittagshitze führt (Metaphern sind nicht so deins, ich weiß, ich schreibe das mehr für mich). Ich würde dich gern für immer behüten und beschützen und dir jede Last und jedes Arg und Weh vom Leibe halten, aber dann macht der Weg auch keinen Spaß.

Weißt du noch, als wir auf Teneriffa auf den La Guaraja gestiegen sind? Das war eine Plackerei. Aber als wir oben waren, wow. Und wie stolz wir da waren! Wir hätten natürlich auch mit der Seilbahn hoch zum El Teide fahren können und auf bequeme Weise die Aussichtsplattform erreicht – ohne Schweißvergießen, ohne Mühen – glaubst du, wir  hätten dieselben Gefühle gehabt da oben?

 

Heute willst du nicht mit mir reden, heute lass ich dich in Ruhe. Aber ich bin hier, ich habe die Ärmel hochgekrempelt und zwei, drei Reiserouten für die nächste Etappe zur Auswahl. Oder du machst erst mal Pause. Du darfst das selbst entscheiden, es ist deine Reise, auf deinem Weg. Wir, deine Eltern, sind nicht die Reiseleitung. Aber wir sind bergerfahren und schluchterfahren, wir sind schon durch Stürme und ohne Ausrüstung gegangen, und du kannst immer auf uns zählen, wenn du uns ein Stück mit dir gehen lässt. Das wird die Reise deines Lebens und sie hat gerade erst angefangen.

Deine Ma

 

Coronawochenende in Bildern

„Essen in Bildern“ vor allem, aber bleiben sie neugierig! Hier gibt es einiges zu sehen. Halten sie vorsorglich Chips, Malteser oder einen Becher Eis in Griffnähe.

So. Here we go. Ich dachte mir, ich müsste mal wieder was dafür tun, dass ich im Header dieses Blogs behaupte, es ginge hier um „Abenteuer rund um Aufzucht und Pflege der Jungen“, das heißt: Content her von richtigen Kerls! Sollten sie die Anschaffung eines oder mehrerer männlicher Fortpflanzen erwägen, dann stocken sie schon mal vorsorglich den Dispo auf! Ich kann ihnen berichten, dass ich mich gerade in einer Zeit der Lebensmittelverknappung oftmals genötigt fühle, meinen vollen Einkaufswagen zu rechtfertigen. Kurz: Ein Sack gefrorene Schnitzel und eine Palette Joghurt gehen als kleiner Snack durch! Deshalb finden sich über Gebühr Fotos von zusammengekochten Lebensmitteln bei meinem Wochenendbericht-ich stehe eigentlich ständig am Herd.

Zum Beispiel deswegen:

Das Beste, das aus Bohnen werden kann, ist nicht etwa dieses neumodische überkandidelte vegane Eiweiß, nein, das hier:

Bohnen kurz blanchieren, gefrorene Bohnen nur auftauen. Zwei Hände voll Zwiebeln in Butterschmalz anbraten, bis sie Farbe bekommen. Dann die Bohnen dazutun und scharf anbraten. Die müssen wirklich Farbe bekommen! Rühren ab und zu, probieren, ob sie bissfest und gar sind, das dauert ein wenig. Gewürzt wird das mit Salz, Pfeffer und von mir aus etwas Kräutlein aus der Provence. Ein bis zwei Esslöffel Aceto Balsamico in die Pfanne geben, wenn es aufhört zu zischen, ausschalten. Von acht Tomaten die Wände sauber abschneiden und die abtupfen, in Streifen schneiden. Den Rest der Tomaten aufheben und eine Tomatensuppe planen für die nächsten Tage. Die Tomatenwände in die Bohnenpfanne geben, es soll nicht so zerkochen wie auf dem Foto. Das ist nicht schön geworden, Frau Nieselpriem!

Dazu passt luxeriöses Kartoffelpüree, und das geht so. Mehligkochende Kartoffel schälen und kochen (ihr seid bestimmt überrascht), dann in ein Sieb. Im Kartoffeltopf ein Löffel Butter mit einem Esslöffel Knoblauch anschwitzen, dann ein Becher Schlafsahne dazu, Salz, eine Prise weißer Pfeffer, aufkochen. Die Kartoffeln dazu und stampfen. Um Gottes Willen nicht pürieren! Danach -wenn ihr habt- ein wenig Trüffel drüber hobeln (mir wird der Schlüpfer warm). Ich hatte keine Trüffel, ich habe Schnittlauch genommen (nein, ich denke nicht, dass Schnittlauch als Ersatz für Trüffel durchgeht, aber wir müssen alle Opfer bringen in diesen Zeiten).

Dazu passt zum Beispiel ein rosafarbenes Lämmchen. Oder Fischstäbchen vom Aldi. Im Ofen lieblos sich selbst überlassen.

Beim Essen ist die einzige Gelegenheit, bei der wir alle vier am Tisch sitzen, der Bubi verschanzt sich sonst in der Bubiburg und lernt fürs Abitur (offiziell) oder daddelt (wahrscheinlicher) und züchtet Körperbehaarung (offensichtlich). Seit Anbeginn der Quarantäne hat er sämtliche Rasurbestrebungen aufgegeben und sieht nun mit seinem wolligen Backenbart aus wie George Washington. Ich muss ständig hingucken. Außerdem ist sein modischer Undercut rausgewachsen, wir verlottern. Da es bald absolut solidarisch zugehen wird, weil kein Mensch ins Solarium, Sonnenstudio, Friseurstudio oder zur Nagelmodellage gehen kann, werden wir bald alle mit grauen verwachsenen Haaren, abgeknaubelten Fingernägeln und fahler Gesichtshaut umherschlurfen. Come as you are, ich freu mich drauf.

Am Nachmittag haben wir den Wandertag ausgerufen. Wir sind nach Tharant gefahren und wollten durch den Forstbotanischen Garten lustwandeln. „Arboretum“, wie wir Intellektuellen dazu sagen. Gut, das Arboretum war geschlossen, die schließen echt den Wald zu, die spinnen, aber dann suchen wir eben irgendwas anderes zum Lustwandeln. Herrschaftszeiten, als ich Kind war, gabs gar kein Arboretum! Ich konnte Hascher um den Apfelbaum bei meiner Oma im Garten machen und damit hatte es sich! Also reißt euch zusammen!

Das verwöhnte Wohlstandskind steigt aus dem Auto und schmeißt sich längs mit der Begründung, es könne und wolle nicht laufen. Man kennts.

Wir haben dann Pferde „gefunden“ und der Blonde durfte unter Anleitung des Besitzers die Resi, den Axel, „die Chefin“ und ein polnisches Austauschpferd füttern und striegeln. Das Kind war happy und sagte zu dem Pferdemann: „Du bist ein wirklich schöner Mann, vielen Dank! Das ist der schönste Tag in meinem Leben!“. Der Pferdebesitzer sah nicht überrascht aus, obwohl er mich optisch an Petterson erinnerte. Ich überlege die Anschaffung von Pferden. Pferde machen schön.

Zu Hause erwartet das holde Blondchen noch ein Liebesbrief aus der weltbesten Kita mit einem lieben Ostergruß und einem selbst gebastelten Spiel.

Sonntag. Guten Morgen! Ich habe das Rasieren noch nicht eingestellt, aber das Glätten meines widerporstigen Haupthaares. Ich freue mich sichtbar, weil ich gleich wieder in der Küche verschwinde.

Vorher behämmern der Blonde und ich Konservendosen mit Hämmern und einem dicken Nagel. Das macht erstaunlich Spaß und sorgt für stimmungsvolles Licht beim Mittagessen.

Es gibt Krautnudeln mit Kraut, Hackfleisch und Nudeln, gewürzt mit Estragon und Kümmel. Für mich gibts Hefeklöße mit Butter, Zimtzucker und Grütze.

Am Nachmittag – der Mann ist unterwegs- verdingen sich das Kind und ich im Garten. Wir haben alles angeeiert und geschmückt, weil wir in diesem Jahr nicht wegfahren werden zu Ostern (es war eine kurzfristige Entscheidung, sie verstehen). Das Ergebnis ist gefällig.

Überall stehen jetzt Eimer und Töpfe mit Samen und Pflänzchen herum. Wir haben „Bienenglück“ ausgesät und mit bubberndem Herzen Samen aus dem Garten von der Andrea Harmonika, die diese uns geschickt hat. Falls hier jemals irgendetwas gedeiht, das ebenfalls abgesamt werden könnte, werde ich auch Samen verschicken.

Währenddessen hat das Kind den Garten angemalt. Voll idyllisch hier bei uns.

Bei mir geht alles ein, ich schiebe es gern und beständig auf den „Waldgarten“, in dem nur Pilze, Brombeeren und Bärlauch gedeihen würden, aber bestimmt liegt es an mir. Wider besseren Wissens habe ich sogar Erdbeerpflanzen eingetopft! Als ob. Nun ja, irgendeine Übersprungshandlung brauchte ich! Es gab zwar kein Klopapier und keine Tiefkühlerbsen, aber Erdbeerpflanzen am Freitag! Was sollte ich da nur tun?! Genau.

Am Abend gab es Tomatensuppe (die aufmerksamen unter euch haben sich bestimmt schon gefragt, wann es so weit sein würde – genau, jetzt) mit kurzen Bandnudeln. Ich kann kein Essen mehr sehen, ihr etwa?

Na gut, Kuchen geht noch. Ich habe Prasselkuchen gebacken, jeder nimmt sich (virtuell was, bitte schön!

Wie? Ganz einfach Blätterteig aus dem Aldi (die Angebermuttis dürfen den gern selber machen, ich bringe das nicht) mit säuerlichem Gelee beschmieren. Dann Butterstreusel obendrauf und nach dem Backen einen Zuckerguss aus Gelee mit Puderzucker obendrüber. Und, schmeckts?

Zum Abschluss noch was vom Kleinen. Der beschimpft ja relativ originell alle Leute um sich herum, aktuell nennt er seinen Vater „Motz, den Blechrotz“. Ich habe rausgefunden, was das soll. Er plant eine Hiphop-Karriere! Er läuft auch durch die Gegend und tönt: „Yes yes jo, tschubiditscho!“, und denkt, er ist der Coolste!

Im Auto verlangt er stets als erstes nach „Bumm biddi beibei“, und groove-t dann mit dem Oberkörper hin und her. An jedem Ende einer vom Inhalt her niemals zu übersetzenden Refrainzeile kommt ein Wort, das auf einen Laut mit „-ei“ endet bei den Jungs vom Zypressenhügel, der Sechsjährige singt einfach konsequent „Brei!“ mit. Das ist sehr lustig!

Weil ich euch ja viel erzählen kann, singt jetzt die vermutliche einzige Latino-Hiphopband der Welt für Euch und den Blondino. Bitte vergesst das „Brei!“ nicht.

And four, and three, and two and one:

 

Domestizierung und ihre Folgen – ein Sozialexperiment

So, Leute, da bin ich wieder!

Wo soll ich denn auch sein, jetzt, wo niemand mehr irgendwo hin kann. Nein, hier bin ich, und der Dude wäre sowohl stolz auf meine Arbeitskleidung als auch meine Lebenshaltung. Der Bärtige findet, ich lasse mich gehen, aber apropos gehen: Er kann auch nirgendwo hin! Also isses mir wurscht, dass er mir die Schokolade in den Hals zählt und mich ständig zum Sporttreiben animieren will. Und zum Schminken, normale-Sachen-anziehen. Der Mann ist seltsam. Ich finde, meine fortgeschrittene Verlotterung ist nur ein Zeichen für funktionierende Selbstfürsorge.

Wobei, er selber behauptete ja neulich, er habe es echt am Allerschwersten, da er mit drei Pubertätern zusammen leben müsste! Der Blondino sei eindeutig vorpubertär, der Bubi regelpubertär und ich spätpubertär. Stimmt, Wechseljahre sind echt die schlimmste Phase aller Pubertäten. Meine Klimaanlage ist kaputt und ich bin permanent emotional übersteuert! Aber wir waren ja bei dem Mann. Dem Mann geht es gut! Danke der Nachfrage.

Mir geht es nicht so gut. Neulich las ich, die Isolation wäre wirklich furchtbar für ganz viele Menschen. Mensch, dachte ich so bei mir, die Isolation ist gar nicht mein Problem. Eher deren Fehlen, die Zwangsvergesellschaftung innerhalb der Kernfamilie, das macht mir zu schaffen! Ständig ist jemand hier, immer eigentlich, und ich selber ja auch! Gestern stand ich am Stadtrand und beglubschte sehnsüchtig eine baufällige Gartenlaube. Ich sagte zu dem Kerl, ich wöllte mein Pflichtteil ausgezahlt bekommen und bitte sofort diese „Datsche“ kaufen! Dann würde ich hier draußen alleine wohnen, egal, wie lange die Krise noch dauern würde. Und dass, wenn ich gewusst hätte, wie das alles so in echt aussieht, ich mir überlegt hätte, ob ich nicht mit jemand anderem zwangsisoliert werden wöllte. Der Mann blickte auf mich herab und ich konnte seine Gedanken lesen: Er stimmte mir zu, das wäre auch für ihn eine reizvolle Idee gewesen, wenn ich irgendwo anders wäre.

Das muss man verstehen. Das Geheimnis, warum wir uns auch noch nach zweiundzwanzig Jahren meist gut leiden können liegt darin, dass wir sehr wenig gemeinsam machen! In Friedenszeiten ist der Kerl an drei Abenden in der Woche nicht da, ich an zwei. Wir verreisen sogar getrennt, manchmal, und finden es schön so. Wenn wir wieder nach Hause kommen, haben wir etwas zu erzählen! Was sollen wir uns denn JETZT bitte erzählen? Der andere war doch dabei, der andere ist immer dabei.

In Woche eins des „Einschlusses“ war ich so fertig davon, mich an die neue Situation anzuaproximieren, um mal ein Wort aus dem Sprachgebrauch des Mannes zu verbiegen, mich hinzunivellieren, dass ich zu meinem Freund Bruno beim Facetimedate sagte, ich wüsste wirklich nicht, ob der Mann und ich im Sommer noch verheiratet sein würden! Der hat nur gelacht.

Dieses Sozialexperiment hier, das haut mir alle unter der Oberfläche schwärenden zwischenmenschlichen Beziehungsprobleme um die Löffel. Da kommen Probleme zum Vorschein, von denen wusste ich gar nicht, dass ich sie hatte! Wir sollen ja aber was lernen, die Krise als Chance, also Augen zu und gewaltfreie Kommunikation an. Da geht es der Nieselpriem wie allen anderen Kindern, da müssen wir jetzt durch!

Wisst ihr, was ich mich frage? Warum noch keiner auf die Idee gekommen ist, dass das Virus von Amazon eingeschleppt wurde! Da sitzen die ja immer in ihren Verschwörungsvideos und sagen, man solle sich fragen, wem das alles nütze! Ja, wem nützt es denn? Also ich weiß nur, dass Amazon mit den Lieferungen nicht mehr hinterherkommt. Ich habe eine Verlautbarung gelesen, wo sie mitteilen, dass es aufgrund von vermehrten Bestellungen von Drogerie-, Lebensmittel und Haustierbedarf  zu zum Teil wochenlangen Verzögerungen kommen kann. Ja, unser persönlicher Amazon-Lieferant, der immer fröhlich durch die Türsprechanlage ruft: „Amma Sohn Bagget für disch!“, ist schon länger nicht mehr gesehen worden.

Das mit dem Homeschooling, das habt ihr jetzt alle drauf, ja? Wir haben das Abiturprogramm des Kronsohnes nach Kompetenzen aufgeteilt. Ich, die ich nicht mal Abitur habe, kontrolliere Wirtschaftslehre, Deutsch und Englisch, der Mann muss bei den technischen Fächern ran, weil er zwar nicht weiß, wie „Physalis“ geschrieben wird, aber den Unterschied zwischen MP3 und MP4 kennt und anderen fürs praktische Leben unnützen Kram, der aber im Leistungskurs Informatik beim Sohn irgendeine praxisferne Relevanz haben könnte.

Überhaupt ist das Leben mit dem Bubi wirklich schön, der Bubi dürfte auch mit in meine Datsche. Der macht nix und hockt den ganzen Tag in seinem Keller vorm PC. Manchmal werfe ich ihm eine Vitamin D-Tablette in seinen Pumakäfig, weil er ja nun gar nicht mehr ans Tageslicht kommt, da der Schulweg weggefallen ist. Ansonsten ist er angenehm unauffällig. Mit diesem Verhalten passt er so gar nicht zum Rest der Familie!

Neulich las ich einen Text, ihr kennt diese dämlichen Bildchen, wo jemand dann einen Sinnspruch draufgeschrieben hat und die bei Facebook und per WhatsApp geteilt werden? Irgendein kinderloser Mensch schrieb da von den schönen Dingen, für die „man“ ja nun Zeit hätte und was alles nicht abgesagt sei: Frühling, Lachen, Sonnenschein, Vogelgezwitscher, Blablabla.

Weißte, was noch? Heuschnupfen! Heuschnupfen wurde auch nicht abgesagt! Um meine Heuschnupfenbetroffenheit drastisch zu beschreiben, stellt euch mich mit dem Blondino im Auto vor, versehentlich die AC an, fahren an den Elbwiesen vorbei, auf denen sich fröhlichen People tummeln in lustigen Grüppchen, da schniefts kurz dreimal hinten, dann kommt ein: „Aua, meine Augen…“, gefolgt von infernalischem Gebrüll: „MEINE SCHEIßAUGEN! GIB MIR SOFORT DIE KACKMEDIZIN, DU KACKMAMA, FÜR MEINE KACKSCHEIßAUGEN!!!!!“. Ja, ich weiß, das sind fünf Ausrufungszeichen. Hielt ich für angemessen.

Was sonst noch? Zeitumstellung! Zeitumstellung wurde auch nicht abgesagt! Wollen die mich eigentlich komplett rollen? Als ob ich nicht schon genug Probleme hätte, mit den Wochentagen klarzukommen, jetzt auch noch der KACKSCHEIß, um meinen Sohn zu zitieren und ja, er hat ein Problem mit seiner verminderten Frustrationstoleranz. Und ich auch, zwangsläufig. Wir alle. Am ersten Abend der Ausgangssperre sagt der zu mir: „Also, wenn morgen nochmal Corona ist, dann ist das eine Kackwelt, Mama!“.

Kind in Quarantäne – Symbolbild

Immer wenn der Blondine schlechte Laune hat, ist das ansteckend. Auch seine gute Laune ist ansteckend, aber er hat öfter schlechte Laune. Viel öfter. Er bastelt und malt nicht, er beschäftigt sich nicht alleine, er findet alles doof, weil er seine Kitakumpels nicht bei sich hat, er will den ganzen Tag bespaßt werden. Ich fühle mich wie im Kinderferienlager eingesperrt, als Betreuungsperson. Mittagschlaf macht der auch nicht mehr, dabei brauche ich nach der ersten Halbzeit dringend eine Ruhepause! Neulich machte ich mir Ohropax rein und dachte, was soll schon passieren. Nun, ich sage euch, was passiert ist. Ich komme nach anderthalb Stunden in sein Zimmer, da steht er vorm Fenster, die Jalousie hochgezogen und macht sich gerade dran, die Stricke derselbigen durchzuschneiden. Bunt angemalt im Gesicht und an den Armen. Vorher war er im Badezimmer, hat die Schubladen der Kommode dort aufgezogen als Treppe benutzt und ist nach oben geklettert um sich zu „schminken“. Ich weiß jetzt, wie das mit dem „ever last“ und „24 Std Halt“ gemeint ist bei Kajalstiften und Liplinern: Hält auf sechsjähriger Haut für mindestens fünf Tage! Danach ist der Angeschmuddelte nach unten geklettert, hat die Schubladen geschlossen und die Knaufe von außen abgedreht. Ich halte jetzt immer Wache vor seiner Zimmertüre (aktuell schreibe ich diesen Beitrag genau in dieser Wachhaltung, während das anbetungswürdige Früchtchen meiner Lenden und Räuber meines letzten einsamen Nervs eingesperrt und zur Mittagsruhe verdonnert in seinem Zimmer ist).

Das einzige, was hilft, ist das Kind zu schinden. Der muss rennen, toben, klettern, springen, der ist in Wahrheit ein Äffchen. Draußen. Wir kommen gleich darauf zurück.

Was war noch so los?! Ich habe die letzten Stoffreste aus dem Fundus meiner Omi zu Mundschutzen vernäht, wie ganz ganz viele Menschen.

Nun gibt es in der Stadt sogar solche“toten Briefkästen“,wo die fleißigen Nähbienen abends ihre Mundschutzlieferung reintun können. Diese hier ist aber offensichtlich bewunderungsgeil und übergibt ihre nur den bekannten Menschen im ärztlichen Dienst, gegen Dank und warme Worte. Kann sein. Aber (gefühlt) alle nähen fürs Uniklinikum und (gefühlt) keiner für die Hausarztpraxen, Physiotherapeuten und Altenpfleger. Ich war selber überrascht, wie viele Menschen ich persönlich kenne, die persönlich vom Mangel betroffen sind. Also liefere ich aus.

Heute nun fuhr ich erst zu unserer Kinderarztpraxis und im Anschluss  – weil es sich anbot- zu meiner Mutter. Ich brachte den neuesten Nele Neuhaus-Roman hin und zwei Mundschutze, selbst in Handschuhe und kochfeste Baumwolle gewandet. Meine Mutter erzählt ein wenig und dann sagt sie: „Diese Unwissenheit macht mich fertig! Mor weeß ja gar nisch mehr, was mor machn solln! Un wie mor uns schitzen gönn!“. „Doch, Mutti!“, widerspreche ich: „Man weiß eigentlich ziemlich sicher, wie man sich schützen soll! Da gehts schon mal los, dass du nicht jeden Tag runter zum netto gehst wegen einem Becher Quark und Nachmittags noch mal, weil die Nachbarin gesagt hat, es gäbe jetzt Klopapier!“. Aber sie trägt doch immer Handschuhe, erwidert meine Mutter. Und mit denen fasst sie sich an die Nase, wenn diese krabbelt, streite ich. Sie hat versprochen, nur mit Mundschutz rauszugehen, damit ich endlich den Mund halte.

Ich möchte jetzt bitte dringend den Doktor Brinkmann und den Doktor Stefan Frank und alle Mediziner Schauspieler der Schwarzwaldklinik bitten, täglich zwanzig Uhr vorm Kessel Buntes zu dem Volk zu sprechen! Die Senioren brauchen sie! Die Senioren vertrauen ihnen! Die Senioren glauben nicht, was ihre dussligen Kinder sagen, und die Lügenpresse! Bitte sagen sie es ihnen! Danke.

Denn wenn ich die Rentner so beobachte, wie sie sich um das Klopapier kloppen, tratschend zusammen stehen, dann begreife ich es nicht. Denn sie begreifen die Situation nicht! Schon zu Friedenszeiten verstopfen sie den ALDI zur primetime – der Bärtige sagt gerne, das sei denen ihr Facebook- nun machen sie es genauso. Stehen mit einer Packung Knäckebrot in der Schlange, rücken einem auf den Leib und kontrollieren, ob man selbst hamstert. Neulich steht so ein Exemplar hinter mir, Typ „Bier formt diesen schönen Bauch“, mit verschränkten Armen über der Brust, während seine Frau neben ihm einen Sechserpack Mineralwasser wuchtet, beobachtet, wie ich meinen Wocheneinkauf aufs Band packe und sagt: „Orr nee, Inge, gugge dir das an! Die kooft wohl für das gesamte Hauskollektiv ein!“. Dieser Typ Rentner ist mir wohlbekannt. Er spaziert Montags um den Altmarkt und wählt AFD, weil da „endlich mal eener sagt, wie es ist!“, hat noch nie einen Ausländer von Nahem gesehen  – außer den Vietnamesen vom Imbiss- weiß aber, die Ausländer sind an allem schuld. Und davor war´s der Wessi! Dieser Typ Wendeverlierer altert ungnädig und wird zur Plage in diesen Zeiten.

Ich war heute noch auf der Post ein Päckchen aufgeben – mit Gummihandschuhen und Mundschutz, als einzige-, da wuselten sie durcheinander durch den Kassenraum, von Abstand keine Rede, die ganzen Warnschilder lesen sie nicht, die Kreuze auf dem Boden ignorieren sie, da kommt ein Rentnerpaar rein, sie öffnet mit bloßer Hand die Tür an der Klinke, er hält mit seiner bloßen Hand die Tür für sie auf, sie stellen fest, dass noch ein paar Menschen vor ihnen dran sind, regen sich darüber auf und beschließen, am Nachmittag die fünf Briefmarken einzukaufen, die sie einkaufen müssen. Weil, sowas hat man besser vorrätig.

Sie machen einfach so weiter wie immer. Von mir aus, könnte man sagen! Sei das Licht, sei selbst das Licht, Henrike, sage ich zu mir, und das soll mich beruhigen. Tuts nur nicht, weil die Leutchen mich penetrieren mit ihrer Unwissenheit/ Trotz/ Ignoranz.

Ich bin ja von Rentnern umgeben in dem seriösen Stadtteil, in dem wir leben. Links, rechts, vorn, hinten. Wir leben hier idyllisch, wir haben Platz en masse, wir haben die Elbe in Laufnähe, den Waldpark, wir habens wirklich schön!

Nun ist es ja so, dass unser Radikalinski wirklich zweimal täglich raus muss zum rumrennen, bolzen, springen… ihr wart aufmerksame Leser, ihr wisst bescheid. Es ist auch so, dass ich durchaus weiß, dass wir es hier weitaus luxeriöser haben als andere Familien. Es geht um die Haltung meiner Mitmenschen.

Der Waldpark ist voll mit Menschen, die trotz Spielplatzsperre am Spielplatz stehen – ich kann es ihnen nicht verdenken, was soll man denn wochenlang mit den Kindern machen! Manch einer hat auch kein Auto, was ihn in irgendeinen Wald bringen könnte, und was soll man denn dann auch andauernd im Wald! Es ist zum Piepen. An den Elbwiesen dasselbe. Viele Menschen, viele Kinder.

Wir also, wir leben auf und neben großen Gründen, auf denen man bolzen, springen, toben, rennen könnte.

Jetzt – Ha!- hat der Mann ein Nachbargrundstück ganz in unserer Nähe ausgemacht. Dort residiert eine Verwaltungsfirma in einem großen Haus mit riesengroßer Rasenfläche hintendran. Außen drumherum ein hoher Zaun, der ideale Fußballplatz. Denn, nachmittags gehen die Verwaltungsfräuleins nach Haue und nur ein Rentnerehepaar lebt noch dort unterm Dach. Niemand sonst. Die Rasenfläche ist brach, ungenutzt und vermoost, sie wird von niemandem genutzt, falls das eine Geige spielt. Das Tor ist auch unverschlossen, weil es nicht zu verschließen geht. Wir wissen schon, dass das sicher nicht rechtens ist, auf ein unverschlossenes Grundstück zu gehen, nur weil es unverschlossen ist, aber man kennt uns da! Und wir dachten – doof, wie wir sind – dass es einfach ALLEN Mitmenschen klar ist, was das im Moment für eine Belastung ist, der wir arbeitenden Eltern ausgesetzt sind.

Der Mann geht also manchmal dorthin um mit dem Blondino zu bolzen. Weil ja, wir alle sollen und wollen zum Gemeinschaftsschutz zu Hause bleiben und wenn raus, dann doch bitte nicht alle auf einen Haufen. Wir dachten, das sei angesichts der Lage doch in Ordnung. Denkste.

Zuerst wurden wütend unsere Federbälle konfisziert, danach traten die Rentner persönlich auf um dem Bärtigen mitzuteilen, das sei hier kein Fußballplatz! Nun, da hätten sie sich wohl spezifischer ausdrücken müssen, denn der Mann tauschte den Fußball gegen einen Segelflieger und spielte wieder in dem Garten. Dann!

Dann kamen sie, plärrten den Gatten an, das sei eine bodenlose Frechheit, die Polizei wöllten sie holen! Was der sich denken würde! Dabei rückte die Seniorin dem Kerl auf die Pelle, Geifer spuckend. Der Mann sagte: „Bitte halten sie Abstand!“, und ging einen Schritt zurück. Die Frau rückte auf, dass jeder weitere Schritt als Pettingversuch zu werten wäre und blaffte meinen armen Mann an: „Häh! Ich habe was! (hustet) Jetzt werden sie sich anstecken! Hähä!“. Der Bärtige hat versucht, auf die besondere Situation im eigentlichen und die Chance dieser ungenutzten ungepflegten Wiese im Besonderen hinzuweisen und um Solidarität gebeten, wurde aber verlacht und rausgeschmissen.

Der Mann war erregt, und das ist er selten. Ich bin sauer. Und zwar richtig! Das ist die Risikogruppe. Wegen denen schützen wir uns, damit die nicht krank werden. Entschuldigt, mir kommen Zweifel. In Zeiten, wo wir alle uns in Solidarität üben, Nachbarn Hilfe anbieten, nähen gegen den Mundschutzmangel, unsere Kinder zu hause betun und „nebenbei“ arbeiten, uns im Spagat befinden zwischen allen Anforderungen, da kommt mir sowas so richtig hoch!

Vielleicht schreibe ich den Besitzer des Grundstückes an um zu fragen, ob wir da gelegentlich spielen dürfen, und dann gehe ich mit der Seniorin in den Zweikampf! Mit Mundschutz! Ich bin die einzige Alte, die meinen Mann anschnauzen darf! Vielleicht verraucht meine Wut auch einfach unverpufft, aber ich weiß ganz sicher, wem ich garantiert nicht meine Nachbarschaftshilfe anbieten werde!

(saure Rike ab)

Rubbellose für Senioren

Ich will eigentlich nichts mehr über Alterserscheinungen, Geburtstage jenseits derer, wo ich einen Holzzug mit Kerzen auf den Tisch stelle und Ballons aufpuste, schreiben, aber. Aber einer muss euch ja warnen! Es geht alles den Bach runter, alles. Der Beckenboden, das Bindegewebe, die Sehstärke, alles.

Pass auf, hab ich mir doch aus Verzweiflung Amazongutscheine gewünscht zum Geburtstag. Ich weiß schon, keiner von euch bestellt beim bösen Amazon, sondern ihr alle kauft nur handgeklöppelte Waren beim Handklöppler um die Ecke. Lokal und regional und bio und öko. Ich natürlich auch! Natürlich.

Also, Amazongutscheine. Das musste sein, weil ich sonst hier einen Tisch voller Schnittblumen im allgemeinen und Nelken im Besonderen stehen hätte, Mon Cherie Pralinen, Rotkäppchensekt und andere Entsetzlichkeiten! Dabei bin ich überhaupt nicht anspruchsvoll, ich könnte sofort aus dem Stehgreif zehn Dinge nennen, die nicht mal zehn Euro kosten und über die ich mich immer freue! Badesalz, Duftkerzen, Kerzen überhaupt, Badeschaum, Badepralinen, irgendwas Gebasteltes und den Rest bis zur Zehn fülle ich mit reduzierten Taschenbüchern auf. Ihr seht, ganz einfach also. Eigentlich! Da ich aber neue Laufschuhe dringend brauche und notorisch pleite bin, dachte ich, ich lasse mir die so von allen schenken, ich cleveres Ding, ich.

Ich habe auch Amazongutscheine bekommen, so weit, so gut.

Gestern dann setze ich mich hin, die Gutscheine in der einen, das Handy in der anderen Hand. Wie geht das nun, kann ich das nacheinander auf mein Konto laden?! Also Googlen. Googlen ist wie Denken, nur weniger krass, harhar.

Guck an, ja, das geht. Link klicken, Seite aufrufen. Da steht dann irgendwas von „Geschenkkarten auf Konto laden“. Prima, ich komme klar. Eintippen oder Scannen? Na, beides, denn es gibt wohl Amazongutscheine, die aus Buchstabenkombinationen bestehen und welche nur mit Zahlen?! Hä? Komisch. Ich kenne mich nicht aus, ich kaufe die sonst nur um die selbst zu verschenken an Menschen, die eigentlich nur Bioökoregionales beim Handklöppler um die Ecke kaufen. Und ich habe Freunde, die mir Karten gekauft haben und Freunde, die geheimnisvolle Botschaften auf Geburtstagskarten geschrieben haben. Ob das ein Amazoncode ist? Probieren. Ich tippe. Mann ey, jetzt muss ich auch noch Handschriften entziffern! Wer solche Freunde hat…

„Dieser Code ist ungültig. Vermutlich handelt es sich um einen Tippfehler.“. Okay, aber dreimal, viermal? Der Code ist ungültig. Was ist hier los? Hat mein Freund Bruno mir etwa einen falschen Code geschenkt? Ob ich mal anrufe? Vielleicht hat er sich ja verschrieben? Nein, das ist peinlich. Aber ich muss mich schon sehr wundern. Kein Geschenk wäre durchaus einen Option gewesen, aber ein ausgedachter Amazoncode? Pfffff.

Nächste Karte. Scannen. Ich scanne mit dem Handy, das geht nicht. Die blöde Scheiße geht nicht! Einen Gutschein nach dem anderen versuche ich zu scannen, mein Handy kann das nicht lesen. Error, Error, Error.

Ich werde sauer. Was für ein Kackdreck, wollen die mich verarschen? Ich wünsche mir die Zeit zurück, als man zu runden Geburtstagen Geld an Zimmerpflanzen band oder romantisch in einen Briefumschlag steckte und es der Jubilarin ins Dekolleté schob. Boar!

Ich sitze also mit meinen Verarschungsgeschenken auf der Couch und denke, einen Versuch! Komm, Mädchen, einmal noch, dann schmeißte die ganze Scheiße in den Müll. Also los, wieder ein Gutschein zum Abschreiben. Vorsichtshalber noch die Lesebrille aufsetzen (sagt dir auch keiner, quasi über Nacht bin ich jetzt blind auf der Kurzstrecke; es ist nichts würdevoll am Altern). Gucken, tippen, gucken, tippen. Dann kommt dieses Prüffeld, ob ich Humanoid oder Android bin. Kennt ihr? Dieses Kacksdrecksfeld, wo wirr Buchstaben groß und klein mit Zahlen und Gekrissel in einem Kästchen stehen? Genau das. Und da bin ich aufgeschmissen! Ich kann nämlich niemals diese Zahlenbuchstabenkombination korrekt eingeben. Nie. Muss man die ominösen Leerzeichen mit tippen? Ich erkenne auch oft nicht, was dort steht. Ich rate also mutig drauf los und natürlich ist es falsch! Ich bin entlarvt, ich bin kein Mensch.

Der Mann findet mich fluchend mit zornigem Gesicht auf der Couch.

Was denn los sei, fragt er folgerichtig, auch wenn ich prinzipiell ja keinen besonderen Grund brauche, um zornig zu gucken. „Also, außer, dass der Bruno mir einen ungültigen Amazoncode geschenkt hat und diese ganze Scheiße hier überhaupt nicht funktioniert mit diesen Gutscheinen, ist nichts! Alles super!“. „Gib mal her. Hast du die richtige Seite aufgerufen? Die, wo man die Geschenkgutscheine einträgt?“. „Hältst du mich für total bescheuert? Ich werde ja wohl noch bei Amazon eine Seite finden?!“. „Ich frage ja nur. Hier, guck, also der Bruno hat dir vierzig Euro geschenkt, ich hab einfach nur den Code abgeschrieben.“(zeigt stolz sein Handy) „Du cheatest doch! Ich habe nichts anderes gemacht! Und da stand, das sei ungültig!“. Währenddessen nimmt der Mann sich kopfschüttelnd eine weitere Amazonkarte vor. Ich tue es ihm nach und will  beweisen, dass es eben nicht geht! Ich scanne also eine Karte, wie vorher auch und nein, das funktioniert nicht. „Siehst du, siehst du! Die Scheiße klappt nicht!“, schreie ich den Kerl an. Der schaut auf mich, auf die Karte in meiner Hand, wieder auf mich. „Ernsthaft jetzt?! DAS hast du die ganze Zeit gemacht? Genau so?! Du hast versucht, den Barcode der Verpackung zu scannen? Was bist du? Eine verfluchte Supermarktkasse?! Du musst die Scheißpappe natürlich erst mal abmachen! Oh Gott, ich glaub es nicht. Wie bescheuert kann man denn sein?!“. „Woher soll ich das denn wissen? Steht das irgendwo? Nein! Das ist voll nutzerunfreundlich!“. „Das steht bestimmt sogar irgendwo drauf für solche Dummdödel wie dich, aber du kannst es ja eh nicht mehr lesen, wenn es nicht in 22pt gedruckt ist Gib her!“, und reißt beherzt die Pappe auf. „So, und jetzt rubbelst du das Feld hier oben frei und DANN ist darunter der Amazoncode. Und DANN kann man den scannen!“. „Was? Ich rubbel hier was frei? Das kann nicht denen ihr Ernst sein. Wo denn? Womit?“. Ich kratze dann mit einer Karte auf einer anderen fluchend drauf rum. Meine Finger sind ruckzuck schwarz, die blöde Rubbelscheiße geht nicht runter und allenfalls winzige Hieroglyphen, so klein wie Ameisenköttel, kommen zum Vorschein.

Ich konstatiere in meiner Not, ich bin ohne den Mann komplett aufgeschmissen. Der betitelt mich ohne Unterlass als selten dämlich und schüttelt wie ein Parkinsonpatient ohne Unterlass den hübschen Kopf. Ich atme tief durch, beschimpfe ihn innerlich lautlos als kotnaschenden Hodenkobold und bitte ihn dann (aus Verzweiflung, wie tief kann man sinken), mir doch bitte die Gutscheine zu scannen. Und klapper mit den Lidern. Versuche ein Lächeln. Er macht es.

Den Rest des Tages singe ich lautstark:

„Soy un perdedor! I´m loser, Baby, so why don´t you kill me!“

Und beim nächsten Mal bitte Nelken und Mon Cherie. Passt schon.

Geburtstagsgedanken

Heute bin ich neunundvierzig. Morgen fünfzig.

Absurd. Alles! Diese Zahl, die in der Vergangenheit darüber entschied, ob ich zu jung oder zu alt war. Diskobesuche nach zweiundzwanzig Uhr, zum Beispiel. Ich wurde auch mit zwanzig nie nach meinem Ausweis gefragt, ich hatte einfach alte Augen. Das ist mir heute klar, heute, wo über die schwärende Ganzkörperwunde meiner Seele eine dicke Hornhaut gewachsen ist, die nur manchmal juckt und ganz selten aufbricht – zum Glück. Zum Glück bin ich jetzt alt!

Meine persönliche Zeitrechnung beginnt vor zweiundzwanzig Jahren. Da traf ich den Bärtigen, von da an wurde alles gut. Vielleicht war er der erste Mann, der keine Angst hatte, sich mir zu stellen, vielleicht war er einfach zu jung um sich derartige Gedanken überhaupt zu machen. Mein Gott, zwanzig. Ich bin wie ein schwarzes Loch, was sämtliche Energie der Umgebung einsaugt, in saugendes Loch. Ich hatte mein Leben lang das Gefühl, es ist niemals genug Liebe da für mich und schlug wie ein verhungertes Tier meine Zähne in alles, das „Liebe“ versprach.

Ich weiß, die Umstände, warum ich eine derart fürsorgliche Mutter bin, dass sogar Begriffe wie „Rollatormutti“ völlig wirkungslos an mir abprallen, sind dem Umstand geschuldet, dass ich schmerzhaft weiß, was ein Manko an Elternliebe und das Fehlen von Bestätigung, Bewunderung und tausendfacher Versicherung des Geliebtseins und der immerwährenden schützenden Hände in der Entwicklung eines Kindes auslösen. Auslösen können. Unter fiesen Umständen. Kinder ohne Halt werden zu Erwachsenen mit haltlosem Verhalten.

Dass ich so lieben kann, so tief, dafür danke ich jeden Tag. Überhaupt ist Dankbarkeit für mich wie der Schirm, der über jedem meiner Tage spannt. Das Gefühl, dass sich alles findet, alles gut wird, dass ich beschützt, geliebt und angenommen bin. Die Glückseligkeit darüber, wie reich ich bin. Und ja, es gibt sicher Menschen, die sich meine Biografie ansehen und mir auf die Schulter klopfen würden und sagen, das hätte ich mir alles selbst „erarbeitet“. Ich mag diesen Satz nicht, weil einfach nicht alles im Leben nur von persönlichem Ehrgeiz und Fleiß abhängt.

„Life is a strange thing, just when you know how to use, then it´s gone.“, sangen irgendwann die Shakespeares Sisters und ich hoffe, meine Altersweisheit bedeutet nicht, dass die Uhr schon zwölf geschlagen hat.

Fünfzig zu werden ist nicht so ein großes Ding, nicht so wie vierzig. Glaub ich zumindest. Das ist, warum ich das jetzt hier schreibe. Ich verstehe es jetzt.

Pass auf, ich hole jetzt die fette Metaphernkeule raus. Ihr müsst kurz tapfer sein.

Tulpe-mittelalt

Guck Dir diese Tulpe an. Ich liebe Tulpen! Jeder mag Tulpen, oder? Gut, ich mag sie eigentlich nur ganz ganz frisch. Ihr kennt das, die Blüte scheint nur zaghaft aus den äußeren Blütenblättern, heimlich nur winden sich die farbigen Blätter aus ihrer Hülle, obszön fast in ihrer angedeuteten Schüchternheit. Die ganze Blume scheint kühl, als hätte sie alle Lebensenergie und alles Wasser der Erde in sich gespeichert, die Oberfläche der Stängel glatt, sie quietscht elastisch beim Biegen. Ein Sinnbild für Jugend.

Nie sind Tulpen schöner, als kurz nach dem Schnitt. Dachte ich.

Ich saß neulich vor diesem fünf Tage altem Strauß, blickte auf die faltigen Außenblätter und die verblassende Farbe und dachte mir, es wird Zeit. Der muss weg. Dann, aus einem Impuls heraus habe ich mir die vertrocknende Blüte angesehen. Und ja, vielleicht wusstet ihr schon vor mir, was mir in diesem Moment für Gedanken kamen. Alles nach außen gedreht, alle Farben, all die Schönheit und Einzigartigkeit, nichts heimliches, verstecktes. Die Blätter sind kurz vorm Fallen, aber die Blüte erstrahlt selbstbewusst und unendlich schön empor zum Himmel und… okay! Nein, ich denke natürlich nicht, dass ich eine Tulpe bin und nun isses auch mal wieder gut mit den an den Blütenblättern herbeigezogenen Vergleichen!

Was ist sagen will, ist, dass mir klar wurde, was der Satz: „Die Jugend ist an die Jugend verschwendet!“, bedeutet. So viele Möglichkeiten und keine Ahnung davon. Nein, ich möchte nicht noch mal jung sein. Ich möchte lange, sehr lange so bleiben, wie ich jetzt bin. In dem, wo ich bin und mit wem. Ich bin so glücklich und vor allem so glücklich, dass ich das so empfinden kann!

Alter und Weisheit, da sehe ich einen gebeugten Greis mit Stock und weißem Bart, und vielleicht seid ihr alle schon vor mir am Ziel gewesen und seid auch sicher, wer ihr seid und warum, aber mir sind diese Bewusstseinsebenen irgendwie verschlossen gewesen. Ich habe mich echt abgequält mit der Selbstoptimierung und dem Gefallenwollen, besonders mit dem Gefallenwollen. So viele Jahre, warum nur?

Jetzt ist das alles irgendwie klar. Und ich trauere auch nichts mehr hinterher. Alle Erfahrungen, besonders die, die so sehr weh getan haben, haben mich hierhin geführt. Ich hatte solche Angst, vierzig zu werden, ihr ahnt es ja nicht, und dann waren die letzten zehn Jahre die schönsten meines Lebens! Und ich habe wirklich vor, das in zehn Jahren auch über die nun kommenden zu sagen.

Ja, das Unsichtbarsein, das musste ich erst lernen. Irgendwie um den fünfundvierzigsten Geburtstag herum bemerkte ich, dass mich Männer (und Frauen) auf einmal anders ansahen. Für die Einen war ich plötzlich nicht mehr Konkurrenz um das Supersperma, für die anderen keine geeignete Kandidatin für ihr Supersperma. Also, wenn ich das mal auf evolutionsbiologische Vorgänge herunterbrechen darf.

Das war schmerzhaft, ein bisschen. Niemand flirtet mehr mit mir! Das einzige Mal, wo mich in letzter Zeit ein fremder Mann angeschaut hat als wäre ich ein Schweinerollbraten, das war im vergangenen Jahr und ich denke, der Kollege hatte wirklich nur Hunger, denn wir waren beim Mittagessen. Herzklopfen hatte ich dennoch, ein bisschen. Ich bin ja nicht tot.

Mir ist das in den Jahren davor gar nicht aufgefallen, wie viel und wie sehr das Sexualisierte im Alltag mitschwingt, aber ich merke jetzt deutlich den Unterschied. Da ich am Ende meiner Fruchtbarkeit angekommen bin, wird wirklich von allen um mich herum nur das Innere der Blüte gesehen, was eigentlich total super ist! Es geht nur um Leistung, Beitrag, Meinung, Tat. Und deshalb möchte ich das „nur“ in diesem Satz zurücknehmen. Die Schönheit eines Menschen macht wirklich aus, was er denkt und tut. Ich bin froh, dass ich selbst in jungen Jahren diese „Bauhaus“-Herangehensweise an andere Menschen schon für die einzig wahre hielt. Form follows function. Und deshalb bin ich auch jetzt von schönen, wunderschönen und herzensreichen Menschen umgeben. Gelebte Liebe ist die einzige Währung zwischen Menschen, die wirklich zählt auf der Welt.

Außerdem habe ich ja einen jungen Kerl, höhö. Der steht in der Blüte seiner Jahre, stark wie ein Baum und mit Supersperma, aber nix da, meiner! Manchmal guckt der mich seltsam an und fragt, ob das jetzt so weitergeht, dass mir jeden Tag was anderes wehtut und meine Stimmungsschwankungen, ALTER! Ich streichle ihm dann gern über den hübschen Kopf und erkläre, dass das hier immer noch freiwillig sei. Das alles. Und dass er jeden Tag aufs Neue entscheiden darf, ob er das noch will. Und dass meine Liebe zu ihm nichts daran ändern wird, ob er sich weiterhin für mich entscheidet oder lieber eine Dreißigjährige will. Gut, die will dann sicher Kinder bekommen und dann ist wieder nix mit Schlafen und ja, die wird auch irgendwann in die Wechseljahre kommen, aber er kann das alleine entscheiden.

Meine persönliche Zeitrechnung beginnt vor zweiundzwanzig Jahren. Da traf ich den Bärtigen. Etwa um die gleiche Zeit, es war Januar. Ich bin also heute zweiundzwanzig. Alles, was ich habe, jedes bisschen Glück, ist seine Schuld. PS. Er wohnt noch hier, heute hat er sich wieder mal für mich entschieden.

 

 

Neujahrsvorsätze

Neujahrsvorsätze

Neujahrsvorsätze sind so Sätze, die man vor Neujahr sagt. Und die dann spätestens ab Hochneujahr vergessen sind. Also dann, wenn alle Menschen bei Tchibo Fitnessshirts und Faszienrollen gekauft haben, enthusiastisch dämliche AbnehmApps im jeweiligen Appstore heruntergeladen und wenigstens einmal neugierig und ob der Preise ungläubig staunend durch den Bioladen geschlendert sind (und im Anschluss drei Schnitzel für drei Euro im Discounter gekauft haben).

Ich weiß nicht mehr, an wie vielen Neujahrstagen ich beschlossen habe, ab jetzt nicht mehr zu rauchen. Irgendwann war es dann ein unscheinbarer Septembertag, an dem ich tatsächlich meine letzte Zigarette geraucht habe und es gab nicht mal ein Feuerwerk. Egal, die vielen Neujahrvorsätze haben bestimmt die Vorarbeit dazu geleistet!

Was ich sagen will, dieser Tag eignet sich gut für eine innere Inventur, eine kritische und wohlwollende Bestandsaufnahme. Wer bin ich, wo bin ich und habe ich ein Navi dabei? Eine Karte? Einen Plan? Einen Führer? (Man wird doch 2020 wieder „Führer“ schreiben dürfen, oder?! Nein? Oh, ok.) Und: Führe Guide ich oder möchte ich an die Hand genommen werden? Wohin soll die Reise gehen und habe ich die richtigen Schuhe an? Zwölf Monate, dreihundertfünfundsechzig Sonnenuntergänge, die vor mir liegen. Das neue Jahr als Chance, als unbeschriebenes Blatt im ganz persönlichen Lebenslauf. „Chance“, das bedeutet im Französischen „Glück“. Chancen zu sehen für sein eigenes Wachsen und Veränderungen, welch ein großes Glück!

Nun rauche ich ja nicht mehr, trinke keinen Alkohol, lebe freiwillig monogam und esse schon mein Leben lang ungern Fleisch bei gleichzeitig zwanghaftem Drang zu sportlicher Betätigung. Nach gängiger Mode hinsichtlich eines ordentlichen Lebensstiles kann ich getrost sagen, meine guten Absichten für das neue Jahr klingen wie die Werbung für kalorienreduzierte Wurst: „Ich will so bleiben wie ich bin – du darfst!“, allerdings muss ehrlich gesagt werden, dass ich mich bis zu diesem Punkt der Einsicht und Selbstakzeptanz fast fünfzig Jahre abgeplackert habe und dass diese wohlwollende und annehmende Haltung nüchtern und nichtrauchend betrachtet eigentlich nichts mit dem Fehlen irgendwelcher Laster zu tun hat. Sondern mit dem Umstand, dass ich mich selbst mehr liebe ohne selbstzerstörerisches Verhalten, das mich leider anzieht.

Aber es geht ja nur darum, seine eigene Kompassnadel auszurichten. Es gibt Menschen, die sich besoffen und dauergeil einfach mal dauergut fühlen und wenn sie damit keine anderen Menschen gegen ihren Willen belästigen, super! Und natürlich im Anschluss ihre Schnapspullen im Glascontainer entsorgen, natürlich.

Wie ich jetzt darauf komme?

Ich war gestern Morgen laufen, das mache ich seit vielen Jahren an jedem Neujahrsmorgen. Und ich war entsetzt. Entsetzt darüber, dass es ganz offensichtlich am Neujahrsmorgen 2020 ganz genauso aussieht wie am Neujahrsmorgen 1999, zum Beispiel. Dass es nach einem Jahr voller Greta und Klimagipfel und Resolutionen, Demonstrationen, FFF und Grannys for future und Aufklärung durch quasi jedes frei zugängige Medium dennoch so aussieht wie es aussieht.

Mensch, wie sieht es denn hier aus?!

Am Silvesterabend schon stand ich an dem schönen Fluss, der durch meine Lieblingsstadt fließt, und stellte keine mengenmäßige Veränderung fest, was Feuerwerk, Böller und Raketen anbetraf. Das war auch nicht anklagend oder kritisierend, einfach nur feststellend.

Am Morgen danach kommt mir das Kotzen. Ich kann es einfach nicht fassen, das Bild, das sich mir bildet. Der Mensch ist dumm und ignorant und nur auf die Maximierung des eigenen Lustgewinnes aus (ich habe noch nicht gefrühstückt, da zünde ich schnell), der Mensch ist schlecht. Ich denke unwillkürlich an die Titanic, während ich über den knirschenden Asphalt laufe, das Schiff sinkt, im Maschinenraum arbeiten die Ingenieure wie besessen um das Schiff zu retten und im Ballsaal schütten sich die Gäste mit Champagner zu und tanzen fröhlich, als wäre rein gar nichts passiert. Ein Eisberg? Ach was, das ist doch nur Panikmache!

Das muss man erst mal verstehen. Da stellen Menschen, die möglicherweise an dreihundertsechzig Tagen im Jahr behaupten, Bio und regional sei zu teuer, Batterien und Knallzeug auf den Gehweg, was so teuer ist wie eine Schweinslende in Demeterqualität und -Puff!-Peng!- ab damit in den Himmel. Danach gehen sie nach Hause. Der Müll bleibt liegen, ebenso der Plastikbeutel, in dem sie ihren Knallmüll herbeigetragen haben. Daneben die Sektflaschen zum Anstoßen – Zack! Ab auf die Wiese damit und mein Sektglas schmeiße ich an die Wand, das wird Glück bringen! – wird sich schon irgendwer darum kümmern, mir doch egal.

Und mir dämmert, Veränderungen müssen vielleicht einfach „näher dran am Menschen“ beginnen. Bei Silvester heißt das vielleicht nicht: „Kauft keine Knaller! Das ist schädlich für die Umwelt!“, sondern: „Nimm deinen Scheißmüll gefälligst wieder mit nach Hause! Sammel doch einfach den Dreck ein, den du machst, wenigstens den sichtbaren. Danke! Und Prost Neujahr!“. Müllentsorgung kommt vor Müllvermeidung in der Bewusstseinskette.

Biologisch abbaubare Böller – eine Alternative?

Morgens um neun war die Dresdner Stadtreinigung bereits am Schillerplatz im Einsatz und gegen zehn sah es rund um den Schillergarten aus wie frisch reinegemacht und mit Pril gewienert. Dazu muss man wissen, dass in diesem Viertel die Stadtrundfahrt durchfährt und hier zwischen den Villen an der Elbe die reichen Touristen promenieren, und die will man natürlich mit einem sauberen Ambiente erfreuen, also die Stadtväter möchten das.

Geputzt wird am ersten Januar nach meinem Beobachten nur bis zur Waldschlösschenbrücke, danach fängt Johannstadt an und das ist nicht so wichtig, ob es dort dreckig ist, und Pieschen? Ach, nach Drecks-Pieschen kommt die Straßenreinigung gar nicht in der ersten Januarwoche! Dort sieht es aus wie nach dem Krieg (oder was unsereiner darunter versteht).

Aber in Pieschen habe ich am ersten Januar junge Menschen gesehen, die mit Beuteln bewaffnet am Elbufer entlang gingen und Silvestermüll aufsammelten. Und später auch in Blasewitz eine ganze Familie, die während eines Neujahrsspazierganges Beutel dabei hatte, aus denen Holzstöcke von Raketen ragten.

Der Bärtige sammelt unseren Müll auf, trennt ihn säuberlich und streichelt meine empörte Faust, während er mich zu besänftigen versucht. Die Menschen würden „das“ nicht vorsätzlich tun und es gäbe zu wenig Mülleimer an der Elbe und jeder Mensch muss sein Verhalten für sich selbst entscheiden. Und da irrt er ja gewaltig, wie ich finde.

Ich habe deshalb beschlossen, am nächsten Silvesterabend Müllbeutel zu verteilen an der Elbe. Wahrscheinlich werde ich verkloppt. Oder zumindest bepöbelt. Ich werde den Menschen einen schönen Silvesterabend wünschen und ihnen – falls sie keinen eigenen Abfallbehälter dabei haben – einen schenken mit der Bitte, ihren Müll aufzusammeln und einfach nur neben den nächsten Mülleimer zu stellen und die Flaschen bitte nicht zu zerschmeißen, wegen der Schwäne, Enten, Gänse, Kinder, Scheißkinder! Denkt ihr gefälligst auch mal an die Scheißkinder! Ihr ignoranten Arschlöcher!“. Das wird super.

Und so schreibe ich auf mein leeres Blatt 2020 einen einzigen Satz nur: Da geht noch mehr! Und ich hoffe sehr, dass das stimmt.

 

 

The Beitrag before known as „Jahresrückblick“

*EinBlogistkeinTagebuchEinBlogistkeinTagebuchEinBlogistkeinTagebuchEinBlogistkeinTagebuchEinBlogistkeinTagebuchEinBlogistkeinTagebuch*

Hier stand bis vor wenigen Tagen ein Artikel, den ich hastig am ersten Weihnachtsfeiertag heruntergeschrieben habe. Nun ist er weg!

Ich habe ihn gelöscht. Und ja, es ging eigentlich nur darum, Informationen aus einem Drittel des Artikels vor der „breiten Masse“ zu verbergen, aber ich bin da rigoros. Die Weihnachtsbilder, ja, das ist schon schade. Baum, Erzgebirgskunst, ihr wisst, wie sowas aussieht! Kein Verlust. Dann war noch ein Foto von mir am Strand, kein Verlust.

Das mit dem Internet ist es ja so eine Sache. Ich denke zwar manchmal, wir sind hier eine große nette Familie, aber das stimmt ja nur bedingt. Die Inhalte sind halt immer auch für die Menschen zugängig, mit denen man sie vielleicht gar nicht vordergründig teilen wollte! Tja. Und dann noch diese Scheißdrecksimpressumspflicht. Danke, europäische Rechtssprechung! Hier ist ja niemand anonym, also nicht, wenn Du eventuell und möglicherweise einen Service anbieten wollen würdest, der gegebenenfalls als Produkt oder Dienstleistung und ach was weiß denn ich schon, gelabelt werden könnte. Dann musst du eine ladefähige Adresse angeben! Und wer kennt sich schon mit der Grauzone aus. Ich ja nicht. Und diese Adresse, also da fährst du ja dann auch morgens mal raus, aus der Einfahrt. Und dein Kind sitzt im Auto.

Das ist hier nicht anonym, nicht für mich. Und ja, leider!

Deshalb werde ich mich ab sofort ein wenig bremsen mit Details und auch mit Fotos. Nicht wegen mir! Denn, wer bloggt, dem ist ein voyeuristischer Wesenszug nicht abzusprechen, aber wegen meiner Familie! Ich danke denjenigen, die so herzlich kommentiert haben, sehr. Aktuell bin ich unsicher, inwieweit bestimmte Themen hier zukünftig weiter abgehandelt werden sollten. Damit keines meiner Kinder einen Nachteil hat aufgrund meiner Geschwätzigkeit. Das ist verständlich, oder? So von Mutter zu Mutter, oder zu Vater?

Peace, ihr alle und ein gutes neues Jahr für uns alle! Voller Liebe, gegenseitiger Wertschätzung und Respekt. Das wünsche ich uns. ❤

Erntedank

Nein, es geht hier nicht um Blätter und Wetter und die aktuelle Jahreszeit. Nein, das wird kein Herbstspecial. Vielmehr will ich etwas anderes erzählen, das für mich mit dem Wort „Erntedank“ zu tun hat, wenngleich im übertragenen Sinne.

Ich war die letzten fünf Wochen alleine mit meinem großen Sohn, wie ihr ja bereits wisst, und für diese Zeit bin ich so unendlich dankbar. Zwar war er dreizehn Jahre der „einzige“, weil Einzelkind und man sollte meinen, wir hätten doch in den vergangenen Jahren wirklich viel Zeit miteinander verbracht, aber das ist irgendwie anders jetzt. In den vergangenen sechs Jahren hatte er nie meine ungeteilte Aufmerksamkeit, der große Sohn, weil ich mich ja um seinen kleinen Bruder kümmern musste. Nun, da der Bärtige mit dem Blondino auf Kur weilt, sind es wieder nur wir zwei.

2006

Wer hier  schon länger mitliest, weiß, dass mein Erstlingswerk ein besonderer Junge ist, und das war und ist er wirklich. Sagen das nicht alle Mütter über ihre Söhne? Vielleicht. Hach, ich würde euch so gern ein Foto zeigen von ihm, von dem jungen Mann, der er geworden ist und ihn euch allen vorstellen! Das geht ja nun aber nicht und deshalb müsst ihr mir einfach glauben, dass er wunderbar ist! Und euch begnügen mit den Kinderfotos, die ich euch zeige.

Ich habe mal behauptet in irgendeinem Kontext, dass ich glaube, die einen haben schlimme Jahre mit ihren Kindern vor deren zwölftem Geburtstag und die anderen eben danach, wegen der ausgleichenden Gerechtigkeit. Ich weiß natürlich nicht, ob das stimmt, habe aber genau diese Erfahrung hier gemacht. Mit dem Großsohn.

Der war sein ganzes Kinderleben „komisch“, wurde abgelehnt von Bezugserwachsenen, anderen Kinder, weil er sich partout nicht „normgerecht“ verhielt und irgendwie nicht zu kapieren schien, wie das mit dem normativen sozialkompetenten Verhalten funktioniert. Ich denke, ab dem zweiten Geburtstag ungefähr ging das los. Von da an war ich permanent zu Gesprächen bei Kindergärtner*innen, Kinderspycholog*innen, Lehrer*innen und so weiter. Ich habe mir jahrelang zu Herzen genommen, was sie schlechtes über meinen Sohn sagten. Es traf mich in der Mitte, mittenrein, jahrelang. Ich ging zu Eltertrainings, bei denen ich in Rollenspielen lernen sollte, wie ich meinem Sohn Grenzen beibringe. Ich saß auf Stühlen, Hockern, Sesseln und hörte irgendwelchen Experten und Respektspersonen zu, wenn sie mir erzählten, was alles an meinem Kind nicht stimmte und wie ich (!) doch mit meiner Vorbildhaltung und meinem Erziehungsauftrag dort gegenzusteuern hätte.

Das ging zehn Jahre so. Zehn. Jahre.

Mein Sohn war ein wunderbar fantasievolles, übersprudelndes Kind, das sich mehr und mehr in sich zurückzog, da er die Ablehnung durchaus spürte und nicht wusste, was er denn tun könnte, um dazuzugehören. In all den Jahren hatte ich so viel Kummer, Herzschmerz und ich sorgte mich so unendlich. Was sollte denn nur aus diesem Jungen werden? Wird er jemals Freunde finden? Anschluss in der Gesellschaft? Was habe ich nur falsch gemacht?! Mein Leben als Mutter dieses Kindes erschien mir wie eine niemals endende Prüfung. Die Sorgen überlagerten oft die Freude, die mir dieser Junge eigentlich tagtäglich machte. Ob ich wollte oder nicht. Bei allen anderen Müttern in meiner Welt sah alles so leicht aus, so „normal“, nur bei uns war Chaos und Unverständnis, nur ich musste mich so abmühen, nur mein Sohn war so unbeliebt und ungeliebt. Außer von mir. Warum verdammt, warum?

Es waren beschissenen Jahre. Für uns alle. Und ich habe nicht vergessen, wer in meiner Familie und meinem Freundeskreis dieses Kind annehmen konnten, wie es war, und ihm Freundschaft entgegenbrachte. Es war nur eine Handvoll Menschen. Damals war das gesellschaftliche Bewusstsein noch nicht ausgerichtet auf Menschen mit anders gearteter Informationsverarbeitung, Asperger Autisten kannte keiner, ADHS wurde im gleichen Atemzug genannt wie „verzogen“ und „Kevinismus“.

2007

Es wurde besser. Tatsächlich wurde es besser, langsam erst, kaum spürbar, aber dennoch, ja.

Die Pubertät kam und während andere Miteltern aufstöhnten unter den hormonellen Verzauberungen ihrer süßen angepassten Kinder, hatte ich immer noch Sorgen ganz anderer Art. Nach wie vor erschien der Weg unseres Sohnes kaum vorhersehbar. Behindertenwerkstatt, betreutes Wohnen, dergleichen Begrifflichkeiten kamen in den Gesprächen vor, die wir Eltern führten. Gespräche, die anderen Eltern pubertierender Kinder erspart blieben. Was soll nur aus ihm werden? Wird er selbstbestimmt leben können irgendwann? Und immer wieder trotzte ich gegen die vorgegebene Norm: Mein Sohn gehört doch in keine Behindertenwerkstatt! Hallo?! Nur, weil ihr es euch leicht machen wollt mit Menschen, die im Gleichschritt neben euch marschieren? Dennoch, irgendwie wurde alles leichter während dieser viel beschriebenen, von vielen Eltern mit Schauder erwarteten, Pubertätsjahre. Mein Kind wurde erwachsen, einfach so.

Und jetzt lebe ich hier mit einem neunzehn Jahre jungen Mann, der dank Integrationshilfe im kommenden Jahr sein Abitur machen wird. Ein junger Mann, der mich neulich morgens weckte mit dem Worten, er befürchte, ich verschliefe sonst und die Kaffeemaschine habe er auch schon für mich angemacht. Ein junger Mann, der noch nie einen einzigen Tag Schule geschwänzt hat, der liebevoll und höflich gegenüber seiner Umwelt ist. Immer noch ein wenig zu sprunghaft manchmal, laut auch, aber irgendwie dennoch gereift, fertig beinahe. Jemand, der sich um Beziehungen bemüht und Freundschaften versucht zu pflegen. Der auswendig lernt, wie charmantes Verhalten geht, weil er es so gern sein möchte. Charmant, beliebt. Und dem es immer öfter scheinbar spielend leicht gelingt.

Ich sehe ihn an und das was ich fühle, versuche ich zu beschreiben, denn das ist ganz und gar wundervoll. Ich blicke auf zu ihm, er ist größer als alle Menschen in unserer Familie, sehe in seine sanften großen nahezu schwarzen Augen und denke, dass es wirklich niemanden auf der ganzen Welt gibt, den ich so sehr liebe und auf diese Weise, wie ihn. Ich bin so unendlich stolz auf ihn. Und stolz auf mich. Das ist mein Sohn! Meiner! Ich sehe einen Garten voller Blumen und Pflanzen, der gewachsen ist unter meiner Obhut und gegossen mit meinen Tränen und meiner Liebe. Dort, wo niemand fruchtbare Erde vermutet hat.

Das, was ich mir viele Jahre überhaupt nicht vorstellen konnte, ist jetzt greifbar. Ich kann mir vorstellen, was mal aus ihm werden könnte. Nämlich alles! Aus diesem Jungen, auf den kaum einer wetten wollte noch vor zehn Jahren, ist ein toller junger Mann geworden. Einfach so.

2008

Das hier geht raus an alle Kleinkindeltern, die vollkommen verzweifelt sind, weil sich ihre Kinder nicht so entwickeln, wie sie sich das vorgestellt hatten. Das hier schreibe ich für alle Eltern mit Teenagern, die scheinbar von einem Tag auf den anderen außer Rand und Band zu sein scheinen. Das hier ist für alle Mütter und Väter, die sich fragen, warum gerade bei ihnen scheinbar nichts so funktioniert, wie es in den dicken schlauen Büchern steht: Glaubt mir, alles wird gut! Und ihr werdet staunen und euch freuen, wenn ihr euren Kindern beim Wachsen und Werden zuseht. Nichts ist umsonst. Jede Aufmunterung, jedes: „Ich glaube an dich, du schaffst das!“, jedes: „Ich bin so stolz auf dich!“, und jedes: „Ich liebe dich so sehr, schön, dass du da bist!“, ist wie Dünger, Langzeitdünger für die Entwicklung eurer Kinder. Und ihr werdet es sehen, später, alles geht auf. Ihr werdet ernten, was ihr sät. Das ist das Beste, das aus Liebe entstehen kann.

„Kleine Kinder, kleine Sorgen…“, dieser Spruch war gestern. „Große Kinder, großes Glück“, das ist morgen.

 

 

 

 

Ein Kaffee für Frau Nieselpriem

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Der Herbst der Liebe

Der Herbst der Liebe

Der Herbst ist da, und mit ihm der Specht. Das kommt jetzt nicht so überraschend, aber wartet mal ab! Ich bin ja nun alt und weise und habe zu allem eine Meinung, die aufgrund meiner Altersweisheit nun wirklich auch mal gehört werden sollte. Also hört zu.

Der Herbst ist die ehrlichste aller Jahreszeiten, da bin ich ziemlich sicher. Der Frühling benimmt sich wie eine Jahreszeit auf Pubertät: Gleißender Sonnenschein, dreißig Grad und im nächsten Augenblick Blitze und Hagelschauer. Raus aus den Klamotten, rein in die Klamotten, ja, nein, vielleicht, der Frühling ist anstrengend für die Gefühle. Der Sommer dann protzt mit seiner Obszönität. Alles ist hell, heiß und nichts bleibt mehr der Fantasie verborgen, über rein gar nichts liegt auch nur der Hauch eines Schattens. Wildfremde Menschen entblößen sich vor meinem kränkelndem Auge, liegen und sitzen schwitzend, Pheromone ausdünstend, ungefragt in meiner Gegenwart. In einem Schwimmbad zum Beispiel. Oder im Biergarten. Wer will das schon. Und Sex, also Sex im Sommer, nein wirklich nicht. Unter der kalten Dusche vielleicht, aber ich habe es doch mit der Hüfte und kann nicht so lange vorn übergebeugt… nein, also ich möchte diesen Teppich nicht kaufen.

(*Anmerkung der Redaktion: Die Autorin hat rein gar nichts mit der Hüfte, diese Behauptung wurde nur der Dramaturgie wegen aufgestellt. Die Autorin verfügt über elastische Gelenke, biegsam wie Weidenzweige im pubertierenden Frühjahr.)

Jetzt endlich, endlich, scheint das Jahr 2019 erwachsen zu sein. Der Herbst ist da. Man darf sich hinter einem Schal verstecken, der Anblick eines entblößten Stückchens Haut ist endlich wieder eine Überraschung, und abends kann man allein oder in selbst gewählter Gesellschaft heiße Schokolade oder meinetwegen Whiskey (oder heiße Schokolade mit Whiskey, ja, Rotwein geht auch. Saft auch! Milch von mir aus, ist mir doch egal, schweig, Stimme in meinem Kopf!) vor einem knisternden Feuer trinken und muss nicht schales Radler aus tropfenden Bierkrügen inmitten anderer Menschen auf kippelnden Biergartenstühlchen saufen, weil das eben zum Sommer dazugehört! Bücher lesen, Hände halten, dem Sonnenuntergang zusehen, all das macht im Herbst viel mehr Spaß. Wer will schon die verschwitzte Hand eines anderen Menschen bei vierzig Grad im Schatten halten und wer hat denn schon Zeit stundenlang zu warten, bis die renitente Sommersonne endlich endlich untergeht. Und das Wetter. Also das Wetter ist wunderbar im Herbst. Ehrlich! Wenn es warm ist, dann fühlt es sich an wie ein Geschenk, das von Herzen kommt. Die Sonne hat eine goldene Farbe, nicht gleißend wie im Frühling oder heiß und unbarmherzig wie im Sommer. Die Herbstwärme dieser Sonne ist wie die Liebe einer reifen Frau.

In diese wunderbare, ehrliche Jahreszeit passt neben heißer Schokolade und Rilke-Gedichtsbänden auch super der Herr Specht.

(c) Michael Specht

Michael Specht geht wieder auf „Liebe nur“-Tour und mein Schlüpfer ist feucht vor Freude. Wen das jetzt irritiert, der lese sich doch bitte hier noch mal in den Kontext ein. Das mit dem Schlüpfer ist eine vollkommen normale Reaktion. Der Typ ist einfach heiß, ich denke, das kann jeder sehen!

Michael wie Michael Specht. Die menschgewordene Offenbarung aller Liebenden und Suchenden. Der Geheimagent unter den kulturellen Geheimtipps. Die sächsische Antwort auf Telly Savallas… oder irgendwas anderes. Ein Mann, dessen Äußeres so unbeschreiblich ist, dass der Naturschutzbund jüngst erklärte: „Der Specht ist der Vogel des Jahres 2014!“,

schrieb ich schon 2014 und nun flankt ein Teil dieses Zitates auf dem Tourplakat. Ich bin so stolz und fühle mich, als wäre ich die Mutter von Mario Götze, als der im Finale der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien gegen Argentinien in der 113. Minute das 1:0 für die DFB-Elf erzielte. „DAS IST MEIN JUNGE!“. Wobei ich sagen muss, dass ich wirklich keine mütterlichen Gefühle hege für Herrn Specht. Also eher Eisprung als Milcheinschuss, ihr wisst schon. Irgendwas davon lösen ja die meisten Männer aus…

Ich habe das Programm im Februar gesehen und selbstverständlich bin ich wieder mit dabei, wenn Herr Specht sich die Seele und sein ganzes Herz aus dem Leib spielt und singt, wenn die BHs durchs Boulevardtheater fliegen, Michael alle „Ursula“-s im Saal antanzt wie Elvis the Pelvis und Tempotaschentücher und Süßigkeiten in der Gegend rumwirft, vierzig Bier in zwei Stunden trinkt, sich an- und um- und auszieht, „Ich kenne eine Wiese schön, dort möcht´ich mit dir Bumsen, Bumsen, Bumsen pflücken gehn, Kathleen!“, singt und (hoffentlich) alle mitsingen. Und wenn Michael Specht dann „Gorbitz im November“, singt und die Gänsehaut des Saales wie eine Buckelpiste ist, die ich auf meinen Rührungstränen entlanggleite, dann werde ich diesmal danach meine kleine Faust in den Dresdner Nachthimmel recken, nämlich genau dann, wenn er seine Farbe von schwarz zu grau wechselt, und schreien: „Peter Fox, wisch die Kotze vom Kotti! Gorbitz im November, du Plagiarist!“.

(c) Michael Specht

Wie ist das mit der Liebe? Hat ein Recht auf Liebe in unserer von Filtern und Instastories beherrschten visuellen Welt nur derjenige, der mit BMI und allen optischen Eckdaten dem Mainstream entspricht? Und wer gibt all den anderen Sehnenden eine Stimme? Der Specht macht es. Und nimmt uns mit auf seine Suche nach der Liebe.

(c) Michael Specht

Der Schlüpfer hängt am Mikro – Party over „Liebe nur“ (c) Michael Specht

„Liebe nur“, zwei Stunden allerfeinste Unterhaltung für Menschen mit Herz und stufenlos einstellbarem Intellekt, gesprochen und gesungen. Es gibt eine intime Atmosphäre, sehr viel Bier, nackte Haut in Blümchenschlüpfern (zumindest definitiv auf der Bühne), Romantik, Gelächter und ganz viel Liebe. Ganz viel.

19.10.19 Dresden (Boulevardtheater)
31.10.19 Erfurt (DASDIE)
18.01.20 Gotha
25.01.20 Ebersbach (Filmtheater)
14.02.20 Naumburg (Turbinenhaus)

Tickets gibt es überall dort, wo es Tickets gibt und zum Beispiel hier.

„Liebe nur“-Aftershowfoto. Frau Nieselpriem und Herr Specht. Es ist noch immer Liebe, zumindest bei ihr.

Der Traum vom Vogel

Guten Morgen! Um die schwermütige Stimmung aufzulockern, die sich hier möglicherweise seit dem letzten Beitrag breitmacht, melde ich mich zurück mit schmutzigen Wahrheiten. Ja, auch verschwitzten.

Also die Heizung ist ausgefallen, Tag vier mittlerweile. Das macht auch Sinn! Wenn ich so eine Heizung wäre und streiken wöllte, nähme ich mir auch die ersten kühlen Tage des Jahres vor, an denen die Besitzer gern warme Füße hätten und ein Wannenbad am Abend. Wer braucht schon warmes Wasser während des deutschen Sommers?! Genau.

Jedenfalls schreibt mir die Vermieterin täglich, dass sie leider noch immer keine Rückmeldung vom Havariedienst habe. Was soll sie auch machen. Ich koche derweil Wasser auf zur Grundreinigung meiner exponierten Körperteile und überlege, bei wem ich mich heute zum Haarewaschen und Duchen einladen könnte.

Aber erst mal sitze ich hier, auf der Couch, das wusstet ihr ja nun bereits. So sieht das aus. Wenn meine Arme länger wären, könnte ich euch das auch in Gänze zeigen. Aber wer will das schon! Ungeduscht, in Socken, Schal und Gewänder gehüllt, pupse ich schamlos in meine Mollidecke, damit wir warm wird. Ihr habt genug Fantasie, ihr braucht kein Foto.

Und im Hintergrund singt Wiegald Boning: „Nimm mich jetzt, auch wenn ich stinke, denn sonst sag ich winkewinke und Good bye!“.

Letzte Nacht war hier was los! Pass auf:

Also, es ist kalt im großen Haus. Und leer, das wisst ihr ja bereits. Nun war es zusätzlich noch so, dass der Bubi bei seiner Freundin übernachtet hat und ich also komplett alleine war. Halt! Nicht ganz. Ich wohne nämlich in einem siamesischen Haus. Das heißt, unser Haus ist unterirdisch mit dem Nachbarhaus zusammengewachsen, ja-ha! Da gibts einen Gang durch die Kelleretage zum Lustwandeln. Das ist so gewollt und geschichtlich gewachsen. Warum, das tut hier nichts zur Sache. Außerdem gibt es noch eine „Panikwand“. Ich nenne die so, keine Ahnung, ob das der korrekte Begriff ist. Das ist auf dem Dachboden eine dünne Zwischenwand zum Dachboden der Nachbarn. Bedeutet, im Not- oder Brandfall oder während der Zombieapokalypse lässt sich diese Bretterwand von beiden Seiten leicht eindrücken und schwupps!, ist man im Nachbarhaus und hoffentlich in Sicherheit.

So, wir hätten also das Setting hinreichend beschrieben.

Gestern Abend dann hämmernde Geräusche, Schlurfen, es hallt durchs Haus. Die kleine Rike liegt im Bett, hält das Sudokuheft krampfhaft umklammert und lauscht. Schlurfen, Hämmern, Knallen, irgendwas ist umgefallen. „Hallo?! Hallo, ist da jemand?!“. Niemand antwortet, die kleine Rike in dem großen Bett in dem großen Haus denkt, der Havariedienst ist vielleicht gekommen. Abends um elf?! Hat man das schon mal gehört? Sie erwägt, ob es vielleicht sinnvoll wäre, direkt auf den Dachboden zu huschen und die Panikwand zu durchqueren, um bei Nachbars ruhigen Schlaf zu finden. Aber unsere Heldin ist mutig und tapst die Treppen nach unten, bekleidet in dicke Wollsocken, Schlüppi und eine Strickjacke. Was könnte als Waffe herhalten? Kein waffenähnlicher Gegenstand in Reichweite. Dann wird sie die Eindringlinge (es sind mehrere, da ist sie sich sicher) eben mit ihrem Anblick verscheuchen müssen. Noch während sie überlegt, dass es für die Dramaturgie eigentlich wichtig wäre, trüge sie einen ansehnlichen Morgenmantel und dass sie dringend einen anschaffen müsste, was gäbe sie denn für einen Anblick für die Mordkommission, wenn sie nicht nur nicht frisch geduscht („nicht nur nicht“, also zur Romancieuse wird dieses Frollein hier sicher nie umschulen), sondern auch noch unmöglich bekleidet oder eben unbekleidet gefunden würde und WANN würde man sie überhaupt finden! Und wer? Und ob sie dann schon stinken würde? Ab wann stinkt man denn? Ich muss das mal googlen, denkt sie sich, und dass der Morgenmantel cremefarben sein sollte, kein Lurexgarn! Also bitte, Lurex?!

Im Keller sieht alles so aus wie immer: Staubig, unaufgeräumt, unbemannt. Sie erwägt kurz, bei den Nachbarn zu klopfen um nach dem Rechten (und Linken; man sollte sich auch hier in der Formulierung politisch korrekt – heißt neutral – verhalten) zu sehen, entscheidet sich dann aber für den geordneten Rückzug in Richtung eigenes Schlafzimmer, nicht ohne während des Rückzuges jede Tür von innen zu verrammeln, zu verstellen, aus brandschutztechnischer Sicht völlig selbstgefährdend zu agieren. Egal, auch eine Heldin darf sich mal fürchten, alleine im großen, kalten Haus.

Sie fällt in einen unruhigen Schlaf und seltsame Träume.

Auf einmal steht sie in Pieschen auf der Markusstraße. Jürgen Vogel fährt langsam mit suchendem Blick an ihr vorbei, in einem alten Ford Fiesta (die Farbe ist ein blasses Flieder metallic). Jürgen Vogel hat seltsam große Ohren, die ihr noch nie im Kino aufgefallen sind und keinen maschinengeschorenen Kurzhaarschnitt, wie immer behauptet wird von der Lügenpresse und den Lügenmedien. Er hat dünnes langes Haar, das über dem Oberkopf nach hinten hängt in Richtung Nacken. Wenige, es sind sehr wenige Haare.

Jürgen will irgendwohin, scheint sich aber unsicher zu sein. Unsere Heldin fuchtelt herum, bis sie seine Aufmerksamkeit erregt („Erregt“, trifft hier eher auf unsere Heldin zu. Ich meine, Jürgen Vogel! J-Ü-R-G-E-N-V-O-G-E-L! Wie jeder weiß, verehrt sie diesen Schauspieler ob der Qualität seiner beruflichen Leistung und seines Sex Appeals. Und das stimmt. Und sie sind sich auch schon begegnet, nämlich bei der Preview von „Der freie Wille“ in der Dresdner Schauburg. Sie musste eher raus, weil der Babysitter angerufen hatte, damals, und Jürgen brüllte von unten von der Bühne hoch zu ihr in den Rang: „Hey! Warum gehst du schon?!“, und sie brüllte nonchalant zurück: „Weil ich muss!“, und er so: „Ach so! Na dann! Tschüss!“, und winkte grüßend zum Abschied. Seitdem behaupte sie gern, Jürgen und sie, also da wäre was, knickknack. Und natürlich würde sie post mortem in der Verfilmung ihrer Lebensgeschichte von Jürgen Vogel gespielt werden, Jürgen Vogel könne schließlich ALLES spielen. Und es gibt Menschen in ihrem Umfeld, die ihr mitteilen, dass sie soeben hinter Jürgen Vogel im Flieger von Köln nach Berlin gesessen hätten und dass Jürgen Vogel seine Schuhe ausgezogen hätte! Im Flieger! Aber das geht zu weit. Jedenfalls erkennt sie Jürgen Vogel auch mit übergroßen Ohren und seltsamer Frisur. Im blassfliedermetallicfarbenem Ford Fiesta. Er ist es! Zweifelsfrei).

Sie stellt sich ihm in den Weg und fragt, ob sie wohl helfen könne?! Jürgen erklärt, er wöllte zur Robert-Matzke-Straße, aber er habe sich verfranst (vielleicht hat er auch: „Verfahren!“, gesagt) und unsere Heldin erklärt lachend, in Pieschen mit dem Auto von A nach B zu fahren, sei unmöglich, sogar für Pieschener! Nahezu jede verf***te Straße sei wahlweise eine Sackgasse, eine Einbahnstraße, die in eine Sackgasse mündet oder eine Straße mit Sperrung in der Mitte, die man nur von der einen oder der anderen Seite befahren könne. Von welcher, das müsste man täglich neu probieren, da die willkürlichen Straßensperrungen nachts von Heinzelmännchen neu ausgewürfelt würden! Und er möge doch bitte sein Auto hier abstellen und dort um die Ecke laufen, da wäre dann die Robert-Matzke-Straße.

Als Dank erhält sie später am Tag ein braunes Päckchen mit der Post (oder Hermes?! Per Bote?!). Es enthält ein deutlich nach Pheromonen riechendes, also getragenes, Polyestershirt mit Kragen und Brusttasche. In der Brusttasche steckt der Reisepass von Jürgen Vogel. Hä?!

Sie nimmt Kontakt auf und will den Reisepass und das Stinkershirt zurückgeben. Jürgen steht vor ihrer Tür (die in der Markusstraße, also das alte Wohnhaus in Pieschen, wo sie früher gewohnt hat), nimmt das Shirt entgegen und – ZACK!- rechte Hand Flanschgriff an linke Titte!

BÄMM!

ALTER! Ich saß im Bett! WAR ICH WACH! Also so wach, wie man eben ist, wenn man auf einmal von Jürgen ohne Vorwarnung mitten in der Mitte angegegegegrapscht wird!

Und weil ich andauernd schräges Zeug träume und das aber meistens gleich wieder vergesse, bin ich durchs Haus geschlurft und habe überall das Licht gelöscht, das die ganze Nacht gebrannt hat (aus Sicherheitsgründen, ihr wisst ja nun Bescheid), die Zombiebarrieren entfernt und schreibe das nun zur dünngeistigen Unterhaltung des geneigten Publikums nieder. Und, weil ich nämlich nicht nur auf Jürgen stehe, sondern eine pathologische Affinität zu allerlei Vögeln pflege (Ha! Ich wusste es! Ich wusste, irgendwo bekomme ich noch „VÖGELN“ unter in diesem Text), muss ich euch was ganz, ganz schönes erzählen. Vom Specht nämlich, diesem hier. Der schrägste Vogel von allen! Aber das schreibe ich euch später, Vorspiel ist wichtig. Erst heiß machen und dann lauwarm abservieren, ihr wisst bescheid. Und wenn ihr nun denkt: „So viel Intro nur wegen einem einzigen komischen Vogel?“, dann habt ihr vollkommen recht! Das macht sie nur für einen ganz bestimmten komischen Vogel. ❤

Frau Nieselpriem, Herr Specht und eine Flasche Bier

Auf Wiederlesen! Und wenn ihr mal hinter Jürgen Vogel im Flieger gesessen habt und er sich die Schuhe ausgezogen hat, schreibt mir.

Ein Kaffee für Frau Nieselpriem

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Das schwere Schaf – Abschied von Bullerbü

Ich denke nach. Endlich habe ich mal Zeit! Also zuerst dachte ich nicht. Auch nicht nach. Zuerst war es so, dass ich morgens zur Arbeit ging, am späten Nachmittag nach Hause kam, Jacke und anderen Anziehkram über die Couchlehne schmiss, in der Küche einen angefressenen (oder einen neuen, je nach Füllstand) Becher Eis holte, Limo, Chips und die Fernbedienungen, mich sodann auf die Chaiselongue warf und dort liegen blieb, bis zwischen zweiundzwanzig und null Uhr die Gesichtsjalousie herunterging. Dieses Tagesprogramm wiederholte ich stringent eine Woche lang. Oder zwei. Ich aß kein Obst, ich aß meine Vitamintabletten nicht, ich schlurfte sogar manchmal ins Bett ohne Zähne zu putzen oder mich abzuschminken. Ich benahm mich wie ein Pubertier im Modus „sturmfrei“. Zwischenzeitlich überkam mich ein Gedankenanflug, und zwar, wie lange ich dieses verlodderte Verhalten wohl unbeschadet an den Tag und Abend legen konnte, ohne der Skorbut anheimzufallen. Ich wusste keine Antwort, zum Googlen war ich zu faul und ich musste ja auch die nächste Folge „irgendwas“ auf Netflix anklicken.

Was war passiert?

Der Bärtige ist mit dem Kleinsten auf Vater-Kind-Kur. Das macht er nicht, weil er (der Vater) oder es (das Kind) gekurt werden müssten, nein, das macht er (der Bärtige), weil die Mutter (also ich) dringend Erholung braucht. Jetzt könnte man lange darüber philosophieren, warum das so sei und wie man im Alltag und überhaupt, das Dorf, gerechte Verteilung von care Arbeit, gerechte Arbeitsteilung generell, gerechte Entlohnung, die eine Arbeitsteilung auch möglich machen würde, ich lasse das! Weil, das macht mich aggressiv. Das bringt mich nicht zu Ergebnissen! Außer, dass ich denke, ich pack am besten meinen Scheiß und haue ab, dann teilen wir wirklich gerecht! Eine Woche du die Kinder, eine Woche ich! Und in deiner Woche hänge ich sieben Tage faul auf der Couch. Also nach der Lohnarbeit, der ich ja noch regelmäßig nachgehen muss, um mein Netflixabo zu finanzieren. Nein, das sind Gedanken, denen ich keinen Raum lasse. Nicht mehr. Also habe ich jetzt Kur! Die einzige Kur, die mir wirklich Entspannung verschafft: Alle weg, Mutti alleine.

Der Großsohn ist auch noch hier, aber er und ich haben einen modus operandi, der super funktioniert. Wir lassen uns eigentlich total in Ruhe, und falls doch mal eine(r) von uns beiden Gesellschaft wünscht, deckt sich das glücklicherweise exakt mit dem Zeitpunkt, in dem das ebensolche Bedürfnis im anderen erwacht. Dann reden wir ein paar Sätze, essen eventuell etwas gemeinsam und gehen dann wieder unserer Wege. Meiner führt stets auf die Couch.

Das geht nun seit zweieinhalb Wochen so und langsam schmecken mir weder Chips noch Eis. Ich denke auch manchmal, dass es doch schön wäre, wenn irgendjemand zu mir käme und mich küssen würde. Und dass es schön wäre, mal einen Grund zu haben, von der Couch aufzustehen! Zwei Staffeln Mrs. Maisel, eine Staffel Working Moms, vier Staffeln Sherlock später, und ich sitze also hier.

Ich denke nach, das schrieb ich ja bereits. Ich habe lange nicht mehr geschrieben, ich weiß. Ich dachte, die Worte seien weg. Nach der letzten Depression war ich so leer, ich hatte Mühe, meine eigenen Gefühle einzuordnen und mich unauffällig im Tagesgeschehen zu bewegen, einfach nur teilzuhaben, dass ich einfach gar keine Energie mehr übrig hatte für irgendwelche Gedankenausflüge, die ich hier hätte niederschreiben können.

Blogger, was ist das. Ich habe mich nie verstanden als jemanden, logbuchartig seinen Tagesinhalt mitteilt.

Gestern war das Wetter mild, heute regnet es, morgen gibt es Fisch, eventuell bekommt das Kind Schnupfen, es hat so rote Augen.

Ich denke darüber nach, wie sehr mich alleine der Umstand verändert hat, dass ich diese Plattform hier für mich gefunden habe. Eigentlich wollte ich ja ein Café eröffnen in der Elternzeit (das stimmt wirklich). Während meiner Coachingausbildung bin ich dann mit der Idee des Secondhandladen-DIY-nett- und- lauschig-vegan-was-sonst-Elterncafé in eine Coachingsitzung gegangen und die endete, in dem ich laut ausrief, ich würde kein Café eröffnen! Nein, ich würde einen Blog launchen! Dass ich damit wirklich etwas machen würde, das mir persönlich so viel mehr einbringt als es ein Business jemals könnte, das konnte ich nicht ahnen. Oder doch? Scheinbar war es irgendwo in mir. Ich bin nach wie vor ein riesengroßer Fan von Coaching.

Jedenfalls (wer sich jetzt schon langweilt, darf gern nach hierhin abspringen) dachte ich (ich schrieb ja schon, dass ich das neuerdings wieder mache, weil ich gerade mal Zeit dazu habe), ich hätte nichts mehr zu erzählen. Geschichten formten sich nicht mehr in meinem Kopf, allenfalls kurze Sequenzen. Ich habe das sehr bedauert, betrauert. Genau wie ich noch immer der Zeit hinterhertrauere, die ich nicht festhalten konnte. Ich denke an die glücklichsten Jahre meines ganzen Lebens, die Elternzeit mit dem Blondchen. Diese Jahre waren ein Füllhorn an Liebe, Kreativität und so vielen Möglichkeiten, die sich alle auf einmal zeigten. Und alles war von Liebe getragen. Meine Sorgen waren klein, oder lösten sich gerade auf, mündeten in Ideen von Lösungen. Alles war möglich. Und ständig wurde geküsst.

Alles wächst, verändert sich. Ich wusste das und wehrte mich dennoch. Vergebens, ihr wisst das bereits. Und sorgenschwere Jahre kamen und hielten an. Und manchmal denke ich, ich habe meine Leichtigkeit und all meinen kindlichen Enthusiasmus verloren, meinen Glauben daran, dass wirklich, wirklich alles gut wird am Ende. Und dass wir uns immer noch jeden Tag küssen werden, wir alle, in Liebe. Sorgen über mehrere Familienmitglieder, sich-kümmern-müssen, sich streiten, Verantwortlichkeiten, die man übernehmen muss, obwohl niemand gefragt hat, ob einem selbst der Rucksack viel zu schwer ist. Und was soll das sein, dieses „müssen“? Warum müssen wir? Sagt wer? Und sich dann trotzdem fügen. Wir alle. Und sich nach Bullerbü zurücksehnen, wo das blonde Kind diagnosefrei und unschuldig seine ersten Schritte im taufeuchten Gras unseres Gartens machte, den wir nicht mehr haben. Verkauft und getauscht gegen ein großes Haus mit kleinem pflegeleichten Garten, in dem wir selten sind.

Alles wird besser, doch nie wieder gut. Diese Liedzeile aus einem Rosenstolzsong kam mir oft in den Sinn. Das Haus wird größer, das Auto PS-iger, die Arbeit mehr und die Liebe? Die Zeit? Das Glück? Ist das der Preis? Können wir dahin zurück, was wir hatten? Ist das möglich? Vielleicht, indem wir in eine kleine Wohnung ziehen, weniger arbeiten? Lassen wir dann die Probleme hinter uns zurück in dem großen Haus? Haben wir dann wieder „Zeit“? Zeit, um glücklich zu sein, Zeit zum Träumen von der Zukunft? Das mit der Zukunft ist im Moment so, dass ich noch nachdenke, was ich mir wünschen würde von ihr, da steht sie schon im Türrahmen und sagt: „Sorry, aber das ist nun leider zu spät! Ich bin schon da und bitte, hier, das ist es jetzt für dich! Viel Spaß damit!“.

Ich stand heute vor dem Garten, dem alten. Seit zwei Jahren gehört er nun einer anderen Familie. Alles ist zugewachsen, ein Zweig einer mir unbekannten Pflanze hat sich durch das zerbrochene Glas des Gewächshauses nach draußen gewuchert. Dort, wo der Mann in wochenlanger Schweißarbeit einen Rasen angelegt hat, wächst irgendwelches Kraut auf fast zwei Meter Höhe. Mein Rhabarber, mein Lavendel! Riesige Büsche sind mittlerweile aus den Pflänzchen gewachsen, die ich einst eingesetzt hatte. Aber alles wirkt verwahrlost. Ich stand dort an dem rostigen Tor und weinte. Es tat mir so unendlich weh! Ich habe nicht vergessen, dieses Grundstück ist ein Grab für all unsere Ersparnisse gewesen, hat sich wie eine verdammte Hydra benommen, was die Arbeit dort anging. Wir wurden niemals fertig. Das Haus, das Gewächshaus, die Umbauarbeiten, Marderschaden, Viehzeug, ich habe es nicht vergessen. Dennoch.

Ich habe auch nicht vergessen, wie ich vor mehr als neunzehn Jahren dort im Auto auf dem Beifahrersitz saß auf der Buckelpiste zum Garten und den Mann anschrie, wenn er nicht sofort langsamer fahren würde, würde ich auf der Stelle sein Kind gebären in diesem Scheißauto! Und ich sehe so viele Sommerfeste dort. Sehe meine Schwiegermutter, die wir vor drei Wochen beerdigt haben, wie sie ihre furchtbar ungenießbare Kirschtorte aus der Küche trägt, jedesmal wenn wir zu Besuch da waren. Ich sehe uns zwei selbst viele Jahre später den Garten zu unserem machen. Sehe mich erneut hochwanger in dem Garten, mit Gummistiefeln im Kartoffelacker und später unser Baby in dem kleinen Gitterbettchen unterm Dach. Ob das noch immer dort steht? Unter dem Dachgiebel in dem verfallenen Häuschen? Rückblickend denke ich (wie immer), wie scheiß glücklich wir doch waren und warum konnte es denn nicht so bleiben?

Ich schreibe dem Mann im Kurhaus, dass ich so unendlich traurig bin. Und schicke ihm Fotos.

Wir reden nicht, er ruft mich nicht zurück. Er schreibt mir, ich solle die Fotos löschen von meinem Handy!

Und dann schickt er mir Fotos. Fotos aus der Vergangenheit, in die ich so gerne zurückmöchte. Bilder, auf denen unser mittlerweile erwachsener Sohn lachend unter einem Rasensprenger steht. Auf einer gemähten Wiese. Bilder, auf denen der Mann mit dem Baby, das damals noch eines war, in einem Babyplanschbecken sitzt. Ich weine, lange. Und ich liebe den Mann sehr dafür. Mehr, als mir vorher bewusst war. Er schreibt, wir haben so schöne Erinnerungen, die Buchstaben verschwimmen.

Ich pflücke ein paar Blumen durch den zugewucherten Gartenzaun und sammle eine Handvoll Schoten von der unsäglichen Wicke am Gartenzaun, die niemals ganz im Zaum zu halten war und nun die Weltherrschaft anstrebt in Schrebergartenhausen. Die Samenhülsen breche ich zu Hause im pflegeleichten Garten neben dem großen Haus über einem Hochbeet auf und streue circa sechszig Samen aus. Ich will, dass etwas wiederkommt! Dass diese verrückte Schlingpflanze mich im nächste Sommer daran erinnert, dass das noch in uns ist. Dass diese Erinnerungen für immer bleiben und dass neue dazukommen werden. Mit großen Kindern, anderen Begebenheiten. Und dass auch Liebe Energie ist, die ja bekanntlich nicht verschwindet, sondern sich nur wandelt.

Ich finde, es ist langsam Zeit, dass die Jungs zurückkommen.

Und ich finde, es war wirklich an der Zeit, dass die Worte wiederkommen.

Auf Wiederlesen!

 

Ein Kaffee für Frau Nieselpriem

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Windelschals – upcycling aus Baumwollwindeln

Ihr wisst, was das Sprichwort bedeutet, „einen Bock zum Gärtner machen“? Genau, das ist, wenn die Frau Nieselpriem eine Nähanleitung zusammenschrappelt. Ausgerechnet ich, die ich weder korrekt die Fadenspannung einstellen kann noch saubere Nähte hinbekomme. Aber so kann man es ja auch sehen: Hier sehen sie das qualitative Downsizing für Nähprojekte! Sie finden, ihre Näharbeiten sehen Scheiße aus und haben krumpelige Ränder? Kein Problem, schauen sie gern hier vorbei und ab sofort sehen sie ihre eigenen Projekte in deutlich schmeichelhafterem Licht.

Gut, ich fange mal an. Das war eigentlich gar nicht geplant. Sondern es war schlichtweg so, dass die Freundin einen Stapel Baumwollwindeln übrig hatte und ich genau zwei Packungen Textilfarbe, nämlich Magenta und Antikgrau. Die Freundin überließ mir die Windeln und ich färbte einen Stapel grau und einen weiteren magenta.

Eine graue Windel bekam ein kleines Schmuckband – und ist fortan ein Halstuch für den Babyjungen der Freundin.

Eine große Windel mit Sternen habe ich nach dem Färben zum Dreieck gelegt und an den Enden verknotet – und das ist nun ein Halstuch für die große Tochter der Freundin.

Eine kleine Windel wurde mit einem Aufnäher versehen und ist jetzt entweder eine Tischdecke fürs Spielhaus im Garten oder ein Halstuch für eine Püppi. Das wird die Tochter der Freundin entscheiden.

Aus den übrigen zwei pinken Windeln und einer grauen habe ich einen Loop für meine Freundin genäht.

Nur Original ungebügelt mit komischen Nähten, echt Nieselpriem.

Als ich das bei Instagram gepostet habe, gab es einige begeisterte Kommentare und den Wunsch nach einer Anleitung. Versteh einer die Menschen… Aber gut, die Idee, die Sabbertücher vom Baby für immer um den Hals zu tragen, das hat nicht nur was aus ökologischer Sicht, das ist auch ein Stück gelebte Erinnerung. Ich mag die Vorstellung ja auch! Also dann.

So wirds gemacht:

Ihr braucht drei Windeln und zum Beispiel dieses Einfassband hier. Ihr nehmt einfach etwas, das zu eurer Farbe der Windeln passt.

Die Windeln und das Band werden abwechselnd zusammengenäht. Das Band ist deshalb super geeignet, weil es aufgeklappt ja schon durch die Knicke eine Kante zum Nähen vorgibt. Ihr passt auf, dass bei allen Stoffteilen die linke (oder hintere Seite) nach oben zeigt. Ich vergesse das je gern ab und zu.

Wenn ihr alles zusammengenäht habt, ergibt das eine circa zwei Meter lange Stoffbahn. Jetzt machen wir ohne Bilder weiter, weil ich keine Fotos vom „work in progress“ gemacht habe, aber ihr schafft das ohne, ihr seid alle hochbegabt!

Also ihr legt jetzt die Stoffbahn übereinander, ihr klappt den Stoff ein, sodass die Stoffbahn immer noch zwei Meter lang ist, aber nur noch halb so breit. Verstanden? Gut. Am besten ist es, wenn die schöne Seite innen ist, ansonsten klappt ihr euern Stoff noch mal andersherum. Schöne Seite nach innen, die linke Seite nach außen.

Jetzt näht ihr die Längsseite zusammen. Es kann sein, dass ihr vorher mit der Schere ran müsst, weil die Windeln nicht alle die gleiche Breite haben, das haben alte Baumwollwindeln so an sich, dass sie sich verziehen. Das macht gar nichts, schneidet das ruhig großzügig auf eine Breite. Dann also längs zusammennähen.

Nun solltet ihr einen Schlauch haben! Habt ihr?! Fein, jetzt kommt das finish, ihr seid gleich fertig. Ihr stülpt den Schlauch nun um, dass die schöne Seite außen ist. Nehmt ein Ende der Naht und legt es auf die andere Seite der Naht, Anfang auf Ende. Jetzt wäre ein Bild vielleicht schön, aber gebt euch Mühe, wir wollen das Ding zusammennähen, also ist klar, was ich meine, oder? Ihr habt jetzt beide Anfänge übereinander in der Hand, die schöne (rechte) Seite ist jeweils innen. Ihr habt also beide Enden in der Hand und seht vier Lagen Stoff. Ihr nehmt jetzt die beiden inneren Stofflagen zwischen die Finger und rödelt das Ganze unter der Maschine durch, bis nur noch ein Schlitz von etwa zehn Zentimetern frei ist. Ihr habt jetzt auch einen Knödel auf der Maschine liegen, das ist normal. Nun das Ganze umdrehen und sich freuen. Denn ihr habt nun einen Loop, wo ihr nur noch den restlichen Schlitz irgendwie vernähen müsst.

Wenn ihr diesen Absatz gelesen habt und die ganze Zeit: „HÄ?! WOTT?!“, denkt, dann bemüht euch mal bei youtube, dort zeigen begabte Näherinnen mit meist perfekt manikürten Nägeln, wie es geht.

Ihr schafft das! Am Ende noch mal durchwaschen und bügeln und schon kann der Herbst kommen! Ihr habt doch auch schon die Faxen dicke mit der tropischen Hitze, stimmts?

Und weil ich übelste neugierig bin: Ich würde mich freuen, wenn Ihr mir mal zeigt, was für eine Windelkunst ihr demnächst am Hals tragen werdet. Am besten bei Instagram teilen und mich markieren, ich teile die Fotos dann auch gern weiter. Wenn ihr mögt. Alles kann, nichts muss, also genau wie in so nem Swingerklub… 🙂

Viel Spaß beim Nachmachen wünscht euch

… eure schludrige Näh-selpriem

 

Ein Kaffee für Frau Nieselpriem

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Ein Foto von Gott

Ein Foto von Gott

Ich liege mit dem Fünfjährigen im dunklen Duft seiner Kinderbettwäsche und halte Händchen.

„Heute war Ausflugstag im Kindergarten, stimmts?“. „Wir waren in der Müllergalerie! Aber da gabs nur Bilder. Ich hab aber ein echtes Foto von Gott gesehen. Das war aber gemalt. Weißt du, Gott ist gar nicht unsichtbar! Der hat ein blaues T-Shirt an und einen Bart.“. „Aha, und was hast du sonst noch gesehen?“. „Adam und Eva haben einen Apfel gegessen, obwohl sie das nicht darfen, und da kam der Engel mit dem Schwert, das war nämlich kein netter Engel, und wollte die verkloppen mit dem Schwert, und da sind die abgehauen vom Paradies. Und da war ein Mann, der hat ganz viel Wein getrunken und dann ist der von seinem Löwen runtergefallen, weil der immer so viel Wein getrunken hat! Deshalb darf man nicht so viel Wein trinken. Mama, was ist Wein?!“.

 

 

Seniorensport

Also es begab sich zu der Zeit, als der Bärtige befand, einhundert Kilometer auf dem Fahrrad plus zwei Stunden Joggen zusätzlich zu zwei Stunden Krafttraining seien nicht genug für den eigenen Body, und er vertut die nun noch übrige Zeit neben der Erwerbstätigkeit mit Cross Fit. Was das ist und warum und überhaupt und Hendrik Hey, ihr könnt das googeln. Ich glaube ja, das wird der neue heiße Scheiß und die klassischen Fitnessstudios werden bald nur noch von Rentnern mit Rücken-Abo frequentiert. Wenn es mal soweit sein sollte, erinnert euch, die Nieselpriem hat schon damals, zwanzig neunzehn, gesagt, dass es so wird.

Jedenfalls sieht der Kerl jetzt so aus, als hätte er meine Oberschenkel neben seinen Hals transplantieren lassen und selbst meine Freundinnen reißen ungebührlich die Augen auf bei seinem Anblick. Sie wissen ja nicht, dass er sich ächzend auf das Heizkissen schleppt zwischen seinen Sporteinheiten und der Physiotherapie, die das nun alles auch noch nötig macht.

(c) giphy

Neuerdings beobachte ich mit Argusaugen, dass der Kerl sich flachbrüstige Gewichtheberinnen auf dem Handy anguckt, die Schreie ausstoßen wie ich beim Kinderkriegen. Dabei aber keine Kinder pressen, sondern Stangen mit Gewichten dran. Der Mann ist seltsam. Aber mir ist eigentlich egal, was der Kerl treibt und ich habe einen Filter über den Motivationssprüchen, die er gelegentlich in meine Richtung absondert, meine sportliche Aktivitäten betreffend. Ich laufe ein bis zweimal pro Woche und mache manchmal morgens vor der ersten Kucheneinheit solche Rumpfhebendinger, ihr wisst schon. Ich denke, das reicht.

Moment! Ich dachte, das reicht.

Jetzt denke ich anders, und das hat noch nicht mal was mit den Gewichtheberinnen auf dem Handy meines Kerls zu tun. Denn mir ist ein Foto in die Hände gefallen. Ein Konterfei meiner selbst im zarten Alter von sechsunddreißig. Ich habe damals geraucht wie ein Schlot, gesoffen wie ein Loch, und dennoch lächelt mich ein graziles Wesen mit makelloser Haut von dem Bild an. Mit Schultern! Und zwar Schultern… wartet… ich muss erst mal atmen… also so zarten Schülterchen, wisst ihr, die aussehen, als hätte man drei formschöne Hühnerbrüstchen adrett an das dünne Ärmchen geklebt. Ganz und gar zauberhaft sieht das aus! Ich bekam feuchte Augen.

Dann kam ich nicht umhin einzugestehen, dass ich nun zwar nicht mehr rauche, keinen Alkohol trinke und mehr (!) Sport mache als damals, das fiese Alter aber dafür sorgt, dass ich zur Belohnung für den ganzen Verzicht auch noch aussehe wie Hackfleisch! Adé Hühnerbrüstchen.

Jetzt könnte ich mich damit abfinden und eine Packung Pralinen öffnen, Kaftane bestellen zur Verhüllung der Hackfleischmasse, und ein Keilkissen mit seltsamem Muster, das ich dann immer mit mir rumschleppe. Zur optischen Vervollständigung böte sich dann noch eine güldene Brillenkette an, die ich mir übers praktisch kurze dauergewellte Haar stülpen könnte.

Ich habe beschlossen: NEIN! Ich gebe mich nicht kampflos geschlagen! Ich will die Hühnertittis zurück!

Der  Entschluss ist nun schon ein paar Wochen alt und alles begann, wie es immer so beginnt. Die moderne Frau mit Sportambitionen installiert sich eine App, und guckt dann so in etwa:

(c) giphy

Denn was sie sieht, ist vielleicht dies hier:

(c) giphy

Ist euch das mal aufgefallen? Überall recken einem wildfremde Menschen ihren Arsch ins Gesicht! Ärsche sind die neuen Möpse! Ich fühle mich ange-arscht, und nicht nur, weil ich selbst von hinten aussehe wie Holland, also flach, sondern weil mir das irgendwie alles zu schnell geht. Früher, also früher, da wurde man noch gefragt, bevor ein anderer Mensch einem seinen Pops ins Gesicht drückte. Aber was weiß ich schon, ich bin nur ein altes runzeliges Frauchen mit Problemzonen.

(c) giphy

Die Apps und ich, das wurde nichts.

Ich bin dann auf drei Laufeinheiten pro Woche umgestiegen und mein Fitness-Tracker-Armband-Computer (den mir selbstverständlich mein Mann geschenkt hat; ich hätte auch eine Uhr aus einer „Christ“-Tüte genommen, ihr versteht) kommt gar nicht mehr hinterher. Deshalb fühlen sich meine Beine an wie Betonpfeiler. Und ich habe dem Mann erlaubt, mich zu „schinden“. Wir werden noch sehen, wozu das gut ist.

Das mit dem Schinden sieht wie folgt aus:

Auf unserem Dachboden liegt außer zehn Kilo Lego auch ein Teppichboden, weshalb der Kerl schon vor Monaten befand, das sei ab sofort ein Fitnessdachboden und Gelumpe anschleppte, das ich bislang ignorierte, nun allerdings hautnah kennen lerne. Fünfzig Seilsprünge und drei erbärmliche Runden Krebsgang in unwürdiger Haltung zur Erwärmung. So, und nun das Ganze rückwärts, Frollein! Dann zehn Minuten Hardcore ohne Pause im Wechsel zehn Mal Hanteln stemmen, runter und zehn Liegestütze, hoch und zwanzig Kniebeugen („TIIIIEFER!“). Dann alles wieder von vorn („NOCH TIIIIEFER!“). Ich keuche, ich schnaufe, ich werde angebrüllt. „LOS! DU BIST STARK! WEITER! LOS! HOCH! UND NOCH MAL!“. So geht das nun schon seit einer Weile.

Was ich denke, wie ich aussehe:

(c) giphy

… wie ich tatsächlich aussehe:

(c) giphy

Es sind schon Effekte spürbar. Ich kann nicht mehr Treppen steigen. Meine Knie tun weh, mein Rücken ist wie ein Brett. Der Mann und ich streiten uns um das Heizkissen. Ich kann mir meine Socken nicht mehr anziehen, ich komme einfach nicht runter. Ich versuche, die Söhne gegen Geld anzubetteln, mich an- und auszuziehen. Ich brauche dringend einen Zivi, es ist soweit. Alles tut mir weh. Erbarmen kennt der angeheiratete Drillinstructor nicht und über die Theorie, dass man bei Muskelkater dem Körper die Chance auf Erholung gönnt, kann er nur lachen.

Und so kam es, dass ich mich heute unter zuhilfenahme beider Arme stöhnend mit einer schraubenartigen Bewegung aus meinem Bürostuhl erhob und mit krummem Rücken zur Kaffeeküche schlurfte, und die Kollegin treffsicher bemerkte: „Oh, gestern wieder Sport?!“.

Ihr wisst also, was von euch erwartet wird, wenn mich das nächste Mal seht: Kommentiert bitte ausufernd den Status meiner Hühnertittis (meiner Schultern) und überhaupt lügt was das Zeug hält, meine Körperzustand betreffend! Ihr müsst mich da jetzt wirklich mal unterstützen. Notfalls übt vor dem Spiegel. Das kann doch nicht so schwer sein. Ich schlurfe matt auf euch zu und ihr schreit: „Hey! Rike! Super siehst du aus! Trainierst du etwa?! Wow, und diese Schülterchen! Wie zarte Hühnerbrüste! Respekt!“. Oder so ähnlich.

Danke und Sport frei!

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Leidenschaft

Leidenschaft

Der Blondino (5) bespielt kurz und intensiv eine Spielzeugspinne. Danach liegt das Ding zerrupft und in seine Einzelteile zerlegt zum Sterben auf dem Boden. Die Zunge ist herausgerissen, der kleine Ball zum Aufpumpen verschwunden.

Der Kommentar des Kindes: „Das ist eben Leidenschaft, Mama!“.

 

Glückliche Fügungen feat. the Osterwochenende

Jahrelang fuhren wir stets an Ostern in die Nähe von Liberec im tschechischen Isergebirgsland. Dort hatte ein holländisches Pärchen einen alten Dreiseitenhof zu einer kuschligen Pension umgebaut und bewirtete aufs Allerherzlichste die Gäste, die zum Wandern kamen.

Nur kamen relativ wenig Menschen. Wir waren jahrelang an Ostern nahezu allein und unsere Kinder tobten über die alten Gänge, im Garten war außer uns niemand und morgens in der guten Stube beim Frühstück ebenso Leere und Stille. Außer an unserem Tisch natürlich.

Dann machte ich den Fehler und schrieb darüber, so richtig mit Link und so. Und viele Leser schrieben mir auch und wollten es ganz genau wissen: Wo war das, wie heißt das, wie ist dies und wie ist das. Ich schickte jede Menge Leute dahin. Von nun an war es Ostern nie mehr leer. Aber das machte uns nichts. Gut, die Wirtin hatte nun keine Zeit mehr um uns kleine Willkommensküchlein zu backen und die Kinder schienen ihr auch oft ein Ärgernis zu sein mit ihrem Kinderlärm und weil sie über den Rasen rannten. Dennoch kamen wir weiterhin an Ostern wie eh und je, mieteten stets das gleiche Appartement und verabschiedeten uns stets mit den Worten: „Tschüss, bis nächstes Jahr!“.

In diesem Jahr nun teilte man uns mit, es wäre kein Zimmer frei für uns. Schluss, aus.

Ich war wie vor den Kopf gestoßen. Und ich nahm das persönlich. Ich fühlte mich gekränkt, ungewollt und war stinkesauer.

Der Beste ließ sich nicht beirren, setzte sich vor die große Internetmaschine und suchte für uns und die befreundete Familie, mit der wir stets die Osterfeiertage verbringen, ein anderes Quartier. Ich schmollte derweil und betrauerte meine lieb gewonnene Tradition.

Und so fuhren wir in diesem Jahr in ein Hotel. Auch ein altes, umgebautes Gemäuer, früher war es wohl ein Schloss. Pferde und Rindviecher sollte es geben und ein Restaurant auf dem Areal. Ich war dennoch skeptisch. Rückblickend muss ich nun sagen: Zum Glück haben uns die Quartiereltern der „alten“ Pension den sprichwörtlichen Stuhl vor die Tür gestellt. Zum Glück! Denn ansonsten hätten wir diese Kleinod niemals kennengelernt! Was für ein glücklicher Umstand im Nachhinein.

Inmitten einer herrlichen Landschaft und Wiesen, soweit das Auge reicht, liegt ein Anwesen mit anmutigen Pferden, die morgens geritten werden dürfen, stehen wunderschöne schottische Hochlandrinder auf der Wiese, gibt es Platz zum Rennen und Toben und Kreischen und Tollen und Erkunden und jede Menge andere Kinder zum Spielen waren auch da!

Weil uns an einem Ort der Aufenthalt verwehrt wurde, fahren wir ab sofort möglicherweise immer an Ostern zu den Pferden und Rindern und den Wiesen und all dem Schönen hier. Und bitte fragt mich nicht nach der Adresse! Aus verständlichen Gründen unterliegt die diesmal der nieselpriemschen Schweigepflicht. 🙂

Wir saßen in der Sonne…

… spielten Tischtennis oder

… tobten auf dem Trampolin.

Am Abend gab es ein Lagerfeuer und…

… unser traditioneller Ostermarsch führte uns in diesem Jahr zwar nicht auf den Jeschken (so wie sonst immer; ich war schon wieder kurz traurig), aber wir acht erkundeten wandertechnisch für uns Neuland. Und: Es war schön! Doch, wirklich. Und wieder einmal dachte ich: Zum Glück war unser Zimmer belegt in der ursprünglichen Pension.

Am Abend nach dem Wandertag gab es böhmischen Gulasch von den lieben Rindviechern hinterm Hof, dazu Knödel und herzhafte Kartoffelpuffer. Ganz klar: Wir sind in Tschechien!

Als wir wieder daheim sind, fällt mir das große Fleischpaket in die Hände, das meine Mutter uns vor der Abfahrt als „kleines Ostergeschenk“ überlassen hatte, und von dem ich fand, nichts wäre unpassender als das. Menschen, die für vier Tage verreisen, ein Fleischpaket zu schenken!

Doch: Auch dies schien irgendwie am Ende eine glückliche Fügung zu sein, denn wir freuten uns wie blöde darauf, bei herrlichstem Osterwetterchen den heimischen Grill anzufackeln. Gesagt, getan. Und danke schön, Mütterchen, das mit dem Fleischpaket war eine urst knorke Idee. So im Nachhinein betrachtet.

Während die Mannen grillen und unter Aufsicht zündeln (der Kleinste), lese ich mich bei Instagram auf den neuesten Stand (Ich finde ja, Instagram ist das neue Facebook und Twitter sowieso nur ein Hort des Bösen; also ja, Instagram fetzt mir sehr). Da schreibt eine von mir sehr geschätzte Person, wie abartig sie doch all diese Heile-Welt-Blogger fände mit ihrer Tüdelütt-wir-sind-so-fröhlich-Attitüde und bei denen alles so heiditei-glücklich-verfiltert-perfekt erscheint, und dass sie denen jetzt rigoros entfolgt sei! Richtig so, denke ich mir und like aus Prinzip (ich sagte schon, ich schätze diese Person sehr). Dann, aus einem unerklärlichen Impuls heraus, sehe ich nach und muss feststellen, sie folgt nun auch mir nicht mehr!

Schockschwerenot, bin ich ein Netzmensch mit Perfektionswahn und angeberisch-reißerisch-glücklicher Attitüde? Ich?!

Und dann denke ich: Ja, verflixt und zugenäht und halleluja! Ja, ich bin noch mal verdammt glücklich im Moment! Und scheiße, fühlt sich das gut an! Und danke, dass du mir durch das Entfolgen die Augen aufgemacht hast, geschätzte Instagramperson. Ich will das genießen, solange es so ist und festhalten für schlechte Zeiten (Ja, Mensch, ich weiß! Aber versuchen kann ich es doch trotzdem.), und ich haue jetzt mit Veilchen, keimende Knospen und Kindern im Sonnenschein um mich und vielleicht knalle ich euch sogar noch einen Sonnenuntergang vor die Füße! Halleluja!

Warte, fast den Scheißsonnenuntergang vergessen…

 

„Das ist die Drossel, die da schlägt,
Der Frühling, der mein Herz bewegt;
Ich fühle, die sich hold bezeigen,
Die Geister aus der Erde steigen.
Das Leben fliesset wie ein Traum –
Mir ist wie Blume, Blatt und Baum.“

(Theodor Storm 1817-1888, deutscher Schriftsteller)

 

Zu Gast bei Nieselpriems: Anne und ihre Sorbischen Ostereier

Es begab sich neulich, da sah ich auf Instagram bei der Anne, die unter Alu_Dresden bloggt, dieses Foto hier…

Quelle: Alu_Dresden (Instagram)

… und kommentierte enthusiastisch vor Begeisterung für diese Handwerkskunst. Krass, was manche Menschen so können, oder?

Nun weiß einjede(r), der/die/das (es ist ein Graus, man/ frau traut sich ja kaum noch, einen Satz ins Internet zu schreiben; ab sofort ist mit jedem Personalpronomen ein jeder Mensch – ha! – mitgemeint), der (es geht schon los) mich kennt, dass ich ein eher farbloser Typ bin, der sich gern mit allerlei Grautönen umgibt und Buntes eher meidet. Bei diesen Eiern jedoch, ich weiß nicht wieso, da hüpfte mein Herz, da frohlockte mein Geist! Da pulsierte die österliche Begeisterung gar bunt in mitten meinem von zartgrauen Wänden umgebenen Sein.

Anne schrieb auch sofort zurück, wir sollten uns doch verabreden zum Malen, und so kam es auch. Also Anne kam. Zu mir. Und schön war das! Aber seht selbst.

Anne packte einen großen Korb auf meinen Küchentisch und lüpfte den Inhalt. Ich war ein wenig an „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ erinnert, beim Anblick der vielen gebogenen Löffel, die sie energisch auf meinen Tisch packte. Dann kamen noch gerade Löffel herzu, die sie tatkräftig Uri-Geller-like verbog. Diese Löffel kamen in ein mit Körnern gefülltes Schraubglas. Ich staunte Bauklötze.

Des weiteren hatte sie ein ehemaliges Meerrettichglas dabei, das selbst umgebaut wurde zu einem Höllengefäß mit Docht. Das war alles ganz ausgeklügelt! Dieses Meerrettichglas hatte die ideale Höhe für das Schraubglas mit den Löffeln und der Docht im selbstgebauten Funzler die ideale Länge und Dichte, um die ideale Hitze zu entwickeln unter den Löffeln. Ein Hexenwerk.

Dann packte sie Gänsekiele aus (ihr sehr die auf dem oberen Bild im linken unteren Quadranten). Sie erzählte mir, dass sie die selbst zurechtschnitzte. Wobei da nichts geschnitzt wird, sondern rasiert, denn es kommt eine Rasierklinge zum Einsatz, mit deren Hilfe zuerst die unerwünschten Härchen entfernt und dann die Spitze zurechtgestutzt wird. Zu einem Dreieck oder einem Rhombus oder einer anderen Form, die dann, in Wachs getaucht, das entsprechende Muster bilden soll.

Ein Gänsekiel in dreieckiger Form

Auch das ist ein Werkzeug zum Zeichnen: Eine Stecknadel in zweierlei Form in einen Stift gespießt ergibt am Ende auf dem Ei ein Pünktchenmuster

Anne brachte auch allerhand Vorbilder mit, die mich in grenzenloser Ehrfurcht verstummen ließen.

Ich war mir sicher, sowas niemals zu können, aber probieren wollte ich es dennoch!

Ich lernte noch, es gäbe verschiedene Praktiken. Zum einen kann man mit dem farbigen Wachs Farbe auf das Ei bringen und das ist dann der Schmuck. Man kann aber auch mit dem Wachs Muster aufbringen, das Ei dann einfärben und im Anschluss das Wachs wieder abkratzen und ebenso weiterverarbeiten in mehreren Etappen. Die „bloße“ Stelle ergibt dann das Muster. Auf dem Bild unten mit den bunten Eiern im Karton hier ist das Ei oben rechts genauso entstanden.

Here we go. Anne zeigte mir, dass man zuerst die weißen Eier mit Essigessenz abreibt, um den Stempel zu entfernen. Und erklärte, am besten nähme man rohe Eier, die lägen besser in der Hand. Das heißt, die übermütigen Menschen in der Lausitz bemalen zum Teil stundenlang rohe Eier um sie danach (!) erst auszupusten. Ich wollte lieber kein Risiko eingehen, meine Blaskompetenzen in Koeinheit mit rabiatem Verhalten gegenüber unschuldigen rohen Eiern ließen mich zurecht befürchten, ich würde mir mein „Kunstwerk“ am Ende in Scherben betrachten können. Ich nahm ausgepustete Eier.

Anne präparierte die Wachslöffel, indem sie kleine Stücke von ordinären Wachsmalstiften mit Bienwachs von der Platte in einem geheimen Mischungsverhältnis auf einen Löffel gab und den Meerrettichglasbunsenbrenner darunter stellte. Und das verschmolz dann zu einer farbigen Wachssoße.

Das ist Anne. 🙂 Anne lächelt auch beim Eierbemalen, Anne lächelt eigentlich immer. Das unterscheidet uns. Ich mag Anne troztdem.

Hier könnt ihr sehen, wie man beim Eierbemalen das Ei hält. Es ist nicht so leicht, wie es aussieht. Nichts an dem Tag war so leicht, wie es aussah. Ich hielt erst mal eine Weile ein Ei in der Hand und drehte es. Auch das ist eine Technik, die man dann brauchen würde.

Dann lernte ich die richtige Technik, die richtigen Abstand zum Wachslöffel, die richtige Schnelligkeit und so weiter. Den Haltearm aufgestützt mit dem Ei in der richtigen Haltung in einem kurzen Abstand zum Löffel mit dem flüssigen Wachs und dann den Gänsekiel eintauchen und schnell auf das Ei bringen, drehen, tauchen, auftippen, drehen, eintauchen ins Wachsen, tippen aufs Ei und drehen. Am Anfang war das Wachs bereits erkaltet, bis ich am Ei war. Fails kann man aber einfach mit dem Fingernagel abkratzen, kein Ding!

Und irgendwann kam ich in den Flow. Das Wachs, das Ei, der Gänsekiel und ich wir waren eine Einheit. Und es machte nicht nur Spaß, es war wie Meditation! Nicht, dass ich mich damit auskennen würde, auch nicht mit Yoga, aber ich fühlte nur das, was im Augenblick war und meine Konzentration war ganz und gar auf diesen schlichten Vorgang des Wachsdippens und auftippens gerichtet. So müssen das manche Menschen mit Yoga empfinden.

Ich empfand es als großartig!

Der Blondino durfte sich mit Annes Hilfe auch produzieren…