Erntedank

Nein, es geht hier nicht um Blätter und Wetter und die aktuelle Jahreszeit. Nein, das wird kein Herbstspecial. Vielmehr will ich etwas anderes erzählen, das für mich mit dem Wort „Erntedank“ zu tun hat, wenngleich im übertragenen Sinne.

Ich war die letzten fünf Wochen alleine mit meinem großen Sohn, wie ihr ja bereits wisst, und für diese Zeit bin ich so unendlich dankbar. Zwar war er dreizehn Jahre der „einzige“, weil Einzelkind und man sollte meinen, wir hätten doch in den vergangenen Jahren wirklich viel Zeit miteinander verbracht, aber das ist irgendwie anders jetzt. In den vergangenen sechs Jahren hatte er nie meine ungeteilte Aufmerksamkeit, der große Sohn, weil ich mich ja um seinen kleinen Bruder kümmern musste. Nun, da der Bärtige mit dem Blondino auf Kur weilt, sind es wieder nur wir zwei.

2006

Wer hier  schon länger mitliest, weiß, dass mein Erstlingswerk ein besonderer Junge ist, und das war und ist er wirklich. Sagen das nicht alle Mütter über ihre Söhne? Vielleicht. Hach, ich würde euch so gern ein Foto zeigen von ihm, von dem jungen Mann, der er geworden ist und ihn euch allen vorstellen! Das geht ja nun aber nicht und deshalb müsst ihr mir einfach glauben, dass er wunderbar ist! Und euch begnügen mit den Kinderfotos, die ich euch zeige.

Ich habe mal behauptet in irgendeinem Kontext, dass ich glaube, die einen haben schlimme Jahre mit ihren Kindern vor deren zwölftem Geburtstag und die anderen eben danach, wegen der ausgleichenden Gerechtigkeit. Ich weiß natürlich nicht, ob das stimmt, habe aber genau diese Erfahrung hier gemacht. Mit dem Großsohn.

Der war sein ganzes Kinderleben „komisch“, wurde abgelehnt von Bezugserwachsenen, anderen Kinder, weil er sich partout nicht „normgerecht“ verhielt und irgendwie nicht zu kapieren schien, wie das mit dem normativen sozialkompetenten Verhalten funktioniert. Ich denke, ab dem zweiten Geburtstag ungefähr ging das los. Von da an war ich permanent zu Gesprächen bei Kindergärtner*innen, Kinderspycholog*innen, Lehrer*innen und so weiter. Ich habe mir jahrelang zu Herzen genommen, was sie schlechtes über meinen Sohn sagten. Es traf mich in der Mitte, mittenrein, jahrelang. Ich ging zu Eltertrainings, bei denen ich in Rollenspielen lernen sollte, wie ich meinem Sohn Grenzen beibringe. Ich saß auf Stühlen, Hockern, Sesseln und hörte irgendwelchen Experten und Respektspersonen zu, wenn sie mir erzählten, was alles an meinem Kind nicht stimmte und wie ich (!) doch mit meiner Vorbildhaltung und meinem Erziehungsauftrag dort gegenzusteuern hätte.

Das ging zehn Jahre so. Zehn. Jahre.

Mein Sohn war ein wunderbar fantasievolles, übersprudelndes Kind, das sich mehr und mehr in sich zurückzog, da er die Ablehnung durchaus spürte und nicht wusste, was er denn tun könnte, um dazuzugehören. In all den Jahren hatte ich so viel Kummer, Herzschmerz und ich sorgte mich so unendlich. Was sollte denn nur aus diesem Jungen werden? Wird er jemals Freunde finden? Anschluss in der Gesellschaft? Was habe ich nur falsch gemacht?! Mein Leben als Mutter dieses Kindes erschien mir wie eine niemals endende Prüfung. Die Sorgen überlagerten oft die Freude, die mir dieser Junge eigentlich tagtäglich machte. Ob ich wollte oder nicht. Bei allen anderen Müttern in meiner Welt sah alles so leicht aus, so „normal“, nur bei uns war Chaos und Unverständnis, nur ich musste mich so abmühen, nur mein Sohn war so unbeliebt und ungeliebt. Außer von mir. Warum verdammt, warum?

Es waren beschissenen Jahre. Für uns alle. Und ich habe nicht vergessen, wer in meiner Familie und meinem Freundeskreis dieses Kind annehmen konnten, wie es war, und ihm Freundschaft entgegenbrachte. Es war nur eine Handvoll Menschen. Damals war das gesellschaftliche Bewusstsein noch nicht ausgerichtet auf Menschen mit anders gearteter Informationsverarbeitung, Asperger Autisten kannte keiner, ADHS wurde im gleichen Atemzug genannt wie „verzogen“ und „Kevinismus“.

2007

Es wurde besser. Tatsächlich wurde es besser, langsam erst, kaum spürbar, aber dennoch, ja.

Die Pubertät kam und während andere Miteltern aufstöhnten unter den hormonellen Verzauberungen ihrer süßen angepassten Kinder, hatte ich immer noch Sorgen ganz anderer Art. Nach wie vor erschien der Weg unseres Sohnes kaum vorhersehbar. Behindertenwerkstatt, betreutes Wohnen, dergleichen Begrifflichkeiten kamen in den Gesprächen vor, die wir Eltern führten. Gespräche, die anderen Eltern pubertierender Kinder erspart blieben. Was soll nur aus ihm werden? Wird er selbstbestimmt leben können irgendwann? Und immer wieder trotzte ich gegen die vorgegebene Norm: Mein Sohn gehört doch in keine Behindertenwerkstatt! Hallo?! Nur, weil ihr es euch leicht machen wollt mit Menschen, die im Gleichschritt neben euch marschieren? Dennoch, irgendwie wurde alles leichter während dieser viel beschriebenen, von vielen Eltern mit Schauder erwarteten, Pubertätsjahre. Mein Kind wurde erwachsen, einfach so.

Und jetzt lebe ich hier mit einem neunzehn Jahre jungen Mann, der dank Integrationshilfe im kommenden Jahr sein Abitur machen wird. Ein junger Mann, der mich neulich morgens weckte mit dem Worten, er befürchte, ich verschliefe sonst und die Kaffeemaschine habe er auch schon für mich angemacht. Ein junger Mann, der noch nie einen einzigen Tag Schule geschwänzt hat, der liebevoll und höflich gegenüber seiner Umwelt ist. Immer noch ein wenig zu sprunghaft manchmal, laut auch, aber irgendwie dennoch gereift, fertig beinahe. Jemand, der sich um Beziehungen bemüht und Freundschaften versucht zu pflegen. Der auswendig lernt, wie charmantes Verhalten geht, weil er es so gern sein möchte. Charmant, beliebt. Und dem es immer öfter scheinbar spielend leicht gelingt.

Ich sehe ihn an und das was ich fühle, versuche ich zu beschreiben, denn das ist ganz und gar wundervoll. Ich blicke auf zu ihm, er ist größer als alle Menschen in unserer Familie, sehe in seine sanften großen nahezu schwarzen Augen und denke, dass es wirklich niemanden auf der ganzen Welt gibt, den ich so sehr liebe und auf diese Weise, wie ihn. Ich bin so unendlich stolz auf ihn. Und stolz auf mich. Das ist mein Sohn! Meiner! Ich sehe einen Garten voller Blumen und Pflanzen, der gewachsen ist unter meiner Obhut und gegossen mit meinen Tränen und meiner Liebe. Dort, wo niemand fruchtbare Erde vermutet hat.

Das, was ich mir viele Jahre überhaupt nicht vorstellen konnte, ist jetzt greifbar. Ich kann mir vorstellen, was mal aus ihm werden könnte. Nämlich alles! Aus diesem Jungen, auf den kaum einer wetten wollte noch vor zehn Jahren, ist ein toller junger Mann geworden. Einfach so.

2008

Das hier geht raus an alle Kleinkindeltern, die vollkommen verzweifelt sind, weil sich ihre Kinder nicht so entwickeln, wie sie sich das vorgestellt hatten. Das hier schreibe ich für alle Eltern mit Teenagern, die scheinbar von einem Tag auf den anderen außer Rand und Band zu sein scheinen. Das hier ist für alle Mütter und Väter, die sich fragen, warum gerade bei ihnen scheinbar nichts so funktioniert, wie es in den dicken schlauen Büchern steht: Glaubt mir, alles wird gut! Und ihr werdet staunen und euch freuen, wenn ihr euren Kindern beim Wachsen und Werden zuseht. Nichts ist umsonst. Jede Aufmunterung, jedes: „Ich glaube an dich, du schaffst das!“, jedes: „Ich bin so stolz auf dich!“, und jedes: „Ich liebe dich so sehr, schön, dass du da bist!“, ist wie Dünger, Langzeitdünger für die Entwicklung eurer Kinder. Und ihr werdet es sehen, später, alles geht auf. Ihr werdet ernten, was ihr sät. Das ist das Beste, das aus Liebe entstehen kann.

„Kleine Kinder, kleine Sorgen…“, dieser Spruch war gestern. „Große Kinder, großes Glück“, das ist morgen.

 

 

 

 

Ein Kaffee für Frau Nieselpriem

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Der Herbst der Liebe

Der Herbst der Liebe

Der Herbst ist da, und mit ihm der Specht. Das kommt jetzt nicht so überraschend, aber wartet mal ab! Ich bin ja nun alt und weise und habe zu allem eine Meinung, die aufgrund meiner Altersweisheit nun wirklich auch mal gehört werden sollte. Also hört zu.

Der Herbst ist die ehrlichste aller Jahreszeiten, da bin ich ziemlich sicher. Der Frühling benimmt sich wie eine Jahreszeit auf Pubertät: Gleißender Sonnenschein, dreißig Grad und im nächsten Augenblick Blitze und Hagelschauer. Raus aus den Klamotten, rein in die Klamotten, ja, nein, vielleicht, der Frühling ist anstrengend für die Gefühle. Der Sommer dann protzt mit seiner Obszönität. Alles ist hell, heiß und nichts bleibt mehr der Fantasie verborgen, über rein gar nichts liegt auch nur der Hauch eines Schattens. Wildfremde Menschen entblößen sich vor meinem kränkelndem Auge, liegen und sitzen schwitzend, Pheromone ausdünstend, ungefragt in meiner Gegenwart. In einem Schwimmbad zum Beispiel. Oder im Biergarten. Wer will das schon. Und Sex, also Sex im Sommer, nein wirklich nicht. Unter der kalten Dusche vielleicht, aber ich habe es doch mit der Hüfte und kann nicht so lange vorn übergebeugt… nein, also ich möchte diesen Teppich nicht kaufen.

(*Anmerkung der Redaktion: Die Autorin hat rein gar nichts mit der Hüfte, diese Behauptung wurde nur der Dramaturgie wegen aufgestellt. Die Autorin verfügt über elastische Gelenke, biegsam wie Weidenzweige im pubertierenden Frühjahr.)

Jetzt endlich, endlich, scheint das Jahr 2019 erwachsen zu sein. Der Herbst ist da. Man darf sich hinter einem Schal verstecken, der Anblick eines entblößten Stückchens Haut ist endlich wieder eine Überraschung, und abends kann man allein oder in selbst gewählter Gesellschaft heiße Schokolade oder meinetwegen Whiskey (oder heiße Schokolade mit Whiskey, ja, Rotwein geht auch. Saft auch! Milch von mir aus, ist mir doch egal, schweig, Stimme in meinem Kopf!) vor einem knisternden Feuer trinken und muss nicht schales Radler aus tropfenden Bierkrügen inmitten anderer Menschen auf kippelnden Biergartenstühlchen saufen, weil das eben zum Sommer dazugehört! Bücher lesen, Hände halten, dem Sonnenuntergang zusehen, all das macht im Herbst viel mehr Spaß. Wer will schon die verschwitzte Hand eines anderen Menschen bei vierzig Grad im Schatten halten und wer hat denn schon Zeit stundenlang zu warten, bis die renitente Sommersonne endlich endlich untergeht. Und das Wetter. Also das Wetter ist wunderbar im Herbst. Ehrlich! Wenn es warm ist, dann fühlt es sich an wie ein Geschenk, das von Herzen kommt. Die Sonne hat eine goldene Farbe, nicht gleißend wie im Frühling oder heiß und unbarmherzig wie im Sommer. Die Herbstwärme dieser Sonne ist wie die Liebe einer reifen Frau.

In diese wunderbare, ehrliche Jahreszeit passt neben heißer Schokolade und Rilke-Gedichtsbänden auch super der Herr Specht.

(c) Michael Specht

Michael Specht geht wieder auf „Liebe nur“-Tour und mein Schlüpfer ist feucht vor Freude. Wen das jetzt irritiert, der lese sich doch bitte hier noch mal in den Kontext ein. Das mit dem Schlüpfer ist eine vollkommen normale Reaktion. Der Typ ist einfach heiß, ich denke, das kann jeder sehen!

Michael wie Michael Specht. Die menschgewordene Offenbarung aller Liebenden und Suchenden. Der Geheimagent unter den kulturellen Geheimtipps. Die sächsische Antwort auf Telly Savallas… oder irgendwas anderes. Ein Mann, dessen Äußeres so unbeschreiblich ist, dass der Naturschutzbund jüngst erklärte: „Der Specht ist der Vogel des Jahres 2014!“,

schrieb ich schon 2014 und nun flankt ein Teil dieses Zitates auf dem Tourplakat. Ich bin so stolz und fühle mich, als wäre ich die Mutter von Mario Götze, als der im Finale der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien gegen Argentinien in der 113. Minute das 1:0 für die DFB-Elf erzielte. „DAS IST MEIN JUNGE!“. Wobei ich sagen muss, dass ich wirklich keine mütterlichen Gefühle hege für Herrn Specht. Also eher Eisprung als Milcheinschuss, ihr wisst schon. Irgendwas davon lösen ja die meisten Männer aus…

Ich habe das Programm im Februar gesehen und selbstverständlich bin ich wieder mit dabei, wenn Herr Specht sich die Seele und sein ganzes Herz aus dem Leib spielt und singt, wenn die BHs durchs Boulevardtheater fliegen, Michael alle „Ursula“-s im Saal antanzt wie Elvis the Pelvis und Tempotaschentücher und Süßigkeiten in der Gegend rumwirft, vierzig Bier in zwei Stunden trinkt, sich an- und um- und auszieht, „Ich kenne eine Wiese schön, dort möcht´ich mit dir Bumsen, Bumsen, Bumsen pflücken gehn, Kathleen!“, singt und (hoffentlich) alle mitsingen. Und wenn Michael Specht dann „Gorbitz im November“, singt und die Gänsehaut des Saales wie eine Buckelpiste ist, die ich auf meinen Rührungstränen entlanggleite, dann werde ich diesmal danach meine kleine Faust in den Dresdner Nachthimmel recken, nämlich genau dann, wenn er seine Farbe von schwarz zu grau wechselt, und schreien: „Peter Fox, wisch die Kotze vom Kotti! Gorbitz im November, du Plagiarist!“.

(c) Michael Specht

Wie ist das mit der Liebe? Hat ein Recht auf Liebe in unserer von Filtern und Instastories beherrschten visuellen Welt nur derjenige, der mit BMI und allen optischen Eckdaten dem Mainstream entspricht? Und wer gibt all den anderen Sehnenden eine Stimme? Der Specht macht es. Und nimmt uns mit auf seine Suche nach der Liebe.

(c) Michael Specht

Der Schlüpfer hängt am Mikro – Party over „Liebe nur“ (c) Michael Specht

„Liebe nur“, zwei Stunden allerfeinste Unterhaltung für Menschen mit Herz und stufenlos einstellbarem Intellekt, gesprochen und gesungen. Es gibt eine intime Atmosphäre, sehr viel Bier, nackte Haut in Blümchenschlüpfern (zumindest definitiv auf der Bühne), Romantik, Gelächter und ganz viel Liebe. Ganz viel.

19.10.19 Dresden (Boulevardtheater)
31.10.19 Erfurt (DASDIE)
18.01.20 Gotha
25.01.20 Ebersbach (Filmtheater)
14.02.20 Naumburg (Turbinenhaus)

Tickets gibt es überall dort, wo es Tickets gibt und zum Beispiel hier.

„Liebe nur“-Aftershowfoto. Frau Nieselpriem und Herr Specht. Es ist noch immer Liebe, zumindest bei ihr.

Der Traum vom Vogel

Guten Morgen! Um die schwermütige Stimmung aufzulockern, die sich hier möglicherweise seit dem letzten Beitrag breitmacht, melde ich mich zurück mit schmutzigen Wahrheiten. Ja, auch verschwitzten.

Also die Heizung ist ausgefallen, Tag vier mittlerweile. Das macht auch Sinn! Wenn ich so eine Heizung wäre und streiken wöllte, nähme ich mir auch die ersten kühlen Tage des Jahres vor, an denen die Besitzer gern warme Füße hätten und ein Wannenbad am Abend. Wer braucht schon warmes Wasser während des deutschen Sommers?! Genau.

Jedenfalls schreibt mir die Vermieterin täglich, dass sie leider noch immer keine Rückmeldung vom Havariedienst habe. Was soll sie auch machen. Ich koche derweil Wasser auf zur Grundreinigung meiner exponierten Körperteile und überlege, bei wem ich mich heute zum Haarewaschen und Duchen einladen könnte.

Aber erst mal sitze ich hier, auf der Couch, das wusstet ihr ja nun bereits. So sieht das aus. Wenn meine Arme länger wären, könnte ich euch das auch in Gänze zeigen. Aber wer will das schon! Ungeduscht, in Socken, Schal und Gewänder gehüllt, pupse ich schamlos in meine Mollidecke, damit wir warm wird. Ihr habt genug Fantasie, ihr braucht kein Foto.

Und im Hintergrund singt Wiegald Boning: „Nimm mich jetzt, auch wenn ich stinke, denn sonst sag ich winkewinke und Good bye!“.

Letzte Nacht war hier was los! Pass auf:

Also, es ist kalt im großen Haus. Und leer, das wisst ihr ja bereits. Nun war es zusätzlich noch so, dass der Bubi bei seiner Freundin übernachtet hat und ich also komplett alleine war. Halt! Nicht ganz. Ich wohne nämlich in einem siamesischen Haus. Das heißt, unser Haus ist unterirdisch mit dem Nachbarhaus zusammengewachsen, ja-ha! Da gibts einen Gang durch die Kelleretage zum Lustwandeln. Das ist so gewollt und geschichtlich gewachsen. Warum, das tut hier nichts zur Sache. Außerdem gibt es noch eine „Panikwand“. Ich nenne die so, keine Ahnung, ob das der korrekte Begriff ist. Das ist auf dem Dachboden eine dünne Zwischenwand zum Dachboden der Nachbarn. Bedeutet, im Not- oder Brandfall oder während der Zombieapokalypse lässt sich diese Bretterwand von beiden Seiten leicht eindrücken und schwupps!, ist man im Nachbarhaus und hoffentlich in Sicherheit.

So, wir hätten also das Setting hinreichend beschrieben.

Gestern Abend dann hämmernde Geräusche, Schlurfen, es hallt durchs Haus. Die kleine Rike liegt im Bett, hält das Sudokuheft krampfhaft umklammert und lauscht. Schlurfen, Hämmern, Knallen, irgendwas ist umgefallen. „Hallo?! Hallo, ist da jemand?!“. Niemand antwortet, die kleine Rike in dem großen Bett in dem großen Haus denkt, der Havariedienst ist vielleicht gekommen. Abends um elf?! Hat man das schon mal gehört? Sie erwägt, ob es vielleicht sinnvoll wäre, direkt auf den Dachboden zu huschen und die Panikwand zu durchqueren, um bei Nachbars ruhigen Schlaf zu finden. Aber unsere Heldin ist mutig und tapst die Treppen nach unten, bekleidet in dicke Wollsocken, Schlüppi und eine Strickjacke. Was könnte als Waffe herhalten? Kein waffenähnlicher Gegenstand in Reichweite. Dann wird sie die Eindringlinge (es sind mehrere, da ist sie sich sicher) eben mit ihrem Anblick verscheuchen müssen. Noch während sie überlegt, dass es für die Dramaturgie eigentlich wichtig wäre, trüge sie einen ansehnlichen Morgenmantel und dass sie dringend einen anschaffen müsste, was gäbe sie denn für einen Anblick für die Mordkommission, wenn sie nicht nur nicht frisch geduscht („nicht nur nicht“, also zur Romancieuse wird dieses Frollein hier sicher nie umschulen), sondern auch noch unmöglich bekleidet oder eben unbekleidet gefunden würde und WANN würde man sie überhaupt finden! Und wer? Und ob sie dann schon stinken würde? Ab wann stinkt man denn? Ich muss das mal googlen, denkt sie sich, und dass der Morgenmantel cremefarben sein sollte, kein Lurexgarn! Also bitte, Lurex?!

Im Keller sieht alles so aus wie immer: Staubig, unaufgeräumt, unbemannt. Sie erwägt kurz, bei den Nachbarn zu klopfen um nach dem Rechten (und Linken; man sollte sich auch hier in der Formulierung politisch korrekt – heißt neutral – verhalten) zu sehen, entscheidet sich dann aber für den geordneten Rückzug in Richtung eigenes Schlafzimmer, nicht ohne während des Rückzuges jede Tür von innen zu verrammeln, zu verstellen, aus brandschutztechnischer Sicht völlig selbstgefährdend zu agieren. Egal, auch eine Heldin darf sich mal fürchten, alleine im großen, kalten Haus.

Sie fällt in einen unruhigen Schlaf und seltsame Träume.

Auf einmal steht sie in Pieschen auf der Markusstraße. Jürgen Vogel fährt langsam mit suchendem Blick an ihr vorbei, in einem alten Ford Fiesta (die Farbe ist ein blasses Flieder metallic). Jürgen Vogel hat seltsam große Ohren, die ihr noch nie im Kino aufgefallen sind und keinen maschinengeschorenen Kurzhaarschnitt, wie immer behauptet wird von der Lügenpresse und den Lügenmedien. Er hat dünnes langes Haar, das über dem Oberkopf nach hinten hängt in Richtung Nacken. Wenige, es sind sehr wenige Haare.

Jürgen will irgendwohin, scheint sich aber unsicher zu sein. Unsere Heldin fuchtelt herum, bis sie seine Aufmerksamkeit erregt („Erregt“, trifft hier eher auf unsere Heldin zu. Ich meine, Jürgen Vogel! J-Ü-R-G-E-N-V-O-G-E-L! Wie jeder weiß, verehrt sie diesen Schauspieler ob der Qualität seiner beruflichen Leistung und seines Sex Appeals. Und das stimmt. Und sie sind sich auch schon begegnet, nämlich bei der Preview von „Der freie Wille“ in der Dresdner Schauburg. Sie musste eher raus, weil der Babysitter angerufen hatte, damals, und Jürgen brüllte von unten von der Bühne hoch zu ihr in den Rang: „Hey! Warum gehst du schon?!“, und sie brüllte nonchalant zurück: „Weil ich muss!“, und er so: „Ach so! Na dann! Tschüss!“, und winkte grüßend zum Abschied. Seitdem behaupte sie gern, Jürgen und sie, also da wäre was, knickknack. Und natürlich würde sie post mortem in der Verfilmung ihrer Lebensgeschichte von Jürgen Vogel gespielt werden, Jürgen Vogel könne schließlich ALLES spielen. Und es gibt Menschen in ihrem Umfeld, die ihr mitteilen, dass sie soeben hinter Jürgen Vogel im Flieger von Köln nach Berlin gesessen hätten und dass Jürgen Vogel seine Schuhe ausgezogen hätte! Im Flieger! Aber das geht zu weit. Jedenfalls erkennt sie Jürgen Vogel auch mit übergroßen Ohren und seltsamer Frisur. Im blassfliedermetallicfarbenem Ford Fiesta. Er ist es! Zweifelsfrei).

Sie stellt sich ihm in den Weg und fragt, ob sie wohl helfen könne?! Jürgen erklärt, er wöllte zur Robert-Matzke-Straße, aber er habe sich verfranst (vielleicht hat er auch: „Verfahren!“, gesagt) und unsere Heldin erklärt lachend, in Pieschen mit dem Auto von A nach B zu fahren, sei unmöglich, sogar für Pieschener! Nahezu jede verf***te Straße sei wahlweise eine Sackgasse, eine Einbahnstraße, die in eine Sackgasse mündet oder eine Straße mit Sperrung in der Mitte, die man nur von der einen oder der anderen Seite befahren könne. Von welcher, das müsste man täglich neu probieren, da die willkürlichen Straßensperrungen nachts von Heinzelmännchen neu ausgewürfelt würden! Und er möge doch bitte sein Auto hier abstellen und dort um die Ecke laufen, da wäre dann die Robert-Matzke-Straße.

Als Dank erhält sie später am Tag ein braunes Päckchen mit der Post (oder Hermes?! Per Bote?!). Es enthält ein deutlich nach Pheromonen riechendes, also getragenes, Polyestershirt mit Kragen und Brusttasche. In der Brusttasche steckt der Reisepass von Jürgen Vogel. Hä?!

Sie nimmt Kontakt auf und will den Reisepass und das Stinkershirt zurückgeben. Jürgen steht vor ihrer Tür (die in der Markusstraße, also das alte Wohnhaus in Pieschen, wo sie früher gewohnt hat), nimmt das Shirt entgegen und – ZACK!- rechte Hand Flanschgriff an linke Titte!

BÄMM!

ALTER! Ich saß im Bett! WAR ICH WACH! Also so wach, wie man eben ist, wenn man auf einmal von Jürgen ohne Vorwarnung mitten in der Mitte angegegegegrapscht wird!

Und weil ich andauernd schräges Zeug träume und das aber meistens gleich wieder vergesse, bin ich durchs Haus geschlurft und habe überall das Licht gelöscht, das die ganze Nacht gebrannt hat (aus Sicherheitsgründen, ihr wisst ja nun Bescheid), die Zombiebarrieren entfernt und schreibe das nun zur dünngeistigen Unterhaltung des geneigten Publikums nieder. Und, weil ich nämlich nicht nur auf Jürgen stehe, sondern eine pathologische Affinität zu allerlei Vögeln pflege (Ha! Ich wusste es! Ich wusste, irgendwo bekomme ich noch „VÖGELN“ unter in diesem Text), muss ich euch was ganz, ganz schönes erzählen. Vom Specht nämlich, diesem hier. Der schrägste Vogel von allen! Aber das schreibe ich euch später, Vorspiel ist wichtig. Erst heiß machen und dann lauwarm abservieren, ihr wisst bescheid. Und wenn ihr nun denkt: „So viel Intro nur wegen einem einzigen komischen Vogel?“, dann habt ihr vollkommen recht! Das macht sie nur für einen ganz bestimmten komischen Vogel. ❤

Frau Nieselpriem, Herr Specht und eine Flasche Bier

Auf Wiederlesen! Und wenn ihr mal hinter Jürgen Vogel im Flieger gesessen habt und er sich die Schuhe ausgezogen hat, schreibt mir.

Ein Kaffee für Frau Nieselpriem

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Das schwere Schaf – Abschied von Bullerbü

Ich denke nach. Endlich habe ich mal Zeit! Also zuerst dachte ich nicht. Auch nicht nach. Zuerst war es so, dass ich morgens zur Arbeit ging, am späten Nachmittag nach Hause kam, Jacke und anderen Anziehkram über die Couchlehne schmiss, in der Küche einen angefressenen (oder einen neuen, je nach Füllstand) Becher Eis holte, Limo, Chips und die Fernbedienungen, mich sodann auf die Chaiselongue warf und dort liegen blieb, bis zwischen zweiundzwanzig und null Uhr die Gesichtsjalousie herunterging. Dieses Tagesprogramm wiederholte ich stringent eine Woche lang. Oder zwei. Ich aß kein Obst, ich aß meine Vitamintabletten nicht, ich schlurfte sogar manchmal ins Bett ohne Zähne zu putzen oder mich abzuschminken. Ich benahm mich wie ein Pubertier im Modus „sturmfrei“. Zwischenzeitlich überkam mich ein Gedankenanflug, und zwar, wie lange ich dieses verlodderte Verhalten wohl unbeschadet an den Tag und Abend legen konnte, ohne der Skorbut anheimzufallen. Ich wusste keine Antwort, zum Googlen war ich zu faul und ich musste ja auch die nächste Folge „irgendwas“ auf Netflix anklicken.

Was war passiert?

Der Bärtige ist mit dem Kleinsten auf Vater-Kind-Kur. Das macht er nicht, weil er (der Vater) oder es (das Kind) gekurt werden müssten, nein, das macht er (der Bärtige), weil die Mutter (also ich) dringend Erholung braucht. Jetzt könnte man lange darüber philosophieren, warum das so sei und wie man im Alltag und überhaupt, das Dorf, gerechte Verteilung von care Arbeit, gerechte Arbeitsteilung generell, gerechte Entlohnung, die eine Arbeitsteilung auch möglich machen würde, ich lasse das! Weil, das macht mich aggressiv. Das bringt mich nicht zu Ergebnissen! Außer, dass ich denke, ich pack am besten meinen Scheiß und haue ab, dann teilen wir wirklich gerecht! Eine Woche du die Kinder, eine Woche ich! Und in deiner Woche hänge ich sieben Tage faul auf der Couch. Also nach der Lohnarbeit, der ich ja noch regelmäßig nachgehen muss, um mein Netflixabo zu finanzieren. Nein, das sind Gedanken, denen ich keinen Raum lasse. Nicht mehr. Also habe ich jetzt Kur! Die einzige Kur, die mir wirklich Entspannung verschafft: Alle weg, Mutti alleine.

Der Großsohn ist auch noch hier, aber er und ich haben einen modus operandi, der super funktioniert. Wir lassen uns eigentlich total in Ruhe, und falls doch mal eine(r) von uns beiden Gesellschaft wünscht, deckt sich das glücklicherweise exakt mit dem Zeitpunkt, in dem das ebensolche Bedürfnis im anderen erwacht. Dann reden wir ein paar Sätze, essen eventuell etwas gemeinsam und gehen dann wieder unserer Wege. Meiner führt stets auf die Couch.

Das geht nun seit zweieinhalb Wochen so und langsam schmecken mir weder Chips noch Eis. Ich denke auch manchmal, dass es doch schön wäre, wenn irgendjemand zu mir käme und mich küssen würde. Und dass es schön wäre, mal einen Grund zu haben, von der Couch aufzustehen! Zwei Staffeln Mrs. Maisel, eine Staffel Working Moms, vier Staffeln Sherlock später, und ich sitze also hier.

Ich denke nach, das schrieb ich ja bereits. Ich habe lange nicht mehr geschrieben, ich weiß. Ich dachte, die Worte seien weg. Nach der letzten Depression war ich so leer, ich hatte Mühe, meine eigenen Gefühle einzuordnen und mich unauffällig im Tagesgeschehen zu bewegen, einfach nur teilzuhaben, dass ich einfach gar keine Energie mehr übrig hatte für irgendwelche Gedankenausflüge, die ich hier hätte niederschreiben können.

Blogger, was ist das. Ich habe mich nie verstanden als jemanden, logbuchartig seinen Tagesinhalt mitteilt.

Gestern war das Wetter mild, heute regnet es, morgen gibt es Fisch, eventuell bekommt das Kind Schnupfen, es hat so rote Augen.

Ich denke darüber nach, wie sehr mich alleine der Umstand verändert hat, dass ich diese Plattform hier für mich gefunden habe. Eigentlich wollte ich ja ein Café eröffnen in der Elternzeit (das stimmt wirklich). Während meiner Coachingausbildung bin ich dann mit der Idee des Secondhandladen-DIY-nett- und- lauschig-vegan-was-sonst-Elterncafé in eine Coachingsitzung gegangen und die endete, in dem ich laut ausrief, ich würde kein Café eröffnen! Nein, ich würde einen Blog launchen! Dass ich damit wirklich etwas machen würde, das mir persönlich so viel mehr einbringt als es ein Business jemals könnte, das konnte ich nicht ahnen. Oder doch? Scheinbar war es irgendwo in mir. Ich bin nach wie vor ein riesengroßer Fan von Coaching.

Jedenfalls (wer sich jetzt schon langweilt, darf gern nach hierhin abspringen) dachte ich (ich schrieb ja schon, dass ich das neuerdings wieder mache, weil ich gerade mal Zeit dazu habe), ich hätte nichts mehr zu erzählen. Geschichten formten sich nicht mehr in meinem Kopf, allenfalls kurze Sequenzen. Ich habe das sehr bedauert, betrauert. Genau wie ich noch immer der Zeit hinterhertrauere, die ich nicht festhalten konnte. Ich denke an die glücklichsten Jahre meines ganzen Lebens, die Elternzeit mit dem Blondchen. Diese Jahre waren ein Füllhorn an Liebe, Kreativität und so vielen Möglichkeiten, die sich alle auf einmal zeigten. Und alles war von Liebe getragen. Meine Sorgen waren klein, oder lösten sich gerade auf, mündeten in Ideen von Lösungen. Alles war möglich. Und ständig wurde geküsst.

Alles wächst, verändert sich. Ich wusste das und wehrte mich dennoch. Vergebens, ihr wisst das bereits. Und sorgenschwere Jahre kamen und hielten an. Und manchmal denke ich, ich habe meine Leichtigkeit und all meinen kindlichen Enthusiasmus verloren, meinen Glauben daran, dass wirklich, wirklich alles gut wird am Ende. Und dass wir uns immer noch jeden Tag küssen werden, wir alle, in Liebe. Sorgen über mehrere Familienmitglieder, sich-kümmern-müssen, sich streiten, Verantwortlichkeiten, die man übernehmen muss, obwohl niemand gefragt hat, ob einem selbst der Rucksack viel zu schwer ist. Und was soll das sein, dieses „müssen“? Warum müssen wir? Sagt wer? Und sich dann trotzdem fügen. Wir alle. Und sich nach Bullerbü zurücksehnen, wo das blonde Kind diagnosefrei und unschuldig seine ersten Schritte im taufeuchten Gras unseres Gartens machte, den wir nicht mehr haben. Verkauft und getauscht gegen ein großes Haus mit kleinem pflegeleichten Garten, in dem wir selten sind.

Alles wird besser, doch nie wieder gut. Diese Liedzeile aus einem Rosenstolzsong kam mir oft in den Sinn. Das Haus wird größer, das Auto PS-iger, die Arbeit mehr und die Liebe? Die Zeit? Das Glück? Ist das der Preis? Können wir dahin zurück, was wir hatten? Ist das möglich? Vielleicht, indem wir in eine kleine Wohnung ziehen, weniger arbeiten? Lassen wir dann die Probleme hinter uns zurück in dem großen Haus? Haben wir dann wieder „Zeit“? Zeit, um glücklich zu sein, Zeit zum Träumen von der Zukunft? Das mit der Zukunft ist im Moment so, dass ich noch nachdenke, was ich mir wünschen würde von ihr, da steht sie schon im Türrahmen und sagt: „Sorry, aber das ist nun leider zu spät! Ich bin schon da und bitte, hier, das ist es jetzt für dich! Viel Spaß damit!“.

Ich stand heute vor dem Garten, dem alten. Seit zwei Jahren gehört er nun einer anderen Familie. Alles ist zugewachsen, ein Zweig einer mir unbekannten Pflanze hat sich durch das zerbrochene Glas des Gewächshauses nach draußen gewuchert. Dort, wo der Mann in wochenlanger Schweißarbeit einen Rasen angelegt hat, wächst irgendwelches Kraut auf fast zwei Meter Höhe. Mein Rhabarber, mein Lavendel! Riesige Büsche sind mittlerweile aus den Pflänzchen gewachsen, die ich einst eingesetzt hatte. Aber alles wirkt verwahrlost. Ich stand dort an dem rostigen Tor und weinte. Es tat mir so unendlich weh! Ich habe nicht vergessen, dieses Grundstück ist ein Grab für all unsere Ersparnisse gewesen, hat sich wie eine verdammte Hydra benommen, was die Arbeit dort anging. Wir wurden niemals fertig. Das Haus, das Gewächshaus, die Umbauarbeiten, Marderschaden, Viehzeug, ich habe es nicht vergessen. Dennoch.

Ich habe auch nicht vergessen, wie ich vor mehr als neunzehn Jahren dort im Auto auf dem Beifahrersitz saß auf der Buckelpiste zum Garten und den Mann anschrie, wenn er nicht sofort langsamer fahren würde, würde ich auf der Stelle sein Kind gebären in diesem Scheißauto! Und ich sehe so viele Sommerfeste dort. Sehe meine Schwiegermutter, die wir vor drei Wochen beerdigt haben, wie sie ihre furchtbar ungenießbare Kirschtorte aus der Küche trägt, jedesmal wenn wir zu Besuch da waren. Ich sehe uns zwei selbst viele Jahre später den Garten zu unserem machen. Sehe mich erneut hochwanger in dem Garten, mit Gummistiefeln im Kartoffelacker und später unser Baby in dem kleinen Gitterbettchen unterm Dach. Ob das noch immer dort steht? Unter dem Dachgiebel in dem verfallenen Häuschen? Rückblickend denke ich (wie immer), wie scheiß glücklich wir doch waren und warum konnte es denn nicht so bleiben?

Ich schreibe dem Mann im Kurhaus, dass ich so unendlich traurig bin. Und schicke ihm Fotos.

Wir reden nicht, er ruft mich nicht zurück. Er schreibt mir, ich solle die Fotos löschen von meinem Handy!

Und dann schickt er mir Fotos. Fotos aus der Vergangenheit, in die ich so gerne zurückmöchte. Bilder, auf denen unser mittlerweile erwachsener Sohn lachend unter einem Rasensprenger steht. Auf einer gemähten Wiese. Bilder, auf denen der Mann mit dem Baby, das damals noch eines war, in einem Babyplanschbecken sitzt. Ich weine, lange. Und ich liebe den Mann sehr dafür. Mehr, als mir vorher bewusst war. Er schreibt, wir haben so schöne Erinnerungen, die Buchstaben verschwimmen.

Ich pflücke ein paar Blumen durch den zugewucherten Gartenzaun und sammle eine Handvoll Schoten von der unsäglichen Wicke am Gartenzaun, die niemals ganz im Zaum zu halten war und nun die Weltherrschaft anstrebt in Schrebergartenhausen. Die Samenhülsen breche ich zu Hause im pflegeleichten Garten neben dem großen Haus über einem Hochbeet auf und streue circa sechszig Samen aus. Ich will, dass etwas wiederkommt! Dass diese verrückte Schlingpflanze mich im nächste Sommer daran erinnert, dass das noch in uns ist. Dass diese Erinnerungen für immer bleiben und dass neue dazukommen werden. Mit großen Kindern, anderen Begebenheiten. Und dass auch Liebe Energie ist, die ja bekanntlich nicht verschwindet, sondern sich nur wandelt.

Ich finde, es ist langsam Zeit, dass die Jungs zurückkommen.

Und ich finde, es war wirklich an der Zeit, dass die Worte wiederkommen.

Auf Wiederlesen!

 

Ein Kaffee für Frau Nieselpriem

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Windelschals – upcycling aus Baumwollwindeln

Ihr wisst, was das Sprichwort bedeutet, „einen Bock zum Gärtner machen“? Genau, das ist, wenn die Frau Nieselpriem eine Nähanleitung zusammenschrappelt. Ausgerechnet ich, die ich weder korrekt die Fadenspannung einstellen kann noch saubere Nähte hinbekomme. Aber so kann man es ja auch sehen: Hier sehen sie das qualitative Downsizing für Nähprojekte! Sie finden, ihre Näharbeiten sehen Scheiße aus und haben krumpelige Ränder? Kein Problem, schauen sie gern hier vorbei und ab sofort sehen sie ihre eigenen Projekte in deutlich schmeichelhafterem Licht.

Gut, ich fange mal an. Das war eigentlich gar nicht geplant. Sondern es war schlichtweg so, dass die Freundin einen Stapel Baumwollwindeln übrig hatte und ich genau zwei Packungen Textilfarbe, nämlich Magenta und Antikgrau. Die Freundin überließ mir die Windeln und ich färbte einen Stapel grau und einen weiteren magenta.

Eine graue Windel bekam ein kleines Schmuckband – und ist fortan ein Halstuch für den Babyjungen der Freundin.

Eine große Windel mit Sternen habe ich nach dem Färben zum Dreieck gelegt und an den Enden verknotet – und das ist nun ein Halstuch für die große Tochter der Freundin.

Eine kleine Windel wurde mit einem Aufnäher versehen und ist jetzt entweder eine Tischdecke fürs Spielhaus im Garten oder ein Halstuch für eine Püppi. Das wird die Tochter der Freundin entscheiden.

Aus den übrigen zwei pinken Windeln und einer grauen habe ich einen Loop für meine Freundin genäht.

Nur Original ungebügelt mit komischen Nähten, echt Nieselpriem.

Als ich das bei Instagram gepostet habe, gab es einige begeisterte Kommentare und den Wunsch nach einer Anleitung. Versteh einer die Menschen… Aber gut, die Idee, die Sabbertücher vom Baby für immer um den Hals zu tragen, das hat nicht nur was aus ökologischer Sicht, das ist auch ein Stück gelebte Erinnerung. Ich mag die Vorstellung ja auch! Also dann.

So wirds gemacht:

Ihr braucht drei Windeln und zum Beispiel dieses Einfassband hier. Ihr nehmt einfach etwas, das zu eurer Farbe der Windeln passt.

Die Windeln und das Band werden abwechselnd zusammengenäht. Das Band ist deshalb super geeignet, weil es aufgeklappt ja schon durch die Knicke eine Kante zum Nähen vorgibt. Ihr passt auf, dass bei allen Stoffteilen die linke (oder hintere Seite) nach oben zeigt. Ich vergesse das je gern ab und zu.

Wenn ihr alles zusammengenäht habt, ergibt das eine circa zwei Meter lange Stoffbahn. Jetzt machen wir ohne Bilder weiter, weil ich keine Fotos vom „work in progress“ gemacht habe, aber ihr schafft das ohne, ihr seid alle hochbegabt!

Also ihr legt jetzt die Stoffbahn übereinander, ihr klappt den Stoff ein, sodass die Stoffbahn immer noch zwei Meter lang ist, aber nur noch halb so breit. Verstanden? Gut. Am besten ist es, wenn die schöne Seite innen ist, ansonsten klappt ihr euern Stoff noch mal andersherum. Schöne Seite nach innen, die linke Seite nach außen.

Jetzt näht ihr die Längsseite zusammen. Es kann sein, dass ihr vorher mit der Schere ran müsst, weil die Windeln nicht alle die gleiche Breite haben, das haben alte Baumwollwindeln so an sich, dass sie sich verziehen. Das macht gar nichts, schneidet das ruhig großzügig auf eine Breite. Dann also längs zusammennähen.

Nun solltet ihr einen Schlauch haben! Habt ihr?! Fein, jetzt kommt das finish, ihr seid gleich fertig. Ihr stülpt den Schlauch nun um, dass die schöne Seite außen ist. Nehmt ein Ende der Naht und legt es auf die andere Seite der Naht, Anfang auf Ende. Jetzt wäre ein Bild vielleicht schön, aber gebt euch Mühe, wir wollen das Ding zusammennähen, also ist klar, was ich meine, oder? Ihr habt jetzt beide Anfänge übereinander in der Hand, die schöne (rechte) Seite ist jeweils innen. Ihr habt also beide Enden in der Hand und seht vier Lagen Stoff. Ihr nehmt jetzt die beiden inneren Stofflagen zwischen die Finger und rödelt das Ganze unter der Maschine durch, bis nur noch ein Schlitz von etwa zehn Zentimetern frei ist. Ihr habt jetzt auch einen Knödel auf der Maschine liegen, das ist normal. Nun das Ganze umdrehen und sich freuen. Denn ihr habt nun einen Loop, wo ihr nur noch den restlichen Schlitz irgendwie vernähen müsst.

Wenn ihr diesen Absatz gelesen habt und die ganze Zeit: „HÄ?! WOTT?!“, denkt, dann bemüht euch mal bei youtube, dort zeigen begabte Näherinnen mit meist perfekt manikürten Nägeln, wie es geht.

Ihr schafft das! Am Ende noch mal durchwaschen und bügeln und schon kann der Herbst kommen! Ihr habt doch auch schon die Faxen dicke mit der tropischen Hitze, stimmts?

Und weil ich übelste neugierig bin: Ich würde mich freuen, wenn Ihr mir mal zeigt, was für eine Windelkunst ihr demnächst am Hals tragen werdet. Am besten bei Instagram teilen und mich markieren, ich teile die Fotos dann auch gern weiter. Wenn ihr mögt. Alles kann, nichts muss, also genau wie in so nem Swingerklub… 🙂

Viel Spaß beim Nachmachen wünscht euch

… eure schludrige Näh-selpriem

 

Ein Kaffee für Frau Nieselpriem

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Ein Foto von Gott

Ein Foto von Gott

Ich liege mit dem Fünfjährigen im dunklen Duft seiner Kinderbettwäsche und halte Händchen.

„Heute war Ausflugstag im Kindergarten, stimmts?“. „Wir waren in der Müllergalerie! Aber da gabs nur Bilder. Ich hab aber ein echtes Foto von Gott gesehen. Das war aber gemalt. Weißt du, Gott ist gar nicht unsichtbar! Der hat ein blaues T-Shirt an und einen Bart.“. „Aha, und was hast du sonst noch gesehen?“. „Adam und Eva haben einen Apfel gegessen, obwohl sie das nicht darfen, und da kam der Engel mit dem Schwert, das war nämlich kein netter Engel, und wollte die verkloppen mit dem Schwert, und da sind die abgehauen vom Paradies. Und da war ein Mann, der hat ganz viel Wein getrunken und dann ist der von seinem Löwen runtergefallen, weil der immer so viel Wein getrunken hat! Deshalb darf man nicht so viel Wein trinken. Mama, was ist Wein?!“.