Die Reifeprüfung

Mein lieber Bubi,

ich soll nicht mit dir reden, hast du gesagt. Und ich solle auch keinen Brief schreiben, hast du gesagt. Ich soll dich doch bitte jetzt in Ruhe lassen.

Nun, das mit der Ruhe kann ich gerade nicht. Gar nicht. Seit Wochen hängen dein Vater und ich in einem Strudel aus Anspannung, was-wäre-wenns und Supportbestreben fest. Das ist ein Scheiß, das kannste laut sagen. Also, wenn dein kleiner Bruder gerade nicht zuhört.

Weißt du, das ist wirklich echt Kacke gelaufen heute. Und vor zwei Wochen auch schon. Ich meine, du hast wirklich passable Leistungen abgeliefert, dreizehn Jahre lang, und nur an an zwei Tagen waren die nicht abrufbar – shit happens! Tja, Abitur adé. Und dann heute die beschissene mündliche Nachprüfung – die allerallerallerletzte Chance, nur kein Druck- und wieder hat es nicht gereicht. Und dann noch diese Abwertung, dieses: „Das war gar nichts, was sie heute gezeigt haben!“, danke.

Als du den Weg zum Haus herunterkamst am heutigen Vormittag, da wollte ich dich nur in den Arm nehmen. Du wolltest das natürlich nicht, das willst du nie. Dein Gesicht, diese Enttäuschung, dich so zu sehen… weißt du, wir sind alle am Boden zerstört, heute. Aber das musst du wissen, wirklich glauben: Es hat nichts damit zu tun, dass wir dich für einen Versager halten, dass wir enttäuscht wären. Im Gegenteil! Wir sind so traurig, weil wir dir von Herzen gegönnt hätten, dass du diesen Sieg einfährst! Weil dein Vater und ich der Meinung sind, du hast das sowas von verdient, dieses alberne Blättchen mit dem Abiturzeugnis. Du hast dich dreizehn Jahre abgestrampelt unter deutlich erschwerten Bedingungen, die letzte Zeit gänzlich ohne Hilfe. Du hast nicht einen einzigen Tag geschwänzt, niemals „versehentlich“ verschlafen, du warst geradlinig bei der Sache. Das hat nicht gereicht. Leider.

Seit Ende letzten Jahres musstest du ohne Schulintegration auskommen, weil der letzte Integrationshelfer krank wurde und in der ganzen Stadt kein Ersatz zu finden war. Deine Schule hat bis heute keinen Integrationsbeauftragten benannt, obwohl sie nach dir in jedem Jahr mindestens einen Schüler mit Autismusspektrumstörung aufgenommen haben, das zusätzliche Geld für die Inklusion nimmt man gerne mit und niemand prüft so genau nach, ob der Auftrag denn überhaupt erfüllt wird, egal. Dann kam Corona und verbannte dich zum Alleinlernen in dein Zimmer. Tutorstunden fielen aus, Prüfungsvorbereitung nur noch im Alleingang. Du hast das wirklich bravourös gemacht! Ich habe dich eigentlich nie genervt erlebt, niemals schlecht gelaunt. Die letzten Tage der Prüfungen, da hattest du entsetzliche Muskelzuckungen, die dich um  den Schlaf brachten, du warst am Ende deiner Belastung, wir haben es alle gemerkt. Und dennoch hast du dich so wacker geschlagen, hast dich zusammengerissen (Auch wenn Autisten immer wieder gern beteuern, das sei per definitionem unmöglich!) und dich motiviert. Es hat nicht gereicht.

Mir will das Herz brechen über deinen Kummer heute, deinem Vater geht es ähnlich. Aber nur, weil wir finden, das ist so ungerecht, so kackdrecksgemein. Weil wir sehen, was du geschafft hast und wie weit du gekommen bist und dass dir wirklich niemals in den letzten dreizehn Jahren irgendwas in der Schule geschenkt wurde. Und zugefallen ist es dir schon überhaupt gar nicht. Wenn ich daran denke, dass du trotz aller Anträge im Vorfeld das Abitur ohne Nachteilsausgleich (lediglich ein paar Minuten mehr Zeit wurden dir zugestanden) ablegen musstest, will ich ein Loch in die Wand hauen! Da wird dir jahrelang zugesichert, dass du die Operatorenliste als Hilfsmittel bei Arbeiten benutzen darfst und in der Prüfungsordnung steht, der Integrationsschüler legt die Prüfungen ab unter den Bedingungen, wie der Stoff gelehrt wurde, und dann wird die für dich so wichtige Operatorenliste auf einmal abgelehnt mit dem Hinweis, das wäre ja sonst ungerecht gegenüber den anderen Schülern und alle müssten unter den gleichen Bedingungen abliefern. Hallooo?!

Chancengleichheit

(Ich bin so inklusionsagressiv, ich könnte was anzünden… )

Ich habe dir im Vorfeld gesagt, ganz egal, wie heute das Ergebnis ausgeht, ich bin stolz auf dich! Du hast dreizehn Jahre Schule gemeistert und ich schau mir deinen Zensurenspiegel an, da steht nichts von „durchgefallen“! Du hast die letzten drei Jahre Leistung abgeliefert, das steht dort. Du konntest es an den Prüfungstagen nicht abrufen, von mir aus, aber du hast es geleistet! Ich lass mir nichts anderes einreden. Du bist absolut großartig und ein fantastischer junger Mensch, den ich so gerne um mich habe.

Und ich habe dir gesagt, wurscht, was dort auf dem Papier steht, ich weiß einfach, du wirst deinen Weg finden und ich wünsche mir nur für dich – nicht für mich – dass du glücklich wirst und zufrieden und deinen Platz in dieser Welt ausfüllst. Ob du dazu als Baggerfahrer deinen Lebensunterhalt verdienst oder als Verkäufer für Tiernahrung, als Biochemiker oder Eintänzer, das ist mir wumpe, solange es deiner eignen Wahl entspricht.

Ich weiß aber auch, dass du das Meerrauschen einschaltest, wenn ich gefühlsduselig werde und liebesschnulzig. Du hast mal gesagt, das könntest du alles nicht ernst nehmen, was ich von mir geben würde, denn ich fände ja immer alles ganz toll, was du machen würdest. Das hat mich nicht gekränkt, ich verstehe, was du meintest. Aber dein Vater ist zum Glück auch noch da und darf den Part des konstruktiven Kritikers übernehmen und dir Rankhilfe sein, an der du dich festhältst und nach oben wächst. Ich muss das nicht. Ich bin der Barde mit den Lobgesängen.

Wenn ich so drüber nachdenke, weiß ich auch nicht, ob ich das super gefunden hätte mit einer Mutter wie mir. Ich weiß nur, dass ich mein erstes halbes Leben versucht habe, die Lücke zu schließen, das Loch zu stopfen, dort, wo die elterliche Unterstützung und Wertschätzung und ewiglich geschworene Liebe und Zuversicht eigentlich hingehören. Und dass ich es um jeden Preis anders machen wollte. Dass ich sowieso gar nicht anders kann, als für immer der größte Fan von dir und deinem Bruder zu sein, das ist für dieses Vorhaben natürlich überaus hilfreich.

Ich werde niemals damit aufhören, auch nicht, wenn du siebzig bist und ich hundert. Auch dann noch werde ich dir sagen, wie glücklich ich bin, deine Mutter zu sein. Und wie stolz du mich machst. Weil es eben nicht von einem Zettel abhängt, was deinen Wert ausmacht. Und noch nicht mal dein Lebensweg wurde heute entschieden, nicht im mindesten, auch wenn du das jetzt sicher denkst. Und dich fragst, was nun aus dir werden soll. Du musst nicht werden, du bist schon.

Ich erzähl dir mal was.

Wenn du jetzt nach dreizehn Jahren auf dem sogenannten „ersten“ Bildungsweg dein Abitur gemacht hättest, dann wärst du in unser ganzen Familie der erste Mensch überhaupt! Ernsthaft. Dein Opa hat die Schule nach acht Klassen verlassen und Maurer gelernt, sich danach irgendwie hochgearbeitet und Abendschule gemacht und war dann Chef von Dings und Bums. Deine Oma hat bei der Post gearbeitet, während der Lehre noch deinen Onkel bekommen und auch „irgendwie“ weitergelernt bis in ihre leitende Position. Damit will ich nicht sagen, dass eine leitende Position erstrebenswert ist, nur, dass beim Schulabschluss nicht entschieden wird, wo die berufliche Reise schlussendlich endet.

Dein Vater hat eine Ausbildung zum Schlosser gemacht und jeden Tag davon gehasst. Danach hat er sein Abitur nachgeholt und war mit dreiundzwanzig fertig damit. Mit achtundzwanzig hatte er das Studium beendet. Du warst fünf Jahre alt damals.

Und ich habe gar kein Abitur! Hab ich damals gedacht, das sei ein Manko? Natürlich. Ich habe eine verhasste Lehre gemacht unter Honecker (Elektronikfacharbeiter, damals noch ohne -in am Ende, Genderfizierung war noch nicht erfunden), danach zwei weitere Ausbildungen angefangen (Frisör, Außenhandelskauffrau) und aus unterschiedlichen Gründen abgebrochen. Erst mit fünfunddreißig (du warst schon da und ich bin täglich morgens um halb vier aufgestanden um zu lernen) habe ich meinen Abschluss als Informatikkauffrau gemacht, der mich zu meinem heutigen Job gebracht hat. Hat mich das zu einem Versager gemacht? Nein. Hatten andere Menschen in meinem Alter viel früher große Autos und schicke Häuser und einen Plan im Leben? Ja, sicher. Will ich rückblickend tauschen? Auf gar keinen Fall!

Was ich dir damit sagen will ist, dass Versagen in den seltensten Fällen wirklich Versagen bedeutet. Versagen ist nur ein Begriff der Abwertung, den du dir selbst auferlegst oder dir von anderen auferlegt wird. Nichts im Leben ist Versagen! Davon bin ich zutiefst überzeugt. Alles führt uns am Ende auf einen bestimmten Weg, unseren Weg! Und du stehst erst am Anfang deines Weges. Ob er verzweigt ist und mit Wurzeln bewachsen oder eine asphaltierte Straße, bei der du den Horizont fest im Blick hast, ich weiß es nicht. Ich hoffe, er ist mit schattigen Bäumen bewachsen und mit Blumen am Wegesrand, damit dein Blick Ablenkung erfährt und du dich nicht immer auf dein Ziel fokussierst. Und dass du immer nette Gesellschaft hast auf deinem Weg. Das ist überhaupt das wichtigste in meinen Augen, aber ich bin alt, das musst du noch nicht verstehen, jetzt mit zwanzig.

Ich möchte dich noch ein Stückchen begleiten, auch wenn ich lernen muss, dir nicht mehr die richtigen Wanderschuhe rauszustellen und dich mit Sonnencreme einzuschmieren, falls der Weg durch die Mittagshitze führt (Metaphern sind nicht so deins, ich weiß, ich schreibe das mehr für mich). Ich würde dich gern für immer behüten und beschützen und dir jede Last und jedes Arg und Weh vom Leibe halten, aber dann macht der Weg auch keinen Spaß.

Weißt du noch, als wir auf Teneriffa auf den La Guaraja gestiegen sind? Das war eine Plackerei. Aber als wir oben waren, wow. Und wie stolz wir da waren! Wir hätten natürlich auch mit der Seilbahn hoch zum El Teide fahren können und auf bequeme Weise die Aussichtsplattform erreicht – ohne Schweißvergießen, ohne Mühen – glaubst du, wir  hätten dieselben Gefühle gehabt da oben?

 

Heute willst du nicht mit mir reden, heute lass ich dich in Ruhe. Aber ich bin hier, ich habe die Ärmel hochgekrempelt und zwei, drei Reiserouten für die nächste Etappe zur Auswahl. Oder du machst erst mal Pause. Du darfst das selbst entscheiden, es ist deine Reise, auf deinem Weg. Wir, deine Eltern, sind nicht die Reiseleitung. Aber wir sind bergerfahren und schluchterfahren, wir sind schon durch Stürme und ohne Ausrüstung gegangen, und du kannst immer auf uns zählen, wenn du uns ein Stück mit dir gehen lässt. Das wird die Reise deines Lebens und sie hat gerade erst angefangen.

Deine Ma

 

Coronawochenende in Bildern

„Essen in Bildern“ vor allem, aber bleiben sie neugierig! Hier gibt es einiges zu sehen. Halten sie vorsorglich Chips, Malteser oder einen Becher Eis in Griffnähe.

So. Here we go. Ich dachte mir, ich müsste mal wieder was dafür tun, dass ich im Header dieses Blogs behaupte, es ginge hier um „Abenteuer rund um Aufzucht und Pflege der Jungen“, das heißt: Content her von richtigen Kerls! Sollten sie die Anschaffung eines oder mehrerer männlicher Fortpflanzen erwägen, dann stocken sie schon mal vorsorglich den Dispo auf! Ich kann ihnen berichten, dass ich mich gerade in einer Zeit der Lebensmittelverknappung oftmals genötigt fühle, meinen vollen Einkaufswagen zu rechtfertigen. Kurz: Ein Sack gefrorene Schnitzel und eine Palette Joghurt gehen als kleiner Snack durch! Deshalb finden sich über Gebühr Fotos von zusammengekochten Lebensmitteln bei meinem Wochenendbericht-ich stehe eigentlich ständig am Herd.

Zum Beispiel deswegen:

Das Beste, das aus Bohnen werden kann, ist nicht etwa dieses neumodische überkandidelte vegane Eiweiß, nein, das hier:

Bohnen kurz blanchieren, gefrorene Bohnen nur auftauen. Zwei Hände voll Zwiebeln in Butterschmalz anbraten, bis sie Farbe bekommen. Dann die Bohnen dazutun und scharf anbraten. Die müssen wirklich Farbe bekommen! Rühren ab und zu, probieren, ob sie bissfest und gar sind, das dauert ein wenig. Gewürzt wird das mit Salz, Pfeffer und von mir aus etwas Kräutlein aus der Provence. Ein bis zwei Esslöffel Aceto Balsamico in die Pfanne geben, wenn es aufhört zu zischen, ausschalten. Von acht Tomaten die Wände sauber abschneiden und die abtupfen, in Streifen schneiden. Den Rest der Tomaten aufheben und eine Tomatensuppe planen für die nächsten Tage. Die Tomatenwände in die Bohnenpfanne geben, es soll nicht so zerkochen wie auf dem Foto. Das ist nicht schön geworden, Frau Nieselpriem!

Dazu passt luxeriöses Kartoffelpüree, und das geht so. Mehligkochende Kartoffel schälen und kochen (ihr seid bestimmt überrascht), dann in ein Sieb. Im Kartoffeltopf ein Löffel Butter mit einem Esslöffel Knoblauch anschwitzen, dann ein Becher Schlafsahne dazu, Salz, eine Prise weißer Pfeffer, aufkochen. Die Kartoffeln dazu und stampfen. Um Gottes Willen nicht pürieren! Danach -wenn ihr habt- ein wenig Trüffel drüber hobeln (mir wird der Schlüpfer warm). Ich hatte keine Trüffel, ich habe Schnittlauch genommen (nein, ich denke nicht, dass Schnittlauch als Ersatz für Trüffel durchgeht, aber wir müssen alle Opfer bringen in diesen Zeiten).

Dazu passt zum Beispiel ein rosafarbenes Lämmchen. Oder Fischstäbchen vom Aldi. Im Ofen lieblos sich selbst überlassen.

Beim Essen ist die einzige Gelegenheit, bei der wir alle vier am Tisch sitzen, der Bubi verschanzt sich sonst in der Bubiburg und lernt fürs Abitur (offiziell) oder daddelt (wahrscheinlicher) und züchtet Körperbehaarung (offensichtlich). Seit Anbeginn der Quarantäne hat er sämtliche Rasurbestrebungen aufgegeben und sieht nun mit seinem wolligen Backenbart aus wie George Washington. Ich muss ständig hingucken. Außerdem ist sein modischer Undercut rausgewachsen, wir verlottern. Da es bald absolut solidarisch zugehen wird, weil kein Mensch ins Solarium, Sonnenstudio, Friseurstudio oder zur Nagelmodellage gehen kann, werden wir bald alle mit grauen verwachsenen Haaren, abgeknaubelten Fingernägeln und fahler Gesichtshaut umherschlurfen. Come as you are, ich freu mich drauf.

Am Nachmittag haben wir den Wandertag ausgerufen. Wir sind nach Tharant gefahren und wollten durch den Forstbotanischen Garten lustwandeln. „Arboretum“, wie wir Intellektuellen dazu sagen. Gut, das Arboretum war geschlossen, die schließen echt den Wald zu, die spinnen, aber dann suchen wir eben irgendwas anderes zum Lustwandeln. Herrschaftszeiten, als ich Kind war, gabs gar kein Arboretum! Ich konnte Hascher um den Apfelbaum bei meiner Oma im Garten machen und damit hatte es sich! Also reißt euch zusammen!

Das verwöhnte Wohlstandskind steigt aus dem Auto und schmeißt sich längs mit der Begründung, es könne und wolle nicht laufen. Man kennts.

Wir haben dann Pferde „gefunden“ und der Blonde durfte unter Anleitung des Besitzers die Resi, den Axel, „die Chefin“ und ein polnisches Austauschpferd füttern und striegeln. Das Kind war happy und sagte zu dem Pferdemann: „Du bist ein wirklich schöner Mann, vielen Dank! Das ist der schönste Tag in meinem Leben!“. Der Pferdebesitzer sah nicht überrascht aus, obwohl er mich optisch an Petterson erinnerte. Ich überlege die Anschaffung von Pferden. Pferde machen schön.

Zu Hause erwartet das holde Blondchen noch ein Liebesbrief aus der weltbesten Kita mit einem lieben Ostergruß und einem selbst gebastelten Spiel.

Sonntag. Guten Morgen! Ich habe das Rasieren noch nicht eingestellt, aber das Glätten meines widerporstigen Haupthaares. Ich freue mich sichtbar, weil ich gleich wieder in der Küche verschwinde.

Vorher behämmern der Blonde und ich Konservendosen mit Hämmern und einem dicken Nagel. Das macht erstaunlich Spaß und sorgt für stimmungsvolles Licht beim Mittagessen.

Es gibt Krautnudeln mit Kraut, Hackfleisch und Nudeln, gewürzt mit Estragon und Kümmel. Für mich gibts Hefeklöße mit Butter, Zimtzucker und Grütze.

Am Nachmittag – der Mann ist unterwegs- verdingen sich das Kind und ich im Garten. Wir haben alles angeeiert und geschmückt, weil wir in diesem Jahr nicht wegfahren werden zu Ostern (es war eine kurzfristige Entscheidung, sie verstehen). Das Ergebnis ist gefällig.

Überall stehen jetzt Eimer und Töpfe mit Samen und Pflänzchen herum. Wir haben „Bienenglück“ ausgesät und mit bubberndem Herzen Samen aus dem Garten von der Andrea Harmonika, die diese uns geschickt hat. Falls hier jemals irgendetwas gedeiht, das ebenfalls abgesamt werden könnte, werde ich auch Samen verschicken.

Währenddessen hat das Kind den Garten angemalt. Voll idyllisch hier bei uns.

Bei mir geht alles ein, ich schiebe es gern und beständig auf den „Waldgarten“, in dem nur Pilze, Brombeeren und Bärlauch gedeihen würden, aber bestimmt liegt es an mir. Wider besseren Wissens habe ich sogar Erdbeerpflanzen eingetopft! Als ob. Nun ja, irgendeine Übersprungshandlung brauchte ich! Es gab zwar kein Klopapier und keine Tiefkühlerbsen, aber Erdbeerpflanzen am Freitag! Was sollte ich da nur tun?! Genau.

Am Abend gab es Tomatensuppe (die aufmerksamen unter euch haben sich bestimmt schon gefragt, wann es so weit sein würde – genau, jetzt) mit kurzen Bandnudeln. Ich kann kein Essen mehr sehen, ihr etwa?

Na gut, Kuchen geht noch. Ich habe Prasselkuchen gebacken, jeder nimmt sich (virtuell was, bitte schön!

Wie? Ganz einfach Blätterteig aus dem Aldi (die Angebermuttis dürfen den gern selber machen, ich bringe das nicht) mit säuerlichem Gelee beschmieren. Dann Butterstreusel obendrauf und nach dem Backen einen Zuckerguss aus Gelee mit Puderzucker obendrüber. Und, schmeckts?

Zum Abschluss noch was vom Kleinen. Der beschimpft ja relativ originell alle Leute um sich herum, aktuell nennt er seinen Vater „Motz, den Blechrotz“. Ich habe rausgefunden, was das soll. Er plant eine Hiphop-Karriere! Er läuft auch durch die Gegend und tönt: „Yes yes jo, tschubiditscho!“, und denkt, er ist der Coolste!

Im Auto verlangt er stets als erstes nach „Bumm biddi beibei“, und groove-t dann mit dem Oberkörper hin und her. An jedem Ende einer vom Inhalt her niemals zu übersetzenden Refrainzeile kommt ein Wort, das auf einen Laut mit „-ei“ endet bei den Jungs vom Zypressenhügel, der Sechsjährige singt einfach konsequent „Brei!“ mit. Das ist sehr lustig!

Weil ich euch ja viel erzählen kann, singt jetzt die vermutliche einzige Latino-Hiphopband der Welt für Euch und den Blondino. Bitte vergesst das „Brei!“ nicht.

And four, and three, and two and one:

 

Domestizierung und ihre Folgen – ein Sozialexperiment

So, Leute, da bin ich wieder!

Wo soll ich denn auch sein, jetzt, wo niemand mehr irgendwo hin kann. Nein, hier bin ich, und der Dude wäre sowohl stolz auf meine Arbeitskleidung als auch meine Lebenshaltung. Der Bärtige findet, ich lasse mich gehen, aber apropos gehen: Er kann auch nirgendwo hin! Also isses mir wurscht, dass er mir die Schokolade in den Hals zählt und mich ständig zum Sporttreiben animieren will. Und zum Schminken, normale-Sachen-anziehen. Der Mann ist seltsam. Ich finde, meine fortgeschrittene Verlotterung ist nur ein Zeichen für funktionierende Selbstfürsorge.

Wobei, er selber behauptete ja neulich, er habe es echt am Allerschwersten, da er mit drei Pubertätern zusammen leben müsste! Der Blondino sei eindeutig vorpubertär, der Bubi regelpubertär und ich spätpubertär. Stimmt, Wechseljahre sind echt die schlimmste Phase aller Pubertäten. Meine Klimaanlage ist kaputt und ich bin permanent emotional übersteuert! Aber wir waren ja bei dem Mann. Dem Mann geht es gut! Danke der Nachfrage.

Mir geht es nicht so gut. Neulich las ich, die Isolation wäre wirklich furchtbar für ganz viele Menschen. Mensch, dachte ich so bei mir, die Isolation ist gar nicht mein Problem. Eher deren Fehlen, die Zwangsvergesellschaftung innerhalb der Kernfamilie, das macht mir zu schaffen! Ständig ist jemand hier, immer eigentlich, und ich selber ja auch! Gestern stand ich am Stadtrand und beglubschte sehnsüchtig eine baufällige Gartenlaube. Ich sagte zu dem Kerl, ich wöllte mein Pflichtteil ausgezahlt bekommen und bitte sofort diese „Datsche“ kaufen! Dann würde ich hier draußen alleine wohnen, egal, wie lange die Krise noch dauern würde. Und dass, wenn ich gewusst hätte, wie das alles so in echt aussieht, ich mir überlegt hätte, ob ich nicht mit jemand anderem zwangsisoliert werden wöllte. Der Mann blickte auf mich herab und ich konnte seine Gedanken lesen: Er stimmte mir zu, das wäre auch für ihn eine reizvolle Idee gewesen, wenn ich irgendwo anders wäre.

Das muss man verstehen. Das Geheimnis, warum wir uns auch noch nach zweiundzwanzig Jahren meist gut leiden können liegt darin, dass wir sehr wenig gemeinsam machen! In Friedenszeiten ist der Kerl an drei Abenden in der Woche nicht da, ich an zwei. Wir verreisen sogar getrennt, manchmal, und finden es schön so. Wenn wir wieder nach Hause kommen, haben wir etwas zu erzählen! Was sollen wir uns denn JETZT bitte erzählen? Der andere war doch dabei, der andere ist immer dabei.

In Woche eins des „Einschlusses“ war ich so fertig davon, mich an die neue Situation anzuaproximieren, um mal ein Wort aus dem Sprachgebrauch des Mannes zu verbiegen, mich hinzunivellieren, dass ich zu meinem Freund Bruno beim Facetimedate sagte, ich wüsste wirklich nicht, ob der Mann und ich im Sommer noch verheiratet sein würden! Der hat nur gelacht.

Dieses Sozialexperiment hier, das haut mir alle unter der Oberfläche schwärenden zwischenmenschlichen Beziehungsprobleme um die Löffel. Da kommen Probleme zum Vorschein, von denen wusste ich gar nicht, dass ich sie hatte! Wir sollen ja aber was lernen, die Krise als Chance, also Augen zu und gewaltfreie Kommunikation an. Da geht es der Nieselpriem wie allen anderen Kindern, da müssen wir jetzt durch!

Wisst ihr, was ich mich frage? Warum noch keiner auf die Idee gekommen ist, dass das Virus von Amazon eingeschleppt wurde! Da sitzen die ja immer in ihren Verschwörungsvideos und sagen, man solle sich fragen, wem das alles nütze! Ja, wem nützt es denn? Also ich weiß nur, dass Amazon mit den Lieferungen nicht mehr hinterherkommt. Ich habe eine Verlautbarung gelesen, wo sie mitteilen, dass es aufgrund von vermehrten Bestellungen von Drogerie-, Lebensmittel und Haustierbedarf  zu zum Teil wochenlangen Verzögerungen kommen kann. Ja, unser persönlicher Amazon-Lieferant, der immer fröhlich durch die Türsprechanlage ruft: „Amma Sohn Bagget für disch!“, ist schon länger nicht mehr gesehen worden.

Das mit dem Homeschooling, das habt ihr jetzt alle drauf, ja? Wir haben das Abiturprogramm des Kronsohnes nach Kompetenzen aufgeteilt. Ich, die ich nicht mal Abitur habe, kontrolliere Wirtschaftslehre, Deutsch und Englisch, der Mann muss bei den technischen Fächern ran, weil er zwar nicht weiß, wie „Physalis“ geschrieben wird, aber den Unterschied zwischen MP3 und MP4 kennt und anderen fürs praktische Leben unnützen Kram, der aber im Leistungskurs Informatik beim Sohn irgendeine praxisferne Relevanz haben könnte.

Überhaupt ist das Leben mit dem Bubi wirklich schön, der Bubi dürfte auch mit in meine Datsche. Der macht nix und hockt den ganzen Tag in seinem Keller vorm PC. Manchmal werfe ich ihm eine Vitamin D-Tablette in seinen Pumakäfig, weil er ja nun gar nicht mehr ans Tageslicht kommt, da der Schulweg weggefallen ist. Ansonsten ist er angenehm unauffällig. Mit diesem Verhalten passt er so gar nicht zum Rest der Familie!

Neulich las ich einen Text, ihr kennt diese dämlichen Bildchen, wo jemand dann einen Sinnspruch draufgeschrieben hat und die bei Facebook und per WhatsApp geteilt werden? Irgendein kinderloser Mensch schrieb da von den schönen Dingen, für die „man“ ja nun Zeit hätte und was alles nicht abgesagt sei: Frühling, Lachen, Sonnenschein, Vogelgezwitscher, Blablabla.

Weißte, was noch? Heuschnupfen! Heuschnupfen wurde auch nicht abgesagt! Um meine Heuschnupfenbetroffenheit drastisch zu beschreiben, stellt euch mich mit dem Blondino im Auto vor, versehentlich die AC an, fahren an den Elbwiesen vorbei, auf denen sich fröhlichen People tummeln in lustigen Grüppchen, da schniefts kurz dreimal hinten, dann kommt ein: „Aua, meine Augen…“, gefolgt von infernalischem Gebrüll: „MEINE SCHEIßAUGEN! GIB MIR SOFORT DIE KACKMEDIZIN, DU KACKMAMA, FÜR MEINE KACKSCHEIßAUGEN!!!!!“. Ja, ich weiß, das sind fünf Ausrufungszeichen. Hielt ich für angemessen.

Was sonst noch? Zeitumstellung! Zeitumstellung wurde auch nicht abgesagt! Wollen die mich eigentlich komplett rollen? Als ob ich nicht schon genug Probleme hätte, mit den Wochentagen klarzukommen, jetzt auch noch der KACKSCHEIß, um meinen Sohn zu zitieren und ja, er hat ein Problem mit seiner verminderten Frustrationstoleranz. Und ich auch, zwangsläufig. Wir alle. Am ersten Abend der Ausgangssperre sagt der zu mir: „Also, wenn morgen nochmal Corona ist, dann ist das eine Kackwelt, Mama!“.

Kind in Quarantäne – Symbolbild

Immer wenn der Blondine schlechte Laune hat, ist das ansteckend. Auch seine gute Laune ist ansteckend, aber er hat öfter schlechte Laune. Viel öfter. Er bastelt und malt nicht, er beschäftigt sich nicht alleine, er findet alles doof, weil er seine Kitakumpels nicht bei sich hat, er will den ganzen Tag bespaßt werden. Ich fühle mich wie im Kinderferienlager eingesperrt, als Betreuungsperson. Mittagschlaf macht der auch nicht mehr, dabei brauche ich nach der ersten Halbzeit dringend eine Ruhepause! Neulich machte ich mir Ohropax rein und dachte, was soll schon passieren. Nun, ich sage euch, was passiert ist. Ich komme nach anderthalb Stunden in sein Zimmer, da steht er vorm Fenster, die Jalousie hochgezogen und macht sich gerade dran, die Stricke derselbigen durchzuschneiden. Bunt angemalt im Gesicht und an den Armen. Vorher war er im Badezimmer, hat die Schubladen der Kommode dort aufgezogen als Treppe benutzt und ist nach oben geklettert um sich zu „schminken“. Ich weiß jetzt, wie das mit dem „ever last“ und „24 Std Halt“ gemeint ist bei Kajalstiften und Liplinern: Hält auf sechsjähriger Haut für mindestens fünf Tage! Danach ist der Angeschmuddelte nach unten geklettert, hat die Schubladen geschlossen und die Knaufe von außen abgedreht. Ich halte jetzt immer Wache vor seiner Zimmertüre (aktuell schreibe ich diesen Beitrag genau in dieser Wachhaltung, während das anbetungswürdige Früchtchen meiner Lenden und Räuber meines letzten einsamen Nervs eingesperrt und zur Mittagsruhe verdonnert in seinem Zimmer ist).

Das einzige, was hilft, ist das Kind zu schinden. Der muss rennen, toben, klettern, springen, der ist in Wahrheit ein Äffchen. Draußen. Wir kommen gleich darauf zurück.

Was war noch so los?! Ich habe die letzten Stoffreste aus dem Fundus meiner Omi zu Mundschutzen vernäht, wie ganz ganz viele Menschen.

Nun gibt es in der Stadt sogar solche“toten Briefkästen“,wo die fleißigen Nähbienen abends ihre Mundschutzlieferung reintun können. Diese hier ist aber offensichtlich bewunderungsgeil und übergibt ihre nur den bekannten Menschen im ärztlichen Dienst, gegen Dank und warme Worte. Kann sein. Aber (gefühlt) alle nähen fürs Uniklinikum und (gefühlt) keiner für die Hausarztpraxen, Physiotherapeuten und Altenpfleger. Ich war selber überrascht, wie viele Menschen ich persönlich kenne, die persönlich vom Mangel betroffen sind. Also liefere ich aus.

Heute nun fuhr ich erst zu unserer Kinderarztpraxis und im Anschluss  – weil es sich anbot- zu meiner Mutter. Ich brachte den neuesten Nele Neuhaus-Roman hin und zwei Mundschutze, selbst in Handschuhe und kochfeste Baumwolle gewandet. Meine Mutter erzählt ein wenig und dann sagt sie: „Diese Unwissenheit macht mich fertig! Mor weeß ja gar nisch mehr, was mor machn solln! Un wie mor uns schitzen gönn!“. „Doch, Mutti!“, widerspreche ich: „Man weiß eigentlich ziemlich sicher, wie man sich schützen soll! Da gehts schon mal los, dass du nicht jeden Tag runter zum netto gehst wegen einem Becher Quark und Nachmittags noch mal, weil die Nachbarin gesagt hat, es gäbe jetzt Klopapier!“. Aber sie trägt doch immer Handschuhe, erwidert meine Mutter. Und mit denen fasst sie sich an die Nase, wenn diese krabbelt, streite ich. Sie hat versprochen, nur mit Mundschutz rauszugehen, damit ich endlich den Mund halte.

Ich möchte jetzt bitte dringend den Doktor Brinkmann und den Doktor Stefan Frank und alle Mediziner Schauspieler der Schwarzwaldklinik bitten, täglich zwanzig Uhr vorm Kessel Buntes zu dem Volk zu sprechen! Die Senioren brauchen sie! Die Senioren vertrauen ihnen! Die Senioren glauben nicht, was ihre dussligen Kinder sagen, und die Lügenpresse! Bitte sagen sie es ihnen! Danke.

Denn wenn ich die Rentner so beobachte, wie sie sich um das Klopapier kloppen, tratschend zusammen stehen, dann begreife ich es nicht. Denn sie begreifen die Situation nicht! Schon zu Friedenszeiten verstopfen sie den ALDI zur primetime – der Bärtige sagt gerne, das sei denen ihr Facebook- nun machen sie es genauso. Stehen mit einer Packung Knäckebrot in der Schlange, rücken einem auf den Leib und kontrollieren, ob man selbst hamstert. Neulich steht so ein Exemplar hinter mir, Typ „Bier formt diesen schönen Bauch“, mit verschränkten Armen über der Brust, während seine Frau neben ihm einen Sechserpack Mineralwasser wuchtet, beobachtet, wie ich meinen Wocheneinkauf aufs Band packe und sagt: „Orr nee, Inge, gugge dir das an! Die kooft wohl für das gesamte Hauskollektiv ein!“. Dieser Typ Rentner ist mir wohlbekannt. Er spaziert Montags um den Altmarkt und wählt AFD, weil da „endlich mal eener sagt, wie es ist!“, hat noch nie einen Ausländer von Nahem gesehen  – außer den Vietnamesen vom Imbiss- weiß aber, die Ausländer sind an allem schuld. Und davor war´s der Wessi! Dieser Typ Wendeverlierer altert ungnädig und wird zur Plage in diesen Zeiten.

Ich war heute noch auf der Post ein Päckchen aufgeben – mit Gummihandschuhen und Mundschutz, als einzige-, da wuselten sie durcheinander durch den Kassenraum, von Abstand keine Rede, die ganzen Warnschilder lesen sie nicht, die Kreuze auf dem Boden ignorieren sie, da kommt ein Rentnerpaar rein, sie öffnet mit bloßer Hand die Tür an der Klinke, er hält mit seiner bloßen Hand die Tür für sie auf, sie stellen fest, dass noch ein paar Menschen vor ihnen dran sind, regen sich darüber auf und beschließen, am Nachmittag die fünf Briefmarken einzukaufen, die sie einkaufen müssen. Weil, sowas hat man besser vorrätig.

Sie machen einfach so weiter wie immer. Von mir aus, könnte man sagen! Sei das Licht, sei selbst das Licht, Henrike, sage ich zu mir, und das soll mich beruhigen. Tuts nur nicht, weil die Leutchen mich penetrieren mit ihrer Unwissenheit/ Trotz/ Ignoranz.

Ich bin ja von Rentnern umgeben in dem seriösen Stadtteil, in dem wir leben. Links, rechts, vorn, hinten. Wir leben hier idyllisch, wir haben Platz en masse, wir haben die Elbe in Laufnähe, den Waldpark, wir habens wirklich schön!

Nun ist es ja so, dass unser Radikalinski wirklich zweimal täglich raus muss zum rumrennen, bolzen, springen… ihr wart aufmerksame Leser, ihr wisst bescheid. Es ist auch so, dass ich durchaus weiß, dass wir es hier weitaus luxeriöser haben als andere Familien. Es geht um die Haltung meiner Nachbarn.

Der Waldpark ist voll mit Menschen, die trotz Spielplatzsperre am Spielplatz stehen – ich kann es ihnen nicht verdenken, was soll man denn wochenlang mit den Kindern machen! Manch einer hat auch kein Auto, was ihn in irgendeinen Wald bringen könnte, und was soll man denn dann auch andauernd im Wald! Es ist zum Piepen. An den Elbwiesen dasselbe. Viele Menschen, viele Kinder.

Wir also, wir leben auf und neben großen Gründen, auf denen man bolzen, springen, toben, rennen könnte. Nicht kann, könnte. Denn bei uns ist es nicht erwünscht, weil überall Blümchen blühen, was schön ist, aber fragil gegenüber Kinderfüßen.

Auf der Einfahrt wird es auch nicht gern gesehen, weil da ist es laut und außerdem fliegt der Ball auch auf die Wiese, die Blümchen.

Hinter unserem Haus ist ein kleines Stück Wiese, da dürfte das Kind, aber der Ball, der Zaun, die Blümchen…

Jetzt – Ha!- hat der Mann das Nachbargrundstück ausgemacht. Dort residiert eine Verwaltungsfirma in einem großen Haus mit riesengroßer Rasenfläche hintendran. Außen drumherum ein hoher Zaun, der ideale Fußballplatz. Denn, nachmittags gehen die Verwaltungsfräuleins nach Haue und nur ein Rentnerehepaar lebt noch dort unterm Dach. Niemand sonst. Die Rasenfläche ist brach, ungenutzt und vermoost, sie wird von niemandem genutzt, falls das eine Geige spielt. Das Tor ist auch unverschlossen, weil es nicht zu verschließen geht. Wir wissen schon, dass das sicher nicht rechtens ist, auf ein unverschlossenes Nachbargrundstück zu gehen, nur weil es unverschlossen ist, aber das ist eigentlich ein Gewerbegebiet und man kennt uns da! Udn wir dachten – doof, wie wir sind – dass es einfach ALLEN Mitmenschen klar ist, was das im Moment für eine Belastung ist, der wir arbeitenden Eltern ausgesetzt sind.

Der Mann geht also manchmal dorthin um mit dem Blondino zu bolzen. Weil ja, wir alle sollen und wollen zum Gemeinschaftsschutz zu Hause bleiben und wenn raus, dann doch bitte nicht alle auf einen Haufen. Wir dachten, das sei angesichts der Lage doch in Ordnung. Denkste.

Zuerst wurden wütend unsere Federbälle konfisziert, die über den Zaun flogen, danach traten die Rentner persönlich auf um dem Bärtigen mitzuteilen, das sei hier kein Fußballplatz! Nun, da hätten sie sich wohl spezifischer ausdrücken müssen, denn der Mann tauschte den Fußball gegen einen Segelflieger und spielte wieder in dem Garten. Dann!

Dann kamen sie, plärrten den Gatten an, das sei eine bodenlose Frechheit, die Polizei wöllten sie holen! Was der sich denken würde! Dabei rückte die Seniorin dem Kerl auf die Pelle, Geifer spuckend. Der Mann sagte: „Bite halten sie Abstand!“, und ging einen Schritt zurück. Die Frau rückte auf, dass jeder weitere Schritt als Pettingversuch zu werten wäre und blaffte meinen armen Mann an: „Häh! Ich habe was! (hustet) Jetzt werden sie sich anstecken! Hähä!“. Der Bärtige hat versucht, auf die besondere Situation im eigentlichen und die Chance dieser ungenutzen ungepflegten Wiese im Besonderen hinzuweisen und um Solidarität gebeten, wurde aber verlacht und rausgeschmissen.

Der Mann war erregt, und das ist er selten. Ich bin sauer. Und zwar richtig! Das ist die Risikogruppe. Wegen denen schützen wir uns, damit die nicht krank werden. Entschuldigt, mir kommen Zweifel. In Zeiten, wo wir alle uns in Solidarität üben, Nachbarn Hilfe anbieten, nähen gegen den Mundschutzmangel, unsere Kinder zu hause betun und „nebenbei“ arbeiten, uns im Spagat befinden zwischen allen Anforderungen, da kommt mir sowas so richtig hoch!

Vielleicht schreibe ich den Besitzer des Grundstückes an um zu fragen, ob wir da gelegentlich spielen dürfen, und dann gehe ich mit der Seniorin in den Zweikampf! Mit Mundschutz! Ich bin die einzige Alte, die meinen Mann anschnauzen darf! Vielleicht verraucht meine Wut auch einfach unverpufft, aber ich weiß ganz sicher, wem ich garantiert nicht meine Nachbarschaftshilfe anbieten werde!

 

(saure Rike ab)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Rubbellose für Senioren

Ich will eigentlich nichts mehr über Alterserscheinungen, Geburtstage jenseits derer, wo ich einen Holzzug mit Kerzen auf den Tisch stelle und Ballons aufpuste, schreiben, aber. Aber einer muss euch ja warnen! Es geht alles den Bach runter, alles. Der Beckenboden, das Bindegewebe, die Sehstärke, alles.

Pass auf, hab ich mir doch aus Verzweiflung Amazongutscheine gewünscht zum Geburtstag. Ich weiß schon, keiner von euch bestellt beim bösen Amazon, sondern ihr alle kauft nur handgeklöppelte Waren beim Handklöppler um die Ecke. Lokal und regional und bio und öko. Ich natürlich auch! Natürlich.

Also, Amazongutscheine. Das musste sein, weil ich sonst hier einen Tisch voller Schnittblumen im allgemeinen und Nelken im Besonderen stehen hätte, Mon Cherie Pralinen, Rotkäppchensekt und andere Entsetzlichkeiten! Dabei bin ich überhaupt nicht anspruchsvoll, ich könnte sofort aus dem Stehgreif zehn Dinge nennen, die nicht mal zehn Euro kosten und über die ich mich immer freue! Badesalz, Duftkerzen, Kerzen überhaupt, Badeschaum, Badepralinen, irgendwas Gebasteltes und den Rest bis zur Zehn fülle ich mit reduzierten Taschenbüchern auf. Ihr seht, ganz einfach also. Eigentlich! Da ich aber neue Laufschuhe dringend brauche und notorisch pleite bin, dachte ich, ich lasse mir die so von allen schenken, ich cleveres Ding, ich.

Ich habe auch Amazongutscheine bekommen, so weit, so gut.

Gestern dann setze ich mich hin, die Gutscheine in der einen, das Handy in der anderen Hand. Wie geht das nun, kann ich das nacheinander auf mein Konto laden?! Also Googlen. Googlen ist wie Denken, nur weniger krass, harhar.

Guck an, ja, das geht. Link klicken, Seite aufrufen. Da steht dann irgendwas von „Geschenkkarten auf Konto laden“. Prima, ich komme klar. Eintippen oder Scannen? Na, beides, denn es gibt wohl Amazongutscheine, die aus Buchstabenkombinationen bestehen und welche nur mit Zahlen?! Hä? Komisch. Ich kenne mich nicht aus, ich kaufe die sonst nur um die selbst zu verschenken an Menschen, die eigentlich nur Bioökoregionales beim Handklöppler um die Ecke kaufen. Und ich habe Freunde, die mir Karten gekauft haben und Freunde, die geheimnisvolle Botschaften auf Geburtstagskarten geschrieben haben. Ob das ein Amazoncode ist? Probieren. Ich tippe. Mann ey, jetzt muss ich auch noch Handschriften entziffern! Wer solche Freunde hat…

„Dieser Code ist ungültig. Vermutlich handelt es sich um einen Tippfehler.“. Okay, aber dreimal, viermal? Der Code ist ungültig. Was ist hier los? Hat mein Freund Bruno mir etwa einen falschen Code geschenkt? Ob ich mal anrufe? Vielleicht hat er sich ja verschrieben? Nein, das ist peinlich. Aber ich muss mich schon sehr wundern. Kein Geschenk wäre durchaus einen Option gewesen, aber ein ausgedachter Amazoncode? Pfffff.

Nächste Karte. Scannen. Ich scanne mit dem Handy, das geht nicht. Die blöde Scheiße geht nicht! Einen Gutschein nach dem anderen versuche ich zu scannen, mein Handy kann das nicht lesen. Error, Error, Error.

Ich werde sauer. Was für ein Kackdreck, wollen die mich verarschen? Ich wünsche mir die Zeit zurück, als man zu runden Geburtstagen Geld an Zimmerpflanzen band oder romantisch in einen Briefumschlag steckte und es der Jubilarin ins Dekolleté schob. Boar!

Ich sitze also mit meinen Verarschungsgeschenken auf der Couch und denke, einen Versuch! Komm, Mädchen, einmal noch, dann schmeißte die ganze Scheiße in den Müll. Also los, wieder ein Gutschein zum Abschreiben. Vorsichtshalber noch die Lesebrille aufsetzen (sagt dir auch keiner, quasi über Nacht bin ich jetzt blind auf der Kurzstrecke; es ist nichts würdevoll am Altern). Gucken, tippen, gucken, tippen. Dann kommt dieses Prüffeld, ob ich Humanoid oder Android bin. Kennt ihr? Dieses Kacksdrecksfeld, wo wirr Buchstaben groß und klein mit Zahlen und Gekrissel in einem Kästchen stehen? Genau das. Und da bin ich aufgeschmissen! Ich kann nämlich niemals diese Zahlenbuchstabenkombination korrekt eingeben. Nie. Muss man die ominösen Leerzeichen mit tippen? Ich erkenne auch oft nicht, was dort steht. Ich rate also mutig drauf los und natürlich ist es falsch! Ich bin entlarvt, ich bin kein Mensch.

Der Mann findet mich fluchend mit zornigem Gesicht auf der Couch.

Was denn los sei, fragt er folgerichtig, auch wenn ich prinzipiell ja keinen besonderen Grund brauche, um zornig zu gucken. „Also, außer, dass der Bruno mir einen ungültigen Amazoncode geschenkt hat und diese ganze Scheiße hier überhaupt nicht funktioniert mit diesen Gutscheinen, ist nichts! Alles super!“. „Gib mal her. Hast du die richtige Seite aufgerufen? Die, wo man die Geschenkgutscheine einträgt?“. „Hältst du mich für total bescheuert? Ich werde ja wohl noch bei Amazon eine Seite finden?!“. „Ich frage ja nur. Hier, guck, also der Bruno hat dir vierzig Euro geschenkt, ich hab einfach nur den Code abgeschrieben.“(zeigt stolz sein Handy) „Du cheatest doch! Ich habe nichts anderes gemacht! Und da stand, das sei ungültig!“. Währenddessen nimmt der Mann sich kopfschüttelnd eine weitere Amazonkarte vor. Ich tue es ihm nach und will  beweisen, dass es eben nicht geht! Ich scanne also eine Karte, wie vorher auch und nein, das funktioniert nicht. „Siehst du, siehst du! Die Scheiße klappt nicht!“, schreie ich den Kerl an. Der schaut auf mich, auf die Karte in meiner Hand, wieder auf mich. „Ernsthaft jetzt?! DAS hast du die ganze Zeit gemacht? Genau so?! Du hast versucht, den Barcode der Verpackung zu scannen? Was bist du? Eine verfluchte Supermarktkasse?! Du musst die Scheißpappe natürlich erst mal abmachen! Oh Gott, ich glaub es nicht. Wie bescheuert kann man denn sein?!“. „Woher soll ich das denn wissen? Steht das irgendwo? Nein! Das ist voll nutzerunfreundlich!“. „Das steht bestimmt sogar irgendwo drauf für solche Dummdödel wie dich, aber du kannst es ja eh nicht mehr lesen, wenn es nicht in 22pt gedruckt ist Gib her!“, und reißt beherzt die Pappe auf. „So, und jetzt rubbelst du das Feld hier oben frei und DANN ist darunter der Amazoncode. Und DANN kann man den scannen!“. „Was? Ich rubbel hier was frei? Das kann nicht denen ihr Ernst sein. Wo denn? Womit?“. Ich kratze dann mit einer Karte auf einer anderen fluchend drauf rum. Meine Finger sind ruckzuck schwarz, die blöde Rubbelscheiße geht nicht runter und allenfalls winzige Hieroglyphen, so klein wie Ameisenköttel, kommen zum Vorschein.

Ich konstatiere in meiner Not, ich bin ohne den Mann komplett aufgeschmissen. Der betitelt mich ohne Unterlass als selten dämlich und schüttelt wie ein Parkinsonpatient ohne Unterlass den hübschen Kopf. Ich atme tief durch, beschimpfe ihn innerlich lautlos als kotnaschenden Hodenkobold und bitte ihn dann (aus Verzweiflung, wie tief kann man sinken), mir doch bitte die Gutscheine zu scannen. Und klapper mit den Lidern. Versuche ein Lächeln. Er macht es.

Den Rest des Tages singe ich lautstark:

„Soy un perdedor! I´m loser, Baby, so why don´t you kill me!“

Und beim nächsten Mal bitte Nelken und Mon Cherie. Passt schon.

Geburtstagsgedanken

Heute bin ich neunundvierzig. Morgen fünfzig.

Absurd. Alles! Diese Zahl, die in der Vergangenheit darüber entschied, ob ich zu jung oder zu alt war. Diskobesuche nach zweiundzwanzig Uhr, zum Beispiel. Ich wurde auch mit zwanzig nie nach meinem Ausweis gefragt, ich hatte einfach alte Augen. Das ist mir heute klar, heute, wo über die schwärende Ganzkörperwunde meiner Seele eine dicke Hornhaut gewachsen ist, die nur manchmal juckt und ganz selten aufbricht – zum Glück. Zum Glück bin ich jetzt alt!

Meine persönliche Zeitrechnung beginnt vor zweiundzwanzig Jahren. Da traf ich den Bärtigen, von da an wurde alles gut. Vielleicht war er der erste Mann, der keine Angst hatte, sich mir zu stellen, vielleicht war er einfach zu jung um sich derartige Gedanken überhaupt zu machen. Mein Gott, zwanzig. Ich bin wie ein schwarzes Loch, was sämtliche Energie der Umgebung einsaugt, in saugendes Loch. Ich hatte mein Leben lang das Gefühl, es ist niemals genug Liebe da für mich und schlug wie ein verhungertes Tier meine Zähne in alles, das „Liebe“ versprach.

Ich weiß, die Umstände, warum ich eine derart fürsorgliche Mutter bin, dass sogar Begriffe wie „Rollatormutti“ völlig wirkungslos an mir abprallen, sind dem Umstand geschuldet, dass ich schmerzhaft weiß, was ein Manko an Elternliebe und das Fehlen von Bestätigung, Bewunderung und tausendfacher Versicherung des Geliebtseins und der immerwährenden schützenden Hände in der Entwicklung eines Kindes auslösen. Auslösen können. Unter fiesen Umständen. Kinder ohne Halt werden zu Erwachsenen mit haltlosem Verhalten.

Dass ich so lieben kann, so tief, dafür danke ich jeden Tag. Überhaupt ist Dankbarkeit für mich wie der Schirm, der über jedem meiner Tage spannt. Das Gefühl, dass sich alles findet, alles gut wird, dass ich beschützt, geliebt und angenommen bin. Die Glückseligkeit darüber, wie reich ich bin. Und ja, es gibt sicher Menschen, die sich meine Biografie ansehen und mir auf die Schulter klopfen würden und sagen, das hätte ich mir alles selbst „erarbeitet“. Ich mag diesen Satz nicht, weil einfach nicht alles im Leben nur von persönlichem Ehrgeiz und Fleiß abhängt.

„Life is a strange thing, just when you know how to use, then it´s gone.“, sangen irgendwann die Shakespeares Sisters und ich hoffe, meine Altersweisheit bedeutet nicht, dass die Uhr schon zwölf geschlagen hat.

Fünfzig zu werden ist nicht so ein großes Ding, nicht so wie vierzig. Glaub ich zumindest. Das ist, warum ich das jetzt hier schreibe. Ich verstehe es jetzt.

Pass auf, ich hole jetzt die fette Metaphernkeule raus. Ihr müsst kurz tapfer sein.

Tulpe-mittelalt

Guck Dir diese Tulpe an. Ich liebe Tulpen! Jeder mag Tulpen, oder? Gut, ich mag sie eigentlich nur ganz ganz frisch. Ihr kennt das, die Blüte scheint nur zaghaft aus den äußeren Blütenblättern, heimlich nur winden sich die farbigen Blätter aus ihrer Hülle, obszön fast in ihrer angedeuteten Schüchternheit. Die ganze Blume scheint kühl, als hätte sie alle Lebensenergie und alles Wasser der Erde in sich gespeichert, die Oberfläche der Stängel glatt, sie quietscht elastisch beim Biegen. Ein Sinnbild für Jugend.

Nie sind Tulpen schöner, als kurz nach dem Schnitt. Dachte ich.

Ich saß neulich vor diesem fünf Tage altem Strauß, blickte auf die faltigen Außenblätter und die verblassende Farbe und dachte mir, es wird Zeit. Der muss weg. Dann, aus einem Impuls heraus habe ich mir die vertrocknende Blüte angesehen. Und ja, vielleicht wusstet ihr schon vor mir, was mir in diesem Moment für Gedanken kamen. Alles nach außen gedreht, alle Farben, all die Schönheit und Einzigartigkeit, nichts heimliches, verstecktes. Die Blätter sind kurz vorm Fallen, aber die Blüte erstrahlt selbstbewusst und unendlich schön empor zum Himmel und… okay! Nein, ich denke natürlich nicht, dass ich eine Tulpe bin und nun isses auch mal wieder gut mit den an den Blütenblättern herbeigezogenen Vergleichen!

Was ist sagen will, ist, dass mir klar wurde, was der Satz: „Die Jugend ist an die Jugend verschwendet!“, bedeutet. So viele Möglichkeiten und keine Ahnung davon. Nein, ich möchte nicht noch mal jung sein. Ich möchte lange, sehr lange so bleiben, wie ich jetzt bin. In dem, wo ich bin und mit wem. Ich bin so glücklich und vor allem so glücklich, dass ich das so empfinden kann!

Alter und Weisheit, da sehe ich einen gebeugten Greis mit Stock und weißem Bart, und vielleicht seid ihr alle schon vor mir am Ziel gewesen und seid auch sicher, wer ihr seid und warum, aber mir sind diese Bewusstseinsebenen irgendwie verschlossen gewesen. Ich habe mich echt abgequält mit der Selbstoptimierung und dem Gefallenwollen, besonders mit dem Gefallenwollen. So viele Jahre, warum nur?

Jetzt ist das alles irgendwie klar. Und ich trauere auch nichts mehr hinterher. Alle Erfahrungen, besonders die, die so sehr weh getan haben, haben mich hierhin geführt. Ich hatte solche Angst, vierzig zu werden, ihr ahnt es ja nicht, und dann waren die letzten zehn Jahre die schönsten meines Lebens! Und ich habe wirklich vor, das in zehn Jahren auch über die nun kommenden zu sagen.

Ja, das Unsichtbarsein, das musste ich erst lernen. Irgendwie um den fünfundvierzigsten Geburtstag herum bemerkte ich, dass mich Männer (und Frauen) auf einmal anders ansahen. Für die Einen war ich plötzlich nicht mehr Konkurrenz um das Supersperma, für die anderen keine geeignete Kandidatin für ihr Supersperma. Also, wenn ich das mal auf evolutionsbiologische Vorgänge herunterbrechen darf.

Das war schmerzhaft, ein bisschen. Niemand flirtet mehr mit mir! Das einzige Mal, wo mich in letzter Zeit ein fremder Mann angeschaut hat als wäre ich ein Schweinerollbraten, das war im vergangenen Jahr und ich denke, der Kollege hatte wirklich nur Hunger, denn wir waren beim Mittagessen. Herzklopfen hatte ich dennoch, ein bisschen. Ich bin ja nicht tot.

Mir ist das in den Jahren davor gar nicht aufgefallen, wie viel und wie sehr das Sexualisierte im Alltag mitschwingt, aber ich merke jetzt deutlich den Unterschied. Da ich am Ende meiner Fruchtbarkeit angekommen bin, wird wirklich von allen um mich herum nur das Innere der Blüte gesehen, was eigentlich total super ist! Es geht nur um Leistung, Beitrag, Meinung, Tat. Und deshalb möchte ich das „nur“ in diesem Satz zurücknehmen. Die Schönheit eines Menschen macht wirklich aus, was er denkt und tut. Ich bin froh, dass ich selbst in jungen Jahren diese „Bauhaus“-Herangehensweise an andere Menschen schon für die einzig wahre hielt. Form follows function. Und deshalb bin ich auch jetzt von schönen, wunderschönen und herzensreichen Menschen umgeben. Gelebte Liebe ist die einzige Währung zwischen Menschen, die wirklich zählt auf der Welt.

Außerdem habe ich ja einen jungen Kerl, höhö. Der steht in der Blüte seiner Jahre, stark wie ein Baum und mit Supersperma, aber nix da, meiner! Manchmal guckt der mich seltsam an und fragt, ob das jetzt so weitergeht, dass mir jeden Tag was anderes wehtut und meine Stimmungsschwankungen, ALTER! Ich streichle ihm dann gern über den hübschen Kopf und erkläre, dass das hier immer noch freiwillig sei. Das alles. Und dass er jeden Tag aufs Neue entscheiden darf, ob er das noch will. Und dass meine Liebe zu ihm nichts daran ändern wird, ob er sich weiterhin für mich entscheidet oder lieber eine Dreißigjährige will. Gut, die will dann sicher Kinder bekommen und dann ist wieder nix mit Schlafen und ja, die wird auch irgendwann in die Wechseljahre kommen, aber er kann das alleine entscheiden.

Meine persönliche Zeitrechnung beginnt vor zweiundzwanzig Jahren. Da traf ich den Bärtigen. Etwa um die gleiche Zeit, es war Januar. Ich bin also heute zweiundzwanzig. Alles, was ich habe, jedes bisschen Glück, ist seine Schuld. PS. Er wohnt noch hier, heute hat er sich wieder mal für mich entschieden.

 

 

Neujahrsvorsätze

Neujahrsvorsätze

Neujahrsvorsätze sind so Sätze, die man vor Neujahr sagt. Und die dann spätestens ab Hochneujahr vergessen sind. Also dann, wenn alle Menschen bei Tchibo Fitnessshirts und Faszienrollen gekauft haben, enthusiastisch dämliche AbnehmApps im jeweiligen Appstore heruntergeladen und wenigstens einmal neugierig und ob der Preise ungläubig staunend durch den Bioladen geschlendert sind (und im Anschluss drei Schnitzel für drei Euro im Discounter gekauft haben).

Ich weiß nicht mehr, an wie vielen Neujahrstagen ich beschlossen habe, ab jetzt nicht mehr zu rauchen. Irgendwann war es dann ein unscheinbarer Septembertag, an dem ich tatsächlich meine letzte Zigarette geraucht habe und es gab nicht mal ein Feuerwerk. Egal, die vielen Neujahrvorsätze haben bestimmt die Vorarbeit dazu geleistet!

Was ich sagen will, dieser Tag eignet sich gut für eine innere Inventur, eine kritische und wohlwollende Bestandsaufnahme. Wer bin ich, wo bin ich und habe ich ein Navi dabei? Eine Karte? Einen Plan? Einen Führer? (Man wird doch 2020 wieder „Führer“ schreiben dürfen, oder?! Nein? Oh, ok.) Und: Führe Guide ich oder möchte ich an die Hand genommen werden? Wohin soll die Reise gehen und habe ich die richtigen Schuhe an? Zwölf Monate, dreihundertfünfundsechzig Sonnenuntergänge, die vor mir liegen. Das neue Jahr als Chance, als unbeschriebenes Blatt im ganz persönlichen Lebenslauf. „Chance“, das bedeutet im Französischen „Glück“. Chancen zu sehen für sein eigenes Wachsen und Veränderungen, welch ein großes Glück!

Nun rauche ich ja nicht mehr, trinke keinen Alkohol, lebe freiwillig monogam und esse schon mein Leben lang ungern Fleisch bei gleichzeitig zwanghaftem Drang zu sportlicher Betätigung. Nach gängiger Mode hinsichtlich eines ordentlichen Lebensstiles kann ich getrost sagen, meine guten Absichten für das neue Jahr klingen wie die Werbung für kalorienreduzierte Wurst: „Ich will so bleiben wie ich bin – du darfst!“, allerdings muss ehrlich gesagt werden, dass ich mich bis zu diesem Punkt der Einsicht und Selbstakzeptanz fast fünfzig Jahre abgeplackert habe und dass diese wohlwollende und annehmende Haltung nüchtern und nichtrauchend betrachtet eigentlich nichts mit dem Fehlen irgendwelcher Laster zu tun hat. Sondern mit dem Umstand, dass ich mich selbst mehr liebe ohne selbstzerstörerisches Verhalten, das mich leider anzieht.

Aber es geht ja nur darum, seine eigene Kompassnadel auszurichten. Es gibt Menschen, die sich besoffen und dauergeil einfach mal dauergut fühlen und wenn sie damit keine anderen Menschen gegen ihren Willen belästigen, super! Und natürlich im Anschluss ihre Schnapspullen im Glascontainer entsorgen, natürlich.

Wie ich jetzt darauf komme?

Ich war gestern Morgen laufen, das mache ich seit vielen Jahren an jedem Neujahrsmorgen. Und ich war entsetzt. Entsetzt darüber, dass es ganz offensichtlich am Neujahrsmorgen 2020 ganz genauso aussieht wie am Neujahrsmorgen 1999, zum Beispiel. Dass es nach einem Jahr voller Greta und Klimagipfel und Resolutionen, Demonstrationen, FFF und Grannys for future und Aufklärung durch quasi jedes frei zugängige Medium dennoch so aussieht wie es aussieht.

Mensch, wie sieht es denn hier aus?!

Am Silvesterabend schon stand ich an dem schönen Fluss, der durch meine Lieblingsstadt fließt, und stellte keine mengenmäßige Veränderung fest, was Feuerwerk, Böller und Raketen anbetraf. Das war auch nicht anklagend oder kritisierend, einfach nur feststellend.

Am Morgen danach kommt mir das Kotzen. Ich kann es einfach nicht fassen, das Bild, das sich mir bildet. Der Mensch ist dumm und ignorant und nur auf die Maximierung des eigenen Lustgewinnes aus (ich habe noch nicht gefrühstückt, da zünde ich schnell), der Mensch ist schlecht. Ich denke unwillkürlich an die Titanic, während ich über den knirschenden Asphalt laufe, das Schiff sinkt, im Maschinenraum arbeiten die Ingenieure wie besessen um das Schiff zu retten und im Ballsaal schütten sich die Gäste mit Champagner zu und tanzen fröhlich, als wäre rein gar nichts passiert. Ein Eisberg? Ach was, das ist doch nur Panikmache!

Das muss man erst mal verstehen. Da stellen Menschen, die möglicherweise an dreihundertsechzig Tagen im Jahr behaupten, Bio und regional sei zu teuer, Batterien und Knallzeug auf den Gehweg, was so teuer ist wie eine Schweinslende in Demeterqualität und -Puff!-Peng!- ab damit in den Himmel. Danach gehen sie nach Hause. Der Müll bleibt liegen, ebenso der Plastikbeutel, in dem sie ihren Knallmüll herbeigetragen haben. Daneben die Sektflaschen zum Anstoßen – Zack! Ab auf die Wiese damit und mein Sektglas schmeiße ich an die Wand, das wird Glück bringen! – wird sich schon irgendwer darum kümmern, mir doch egal.

Und mir dämmert, Veränderungen müssen vielleicht einfach „näher dran am Menschen“ beginnen. Bei Silvester heißt das vielleicht nicht: „Kauft keine Knaller! Das ist schädlich für die Umwelt!“, sondern: „Nimm deinen Scheißmüll gefälligst wieder mit nach Hause! Sammel doch einfach den Dreck ein, den du machst, wenigstens den sichtbaren. Danke! Und Prost Neujahr!“. Müllentsorgung kommt vor Müllvermeidung in der Bewusstseinskette.

Biologisch abbaubare Böller – eine Alternative?

Morgens um neun war die Dresdner Stadtreinigung bereits am Schillerplatz im Einsatz und gegen zehn sah es rund um den Schillergarten aus wie frisch reinegemacht und mit Pril gewienert. Dazu muss man wissen, dass in diesem Viertel die Stadtrundfahrt durchfährt und hier zwischen den Villen an der Elbe die reichen Touristen promenieren, und die will man natürlich mit einem sauberen Ambiente erfreuen, also die Stadtväter möchten das.

Geputzt wird am ersten Januar nach meinem Beobachten nur bis zur Waldschlösschenbrücke, danach fängt Johannstadt an und das ist nicht so wichtig, ob es dort dreckig ist, und Pieschen? Ach, nach Drecks-Pieschen kommt die Straßenreinigung gar nicht in der ersten Januarwoche! Dort sieht es aus wie nach dem Krieg (oder was unsereiner darunter versteht).

Aber in Pieschen habe ich am ersten Januar junge Menschen gesehen, die mit Beuteln bewaffnet am Elbufer entlang gingen und Silvestermüll aufsammelten. Und später auch in Blasewitz eine ganze Familie, die während eines Neujahrsspazierganges Beutel dabei hatte, aus denen Holzstöcke von Raketen ragten.

Der Bärtige sammelt unseren Müll auf, trennt ihn säuberlich und streichelt meine empörte Faust, während er mich zu besänftigen versucht. Die Menschen würden „das“ nicht vorsätzlich tun und es gäbe zu wenig Mülleimer an der Elbe und jeder Mensch muss sein Verhalten für sich selbst entscheiden. Und da irrt er ja gewaltig, wie ich finde.

Ich habe deshalb beschlossen, am nächsten Silvesterabend Müllbeutel zu verteilen an der Elbe. Wahrscheinlich werde ich verkloppt. Oder zumindest bepöbelt. Ich werde den Menschen einen schönen Silvesterabend wünschen und ihnen – falls sie keinen eigenen Abfallbehälter dabei haben – einen schenken mit der Bitte, ihren Müll aufzusammeln und einfach nur neben den nächsten Mülleimer zu stellen und die Flaschen bitte nicht zu zerschmeißen, wegen der Schwäne, Enten, Gänse, Kinder, Scheißkinder! Denkt ihr gefälligst auch mal an die Scheißkinder! Ihr ignoranten Arschlöcher!“. Das wird super.

Und so schreibe ich auf mein leeres Blatt 2020 einen einzigen Satz nur: Da geht noch mehr! Und ich hoffe sehr, dass das stimmt.

 

 

The Beitrag before known as „Jahresrückblick“

*EinBlogistkeinTagebuchEinBlogistkeinTagebuchEinBlogistkeinTagebuchEinBlogistkeinTagebuchEinBlogistkeinTagebuchEinBlogistkeinTagebuch*

Hier stand bis vor wenigen Tagen ein Artikel, den ich hastig am ersten Weihnachtsfeiertag heruntergeschrieben habe. Nun ist er weg!

Ich habe ihn gelöscht. Und ja, es ging eigentlich nur darum, Informationen aus einem Drittel des Artikels vor der „breiten Masse“ zu verbergen, aber ich bin da rigoros. Die Weihnachtsbilder, ja, das ist schon schade. Baum, Erzgebirgskunst, ihr wisst, wie sowas aussieht! Kein Verlust. Dann war noch ein Foto von mir am Strand, kein Verlust.

Das mit dem Internet ist es ja so eine Sache. Ich denke zwar manchmal, wir sind hier eine große nette Familie, aber das stimmt ja nur bedingt. Die Inhalte sind halt immer auch für die Menschen zugängig, mit denen man sie vielleicht gar nicht vordergründig teilen wollte! Tja. Und dann noch diese Scheißdrecksimpressumspflicht. Danke, europäische Rechtssprechung! Hier ist ja niemand anonym, also nicht, wenn Du eventuell und möglicherweise einen Service anbieten wollen würdest, der gegebenenfalls als Produkt oder Dienstleistung und ach was weiß denn ich schon, gelabelt werden könnte. Dann musst du eine ladefähige Adresse angeben! Und wer kennt sich schon mit der Grauzone aus. Ich ja nicht. Und diese Adresse, also da fährst du ja dann auch morgens mal raus, aus der Einfahrt. Und dein Kind sitzt im Auto.

Das ist hier nicht anonym, nicht für mich. Und ja, leider!

Deshalb werde ich mich ab sofort ein wenig bremsen mit Details und auch mit Fotos. Nicht wegen mir! Denn, wer bloggt, dem ist ein voyeuristischer Wesenszug nicht abzusprechen, aber wegen meiner Familie! Ich danke denjenigen, die so herzlich kommentiert haben, sehr. Aktuell bin ich unsicher, inwieweit bestimmte Themen hier zukünftig weiter abgehandelt werden sollten. Damit keines meiner Kinder einen Nachteil hat aufgrund meiner Geschwätzigkeit. Das ist verständlich, oder? So von Mutter zu Mutter, oder zu Vater?

Peace, ihr alle und ein gutes neues Jahr für uns alle! Voller Liebe, gegenseitiger Wertschätzung und Respekt. Das wünsche ich uns. ❤

Erntedank

Nein, es geht hier nicht um Blätter und Wetter und die aktuelle Jahreszeit. Nein, das wird kein Herbstspecial. Vielmehr will ich etwas anderes erzählen, das für mich mit dem Wort „Erntedank“ zu tun hat, wenngleich im übertragenen Sinne.

Ich war die letzten fünf Wochen alleine mit meinem großen Sohn, wie ihr ja bereits wisst, und für diese Zeit bin ich so unendlich dankbar. Zwar war er dreizehn Jahre der „einzige“, weil Einzelkind und man sollte meinen, wir hätten doch in den vergangenen Jahren wirklich viel Zeit miteinander verbracht, aber das ist irgendwie anders jetzt. In den vergangenen sechs Jahren hatte er nie meine ungeteilte Aufmerksamkeit, der große Sohn, weil ich mich ja um seinen kleinen Bruder kümmern musste. Nun, da der Bärtige mit dem Blondino auf Kur weilt, sind es wieder nur wir zwei.

2006

Wer hier  schon länger mitliest, weiß, dass mein Erstlingswerk ein besonderer Junge ist, und das war und ist er wirklich. Sagen das nicht alle Mütter über ihre Söhne? Vielleicht. Hach, ich würde euch so gern ein Foto zeigen von ihm, von dem jungen Mann, der er geworden ist und ihn euch allen vorstellen! Das geht ja nun aber nicht und deshalb müsst ihr mir einfach glauben, dass er wunderbar ist! Und euch begnügen mit den Kinderfotos, die ich euch zeige.

Ich habe mal behauptet in irgendeinem Kontext, dass ich glaube, die einen haben schlimme Jahre mit ihren Kindern vor deren zwölftem Geburtstag und die anderen eben danach, wegen der ausgleichenden Gerechtigkeit. Ich weiß natürlich nicht, ob das stimmt, habe aber genau diese Erfahrung hier gemacht. Mit dem Großsohn.

Der war sein ganzes Kinderleben „komisch“, wurde abgelehnt von Bezugserwachsenen, anderen Kinder, weil er sich partout nicht „normgerecht“ verhielt und irgendwie nicht zu kapieren schien, wie das mit dem normativen sozialkompetenten Verhalten funktioniert. Ich denke, ab dem zweiten Geburtstag ungefähr ging das los. Von da an war ich permanent zu Gesprächen bei Kindergärtner*innen, Kinderspycholog*innen, Lehrer*innen und so weiter. Ich habe mir jahrelang zu Herzen genommen, was sie schlechtes über meinen Sohn sagten. Es traf mich in der Mitte, mittenrein, jahrelang. Ich ging zu Eltertrainings, bei denen ich in Rollenspielen lernen sollte, wie ich meinem Sohn Grenzen beibringe. Ich saß auf Stühlen, Hockern, Sesseln und hörte irgendwelchen Experten und Respektspersonen zu, wenn sie mir erzählten, was alles an meinem Kind nicht stimmte und wie ich (!) doch mit meiner Vorbildhaltung und meinem Erziehungsauftrag dort gegenzusteuern hätte.

Das ging zehn Jahre so. Zehn. Jahre.

Mein Sohn war ein wunderbar fantasievolles, übersprudelndes Kind, das sich mehr und mehr in sich zurückzog, da er die Ablehnung durchaus spürte und nicht wusste, was er denn tun könnte, um dazuzugehören. In all den Jahren hatte ich so viel Kummer, Herzschmerz und ich sorgte mich so unendlich. Was sollte denn nur aus diesem Jungen werden? Wird er jemals Freunde finden? Anschluss in der Gesellschaft? Was habe ich nur falsch gemacht?! Mein Leben als Mutter dieses Kindes erschien mir wie eine niemals endende Prüfung. Die Sorgen überlagerten oft die Freude, die mir dieser Junge eigentlich tagtäglich machte. Ob ich wollte oder nicht. Bei allen anderen Müttern in meiner Welt sah alles so leicht aus, so „normal“, nur bei uns war Chaos und Unverständnis, nur ich musste mich so abmühen, nur mein Sohn war so unbeliebt und ungeliebt. Außer von mir. Warum verdammt, warum?

Es waren beschissenen Jahre. Für uns alle. Und ich habe nicht vergessen, wer in meiner Familie und meinem Freundeskreis dieses Kind annehmen konnten, wie es war, und ihm Freundschaft entgegenbrachte. Es war nur eine Handvoll Menschen. Damals war das gesellschaftliche Bewusstsein noch nicht ausgerichtet auf Menschen mit anders gearteter Informationsverarbeitung, Asperger Autisten kannte keiner, ADHS wurde im gleichen Atemzug genannt wie „verzogen“ und „Kevinismus“.

2007

Es wurde besser. Tatsächlich wurde es besser, langsam erst, kaum spürbar, aber dennoch, ja.

Die Pubertät kam und während andere Miteltern aufstöhnten unter den hormonellen Verzauberungen ihrer süßen angepassten Kinder, hatte ich immer noch Sorgen ganz anderer Art. Nach wie vor erschien der Weg unseres Sohnes kaum vorhersehbar. Behindertenwerkstatt, betreutes Wohnen, dergleichen Begrifflichkeiten kamen in den Gesprächen vor, die wir Eltern führten. Gespräche, die anderen Eltern pubertierender Kinder erspart blieben. Was soll nur aus ihm werden? Wird er selbstbestimmt leben können irgendwann? Und immer wieder trotzte ich gegen die vorgegebene Norm: Mein Sohn gehört doch in keine Behindertenwerkstatt! Hallo?! Nur, weil ihr es euch leicht machen wollt mit Menschen, die im Gleichschritt neben euch marschieren? Dennoch, irgendwie wurde alles leichter während dieser viel beschriebenen, von vielen Eltern mit Schauder erwarteten, Pubertätsjahre. Mein Kind wurde erwachsen, einfach so.

Und jetzt lebe ich hier mit einem neunzehn Jahre jungen Mann, der dank Integrationshilfe im kommenden Jahr sein Abitur machen wird. Ein junger Mann, der mich neulich morgens weckte mit dem Worten, er befürchte, ich verschliefe sonst und die Kaffeemaschine habe er auch schon für mich angemacht. Ein junger Mann, der noch nie einen einzigen Tag Schule geschwänzt hat, der liebevoll und höflich gegenüber seiner Umwelt ist. Immer noch ein wenig zu sprunghaft manchmal, laut auch, aber irgendwie dennoch gereift, fertig beinahe. Jemand, der sich um Beziehungen bemüht und Freundschaften versucht zu pflegen. Der auswendig lernt, wie charmantes Verhalten geht, weil er es so gern sein möchte. Charmant, beliebt. Und dem es immer öfter scheinbar spielend leicht gelingt.

Ich sehe ihn an und das was ich fühle, versuche ich zu beschreiben, denn das ist ganz und gar wundervoll. Ich blicke auf zu ihm, er ist größer als alle Menschen in unserer Familie, sehe in seine sanften großen nahezu schwarzen Augen und denke, dass es wirklich niemanden auf der ganzen Welt gibt, den ich so sehr liebe und auf diese Weise, wie ihn. Ich bin so unendlich stolz auf ihn. Und stolz auf mich. Das ist mein Sohn! Meiner! Ich sehe einen Garten voller Blumen und Pflanzen, der gewachsen ist unter meiner Obhut und gegossen mit meinen Tränen und meiner Liebe. Dort, wo niemand fruchtbare Erde vermutet hat.

Das, was ich mir viele Jahre überhaupt nicht vorstellen konnte, ist jetzt greifbar. Ich kann mir vorstellen, was mal aus ihm werden könnte. Nämlich alles! Aus diesem Jungen, auf den kaum einer wetten wollte noch vor zehn Jahren, ist ein toller junger Mann geworden. Einfach so.

2008

Das hier geht raus an alle Kleinkindeltern, die vollkommen verzweifelt sind, weil sich ihre Kinder nicht so entwickeln, wie sie sich das vorgestellt hatten. Das hier schreibe ich für alle Eltern mit Teenagern, die scheinbar von einem Tag auf den anderen außer Rand und Band zu sein scheinen. Das hier ist für alle Mütter und Väter, die sich fragen, warum gerade bei ihnen scheinbar nichts so funktioniert, wie es in den dicken schlauen Büchern steht: Glaubt mir, alles wird gut! Und ihr werdet staunen und euch freuen, wenn ihr euren Kindern beim Wachsen und Werden zuseht. Nichts ist umsonst. Jede Aufmunterung, jedes: „Ich glaube an dich, du schaffst das!“, jedes: „Ich bin so stolz auf dich!“, und jedes: „Ich liebe dich so sehr, schön, dass du da bist!“, ist wie Dünger, Langzeitdünger für die Entwicklung eurer Kinder. Und ihr werdet es sehen, später, alles geht auf. Ihr werdet ernten, was ihr sät. Das ist das Beste, das aus Liebe entstehen kann.

„Kleine Kinder, kleine Sorgen…“, dieser Spruch war gestern. „Große Kinder, großes Glück“, das ist morgen.

 

 

 

 

Ein Kaffee für Frau Nieselpriem

Hat Dir dieser Beitrag gefallen? Dann lade mich doch gern auf einen Kaffee ein als Dankeschön, mit oder ohne Torte! Vielen Dank. 🙂

€2,00

Der Herbst der Liebe

Der Herbst der Liebe

Der Herbst ist da, und mit ihm der Specht. Das kommt jetzt nicht so überraschend, aber wartet mal ab! Ich bin ja nun alt und weise und habe zu allem eine Meinung, die aufgrund meiner Altersweisheit nun wirklich auch mal gehört werden sollte. Also hört zu.

Der Herbst ist die ehrlichste aller Jahreszeiten, da bin ich ziemlich sicher. Der Frühling benimmt sich wie eine Jahreszeit auf Pubertät: Gleißender Sonnenschein, dreißig Grad und im nächsten Augenblick Blitze und Hagelschauer. Raus aus den Klamotten, rein in die Klamotten, ja, nein, vielleicht, der Frühling ist anstrengend für die Gefühle. Der Sommer dann protzt mit seiner Obszönität. Alles ist hell, heiß und nichts bleibt mehr der Fantasie verborgen, über rein gar nichts liegt auch nur der Hauch eines Schattens. Wildfremde Menschen entblößen sich vor meinem kränkelndem Auge, liegen und sitzen schwitzend, Pheromone ausdünstend, ungefragt in meiner Gegenwart. In einem Schwimmbad zum Beispiel. Oder im Biergarten. Wer will das schon. Und Sex, also Sex im Sommer, nein wirklich nicht. Unter der kalten Dusche vielleicht, aber ich habe es doch mit der Hüfte und kann nicht so lange vorn übergebeugt… nein, also ich möchte diesen Teppich nicht kaufen.

(*Anmerkung der Redaktion: Die Autorin hat rein gar nichts mit der Hüfte, diese Behauptung wurde nur der Dramaturgie wegen aufgestellt. Die Autorin verfügt über elastische Gelenke, biegsam wie Weidenzweige im pubertierenden Frühjahr.)

Jetzt endlich, endlich, scheint das Jahr 2019 erwachsen zu sein. Der Herbst ist da. Man darf sich hinter einem Schal verstecken, der Anblick eines entblößten Stückchens Haut ist endlich wieder eine Überraschung, und abends kann man allein oder in selbst gewählter Gesellschaft heiße Schokolade oder meinetwegen Whiskey (oder heiße Schokolade mit Whiskey, ja, Rotwein geht auch. Saft auch! Milch von mir aus, ist mir doch egal, schweig, Stimme in meinem Kopf!) vor einem knisternden Feuer trinken und muss nicht schales Radler aus tropfenden Bierkrügen inmitten anderer Menschen auf kippelnden Biergartenstühlchen saufen, weil das eben zum Sommer dazugehört! Bücher lesen, Hände halten, dem Sonnenuntergang zusehen, all das macht im Herbst viel mehr Spaß. Wer will schon die verschwitzte Hand eines anderen Menschen bei vierzig Grad im Schatten halten und wer hat denn schon Zeit stundenlang zu warten, bis die renitente Sommersonne endlich endlich untergeht. Und das Wetter. Also das Wetter ist wunderbar im Herbst. Ehrlich! Wenn es warm ist, dann fühlt es sich an wie ein Geschenk, das von Herzen kommt. Die Sonne hat eine goldene Farbe, nicht gleißend wie im Frühling oder heiß und unbarmherzig wie im Sommer. Die Herbstwärme dieser Sonne ist wie die Liebe einer reifen Frau.

In diese wunderbare, ehrliche Jahreszeit passt neben heißer Schokolade und Rilke-Gedichtsbänden auch super der Herr Specht.

(c) Michael Specht

Michael Specht geht wieder auf „Liebe nur“-Tour und mein Schlüpfer ist feucht vor Freude. Wen das jetzt irritiert, der lese sich doch bitte hier noch mal in den Kontext ein. Das mit dem Schlüpfer ist eine vollkommen normale Reaktion. Der Typ ist einfach heiß, ich denke, das kann jeder sehen!

Michael wie Michael Specht. Die menschgewordene Offenbarung aller Liebenden und Suchenden. Der Geheimagent unter den kulturellen Geheimtipps. Die sächsische Antwort auf Telly Savallas… oder irgendwas anderes. Ein Mann, dessen Äußeres so unbeschreiblich ist, dass der Naturschutzbund jüngst erklärte: „Der Specht ist der Vogel des Jahres 2014!“,

schrieb ich schon 2014 und nun flankt ein Teil dieses Zitates auf dem Tourplakat. Ich bin so stolz und fühle mich, als wäre ich die Mutter von Mario Götze, als der im Finale der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien gegen Argentinien in der 113. Minute das 1:0 für die DFB-Elf erzielte. „DAS IST MEIN JUNGE!“. Wobei ich sagen muss, dass ich wirklich keine mütterlichen Gefühle hege für Herrn Specht. Also eher Eisprung als Milcheinschuss, ihr wisst schon. Irgendwas davon lösen ja die meisten Männer aus…

Ich habe das Programm im Februar gesehen und selbstverständlich bin ich wieder mit dabei, wenn Herr Specht sich die Seele und sein ganzes Herz aus dem Leib spielt und singt, wenn die BHs durchs Boulevardtheater fliegen, Michael alle „Ursula“-s im Saal antanzt wie Elvis the Pelvis und Tempotaschentücher und Süßigkeiten in der Gegend rumwirft, vierzig Bier in zwei Stunden trinkt, sich an- und um- und auszieht, „Ich kenne eine Wiese schön, dort möcht´ich mit dir Bumsen, Bumsen, Bumsen pflücken gehn, Kathleen!“, singt und (hoffentlich) alle mitsingen. Und wenn Michael Specht dann „Gorbitz im November“, singt und die Gänsehaut des Saales wie eine Buckelpiste ist, die ich auf meinen Rührungstränen entlanggleite, dann werde ich diesmal danach meine kleine Faust in den Dresdner Nachthimmel recken, nämlich genau dann, wenn er seine Farbe von schwarz zu grau wechselt, und schreien: „Peter Fox, wisch die Kotze vom Kotti! Gorbitz im November, du Plagiarist!“.

(c) Michael Specht

Wie ist das mit der Liebe? Hat ein Recht auf Liebe in unserer von Filtern und Instastories beherrschten visuellen Welt nur derjenige, der mit BMI und allen optischen Eckdaten dem Mainstream entspricht? Und wer gibt all den anderen Sehnenden eine Stimme? Der Specht macht es. Und nimmt uns mit auf seine Suche nach der Liebe.

(c) Michael Specht

Der Schlüpfer hängt am Mikro – Party over „Liebe nur“ (c) Michael Specht

„Liebe nur“, zwei Stunden allerfeinste Unterhaltung für Menschen mit Herz und stufenlos einstellbarem Intellekt, gesprochen und gesungen. Es gibt eine intime Atmosphäre, sehr viel Bier, nackte Haut in Blümchenschlüpfern (zumindest definitiv auf der Bühne), Romantik, Gelächter und ganz viel Liebe. Ganz viel.

19.10.19 Dresden (Boulevardtheater)
31.10.19 Erfurt (DASDIE)
18.01.20 Gotha
25.01.20 Ebersbach (Filmtheater)
14.02.20 Naumburg (Turbinenhaus)

Tickets gibt es überall dort, wo es Tickets gibt und zum Beispiel hier.

„Liebe nur“-Aftershowfoto. Frau Nieselpriem und Herr Specht. Es ist noch immer Liebe, zumindest bei ihr.

Der Traum vom Vogel

Guten Morgen! Um die schwermütige Stimmung aufzulockern, die sich hier möglicherweise seit dem letzten Beitrag breitmacht, melde ich mich zurück mit schmutzigen Wahrheiten. Ja, auch verschwitzten.

Also die Heizung ist ausgefallen, Tag vier mittlerweile. Das macht auch Sinn! Wenn ich so eine Heizung wäre und streiken wöllte, nähme ich mir auch die ersten kühlen Tage des Jahres vor, an denen die Besitzer gern warme Füße hätten und ein Wannenbad am Abend. Wer braucht schon warmes Wasser während des deutschen Sommers?! Genau.

Jedenfalls schreibt mir die Vermieterin täglich, dass sie leider noch immer keine Rückmeldung vom Havariedienst habe. Was soll sie auch machen. Ich koche derweil Wasser auf zur Grundreinigung meiner exponierten Körperteile und überlege, bei wem ich mich heute zum Haarewaschen und Duchen einladen könnte.

Aber erst mal sitze ich hier, auf der Couch, das wusstet ihr ja nun bereits. So sieht das aus. Wenn meine Arme länger wären, könnte ich euch das auch in Gänze zeigen. Aber wer will das schon! Ungeduscht, in Socken, Schal und Gewänder gehüllt, pupse ich schamlos in meine Mollidecke, damit wir warm wird. Ihr habt genug Fantasie, ihr braucht kein Foto.

Und im Hintergrund singt Wiegald Boning: „Nimm mich jetzt, auch wenn ich stinke, denn sonst sag ich winkewinke und Good bye!“.

Letzte Nacht war hier was los! Pass auf:

Also, es ist kalt im großen Haus. Und leer, das wisst ihr ja bereits. Nun war es zusätzlich noch so, dass der Bubi bei seiner Freundin übernachtet hat und ich also komplett alleine war. Halt! Nicht ganz. Ich wohne nämlich in einem siamesischen Haus. Das heißt, unser Haus ist unterirdisch mit dem Nachbarhaus zusammengewachsen, ja-ha! Da gibts einen Gang durch die Kelleretage zum Lustwandeln. Das ist so gewollt und geschichtlich gewachsen. Warum, das tut hier nichts zur Sache. Außerdem gibt es noch eine „Panikwand“. Ich nenne die so, keine Ahnung, ob das der korrekte Begriff ist. Das ist auf dem Dachboden eine dünne Zwischenwand zum Dachboden der Nachbarn. Bedeutet, im Not- oder Brandfall oder während der Zombieapokalypse lässt sich diese Bretterwand von beiden Seiten leicht eindrücken und schwupps!, ist man im Nachbarhaus und hoffentlich in Sicherheit.

So, wir hätten also das Setting hinreichend beschrieben.

Gestern Abend dann hämmernde Geräusche, Schlurfen, es hallt durchs Haus. Die kleine Rike liegt im Bett, hält das Sudokuheft krampfhaft umklammert und lauscht. Schlurfen, Hämmern, Knallen, irgendwas ist umgefallen. „Hallo?! Hallo, ist da jemand?!“. Niemand antwortet, die kleine Rike in dem großen Bett in dem großen Haus denkt, der Havariedienst ist vielleicht gekommen. Abends um elf?! Hat man das schon mal gehört? Sie erwägt, ob es vielleicht sinnvoll wäre, direkt auf den Dachboden zu huschen und die Panikwand zu durchqueren, um bei Nachbars ruhigen Schlaf zu finden. Aber unsere Heldin ist mutig und tapst die Treppen nach unten, bekleidet in dicke Wollsocken, Schlüppi und eine Strickjacke. Was könnte als Waffe herhalten? Kein waffenähnlicher Gegenstand in Reichweite. Dann wird sie die Eindringlinge (es sind mehrere, da ist sie sich sicher) eben mit ihrem Anblick verscheuchen müssen. Noch während sie überlegt, dass es für die Dramaturgie eigentlich wichtig wäre, trüge sie einen ansehnlichen Morgenmantel und dass sie dringend einen anschaffen müsste, was gäbe sie denn für einen Anblick für die Mordkommission, wenn sie nicht nur nicht frisch geduscht („nicht nur nicht“, also zur Romancieuse wird dieses Frollein hier sicher nie umschulen), sondern auch noch unmöglich bekleidet oder eben unbekleidet gefunden würde und WANN würde man sie überhaupt finden! Und wer? Und ob sie dann schon stinken würde? Ab wann stinkt man denn? Ich muss das mal googlen, denkt sie sich, und dass der Morgenmantel cremefarben sein sollte, kein Lurexgarn! Also bitte, Lurex?!

Im Keller sieht alles so aus wie immer: Staubig, unaufgeräumt, unbemannt. Sie erwägt kurz, bei den Nachbarn zu klopfen um nach dem Rechten (und Linken; man sollte sich auch hier in der Formulierung politisch korrekt – heißt neutral – verhalten) zu sehen, entscheidet sich dann aber für den geordneten Rückzug in Richtung eigenes Schlafzimmer, nicht ohne während des Rückzuges jede Tür von innen zu verrammeln, zu verstellen, aus brandschutztechnischer Sicht völlig selbstgefährdend zu agieren. Egal, auch eine Heldin darf sich mal fürchten, alleine im großen, kalten Haus.

Sie fällt in einen unruhigen Schlaf und seltsame Träume.

Auf einmal steht sie in Pieschen auf der Markusstraße. Jürgen Vogel fährt langsam mit suchendem Blick an ihr vorbei, in einem alten Ford Fiesta (die Farbe ist ein blasses Flieder metallic). Jürgen Vogel hat seltsam große Ohren, die ihr noch nie im Kino aufgefallen sind und keinen maschinengeschorenen Kurzhaarschnitt, wie immer behauptet wird von der Lügenpresse und den Lügenmedien. Er hat dünnes langes Haar, das über dem Oberkopf nach hinten hängt in Richtung Nacken. Wenige, es sind sehr wenige Haare.

Jürgen will irgendwohin, scheint sich aber unsicher zu sein. Unsere Heldin fuchtelt herum, bis sie seine Aufmerksamkeit erregt („Erregt“, trifft hier eher auf unsere Heldin zu. Ich meine, Jürgen Vogel! J-Ü-R-G-E-N-V-O-G-E-L! Wie jeder weiß, verehrt sie diesen Schauspieler ob der Qualität seiner beruflichen Leistung und seines Sex Appeals. Und das stimmt. Und sie sind sich auch schon begegnet, nämlich bei der Preview von „Der freie Wille“ in der Dresdner Schauburg. Sie musste eher raus, weil der Babysitter angerufen hatte, damals, und Jürgen brüllte von unten von der Bühne hoch zu ihr in den Rang: „Hey! Warum gehst du schon?!“, und sie brüllte nonchalant zurück: „Weil ich muss!“, und er so: „Ach so! Na dann! Tschüss!“, und winkte grüßend zum Abschied. Seitdem behaupte sie gern, Jürgen und sie, also da wäre was, knickknack. Und natürlich würde sie post mortem in der Verfilmung ihrer Lebensgeschichte von Jürgen Vogel gespielt werden, Jürgen Vogel könne schließlich ALLES spielen. Und es gibt Menschen in ihrem Umfeld, die ihr mitteilen, dass sie soeben hinter Jürgen Vogel im Flieger von Köln nach Berlin gesessen hätten und dass Jürgen Vogel seine Schuhe ausgezogen hätte! Im Flieger! Aber das geht zu weit. Jedenfalls erkennt sie Jürgen Vogel auch mit übergroßen Ohren und seltsamer Frisur. Im blassfliedermetallicfarbenem Ford Fiesta. Er ist es! Zweifelsfrei).

Sie stellt sich ihm in den Weg und fragt, ob sie wohl helfen könne?! Jürgen erklärt, er wöllte zur Robert-Matzke-Straße, aber er habe sich verfranst (vielleicht hat er auch: „Verfahren!“, gesagt) und unsere Heldin erklärt lachend, in Pieschen mit dem Auto von A nach B zu fahren, sei unmöglich, sogar für Pieschener! Nahezu jede verf***te Straße sei wahlweise eine Sackgasse, eine Einbahnstraße, die in eine Sackgasse mündet oder eine Straße mit Sperrung in der Mitte, die man nur von der einen oder der anderen Seite befahren könne. Von welcher, das müsste man täglich neu probieren, da die willkürlichen Straßensperrungen nachts von Heinzelmännchen neu ausgewürfelt würden! Und er möge doch bitte sein Auto hier abstellen und dort um die Ecke laufen, da wäre dann die Robert-Matzke-Straße.

Als Dank erhält sie später am Tag ein braunes Päckchen mit der Post (oder Hermes?! Per Bote?!). Es enthält ein deutlich nach Pheromonen riechendes, also getragenes, Polyestershirt mit Kragen und Brusttasche. In der Brusttasche steckt der Reisepass von Jürgen Vogel. Hä?!

Sie nimmt Kontakt auf und will den Reisepass und das Stinkershirt zurückgeben. Jürgen steht vor ihrer Tür (die in der Markusstraße, also das alte Wohnhaus in Pieschen, wo sie früher gewohnt hat), nimmt das Shirt entgegen und – ZACK!- rechte Hand Flanschgriff an linke Titte!

BÄMM!

ALTER! Ich saß im Bett! WAR ICH WACH! Also so wach, wie man eben ist, wenn man auf einmal von Jürgen ohne Vorwarnung mitten in der Mitte angegegegegrapscht wird!

Und weil ich andauernd schräges Zeug träume und das aber meistens gleich wieder vergesse, bin ich durchs Haus geschlurft und habe überall das Licht gelöscht, das die ganze Nacht gebrannt hat (aus Sicherheitsgründen, ihr wisst ja nun Bescheid), die Zombiebarrieren entfernt und schreibe das nun zur dünngeistigen Unterhaltung des geneigten Publikums nieder. Und, weil ich nämlich nicht nur auf Jürgen stehe, sondern eine pathologische Affinität zu allerlei Vögeln pflege (Ha! Ich wusste es! Ich wusste, irgendwo bekomme ich noch „VÖGELN“ unter in diesem Text), muss ich euch was ganz, ganz schönes erzählen. Vom Specht nämlich, diesem hier. Der schrägste Vogel von allen! Aber das schreibe ich euch später, Vorspiel ist wichtig. Erst heiß machen und dann lauwarm abservieren, ihr wisst bescheid. Und wenn ihr nun denkt: „So viel Intro nur wegen einem einzigen komischen Vogel?“, dann habt ihr vollkommen recht! Das macht sie nur für einen ganz bestimmten komischen Vogel. ❤

Frau Nieselpriem, Herr Specht und eine Flasche Bier

Auf Wiederlesen! Und wenn ihr mal hinter Jürgen Vogel im Flieger gesessen habt und er sich die Schuhe ausgezogen hat, schreibt mir.

Ein Kaffee für Frau Nieselpriem

Hat Dir dieser Beitrag gefallen? Dann lade mich doch gern auf einen Kaffee ein als Dankeschön, mit oder ohne Torte! Vielen Dank. 🙂

€2,00

 

Das schwere Schaf – Abschied von Bullerbü

Ich denke nach. Endlich habe ich mal Zeit! Also zuerst dachte ich nicht. Auch nicht nach. Zuerst war es so, dass ich morgens zur Arbeit ging, am späten Nachmittag nach Hause kam, Jacke und anderen Anziehkram über die Couchlehne schmiss, in der Küche einen angefressenen (oder einen neuen, je nach Füllstand) Becher Eis holte, Limo, Chips und die Fernbedienungen, mich sodann auf die Chaiselongue warf und dort liegen blieb, bis zwischen zweiundzwanzig und null Uhr die Gesichtsjalousie herunterging. Dieses Tagesprogramm wiederholte ich stringent eine Woche lang. Oder zwei. Ich aß kein Obst, ich aß meine Vitamintabletten nicht, ich schlurfte sogar manchmal ins Bett ohne Zähne zu putzen oder mich abzuschminken. Ich benahm mich wie ein Pubertier im Modus „sturmfrei“. Zwischenzeitlich überkam mich ein Gedankenanflug, und zwar, wie lange ich dieses verlodderte Verhalten wohl unbeschadet an den Tag und Abend legen konnte, ohne der Skorbut anheimzufallen. Ich wusste keine Antwort, zum Googlen war ich zu faul und ich musste ja auch die nächste Folge „irgendwas“ auf Netflix anklicken.

Was war passiert?

Der Bärtige ist mit dem Kleinsten auf Vater-Kind-Kur. Das macht er nicht, weil er (der Vater) oder es (das Kind) gekurt werden müssten, nein, das macht er (der Bärtige), weil die Mutter (also ich) dringend Erholung braucht. Jetzt könnte man lange darüber philosophieren, warum das so sei und wie man im Alltag und überhaupt, das Dorf, gerechte Verteilung von care Arbeit, gerechte Arbeitsteilung generell, gerechte Entlohnung, die eine Arbeitsteilung auch möglich machen würde, ich lasse das! Weil, das macht mich aggressiv. Das bringt mich nicht zu Ergebnissen! Außer, dass ich denke, ich pack am besten meinen Scheiß und haue ab, dann teilen wir wirklich gerecht! Eine Woche du die Kinder, eine Woche ich! Und in deiner Woche hänge ich sieben Tage faul auf der Couch. Also nach der Lohnarbeit, der ich ja noch regelmäßig nachgehen muss, um mein Netflixabo zu finanzieren. Nein, das sind Gedanken, denen ich keinen Raum lasse. Nicht mehr. Also habe ich jetzt Kur! Die einzige Kur, die mir wirklich Entspannung verschafft: Alle weg, Mutti alleine.

Der Großsohn ist auch noch hier, aber er und ich haben einen modus operandi, der super funktioniert. Wir lassen uns eigentlich total in Ruhe, und falls doch mal eine(r) von uns beiden Gesellschaft wünscht, deckt sich das glücklicherweise exakt mit dem Zeitpunkt, in dem das ebensolche Bedürfnis im anderen erwacht. Dann reden wir ein paar Sätze, essen eventuell etwas gemeinsam und gehen dann wieder unserer Wege. Meiner führt stets auf die Couch.

Das geht nun seit zweieinhalb Wochen so und langsam schmecken mir weder Chips noch Eis. Ich denke auch manchmal, dass es doch schön wäre, wenn irgendjemand zu mir käme und mich küssen würde. Und dass es schön wäre, mal einen Grund zu haben, von der Couch aufzustehen! Zwei Staffeln Mrs. Maisel, eine Staffel Working Moms, vier Staffeln Sherlock später, und ich sitze also hier.

Ich denke nach, das schrieb ich ja bereits. Ich habe lange nicht mehr geschrieben, ich weiß. Ich dachte, die Worte seien weg. Nach der letzten Depression war ich so leer, ich hatte Mühe, meine eigenen Gefühle einzuordnen und mich unauffällig im Tagesgeschehen zu bewegen, einfach nur teilzuhaben, dass ich einfach gar keine Energie mehr übrig hatte für irgendwelche Gedankenausflüge, die ich hier hätte niederschreiben können.

Blogger, was ist das. Ich habe mich nie verstanden als jemanden, logbuchartig seinen Tagesinhalt mitteilt.

Gestern war das Wetter mild, heute regnet es, morgen gibt es Fisch, eventuell bekommt das Kind Schnupfen, es hat so rote Augen.

Ich denke darüber nach, wie sehr mich alleine der Umstand verändert hat, dass ich diese Plattform hier für mich gefunden habe. Eigentlich wollte ich ja ein Café eröffnen in der Elternzeit (das stimmt wirklich). Während meiner Coachingausbildung bin ich dann mit der Idee des Secondhandladen-DIY-nett- und- lauschig-vegan-was-sonst-Elterncafé in eine Coachingsitzung gegangen und die endete, in dem ich laut ausrief, ich würde kein Café eröffnen! Nein, ich würde einen Blog launchen! Dass ich damit wirklich etwas machen würde, das mir persönlich so viel mehr einbringt als es ein Business jemals könnte, das konnte ich nicht ahnen. Oder doch? Scheinbar war es irgendwo in mir. Ich bin nach wie vor ein riesengroßer Fan von Coaching.

Jedenfalls (wer sich jetzt schon langweilt, darf gern nach hierhin abspringen) dachte ich (ich schrieb ja schon, dass ich das neuerdings wieder mache, weil ich gerade mal Zeit dazu habe), ich hätte nichts mehr zu erzählen. Geschichten formten sich nicht mehr in meinem Kopf, allenfalls kurze Sequenzen. Ich habe das sehr bedauert, betrauert. Genau wie ich noch immer der Zeit hinterhertrauere, die ich nicht festhalten konnte. Ich denke an die glücklichsten Jahre meines ganzen Lebens, die Elternzeit mit dem Blondchen. Diese Jahre waren ein Füllhorn an Liebe, Kreativität und so vielen Möglichkeiten, die sich alle auf einmal zeigten. Und alles war von Liebe getragen. Meine Sorgen waren klein, oder lösten sich gerade auf, mündeten in Ideen von Lösungen. Alles war möglich. Und ständig wurde geküsst.

Alles wächst, verändert sich. Ich wusste das und wehrte mich dennoch. Vergebens, ihr wisst das bereits. Und sorgenschwere Jahre kamen und hielten an. Und manchmal denke ich, ich habe meine Leichtigkeit und all meinen kindlichen Enthusiasmus verloren, meinen Glauben daran, dass wirklich, wirklich alles gut wird am Ende. Und dass wir uns immer noch jeden Tag küssen werden, wir alle, in Liebe. Sorgen über mehrere Familienmitglieder, sich-kümmern-müssen, sich streiten, Verantwortlichkeiten, die man übernehmen muss, obwohl niemand gefragt hat, ob einem selbst der Rucksack viel zu schwer ist. Und was soll das sein, dieses „müssen“? Warum müssen wir? Sagt wer? Und sich dann trotzdem fügen. Wir alle. Und sich nach Bullerbü zurücksehnen, wo das blonde Kind diagnosefrei und unschuldig seine ersten Schritte im taufeuchten Gras unseres Gartens machte, den wir nicht mehr haben. Verkauft und getauscht gegen ein großes Haus mit kleinem pflegeleichten Garten, in dem wir selten sind.

Alles wird besser, doch nie wieder gut. Diese Liedzeile aus einem Rosenstolzsong kam mir oft in den Sinn. Das Haus wird größer, das Auto PS-iger, die Arbeit mehr und die Liebe? Die Zeit? Das Glück? Ist das der Preis? Können wir dahin zurück, was wir hatten? Ist das möglich? Vielleicht, indem wir in eine kleine Wohnung ziehen, weniger arbeiten? Lassen wir dann die Probleme hinter uns zurück in dem großen Haus? Haben wir dann wieder „Zeit“? Zeit, um glücklich zu sein, Zeit zum Träumen von der Zukunft? Das mit der Zukunft ist im Moment so, dass ich noch nachdenke, was ich mir wünschen würde von ihr, da steht sie schon im Türrahmen und sagt: „Sorry, aber das ist nun leider zu spät! Ich bin schon da und bitte, hier, das ist es jetzt für dich! Viel Spaß damit!“.

Ich stand heute vor dem Garten, dem alten. Seit zwei Jahren gehört er nun einer anderen Familie. Alles ist zugewachsen, ein Zweig einer mir unbekannten Pflanze hat sich durch das zerbrochene Glas des Gewächshauses nach draußen gewuchert. Dort, wo der Mann in wochenlanger Schweißarbeit einen Rasen angelegt hat, wächst irgendwelches Kraut auf fast zwei Meter Höhe. Mein Rhabarber, mein Lavendel! Riesige Büsche sind mittlerweile aus den Pflänzchen gewachsen, die ich einst eingesetzt hatte. Aber alles wirkt verwahrlost. Ich stand dort an dem rostigen Tor und weinte. Es tat mir so unendlich weh! Ich habe nicht vergessen, dieses Grundstück ist ein Grab für all unsere Ersparnisse gewesen, hat sich wie eine verdammte Hydra benommen, was die Arbeit dort anging. Wir wurden niemals fertig. Das Haus, das Gewächshaus, die Umbauarbeiten, Marderschaden, Viehzeug, ich habe es nicht vergessen. Dennoch.

Ich habe auch nicht vergessen, wie ich vor mehr als neunzehn Jahren dort im Auto auf dem Beifahrersitz saß auf der Buckelpiste zum Garten und den Mann anschrie, wenn er nicht sofort langsamer fahren würde, würde ich auf der Stelle sein Kind gebären in diesem Scheißauto! Und ich sehe so viele Sommerfeste dort. Sehe meine Schwiegermutter, die wir vor drei Wochen beerdigt haben, wie sie ihre furchtbar ungenießbare Kirschtorte aus der Küche trägt, jedesmal wenn wir zu Besuch da waren. Ich sehe uns zwei selbst viele Jahre später den Garten zu unserem machen. Sehe mich erneut hochwanger in dem Garten, mit Gummistiefeln im Kartoffelacker und später unser Baby in dem kleinen Gitterbettchen unterm Dach. Ob das noch immer dort steht? Unter dem Dachgiebel in dem verfallenen Häuschen? Rückblickend denke ich (wie immer), wie scheiß glücklich wir doch waren und warum konnte es denn nicht so bleiben?

Ich schreibe dem Mann im Kurhaus, dass ich so unendlich traurig bin. Und schicke ihm Fotos.

Wir reden nicht, er ruft mich nicht zurück. Er schreibt mir, ich solle die Fotos löschen von meinem Handy!

Und dann schickt er mir Fotos. Fotos aus der Vergangenheit, in die ich so gerne zurückmöchte. Bilder, auf denen unser mittlerweile erwachsener Sohn lachend unter einem Rasensprenger steht. Auf einer gemähten Wiese. Bilder, auf denen der Mann mit dem Baby, das damals noch eines war, in einem Babyplanschbecken sitzt. Ich weine, lange. Und ich liebe den Mann sehr dafür. Mehr, als mir vorher bewusst war. Er schreibt, wir haben so schöne Erinnerungen, die Buchstaben verschwimmen.

Ich pflücke ein paar Blumen durch den zugewucherten Gartenzaun und sammle eine Handvoll Schoten von der unsäglichen Wicke am Gartenzaun, die niemals ganz im Zaum zu halten war und nun die Weltherrschaft anstrebt in Schrebergartenhausen. Die Samenhülsen breche ich zu Hause im pflegeleichten Garten neben dem großen Haus über einem Hochbeet auf und streue circa sechszig Samen aus. Ich will, dass etwas wiederkommt! Dass diese verrückte Schlingpflanze mich im nächste Sommer daran erinnert, dass das noch in uns ist. Dass diese Erinnerungen für immer bleiben und dass neue dazukommen werden. Mit großen Kindern, anderen Begebenheiten. Und dass auch Liebe Energie ist, die ja bekanntlich nicht verschwindet, sondern sich nur wandelt.

Ich finde, es ist langsam Zeit, dass die Jungs zurückkommen.

Und ich finde, es war wirklich an der Zeit, dass die Worte wiederkommen.

Auf Wiederlesen!

 

Ein Kaffee für Frau Nieselpriem

Hat Dir dieser Beitrag gefallen? Dann lade mich doch gern auf einen Kaffee ein als Dankeschön, mit oder ohne Torte! Vielen Dank. 🙂

€2,00

Windelschals – upcycling aus Baumwollwindeln

Ihr wisst, was das Sprichwort bedeutet, „einen Bock zum Gärtner machen“? Genau, das ist, wenn die Frau Nieselpriem eine Nähanleitung zusammenschrappelt. Ausgerechnet ich, die ich weder korrekt die Fadenspannung einstellen kann noch saubere Nähte hinbekomme. Aber so kann man es ja auch sehen: Hier sehen sie das qualitative Downsizing für Nähprojekte! Sie finden, ihre Näharbeiten sehen Scheiße aus und haben krumpelige Ränder? Kein Problem, schauen sie gern hier vorbei und ab sofort sehen sie ihre eigenen Projekte in deutlich schmeichelhafterem Licht.

Gut, ich fange mal an. Das war eigentlich gar nicht geplant. Sondern es war schlichtweg so, dass die Freundin einen Stapel Baumwollwindeln übrig hatte und ich genau zwei Packungen Textilfarbe, nämlich Magenta und Antikgrau. Die Freundin überließ mir die Windeln und ich färbte einen Stapel grau und einen weiteren magenta.

Eine graue Windel bekam ein kleines Schmuckband – und ist fortan ein Halstuch für den Babyjungen der Freundin.

Eine große Windel mit Sternen habe ich nach dem Färben zum Dreieck gelegt und an den Enden verknotet – und das ist nun ein Halstuch für die große Tochter der Freundin.

Eine kleine Windel wurde mit einem Aufnäher versehen und ist jetzt entweder eine Tischdecke fürs Spielhaus im Garten oder ein Halstuch für eine Püppi. Das wird die Tochter der Freundin entscheiden.

Aus den übrigen zwei pinken Windeln und einer grauen habe ich einen Loop für meine Freundin genäht.

Nur Original ungebügelt mit komischen Nähten, echt Nieselpriem.

Als ich das bei Instagram gepostet habe, gab es einige begeisterte Kommentare und den Wunsch nach einer Anleitung. Versteh einer die Menschen… Aber gut, die Idee, die Sabbertücher vom Baby für immer um den Hals zu tragen, das hat nicht nur was aus ökologischer Sicht, das ist auch ein Stück gelebte Erinnerung. Ich mag die Vorstellung ja auch! Also dann.

So wirds gemacht:

Ihr braucht drei Windeln und zum Beispiel dieses Einfassband hier. Ihr nehmt einfach etwas, das zu eurer Farbe der Windeln passt.

Die Windeln und das Band werden abwechselnd zusammengenäht. Das Band ist deshalb super geeignet, weil es aufgeklappt ja schon durch die Knicke eine Kante zum Nähen vorgibt. Ihr passt auf, dass bei allen Stoffteilen die linke (oder hintere Seite) nach oben zeigt. Ich vergesse das je gern ab und zu.

Wenn ihr alles zusammengenäht habt, ergibt das eine circa zwei Meter lange Stoffbahn. Jetzt machen wir ohne Bilder weiter, weil ich keine Fotos vom „work in progress“ gemacht habe, aber ihr schafft das ohne, ihr seid alle hochbegabt!

Also ihr legt jetzt die Stoffbahn übereinander, ihr klappt den Stoff ein, sodass die Stoffbahn immer noch zwei Meter lang ist, aber nur noch halb so breit. Verstanden? Gut. Am besten ist es, wenn die schöne Seite innen ist, ansonsten klappt ihr euern Stoff noch mal andersherum. Schöne Seite nach innen, die linke Seite nach außen.

Jetzt näht ihr die Längsseite zusammen. Es kann sein, dass ihr vorher mit der Schere ran müsst, weil die Windeln nicht alle die gleiche Breite haben, das haben alte Baumwollwindeln so an sich, dass sie sich verziehen. Das macht gar nichts, schneidet das ruhig großzügig auf eine Breite. Dann also längs zusammennähen.

Nun solltet ihr einen Schlauch haben! Habt ihr?! Fein, jetzt kommt das finish, ihr seid gleich fertig. Ihr stülpt den Schlauch nun um, dass die schöne Seite außen ist. Nehmt ein Ende der Naht und legt es auf die andere Seite der Naht, Anfang auf Ende. Jetzt wäre ein Bild vielleicht schön, aber gebt euch Mühe, wir wollen das Ding zusammennähen, also ist klar, was ich meine, oder? Ihr habt jetzt beide Anfänge übereinander in der Hand, die schöne (rechte) Seite ist jeweils innen. Ihr habt also beide Enden in der Hand und seht vier Lagen Stoff. Ihr nehmt jetzt die beiden inneren Stofflagen zwischen die Finger und rödelt das Ganze unter der Maschine durch, bis nur noch ein Schlitz von etwa zehn Zentimetern frei ist. Ihr habt jetzt auch einen Knödel auf der Maschine liegen, das ist normal. Nun das Ganze umdrehen und sich freuen. Denn ihr habt nun einen Loop, wo ihr nur noch den restlichen Schlitz irgendwie vernähen müsst.

Wenn ihr diesen Absatz gelesen habt und die ganze Zeit: „HÄ?! WOTT?!“, denkt, dann bemüht euch mal bei youtube, dort zeigen begabte Näherinnen mit meist perfekt manikürten Nägeln, wie es geht.

Ihr schafft das! Am Ende noch mal durchwaschen und bügeln und schon kann der Herbst kommen! Ihr habt doch auch schon die Faxen dicke mit der tropischen Hitze, stimmts?

Und weil ich übelste neugierig bin: Ich würde mich freuen, wenn Ihr mir mal zeigt, was für eine Windelkunst ihr demnächst am Hals tragen werdet. Am besten bei Instagram teilen und mich markieren, ich teile die Fotos dann auch gern weiter. Wenn ihr mögt. Alles kann, nichts muss, also genau wie in so nem Swingerklub… 🙂

Viel Spaß beim Nachmachen wünscht euch

… eure schludrige Näh-selpriem

 

Ein Kaffee für Frau Nieselpriem

Hat Dir dieser Beitrag gefallen? Dann lade mich doch gern auf einen Kaffee ein als Dankeschön, mit oder ohne Torte! Vielen Dank. 🙂

€2,00

 

Ein Foto von Gott

Ein Foto von Gott

Ich liege mit dem Fünfjährigen im dunklen Duft seiner Kinderbettwäsche und halte Händchen.

„Heute war Ausflugstag im Kindergarten, stimmts?“. „Wir waren in der Müllergalerie! Aber da gabs nur Bilder. Ich hab aber ein echtes Foto von Gott gesehen. Das war aber gemalt. Weißt du, Gott ist gar nicht unsichtbar! Der hat ein blaues T-Shirt an und einen Bart.“. „Aha, und was hast du sonst noch gesehen?“. „Adam und Eva haben einen Apfel gegessen, obwohl sie das nicht darfen, und da kam der Engel mit dem Schwert, das war nämlich kein netter Engel, und wollte die verkloppen mit dem Schwert, und da sind die abgehauen vom Paradies. Und da war ein Mann, der hat ganz viel Wein getrunken und dann ist der von seinem Löwen runtergefallen, weil der immer so viel Wein getrunken hat! Deshalb darf man nicht so viel Wein trinken. Mama, was ist Wein?!“.

 

 

Seniorensport

Also es begab sich zu der Zeit, als der Bärtige befand, einhundert Kilometer auf dem Fahrrad plus zwei Stunden Joggen zusätzlich zu zwei Stunden Krafttraining seien nicht genug für den eigenen Body, und er vertut die nun noch übrige Zeit neben der Erwerbstätigkeit mit Cross Fit. Was das ist und warum und überhaupt und Hendrik Hey, ihr könnt das googeln. Ich glaube ja, das wird der neue heiße Scheiß und die klassischen Fitnessstudios werden bald nur noch von Rentnern mit Rücken-Abo frequentiert. Wenn es mal soweit sein sollte, erinnert euch, die Nieselpriem hat schon damals, zwanzig neunzehn, gesagt, dass es so wird.

Jedenfalls sieht der Kerl jetzt so aus, als hätte er meine Oberschenkel neben seinen Hals transplantieren lassen und selbst meine Freundinnen reißen ungebührlich die Augen auf bei seinem Anblick. Sie wissen ja nicht, dass er sich ächzend auf das Heizkissen schleppt zwischen seinen Sporteinheiten und der Physiotherapie, die das nun alles auch noch nötig macht.

(c) giphy

Neuerdings beobachte ich mit Argusaugen, dass der Kerl sich flachbrüstige Gewichtheberinnen auf dem Handy anguckt, die Schreie ausstoßen wie ich beim Kinderkriegen. Dabei aber keine Kinder pressen, sondern Stangen mit Gewichten dran. Der Mann ist seltsam. Aber mir ist eigentlich egal, was der Kerl treibt und ich habe einen Filter über den Motivationssprüchen, die er gelegentlich in meine Richtung absondert, meine sportliche Aktivitäten betreffend. Ich laufe ein bis zweimal pro Woche und mache manchmal morgens vor der ersten Kucheneinheit solche Rumpfhebendinger, ihr wisst schon. Ich denke, das reicht.

Moment! Ich dachte, das reicht.

Jetzt denke ich anders, und das hat noch nicht mal was mit den Gewichtheberinnen auf dem Handy meines Kerls zu tun. Denn mir ist ein Foto in die Hände gefallen. Ein Konterfei meiner selbst im zarten Alter von sechsunddreißig. Ich habe damals geraucht wie ein Schlot, gesoffen wie ein Loch, und dennoch lächelt mich ein graziles Wesen mit makelloser Haut von dem Bild an. Mit Schultern! Und zwar Schultern… wartet… ich muss erst mal atmen… also so zarten Schülterchen, wisst ihr, die aussehen, als hätte man drei formschöne Hühnerbrüstchen adrett an das dünne Ärmchen geklebt. Ganz und gar zauberhaft sieht das aus! Ich bekam feuchte Augen.

Dann kam ich nicht umhin einzugestehen, dass ich nun zwar nicht mehr rauche, keinen Alkohol trinke und mehr (!) Sport mache als damals, das fiese Alter aber dafür sorgt, dass ich zur Belohnung für den ganzen Verzicht auch noch aussehe wie Hackfleisch! Adé Hühnerbrüstchen.

Jetzt könnte ich mich damit abfinden und eine Packung Pralinen öffnen, Kaftane bestellen zur Verhüllung der Hackfleischmasse, und ein Keilkissen mit seltsamem Muster, das ich dann immer mit mir rumschleppe. Zur optischen Vervollständigung böte sich dann noch eine güldene Brillenkette an, die ich mir übers praktisch kurze dauergewellte Haar stülpen könnte.

Ich habe beschlossen: NEIN! Ich gebe mich nicht kampflos geschlagen! Ich will die Hühnertittis zurück!

Der  Entschluss ist nun schon ein paar Wochen alt und alles begann, wie es immer so beginnt. Die moderne Frau mit Sportambitionen installiert sich eine App, und guckt dann so in etwa:

(c) giphy

Denn was sie sieht, ist vielleicht dies hier:

(c) giphy

Ist euch das mal aufgefallen? Überall recken einem wildfremde Menschen ihren Arsch ins Gesicht! Ärsche sind die neuen Möpse! Ich fühle mich ange-arscht, und nicht nur, weil ich selbst von hinten aussehe wie Holland, also flach, sondern weil mir das irgendwie alles zu schnell geht. Früher, also früher, da wurde man noch gefragt, bevor ein anderer Mensch einem seinen Pops ins Gesicht drückte. Aber was weiß ich schon, ich bin nur ein altes runzeliges Frauchen mit Problemzonen.

(c) giphy

Die Apps und ich, das wurde nichts.

Ich bin dann auf drei Laufeinheiten pro Woche umgestiegen und mein Fitness-Tracker-Armband-Computer (den mir selbstverständlich mein Mann geschenkt hat; ich hätte auch eine Uhr aus einer „Christ“-Tüte genommen, ihr versteht) kommt gar nicht mehr hinterher. Deshalb fühlen sich meine Beine an wie Betonpfeiler. Und ich habe dem Mann erlaubt, mich zu „schinden“. Wir werden noch sehen, wozu das gut ist.

Das mit dem Schinden sieht wie folgt aus:

Auf unserem Dachboden liegt außer zehn Kilo Lego auch ein Teppichboden, weshalb der Kerl schon vor Monaten befand, das sei ab sofort ein Fitnessdachboden und Gelumpe anschleppte, das ich bislang ignorierte, nun allerdings hautnah kennen lerne. Fünfzig Seilsprünge und drei erbärmliche Runden Krebsgang in unwürdiger Haltung zur Erwärmung. So, und nun das Ganze rückwärts, Frollein! Dann zehn Minuten Hardcore ohne Pause im Wechsel zehn Mal Hanteln stemmen, runter und zehn Liegestütze, hoch und zwanzig Kniebeugen („TIIIIEFER!“). Dann alles wieder von vorn („NOCH TIIIIEFER!“). Ich keuche, ich schnaufe, ich werde angebrüllt. „LOS! DU BIST STARK! WEITER! LOS! HOCH! UND NOCH MAL!“. So geht das nun schon seit einer Weile.

Was ich denke, wie ich aussehe:

(c) giphy

… wie ich tatsächlich aussehe:

(c) giphy

Es sind schon Effekte spürbar. Ich kann nicht mehr Treppen steigen. Meine Knie tun weh, mein Rücken ist wie ein Brett. Der Mann und ich streiten uns um das Heizkissen. Ich kann mir meine Socken nicht mehr anziehen, ich komme einfach nicht runter. Ich versuche, die Söhne gegen Geld anzubetteln, mich an- und auszuziehen. Ich brauche dringend einen Zivi, es ist soweit. Alles tut mir weh. Erbarmen kennt der angeheiratete Drillinstructor nicht und über die Theorie, dass man bei Muskelkater dem Körper die Chance auf Erholung gönnt, kann er nur lachen.

Und so kam es, dass ich mich heute unter zuhilfenahme beider Arme stöhnend mit einer schraubenartigen Bewegung aus meinem Bürostuhl erhob und mit krummem Rücken zur Kaffeeküche schlurfte, und die Kollegin treffsicher bemerkte: „Oh, gestern wieder Sport?!“.

Ihr wisst also, was von euch erwartet wird, wenn mich das nächste Mal seht: Kommentiert bitte ausufernd den Status meiner Hühnertittis (meiner Schultern) und überhaupt lügt was das Zeug hält, meine Körperzustand betreffend! Ihr müsst mich da jetzt wirklich mal unterstützen. Notfalls übt vor dem Spiegel. Das kann doch nicht so schwer sein. Ich schlurfe matt auf euch zu und ihr schreit: „Hey! Rike! Super siehst du aus! Trainierst du etwa?! Wow, und diese Schülterchen! Wie zarte Hühnerbrüste! Respekt!“. Oder so ähnlich.

Danke und Sport frei!

Ein Kaffee für Frau Nieselpriem

Hat Dir dieser Beitrag gefallen? Dann lade mich doch gern auf einen Kaffee ein als Dankeschön, mit oder ohne Torte! Vielen Dank. 🙂

€2,00

Leidenschaft

Leidenschaft

Der Blondino (5) bespielt kurz und intensiv eine Spielzeugspinne. Danach liegt das Ding zerrupft und in seine Einzelteile zerlegt zum Sterben auf dem Boden. Die Zunge ist herausgerissen, der kleine Ball zum Aufpumpen verschwunden.

Der Kommentar des Kindes: „Das ist eben Leidenschaft, Mama!“.

 

Glückliche Fügungen feat. the Osterwochenende

Jahrelang fuhren wir stets an Ostern in die Nähe von Liberec im tschechischen Isergebirgsland. Dort hatte ein holländisches Pärchen einen alten Dreiseitenhof zu einer kuschligen Pension umgebaut und bewirtete aufs Allerherzlichste die Gäste, die zum Wandern kamen.

Nur kamen relativ wenig Menschen. Wir waren jahrelang an Ostern nahezu allein und unsere Kinder tobten über die alten Gänge, im Garten war außer uns niemand und morgens in der guten Stube beim Frühstück ebenso Leere und Stille. Außer an unserem Tisch natürlich.

Dann machte ich den Fehler und schrieb darüber, so richtig mit Link und so. Und viele Leser schrieben mir auch und wollten es ganz genau wissen: Wo war das, wie heißt das, wie ist dies und wie ist das. Ich schickte jede Menge Leute dahin. Von nun an war es Ostern nie mehr leer. Aber das machte uns nichts. Gut, die Wirtin hatte nun keine Zeit mehr um uns kleine Willkommensküchlein zu backen und die Kinder schienen ihr auch oft ein Ärgernis zu sein mit ihrem Kinderlärm und weil sie über den Rasen rannten. Dennoch kamen wir weiterhin an Ostern wie eh und je, mieteten stets das gleiche Appartement und verabschiedeten uns stets mit den Worten: „Tschüss, bis nächstes Jahr!“.

In diesem Jahr nun teilte man uns mit, es wäre kein Zimmer frei für uns. Schluss, aus.

Ich war wie vor den Kopf gestoßen. Und ich nahm das persönlich. Ich fühlte mich gekränkt, ungewollt und war stinkesauer.

Der Beste ließ sich nicht beirren, setzte sich vor die große Internetmaschine und suchte für uns und die befreundete Familie, mit der wir stets die Osterfeiertage verbringen, ein anderes Quartier. Ich schmollte derweil und betrauerte meine lieb gewonnene Tradition.

Und so fuhren wir in diesem Jahr in ein Hotel. Auch ein altes, umgebautes Gemäuer, früher war es wohl ein Schloss. Pferde und Rindviecher sollte es geben und ein Restaurant auf dem Areal. Ich war dennoch skeptisch. Rückblickend muss ich nun sagen: Zum Glück haben uns die Quartiereltern der „alten“ Pension den sprichwörtlichen Stuhl vor die Tür gestellt. Zum Glück! Denn ansonsten hätten wir diese Kleinod niemals kennengelernt! Was für ein glücklicher Umstand im Nachhinein.

Inmitten einer herrlichen Landschaft und Wiesen, soweit das Auge reicht, liegt ein Anwesen mit anmutigen Pferden, die morgens geritten werden dürfen, stehen wunderschöne schottische Hochlandrinder auf der Wiese, gibt es Platz zum Rennen und Toben und Kreischen und Tollen und Erkunden und jede Menge andere Kinder zum Spielen waren auch da!

Weil uns an einem Ort der Aufenthalt verwehrt wurde, fahren wir ab sofort möglicherweise immer an Ostern zu den Pferden und Rindern und den Wiesen und all dem Schönen hier. Und bitte fragt mich nicht nach der Adresse! Aus verständlichen Gründen unterliegt die diesmal der nieselpriemschen Schweigepflicht. 🙂

Wir saßen in der Sonne…

… spielten Tischtennis oder

… tobten auf dem Trampolin.

Am Abend gab es ein Lagerfeuer und…

… unser traditioneller Ostermarsch führte uns in diesem Jahr zwar nicht auf den Jeschken (so wie sonst immer; ich war schon wieder kurz traurig), aber wir acht erkundeten wandertechnisch für uns Neuland. Und: Es war schön! Doch, wirklich. Und wieder einmal dachte ich: Zum Glück war unser Zimmer belegt in der ursprünglichen Pension.

Am Abend nach dem Wandertag gab es böhmischen Gulasch von den lieben Rindviechern hinterm Hof, dazu Knödel und herzhafte Kartoffelpuffer. Ganz klar: Wir sind in Tschechien!

Als wir wieder daheim sind, fällt mir das große Fleischpaket in die Hände, das meine Mutter uns vor der Abfahrt als „kleines Ostergeschenk“ überlassen hatte, und von dem ich fand, nichts wäre unpassender als das. Menschen, die für vier Tage verreisen, ein Fleischpaket zu schenken!

Doch: Auch dies schien irgendwie am Ende eine glückliche Fügung zu sein, denn wir freuten uns wie blöde darauf, bei herrlichstem Osterwetterchen den heimischen Grill anzufackeln. Gesagt, getan. Und danke schön, Mütterchen, das mit dem Fleischpaket war eine urst knorke Idee. So im Nachhinein betrachtet.

Während die Mannen grillen und unter Aufsicht zündeln (der Kleinste), lese ich mich bei Instagram auf den neuesten Stand (Ich finde ja, Instagram ist das neue Facebook und Twitter sowieso nur ein Hort des Bösen; also ja, Instagram fetzt mir sehr). Da schreibt eine von mir sehr geschätzte Person, wie abartig sie doch all diese Heile-Welt-Blogger fände mit ihrer Tüdelütt-wir-sind-so-fröhlich-Attitüde und bei denen alles so heiditei-glücklich-verfiltert-perfekt erscheint, und dass sie denen jetzt rigoros entfolgt sei! Richtig so, denke ich mir und like aus Prinzip (ich sagte schon, ich schätze diese Person sehr). Dann, aus einem unerklärlichen Impuls heraus, sehe ich nach und muss feststellen, sie folgt nun auch mir nicht mehr!

Schockschwerenot, bin ich ein Netzmensch mit Perfektionswahn und angeberisch-reißerisch-glücklicher Attitüde? Ich?!

Und dann denke ich: Ja, verflixt und zugenäht und halleluja! Ja, ich bin noch mal verdammt glücklich im Moment! Und scheiße, fühlt sich das gut an! Und danke, dass du mir durch das Entfolgen die Augen aufgemacht hast, geschätzte Instagramperson. Ich will das genießen, solange es so ist und festhalten für schlechte Zeiten (Ja, Mensch, ich weiß! Aber versuchen kann ich es doch trotzdem.), und ich haue jetzt mit Veilchen, keimende Knospen und Kindern im Sonnenschein um mich und vielleicht knalle ich euch sogar noch einen Sonnenuntergang vor die Füße! Halleluja!

Warte, fast den Scheißsonnenuntergang vergessen…

 

„Das ist die Drossel, die da schlägt,
Der Frühling, der mein Herz bewegt;
Ich fühle, die sich hold bezeigen,
Die Geister aus der Erde steigen.
Das Leben fliesset wie ein Traum –
Mir ist wie Blume, Blatt und Baum.“

(Theodor Storm 1817-1888, deutscher Schriftsteller)

 

Zu Gast bei Nieselpriems: Anne und ihre Sorbischen Ostereier

Es begab sich neulich, da sah ich auf Instagram bei der Anne, die unter Alu_Dresden bloggt, dieses Foto hier…

Quelle: Alu_Dresden (Instagram)

… und kommentierte enthusiastisch vor Begeisterung für diese Handwerkskunst. Krass, was manche Menschen so können, oder?

Nun weiß einjede(r), der/die/das (es ist ein Graus, man/ frau traut sich ja kaum noch, einen Satz ins Internet zu schreiben; ab sofort ist mit jedem Personalpronomen ein jeder Mensch – ha! – mitgemeint), der (es geht schon los) mich kennt, dass ich ein eher farbloser Typ bin, der sich gern mit allerlei Grautönen umgibt und Buntes eher meidet. Bei diesen Eiern jedoch, ich weiß nicht wieso, da hüpfte mein Herz, da frohlockte mein Geist! Da pulsierte die österliche Begeisterung gar bunt in mitten meinem von zartgrauen Wänden umgebenen Sein.

Anne schrieb auch sofort zurück, wir sollten uns doch verabreden zum Malen, und so kam es auch. Also Anne kam. Zu mir. Und schön war das! Aber seht selbst.

Anne packte einen großen Korb auf meinen Küchentisch und lüpfte den Inhalt. Ich war ein wenig an „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ erinnert, beim Anblick der vielen gebogenen Löffel, die sie energisch auf meinen Tisch packte. Dann kamen noch gerade Löffel herzu, die sie tatkräftig Uri-Geller-like verbog. Diese Löffel kamen in ein mit Körnern gefülltes Schraubglas. Ich staunte Bauklötze.

Des weiteren hatte sie ein ehemaliges Meerrettichglas dabei, das selbst umgebaut wurde zu einem Höllengefäß mit Docht. Das war alles ganz ausgeklügelt! Dieses Meerrettichglas hatte die ideale Höhe für das Schraubglas mit den Löffeln und der Docht im selbstgebauten Funzler die ideale Länge und Dichte, um die ideale Hitze zu entwickeln unter den Löffeln. Ein Hexenwerk.

Dann packte sie Gänsekiele aus (ihr sehr die auf dem oberen Bild im linken unteren Quadranten). Sie erzählte mir, dass sie die selbst zurechtschnitzte. Wobei da nichts geschnitzt wird, sondern rasiert, denn es kommt eine Rasierklinge zum Einsatz, mit deren Hilfe zuerst die unerwünschten Härchen entfernt und dann die Spitze zurechtgestutzt wird. Zu einem Dreieck oder einem Rhombus oder einer anderen Form, die dann, in Wachs getaucht, das entsprechende Muster bilden soll.

Ein Gänsekiel in dreieckiger Form

Auch das ist ein Werkzeug zum Zeichnen: Eine Stecknadel in zweierlei Form in einen Stift gespießt ergibt am Ende auf dem Ei ein Pünktchenmuster

Anne brachte auch allerhand Vorbilder mit, die mich in grenzenloser Ehrfurcht verstummen ließen.

Ich war mir sicher, sowas niemals zu können, aber probieren wollte ich es dennoch!

Ich lernte noch, es gäbe verschiedene Praktiken. Zum einen kann man mit dem farbigen Wachs Farbe auf das Ei bringen und das ist dann der Schmuck. Man kann aber auch mit dem Wachs Muster aufbringen, das Ei dann einfärben und im Anschluss das Wachs wieder abkratzen und ebenso weiterverarbeiten in mehreren Etappen. Die „bloße“ Stelle ergibt dann das Muster. Auf dem Bild unten mit den bunten Eiern im Karton hier ist das Ei oben rechts genauso entstanden.

Here we go. Anne zeigte mir, dass man zuerst die weißen Eier mit Essigessenz abreibt, um den Stempel zu entfernen. Und erklärte, am besten nähme man rohe Eier, die lägen besser in der Hand. Das heißt, die übermütigen Menschen in der Lausitz bemalen zum Teil stundenlang rohe Eier um sie danach (!) erst auszupusten. Ich wollte lieber kein Risiko eingehen, meine Blaskompetenzen in Koeinheit mit rabiatem Verhalten gegenüber unschuldigen rohen Eiern ließen mich zurecht befürchten, ich würde mir mein „Kunstwerk“ am Ende in Scherben betrachten können. Ich nahm ausgepustete Eier.

Anne präparierte die Wachslöffel, indem sie kleine Stücke von ordinären Wachsmalstiften mit Bienwachs von der Platte in einem geheimen Mischungsverhältnis auf einen Löffel gab und den Meerrettichglasbunsenbrenner darunter stellte. Und das verschmolz dann zu einer farbigen Wachssoße.

Das ist Anne. 🙂 Anne lächelt auch beim Eierbemalen, Anne lächelt eigentlich immer. Das unterscheidet uns. Ich mag Anne troztdem.

Hier könnt ihr sehen, wie man beim Eierbemalen das Ei hält. Es ist nicht so leicht, wie es aussieht. Nichts an dem Tag war so leicht, wie es aussah. Ich hielt erst mal eine Weile ein Ei in der Hand und drehte es. Auch das ist eine Technik, die man dann brauchen würde.

Dann lernte ich die richtige Technik, die richtigen Abstand zum Wachslöffel, die richtige Schnelligkeit und so weiter. Den Haltearm aufgestützt mit dem Ei in der richtigen Haltung in einem kurzen Abstand zum Löffel mit dem flüssigen Wachs und dann den Gänsekiel eintauchen und schnell auf das Ei bringen, drehen, tauchen, auftippen, drehen, eintauchen ins Wachsen, tippen aufs Ei und drehen. Am Anfang war das Wachs bereits erkaltet, bis ich am Ei war. Fails kann man aber einfach mit dem Fingernagel abkratzen, kein Ding!

Und irgendwann kam ich in den Flow. Das Wachs, das Ei, der Gänsekiel und ich wir waren eine Einheit. Und es machte nicht nur Spaß, es war wie Meditation! Nicht, dass ich mich damit auskennen würde, auch nicht mit Yoga, aber ich fühlte nur das, was im Augenblick war und meine Konzentration war ganz und gar auf diesen schlichten Vorgang des Wachsdippens und auftippens gerichtet. So müssen das manche Menschen mit Yoga empfinden.

Ich empfand es als großartig!

Der Blondino durfte sich mit Annes Hilfe auch produzieren…

… und entschied sich dann für Guachefarben und Pinsel.

Am Ende des Nachmittages hatte Anne ein Ei bemalt und der Blonde und ich wir haben uns daran versucht. Vielleicht könnt ihr erraten, welches Ei von Anne ist? Ist schwer, ich weiß.

Anne ist auch lesenswert. Hier gehts zu ihrem Blog: Mama, weißt du?

Hier noch ein interessanter Link für alle, die sich mit den verschiedenen Techniken auseinandersetzen wollen und selbst mal Hand an den Gänsekiel legen möchten: Spreewaldinfo

Und ein Wikipedialink zur Sorbischen Tradition des Eierverzierens darf auch nicht fehlen.

 

Schöne Ostern uns allen!

#wib spezial – aus Berlin

Ich weiß schon, wir haben bereits Mittwoch (oder Donnerstag?) und ich hänge mit meinem „Wochenende in Bildern“ komplett hinterher und zwischen den Wochen, aber es ist im Moment total verrückt! Ich komme zu allem zu spät oder zwei Tage zu früh. Das Leben ist voll und voller Dings und Bums und Anforderungen links und Geschenken rechts und ich habe um alles einfangen zu können zu wenig Arme und zu wenig Speicher in der Rübe.

Tja. Deshalb ist es hier so still gewesen. Um zu bloggen brauche ich nicht nur ein ausgeprägtes Zeige- und Mitteilungsbedürfnis (das sich manchmal einfach nicht einstellt, nö), sondern auch ein bisschen Luft im Kopf, damit die Gedanken Purzelbäume schlagen können und sich eine Geschichte formiert, die ich erzählen will.

Das war einfach nicht da. Aber hey!, es geht mir gut und es kommen wieder Zeiten mit mehr Luft für Purzelbäume und Geschichten, da bin ich sicher. Wartet ihr einstweilen? Fein.

Heute berichte ich euch aber erst mal von den aktuellen Vorbereitungen der Blogfamilia 2019

Die Vereinsmitglieder haben sich am vergangenen Wochenende in Berlin zur Klausurtagung getroffen und deshalb lohnt es sich, ein „#wib spezial“ zu machen. Blogfamilia wird in diesem Jahr fünf und ich bin von Anfang an dabei. Zwei Jahre als Gast und Fan, und nun schon das dritte Jahr als Fan und Macher. Oder Macherin. Auf jeden Fall Akteuse. Oder Akteur (ich könnte immer so weiter machen, weshalb ich mir schnell mal mit einem Hammer ins Knie haue um mich selbst schnell wieder auf Kurs zu bringen). Wer mag, kann ja hier in dieser meiner Linksammlung mal nachlesen, was ich in den letzten Jahren so berichtet habe.

Das Format hat sich in den letzten fünf Jahren sehr verändert. Anfänglich von Anne und Susanne als familiäre Veranstaltung für fünfzig Blogger initiiert, sind mittlerweile acht Menschen mit der Organisation und Gestaltung der Blogfamilia-Messe für Blogger, und mittlerweile auch der Blogfamiliär-Veranstaltungen (in der Vergangenheit in Köln und Stuttgart, demnächst in Hamburg) für Eltern, Erzieher und pädagogisch interessierte Menschen beschäftigt. Und zwar immer, rund um die Uhr, das ganze Jahr! Mit unterschiedlichem Arbeitsaufwand zwar, aber doch, wir haben immer irgendwas zu tun.

Wer alles zum Verein gehört, könnt ihr hier sehen. Dazugekommen ist in diesem Jahr Laura von Heute ist Musik, und das ist Musik im Teamgetriebe! Sie ist ein echter Schatz und eine Bereicherung für alle.

Jetzt aber endlich Bilder her! Der Samstag begann wie immer: grau und früh. Anders war nur, dass ich diesmal nicht die Backzutaten aus den Schränken holte, sondern die Reisetasche vom Dachboden. Mutti haut ab! Jawohl. Und zwar nach Berlin.

Immer noch sehr früh warte ich auf den Flixi, der wie immer zehn Minuten zu spät kommt, während ich wie immer fünfzehn Minuten vor eigentlicher Ankunftszeit da bin, weshalb die Liebesbeziehung zum Flixbus ein wenig, nun ja, überschattet wird.

Guten Tag, mein Name ist Henrike und ich benutze Alufolie. Aua! Nicht so dolle hauen! Und nicht immer auf den Kopp!

Berlin, Berlin. Gegen halb elf fahren wir ein. Erwähnenswert finde ich, dass der Flixi von Dresden nach Berlin genauso lange fährt wie von der Stadtgrenze Berlin bis zum Alex. Eeeeendloooos. Wann sind wir endlich da, Herr Busfahrer?! Ist Berlin so lang (oder breit) wie die Strecke Dresden-Berlin? Oder so verworren im Straßennetz? Ich begreife das nicht. Also eher sogar nie.

Geschafft. Ich bin in Berlin Freidrichshain gelandet. Wir tagen heute bei Anne und Konstantin von den Großen Köpfen. Konsti selbst ist nicht dabei, er hat trotz Wochenende eine dienstliche Veranstaltung. Wir machen das alles nebenbei. Neben Job, Studium, Hausbau, und während wir – Tadaaa! –  insgesamt einundzwanzig Kinder großziehen. Deshalb ist es auch legitim, dass nicht immer alle anwesend sind.

Heute vermisse ich neben Konsti auch den Doc und Jürgen und Rike sehr. Als ich eintreffe, sind von links nach rechts Laura, Christian (Familienbetrieb), Lisa (Stadtlandmama) und Anne schon da.

Etwas später reisen die Kölner an. Lempi und Janni (Ich bin dein Vater) sind zwar ohne den Doc da, aber sie sind angereist aus Köln. Hurra!

Eine sportliche Agenda wartet, echt viele Arbeitspakete sind zu schnüren und zu verteilen. Ich schreibe zusammen mit Laura Protokoll und wir beschreiben am Ende fünf DinA4-Seiten, und das zusätzlich zu den ganzen Tasks und Slides und Dings in dem Projektmanagementtool, das wir zur Planung benutzen.

Alles läuft erstaunlich rund, und das ist irgendwie das, was ich in der Zusammenarbeit mit den Leuten der Blogfamilia echt nur als „magic“ bezeichnen kann. Alle wollen, alle machen, es gibt kein Gezeter oder Zuständigkeitsgerangel, alles und jeder greift irgendwie die Hand der anderen und Dinge, die getan werden müssen, auf.

Konstantin hat für uns vorgekocht, bevor er selber auf eine Veranstaltung musste. Es gibt Pasta Bolognese.

Und, Leute, schmeckts? Joar, würde ich sagen. 🙂

Janni ist platt. Aber für ein Mittagschläfchen ist keine Zeit. Los, hoch, Du Kölner Jeck!

Am Ende des Tages werde ich sagen, dass mir schwummrig sei in der Rübe und dass ich wohl ab jetzt pro Woche einen Tag Urlaub nehmen müssste, um meinen Teil abzuarbeiten, und ein wenig Angst wird mich auch beschleichen, aber guck mal hier. Wir arbeiten nicht nur, wir lachen, bis die Tränen laufen! Anne, Lempi und ich. Das Foto hat die Stadtlandmama Lisa gemacht.

Spät am Abend hauen sich die Kollegen die Nacht umme Ohren und schicken Partypics.

Ich kann kontern. Party ist für mich an diesem erschöpften Abend: Dusche, Netflix, zwei Kopfkissen und zwei Decken! Schön wars.

Am nächsten Morgen bin ich die erste beim Hotelfrühstück…

… und nach einer herzlichen Verabschiedung die erste auf dem Heimweg. Das Partyvolk bruncht noch irgendwo und fliegt am frühen Nachmittag in alle Richtungen, unsere langweilige sächsische Muddi hier aber will wieder heim.

Schüss, Berlin! Im Mai sehen wir uns wieder! Das wird großartig. Für uns alle vom Orgateam, für unsere Gäste, und dann gibts da noch was. Mein Großkind, der Bubi will in diesem Jahr mitmachen als Helfer bei der Orga. Und während mir das so durch den Kopf geht, bekomme ich ein wenig Schnupfen, wisst ihr. Stellt euch doch mal vor, irgendwann rückt die nächste Generation nach und dann stehen nicht nur wir Alten hier und machen Bloggerevents, unsere in den Blogs zum Teil vom Babyalter vielbeschriebenen Kids verteilen Aufkleber, Programmhefte und weisen den Weg zu Veranstaltungen. Virtuell wird real, Klappe, die zweite. Mensch, das ist ein Ding.

Schnief… hat irgendwer ein Tempo für mich?!

Alexanderplatz im Sonnenschein. Ich habe ein Großraumabteil im pünktlichen (!) Flixbus und esse meine Stulle von gestern morgen (aus der Alufolie) und Streuselkuchen, den Christian gebacken hat. Großes Herzeleid beschleicht mich, liegt aber vermutlich an den vierhundert Gramm Butter in Christians Streuselkuchen. Manch einen hat einen Koffer in Berlin, ich ein Stück von meinem ihr-wisst-schon, Herz.

Zu Hause erwartet mich eine Einladung zu einer Lesung von Andrea Harmonika ( ❤ ) und Tulpen, über die ich mich über Gebühr freue und dem Mann dafür überschwänglich danke. Bis dieser mir erklärt, die Tulpen hätte ich mir selbst gekauft, beim Lidl, weißte nicht mehr, am Freitag. Ach so, ja. Alter ist doch manchmal was Schönes. Man freut sich mehrmals über das Gleiche!

Dann finde ich diese zauberhaften Filzlatschen, an deren Besitz ich mich gar nicht mehr erinnern kann und frage vorsichtig, wann ich denn diese gekauft hätte? Nein, die seien ein Geschenk von ihm, dem Mann, berichtet dieser.

Aber ich glaube ihm nicht, der will nur, dass ich ihn wieder überschwänglich umhalse und knutsche. bestimmt habe ich die selber gekauft! 🙂

So, ihr Lieben (das schreiben ja immer die Superduperzehntausendfollowerblogger und Instastars), das wars für dieses Wochenende. Ich mach mich jetzt ans Abackern meiner Aufgabenliste und freue mich, die Eine oder den anderen im Mai persönlich zu sehen, zu sprechen, zu knutschen (alles freiwillig, alles kann, nichts muss), und wünsche euch eine gute Woche und bis zum Wiederlesen zitiere ich meinen Lieblingsphilosphen, den fünfjährigen Blondino. Der sagte nämlich gestern:

„Zickezacke Schweinebacke und tschö mit ö, ihr verknallten Stinkesocken!“

(Zu seinen Legobausteinen, wohlgemerkt)

 

 

Alle Informationen rund um die Blogfamilia findet ihr hier: https://blogfamilia.de/

Aktuell läuft die Nominierung für den Blogfamilia Award und dazu möchte ich euch herzlich aufrufen! Was das ist und wie ihr mitmachen könnt, steht hier: https://blogfamilia.de/blogfamilia-award-2019-nennt-uns-jetzt-eure-nominierungen

 

65 M

Die Zeit, als ich an jedem dritten des Monats den Monatsgeburtstag des Kleinchens gefeiert habe, ist ja nun schon ein bisschen her, also zumindest öffentlich, aber noch immer ist der dritte ein Geburts-Tag. An einem dritten habe ich geboren. Auch an einem sechsten und an einem einundzwanzigsten. Aber da der Blondino „mein Baby“ ist, muss der da jetzt durch, dass ich das so zelebriere. Das mit dem dritten.

Fünfundsechzig Monate ist er jetzt bei uns. Er ist einen Meter zehn hoch, wiegt siebzehn Kilo, sein Kopf riecht immer noch nach Griessbrei und hat ein Stimmchen wie Tweety. Und große fragende Knopfaugen.

Er fragt auch eigentlich immer irgendwas. Als ich mal versehentlich beim Spazierengehen „Hänsel und Gretel verliefen sich im Wald“, sang, da war was los. „Warum will die Hexe den Hänsel fressen? Warum schubst die Gretel die Hexe in den Ofen? Und was hat de Hexe dann gemacht? Und wie hat die Gretel die Hexe in den Ofen geschubst? Und was hat der Hänsel dann gesagt? Und warum gibt es Hexen nur im Märchen? Was will die Hexe mit mir machen, wenn sie mich sieht? Und was machst du mit der Hexe, wenn sie mich fressen will? Können wir ein Pfefferkuchenhaus haben zum wohnen?“.

Auch täglich auf Wiedervorlage: „Wenn ich groß bin, kann ich dann auch Fliegen fangen mit meiner Zunge? Wie lang ist meine Zunge, wenn ich groß bin?“. Und neulich zu einem jungen Mann hinter uns an der Kuchenschlange: „Zeig mal, wie lang deine Zunge ist, meine ist nämlich am längsten, aber ich kann dir das nicht zeigen, man zeigt seine Zunge nur seiner Familie! Und wie alt bis du?! Isch bin fümf. Und mein Papa ist einundvierzig und meine Mama neunundvierzig und die hat heute Geburtstag und wie lang ist deine Zunge?! Zeig mal die Zunge!“.

Jeden Tag müssen wir bei Youtube Videos über Schlangen und Chamäleons und Frösche gucken. Weil die nämlich coole Zungen haben! Ich denke, die Dino-Phase wird durch die Amphibien und Weichwirbler, Schlabberekeltierchen abgelöst.

Der Beste frohlockt! Denn der züchtete früher Würgeschlangen. Zumindest war das der Plan, bis alle Schlangen Schnupfen kriegten und verendeten. Dann lernte er mich kennen und ich stellte klar, es wird ab sofort nur noch eine Schlange in seinem Leben geben! Nun, einundzwanzig Jahre später, sieht er in seinem Jüngsten einen Verbündeten im Kampf um ein Terrarium im Haus. Zusammen gucken sie sich die Bücher über Schlangen an, die der Bärtige seit Kindertagen hortet und die aus seinem Kinderzimmer mit bei uns eingezogen sind.

(Er wird niiiie ein Terrarium mit Schlangen haben, so lange ich hier wohne! Ich würde immer alle Futtertiere befreien und überhaupt kann ich nicht nachvollziehen, wie man ein Tier in einer Kiste halten kann, das nachweislich keinerlei Beziehung zu einem eingehen will und wird. Und so lange ich keinen Hund, nicht mal eine Katze oder einen Chinchilla haben darf – nein, auch keinen Papagei!- bin ich total fest, was das Schlangenthema angeht. Und selbst wenn ich ein, zwei Tiere haben dürfte, kriegt er keine Boa Constrictor. Sonst würde sein Tier mein Tier fressen wollen und das gäbe nur Terz hier. „Dein Tier hat…!“, „Aber dein Tier hat angefangen…!“. Nee, fällt aus. Im übrigen plane ich, mein nächstes Leben auf dem Land zu fristen und dann habe ich Hühner und Hunde und Katzen und Kaninchen und kenne definitiv niemanden näher, der mit Schlangen leben will. Ich meine, Schlangen, ernsthaft?!)

Ich sitze die Schlangenphase des Babylinos einfach aus.

Während ich das schreibe, liegt neben mir eine Gummikobra, die Eier eines „Türodacktulus“ ausbrütet.

Die weißen Bohnen, die hier die Eier sind, hat das Kindchen von irgendwo her angeschleppt und trägt die seit Tagen mit sich herum. Das sei sein Schatz, informierte mich das Kind. Jeden Tag stopfte es die Bohnen in die jeweilige Hose des Tages und holte sie immer mal hervor. Eigentlich waren es ja bestimmt zwölf oder zwanzig Bohnen ursprünglich. Ein paar befinden sich mittlerweile in den Ritzen der Couch oder in der Waschmaschine oder sonstwo. In jedem Fall werden die übrigen „Dinoeier“ ebenso diesen Weg gehen. Das ist sicher!

Ich mache ja auch jeden Quatsch mit (außer Schlangenquatsch mit echten Schlangen; und ja, Regenwürmer sind auch Schlangen, keine Diskussion!), aber neulich war echt Schluss mit lustig. Ich decke das Bett des Süßileins auf und denke, mich trifft gleich der Schlag. Unter der Bettdecke war ein Haufen Sand, breitgeklopft. Also ich meine so viel Sand, als hätte jemand eine Erwachsenenschaufel voller Sand in das Kinderbett gekippt! Hallo?! Es gab ein Riesengezeter, aber ich habe nicht herausgefunden, mit wie vielen Sandeimerchen das Kind sich an mir vorbeilaviert hat auf dem Weg nach oben, um das anzurichten, aber er machte deutlich, er bräuchte diesen Sand! Das sei nämlich Schlafsand!

Und nun weiß ich eigentlich auch, warum wir zwei seit ein paar Wochen wieder zwischen fünf und sechs aufstehen müssen. Einmal sogar zwischen vier und fünf. Das wird die Rache sein, weil ich den Schlafsand weggesaugt habe…

Wir haben nur noch selten Kommunikationsprobleme. Viele „seiner“ Worte haben wir in den allgemein gebräuchlichen Sprachgebrauch übernommen: Götterzug, Mutterboot und die Abschleppkammer selbstverständlich. Neulich aber: „Mama, ich wünsche mir zum Geburtstag Sacknaschuhe.“, „Was wünschst du dir?“, „Sacknaschuhe!“. „Ich weiß nicht, was das ist.“, „SACKNASCHUHE!“, „ICH WEIß NICHT, WAS SACKNASCHUHE SIND!“, „NA, SACKNAAAAASCHUUUUHE!“. Saugnapfschuhe. Da hätte ich wirklich alleine drauf kommen können.

Zumindest ging es diesmal schneller mit der Überwindung der Begriffsstutzigkeit. Ich habe aus der „Middelbonnie“ gelernt. Ihr erinnert euch? Das Kind verlangte, zur Middelbonnie gebracht zu werden. Tagelang. Am Ende weinte das arme Würmchen, weil ihn niemand verstehen wollte. Nach geduldigem Nachfragen (Was ist es? Wie sieht es aus? Was kann man dort machen? Wer ist dort?) erfuhren wir, es handelt sich um die Mülldeponie. Die Mülldeponie! Middelbonnie, na klar, das Kind spricht Spezial-Sächsisch.

Hoffentlich wird er für immer so niedlich und knopfäugig und neugierig bleiben und ich weiß, das wünsche ich mir umsonst. Nicht mehr lange, und er wird „ALLDER!“, sagen und „VOLL KRASS!“, und alles besser wissen wollen und mit den Augen rollen. Und ich hasse es jetzt schon. Ich frage mich, wann diese Metamorphose eintritt (Mit der Schule vielleicht?) und warum?! Ist es der „schlechte“ Einfluss von Justin und Elias? Wollen deren Mütter nicht auch, dass die süß und niedlich bleiben? Denken die, das sei unser schlechter Einfluss? Warum muss alles wachsen und sich verändern? Warum kann es nicht mal so bleiben, wie es ist? Ich zum Beispiel, ich hätte doch auch für immer dreißig bleiben können! Oder?!

In jedem Fall ist es ne Supersache, sich immer zwischendurch mal vor Augen zu führen, warum es genau JETZT so bleiben sollte, wie es ist. Es gibt immer und überall etwas, das echt jetzt mal für immer so bleiben könnte. Immer. Überall.

Wenn man genau hinguckt. ❤

 

 

 

 

 

 

„Frei“-Tag

Während wir am Samstag inmitten dicker Schneeflocken erwachten…

…war bereits am Nachmittag der Zauber in der Großstadt vergessen. Und am Morgen darauf schien eine gut gelaunte Frühlingssonne durch die ungeputzten Scheiben in unsere Bude.

Jetzt wäre das sicher die ideale Ausgangssituation, um mal gründlich Fenster zu putzen, aber die „Hausfrau“ in diesem Haus ist ein Schwein. Oink. Und auch die anderen Bewohner stören sich nicht an den Fenstern, denn sie wissen, ich würde sonst gern bereitwillig zeigen, wo die Putzmittel zu finden wären.

Der Bärtige schnappte sich das Süßilein und seinen Besten nebst Fortpflänzchen und schwups – sind sie abgezischt nach Schellerhau. Und schicken solche Fotos hier.

Ich nutze den geschenkten Familien“frei“tag, und hänge gnadenlos in der Couch. In Pantalons und Schlabbershirt, mit ohne Frisur, dafür Gummibärchen, Kimmy Schmidt und Strickzeug. Und Laptop! Wenn ich schon mal Tagesfreizeit habe, kann ich mich ja auch mal in Ruhe mit euch unterhalten! Ihr widersprecht nicht und redet nicht rein und außerdem springt ihr auch nicht mitten im Satz auf und haut einen Becher vom Tisch oder rennt irgendwohin. Ich muss es mal loswerden: Ihr sein tolle Gesprächspartner!

Das Wichtigste: Nächste Woche Samstag ist Michael Specht im Boulevardtheater in Dresden. Ja, genau, das ist ein Teil der „Tim Herzberger Show“, über die ich schon inbrünstig entflammt und von Glückshormonen gebeutelt berichtete. Die Show am Samstag heißt „Liebe nur“, und ist zu Recht ausverkauft. Es wird auch nur diese eine Vorstellung geben in diesem Jahr, in diesem Leben und mit diesem sexy Turnbeutelmodel. Und ihr habt eben Pech, wenn ihr nicht dabei seid!

Doch warte, ich habe noch zwei Karten übrig, die ich kluges Weib vorsichtshalber auf Reserve gekauft hatte. Wer interessiert ist, kann sich gern melden! nieselpriem.blog@gmail.com.

Jetzt was anderes. Ach, da war was los in der letzten Woche nach meinem Artikel über das Pubertätsprojekt. 

Ganz viele Menschen haben sofort den neu gelaunchten Blog abonniert und mir geschrieben, wie super die Idee sei! Nun ja, das glaube ich auch noch immer, aber jetzt kommt das ABER. Ich war da etwas vorschnell, befürchte ich, oder andere. Und jetzt ich auch. Warte, ich erklär es gleich!

(Damit ihr noch was fürs Auge und den Gaumen kriegt, hau ich jetzt schamlos Bilder von den zweifarbigen Waffeln, die ich am Nachmittag für die Schneehasen gemacht habe,  hier zwischen die Zeilen. Das Rezept habe ich von hier.)

Ich hatte den Blog aufgesetzt, weil die Vorteile für das mir vorschwebende Projekt auf der Hand lagen: Ich könnte alleine anfangen, aber problemlos Admins hinzufügen oder den Blog in Gänze zu einem anderen Menschen transferieren, wenn gewünscht. Ganz im Sinne der angestrebten Kollaboration dachte ich, okay, ich fange einfach mal an, und so hatte ich mich auch mit den anderen Bloggern in dem Diskussionsthread zu diesem Thema verständigt.

Und ja, mehr war es ja auch nicht. Der Text kaum mehr als ein Lorem Ipsum, also nur den hier veröffentlichte Text zur Erklärung reingeklatscht, was dort entstehen soll … Ich plante ja, bald erste Texte selbst (neutral gehalten) zu posten und eure Leserbriefe.

Dann schrieb mich eine Bloggerkollegin an. Oh Gott, du hast ja gar kein Impressum! Ich so, ich weiß, noch nicht. Ich muss noch nachdenken! Abtretungserklärung/ Urheberrecht der Texte und verarbeite ich eigentlich Daten?! Das ist alles sehr schwierig bis total kompliziert geworden seit der neuen DSVGO im letzten Jahr.

Also eigentlich ja nicht, dachte ich. Zumindest, wenn man mit dem „GMV“ rangeht, dem gesunden Menschenverstand. Dann aber kam die Geschichte mit Vreni Frost, uuuuh! Und allen wurde ganz schlecht. Jeder zweite Blogger/ Instagrammer/ Onliner rannte kopflos hysterisch kreischend in der Gegen rum und fühlte sich von der „Abmahn-Mafia“ bedroht. Vielleicht auch nur jede(r) dritte, ich jedenfalls dachte: „Hä?!“.

Aber dann hörte ich doch immer wieder auch von vollkommen unhysterischen Bloggerfreunden, sie hätten Post von irgendwelchen Kanzleien erhalten, blablabla, rechtssicheres Impressum, blubblubb, Datenschutzerklärung und so weiter.

Das ist also hier auf einmal kein harmloses Hobby mehr. Denn selbst wenn es ein Hobby ist (wie in meinem Fall) und ich nur Kosten habe (Einhundert Dollar/ Jahr für Wartung und Hosting) und keine Erträge (Oder wollt ihr hier gern immer mal lesen, welche Zahncreme ich in dieser Woche empfehle? Und welche sinnlose Versicherung?) muss ich mich an die bekloppten wichtigen neuen Bestimmungen halten.

Und wenn ich früher (!) dachte, Mooooment mal, verklagen kann mich doch nur jemand, wenn ich mir durch unlauteres Benehmen einen Wettbewerbsvorteil verschafft habe und wo bitte soll der denn sein bei einem nichtmonetär ausgerichteten Blog ohne jegliche Verkaufsabsicht und ohne Einnahmen, dann weiß ich es nun leider auch nicht mehr so genau. Und wer hat schon einen Internetrechtsundlinksanwalt in der Familie? Ich nicht.

Jedenfalls unkt die Bloggerfreundin weiter, das sei alles sehr gefährlich so ohne rechtssicheres Dings und Bums (das ich ja wirklich noch nicht hatte/ habe) und dann wurde es sehr creepy. Sie befürchtete, ich könnte im Ernstfall nämlich gezwungen werden, die realen Namen und Adressen derjenigen preis zu geben, die mir Content geliefert hätten. Also die Geschichten für diesen Ratgeber-, Mutgeberblog, den ich da ins Leben gerufen hatte. Was das für ein Umstand sein sollte, der solche Handlungen erforderlich machen sollte, das konnte sie auch nicht benennen.

Für mich war das alles sehr blümerant! Aber es zeigte mir zum Einen, eine gute Idee alleine reicht nicht, und zum anderen, die Menschen haben Bedenken. Manche. Und ich weiß es doch auch nicht genau!

Deshalb habe ich den neuen Blog „Die zweiten zwölf Jahre – Elternschaft in Zeiten der Pubertät“ erst mal auf „privat“ gesetzt, ihr könnt da nicht mehr drauf aus diesem undurchsichtigen Internet.

Ich werde diese/eure Geschichten – so wie andere Blogger auch – als Leserbriefe veröffentlichen unter einer Rubrik „Pubertät“. Ich hoffe, irgendwann das umzuziehen auf den eigenen Blog, das fände ich auch als suchender Leser schöner, wenn alles irgendwo gebündelt wäre. Und wegen dem Rechtsgeschwurbel: Jemand mit juristischem Background und Tagesfreizeit ist freundlich eingeladen, sich bei mir zu melden! Geld hab ich keines, aber ich backe Kuchen. 🙂 Oder Waffeln.

Was war noch? Jemand fragte mal wieder, wann ich denn ein Buch veröffentlichen werde.

Letztes Jahr um die Zeit hatte ich tatsächlich eine Anfrage zu diesem 111-Orte-für-Kinder-Dingsbums. Ich bin nicht die Autorin dieses Buches geworden, meine Liste mit Orten wurde abgeschmettert, weil langweilig und öde. Ich plane also, diese langweiligen Destinationen die ich super für Kinder und Familien finde, hier irgendwie online und gratis aufzubereiten für euch.

Dann habe ich immer gesagt, einen fröhlich-harmlosen Muttiroman schreibe ich nur, wenn ich zufällig mit Anfang fünfzig noch mal Mutter werden sollte, und der würde dann heißen: „Elternzeit statt Altersteilzeit – Eine Chance für Senioren“. Dazu stehe ich noch immer. Und bevor Nachfragen kommen: Neunundvierzig! Am kommenden Donnerstag.

Wo war ich? Buch. Ich habe allerdings seit ein paar Jahren ein „Buch“ im Schreibtisch. Es ist das Kriegstagebuch meines Stiefgroßvaters, der zu Zeiten des Bombardements von Dresden als Verwundeter in der Stadt weilte. Viele maschinengeschriebene Seiten, die mich fesseln. Da ich selbst total gerne solche Bücher lese, habe ich vor, einen Roman darum zu basteln.

Und dann kam eine saucoole Anfrage für ein Buchprojekt rein, die ich richtig richtig kawummig finde und über die ich gar nicht so viel erzählen kann. Aber wenn das was wird, dann wird das DASDING! Das glaube ich fest. Und es ist ein Teamprojekt, das sind mir die allerliebsten ❤ .

So, die Waffeln sind alle, der „Frei“-tag vorbei. Schüss, ihr alle, bis bald. Und schreibt mir. Und jemand soll die Karten abholen! Okay? Habt ne gute Woche, ihr Nieselpriemschn.

 

Warte, die Scheißherzen … ❤ ❤ ❤ So.

Die zweiten zwölf Jahre

Ach, ich wäre manchmal gern die Mutter von Dieter.

Ihr erinnert euch?

„… Guck dir den Dieter an, der hat sogar ein Auto!“

Dieter ist sparsam und haut nicht gefühlt zweihundert Euro in zwei Wochen auf den Kopp – für Döner! Dieter weiß mit Sicherheit, dass im Dezember Weihnachten ist und seine Eltern auch irgendwann Geburtstag haben und es gesellschaftlich verbrieft ist, dass man (meint: auch Jugendliche mit Zugang zu Taschengeld, für dessen freizügige Überlassung die armen gebeutelten Eltern im Steinbruch schuften; oder in irgendwelchen IT-Buden) da ein Präsent überreicht. Eine einzelne Rose von mir aus für drei Euro, irgendwas! Aber das Geld ist ja immer alle. Außer bei Dieter.

„Junge!“

Was haben wir gelacht, wir alle, als die Ärzte 2007 diesen Song raus brachten. Was für ein Spaß! 2007 war ich Einkindmutter und das süße Frätzelchen wurde gerade eingeschult. Meine eigene Pubertät lag noch nicht so lange zurück, als dass ich mich erinnerte, dass meine Eltern einfach doof waren. Mit meinem Vater hatte ich überhaupt keine Gesprächsbasis und meine Mutter flehte mich nur immer an, ich möge doch bitte nicht so verlottert in der Gegend rumlaufen! Die Nachbarn! Das Gerede!

„… Und wie du wieder aussiehst, Löcher in der Hose, und ständig dieser Lärm (Was sollen die Nachbarn sagen?). Und dann noch deine Haare, da fehlen mir die Worte! Musst du die denn färben?“

Und so zog ich abends los mit einem Beutel. Irgendwo um die Ecke vom Neubaublock meiner elterlichen Behausung versteckte ich mich in einem Keller und zog mich um: schwarze sackartige Klamotten, aus gefärbtem Bettleinen selbstgenäht, dicker schwarzer Kajal um Augen und Mund und dann die Kernseife. Kurz anspucken und die Hände dick einseifen. Mit diesen Händen wurde dann das halblange Haar nach oben toupiert. So verkleidet ging ich dann los.

„… Nie kommst du nach Hause, wir wissen nicht mehr weiter… Junge, brich deiner Mutter nicht das Herz.“

Und nun bin ich in der gleichen Rolle wie meine Mutter vor dreißig Jahren und mache mir dieselben Sorgen! Angst vor Drogen und frühen Schwangerschaften. Angst vor Gewalterfahrung, Zukunftsängste.

„… Wo soll das alles enden? Wir machen uns doch Sorgen… Und du warst so ein süßes Kind, und du warst so ein süßes Kind. Du warst so süß…“

Ich glaube, Kontrollverlust ist das Thema, das diese Zeit aus der Gefühlswelt von uns Eltern am ehesten zusammenfasst. Über all den Gefühlen, die uns befallen, wie ein Regenschirm spannt. Die Kinder nabeln sich manchmal grausam plötzlich und rigoros ab und oft sind ihre Versuche, sich allein in der Welt zurechtzufinden für uns Alten entsetzlich naiv, gefährlich, dumm und überhaupt nicht erwachsen.
Und dann stehst du irgendwann da und sagst diesen Satz, diesen furchtbar bescheuerten Satz, den schon Generationen von Eltern vor dir sagten:

„Was haben wir nur falsch gemacht?!“

Und die Antwort ist ganz simple: Gar nichts! Das Kind hat Pubertät und da musst du nun durch. Das habt ihr alle, als Familie quasi. Und was nun? Wer tröstet dich, wer nimmt dir die Angst, die Ängste? Bücher vielleicht? Ja, das kannst du probieren. Ich habe die alle in die Ecke gepfeffert, gebe ich zu. Ich habe mich niemals verstanden, gestützt und unterstützt gefühlt nach dem Lesen eines Ratgeberbuches! Denn noch immer bin ich der Meinung: Ratschläge sind auch Schläge, ganz besonders in Erziehungsfragen und diese Bücher benutze ich allenfalls zum Stabilisieren eines kippelnden Tisches. So. Wobei ich die Autoren in Schutz nehmen muss, sie sind diesbezüglich natürlich in der ihnen vorgedachten Rolle! Ein Experte schreibt entsprechend seiner Expertise ein Buch, das in verständlichen Worten wiedergibt, woran er jahrelang geforscht und evaluiert hat und was die Grundpfeiler seiner Expertenschaft ausmacht. Nur: Mir half in der Vergangenheit nichts von alledem. Mein Sohn passte in keines der skizzierten Schemen und nirgendwo in den schlauen Büchern fand ich Trost und Hilfe.

Also habe ich mich gefragt: Was könnte denn trösten? Was könnte wirklich helfen? Nun, mich tröstet es zu wissen, ich bin nicht allein! Die Gewissheit, dass nichts, von dem, was ich an Problemen durchmache, exklusiv ist und „noch niemals dagewesen“, das tröstet mich. Mich tröstet die Ehrlichkeit einer anderen Mutter, die sich offenbart, dass sie mit (den gleichen oder ganz anderen) Problemen rund um die Pubertät an ihre Grenzen gelangt. Und Schreiben hilft mir. Das ist (für mich zumindest) eine gute Möglichkeit, sich mit Dingen zu beschäftigen und gleichzeitig Abstand zu bekommen. Wenn die Sätze geordnet über die Tastatur gegangen sind, ist vieles danach auch am Entstehungsort der Sorgen sortiert.

Blogger schreiben Blogs. Elternblogger schreiben über ihre Kinder, über ihr Leben als Eltern.

Ist euch mal aufgefallen, dass in epischer Breite alle Gefühle, Begebenheiten und das Drum und Dran der ersten – sagen wir mal – zehn Jahre der Kinder beschrieben wird?! Schwangerschaft, Geburt, Stillzeit, Kindergartenzeit, Schuleinführung. Dann werden die Berichter schmaler, die Fotos seltener. Gibt es etwas nichts mehr zu berichten von den Kindern? Läuft alles wie am sprichwörtlichen Schnürchen?

Mitnichten!

Die Stille, in die sich „die zweiten zwölf Jahre“ hüllen ist allerdings mehr als verständlich. Denn – spätestens dann – wird uns klar, das Kind hat eine eigene Persönlichkeit, die es vor öffentlichem Zugriff oder Anteilhabe zu schützen gilt (eigentlich auch schon von Geburt an, aber das klammern wir ja gern aus. Auch ich). Die Kinder haben ab einem gewissen Alter oft auch eine eigene Netzpräsenz in diesem Internet und wollen verständlicherweise nichts über sich lesen! Schon gar nicht Problematisches!

Okay, auf der einen Seite gibt es also Eltern, die verunsichert oder wütend sind und ihre Kinder nicht mehr verstehen und auf der anderen Seite Bücher von Experten, geschrieben für die große Allgemeinheit. Und dazwischen gibt es nichts. Außer Selbsthilfeforen vielleicht noch.

Wie wäre es, wenn es einen Beichtblog gäbe, einen Mitmachblog, eine Plattform, wo jeder Mensch, der sich von dem Thema angesprochen fühlt, anonym mit anonymisierten Kindernamen seine Geschichte erzählen kann. Ob Blogger oder Leser, Mutter oder Vater, Pflegevater oder Stiefmutter, ganz egal. Zwei Effekte verspreche ich mir: Zum Einen ist es durchaus denkbar, dass durch das „Aufschreiben“ für den- oder diejenige schon ein wenig der Druck „des Problems“ abfällt. Durch ermutigende Kommentare der Leser(innen) könnte eine Gemeinschaftsgefühl entstehen und möglicherweise gibt es aus den Kommentaren auch praktische Hinweise aus ähnlich erlebten Situationen. Menschen, die „nur“ lesen sollen sich verstanden fühlen in ihrer Unsicherheit in diesen Zeiten.

Das ist der Gedanke dahinter. Ob es klappt? Wir werden sehen. Wir werden sehen, ob es Eltern gibt, die von sich erzählen wollen. Ich werde (auch mit Pseudonym) etwas über unsere Probleme schreiben, aber hauptsächlich biete ich einfach nur die Plattform. Dieser neue Blog ist nicht „mein Blog“!

Ich suchte schon vor vielen Jahren nach einer Möglichkeit, mich zu Pubertätsproblemen auszutauschen. Mein ältester Sohn ist achtzehn, die Kinder der meisten Elternblogger deutlich jünger. Natürlich war ich aus diesem Grund an diesem Thema näher dran! Oder eher als andere Eltern nah dran! Denn dass wir alle irgendwann an diesem Punkt stehen und nicht mehr wissen, wie wir mit bestimmten Situationen umgehen sollen, ist sonnenklar und vorbestimmt. Von der ersten Geburtswehe an!

Ich sprach schon vor vielen Jahren mit Anna über die Möglichkeiten, das in einem Blog abzubilden. Vor kurzem dann stieß Susanne dann das Thema mit einem Blogbeitrag und einer Diskussion bei Facebook an. Nina und Séverine bekräftigten, dass diese Idee zumindest mal versucht werden sollte, und here we go.

Wir versuchen das einfach mal.

 

 

 

Meine Blumen für…

Es wird allerhöchste Zeit, mal wieder Blümchen zu verschenken! Unter https://narrenfreiheit.blog/  verbirgt sich ein ganz zauberhaftes Blogidyll namens „Life Science – Das Leben erforschen auf Roosevelt Island“.

Wo genau Renate herkommt, weiß ich nicht so genau (wahrscheinlich habe ich es überlesen), aber irgendwann vor ein paar Jahren verschlug es sie und ihren Sohn zusammen mit dem „Life Scientisten“ beruflich nach New York. Wöchentlich schrieb sie ihre Begegnungen und Erlebnisse in das kleine Blöggel und schuf so eine ganz und gar wunderbare Welt, in die ich so gern zu Besuch kam!

Egal, ob Weihnachten in New York, Skurriles rund um Halloween, das Leben als Deutsche im Big Apple, alle fand dort seinen Platz. Mit ganz aufmerksamen Augen betrachtete Renate ihr Stückchen der neuen Heimat, beschrieb die Unterschiede im Schulwesen, Day Care oder Kindergarten, Einkaufen, Essen gehen und wo man echt für´n schmalen Taler mit Kind und Kegel New York erkunden kann. Und wo kann man denn eigentlich anständiges Brot kaufen? (ich weiß es, und auch, dass es acht Dollar kostet) Und das alles ist so nett geschrieben, dass es mir stets schwer fiel, mit dem Lesen wieder aufzuhören.

Jetzt habe ich alles durchgelesen und Renate ist mit ihrer Familie wieder in Deutschland angekommen. Ob sie den Blog wohl weiterschreiben wird?, schrieb sie mir in einer eMail. Oh, ich hoffe doch sehr, Renate! Und auch, dass wir uns vielleicht zur Blogfamilia im Mai kennenlernen werden.

Willkommen zurück zu Hause!

 

Diese Blümeln sind für dich als Dank für viele Stunden Lesegenuss und dafür, dass du meine ambivalente Sehnsucht nach New York immer wieder gestillt und befeuert hast.

Ich freue mich auf viele weitere kluge, zarte Texte von dir. Aus Berlin oder Wanne-Eickel oder der Abstellkammer. Schreib, Renate, schreib weiter!

Schon wieder Wochenende?!

Am Freitagmorgen stelle ich entsetzt fest, dass mein Geldbeutel verschwunden ist. Ich suche auf die Schnelle das Haus ab. Viele Quadratmeter, vier Etagen, treppauf treppab rennt die Mutti. Das dauert und führt zu keinem Ergebnis.

Ich weiß, ich war am Donnerstag mit dem Kind im Secondhandladen, und dort habe ich den Geldbeutel benutzt. Aber danach hüllt sich alles in Dunkel. Möglicherweise liegt er noch im Laden, weil das Kind sein soeben gekauftes dringend benötigtes Spielzeug irgendwo in dem Geschäft schon wieder verloren hatte und möglicherweise hatte ich beide Arme voll, als ich Kind und Krams dann zum Auto bugsierte. Denkbar wäre auch, dass mir beim Versuch, den Autoschlüssel aus der Tasche zu fummeln, der ganze Spiddel in den Dreck geflogen ist. Durchaus denkbar also, dass mein Geldbeutel in Pieschen auf der Bürgerstraße liegt! Ich alarmiere den Besitzer vom Lädchen und der Gute sucht für mich mit. Und geht auch auf der Straße gucken – nichts!

Ich sperre sodann (nach nochmaligen Check des gesamten Grundstücks und aller Ecken und Nischen) alle meine Karten und als ich den Bankordner zurück ins Büro des Mannes trage, liegt dort mein Portemonnaie! Auf dem Alten seinem Schreibtisch! Wottsefacko?! Ich hasse sogleich den Mann ein bisschen, denn dass ICH den dort nicht hingelegt habe, steht außer frage.

Am Nachmittag fahre ich in den Kaufmannsladen. Kaum habe ich das Auto in eine winzige Parklücke bugsiert (irgendwie kommt es mir vor, als seien sämtliche Parklücken in Parkhäusern für Mofas konzipiert), stelle ich fest, dass ich zwar nun wieder einen Geldbeutel besitze, aber darin kein Geld ist und – Ha!- die Karten habe ich ja eben erst gesperrt! Also wieder raus aus der winzigen Parklücke und wieder heim, dieser Tag ist sowas von für´n Arsch.

Als ich wieder da bin, ertönen Geräusche aus dem Inneren des Hauses, als stürbe der Mann lautstark. Oder möglicherweise hat er auch Sex ohne mich, wobei mir spontan gar nicht einfallen will, wie der Mann beim Sex klingt! Ich haste nach oben und finde den Bärtigen auf dem Dachboden, wo er sich schwitzend schindet und lauter geräuscht als ich beim Kinderkriegen. Der Kerl macht neuerdings Crossfit zu allem anderen dazu und wahrscheinlich klingt es jetzt bei uns öfter. Ich schreibe das nur, damit ihr wisst, ich bin in dieses lautstarke Treiben nicht involviert. Und nein, es ist nicht das, wonach es klingt!

Ich bin dann wieder in den Kaufmannsladen zurück und habe unterwegs im Klamottenladen Halt gemacht und bei dieser Instagramsache #10yearschallenge mitgemacht. Foto von 2009 und 2019. Hier bitte. Und nur für diejenigen von euch, die denken, mit vierzig ist das Leben vorbei: Rike links ist neununddreißig (dachte allerdings damals auch, mit vierzig ist dann das Leben vorbei; Überraschung! War gar nicht so).

Die Romantik eines Freitagabend in einem Bild zusammengefasst:

Samstag Morgen. Immer dasselbe. Es ist schummrig, die Mutti zündet Kerzen an. Alle (zwei) Anwesenden schweigen und trinken Heißgetränke, bis…

Ihr wisst, was jetzt kommt. Es wird gebacken! Das Kindchen will, ich muss mitmachen. Bis er es irgendwann komplett alleine kann und ich einfach gar nicht mehr aufstehe am Wochenende, sondern mir die leckeren Sachen dann ans Bett tragen lasse (es mangelt mir nicht an Motivationssprüchen um die wochenendlichen Projekte schön zu reden).

Unter die Pflaumen habe ich Pflaumenmus geschmiert, der Rhabarber bekam ein Bett aus Erdbeermarmelade.

Bereit zur Abnahme:

Nach dem Kuchen ist vor dem Kochen. „Stimmts, Mama, heute ist Schlafanzugtag?!“, spricht das Kind und damit wissen nun auch alle, wie wir so rumschlumpfen am Wochenende.

Die beiden Männer schlafen bis Mittag und das Süßilein und ich machen Kartoffelgratin.

Mahlzeit!

Am Nachmittag sind wir eingeladen beim Neujahrsessen meiner Familie.

Ich fand das Restaurant zu laut und wuselig und mit meinen Jungs ist es immer ein wenig schwierig, in so Läden zu gehen. Und so hat der eine Sohn seine Probleme mit sozialen Interaktionen damit bekämpft, indem er sich auf seinen Vater fokussierte und diesen die kompletten zwei Stunden ohne Unterlass zugeschnattert hat. Irgendwas in epischer Breite ausgespeichert. Der andere Sohn hat versucht, alle zu ignorieren und zu spielen. Als das nicht mehr ging, rief er dann mit beiden Händen an den Ohren „ZU LAUT! ZU LAUT! ZU LAUT!“, und wir verabschiedeten uns als erste.

So ist das eben. Aber immerhin konnten wir unser Essen aufessen, das gab es auch schon anders.

Den restlichen Abend verbrachten wir ruhig, mit Rückzug und Puzzles.

 

Guten Sonntagmorgen!

Während das Kind bastelt und puzzelt,

…stelle ich Zeug bei eBay ein. Kooft sowieso keiner! Ich hasse das. Entweder sagen die Leute, sie kämen an diesem oder jenen Tag und kommen dann nicht, ohne abzusagen, oder wollen Schränke abholen und kommen mit dem öffentlichen Nahverkehr angefahren („Ich dachte, sie könnten den Schrank und mich schnell mal nach Dippoldiswalde fahren?!“). Alles schon erlebt. Und guck doch, kaum fünf Minuten online schreibt jemand zu einer Tasche, die zwanzig Euro exklusive Versand kosten soll: „Für zwölf Euro inklusive Versand nehm ich sie!“. Ach, wie schön. Nicht. Und immer ohne Hallo und Grußformel. Die zicken mich quasi am frühen Morgen schon an!

Dabei ist das diesmal für einen guten Zweck. Meine Freundin hat ihr Leben halbiert und ist deswegen umgezogen. Jetzt ist am Ende des Ersparten noch jede Menge Baustelle in der neuen Behausung übrig. Und jede Menge Krempel, der nicht mehr gebraucht wird. Da komme ich hier ins Spiel. Ich will von dem Erlös eine Dunstabzugshaube kaufen!

Mittag: Lachs mit Sahnesoße und Bandnudeln. Oder, um es mit den Kindern auszudrücken: „Iiiieh, ich esse keine Fischnudeln!“, und: „Ich hatte das irgendwie leckerer in Erinnerung!“.

Nachmittags trage ich den Kuchen zu Gretel und stehe wieder vor diesem Spiegel. 🙂

Ich musste so lachen! Gretel macht mir Sonntags stets die Tür in Jogginghosen und mit Knödel auf dem Kopp auf und alles ist wunderbar! Ich sehe genauso aus. Sundays are for Jogginghosen! Mir ist wurscht, was der olle Lagerfeld dazu sagt („Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren!“), oder der Bärtige („Wie du wieder rumrennst! Wie diese Pippi Dingsbums von der Eva Lindgren!“), und wenn ich einen Sack hätte, ich schwöre, Sonntags würde ich mich den ganzen Tag dran kratzen! Mit Jogginghose. Auf der Couch. Echt jetzt.

 

Ich wünsche euch eine schöne Woche! ❤ Mehr Wochenendbilder gibts hier bei Alu und Konsti, die das sammeln.

Wochenende in Bildern #wib 12./13.01.2019

Das Freitagsstück vom Wochenende ist immer gleich. Der Bärtige geht mit dem Blondino zur Ergotherapie, danach zum Schwimmkurs und ich gehe den Discounter leer kaufen einstweilen. Muttis Spa, hurra! Abends treffen wir dann alle zum Essen daheim aufeinander. 

Danach wird auf dem Dachboden gehopst, gespielt, das Interieur verwüstet und mit dem Gästebett eine Bude gebaut. Also nicht von mir! Ich habe längst aufgegeben, daran zu erinnern, dass dieser Dachboden eigentlich (!) mein Nähzimmer (rechte Seite) und der Männer Fitnessbereich (linke Seite) sei. Irgendwann durfte der holde Blondino mal ein einziges Auto mit nach oben tragen um neben meinem Nähtisch an meiner Seite zu spielen. Jetzt muss ich erst ein Kilo Lego vom Tisch fegen, wenn ich mal an die Nähmaschine will. Alles wird okkupiert!

Liebesbriefe. Ich weiß langsam nicht, wohin. Ich bekomme neuerdings gefaltete und mit Tesa verklebte Papierpäckchen überreicht, meist mit dem Hinweis, das sei ein Geburtstagsgeschenk. „Hast du was reingeschrieben?“, frage ich stets. „Nein!“, ist bislang die Antwort. Ich horte die. Noch.

Außerdem bekomme ich Bilder mit zweifelhaftem künstlerischen Wert, dafür immer gleichem Motiv: Ein Vulkan bricht aus und spuckt Edelsteine. Daneben (als drei schwarze Kreise gut zu erkennen) steht der Papi und löscht. Ich habe bestimmt zehn Bilder davon. Wenn ich das Kleinchen aus der Kinderbude abhole tönt es oft: „Weißt du, Mami, ich hab dir heute was ganz schönes gemalt!“, und flüsternd weiter: „Einen Vulkan! Der spuckt Edelsteine!“. Ach was. Aber wenigstens nimmt das Kind mittlerweile Stifte in die Hand, mir gruselte es schon vor der Einschulung…

Am nächsten Morgen gehe ich mit dem Anzünderlein durch die Räume, jegliche Brandschutzunterweisung durch den Mann missachtend. Es ist „Duftkerzenwetter“, wie ich immer behaupte und der beste Grund, alles in Kerzenlicht heimelig erstrahlen zu lassen. Wenn der Bärtige drei Stunden nach uns erwacht, muss er sich erst mal pustend durch die Bude mäandern und dann erschöpft in der Küche und außer Puste Kaffee trinken. Und wieder zu Atem kommen. So ist das hier.

Ist doch schön, oder? Und es musste auch noch nie die Feuerwehr kommen!

Die Lampe über dem Herd darf aber an sein, die brauchen wir!

Der „Backschäff“ und ich machen Zebrakuchen. Backen mit Kind ist bei uns immer sehr experimentell. Während ich noch den Messbecher suche, schüttet das Kind schon fleißig Zeug in die Schüssel. Diesmal höre ich mich zum Beispiel entsetzt fragen: „Wie viele Eier hast du jetzt dort reingetan?“, da die Antwort („Fünf!“) irgendwie dem Rezept nahe kam, haben wir mutig weitergemacht. No risk, no fun.

Danach gehe ich laufen. Ich habe außer Laufschuhen keine coolen Klamotten extra zum Laufen, nur zufällig passen die Socken zur Jacke (ich besitze keine Laufjacke und renne mit einer Regenjacke rum, in der ich furchbar schwitze) und die Mütze (vom Bubi geklaut) passt versehentlich farblich zur Trainingsjacke. Mützen sind hier ein sehr heißes Thema. Ständig verschwinden die! Der Mann und ich vermissen jeweils zwei Odlo-Laufmützen, und ich noch extra zwei für´n Winter. Ich verstehe das nicht. Wo sind die hin? Kennt jemand das Problem? Socken, okay, das kommt vor, aber Mützenschwund? Ich renne also mit des Kindes Mütze offm Kopp in der Gegend rum. Nun ja, juckt ja keinen.

Laufen ist der beste Sport für Muttis, ich sage es immer wieder. Du bist langsam wie eine lahme Ente? Juckt doch niemanden! Du schwitzt und schnaufst? Wirklich vollkommen egal! Aber das Beste: Du bist alleine. Katschingggg!

Danach lächelt mich der Kuchen an, den die Jungs nach exakter Zeitangabe aus dem Ofen geholt hat.

Ich kann allem widerstehen, nur der Versuchung nicht, kennt man. Zweihundert Kilokalorien abgerannt, gleich dreihundert wieder draufgefressen, story of my life.

Mittags auf dem Teller. Hühnchencurry mit Reis und Gemüse. Heißt: Einmal alles für dem Mann, ohne Gemüse für den Bubi, ohne Gemüse und Fleisch für den Blondino und ohne Fleisch für mich (zum Glück gibt es ja noch jede Menge Kuchen).

Am Nachmittag gehen wir zum Schloß, Ziel ist die Rüstkammer. Der Erwerb eines Tickets für 12,00€ erlaubt auch den Besuch des Grünen Gewölbes und der Türckischen Cammer. Nein, ich habe mich nicht verschrieben, die wird so geschrieben.

Nachdem uns im Entrée drei Reisegruppen mit lautstarker Reiseleitung auffielen und das nichts Gutes erahnen ließ, waren wir sehr überrascht, die Ausstellungen selbst nahezu leer vorzufinden. Wunderbar! Und das wahrhaftig.

Nachdem das Blondchen beinahe eine Skulptur des Goldenen Reiters berührt hatte und dieses unerhörte Verhalten den Wachmann auf den Plan rief, entführte mich dieser mit den Worten: „Ich habe jetzt Pause, darf ich ihnen den Fürstensaal zeigen?“. Ihr versteht sicher, es ist mindestens zwanzig Jahre her, dass mich ein Mann irgendwohin entführen wollte. Natürlich bin ich sofort mitgegangen!

In dem Fürstensaal kann man chronologisch die Kurfürsten nach Regentschaft aufsortiert in Öl bewundern und dann kam der olle Napoleon nach Dresden und verlieh den Sachsen wegen ihrer Verdienste um das Napoleonische Reich den Titel „Königreich“, und ab dann war Öl nicht genug. Es geht dann links rum in Marmorbüsten weiter.

Einer hatte es mir besonders angetan. Dieser schnittige Typ ist der ältere Bruder vom August dem Starken, Johann Georg der Vierte. Der war aufgrund seiner Erstgeburt als Thronfolger bestimmt, August wurde derweil fürs Militär ausgebildet, wie das eben so war. Selbstbestimmung am Arsch! Der Georg starb nach dreijähriger Amtszeit, weil er seine Geliebte Sibylla von Neitschütz geknutscht hat, die blöderweise die Pocken hatte. Sie starb kurz darauf, er verstarb nur zwei Wochen nach ihr. August wurde gekrönt, oder gekurfürstet, wie auch immer das damals hieß. Heute wird behauptet, ein Giftmord sei eigentlich die Todesursache von Sibylla und Georg gewesen. Wars der August gar selbst?

Wie spannend Geschichte sein kann!

Dann kam leider der Angeheiratete mit dem Fortpflänzchen um die Ecke und der Spaß war vorbei. Der Mann trug einen säuerlichen Gesichtsausdruck und machte mir klar, ich wäre nicht zum Spaß hier! (Fingerzeig auf das Kind) Wir also weiter Treppen hoch und runter, bis das Museum schloss.

Ich lernte noch, dass die Menschen zu Augusts Zeiten zwischen eins fuffzig und eins sechzig hoch waren (also wie ich) und habe mich köstlich amüsiert über die ganzen winzigen Uniformen und Schühchen. Der Absatz an den Schuhen wurde im übrigen für den Herrn erfunden. Weil, der macht eine straffe Wade und erhebt den Träger ein wenig aus der ganzen ein Meter fünfzig großen Masse, aber das wusstet ihr bestimmt bereits.

Abends um acht hänge ich in der Nordkurve der Couch und glotze stier Netflix. Aktuell „The black list“.

Irgendwer schrieb bei Instagram, sie bewundere mich dafür, was ich alles schon Vormittags machen würde und so. Es gibt wirklich nichts, wofür ich bewundert werden müsste, das will ich mal klarstellen! Außer, ich finde noch ein Universalheilmittel gegen Krebs, dann vielleicht. Das mit der ganzen action hier mache ich nur bis Punkt acht! Alles ist hier durchgetaktet. Halb sieben Abendessen, danach kurz Spielzeit für ein Puzzle oder so, halb acht ab ins Bad mit der Knutschkugel, Geschichte vorlesen, Licht aus, raus und ab auf die Couch! Manchmal geh ich noch ein bis zweimal hoch, weil mir noch irgendwas erzählt werden muss, aber halb neun ist Ruhe im Karton.

Deshalb muss ich morgens so früh wieder ran, sicher. Aber ganz ehrlich, ich würde nicht tauschen wollen. Ich brauche die zwei, drei Stunden abends alleine mit dem Kerl. Nicht Mutti und Vati, sondern Er und Ich. Andere gehen um zehn mit ihren Kindern gemeinsam schlafen oder nähen dann abends oder telefonieren oder ziehen gar noch mal los, dazu bin ich meistens zu müde. Chillen wie Bob Dylan, faul auf der Couch abhängen, wunderbar! Wenn es dann noch Nüsse gibt oder Schokolade oder Nüsse mit Schokolade (schließt auch die Umkehrversion Schokolade mit Nüssen ein), herrlich!

Am nächsten Morgen kommt die Schwiegermutter zum Spielen vorbei, was toll ist und selten. Sie lebt die Wintermonate in der Türkei und ist nur auf Stippvisite da.

Sie bastelt mit dem Blonden aus einer „Bummi“-Zeitschrift, was sie schon mit unserem Großsohn gemacht hat und davor mit ihrem Sohn, also dem Bärtigen. Den „Bummi“ gab es schon zu DDR-Zeiten. Diesmal brachte sie ein Fundstück von 2005 mit. Die Rechenaufgaben in dem alten Heft hat der damals fünfjährige Bubi gemacht. Falsch zwar, aber hachz. ❤ Oder?

Während die Oma das Kind bebastelt, gehen der Mann und ich spazieren in Blasewitz. Beziehungspflege muss man machen, wann immer sich die Möglichkeit bietet.

Mittags auf dem Teller: Fleischklöpse, die hier Bäffis heißen. Für mich gab es panierten Blumenkohl mit Sauce Hollandaise, für den Bärtigen alles mit allem, die Kinder haben nur Kartoffeln (der Kleine) und nur Bäffis (der Große) gegessen.

Apropos Essen: Ich esse seit anderthalb Jahren keine Säugetiere mehr, flippe aber alle zwei Monate richtig aus und dann gibts eine „Wursteskalation“: Ich kaufe mir mit Sabber vorm Mund eine Zwiebelmettwurst und drücke dir mir aus der Pelle direkt in den Schlund! Oder eine Kalbsleberwurst, ganz schlimm. Keine Semmel, kein Brot, Wurst pur. Und danach ist mir dann furchtbar schlecht und ich esse zwei Monate gar kein Fleisch und gar keine Wurst.

Ich rede mir dabei erfolgreich ein, ich sei im Vollbesitz meiner geistigen Gesundheit und gaaaanz viele Menschen machen das so! Stimmt doch, oder?

Um den Mittagsschlaf rauszuschinden, behauptet das Kind, Schleifenbinden zu üben. Ich konnte mich nicht satt sehen. Er kann es nicht, aber er gibt sich solche Mühe!

Sonntags geht der Mann entweder Berge erklimmen mit dem Montainbike oder Squash spielen und ich vertreibe meinen Nachmittag bei Gretel.

Wir zwei ergänzen uns in vielerlei Hinsicht perfekt! Zum Beispiel backe ich gern Kuchen und Gretel isst gern Kuchen.

Abends Schnittchenteller richten, damit sich der sportliche Kerl willkommen fühlt, wenn er denn wieder heimkommt. Der Großsohn ist schon den ganzen Tag bei seiner Freundin, den bekommt hier nur noch selten jemand zu Gesicht. Außer, sie sind zusammen bei uns, was ich dann sehr schön finde, denn endlich ist mal der Tisch in der Kühe richtig voll! Heute sitze ich mit dem Winzling alleine an dem großen Tisch.

Letzte Amtshandlung vor der Nordkurve: Die Wäsche! Das ist im übrigen nur die Hälfte der Wochenendration und über die Woche verteilt wasche ich fünf Maschinen à acht Kilo. Wir sind wirklich seeeehr schmutzige Menschen!

Seht ihr die einzelne graue Socke? Ich sage zu ihr: „So isses Socke, mal verlierst du, mal gewinnen die anderen! Life is life, nana nanana. Also lass dich nicht hängen, immerhin hattest du ne geile Trocknerparty mit den anderen Klamotten!“.

Mehr Wochenendbilder der anderen Blogger (mit oder ohne Socken- Bungabunga) gibts bei Große Köpfe. Ich kann mich dort gerade nicht verifizieren um diesen Beitrag dranzuhängen, aber irgendwas ist ja immer! Suche auf diesem Wege einen fischelanten Praktikanten (oder -tin), der/die/das sich mit diesem neumodischen Internetkram auskennt. Danke!

 

❤ Ich wünsche euch eine schöne Woche und immer genug Kerzen im Haus! ❤

Gedanken beim Apfelschneiden

Gedanken beim Apfelschneiden

Pink Lady, was für ein Name für einen Apfel! Irgendwie erinnert mich dieser Apfel an Schneewittchen, aber ich gebe zu, da hat der Herr Cripps 1973 einen großen Wurf gemacht, als er durch eine natürliche Kreuzung diese Apfelsorte kreierte. Knackig, süß, prall und glänzend poliert, optisch aufdringlich verheißungsvoll wirken diese makellosen pinkfarbenen Geschöpfe nahezu obszön in ihrer Aufdringlichkeit, mit der sie mich aus der Obstauslage anblitzen. Du willst mich! Deine Kinder wollen mich! Nimm mich!

Äpfel sind der Nieselpriemschn liebstes Obst. Und so schäle ich circa fünfzehn Stück pro Woche, immer mit einem Messer, nie mit einem Schäler. Ich sehe auf die geschwungene Schalenspirale herab, die sich unter meinen Händen bildet und denke an Tom Hanks, wie er mit weidwundem Blick sagt: „Deine Mama konnte einen Apfel schälen, dass die Schale ein einziges langes Band ergab.“, und frage mich, ob sich jemand auch so an mich erinnern wird.

Der Blondino nimmt den Teller Apfelschnitze entgegen und schnüffelt an ihm. Das tut er immer, und ich muss jedesmal lächeln. Das Kind schnüffelt wie ein Welpe. Eigentlich erkundet er alle Gegenstände und neuen Menschen mit der Nase. Ich mache das auch, natürlich deutlich subtiler, also zumindest hoffe ich das! Dennoch, jemand, den ich „nicht riechen“ kann, wird schwerlich auch nur irgendeinen Platz in meinem Leben einnehmen.

Gerüche sind elementar für mich. Ich habe zu vielen Situationen einen typischen Geruch abrufbar in meiner Erinnerung. Old Spice und Motorenöl, mein Vater. Tabak, Pomade und Zigarettentabak, mein Opa. Die Wohnung der einen Großeltern roch nach Bratensoße und Tosca und ich höre das verrauchte herzliche Lachen meines Großvaters, wenn ich diesen Geruch abrufe. Auch jetzt noch, nach so vielen Jahren. Meine Oma Else roch nach Gurkensalat und eingekochtem Birnenkompott. Nach Wolle, in Säcken gelagert, dazwischen getrocknete Orangenschalen. Hauptsächlich aber roch ihre Wohnung nach Äpfeln, die in Stiegen nachreiften. „James Grieve“ hieß die Apfelsorte. Glänzende dicke Schale, weiches helles Fruchtfleisch und ein unvergesslicher Duft. Der Kindergeruch meiner Söhne, warmer Apfelkuchen der Große, Grießbrei der Kleine. Der Geruch ihrer weichen Füße.

Ich frage mich, was für meine Kinder der „Geruch der Kindheit“ sein wird, wenn sie sich irgendwann zurückerinnern. Ob sie sich erinnern? Und wird das der Duft von Pink Lady sein oder Boss aus der Flasche, das der bärtige Boss aufträgt? Wird ihr Kindheitsgeruch der nach Erbsensuppe sein, die ich einmal wöchentlich für den Großsohn kochen soll oder vielleicht irgendwas aus einer Flasche, die ich im Bad stehen habe? Werden sie sich an warmen Kuchenduft erinnern, der eigentlich immer aus meiner Küche wabert oder an den Geruch ihrer bunten Kinderbettwäsche? Vielleicht daran, wie meine Halskuhle riecht, an der ihr Gesicht so oft lag, wenn ich sie tröstete, sie hielt, wenn sie Nähe brauchten?

Ich hoffe, sie werden es mir erzählen, irgendwann in zwanzig, dreißig Jahren. Und ich hoffe, ich habe so lange Zeit zu warten. Dass ich sie so lange begleiten darf. Und dass es noch sehr lange dauert, bis sie sich an einem verschneiten Wintertag an mich zurückerinnern und sagen: „Mit ihr war der Schnee ein bisschen weißer.“, wieder Tom Hanks, wieder „Schlaflos in Seattle“.

Und ich denke heute beim Äpfelschneiden an eine liebe Kollegin, jung, zwei kleine Kinder, die gerade um ihr Leben kämpft. Ich erinnere mich an den zarten Duft ihres Parfums, wenn sie mich umarmte, ihr Lächeln. Sie ist ein Mensch, der andere mit ihrem ganzen Wesen umarmen kann, mit ihren Händen, dem Blick und mit dem, was sie sagt. Während ich mit wehem Gefühl an sie denke, schlurft der neunzigjährige, unfreundliche Nachbar an meinem Küchenfenster vorbei zur Papiertonne. Ich weiß nicht, wie der alte Mann riecht und spontan kommt mir der Gedanke, dass das Leben nicht fair ist in seiner Verteilung. Aber für irgendjemanden ist bestimmt auch er voller Erinnerungen und Düfte. Erinnerungen an Schlittenfahrten vielleicht und den Geruch von warmem Kakao danach, an bärtige Gutenachtküsse und schwielige Händedrucke. Ich hoffe es.

(c) pixabay

 

Weil ich euch leider keinen Apfel anbieten kann, geb ich euch diesen Apfel zum Nachdenken mit:

„… Ein kleiner, im Herzen eines Apfels versteckter Kern ist ein unsichtbarer Obstgarten. Doch wenn dieser Kern auf felsigen Boden fällt, wird nichts daraus hervorgehen.“
Khalil Gibran

 

Ein Kaffee für Frau Nieselpriem

Hat Dir dieser Beitrag gefallen? Dann lade mich doch gern auf einen Kaffee ein als Dankeschön, mit oder ohne Torte! Vielen Dank. 🙂

€2,00

Es weihnachtet sehr

Es weihnachtet sehr

In den letzten vier Wochen war alles wie immer im Advent. Die Menschen rannten noch ein wenig schneller, mit gehetztem Blick, um noch mehr Zeug ranzuschaffen, zu kaufen, zu verschenken und verloren unterwegs oft die Nerven.

Diese verflixte Besinnlichkeit, nach der sich alle so sehr sehnen, all das Klingeling und Zimt-Vanille-Tannen-Duftpotpourrie, es scheint so nah und dennoch unerreichbar.

Überall klagen die Menschen um mich herum über „Vorweihnachtsstress“, als sei das eben etwas, was dazugehörig sei.

Wie kann man da ausbrechen? Vielleicht, wenn man den Mann zum Sushiessen einlädt, obwohl man selbst kein Sushi isst. Einfach nur, um ihm einen Freude zu machen im Advent, und seine Hand über das rohe Gemüse und den Fisch hinweg zu halten. Oder damit, dass der Mann beobachtet, wie waghalsige Kletterer einen Baum halbieren und denen die größte Mistelkrone abschwatzt, die ich je sah – für mich!

Zwischen all dem Streit und den Krankheiten und der endlosen noch-zu-besorgen-noch-zu-organisieren-Listen.

Ja, damit kann man versuchen, das Weihnachtsgefühl einzufangen.

Ganz sicher gelingt es, wenn man Freunde und Freundeskinder einlädt zu einer Weihnachtsfeier. 

Und diese dann Gänseschmalz, Plätzchen, Mandarinen und Weihnachtsäpfel auf den Tisch packen.

Und alle dann Weihnachtslieder singend und Laternen schwingend einen Spaziergang durch den dunklen Waldpark machen.

Und wenn dann sogar der Blasewitzer Weihnachtsgeist, der im Waldpark wohnt, vorbeikommt, und alle mit Wunderkerzen in der Hand „Stern über Bethlehem“ singen, dann ist Weihnachten. Ich hab es genau gespürt.

Marshmallows am Spieß, acht Liter Glühwein und dreißig Bratwürste vom Grill später war mir klar, das ist es! „Thats it“, wie Michael Jackson sagen würde.

Was noch? Ich hatte die Tochter meiner Freundin zu Besuch und wir haben Seifen gegossen. Diese habe ich in Tütchen verpackt und jeweils mit einem Salzteiganhänger, den der Blondino und ich gebastelt haben, in Mengen verschenkt. Und jedes Mal an diese beiden schönen Nachmittage gedacht, an denen die Dingen entstanden sind. Sehr hilfreich, um sich anzuweihnachten.

Alle Geschenke sind verpackt. Es ist deutlich weniger als in vergangenen Jahren und ich habe keine einzige Weihnachtskarte geschrieben, keine HOHOHO-eMail mit Familienbild vorm Baum versendet, und das fühlt sich gut an für mich. Vielleicht telefoniere ich eine Stunde am Heiligabend alle Verwandten ab und störe bei deren Festlichkeiten, weil ich mich dann doch schuldig fühle, und danach fühle ich mich dann noch blöde dazu und beschließe, im nächsten Jahr schreibe ich schon im November Weihnachtspost! Vielleicht. 

Wir waren Riesenrad fahren mit dem Kleinsten, und obwohl ich Menschenmassen extrem unangenehm finde und daher Weihnachtsmärkte keine Wohlfühlzonen für mich sind, war das schön. Gut, auch voll und kalt, aber schön. Doch, wirklich. Vielleicht mache ich das jetzt öfter.

Ich habe mit dem Kleinsten zusammen insgesamt sechs Kilo Plätzchen gebacken und drei Kilo Stollen. Ich habe heute noch Eierpunsch gemacht und an Heiligabend gibt es Kartoffelsalat mit dreierlei Würsten, Buletten (die man in Dresden „Bäffis“ nennt), selbst gebackenes Brot und eine Käseplatte.

Wir werden Gans essen an der Frauenkirche und Reste vertilgen mit Familienangehörigen. Wir werden drei Tage lang Besuch haben und ich freue mich wie verrückt darauf. Wenn es nach mir gänge, könnten es an jedem Tag noch mehr liebe Menschen sein, die sich hier rumdrücken. Es ist soweit: Ich habe innerlich Weihnachten!

Ich laufe über den hektischen Schillerplatz und wünsche jedem, der zufällig meinen Blick auffängt, fröhlich: „Fröhliche Weihnachten!“, und vielleicht wird schon in Blasewitz vor mir gewarnt.

Mir ist das ernst. Ich will fröhliche Weihnachten. Ich will Besinnlichkeit, Liebe all around und dass die blöde Bronchitis weggeht und die Magenschmerzen und die Schlaflosigkeit in meiner Familie. Und dass mein Großkind den Schulstress abstreifen kann und gern bei uns ist. Nicht nur zum Handy aufladen und zum Sandwich to go schmieren in der Küche auftaucht.

Dass wir es schön haben am Heiligabend. Dass das Essen reichen wird (natürlich wird es das) und alle Gäste mögen, dass ich diesmal Gedichte und Geschichten ausgedruckt habe und es vor jedem neuen Becher Eierpunsch einen Kulturbeitrag geben muss. Dass wir einen Platz in der Kirche bekommen beim Krippenspiel. Und dass jeder Mensch in meiner Nähe dieses Weihnachten ein wenig länger als bis Neujahr in sich trägt.

Ich wünsche mir, dass sich verschiedene Verschwurbelungen, die mir und denen, die ich liebe, das Leben ein wenig mühsam machen, auflösen im nächsten Jahr. Und Geduld bis dahin.

Ich wünsche euch allen von Herzen ein schönes Weihnachtsfest, ganz gleich, wie und mit wem ihr es verbringt, und dass sich eure Erwartungen erfüllen mögen. Ich wünsche euch Gesundheit und inneren Frieden. Ich wünsche uns, dass wir uns im nächsten Jahr hier wieder lesen und ich danke euch für fünf Jahre Nieselpriem. Ich danke euch für jede eMail, jeden Kommentar bei Facebook, jedes Herz bei Instagram und jedes „Ey, hallo! Bist du nicht die Nieselpriem?!“, auf der Straße. Ihr macht mir damit übers Jahr so viel Freude, das sind auch Geschenke. Ich freu mich wirklich immer darüber, danke schön!

Jetzt ist Weihnachten!

Und weil irgendwer bei Facebook ja immer fragt, “ Ob Chris Rea schon losgefahren sei?!“, ja, isser. Und mit diesem Oberschnulz schicke ich euch jetzt in die Weihnachtsferien.

Habts schön und schüssn bis nächstes Jahr, eure Rike. ❤

 

Das Stollenexperiment

Zweiter Advent, irgendwann vorm Morgengrauen, ist nach meiner bescheidenen Erfahrung die beste Zeit, um einen Mandelstollen zu backen. Denn, höret und staunet, ich habe es hinbekommen! Ohne Rosinen, ohne Rum und gänzlich ohne Ahnung.

Während ich aus diversen Rezepten eine eigene Rezeptur kreiere und später die Zutaten zusammensammle, erbläut der Himmel über unserem Garten und der Blondino, der hier der wochenendliche Küchenprojektleiter ist, weil „Ich bin hier der Backschäff!“, besteigt in der Küche seinen Tritthocker von Ikea und es geht los.

Früher wurde Stollen ja in Kinderbadewannen zusammengerührt und dann auf dem Handwagen zur Bäckerei gefahren zum Backen. Auf riesigen Backblechen wurden die Stollen der einzelnen Familien draufgepappt und durchgebacken. Ich weiß das von meiner Oma.

Nun habe ich zwar eine Kinderbadewanne, dachte aber, für den Prototypen backen wir erst mal einen (!) Stollen und gucken, wie das so anläuft. Pass auf, jetzt gehts los.

Aus

250 ml handwarmer Milch

1 Würfel Hefe

300 g Mehl

80 g Zucker

1 Prise Salz

einen Vorteig rühren und eine Stunde ruhen lassen. Danach

350 g Butter

1 Fläschchen Bittermandelaroma

noch mehr Mehl, nämlich 400 g

200 g gehackte Mandeln (das sind zwei Tüten)

1 Päckchen Zitronat

1 Päckchen geriebene Zitronenschale

1 Päckchen Stollengewürz (gibts schon fertig als Mischung zu kaufen) und

etwas Vanille

einkneten. Das alles kräftig durchkneten in der größten Schüssel die ihr habt und wieder eine Stunde ruhen lassen. Danach den Teigklops rausholen, eine längliche Rolle formen und aufs Backblech hieven. Ich habe eine dicke Wurst aus Alufolie drumrumgelegt, damit der beim Backen die Form nicht verliert. Dann mittig circa zwei Zentimeter tief einschneiden. Das sieht seltsam aus, ergibt aber am Ende dann die typische Stollenform.

Nachdem der Stollen eine Stunde bei 175°C Umluft gebacken wurde, sieht er so aus.

Dann hat das Kind den Stollen gebuttert und gezuckert. Dafür ein reichlich halbes Stück Butter schmelzen und mit einem Backpinsel drauf verstreichen. Ich habe vorher den Stollen ordentlich angepiekst von allen Seiten und der Schlitz oben nimmt auch reichlich Butter auf.

Danach dann ganz fett mit Puderzucker einstäuben. Meine Oma machte diese Prozedur mindestens zweimal. Eine Woche nach dem Backen die  Zuckerschicht runterkratzen, noch mal buttern und neu zuckern. Eventuell nach einer weiteren Woche wiederholen! Zwischendurch hing der Stollen in Tücher gewickelt in einem Dederonbeutel draußen vorm Fenster, weil die Oma keinen Balkon hatte.

Vielleicht ist das auch der Grund, warum es am Heiligabend in Dresden traditionellerweise „nur“ Kartoffelsalat mit Wienern gibt – nach zwei Stück Stollen kriegt keiner mehr was rein!

Ich habe im Anschluss an das Buttern und Zuckern den Stollen in Alufolie und mehrere Geschirrtücher gewickelt in einem Gänsebräter im Keller verstaut zum „Durchziehen“. Der erste Geschmackstest am Dienstag ergab schon: Erstaunlich lecker! Schmeckt tatsächlich wie Stollen!

(Keiner ist überraschter als ich)

Die Stollenbäckerei ist ja besonders in Dresden und Umland eine verdammte Wissenschaft und die Rezeptur ein übelstes Exklusivgeheimnis! Die Stollenbäcker backen bereits im Spätsommer, damit die Stollen noch bis Weihnachten ordentlich durchgezogen sind. Dann kann man sich in der Adventszeit sein Gehalt in Stollen auszahlen lassen. Ich habe in dieser Woche zwei Dreipfünder Stollen für die Kollegen gekauft und dafür sechsundvierzig Euro hingelegt. Autschi.

Da kommt ihr ab jetzt mit meinem Stollenrezept deutlich günstiger! Als Dresdnerin esse ich im übrigen die im Supermarkt günstig und in einer Industriebäckerei hergestellten Stollen nicht. Dann esse ich lieber Buttersemmeln an Heiligabend. Außerdem ist eigentlich überall Rum drin und das mag ich sowieso nicht.

Kaufen muss ich in jedem Fall noch mindestens einen Mohnstriezel, denn Hefeteig mit Mohn und mit Streuseln und mit Nüssen und mit Puderzucker, da macht die Frau Nieselpriem beim Essen Geräusche wie bei einer Schmutzfilmvertonung! 🙂

 

Eine frohe Adventszeit uns allen. ❤

 

Ein Kaffee für Frau Nieselpriem

Hat Dir dieser Beitrag gefallen? Dann lade mich doch gern auf einen Kaffee ein als Dankeschön, mit oder ohne Torte! Vielen Dank. 🙂

€2,00

Schlaflos 2.0

Ich habe vor vielen Jahren einen Text gehört (ich meine, das war Ingo Appelt, aber Google lässt mich diesbezüglich im Stich), da konstatierte jemand- Ingo? – die Frage sei ja nicht, Kinder ja oder nein, sondern ob du ausschlafen willst oder eben nicht. Denn erst könntest du nicht ausschlafen, weil die Kinder alle furzelang irgendwas bräuchten in der Nacht. Futter, Trost, man kennt es ja. Dann könntest du nicht ausschlafen, weil du mitten in der Nacht die Handaufzuchten in irgendwelche Institutionen fahren müsstest, oder wieder abholen. Nach dieser Phase könntest du auch nicht mehr schlafen, weil du panisch wartest, dass die Kinder nachts heil nach Hause kommen und danach dann kannst du auch nicht schlafen, weil morgens der Zivi kommt um dich zu waschen…

Gut, das ist wohl wirklich ne Weile her, an dem „Zivi“ merke ich es selber.

Wie ich jetzt darauf komme? Ach, nur so.

Protokoll einer schlaflosen Nacht

22:30 Uhr – Ich schaffe meinen geriatrischen Körper in Richtung Schlafstätte, der Mann hält Wache über die reduzierte Herde, der Bubi weilt nämlich noch bei seiner Freundin am anderen Ende der Stadt. Wird aber regulär um 23:00 Uhr erwartet.

23:15 Uhr – mein Handy piept, der Mann teilt mir aus dem anderen Zimmer mit, dass die Ankunft des Sohnes sich noch verzögern wird. Ich rufe den Sohn auf seinem Handy an und schnauze in das kleine Kommunikationsgerät, dass er seinen knochigen Hintern nach Hause zu schaffen habe, denn den Tag darauf sei Schule und Klassenarbeit und überhaupt! Dann lege ich auf und bin wütend. Und wach.

1:15 Uhr – Der Mann kommt wutschnaubend ins trauliche Schlafgemach, teilt mir mit, der verlotterte Sohn sei noch immer nicht zu Hause, er aber bräuchte jetzt seinen Schlaf! Mit diesen Worten schmeißt er sich auf seine Seite der Bumshöhle und schnarcht sogleich drauflos. Ich bin jetzt noch wacher.

1:30 Uhr – Ich sitze nun im Wohnzimmer mit Blick auf die Haustüre und warte. Schreibe SMS, WhatsApp-Nachrichten an den verlustig gegangenen Sohn. Inhalt: „Wo bist du? Wann bist du da?“. Keine Rückmeldung. Ich rufe an. „Anruf fehlgeschlagen“, meldet mein Telefon.

2:30 Uhr – Ich tippe weitere Textnachrichten. Inhalt: „Drückst du mich etwa weg? Wieso kann ich dich nicht anrufen?! Was ist los bei dir? Melde dich!“. Ich nehme mein Diensthandy aus der Tasche und versuche ihn damit anzurufen. Okay, es klingelt wenigstens. Nein, er geht nicht ran. Verdammt! Oh Gott, der wurde bestimmt überfallen und liegt verkloppt im Gebüsch neben dem Albertplatz… soll ich ins Auto steigen und den suchen?!

3:00 Uhr – Ich stehe im Bademantel auf der Terrasse und rauche. Ich habe vor vierzehn Monaten aufgehört mit Rauchen.

3:15 Uhr – Ich denke an meine Mutter. Sehe sie im altmodischen Morgenmantel am Schlafzimmerfenster hocken und auf mich warten. Damals, als ich jedes Wochenende auf den Dörfern rund um Dresden zur Disco war und niemals nie die letzte Bahn kriegte und stets und jedes Wochenende wieder mit einem Dutzend anderer Dresdner Jugendlichen bis zu zwanzig Kilometer zu Fuß ging. Von Medingen, Großdittmannsdorf und Lockwitz aus nach Dresden, das dauerte. Und Handies waren noch nicht erfunden. Meine Mutter konnte nie schlafen, bis ich daheim war und hockte übermüdet jede verdammte Disconacht am Schlafzimmerfenster, während mein Vater schnarchte. Bis sie mich den kleinen Weg von der Gartenheimsiedlung anschlurfen sah… ach Mutsch, es tut mir so leid. Ich büße, glaube es mir!

3:45 Uhr – Ich überlege, ob es möglich ist, dass er noch bei seiner Freundin ist. Hm. Zumindest erscheint es mir logisch, dort mal anzurufen, bei den Eltern. Die Nummer fummle ich mit kriminalistischem Spürsinn aus irgendwelchen Kontaktlisten, die der Klassenlehrer vor Jahren mal versendet hat. Es nimmt keiner ab! Wieso gehen die nicht an das Scheißtelefon!

4:00 Uhr – Ich texte von zwei Handies aus. Inhalt: „Wenn du dich nicht sofort bei mir meldest, rufe ich die Polizei und lasse dich suchen!“. Drei Minuten später: „ICH RUFE JETZT DIE POLIZEI UND LASSE DICH SUCHEN!“.

4:15 Uhr – Ich renne kopflos durchs Haus um zu überlegen, was ich wie der Polizei mitteilen werde, wenn ich dort gleich anrufe. Da ich am besten nachdenken kann, wenn ich bügele, gehe ich in den Keller in Richtung Waschhaus und… nanu. Dort stehen die Turnschuhe des Sohnes, gleich neben seiner Jacke, die auf dem Fußboden rumlümmelt.

4: 18 Uhr – Ich reiße die Zimmertür des Vermissten auf und wecke ihn mit den fröhlichen Worten: „SAGEMALSPINNSTDUVÖLLIGWOWARSTDUWOBISTDUWASMACHSTDUIMBETTICHWARTESEITSTUNDENAUFDICH!“, um zu erfahren, das Jüngelchen wollte der Standpauke des Bärtigen entgehen und ist zur Kellertüre reingeschlichen, so gegen halb eins. Und ja, es gehe ihm gut. Ob er jetzt wohl schlafen dürfe, morgen sei Schule und Klassenarbeit und überhaupt! Sein Handy mit vierzehn Anrufen in Abwesenheit liegt derweil lautlos geschaltet auf seinem Schreibtisch.

4: 30 Uhr – Ich lege mich in mein kaltes Bett, erschöpft und müde.

4: 45 Uhr – Ich schnappe mir Kopfkissen und Decke und verziehe mich auf die Couch im Büro, weil der Mann schnarcht, dass in mir die Ohropax vibrieren.

5:30 Uhr – Das Kleinkind weckt mich mit den Worten: „Mama, aufstehen! Ich bin schon wach! War der Likonaus da?“.

 

 

 

 

Nerdlove forever

Der Bärtige und ich sind Serienjunkies. Und manchmal kommt es vor, dass wir uns gelegentlich mit unseren Serienhelden identifizieren. Also eigentlich identifiziere ich den Mann. Und zwar in Homer Simpson, Bernd Stromberg und Lennart Hofstetter. Genaugenommen ist es jedoch andersherum: Er ist Lennart mit Homer-Einschlag und gelegentlich auftretender Stromberg-Attitüde.

(c) giphy

Ich bin einfach nur Penny. Also zumindest teilen die Serien-Penny und ich Haarfarbe, Geschlecht, desolaten Kontostand, Affinität zu weinhaltigen Getränken und den zweifelhaften Männergeschmack, bevor die Nerds in unser Leben traten.

(c) giphy

Ehrlicherweise muss ich sagen, es gab vor zwanzig Jahren ja noch kein Internet für jedermensch und auch die Auswahl an Konsolenspielen war begrenzt. Und sogar den Nerd-Begriff hatte noch niemand erfunden. Es war zugegebenermaßen schwierig, einen Nerd zu identifizieren.

Ich lernte damals einfach einen jungen Kerl kennen, der irgendwann Informatik studieren wollte, sich für künstliche Intelligenz und Astronomie interessierte, der Stephen Hawking nicht nur las, sondern auch verstand und auch sonst irgendwie seltsam war. Und süß.

Ich kannte nur Stephen King.

Dass wir zwei uns trotzdem paarten ist einem missverständlichen Verhalten meinerseits geschuldet. Ich sagte an einem folgenschweren Abend zu dem stillen jungen Mann: „Du fährst mich heute nach Hause!“, was tatsächlich wie ein Befehl klang und die ersten Worte waren, die ich überhaupt an den jungen Mann richtete. Und es hat geklappt. In der folgenden Zukunft löste diese erste Aktion eine Reihe weiterer Aktionen aus (Anrufe mit Anträgen zu Essengehen/ Spaziergängen), Blumenpräsente, die schlussendlich dazu führten, dass ich hier sitze und der Mann auch noch irgendwo in der Nähe ist.  Rückblickend kann ich den Erfolg einfacher Befehle im Umfeld von technikaffinen Menschen als empfehlenswert weitergeben.

Heute, zwanzig Jahre später, bin ich von Nerds umzingelt. Der zukünftige Herr Nieselpriem studierte selbstverständlich Informatik, scharte darauf hin weitere Informatiker und einen theoretischen Physiker als „best buddies“ um sich und auch beruflich bin ich umgeben von (Aufpassen, Rike!) netten, blitzgescheiten Menschen, auf die im weitesten Sinne die Nerd-Beschreibung zutrifft. Sie sind überall! Es gibt kein Entrinnen. Und die nächste Generation züchten der Kerl und ich gerade heran. Unser Asperger-Sohn ähnelt in vielem Sheldon Cooper und der Kleine, nun ja, wir bleiben gespannt. Und ich, ich bin immer noch Penny…

(c) giphy

Spielen wir Skat, überreizen die Männer nicht, sie sind „OP“ (overpowered). Und wenn ich zufällig den Bärtigen und unseren Bubi im Gespräch belausche, höre ich Worte, einer Fremdsprache entsprungen. Sie texten sich in Gamer-Slang zu und informieren sich gegenseitig über neue Versionen von „Blabla“ und neue Features von „vollkommen uninteressant“ und wehe, ich renne versehentlich mit dem Wäschekorb am acht Quadratmeter großen Bildschirm vorbei, während die beiden irgendeinen Zombi totschießen mit ihren Controllern!

Neulich fiepte abends das Empfangsgerät des Mannes und kündigte den Eingang einer eMail an. Mein unauffälliger Blick identifizierte als Absender eine „Ivi, Empfang“ und mit innerlich erhöhtem Blutdruck und äußerlich völlig entspanntem Äußeren und überhaupt nicht hysterisch erhöhter Stimmlage fragte ich, was zum Henker mit der Ivi vom Empfang läuft!

Daraufhin guckte mich mein Heimnerd mit dem typischen Lennart-Blick an und wunderte sich gleichermaßen irritiert, warum ich ganz offensichtlich wütend werde, wenn der Empfang des „Instituts für Verkehr und Infrastruktursysteme“ (kurz Ivi) irgendeine langweilige Nachricht schickt. Er guckte im übrigen immer noch so irritiert, während ich vor Lachen von der Couch kugelte, weil er einfach nicht begriffen hat, dass ich wohl offensichtlich eifersüchtig war!

Das ist das schwierige. Mitunter. Das Zwischenmenschliche.

Während ich manchmal denke, der Mann ist nur mit mir zusammen, weil er ein komplexes Sozialexperiment durchführt und sich seit Jahren einredet: „Gottverdaulicher, irgendwo muss doch hier bei dieser Frau eine Logik in Denken und Handeln zu finden sein!“, verzweifle ich daran, dass der Kerl mir stundenlang Vorträge über die Geschichte der Entwicklung von MP3, MP4, alles zum Galileo-System inklusive der politischen Hintergründe und Vorträge zur multphysikalischen Verifikation von irgendwas halten kann, aber sich nicht merkt, wie man einen Topf Reis kocht! Oder Wäsche!

Und der Nerd hier verzweifelt an dem Chaos, das ich meine „Ordnung“ nenne. Und ist im nächsten Augenblick wieder fasziniert vom Chaos (schon klar).

Trotz allem Unwirsch muss ich sagen: Mädels, lasst die Nerds ran! Ich sage nicht, dass es einfach wird, aber es wird sich lohnen! Ihr solltet diesbezüglich wirklich euer Beuteschema überdenken. Vor tausend Jahren war es sicher richtig, sich einen breitschultrigen Hünen zur Begattung zu suchen, der Säbelzahntiger mit den bloßen Händen erwürgen konnte und den Fortbestand der Herde damit sicherte. Heute aber muss man(n) in der Lage sein, einen Thermomix zu programmieren und da kommt man(n) mit den breiten Schultern und den Pranken nicht weit. Da sind Fingerspitzengefühl und technisches Verständnis eher wichtig für den Fortbestand der Menschheit.

Müsste ich mir heute einen Nerd aufreißen, würde ich als erstes die Enterprise aus Lego als Facebook-Profilfoto hochladen und mich bei Hackergruppen mit dubiosem Namen anmelden. Ich würde auf dem Uni-Campus rumlungern und in der Mensa bei der Nudeltheke. Dort gibt es eventuell einen all-you-can-eat-Stand. Wenn dann dort ein Typ aufkreuzt, der pedantisch einen akkuraten Nudelberg auf seinen Teller türmt und von jeder Seite exakt gleich viel von den vier angebotenen Nudelsoßen gießt, dann bist du mit Sicherheit ganz nah dran am Nerd!

Gut, in der Anbahnungsphase kann es mitunter zu Verständnisprpoblemen kommen, aber das gibt sich. Wenn du zum Beispiel zu einem schlicht gestrickten Kerl (sagen wir mal, ein Bauarbeiter) sagst, er solle dich von hinten an den Haaren packen und dich in den Nacken beißen, versteht der: Alles klar, ich hol den Schwengel raus und dann dengel ich drauf los!, während der Nerd dich eventuell irritiert fragt, warum er dich denn an den Haaren ziehen oder beißen sollte! Da ist es hilfreich, erst ein Bild von der Serengeti und den Löwen heraufzubeschwören und dann erst…  (Ich wünschte wirklich, ich hätte mir das ausgedacht)

(c) giph

Trotz allem gibt es einen unschlagbaren Vorteil von Nerds als Liebhabern. Möglicherweise verfügen sie über deutlich weniger Praxiserfahrung als andere Geschlechtsgenossen, allerdings kann davon ausgegangen werden, dass sie bereits jedes wissenschaftliche Buch und jedes Schaubild, das es zum Thema „Sexualität der Frau“ gibt gründlich studiert haben und wissbegierig und sind, das erlernte Wissen in einen Praxistest  zu überführen. Und sollte jemals jemand die großen Mythen der weiblichen Lust, wie zum Beispiel dieser ominöse G-eheim-punkt oder weibliche Ejakulation oder was auch immer da so im Raum schwebt, aufklären, ich schwöre, das wird ein Nerd sein!

Denn sie sind es gewöhnt, Rückschläge einzustecken, in der wissenschaftlichen Forschung, beim Zocken. Und spielen einfach das gleiche Level immer wieder. Und wieder. Und wieder…

Wie sagte einst Amy aus der Serie „The big bang Theory“ über Sheldon? „Sein Hang zu Wiederholungen wird mir irgendwann zum Vorteil gereichen.“. Dem ist an der Stelle nichts hinzuzufügen.

Und wenn wir sehr viel Glück haben, gibts dann bald ein Handbuch, als PDF downloadbar im Internet, wo genau drinsteht, wie das alles funktioniert. Erst zwei Meter geradeaus, dann scharf rechts abbiegen, links hoch…

Genau, Penny: OH MY GOD!

 

 

 

(c) giphy

 

Ein Kaffee für Frau Nieselpriem

Hat Dir dieser Beitrag gefallen? Dann lade mich doch gern auf einen Kaffee ein als Dankeschön, mit oder ohne Torte! Vielen Dank. 🙂

€2,00

 

 

Spielen mit Kindern

Ich war immer ein zartes Mädchen, das sich nicht schmutzig machen wollte, Röcke liebte und Verkleiden, mit Puppen spielte, bastelte, nicht pullern konnte, wenn jemand zusah und später niemals auf die Idee gekommen wäre, freiwillig irgendwohin zu reisen, wo man sich nicht mit fließendem Wasser und Seife hätte reinigen können. In meiner Prägungsphase hörte ich Slogans wie: „FRIEDEN! SCHAFFEN! OHNE! WAFFEN!“, oder: „MAKE! LOVE! NOT! WAR!“. Ich schleppte jedes angeditschte oder verwundete Tier, das ich fand, nach Hause um es zukünftig zu bemuttern. Zusammenfassend kann man über mich sagen: Sie ist reinlich und pazifistisch (Und noch ein wenig mehr, was aber für den Kontext dieser Geschichte keine Geige spielt).

Der Bärtige war anders. Der verbrachte seine Kindheit in der Arbeitsgemeinschaft „Wandern und Touristik“, hockte jedes Wochenende im Wald oder im Dreck und lernte, Feuer zu machen mit zwei Tannzapfen und wie man einen lebenden Bären ausweidet (das allerdings ist zugegebenermaßen meiner Fantasie entsprungen). Faktisch überliefert ist allerdings, dass er als angehender Wissenschaftler bereits im Kindesalter Experimente mit lebenden (zumindest am Anfang) Fröschen und Mäusen in der mütterlichen Küche durchführte und dazu völlig selbstverständlich auch die mütterlichen Tupperschüsseln, den Gefrierschrank und die Mikrowelle verwendete. Weiterhin ist belegt, dass er – angetan von dem Film „Fightclub“ – später zumindest kurz eine Karriere als Kneipenschläger in Erwägung zog.

Wir paarten uns, getreu dem Motto: „Gegensätze ziehn sich an“, und zwei Kindlein wurden uns geboren.

Rückblende. Wir schreiben das Jahr 2005 und das Erstlingswerk ist fünf Jahre alt. In seinem Spielzimmer befinden sich handgenähte Puppen mit Zubehör, Autos, Bauklötze, ein Strickliesel, Stifte und Bälle. Ich versuche ihn auch erfolglos an das von mir so favorisierte Konzept „Puppenhaus“ heranzuführen. Trotz all der behüteten Atmosphäre sammelt das Kind bei jedem Ausflug in die Natur Stöcke und Steine und fängt sofort an, damit zu schießen („PENG! PENG!“) oder imaginäre Endgegner zu lynchen.

Wenn wir dann heimgingen, verlangte ich stets, dass alle Stöcke, Steine und so weiter vor der Haustür abgelegt werden müssten, denn ich „Wöllte keine Waffen in meinem Haus!“. Selbstverständlich war ich der felsenfesten Überzeugung, dass ebenso jegliche Arten von Ballerspielen mit gewaltverherrlichendem Inhalt von meinem friedfertigen und liebevollem und jedem Wesen auf der Erde in Achtung zugewandtem Sein (und vor allem meinen Kindern) fernzuhalten sind.

Zeitsprung. Wir schreiben das Jahr 2018 und der Zweitgeborene ist fünf Jahre alt. Gestern dann hier so:

„Mama, spielst du mit mir mit meiner Pirateninsel?“. „Klar. Gerne!“. „Ich bin dieser Räuber hier und du kannst den Mann haben.“. „Okay, ich komme mit meinem Boot hier an… „. „… Und dann komme ich und schieße dich! Peng, peng!“. „Äh, warum? Okay, dann spiele ich jetzt eben mit diesem Männel…“. „Ich bin der Schießpistolenmann und du wirst jetzt geschossen!“. „Wieso werde ich denn immer erschossen? Das ist doch kein lustiges Spiel!“. „Weil das so ist, Mama. Und jetzt stellst du dich hier hin und ich knall mit der Kanone auf dich!“. „Gut, dann bin ich hier der gefährliche feuerspeiende Drache und du darfst mich abknallen, weil du die Insel beschützen musst vor mir. Aber nur ein mal! Aua! Du tust mir weh!“.

„PENNG! PENG! PENG!“, „So, jetzt möchte ich das nicht mehr spielen. Das macht mir keinen Spaß! Ich bin jetzt hier dieser Mann und ich grille jetzt ein Pferd hier und decke den Tisch für uns und dann können wir essen und laden noch alle anderen Playmobil-Figuren ein…“, „Und dann kommt der Pistolenschiessmann und du wirst geschossen! Peng! Peng!“.

Wir haben dann den Rest des Nachmittags mit der Nerf seines Bruders rumgeballert (ich durfte die Munition einsammeln), während die anderen Kinder – pardon – der Mann und der Großsohn an den Waffen saßen und Fall out und Borderlands spielten…

 

Epilog:

Deshalb sieht man auf Instagram von mir dauernd Fotos aus der Küche. Ich verstecke mich beim Kochen und Backen, wenn die Alternative „Spielen mit den Kindern“ bedeutet. Und ich würde mich sehr freuen, wenn ich mal zum Puppenhausspielen oder Puppenküche bespielen irgendwo anders eingeladen würde. Ich bringe auch gern aus Knete selbst gebackenes Obst mit. Und nein, ich weiß auch nicht, was ich hier falsch gemacht habe… Und nur fürs Protokoll: Zum Heer geht keiner von meinen Zöglingen! Notfalls lege ich mich nacksch als Kanonenfutter auf´s Feld.

Peace!

Kurzmitteilung

Kurzmitteilung

Heute morgen im Marsch-Marsch-wir-haben-keine-Zeit-zieh-dir-doch-endlich-die-Schuhe-an-Flow, stand das Blondchen plötzlich mit einem Weißbrot im Flur und verkündete: „Mama, ich kann nicht ohne das Brot gehen! Ich BRAUCHE dieses Brot!“. Dabei hielt er den Laib wie eine Babypuppe beschützend in den kurzen Ärmchen.

Mir gingen kurz die Anweisungen im Kopf rum, die der erziehungsverpflichtete Mann gern zum Besten gibt (Man isst nicht im Auto/ Essen ist kein Spielzeug etc.). Dann stellte ich fest, ein „man“ oder Mann war gar nicht in der Nähe und so zogen wir drei los: Das holde Kind mit Brot im Arm und ich.

Während der Autofahrt sah ich, dass das Kleinste die ganze Zeit das Weißbrot streichelte und ihm Dinge erzählte, manchmal knusperte er auch daran herum (Oh Gott, die Krümel! Wenn das der Kerl sieht!). Und er berichtete: „Weißt du, Mama, das fasst sich so schön an, das Brot. Und riecht auch köstlich! Ich nehme das Brot jetzt überall mit hin!“.

Später fand ich die Reste des Brotes auf dem Kindersitz, als ich die mütterliche Arbeitsstätte ansteuerte und kurz überlegte ich, das Brot einfach mitzunehmen. Dann hätte ich durch die Büros gehen können und fragen: „Willste mal anfassen? Oder dran riechen?“. Ich finde, jedermensch sollte Zugang zu einem Streichelbrot haben.

(Zählt die Stunden, bis sie wieder das Gesicht in den Haaren des Kindes vergraben kann. Ansonsten weitestgehend stabil.)

 

 

 

Wutprobe reloaded

Um es vorwegzunehmen: Jack Nicholson bin in diesem Szenario nicht ich – obwohl es Menschen in meinem Umfeld gibt, denen diese Besetzung durchaus logisch erscheinen mag, weil ich, sagen wir mal, „emotional maximal flexibel“ aufgestellt bin – nein, es geht um das Kleinste.

Aber zuerst muss ich ausholen (der geneigte Leser weiß es bereits, ich kann einfach nicht anders).

Der Blondino ist jetzt fünf Jahre und sechs Wochen alt und am liebsten möchte ich noch die Tage ausrechnen und hinter jeden ein rotes Herzchen setzen, ich bin immer noch total verknallt. Hach, dieses Kind ist der süßeste Schatz auf der ganzen Welt. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie süß der ist.

Wenn er mich morgens mit „Mamaaaamamaaamamaaaa!“-Rufen weckt und ich schlaftaumelnd in das dunkler Kinderzimmer tappe, umfängt mich sein unvergleichlicher Kinderduft (ein Duft-Konglomerat aus Milchreis und verschwitztem Kinderkopf) und ich mich im Dunkeln zu ihm in seine Astronautenbettwäsche kuschle, dann entfleucht ein glücklicher Seufzer meinem müden Muttikörper.

Das ist vielleicht der schönste Moment am Tag überhaupt. Dieser Geruch, dieser kleine Körper, dieses Händchenhalten im Dunkeln, Herz an Herz. Mit mir werden im Morgengrauen Geheimnisse ausgetauscht. Von Wespen hat er geträumt, aber er habe sich unter der Decke versteckt und gar keine Angst gehabt! Und weißt du, Mama, dich habe ich am allerliebsten. Und zum Geburtstag wünsche er sich einen Rasenmäherkrantraktor, der fliegen kann, aber in echt jetzt! Und wie oft noch schlafen bis Weihnachten? Und bis Mickylaus?

Gegen überhaupt gar nichts auf der Welt würde ich diese Minuten eintauschen!

Und dann gibt es Minuten, die würde ich sofort tauschen.

Das Kind zündet nämlich innerhalb von Sekunden. Soeben noch klein und süß und knopfäugig, knallt dem während eines winzigen ahnungslosen Augenblicks die Sicherung durch und das Jekyll-Hide-Baby mutiert zum brüllenden Gremlin! Inklusive Tourrette, Beißen, Spucken, in der Gegend rumfetzen, Zeug rumschmeißen, Zerstörungswut.

Auslöser sind so dramatische Situationen wie: Ich habe Butter auf seinen Toast geschmiert („ICH HASSE BUTTER! DAS IST SOOOO EKLIG JETZT!“). Ich habe Reibekäse auf seine Nudeln gestreuselt („ICH HASSE REIBEKÄSE!“). Ich habe keinen Reibekäse im Hause („ABER ICH WILL REIBEKÄSE! ICH LIIIIEBE REIBEKÄSE!“). Ich habe das Auto geöffnet („ICH MACH IMMER DAS AUTO AUF!“). Die falschen Schuhe, falschen Socken, ich finde den bestimmten Film nicht in der Playlist („ICH WILL ABER DAS MIT DEN LUSTIGEN AUTOS GUCKEN VON TOM UND SCHERRI! NEIN, NICHT DAS! DU MACHST ALLES FALSCH!“).

Ich mache nämlich alles falsch. Ehrlich gesagt, denke ich, im Moment kann ich gar nichts richtig machen und wäre er nicht fünf, sondern fünfunddreißig, würde ich ihm sagen, er solle mal klar kommen gefälligst! Und dass ja wohl offensichtlich sei, dass nicht ich das Problem bin, sondern er. Aber das kommt ja nun mal nicht infrage. Leider.

Praxisbeispiel gefällig?

Am vergangenen Freitagnachmittag gehe ich mit dem zum Drogeriemarkt. Nachmittags. Nach einem Kindergartentag voller Trubel und während außer uns noch fünfzig andere Menschen in diesem Markt sind. Ich müsste es mittlerweile besser wissen, aber offensichtlich habe ich die Lernkurve eines Einzellers und das Nachfolgende einfach verdient. Während ich das Kind noch während des Einkaufsprozesses relativ erfolgreich durch die Gänge navigiere, grätscht er mir aus, als ich den Kassenbereich ansteuere. Er wöllte jetzt aber Wasser trinken gehen! Er hätte ganz schlimm Durst! Jetzt! Ich sage ihm, gut, er solle zum Wasserspender gehen, ich würde mich anstellen einstweilen und er möge doch dann bitte zu mir zur Kasse kommen (ganz ganz schlimmer Anfängerfehler, als würde ich dieses Kind nicht kennen). Denn: Das Kind kommt nicht. Ich bin mittlerweile dran mit Bezahlen und falle unangenehm auf, weil ich schon mehrmals den Namen des Kindes durch den Markt gerufen habe. Er kommt nicht, ich sehe nur ein Stück seiner Jacke und entweder ist er spontan ertaubt oder vollkommen unbeeindruckt von meinen Rufen. Er kommt nämlich immer noch nicht. Natürlich!

Ich stehe jetzt dämlich mit unserem Klopapier und Waschmittel am Eingang rum. Alleine.

Ich sage der Kassiererin, ich müsste jetzt leider noch mal rein, ob ich die Einkäufe bitte hier…?!

Und da steht das holde Kind am Wasserspender und spielt Klavier. Ihr kennt diese Wasserspender? Zwei Tasten? Er also steht in einer Riesenpfütze, weil der Überlauf schon längst übergelaufen ist, und tippt rhythmisch die weiße und blaue Taste an. Weiß-blau-weiß-blau-weiß-blau. Ohne einen Pappbecher drunter zu halten. Weiß-blau-weiß-blau-weiß-blau. Der Wasserpender ist fast alle.

Erschrocken rufe ich: „Stopp! Hör sofort auf damit!“, und weiter kurze, unmissverständliche Sätze, hebe ihn von dem Wasserspender weg um die Pfütze irgendwie aufzuwischen, da schmeißt er sich längs mit Gebrüll. Ich sei voll gemein, eine plöte Scheißmama, das alles hier sei eine plöte Scheiße und die Leute sind alle Scheißleute und viele Tierlaute zur ausdrücklichen Untermalung. Er hört auch nicht auf, als ich ihn aufhebe und die achtzehn strampelnden Kilos zum Ausgang wuchte. Er versucht mich zu boxen, beißen, spuckt und brüllt. Er gibt was er kann!

Ich habe einen Tunnelblick und klemme mir irgendwie noch die Einkäufe unter den anderen Arm und fliehe. Keine Ahnung, wie ich das Auto aufgemacht habe, denn loslassen kann ich das Gremlin-Kind nicht. Wenn der so einen Film schiebt, geht der flitzen! Das kenne ich schon. Der rennt einfach weg. Also richtig weg.

Als ich dann im Auto saß und den Wüterich angeschnallt hatte, dann fühlte ich mich müde. Verletzt. Beschämt. So ist das immer in solchen Situationen. Was die Leute jetzt denken! Warum verdammt rastet der so?! Was mache ich nur falsch? Warum?! Ich bin so erschöpft von seiner Wut. Das Kind tobte noch eine Weile in seinem Pilotensitz auf der Rückbank, spuckte auf den Boden das Autos und sah dann ebenfalls sehr erschöpft aus…

Ist es vorbei?, frage ich dann stets und wenn das Jekyll-Hide-Kind nickt, dann gehe ich zu ihm, nicht vorwurfsvoll, sondern irgendwie nett. Ich streichle ihm den Kopf, versuche zu fragen, was denn los gewesen sei. Er kann es mir niemals erklären. Er weiß es doch selber nicht… Ich sage ihm, das mir das Herz ganz doll weh tut, wenn er mich beißt und boxt und anschreit, er guckt müde. Wir halten uns und oft entschuldigt er sich, er wöllte nicht, dass mir das Herz weh tut. Ich weiß das doch… Wir versuchen, kindgerechte Strategien zu entwickeln, die niemals funktionieren, weil das Kind von seiner Wut überrollt wird.

Wir haben Kinderbücher über Wut angeguckt, wir haben geredet. Immer wieder. Es sind ja nicht nur die oben beschriebenen Situationen. Fremde Menschen wird schon mal auf ein freundliches „Hallo!“, mit: „HAU AB!“, und, auch schon vorgekommen: „HAU AB DU PLÖTE SCHEIßE!“, entgegnet. Unbekannte Umgebung, viele Menschen, das irritiert das Kind ganz offensichtlich derart, dass er seinen Gefühlen eben nicht auf sozial angepasster Art und Weise Ausdruck verleihen kann.

Irgendwie kommt mir das sehr bekannt vor von dem großen Kind. Aber ich verweigere mich irgendwelchen frühen Diagnosen, und ich möchte euch von Herzen bitten, in den Kommentaren zu diesem Beitrag auch von Ferndiagnosen und guten Tipps zur Aufzucht Abstand zu halten. Denn, Ratschläge sind in diesem Fall wirklich oft Schläge. Gerade in der Beziehung zwischen Mutter und Kind macht – zumindest in meinem Empfinden – nichts so hilflos und vielleicht auch wütend wie ein anderer Erwachsener, der meint, er wüsste besser, wie mit deinem Kind umzugehen sei.

Nein, ich schreibe das auf, weil es eben Kinder gibt, bei denen diese Wutphase später als in irgendwelchen Aufzuchtbüchern beschrieben einsetzt. Oder länger anhält! Mein Sohn kann nicht lesen, er weiß nicht, dass dieses Verhalten Zweijährigen zugeordnet wird im Kinderwachstumsundentwicklungskatalog. Er braucht eben länger, um sich sicher genug in ungewohnten Situationen zu fühlen, dass er nicht „unpassend“ auf fremde Menschen reagiert. Und auf Stresssituationen. Der Drogeriemarkt ist eine Stresssituation gewesen und das Wasserspender-Situations-Ding eine Kompensationshandlung. Da bin ich mir im Nachgang sicher.

Und diese Sicherheit kommt bestimmt aus dem Erleben mit dem Großsohn, der sich niemals angepasst und vorhersehbar verhalten hat und so ein toller junger Mann geworden ist mit angenehmen Umgangsformen, verständnisvoll und empathisch. Also nach geltender gesellschaftlicher Norm mehr als akzeptabel. Nicht, dass das „Erziehungsziel“ gewesen sei! Nein, gerade bei diesem Jungen stießen wir Eltern sehr deutlich an die Grenzen der „Erziehung“ im herkömmlichen Sinne. Und mussten uns einlassen auf seine Sicht auf die Welt, mussten lernen, ihn zu verstehen um ihn leiten und anleiten zu können. Dieser große Junge hat mir dadurch sehr viel beigebracht.

Und nun der andere Sohn.

Ich glaube, ich muss den Umgang mit diesen Stresssituationen lernen, genau wie das Kind. Und Verständnis zeigen, trotzdem Grenzen aufzeigen, aushalten und Händchen halten. Den wütenden Kinderkopf trösten und beruhigen. Und nicht auf die Kopf schüttelnden Menschen schauen, die der Meinung sind, bei ihnen früher hätte es das nicht gegeben! Stimmt das? Nein, früher gab es Besserungsanstalten und Jugendwerkhöfe für unangepasste Kinder und Jugendliche. Früher wurde „aufmüpfigen“ Kindern mit Gewalt „Benehmen eingebläut“. Das hat bestimmt super funktioniert.

Nein, früher war nicht alles besser.

Und jetzt versucht das Kind hier mitzutippen, deshalb ist der Beitrag nun zu Ende! Und bestimmt gibt es Menschen die sich denken, ich müsste dem Jungen deutlich sagen, dass dieser Laptop gefälligst mein Tanzbereich sei und er die Finger davon zu lassen hat! Ich aber denke mir, Scheiße, ich lebe noch fünzig Jahre und habe so verdammt viel Zeit in irgendwelche Tasten zu hauen, wenn der groß ist. Nun aber ist er klein und will mit mir zusammen sein. Mit mir spielen, mit mir reden, mit mir wachsen. Das ist der schönste Teil meines Lebens, ich bin mir sicher.

„Ein Vater greift zur Flasche“, und ich begierig zum Buch

„Ein Vater greift zur Flasche“, und ich begierig zum Buch

Disclaimer: Folgender Textbeitrag enthält Werbung, und zwar absichtlich. Ich bewerbe ein Buch, das mir vom Autor in zweifacher Ausführung, und ohne eine daran geknüpfte Bedingung zu äußern, zur Verfügung gestellt wurde. Ich bin nicht bestechlich und möchte zur Kenntnis geben, dass der zwecklose Versuch auch nicht angestrengt wurde. Ich würde meinen unbeeinflussten Senf zu diesem Buch auch dazugeben, wenn ich es in der Städtischen Bibliothek hätte ausleihen müssen und nicht besäße, was ich aber nun tue, dank des Autors. Fürderhin: Da das Buch im Einzelhandel für 12,00€ verkauft wird und ich zu höflich bin um nachzufragen, ob der hochgeschätzte Autor und Bloggerbuddy die beiden mir zur freien Verfügung gestellten Exemplare bereits versteuert hat, werde ich die beiden Exemplare selbstverständlich als geldwerte Entlohnung für Redaktionsleistungen (oder ich schreibe: „sexuelle Gefälligkeiten“, mal sehn) bei der jährlichen Steuererklärung angeben. Soviel zur Transparenz und wegen den ganzen Abmahn- und Anscheißheinis in diesem Internet. Seid ihr jetzt zufrieden oder braucht ihr noch meine Steuernummer?! Screenshots von meinem Kontostand? Oder können wir jetzt endlich anfangen? Schließlich will ich keine Babykatzen oder abgelaufenes Tiramisu im Internet verkoofen, sondern über ein Buch reden und eins verschenken. Danke! Dann gehts jetzt los.

Er hat es wieder getan!

Christian Hanne, Founder und CEO des weltberühmten Familienbetriebes und Autor des Bestsellers „Wenn´s ein Junge wird, nennen wir ihn Judith“ hat sein zweites Buch fertiggestellt und unter die frenetisch jubelnde Fangemeinschaft geworfen. Es ist aber auch bei jedem gut sortierten Buchhändler oder online erhältlich, zum Beispiel hier.

Vom Layout erinnert der „Flaschenvater“ sehr an „Judith“. Wieder ist das Büchlein im Seitenstraßenverlag erschienen, bei der grafischen Gestaltung hat man wiederum auf Jan Steins gesetzt, der Herrn Hanne tatsächlich vortrefflich zu skizzieren vermag. Man erkennt sofort die Zusammengehörigkeit der beiden Kunstwerke, zu unterscheiden sind sie lediglich durch die unterschiedliche Farbgebung. Seitentechnisch um sage und schreibe (in diesem Fall von Christian Hanne geschrieben) vierzehn Seiten erweitert, machen beide Bände jetzt schon irgendwie den Anschein, sie wöllten ein bunter Regenbogen an Fortsetzungsromanen werden und ich erwäge, Wetten anzunehmen, ob Christians nächster Roman wohl in grünem oder blauen Gewand daherkommen wird.img_9314.jpg

Aber das ist Zukunftsmusik, wenngleich wohlklingende, die bei mir Hoffnung und Vorfreude generiert. Momentan sind wir noch in den frühen Gründerjahren des Familienbetriebes. Und darum geht es:

Die Tochter das Familienbetriebes, gezeugt und geboren in Band eins, ist nun drei Monate alt und ein Ausbund an Freude für Christian und dessen Freundin, die leider/ zu unser aller Leseglück den Rückweg an die Uni antritt und Tochter und Vater die weitere Elternzeit gemeinsam bestreiten lässt.

Wir erfahren, was die Kollegen, der Chef und die Verwandtschaft zu dieser unerhörten Rollenverteilung sagen, begleiten den Autor durch neun Monate Muttermilchverfütterung, Beikosteinführung, Krabbelgruppen- und Spielplatzkontaktaufnahme, Kinderarztkonsultation und die Suche nach einem Betreuungsplatz.

Diese Schritte im neuen Leben als Vater beschreibt Christian Hanne in bekannt humorvoller, fluffiger Weise, gespickt mit einem Feuerwerk aus  Bonmots (Ich wollte das schon immer mal schreiben – Bonmots). Markant sind die Vergleiche, die ihm scheinbar unentwegt aus der Feder flutschen. Rausschwabbern quasi. Situationen werden konsequent mit Liedern, Interpreten oder Popsongs umschrieben, damit der geneigte Lesende ähnlich dem Beiwohnen einer Aufführung die musikalische Untermalung der Szene im Kopf hat. Und bei diesen Vergleichen überzeugt der Autor mit einem breiten musikalischen Kenntnisstand. So finden sich in der „Playlist“ des Buches unter anderem R.E.M., Manowar, Robbie Williams, Bob Geldof, AC/DC und Limp Bizkit. Wenn Musik nicht genug ist, wird auch gnadenlos und hocheffizient in die Kiste der „Oscarprämierten Werke“ gegriffen und so zum Beispiel die Babytochter in einer Situation mit Wilson, dem Basketball aus „Cast away“ veglichen und ich denke, schon in diesem Moment haben alle ein genaues Bild vor Augen… In wie weit dieser Vergleich für den Autor Konsequenzen hatte und was die Tochter oder die Mutter der Tochter dazu sagen, ist leider nicht bekannt.

Christian Hanne skizziert sich selbst und die Figuren, die ihm in diesen neun Monaten begegnen, in einer Art und Weise, die mich einmal mehr an den großartigen Vicco von Bülow erinnert. Er entblößt die Kuriositäten der verschiedenen Situationen und vor allem seiner Protagonisten und bevor man beim Lesen auch nur auf die Idee kommen könnte, er überzeichne die Figur despektierlich, parodiert er seine eigene Figur – sich selbst – in einer Art und Weise, dass niemand mehr auf die Idee kommt, er mache sich lustig. Etwa über die Esoterik-Szene.

Apropos. Was mich ganz besonders erfreut hat ist der Umstand, dass dramaturgisch clever verschiedene Elemente wiederkehren, die bereits in Band eins für hemmungsloses Gelächter gesorgt haben. So erinnert der Besuch des esoterischen PEKiP-Kurses stark an den Geburtsvorbereitungskurs in Band eins. Ebenso dürfen sich die Lesenden auf eine weitere Familienfeier freuen. Wurde in Band eins die Familie des Autors durch den sprichwörtlichen Kakao gezogen (wir erinnern uns: Die Hochzeit des Bruders), so ist nun, ganz im Zeichen der Geschlechtergerechtigkeit, IHRE Familie dran! Und die steht der des Autors in nichts nach, so viel kann ich schon mal verraten.

Leider wurde nichts von Familie Michalske berichtet, die mich seit dem Kapitel „Der Sommer der Liebe“ doch sehr interessiert. Aus rein soziologischer Forschungssicht natürlich. Dafür tauchen Dörte und Thomas auf, die als Sparringspartner in den unterschiedlichsten Situationen dem Autor zur Ghettofaust gehen. Und die ihnen zugewiesene Rollen mit Bravour und Herzblut füllen.

So laviert sich der Autor durch die neun Monate Elternzeit und tatsächlich wird sogar noch ein weiteres Kind gezeugt, geboren und in die Elternzeit mit Christian entlassen. Also am Ende von Band zwei. Was Hoffnung macht, dass pünktlich zur Vorweihnachtszeit 2019 Band drei der Familienbetrieb-Reihe gelauncht wird. Hoffentlich!Ein Vater greift zur Flasche - Christian Hanne

Wer aber der Meinung ist, es handele sich hier um ein autobiografisches Werk, der sei zum einen daran erinnert, dass bereits in Band eins der Autor unter dem Kapitelnamen „Vorbemerkung“ Abstand nimmt von allen zufälligen Ähnlichkeiten zu lebenden Personen. Zweitens bin ich immer  diejenige, die „Regiefehler!“, brüllt beim beschaulichen Schauen diverser Formate, in denen dann zum Beispiel Handies auftauchen, obwohl gerade noch mit superduper CIA/ NASA-Technologie sämtliche Funknetze lahmgelegt wurden oder irgendwer mit trocknem lockerduftig geföntem Haar und akkurat gezogenem Lidstrich aus einem Pool steigt. In dem sie soeben getaucht hatte/ oder gekämpft/ oder subversive Elemente mit Dolchstichen eliminiert.

Und in ebendieser Rolle sage ich euch: Nee, also das ist definitiv nicht autobigrafisch! Es sei denn, Christian Hanne hätte in den letzten drei – vier Jahren eine Parallelwelt mit Zweitfamilie erschaffen und ganz ehrlich, jeder, der bereits EINE Familie mit zwei Kindern hat, weiß, wie unvorstellbar bekloppt dieses Ansinnen wäre!

Also warum denke ich, wir haben es hier mit einem Fantasy-Roman zu tun? Nun, zum Einen behauptet der Autor, während der Elternzeit mit der Tochter Netflix konsumiert zu haben. Ich weiß, wann der Streamingdienst in Deutschland gelauncht wurde (September 2014) und ich kenne zufällig die Tochter des Autors von Angesicht und bezweifle, dass diese erst vier Jahre alt ist. Des weiteren wird die Geburt des Sohnes im Buch auf den 31. Januar 2018 datiert, was mich sehr freut und rührt, weil der 31.Januar auch mein Geburtstag ist, aber nein, definitiv ist der Sohn des Autors NICHT am 31.1.2018 geboren. Ich habe nämlich bereits im Jahr 2016 im Etagenbett des Sohnes übernachtet (der wurde vorher in Sicherheit gebracht). Es gab den Sohn also definitiv schon 2016.

Warum es der geschätzte Autor für notwendig hält, seine Kinder jünger zu machen, erschließt sich mir nicht, aber es bringt mich auf Ideen!

Wenn es sich hier nicht um autobiografische Bücher handelt, kann im nächsten Teil ja zum Beispiel auch eine Vorsitzende vom Elternrat mit Namen Conni Lingus auftauchen. Oder Dörte wird die zweite Frau Michalske und zieht nach Moabit ins Haus der Familie Hanne. Mich würde auch interessieren, ob in der Esoterik-Szene „plastikfrei“ geliebt wird. Kommt dann formschönes Gemüse als Spielzeug zum Einsatz? Das kann der Herr Hanne doch mal recherchieren.

Wie auch immer, ich hatte es bereits nach der Lektüre von Band eins geschrieben und wiederhole mich gern. Nach dem Lesen will man mehr! Jetzt will ich wissen, wie die Integration ins Bildungssystem läuft, ob Norman von der IT aus dem Keller mal rauskommt und alles andere auch. Bis zur Hochzeit von der Tochter mit Konrad, dem Sohn von Dörte. Oder der Hochzeit des Autors mit seiner Freundin. Ich freue mich drauf!

 

„Ein Vater greift zur Flasche“, von Christian Hanne, ist im Seitenstraßen Verlag erschienen und ist für läppische 12,00€ käuflich beim geschmackvollen Literaturdealer deines Vertrauens zu erwerben. Oder online, zum Beispiel hier.

Ich verlose unter allen Interessenten ein Buch mit Widmung des Autors. Gut, da steht jetzt mein Name, aber einem geschenkten Gaul schaut man schließlich nicht auf die Widmung. Ich werde mit Tippex drübermalen und dort dann „Norman“ oder „Dörte“ hinschreiben, je nachdem, wer das Buch gewinnt.

Wer das Buch haben möchte, sollte achtzehn Jahre alt sein, wohnhaft in Deutschland und sich darüber im Klaren sein, dass ich im Falle eines Gewinnes irgendwie die persönliche Adresse des Gewinners übermittelt bekommen muss. Ich versichere natürlich bereits jetzt im Vorfeld, dass diese Daten sofort nach Buchversand vernichtet werden und nicht weitergegeben. Heißt: Zettel zerreißen, Schnipsel verbrennen und die Asche über drei verschiedenen Weltmeeren verstreuen. Ich hoffe sehr, dass ich damit den Anforderungen durch die DSVGO genüge. Im Zweifelsfall tauschen der Gewinner/ die Gewinnerin und ich noch eine dreiseitige Datenschutzerklärung im Vorfeld.

Um das Buch zu bekommen, hinterlasst einen Kommentar hier oder schreibt mir per Mail an nieselpriem.blog@gmail.com. Der Gewinner/ die Gewinnerin wird am 31.10. 2018 ermittelt und per eMail angeschrieben. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

 

 

 

 

Partykultur im Wandel

Heute morgen wurde ein lustiges Liedchen in meine Timeline gespült und ich habe vor Lachen meinen Soja-Latte über das Tablet gesprüht!

(Bitte Geduld, ab 2:40 geht das Liedchen los)

Ja, in diesem Alter bin ich auch. Bei Instagram habe ich unter „gespeicherte Links“ ungefähr vierzehnhundert Rezeptvideos. Und zwölfhundert Kuchenrezepte als Posts. Und Anleitungen für Aufstriche, Salate und  selbstverständlich Dessertrezepte. Bei Pinterest sieht das ähnlich aus. Ja, schuldig!

Und früher, also früher, da war viel mehr. Von allem! Also allem außer Dips und Guacamole. Früher kaufte man einen Kasten dunkel, einen Kasten hell, zwei Pullen Rotwein (Sangria; ja, Sangria ging als Rotwein durch) und ein Kilo Chips – ready to party! Und überall wurde geraucht. Das Schlafzimmer war nicht verschlossen, als müsste man einen geheimen Darkroom, gekachelt und mit Abfluss in der Mitte vor den neugierigen Blicken verstecken. Nein, da lagen dann auch Leute rum und rauchten und redeten, denn genug Stühle hatte niemand den ich kannte. Manchmal brachte sogar jemand eine Schüssel Kartoffelsalat mit, wo dann allerdings bestimmt Zwiebel fehlte, aber das wurde leergefressen unter frenetischem Jubel. Kein Mensch machte sich über die Lautstärke des Gelächters oder der Musik Sorgen, außer, die Nachbarn hatten sich noch nicht beschwert…

Und noch früher basierte das Partykonzept auf dem magischen Wort „sturmfrei“. Hatte jemand in meiner Clique sturmfrei – also die Eltern waren ohne den hauseigenen Pubertäter verreist und das passierte weit öfter als heute üblich – dann gingen wir dort hin! Und wie. Es war auch üblich, dass nur jemand jemanden kannte und wusste, derjenige hatte „sturmfrei“ und machte ne Fete und wir alle gingen hin! Wenn ich das in meinen heutigen Kontext übertragen würde, wäre das folgende Situation: Ich habe vor Wochen ein Doodle rumgeschickt an einen auserwählten Adressatenkreis wegen der Terminfindung, danach Listen angefertigt um das kulinarische Konzept des Abends zu spezifizieren. Dann drei Tage in der Küche zugebracht, mindestens, und nun ertönt aus den Boxen Loungemusik, da klingelt es an der Tür, zehn mir völlig unbekannte Menschen schieben mich beiseite und treten herein mit den Worten: „Hier steigt heute ne Party?! Wo ist das Bier!“. So wäre das.

Gruselig, oder? Früher war das aber völlig normal! Also in meinem Dunstkreis (vielleicht gehörte ich aber auch einer Horde Vandalen an, das kann ich rückblickend nicht mehr sagen). Ich erinnere mich an Sommerferien, die ich nahezu vollständig in der elterlichen Wohnung eines Freundes zubrachte, zusammen mit einer größeren Menge anderer Jugendlicher. Die meisten pennten auch dort. Einer sogar im Gitterbettchen des kleinen Bruders vom sturmfreien Freund, das fand sogar ich schräg. Weder war das Schlafzimmer der Eltern tabu, noch die Kosmetiksammlung der Mutter. Dem Rosettenmeerschwein wurde bereits in der ersten Woche ein Irokesenhaarschnitt verpasst, dieser mit Schulmalfarben bunt angemalt und der armen Meersau Ketten um den Meerschweinnacken gehängt. Wenn nichts zu essen im Haus war, lagen wir auf der Lauer, bis der LKW vom VEB Backwaren um die Ecke bog um einen riesigen Sack mit Semmeln im Hof vor dem Konsum abzustellen. Dann flitzten wir hinunter und klauten Semmeln, so viele wir tragen konnten und wieder waren ein paar Tage gerettet (Ich denke, auch das Meerschwein bekam was ab davon). Einmal kletterte ein Freund in ebendieser Wohnung unterm Dach außen rum von Fenstersims zu Fenstersims, weil sich zwei der Freunde in einem Zimmer verschanzt hatten und die Neugierde über die geheimen Tätigkeiten größer war als die Höhenangst. Und größer als die Vernunft sowieso.

Heute würde dieser Jugendliche mit Tatütata abgeholt werden und zur Beobachtung und zum Test auf Substanzmissbrauch in einer Klinik untergebracht werden. Dabei waren die einzigen Substanzen, die in uns gurgelten, schlichtweg unsere übersprudelnden Hormone!

Ich hatte niemals „sturmfrei“. Meine Eltern hatten wohl ausreichend Fantasie um sich vorzustellen, was dann passieren würde. Vielleicht auch, weil sie selbst eine ausufernde Partykultur pflegten. Ihre Kostümparties waren berüchtigt! Da wurden lauthals Rülps- und Furzwettbewerbe ausgerichtet und überhaupt wurde niemals Rücksicht auf uns Kinder genommen. Ich sehe mich andauernd mit meiner kleinen Schwester an der Hand im Flur stehen wie zwei kleine Nachtgespenster und mich über den Krach beschweren, wir könnten nicht schlafen bei dem Lärm!

So war das damals, bevor Guacamole in unser aller Leben zog.

Und heute? Heute bin ich die Elterngeneration, deren Fantasie überschwabbert beim Gedanken, das Fortpflänzchen alleine in der Bude zu lassen. Aber da besteht gar keine Gefahr! Die sind ja alle so anständig! Keiner raucht, die ganz Verwegenen dampfen vielleicht. Gekifft wird nur nach „safer use“-Regeln (die mir mein Sohn erklärt hat), sexuelles Ziel sind nicht die größte Menge an Erfahrungen sondern stabile Beziehungen. Mit achtzehn. Mein Sohn ist erwachsener als ich mit Mitte dreißig war, das kann ich getrost hier hinschreiben. Und guck, die beiden Männer in dem Video sind durch meine Brille betrachtet, auch super jung, reden aber wie Leute in meinem Alter, also alte Leute. Woran liegts? An der Guacamole?!

Trotz allem will ich mal festhalten, dass ich urst froh bin, dass ich ohne Check meiner Haus- und Haftpflichtversicherung und ohne alle Zimmer abzuschließen das Haus verlassen kann mit dem Bubi drin, wenn ihr mich allerdings fragt, ob ich heute noch mal achtzehn sein wöllte:

Wäh?! Wofür denn?

😀

 

 

Ein Kaffee für Frau Nieselpriem

Hat Dir dieser Beitrag gefallen? Dann lade mich doch gern auf einen Kaffee ein als Dankeschön, mit oder ohne Torte! Vielen Dank. 🙂

€2,00

 

 

Irgendwas ist immer

„Irgendwas ist immer“, sagt der Kollege neulich und ich bin an meine Oma erinnert, die diese Aussage stets mit den Worten: „Unter jedem Dach ein Ach“, umschrieb.

Ja, irgendwas ist immer. Und überall. Jeder noch so hell erstrahlende Mond hat eine dunkle Seite. Manchmal erahnt man dies, manchmal sieht man sie, die dunkle Seite, und manche Monde scheinen gar keine Schattenseite zu haben. Scheinbar.

Mit den Fotos von fremden Bloggerfamilien ist das auch so. Wenn man die betrachtet, erhascht man einen winzigen Ausschnitt aus dem Leben, sieht dampfende Suppenschüsseln, lachende Kindergesichter, blühende Gärten und bunte Glückseligkeit. Schön ist das. Ich mag das sehr! Das ist wie ein Spaziergang in der Adventszeit, wenn ich kaum den Blick abwenden kann von den bunten Fenstern, in denen manchmal die Lichter des Weihnachtsbaumes zu erkennen sind und aus denen wohlige Gerüche von Gänsebraten und Plätzchen strömen.

Dennoch. Ich weiß nichts von den Menschen, die hinter diesen schönen Fenstern mit den Wohlgerüchen leben. Allenfalls habe ich eine Fantasie dazu, meine sie müssten bestimmt glücklich sein, diese Menschen. Mit so schönen Fenstern!

Bei Instagram gibt es den Hashtag #fürmehrrealitätaufinstagram, und ich benutze den selbst, nur glaube ich, dass er den Sinn, den er suggeriert, ad absurdum führt. Denn zumeist steht er unter Fotos, die sehr bemüht tun, das „Heile-Welt-Bild“ zu unterwandern und dennoch genau diese heile Welt abbilden. Irgendwie. Wenn ich als kinderloser Mensch mit Kinderwunsch müde zerzauste Mütter sehe mit Kindern an der Zitze und darunter „#fürmehrrealitätaufinstagram“ lese, macht das was ganz anderes mit mir, als wenn ich mich vor meinem wütend brüllenden Kleinkind auf dem Klo verstecke und einen Moment lang bei Instagram rumwische und ebendieses Foto sehe.Um den Kontext zu beschreiben, braucht es Worte, ehrliche. Ein Bild, ein Foto, spiegelt stets nur die Fantasie des Betrachters. Das heißt nicht, dass sie nicht „wahr“ wären, diese schönen Bilder. Das heißt, dass sie nur einen Bruchteil des Ganzen abbilden. Nicht mehr.Möglicherweise habe ich das ganze Wochenende über den Umstand nachgedacht, dass ich jetzt wieder arbeiten gehe, nach einer sehr langen Zeit, in der ich krank war. Und wie das so ist. Dass ich mich furchtbar schäme, auch wenn ich weiß (!), dass das weder nötig noch angebracht ist. Dass ich mich schäme, als sei an mir etwas Widerwärtiges, Obszönes, das für jedermann offensichtlich ist, weswegen ich mich eigentlich verstecken will. Oder weglaufen.Furchtbare Versagensängste plagen mich, ich kann das nicht, ich habe alles vergessen, ich bin so unnütz, mein Kopf surrt, mein Herz flattert panisch wie ein Vogel, den man an den Füßen festhält.Ich vermeide den direkten Blickkontakt aus Angst, mein Gegenüber könnte in meinen Augen die liegengebliebenen Reste der unbeschreiblichen Verzweiflung, des Siechtums sehen, die mich monatelang im Klammergriff hielten. Als sei ein Image meiner Dämonen sichtbar, wie ein schlieriger Film auf einem Fenster. Wenn man nur genau hinsieht…Von all dem wissen meine Kollegen nicht. Ich bin aufgeregt, hektisch, lache zu laut und schnattere. Naak, naak, naak. Und weiche dem direkten Blick aus. Ich versuche, „normal“ zu wirken. Mehr nicht.All dies ist so anstrengend, dass ich nach einem lächerlich kurzen Moment auf Arbeit – in einem freundlichen vertrauten Umfeld – nach Hause fahre und zwei Stunden schlafen muss. Weil ich völlig erschöpft bin. Wovon? Ich weiß es nicht.Diese Erschöpfung war eines der ersten Zeichen, damals, im letzten Jahr. Und sie wird als eines der letzten Symptomen wieder verschwinden. Zusammen mit den kognitiven Einschränkungen. Ich kann mir nichts merken, habe alltägliche Dinge vergessen, bsss bsss, irgendwelche Zellen oder Synapsen sind in meinem Kopf durchgeschmort und müssen erst wieder neu wachsen.Ich hoffe zumindest, dass sie das tun!

Inständig.Meine Gedanken sind wie eine Horde Affen, die kreischend in meinem Kopf umherspringen, bis mir schwindlig wird. Das ist die größte Angst von allen, dass das nicht wieder gut wird! Alles wird gut. Am Ende. Und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es noch nicht blabla. Aber stimmt das denn? Oder ist am Ende nicht nur noch mehr Dunkelheit? Wird das Licht einfach immer weniger? So wie der Sand in einer Sanduhr?Ich kann den Sand rieseln hören, manchmal, und dann in diesen Momenten, glaube ich hören zu können, dass nur noch ein paar wenige Körner in dem Glas sind. Das sind die Momente der Erschöpfung, in denen meine Muskeln zittern und ich ein Flimmern vor den Augen habe und denke, das war´s. Das wird nie wieder gut. Oder?!Diese Gedanken denke ich, während diese Fotos entstehen. Nicht ausschließlich, nein, aber die Affen… ihr wisst schon…„Irgendwas ist immer“. Überall. Und unter jedem Dach wohnt ein Ach. Wirklich.Und während wir uns Sorgen wegen dem Job machen, der Kinder oder der Kredite, rühren wir Waffelteig zusammen oder bauen ein Trampolin auf. Während wir Liebeskummer haben oder uns um ein krankes Familienmitglied sorgen, kochen wir Marmelade oder fegen Laub.
Oder wir versuchen, die Schönheit, die in jedem Augenblick wohnt, festzuhalten. In Fotos oder Worten. Trotz allem, trotz dem ganzen Mist, der außerdem noch da ist und den wir der Umwelt nicht zumuten wollen. Oder nicht können.Guck doch mal, dieses Licht! Ist das nicht wundervoll? Wie eine zärtliche Umarmung. Diese Farben, so viel Schönheit überall…

Und dann.Geschenke, wo man sie nicht vermutet.

Und wo ist jetzt die Moral von der Geschicht´? Ganz einfach: Ein Foto ist nur ein Foto und wenn du irgendwo auf einer Parkbank jemanden mit hängendem Kopf findest, geh nicht vorbei!

 

Fümf

„Ich weiß nämlich schon, wie Sechs geht!“, informiert der holde Blondschopf seit vier Wochen alle Leute, und hat mit dieser Ankündigung sofort die ungeteilte Aufmerksamkeit aller Erwachsenen. „So!“.

Denn nach dem Geburtstag ist schließlich vor dem Geburtstag!

Am Nationalfeiertag ist er einundsechzig Monate bei uns, das Süßilein. Fünf Jahre, die rasanter kaum vergehen konnten.

Und Leute, ganz ehrlich, ich bin so froh, dass ich mit dem Bloggen angefangen habe, als der bei uns einzog. So kann ich immer mal nachlesen, wie das so war, als der noch ein brabbelnder „Rumlieger“ war. Und nun, wenn ich in meinen eigenen alten Gedanken stöbere (oft mit Seufzern verbunden), erfüllt sich der Sinn dieses Blöggels. Tatsächlich war das der Ursprungsgedanke, dass ich irgendwie die vierte Dimension erreiche, neben Fotos und Videos auch Gefühle konservieren kann, die mit der jeweiligen Zeitspanne verbunden sind. Dieser Blog ist eine digitale Liebeserklärung an meine Kinder und bevor es noch schnulziger wird, als es jetzt schon ist, komme ich mal zur Sachebene zurück.

Der fünfte Geburtstag nämlich.

„Mama, wie lange noch schlafen, bis ich fümf bin?“, „Mit Mittagschlaf oder nur Nachtschlaf?“, waren die letzten Monate die Fragen, von denen mir täglich die Ohren bluteten.

Dann war es soweit.

Da saßen wir dann an diesem Geburtstagsmorgen zusammen auf der Couch und das Kind sah mich mit diesem besonderen Blick an und sprach: „Jetzt bin ich fümf. Und ich werde niiiiie wieder vier sein!“. Ich antwortete: „Ich weiß, mein Schatz. Und ich nie wieder dreißig.“, und dann haben wir zwei Philosophen schweigend Kaffee bzw. Kakao getrunken.

Der Kindergeburtstag war das große Ding! Also im Vorfeld, und nur für das Kind. Denn wir zwei Alten haben genug. Nach gefühlt sechzehn ausgerichteten Geburtstagsfeiern in Kinos, In- und Outdoorspielplätzen, Soccerhallen, Kletterparks und Zelten (ganz ganz schlimm) bekommen wir zwei aschfahle Gesichtszüge, wenn das Wort „Kindergeburtstag“ fällt.

Das beste überhaupt waren rückwirkend immer die Kindergeburtstage bei Mc Donalds, also früher. Wisst ihr noch? Da gab es diesen Partyraum, den man für einen schmalen Taler komplett verwüsten konnte. Für fünf Euro konnte man eine Torte bestellen und ganz früher wurde sogar ein bedauernswerter Mc Donalds-Mitarbeiter abgestellt, der Becherwerfen mit den Kindern spielen musste. Mann, war das schön! Das Bällebad komplett entleeren und Burgerweitwurf!

Also sicher nicht für die Angestellten, aber für uns war das sehr schön. Später noch unkte der Bärtige, das Konzept wurde nur wegen uns verworfen, da die Mitarbeiter immer in Tränen ausbrachen, wenn sie nur unterjährig unsereiner zu Gesicht bekamen… ich weiß es nicht. Auf den Fotos sieht das immer alles gesittet aus. Hier ein Beweis.

2003 – Kindergeburtstag bei Mc Donalds

Im Hintergrund der Bärtige mit einer Videokamera (Liebe Kinder, das benutzte man damals, es gab noch keine Fotohandies. Nein, ehrlich nicht.), und rechts im Bild der Mitarbeiter beim Aufbau des alljährlichen Becherwerfenspiels. Ich mochte das immer sehr und möchte hiermit mein Bedauern zum Ausdruck bringen, dass die frühkindliche Fixierung auf Pressfleisch und Plastikspielzeug nicht mehr unterstützt wird. (Hat irgendjemand Interesse, diesbezüglich eine Petition zu unterstützen?)

Zurück in 2018. Wir mussten uns also mal wieder Gedanken machen. Wer in die Suchmaschine „Kindergeburtstag in Dresden“ eingibt, bekommt eine unübersichtliche Anzahl von Treffern. Nicht alles ist für Fünfjährige geeignet und manches (Inddoorspielplätze zum Beispiel) nach schmerzvoller Erfahrung nicht für den Nachwuchs der Nieselpriemfamilie.

Schlussendlich haben wir im Waldseilpark Bühlau mit dem Jubilar und seinen „fümf“ Freunden gefeiert und das war toll! Wir haben die „kleine“ Schatzsuche gebucht und waren eine gute Stunde mit den Hosenscheißern im Gelände unterwegs. Danach gab es Preise und im Anschluss konnten sie noch nach Herzenslust auf dem Kinderparcours klettern. Das alles war im Vergleich lächerlich preiswert, die Veranstalter waren supernett und man hatte uns sogar einen überdachten Picknickplatz reserviert, wo wir unser mitgebrachtes Futter aufbauen konnten.

 

Der Hit war im übrigen die stinknormale Rutsche, die dort im Gelände steht (Oh Gott! Eine Rutsche! Ich habe noch niemals so eine Rutsche gesehen! Hier kann ich ja rutschen!), sie waren kaum dort wegzukriegen. Versteh einer Kinder…

Am Ende, zur Abholzeit, heulten drei von fünf Kindern herzzerreißend, und ich sah mich genötigt, zur Begrüßung die altbekannte Elterngrußformel an Kindergeburtstagen auszurufen: „Es ist nicht so, wie es aussieht! Bis eben hatten wir alle sehr viel Spaß!“.

Der Bärtige sagte abends zu mir, das sei endgültig der allerletzte Kindergeburtstag gewesen, den wir gemacht haben. Und ich sagte, ja. Also so wie das schon seit Jahren abläuft. Immerhin haben wir ja dreihundertfünfundsechzig Tage Zeit zur Akklimation. Und so lange hält kein Kindergeburtstagstrauma an. Ich kenne uns da schon ziemlich gut 🙂 .

Und nun ist er fünf. Ein Meter neun hoch, siebzehn Kilo schwer und noch immer weizenblond. Und süß. Ja. Aber es gibt Dinge, die sich verändert haben. Bis vor Kurzem dachte ich ja oft noch wehmütig, es wäre doch schön gewesen, wenn das späte Wunder aus Drillingen oder wenigstens Zwillingen bestanden hätte. Oder wenn ich im Jahr darauf (Huch, wie konnte das bloß passieren?!) noch einmal verwundert gewesen wäre. Damit ist Schluss! Denn die Wunderlinge werden alle irgendwann fünf sein und ich nie wieder dreißig, das hatten wir ja eben schon…

Der Süße raubt mir meinen letzten Nerv und ist die Liebe meines Lebens. Oder zumindest eine von dreien (falls der Mann hier mitliest). Des Kindes Wutausbrüche sind nicht von dieser Welt. „DU PLÖTE SCHEIßMAMA!“, „HAU AB DU PLÖTE SCHEIßE!“, untermalt mit Spucken, Mundfürzen und um-sich-Schlagen und es hilft kein in-den-Arm-nehmen, nur in-acht-nehmen, bis der Spuk vorbei ist. Er schmeißt Zeug, haut, brüllt und rennt wie ferngesteuert in der Gegend rum, wenn ihn der Hafer sticht. Im Durchschnitt zehn Minuten täglich und nein, ich gewöhne mich nicht daran.

Ach, Gegend. Er rennt auch weg. Also nicht zu Hause, da läuft er wie ein Entenjunges hinter mir her, auf Schritt und Tritt, aber draußen ist er fort. Aber nur, wenn es irgendwohin geht, worauf er Bock hat. Ansonsten wird sich erst mal längs geworfen und gebrüllt aus der Horizontalen, er wölle getragen oder in der Kutsche gefahren werden, denn laufen gänge in gar keinem Fall. Geht es aber irgendwohin, wo es ihm gefällt, ist er fort.

Zum Beispiel habe ich ihn mal im Kaufland gesucht, lange, mit professioneller Unterstützung. Er lag dann im Regal mit den Hochlehnerauflagen. Zwischendrin. Und ruhte sich aus. Ich gehe ab jetzt nur noch zu Aldi, da gibt es kaum Verstecke.

Aber durch das Kleinchen komme ich auch zu unerwartetem Wissen. Neulich zum Beispiel ging er – der selbsternannte Toiletteninspekteur – wie selbstverständlich seiner Oma hinterher, nur um sofort darauf angerast zu kommen und zu berichten: „Mami, Mami, weißt du was?! Die Oma hat Haare an ihrem Puller! So dick!“, und zeigt mit den Ärmchen einen Abstand von circa vierzig Zentimeter. Dank des Kindes weiß ich also nun, dass meine Schwiegermutter ihre Rente ganz offensichtlich mit dem Schmuggeln von Perücken aufbessert. Danke Kind!

Und heute morgen, dann endlich, kam sie wieder, die Frage aller Fragen: „Mami, wie lange noch schlafen, bis ich sechs bin? Mittagschlaf auch, oder nur Nachtschlaf?“.

 

 

Der Sound meines Lebens

Ich sitze mit dem Bubi gebeugt über meine beachtliche (und eingestaubte) CD-Sammlung und komme mir vor wie eine Omi, die ihrem Enkel alte Schelllackplatten mit den greatest hits von Marika Röck andrehen will.

Kein Mensch hört heute noch CDs, noch nicht mal ich! Internetradio in der Küche und im Auto, Streaming hier und Download da, wozu sich also irgendne Scheibe reinstecken? In ein Scheibenreinsteckgerät? CD-Player, pffff, haben die jungen Leute nicht mehr. Die haben nur winzige Telefone, aus denen die ganze Musik der weiten Welt in ihre riesigen Kopfhörer gelangt.

Es wird also Zeit, dass ich dem jungen Mann ein musikalisches Vermächtnis hinterlasse! In Scheibenform. Irgendwie muss der ja auch mal was anderes hören als seinen seltsamen Dubstep.

Ich versuche ihm zu erklären, wie toll sich das anfühlt, auf das neues Album eines Künstlers zu warten und sich dann mit den zusammengesparten Kröten die eingeschweißte CD im Laden zu holen. Meins! Er guckt mich höflich-verständnislos an.

Kurz schweife ich sogar ab und erzähle, wie damals zu DDR-Zeiten manch ein privilegierter Jugendlicher die Hit-Parade bei DT64 auf seinem SKR700-Kassettenrecorder aufnahm und die Kassetten zu horrenden Preisen verscherbelte, aber da stieg er aus. Kassettenrecorder? DDR? Ich sah es an seinem Blick, die Omi mit den Schelllackplatten musste ein paar Jahre vorspringen. Wobei, Leute, ich habe Knutschen gelernt bei der Schuldisco, zu Klängen von Spandau Balett und wisst ihr was? Es gibt keine Schuldiscos mehr! Ist das zu fassen?! Nein! Was soll nur aus der Jugend werden?

Egal. Wer hat meinen roten Faden? Ach hier, danke.

Ich sortiere dem Jungspund ohne Schuldisco-.Erfahrung meine Queen-CDs aus. Blur, Green Day, The Cranberries, Björk. Den Soundtrack zu Trainspotting, er kennt nicht nur keinen der Künstler, er kennt nicht mal den Film! Clockwork Orange, ebenso unbekannt, Musik und Film (Oh Gott, ich habe kulturell komplett versagt!). Depeche Mode kennt er, aber die CDs nehme ich mit ins Grab, Finger weg! Rosenstolz? Ein wenig schäme ich mich, aber nur heimlich, denn als die noch neu und unverbraucht waren, fand ich die echt großartig und das waren sie auch. Wir reden hier über die Neunziger Jahre, als die noch in Kneipen spielten.

Irgendwann war der Rock dann abgerockt oder ich zumindest. Ich tat mich jemandem zusammen, der Marusha geil fand und regelmäßig zur Love Parade fuhr. Damals. Musikalisch waren der Mann und ich noch niemals kompatibel. Ich meine, Techno?! Ich habe keine Techno-CDs in meiner Kiste, die ich dem Kind zur Abschreckung geben könnte.

Hier, diesen Stapel fasst du nicht an! Das ist mein Heiligtum. Eminem. Mein Gott, das war damals echt bewusstseinserweiternd für mich, seine Songs zu hören. Echt jetzt. Ich besitze, oder besaß jedes Buch, das über ihn geschrieben wurde, jedes Album (selbstverständlich), kann in „8 Mile“ als Universalkomparse eingesetzt werden und als Eminem 2003 sein einziges Konzert in Deutschland gab, hatte ich eine Karte! Ich hatte eine Konzertkarte! Dann bekam ich einen folgenschweren Brief (damals wurden noch Briefe geschrieben) mit einem Termin für ein Vorstellungsgespräch und ich habe zum ersten Mal wie ein blöder erwachsener Mensch gehandelt. Meine Freundin Sandra fuhr ohne mich nach Hamburg und rief mich aus dem Stadion an (Handies gab es schon), „KANNST DU IHN HÖREN? KANNST DU IHN HÖREN?!“. Ich hörte ihn nicht, es klang, als hörte ich zu, wie Wasser in eine Badewanne läuft. Du kannst dir nicht vorstellen, wie ich geheult habe…

All das erzähle ich meinem Sohn.

Der sich offenbar entsetzlich langweilt und mittlerweile die Fanta-CDs durchforstet.

Ich weiß nicht, irgendwie stirbt doch ein Stück Kultur gerade, denke ich und höre etwas splitternd zerschellen. Vielleicht war das aber nur die alberne alte Glasglocke unter der ich gehockt habe mit meinem altmodischen Musikgeschmack. Klirr!

Hm.

Schade.

Ja klar, ich fand das auch olle peinlich, wie meine Eltern Sting gefeiert haben oder Joe Cocker, nachdem sogar eine Wiese in Dresden benannt wurde, als der darauf ein Konzert gegeben hat. Im Leben hätte ich nicht die gleiche Musik wie die gehört! Aber irgendwie ist das voll bitter, jetzt da auf diese CDs zu schauen, die die Untermalung meiner letzten dreißig Jahre waren und sich klarzumachen, das ist alte-Leute-Musik! Time to face the truth.

Eminem ist fünfundvierzig, Dave Gahan sechsundfünfzig, Prince ist tot, du lieber Gott, und wäre jetzt sechzig. Und Jamiroquai, der Berufsjugendliche, ist auch schon neunundvierzig! Das kann doch alles gar nicht wahr sein. Das einzige, auf das ich mich jetzt noch freuen kann ist, dass ich nur noch ein paar Jahre warten muss und dann wird der Soundtrack im Altersheim bestimmt von The Cure gespielt. Tschakka, bis den Enkeln die Ohren bluten!

Und zum Abschluss singt jetzt nur für mich der alte Mann, mit dem ich sofort und ohne Zahnbürste und Wechselschlübbor durchgebrannt wäre, hätte ich mich nicht für das solide Leben und den sicheren Job (den ich im übrigen noch immer habe, also eigentlich beides sogar) entschieden. Damals, 2003.

 

Von kackenden Dinosauriern, alten Freunden und einer bärtigen Frau – Wochenende in Bildern #wib

Samstag Morgen kurz vor fünf werde ich durch wiederkehrendes Fiepen wach – der Rauchmelders im Schlafzimmer zeigt mittels eines durchdringenden Tones an, dass er bitteschön die Batterie gewechselt haben möchte. Jetzt!

Pah, ich bin Mutter. Und müde. Bis der nicht lernt, „Mamaaaa!“ zu rufen, hat er Pech. Ich schlafe also weiter, trotz penetrantem Piepton. Mir wurscht, ich kann immer und überall schlafen. Schlafen ist quasi meine Kernkompete… „Mamaaaaa!“, gegen sechs.

Das Foto zeigt gut, wie verschwommen ganz offensichtlich mein Blick war. Scheiße, es ist noch nicht mal hell draußen!

Auf dem Frühstückstisch hockt ein Dino aus ner Juniortüte und guckt mich dämlich an. Ich denke mir so, Moment, wie guckt der denn?! Und dann fällt es mir auf. Der guckt wie ich, wenn der Kleinste mal wieder unbedingt mit aufs Klo will irgendwo in einem öffentlichen Gebäude, dann aber alles langweilig findet, die Tür öffnet, entschwindet und ich zum einen noch nicht fertig bin und zum anderen mit meinen kurzen Ärmchen nicht an die Türverriegelung komme. Genauso guckt der! Ich kenne das.

Aha. Ein kackender Dino also. Ich glaube, die Burgerbratkette, die solches Spielzeug in ihren Juniormenüs versteckt, muss Kinder wirklich hassen! Abgrundtief.

Dinos sind gerade Thema. Ich muss mir immer Geschichten ausdenken zu den Dinos. Vor allem das Bild von einem T-Rex, der soeben einen kleineren (irgendnen blauen) Dino beißt und dessen Blut spritzt, hat es dem Kinde angetan. „Warum beißt der den? Will der den fressen? Ist das Blut? Warum ist das Blut? Wo ist mein Blut? Hab ich auch Blut? Beißt der Dino mich auch? Was machst du dann, wenn der Dino mich beißt?“. Wenn ich alles wiederkehrend beruhigend beantwortet habe, erklärt das Kleinchen meist, das sei ja auch gar nicht schlimm, dass der eine Dino den anderen Dino fräße. Schließlich käme der andere Dino ja wieder hinten raus. Als Dinokacke!

Kackdino, Dinokacke, alles noch vor dem Frühstück.

Später dann überlasse ich die Nachkommen dem ursächlich für ihr Vorhandensein Verantwortlichen und verdufte! Ich bin zum Brunch eingeladen. Ein fünfzigster Geburtstag.

Noch vor kurzem war ich erst auf dem fünfzigsten Geburtstag meiner Schwiegermutter und habe dort mit meinem Mann getanzt. Waren nur alte Leute außer uns dort… Moment, au Backe! Das war vor zwanzig Jahren!

Jetzt gehöre ich also zu den alten Leuten, denke ich mir so, als ich in der Wachbergschänke eintreffe. Fünfunddreißig Jahre kenne ich den Kerl, der dort im Anzug mit Brokatseide neben einer Tafel steht und aussieht wie ein englischer Landlord. Mein Herz ist ganz komisch, ich sehe ihn vor mir mit Robert-Smith-Gedenkfrisur und schüchtern und schlaksig und uns beide in selber genähten Klamotten aus schwarz eingefärbten Bettlaken von Omas Aussteuer, mit fetten Metallketten um Hüfte und alle Gelenke. Ich sehe uns rauchend nächtelang philosophieren über das Leben im allgemeinen und das zwischenmenschliche im besonderen. Die Hintergrundmusik gern von Anne Clark, Cure oder The art of noise beigesteuert. Wir waren niemals ein Liebespaar und dennoch stünde er definitiv auf der „wichtige Männer in meinem Leben“-Liste, wenn ich denn eine „wichtige Männer in meinem Leben“-Liste hätte.

Und jetzt das hier. Gediegen. Er im Anzug, ich mit Perlenohrringen. Das ist wirklich, wirklich seltsam. Und wieder einmal denke ich, Altern ist nur äußerlich. Ich erkenne in dem englischen Landlord mit dem distinguierten Auftreten noch immer den Jungen von einst und wie ich dort stehe und wir uns lächelnd betrachten, denke ich, er sieht auch das pummelige Mädchen mit den mit Kernseife toupierten Haaren und dem maladen Selbstbewusstsein.

Die alte Scheune von der Wachbergschänke zu Dresden Wachhwitz (oder Pappritz?) – die Feierlocation des Samstags

Auf´m Teller: Saltimbocca von der Hähnchenbrust mit Grillgemüse, Caprese und ein Semmelknödel mit Soße. Hinterher rote Grütze mit Vanillesauce. Drumherum sehr lustige Unterhaltung und viel Gelächter mit den anderen alten Menschen.

Ich finde diese Bank soooo schön! Und außerdem kann ich dem Drang, mich darauf auszustrecken und hemmungslos zu schnarchen kaum widerstehen…

Abends dann wie stets bei Nieselpriems Offlinespieleabend. Der Mann ist dran mit aussuchen und mal wieder gewinnen die Würfel.

Also eigentlich gewinne ich, und zwar zwei von drei Spielen (erst Phase 10 und danach Kniffel) und natürlich habe ich meinen Mann beglückwünscht zu seiner tollen Wahl, die Ehefrau betreffend. Das sei ja sonnenklar, von wegen Glück im Dings und Pech im Bums oder so. Er hat mich seltsam angesehen, keine Ahnung, wo der noch überall erfolgreich ist… ich war dann müde. Gute Nacht!

Sonntag Morgen fotografiere ich die Küchenwanddeko…

…und die Blumenvase. Ich habe ehrlich keine Ahnung warum! Menschen machen einfach seltsame Sachen, wenn sie müde sind.

Ach so, deshalb. Dieses Geschirr muss weichen. Kann ich damit jemandem eine Freude machen? Am besten bitte einem Jemand aus Dresden, wegen dem Abholen.

Das Gute daran, dass der Blondino und ich nun schon seit Jahren das Morningteam hier machen ist, dass mittlerweile klar ist: Nicht ansprechen! Jeder macht seins! Bis die Kaffeetasse von Muttern leer ist! Das klappt. Das Kind hämmert auf der Janosch-App rum und ich…

… schwelge im Kindergartenalbum, das wir uns übers Wochenende ausgeliehen haben.

Danach sitzen wir im Auto und hören zwanzig Mal die bärtige Frau. Die olle Ritter-Rost-CD gehörte schon dem Bubi und ich weiß noch, wie furchtbar den immer grauste vor der bärtigen Frau. Dann saß der Mann abends oft bei ihm am Bett und erklärte, auch er hoffe, es gäbe keine bärtigen Frauen. Denn er würde sich ganz genauso fürchten!

Nun also das furchtlose Kleinchen, das sich zerkugelt, wenn ich meine Stimme verstelle und mitsinge, Grimassend ziehend.

Ach so, und im Auto sitzen müssen wir, weil das Kind als selbsternannter Inschinör das Musikabspielgerät zerstört hat.

Danach hängen wir im Garten rum.

Für mich wird gekocht.

Was gibts denn? „Fisch mit Zucker und Eichelpilze!“. Ah ja. Hmm.

Danach kocht der Baby Chef de Cuisine Eierkuchen, die hierzulande Plinsen heißen. Ich versuche mich im Wenden mittels Pfannenflip, aber der Mann, der das filmen sollte, fand: „Naaa, dös war nix!“. Also kein Filmchen davon.

Davor auf´m Teller: Tomatensuppe mit Reis und Käsewürfeln.

Nachmittags wieder Rumhängen im Garten. Ich weiß, spektakuläres Wochenendprogramm.

Ich bin ja immer froh, wenn in dem dunklen Waldgarten irgendwas wäschst. Also irgendwas außer Efeu und wildem Wein. Siehe da, Prunkwinden oder Wicken oder wie auch immer, diese Rankdinger jedenfalls wachsen fleißig und ich habe schon Samen für nächstes Jahr ernten können.

My Kryptonite. Schnecken hasse ich wie die Pest. Das Kind sammelt auch sehr gern leere Häuser aus den Beeten, es gibt viele leere Schneckenhäuser bei uns. Und viele volle! Jemand, der kackende Dinosaurier als Merchandise kreiert, wird sicher im nächsten Leben als Schnecke sein Dasein fristen müssen. Karma!

Was haben Schnecken und die Frau Nieselpriem gemeinsam? Nein, „Flutschig untenrum“ ist komplett falsch, also sage mal! Beide lieben Basilikum, das ist die korrekte Antwort. Wobei so eine Schneckenfamilie einen Basilikumbusch mit Strunk und Stiel wegschnabbert, bis wirklich übererdig rein gar nichts an den Basilikum erinnert! Ich muss immer wieder nachpflanzen, wobei ich feststelle, an diesen Trog gehen sie nicht. Womöglich wegen dem Liebstöckel darin? Vielleicht mögen Schnecken keinen Maggi-Geruch?! Weiß das jemand oder bin ich jetzt Erfinder oder was?

So, noch irgendwelche Grünzeugbilder, alte Menschen fotografieren ja gerne Blumen.

Und während die fleißigen Familienblogger ihre „Wochenende in Bilder“ verbloggt haben und bei Susanne verlinkt, die diese Posts sammelt, hatte unsere Heldin leider beide Hände voll zu tun. Und die Augen auch, es lief nämlich „Nice guys“.

Integrationsstatus

„Und was ist eigentlich mit Paul?!“,

fragte neulich eine Leserin.

Ja, Paul. Das elfte Schuljahr unseres Sohnes neigt sich dem Ende und wie vor einem Jahr angekündigt, ist es nun wirklich Zeit, sich zu verabschieden von unserem besonderen Integrationshelfer.

Sechs Jahre war Paul nun schlussendlich bei uns, eine kleine Ewigkeit. Für ihn sind die Koffer gepackt, er zieht nach Hamburg um dort in einer WG zu wohnen und ein neues soziales Projekt anzunehmen. Wir werden uns wiedersehen, so wie man Freunde wiedertrifft, die die Stadt verlassen haben. Unsere Erziehungspartnerschaft aber endet (und diesmal endgültig) mit dem scheidenden Schuljahr.

Ich denke oft, wie viel Glück wir hatten mit Paul, dem unkonventionellen Kindergärtner, der nicht mal Sozialpädagogik studiert hatte, aber in all den Jahren einfach intuitiv „das Richtige“ machte. Der sich unter den Lehrern als Kollege etablierte und unter den Schülern als cooler Typ, der immer mit dabei war und den man besser zum Freund hatte.

Was wird sich ändern? Wir werden auch im nächsten Jahr Schulintegrationshilfe haben. Die Genehmigung ist quasi bereits erteilt (für Interessierte: Zu beantragen sind derartige Leistungen beim jeweils zuständigen Jugendamt, ASD – „Abteilung Soziale Dienste“). Unser Bubi besucht aktuell die elfte Klasse eines beruflichen Gymnasiums und wird laut Plan nach Klasse dreizehn sein Abitur machen. In Klasse zwölf jetzt wird das Kurssystem eingeführt und der Klassenverband, wie ihn der Junge bis dato kannte, aufgelöst. Das birgt ganz sicher noch einige Hürden und Herausforderungen. Aus diesem Grund bin ich froh, dass wir noch ein weiteres Jahr die Hilfe genehmigt bekommen.

Was macht so ein Integrationshelfer denn eigentlich, fragt sich womöglich manch ein lesender Mensch hier. Ich denke, ein guter guckt immer, wo und an welchen Stellen das Kind im Schulalltag Unterstützung braucht. Das können von Klient zu Klient ganz unterschiedliche Arbeitsbereiche sein, denke ich. Genauso, wie diese Arbeitsbereiche sich verändern mit höherer Klassenstufe und Alter des Schülers. Unser Paul hat den Bubi im Unterricht begleitet für zwanzig Stunden pro Woche und Probleme nachbereitet. Außerdem war er mit den Lehrern im Gespräch, besonders natürlich mit denjenigen, wo unser Junge im Unterricht Probleme bekam aufgrund des Unterrichtes. Das sind Fächer, in denen Analysefähigkeiten im sozialen Bereich, Meinungsbildung und Austausch, Diskussion erforderlich waren. Ethik, Gemeinschaftskunde, auch Geschichte zum Beispiel. Bei „klaren“ Fächern wie Mathe oder Chemie gab es niemals Probleme. Allenfalls bei der Methode zur Lösungsfindung…

Bei all den Themen hat Paul gecoacht, interveniert und moderiert. Es gab regelmäßig Auswertungsgespräche zwischen den beiden, Wochenziele und grafische Erfolgsmessungen. Einmal wöchentlich ein Wochenreport mit uns Eltern.

Die beiden waren ein gutes Team und wenn ich sehe, wohin wir gekommen sind und mit welchem Ergebnis, kann ich sagen: Und ein erfogreiches!

Jetzt wird jemand neues kommen. Wir haben ein bisschen kämpfen müssen, aber nun schlussendlich jemanden erfahrenes von der Autismusambulanz Dresden zugesagt bekommen. Es werden deutlich weniger Stunden geleistet werden können und ganz sicher arbeiten diese Sozialpädagogen anders als unser Paul, aber wir haben beschlossen, dass wir genau das gut finden werden! Denn zum Einen kommt da noch mal jemand zu uns, der einen anderen, unverstellten Blick auf uns, auf unseren Jungen, hat und dadurch andere Aspekte oder Entwicklungspotentiale sieht und zum anderen hat ja Integrationshilfe den Anspruch, dass sie irgendwann obsolet ist, sich erfüllt hat. Ich gehe im Moment davon aus, dass Ziel sein wird, diese auszuschleichen im kommenden Jahr. Wir werden sehen. Und ich werde es euch erzählen!

Wir haben noch ein sehr positives Erlebnis gehabt im vergangenen Schuljahr, Integration betreffend. Und zwar galt es, das zweite Schülerpraktikum zu absolvieren und Vorgabe war für die Schüler der Informatikklasse, es musste ein IT-Unternehmen sein! Nun gibt es glücklicherweise im Dresdner Umfeld jede Menge IT-Buden, ich sah da kein Problem für die paar Kinder. Oha.

Es hagelte bei allen jede Menge Absagen, am Ende musste die Schule selber ein Schülerpraktikum für zwei Wochen inhaltlich organisieren, um doch einigen Schülern überhaupt eine praxisnahe Wissenserprobung zu ermöglichen.

Unser Sohn hatte sich bei drei großen Firmen beworben. Zwei sagten ab, eine bot ihm einen Platz: die SAP. Und die haben mich echt überrascht!

Nach anfänglichen Schwierigkeiten beim onboarding (im Vorfeld zu absolvierende Online-Kurse zum Datenschutz, Firmenpolicy etc., alles auf Englisch) fiel mir siedend heiß ein, der Junge hatte zwar bei Schwerbehinderung die Checkbox mit dem „Ja“ angekreuzt, aber was ist mit Paul?! Dürfte der mitgehen?

Ich rief die Personalabteilung an. Ja, natürlich und herzlich willkommen auch für den Paul! Und sie freuten sich sehr auf unseren Bubi und seien gespannt überhaupt auf die zwei Wochen mit den jungen Leuten. Und was es denn bitte brauchen würde, damit sich unser Sohn wohl fühlen würde und wo es nach meiner Meinung nach Probleme geben könnte. Und wo sie – die SAP – gegensteuern könnten im Vorfeld?! Kann er mit einem anderen Schüler ein Laptop teilen oder wäre das schwierig, weil zu nahe Zusammenarbeit? Wie ist das mit offenem Arbeiten, Gruppenarbeit, Vorstellungsrunden, freiem Sprechen?

Wow.

Die Frau vom Personal schickte mir dann den geplanten Ablauf für die zwei Wochen und wir telefonierten im Anschluss ein weiteres Mal. Wir vereinbarten darin, dass alles so bleiben sollte wie geplant von der SAP und dass in schwierigen Situationen ad hoc reagiert werden sollte. Und dass der Paul dann da gern als Ansprechpartner fungieren sollte.

Das Praktikum lief an und unser Junge kam Abends begeistert nach Hause und überraschte uns mit so Stilblüten wie, er könne auch das Abi gleich abbrechen und bei der SAP anfangen, die würden auch ausbilden und wie cool sei das denn überhaupt dort. Und Mama, ich bin noch nicht mal der einzige Autist! Und weißt du Mama, ich wollte eigentlich zu Google zum arbeiten (Aha, nein, das wusste sie nicht), aber vielleicht gehe ich auch zur SAP! (Hm, okay.)

Die Personalerin rief mich im Laufe der Praktikumszeit an um mir zu sagen, dass sie den Bubi kennengelernt habe und dass alles sehr gut aussähe und ob ich Fragen oder Wünsche hätte, die möglicherweise der Junge an mich herangetragen hätte. Im Anschluss danach ein weiters Mal, um mir Feedback zu geben nach Rücksprache mit den Praktikumsbetreuern. Es sähe alles sehr vielversprechend aus und sie würden sich sehr freuen, unseren Bubi später einmal wieder begrüßen zu dürfen, als Azubi, Student oder Mitarbeiter.

Wow. Schon wieder. Ich meine – Hallo! – das war „nur“ ein Schülerpraktikum, aber so kann´s gehen! Mit ein bisschen mehr Fingerspitzengefühl, ein bisschen mehr Bereitschaft zur Dynamik, ein kleines bisschen mehr Blick auf den Menschen und: „Du bist ok, wie du bist. Wie geht es dir aktuell? Was brauchst du, um dich hier wohlzufühlen?“.  Das war echt ein tolles Erlebnis. Für den Jungen, weil er sich jetzt wirklich freut auf sein Arbeitsleben und motiviert unbedingt Informatik studieren will und meint, das wäre dann immer und überall bestimmt so cool wie bei SAP, und für uns als Eltern, weil wir wirklich sehen, dass sich in Bezug auf Integration in den letzten Jahren einigen getan hat. Nicht überall, noch lange nicht genug, aber dennoch spürbar! Das ist gut.

Und sonst so?

Ich treffe mich in dieser Woche noch mit einer mir bis jetzt völlig unbekannten Mutter eines relativ neu diagnostizierten Asperger-Sohnes um dort ein wenig Angst vor der Zukunft zu nehmen, Verunsicherung zu zerstreuen und ein paar „best practises“ im Behördenumgang zu teilen. Ebenso den Kontakt zur Elternselbsthilfegruppe und wenn´s gut mit uns beiden läuft, ein Stück Kuchen. Denn auch das ist Integration, sind Integrationsbestrebungen. Dass man die Tür aufmacht. Dass man „Willkommen!“ sagt. Und meint. Aber das wisst ihr ja. 🙂

To be continued.

 

 

Achtzehn

Der Kronsohn, unser Erstlingswerk, wird in drei Wochen achtzehn. Also ist er dann sowas wie erwachsen, auf dem Papier zumindest.

Ich meine, es war klar, dass dieser Tag irgendwann kommen würde. Genauso, wie immer klar war, someday baby, we´ll be old, oh baby. Und trotzdem guck ich in den Spiegel und denke, ach du Scheiße, wann ist das passiert? Warum? Und: Jetzt schon? So ist das auch mit dem Bubi.

Wie, der ist jetzt erwachsen?!

Komisch.

Wir Alten fragen uns zum Beispiel aktuell, wie wir ihm das seit seiner Geburt angesparte Geld auf dem Sparbuch nun schenken sollen. Ein Diskussionsgegenstand, der regelrecht skurril erscheint, haben wir doch ganze achtzehn Jahre jeden Monat auf das Kinderkonto überwiesen, für später. Nun ist es da, dieses „später“. Was heißt das, wie geht man jetzt damit um? Niemand hat uns vorgewarnt, wie verhält man sich denn entsprechend? Anders? So wie vorher? Was ist mit Rechten? Pflichten? Dürfen wir überhaupt noch Vorschriften machen? In seine Angelegenheiten reinreden, weil wir alt und weise sind und sowieso alles besser wissen?

Niemand bereitet einen darauf vor.

Ich habe noch den Duft seines verschwitzten Kinderkopfes (nach warmem Apfelkuchen) in meiner Nase und wie er eine „Fitzschnute“ zog als Baby, wenn ihm etwas nicht passte. Nichts davon erinnert beim Anblick des langbeinigen Kerls mit den (aktuell) blauen Haaren und der tiefen Bassstimme an dieses kleine Kind.

Wir haben noch Glück. Meine Freundin muss sich im Sommer von ihrem Sohn verabschieden, da dieser (obwohl eine Woche jünger als unser eigener) für ein Jahr nach Amerika geht. Unser Sohn zieht nur von der ersten Etage in den Keller in seine neue „Souterrain-Wohnung“. Also lediglich ein Abschied vom Kinderzimmer.

Wir Eltern gehen unterschiedlich mit der Gesamtsituation um. Während ein Elternteil gefühlsduselig die neue Bleibe hübsch machen möchte (Lichterketten, Schwarzlichlampe, Poster), schnauzt das andere Elternteil, das sei völlig übertrieben und dem Sohn gefalle das gar nicht. Und: Immer musst du was einkaufen! Kaufen, kaufen, kaufen! Da wo unser Geld herkommt, gibts ja unbegrenzt Nachschub, nicht wahr? Und wenn es dann nach drei Wochen nicht mehr gefällt, fliegt es einfach auf den Müll! Nein, sage ich. Also das andere Elternteil.

Ich bin ja mal gespannt, wie das Zeugnis aussieht dieses Jahr, sagt das eine Elternteil. Was soll schon sein, das andere. Zwei Komma fünf im Durchschnitt wird es, hat er mir gesagt. Was?! Zwei Komma fünf?! Dann brennt die Luft. Der ist so stinkenfaul, immer nur zocken hat der im Kopf! Nichts hat er gemacht für die Schule in diesem Jahr! Ja, aber sieh es doch mal anders, sagt das andere Elternteil, er hat also mit Null Lerneinsatz die elfte mit zwei Komma fünf geschafft! Da ist jede Menge Luft nach oben! Ganz genau, sagt das der andere. Jede Menge Luft. Er nutzt seine Potentiale nicht, er hat null Biss! Dieses strunzfaule Rumgedahle, lalala, scheiß doch drauf, wird schon irgendwie, das kotzt mich sowas von an, sagt das eine Elternteil aufgebracht. Mann, du redest uns hier echt Probleme herzu, wo überhaupt keine sind, interveniert das andere Elternteil beim Kisten von oben nach unten tragen. Du meckerst immer nur an dem rum! Der steht jeden Morgen auf und geht in die Schule mit gutem Ergebnis, er säuft nicht, nimmt keine Drogen und wenn er auch nur fünf Minuten später nach Hause kommt als vereinbart, schreibt er mir ne SMS! Ich weiß nicht, was du immer willst von dem?!

Ich will, dass der mal ein ordentlicher Kerl wird! Mir wäre lieber, er würde sich mal besoffen prügeln und die Nächte um die Ohren hauen! Ach so, jetzt verstehe ich, sagt das andere Elternteil. DAS ist es also. Weil er „anders“ ist und anders als du sowieso schon mal. Ja, genau, das ist es! Der ist kein bisschen wie ich! Wie soll ich mich da identifizieren? Weißt du, wie gemein du bist, sagt das eine Elternteil, der joggt mit dir, er stemmt Hanteln, er blickt noch immer zu dir auf, alles nur, um dir nachzueifern und du merkst es nicht mal. Und außerdem, ich will ehrlich gesagt nicht, dass der so wird wie du warst! Den Eltern den Mercedes geklaut und ohne Führerschein besoffen zur Disco über die Dörfer gebrettert! Gekifft, geprügelt! Ach, komm, das gehört doch zum Erwachsenwerden dazu, beschönigt das so angeprangerte Elternteil, und ehrlich gesagt würde mir genau das gefallen! Mir aber nicht, widerspricht das andere Elternteil.

Du würdest ihn ja am liebsten noch an die Zitze legen, höhnt der eine, das war schon immer das Problem! Du hast ihn von Anfang an zu sehr verhätschelt! Und du hast von Anfang an ein völlig übersteigertes Anspruchsdenken an den Jungen gehabt! Ich weiß gar nicht, was mit dir los ist. Warum kannst du den Jungen nicht einfach so annehmen, wie der ist. Weil der kein bisschen wie ich ist!, sagt das andere Elternteil. Weil der sein Leben einfach verdaddelt! Weil der keine Ziele hat! Ach, hör doch auf, nölt das andere. Du hattest mit achtzehn nur das Ziel, ne geile Zeit zu haben! Du warst nicht auf der Penne, du warst auf der Baustelle. Penne und Ziele, das kam alles später, du hast es nur vergessen. Niemand von uns hat auf dem geraden Weg sein Abi gemacht und studiert, bei dem Jungen aber sieht es so aus, als würde genau das passieren. Du aber maulst, er wäre faul und nicht fokussiert.

Mit zwei Komma fünf studiert der gar nichts! Ich sage dir was, wenn der in der zwölften noch zwei Komma fünf hat und ich den nicht mal ne halbe Stunde am Tag pauken sehe, nehme ich den von der Schule! Ja, da guckste! Ich zahle doch nicht das Scheiß Schulgeld für den, wenn der sich nicht mal am Riemen reißt und mir zeigt, dass er das wirklich will!

Du solltest dich hier mal reden hören, sagt das andere Elternteil. Dann sagt sie nichts mehr.

Sie würde ihn gern in den Arm nehmen und ihm sagen, dass er alles, alles richtig gemacht hat, in all den Jahren. Dass er ein toller Vater war und ist. Dass alles gut wird und dieser junge Mann, sein Sohn, seinen Weg gehen wird. Dass sie beide erleben werden, wie er Sonntags mit ihren Enkeln zum Essen kommt. Dass sie beide Gespräche führen werden, erwachsene Gespräche auf Augenhöhe, er und sein Sohn. Dass sie es sehen kann! Sie möchte ihm so gern sagen, dass sie froh ist, dass er in all den Jahren ihr Partner war. In den sorgenvollen Zeiten, in denen sie auf das Kind herabgesehen haben, hielten beide es an der Hand, der eine an der linken, der andere an der rechten. Wie froh sie über diesen Umstand ist. Und dass er stets wissend genickt hat, wenn ihr das Herz weh tat um diesen Jungen. Dass es okay ist, wie es ist. Dass er nachlassen kann, darf. Das möchte sie ihm gerne sagen.

Und während sie darüber nachdenkt und diese Zeilen schreibt, kommt das Blondchen in seinem Superman-Schlafanzug aus seinem Zimmer, legt den Kopf auf ihren Schoß und sagt, er wölle niemals fünf werden! Er wolle für immer klein bleiben und sie denkt: Ach, mein Herz. Es ist, als sei es vorgestern gewesen, als ein Kind mit dunklen Haaren genau dasselbe gesagt hat, mit dem Kopf in ihrem Schoß.

 

 

 

Schatz, danke, dass du mich gefunden hast, damals. Und danke für diese Kinder! Das ist, was sie dir sagen will. ❤

 

 

 

 

Aus dem Leben einer Mutter – Kurzepisode 1

Das Seniorenheim

Sie kennen das. Da gehen sie gemütlich zum wochenendlichen Entenfüttern an den nahegelegenen Fluss und just als die heimatliche Behausung aus dem Blickwinkel entschwindet, schreit das angedeihliche Fortpflänzchen zu ihrer Linken: „Muss kackorn!“.

Zum Glück haben die Städtebaumeister wohl genau aus diesem Grund alle drei Meter ein Seniorenheim mit Gästetoilette im Entreé errichtet.

Das bedürftige Kind verspürt naturgemäß keinerlei ursächliches Bedürfnis mehr beim Anblick des coolen Interieurs: Behindertentoilette, Notrufklingel, eine Riesenrolle Handtuchpapier… Aber weil sie schon mal hier sind, geben sie dem Kind ihr Handy, damit es nicht ins Klo fällt, wenn sie gleich…

 

Zum Glück hat das Kind weder Twitter- noch Instagram-Account. Bislang.