Etappensieg

Etappensieg

Er hat es geschafft! Das besondere Kind hat den Endgegner Schule bezwungen!

Zwei Komma Null und die Zusage für einen Platz auf dem Beruflichen Gymnasium seiner Wahl. Ihr ahnt nicht, was mir das bedeutet. Was das für unsere ganze Familie bedeutet.

Grundschule und Mittelschule, zumindest die ersten Jahre, sind die schlimmste Zeit für jemanden, der anders ist als alle anderen Kinder. Keiner hätte auf ihn gewettet, außer uns. Und selbst wir hatten düstere Zeiten, an denen wir die Zukunft unseres Kindes eher skeptisch sahen und an manchen ganz besonders dunklen Tagen wussten noch nicht mal wir weiter, und manchmal noch nicht einmal, ob er überhaupt noch länger mit uns zusammen leben kann. Wochen, an denen der Familienalltag derart Kopf stand und ein „normales“ Leben kaum möglich war, weil sich alles, alles um den Jungen drehte, drehen musste, forderten uns heraus und nahezu alle unsere Kraftreserven.

Viele Leute, die ich kenne, lachen über Sheldon Cooper, aber kaum einer hat auch nur den Hauch einer Ahnung, wie es ist, mit einem Shellie zu zusammenzuleben.

„Wenn ich groß bin, studiere ich und werde Wissenschaftler!“, da war sich das Kind schon als ganz kleines sicher. Schulisch trotz nachgewiesener Hochbegabung zwischen Drei und Vier, in manchen Fächern versetzungsgefährdet. Niemand mochte auf diesen Jungen wetten.

Ich denke immer wieder an die diagnostizierende Ärztin, die mir vor sechs Jahren eindringlich sagte: „Halten sie durch! Wenn sie den Jungen durch die Pubertät gebracht haben, wird es besser. Bei fast allen Patienten ist das so.“. Ich wünschte damals so inständig, sie möge Recht haben und fürchtete mich so abgrundtief vor den Jahren, die noch kämen, bis denn „alles besser“ würde.

Und es wurde besser, sukzessive sogar und schneller, als ich dachte. Zwei Menschen, die in das Leben des Kindes traten, hatten an der positiven Entwicklung einen maßgeblichen Anteil: Der Blondino, der uns geschenkt wurde, und Paul.

Paul, der Integrationshelfer mit den unkonventionellen Ideen. Paul, der Beachvolleyballer. Paul, der tätowierte Hüne mit den neugierigen Augen eines Kindes.

Jetzt ist der Tag gekommen, sich von Paul zu verabschieden. Nach vier Jahren bei uns muss er auch mal etwas anderes machen dürfen. Etwas anderes als Schule. Rafting-Guide in Österreich könne er sich vorstellen, erzählt er mir. Oder Kinderbetreuer auf einem Kreuzfahrtschiff!

Der Junge sagt: „Nein! Kein anderer Betreuer!“, und fährt komplett fest. Dann, ein paar Tage und Gespräche später, mit uns und auch mit Paul, willigt er ein, es zu versuchen. Ja, ein anderer dürfte kommen.

Andere Schule, anderer Betreuer, wir wissen, das sind eine Menge Veränderungen auf einmal. Auch dem Jugendamt als Träger der Schulintegrationshilfe ist das Ausmaß der Herausforderung bewusst. Wir erbitten uns, dass Paul die letzten Wochen parallel mit dem „Neuen“ arbeiten kann und ihn briefen. Und natürlich als Backup für unseren Jungen da sein. Sie willigen ein. Die Suche nach einem Nachfolger zieht sich hin…

Dann der letzte Tag. Wir sitzen zur Feierstunde anlässlich der Zeugnisausgabe in einem Restaurant. Die Direktorin spricht, die Lehrer sprechen. Pauls Name fällt, … Danke dem lieben Paul, ohne den wäre vieles in den letzten Jahren deutlich schwieriger gewesen… Der liebe Paul windet sich. Alle klatschen, ich pfeife sogar. Er sitzt mir gegenüber, errötend und peinlich berührt.

Heute erst sind sie von der Klassenfahrt aus Italien zurückgekommen, übermüdet noch. Er hatte sich bereit erklärt mitzufahren, damit unser Junge auch dabei sein kann. In diese Zeit fiel sein einunddreißigster Geburtstag, sie haben ihm ein Ständchen gesungen, „seine“ Kinder. Nun klatschen sie. Alle. Er war viel mehr als nur der Integrationshelfer unseres Kindes. Er war Integrationshelfer für alle Kinder dieser Klasse. Er war Integrationshelfer für die Lehrer, die oft zum ersten Mal Kontakt hatten mit einem Kind mit Autismusspektrumstörung. Wir hatten großes Glück mit dieser Schule und diesen Lehrern. Und unserem Paul!

Unser Paul. Ich denke, es fällt auch ihm schwer, dieser letzte Tag und dieses „Tschüss, mach´s gut!“, in die Runde.

Wir gehen Essen im Anschluss, das ist verabredet. Ich rede zu viel, bin aufgeregt, wenigstens habe ich nicht geflennt bis jetzt! Während wir auf das Essen warten, hole ich zwei Glückwunschkarten aus meiner Tasche.

Zum erfolgreichen (ich kann es immer noch nicht fassen) Abschluss dieser Etappe bekommen beide, der Junge und Paul, einen Fallschirmsprung geschenkt von uns. In Pauls Karte habe ich geschrieben: „Ganz egal, wohin Deine Reise Dich auch führen mag, unsere Familie bleibt für immer ein Teil Deiner Lebensgeschichte und Du für uns immer ein Teil unserer Familiengeschichte.“…

Er freut sich. Also so, wie sich jemand freut, der Höhenangst hat. Ich sage ihm, dass ich ihm mein Kind anvertraue für diesen Flug, genauso wie ich ihm den Sohn in den letzten Jahren anvertraut habe. Und dass ich denke, dass das großartig wird für beide.

Paul sitzt mir gegenüber und nun kann ich nicht mehr länger warten. „Na,“ sage ich, „Wann gehts denn auf´s Kreuzfahrtschiff?“. Er schüttelt den Kopf. „Kein Kreuzfahrtschiff! Ich weiß noch nicht, was ich mache. Ich muss dann dem Bubi mal eine Frage stellen, davon hängt das ab.“. „Was für eine Frage?“, will ich wissen. Er schüttelt wieder den Kopf, er will es mir offensichtlich nicht sagen.

Ich bin irritiert…

… der Bubi seziert derweil seelenruhig seinen Goldbroiler…

Später, der Hosenscheißer tut das, was sein Name sagt und ich bin im Waschraum zugange und der Beste vertritt sich derweil die Füße, führen die beiden ein Gespräch. Nichts davon werden wir je erfahren. Aber als wir zurückkommen, sagt Paul zu uns:

„Ich möchte gern bleiben! Noch ein Jahr vorerst.“.

Ich fange an zu plappern, dass ich nun als nächstes einen Weltraumsprung organisieren werde zur Abifeier und dass wir uns freuen würden und lauter plapperiges Zeug, hektisch, mit flatternden Armen.

Er bleibt! Paul wird den Bubi auch auf dem Gymnasium begleiten, zumindest das nächste Jahr!

Heute Morgen dann sitze ich im Auto und auf einmal kommen die Tränen. Ich hätte nicht gewusst, wie ich mich hätte verabschieden sollen. Ich kann gar nicht sagen, wie nah mir dieser junge Mann geht, trotz aller Professionalität, die ja unsere Zusammenarbeit ausmacht. Ich sehe, was er für meinen Jungen war in den vergangenen Jahren und wie groß und positiv sein Einfluss. Ich bin so unendlich dankbar. Die Tränen rinnen, die Ampel wird nicht grün. Macht nichts. Dann sitze ich hier und heule an der Albertbrücke morgens halb neun. Vor Stolz. Der Bubi hat´s geschafft! Mein Kind hat es geschafft! Er wird auf die Penne gehen ab August!

Und Paul bleibt bei uns… ich heule immer noch, vor  Rührung und Erleichterung und auch, weil mir jetzt klar wird, wie sehr er mittlerweile zu uns gehört. Er bleibt!

Und wir werden sehen, wie weit die Reise noch geht für dieses Kind, auf das noch vor ein paar Jahren keiner wetten wollte. Und ab wann er seine Schritte alleine wird gehen können und wohin sie ihn führen. Ich nehme Wetten entgegen!

 

 

 

 

Milch für alle!

„Guten Tag. Meine Name ist Rike und ich habe keinen Pullermann!“

Warum ich euch das erzähle? Weil der Blondino es eh jedem verrät!

„Meine Mama hat gar keinen Pullermann!“, ist die Top-Meldung, die es zu verbreiten gilt. Und das nimmt er ernst. Quasi jede(r) wird darüber informiert. Ich kenne das schon. Von früher. Als der Große noch ein Kleiner war, gab es Mama und Papa. Papa sah so aus und Mama anders. Weil Jungs und Mädchen nun mal verschieden aussehen und wenn die Mädchen dann Mamas… äh… und die Babies… äh… ja, das war früher total einfach zu erklären!

Jetzt sind sie hier in der Überzahl mit 3:1 und es geht wieder los. Diesmal mit verschärfter Aufmerksamkeit auf mich, weil der Papa und der Bruder, also die sehen ja so ähnlich aus wie man selbst. Aber die Mama! Die Mama sieht ganz anders aus. Und die hat auch keinen Pullermann! Der fehlende Pullermann ist ständig Thema.

„Hast Du einen Pullermann?“. „Nein, ich bin ein Mädchen. Ich habe keinen Pullermann.“. „Isch will gucken…“, springt vom Stuhl und fährt mir unter den Rock! „Hast du keinen Pullermann?! Och, arme Mami. Sollsch ma trösten?“.

Pullermänner sind momentan total spannend und ich muss ständig bewundernde Worte finden für das in Größe, Form und Konsistenz wandelbare Puller-Instrument. Mal wieder. Gut, das war auch schon vor den Kindern so, aber als Mutter ist man da noch mal anders gefragt. „Guck mal, wie der groß ist! Der ist ganz groß, oder? Ist der groß?!“, „Ja, Schatz, der ist groß. Mach die Hose wieder drüber, ja?“.  Das ist alles normal, alterstypisch und ich habe das alles auch schon so oder ähnlich und ganz anders mit dem ersten Kind durch.

Nachdem das Großkind im Alter von sieben oder acht Jahren der Lehrerin, der Bäckersfrau und allen Leuten auf der Straße erzählt hat, dass seine Mutter nachts „…schwule Frauen im Fernsehen ansieht. Die reiben ihre Brüste aneinander!“, und ich ihm nicht begreiflich machen konnte, dass das kein Programm war, das ich geschaut hatte bevor ich eingeschlafen bin, ist mir eh nichts mehr peinlich!

Ich erinnere mich auch noch an ein Gespräch vor vielen Jahren, bei dem  ich dem Kind erklären musste, dass man sich nur im Schritt berührt, wenn man allein ist. „Aber Mama, weißt du eigentlich, wie schön das ist?!“, war die völlig verblüffte Antwort des damaligen Kleinkindes. „Ja, ich weiß das. Aber ( Achtung, jetzt kommts!) das macht man nicht vor anderen Leuten!“. Wisst ihr, was er geantwortet hat? „Und warum?“. Und nun sage mal einer, Kinder würden nicht die wirklich wichtigen Fragen stellen!

Meine Alleinstellungsmerkmale in dieser Familie umfassen aber nicht nur das Fehlen eines in den Augen des Kleinkindes zwingend notwendigen Körperteils, nein, ich habe dafür aber obenrum was in der Bluse. „Zeig ma die Brust!“, fordert der Dreijährige oft neugierig und guckt sich das alles ganz genau an. Natürlich weiß er auch, warum Mamas eine Brust haben: „Wenn die Mama ein Baby im Bauchnabel hat, hat sie Mülsch in der Brust! Schöne weiße Mülsch!“, erzählt er nun auch mitteilsam jedem, der niemals wagte zu fragen, und neulich erst der arme Paketmann…

Der DHL-Mann bekam bei der Übergabe eines Amazon-Paketes nicht nur die wertvolle Information: „Meine Mama hat Brustmülsch!“, sondern zusätzlich noch das Angebot: „Willsdu ma gucken die Brust? Hier…warte…“, und hilfsbereit machte es sich bereits an der Freilegung der abgelaufenen Milchpackung zu schaffen, während noch das Paket übergeben wurde.

 

 

Zum Glück ist das alles endlich und in ein paar Jahren wird er mich anpflaumen, ich optische Zumutung solle mich gefälligst verhüllen, er erblinde sonst! Und das auch schon, wenn er meiner nur in Slip und BH ansichtig wird. Ich kenne das bereits von seinem Bruder. Dann spätestens interessiert sich nur noch einer in der Familie für meine Alleinstellungsmerkmale.

Hoffentlich!

 

 

 

Wurzelschaden

Ich bin ja so oft umgezogen, dass ich einfach bei achtzehn aufgehört habe zu zählen. In manchem Jahr bin ich sogar mehrmals umgezogen, mit leichtem Gepäck. Keiner weiß mehr genau, an welche Wohnungstüren ich überall mal meinen Namen drangepappt habe. Ich am Allerwenigsten!

Nun, das f*cking Alter, werde ich wunderlich. Ich habe das Bedürfnis, Rosenstöcke vor die Haustür zu stellen und ein selbstgetöpfertes Türschild anzubringen (Du lieber Himmel!). Ich möchte wurzeln. Ankommen und bleiben. Ich fürchte, demnächst finde ich auch noch Gefallen an der Farbe Beige und Besuchen im Möbelhaus. Mir graust.

Pieschen war für die letzten sechs Jahre unser Zuhause (Pieschen ist ein Stadtteil in Dresden, für die Neuen hier.). Pieschen ist, nun ja, was für Liebhaber. Ich war Liebhaber! Ich mag dieses Angeschlonzte, Verrotzte ja irgendwie. Aber für die Kinder wollte ich was anderes. Keine Spielplätze mit zerkloppten Bierflaschen im Sandkasten. Keine Kothaufen-Rallye auf den Fußwegen. Stattdessen Grün und Vögelgezwitscher. Elbnähe, und zwar auf der schöneren Seite der Elbe.

Aber mit dem Wünschen ist das ja so eine Sache. Die Anforderungen waren wohl zu unspezifisch, denn: Et voila! Wir wohnen nun in Elbnähe, inmitten von Ahörnern, Linden, Tannen und Robinien, Vögeln und efeuumwucherten Mäuerchen. Und Blasewitzern.

„Wer aus Pieschen wird verwiesen, zieht nach Blasewitz oder Striesen!“ (Pieschner Redensart)

Blasewitz („Blowjoke“, wie ein lieber Freund der Familie es titulierte) ist nicht witzig! Nein, eigentlich lacht darüber wirklich niemand in Dresden. Blasewitz ist elitär und wunderschön und kein bisschen witzig. Hier, vom Bombenhagel des letzten Weltkrieges verschont, stehen hochherrschaftliche Villen auf großzügigen Grundstücken mit altem Baumbestand. Keiner brüllt hier des Nächtens volltrunken irgendwelche Schmutzparolen durch die Straßen. Hier werden die Tore verschlossen, auch tagsüber. Nachts ist es still, nichts übertönt das Schnarchen des Bärtigen. Es ist wunderschön. Und still. Endlich Ruhe!

Dennoch habe ich einen Wurzelschaden. Ich komme nicht „an“.

Ich werde mich mit den kommenden Zeilen wohl auch nicht beliebter machen in Blowjoke, aber wer liest das denn schon! Hier lesen bestimmt eh alle nur die Wirtschaftswoche…

Die neue Nachbarin nennt mich manchmal „gnädige Frau“ und meint das durchaus nett. Wenn von anderen Nachbarn die Rede ist, wird die Berufsbezeichnung mit genannt („Der Musiker und die Anwältin…“; „Der Architekt und die Physikerin…“). Abends sieht man hier Herren mit Slippern an den Füßen, auf denen Quasten rumbaumeln und einem Kaschmirpulli leger um die Schultern geknotet. Die erste echte Frau mit aufgespritzen Lippen habe ich in Blasewitz gesehen und mit offenem Mund angestarrt. Ebenso Stiefel aus Schlangenleder, wobei ich mich damit wirklich nicht auskenne.

In Pieschen stehen auch am Wochenende Leute morgens vor der Trinkhalle. In Blasewitz ist man am Wochenende morgens auf dem Tennisplatz im Waldpark.

Man „trifft“ hier nicht einfach andere Mütter irgendwo. Wir wohnen jetzt seit einem halben Jahr hier vor uns hin, alleine. Gegenüber wohnt eine Familie mit vier Kindern, aber ich denke nicht, dass es gesellschaftlich etabliert ist, wenn ich dort klingeln würde mit den Worten: „Tach! Ich bin die Neue von gegenüber und das ist der Blondino. Wollt ihr nicht mal zum Spielen zu uns rüberkommen?“. In Pieschen wäre das kein Problem. In Blasewitz habe ich Ladehemmung. Jeder ist hier für sich in seinem Haus mit dem schönen großen Garten.  Mir fehlen meine früheren Nachbarinnen und ihre Kinder. Ich bin wohl ein bisschen einsam…

Vielleicht liegt das auch an meiner eigenen Aufzuchtphase.

Die frühen Jahre: Neustadtkind mit coolen Klamotten vor baufälliger Wohnsubstanz, circa 1973

Ich bin in der Dresdner Neustadt geboren. Zu einer Zeit, als die nicht hip war und keiner wusste, was ein Hipster ist. Wenn man damals die Tür zur „Erlenklause“ öffnete, guckten einen durch den obligaten gelben Nikotinschleier zehn Leute an mit zusammen hundert Zähnen in der Gusche und hundert Jahren Zuchthaus auf dem Buckel. Graue, dreckige Häuserschluchten mit erstem und zweitem Hinterhaus und kaum einem kümmerlichen Baum dazwischen. Das war die Neustadt! Also bevor die hip-pen jungen Leute kamen. Und vor ihnen der Helmut Kohl und die Wende…

Prießnitzstraße 48. Das Fenster über der Einfahrt war früher die Stube meiner Oma.

Die Kinder spielten in den Hinterhöfen oder in baufälligen Häusern (die eigentlich nie abgesperrt waren, also im Sinne von wirklich abgesperrt) oder Kellern oder einfach auf der Straße. Einen Garten vorm Haus hatte eigentlich niemand. Nein, nicht eigentlich. Niemand, den ich kannte, hatte einen Garten vorm Haus! Die meisten hatten noch nicht mal ein Auto vorm Haus. Später dann schon, nach vierzehn Jahren Sparen und Warten.

Als ich im zarten Alter von achtzehn Jahren wieder in die Neustadt zurückzog, sagte meine Mutter entrüstet: „Wir haben wirklich alles darangesetzt, dass wir dich aus dem Dreck rausholen können und du? Du ziehst freiwillig wieder dahin zurück?!“. Genau.

Heute bin ich nur noch selten da. Zu modern, zu voll, zu hip, zu… und dennoch. Ich erinnere mich an die Wohnung auf der Waldschlösschenstraße und die Badewanne

Letzte Woche war ich da und bin bewusst und alleine durch die Straßen geschlendert. Ich habe mich erinnert, wie (War es 1985? Später?) „Beat Street“ in der „Scheune“ aufgeführt wurde, rappelvoller Saal, alle hochemotional geladen. Wie sich immer mehr junge Leute mit bunten Haaren und verrückten Klamotten auf die Straße trauten, sich in der Neustadt die Hausbesetzer breitmachten und die ersten „Cafés“ einfach illegal eröffneten. Einige davon existieren noch heute, sogar unter ihrem ursprünglichen Namen.

In dem Hinterhäuschen wohnte die alte Frau Goldmann. Die hatte nur ein Zimmer mit Küche und kaum Zähne. Ich fürchtete mich sehr vor ihr! Einmal war meine Cousine Antje da und ich fühlte mich urst mutig, hab aus dem Küchenfenster gerufen: „Huhu, du alte Hexe!“. Leider hat meine Oma das gehört und ich musste runter zur Frau Goldmann, mich entschuldigen. Antje auch, obwohl die gar nichts gemacht hat. Und die alte Hexe? Hat uns eine Banane geschenkt. Eine BANANE!

Das linke Fenster mit dem Ast war das Zimmer, das meine Eltern mit mir bewohnt haben. Das Fenster rechts daneben gehörte zur Küche. Dort habe ich rausgeguckt und die arme Frau Goldmann… ihr wisst schon.

Ich erinnere mich an Konzerte. „Kaltfront“, „Die Freunde der italienischen Oper“. An zehn fremde Leute, die irgendwie bei mir auf dem Boden schliefen nach einem Konzertabend („Hey, haste ne Penne?!“, gängige Frage damals an jedem Wochenende). Ich erinnere mich auch an Abende, in denen ich ohne Kohle, ohne Fahrschein in einem Zug stand und nach Berlin fuhr. Auf irgendein Konzert. Und nein, es war nichts mit Geige oder Piano. Nie.

Heute wachsen Blumen vor Frau Goldmanns Häuschen. Das hätte ihr bestimmt gefallen. Mir jedenfalls gefällts.

Prießnitzstraße achtnfürtsch. Einen Steinwurf entfernt ist die Talstraße. Dort wohnte mein Schwiegervater, als er noch nicht mein Schwiegervater war und der in die gleiche Klassenstufe ging wie der Bruder meiner Mutter und irgendwann einen Sohn zeugte, der dann zwanzig Jahre später die Tochter der Schwester eines Schulkameraden… könnt ihr noch folgen? Genau, der Bärtige ist auch ein Neustadtkind. Der wurde aber erst geboren, als ich schon lange evakuiert war aus er dreckigen Neustadt und überhaupt habe ich mich damals noch nicht für Babies interessiert…

Früher habe ich manchmal scherzhaft gesagt, falls eines meiner Kinder so eine verrückte Jugend hinlegen sollte wie ich, sperre ich es ein. In einen Turm, einen hohen. Für so zehn, zwölf Jahre! Heute würde ich vermutlich dafür sorgen, dass er genug Kohle in der Tasche hat und meine Nummer abgespeichert. Und eine Bemmenbüchse in seinen Rucksack schmuggeln…

… Oder ihn einschließen!

Ich habe letzte Woche in der sauberen, freundlichen, schicken Neustadt gesessen und auf Mareice gewartet. Und ich mochte das dort. Es ist bunt, jung, laut. Ist die Neustadt authentisch? Pieschen ist echt. Pieschen ist das, was die Neustadt mal war. Wird dann Pieschen irgendwann die neue Neustadt? Hm. Gibt es bald gar keine drecksche Ecke mehr? Keine die aussieht wie „früher“?  Meine Mutter sagt: „Bloß gut!“, und: „…Dass du das alte verkommene Haus fotografiert hast! Nee, also wirklich, wie das aussieht!“. „Ja, aber genauso sah es damals doch aus!“, erwidere ich. „So haben wir doch gewohnt! Nur nicht so schön bunt. Man muss sich doch mal daran erinnern!“. Nein, muss man nicht, findet meine Mutter.

Doch, finde ich. Mir hilft das. So für die eigene Ortsbestimmung.

Mareice hätte auch überall sonst in Dresden lesen können, aber hierher hat sie allerdings besonders gepasst. In die Neustadt.

Als ich an dem Abend dann sehr spät mit dem Rad über die Albertbrücke auf die andere Elbseite fuhr und das „Blasewitz“-Schild passierte, hatte ich mich ein bisschen versöhnt. Blasewitz kann nichts dafür. Ich bin eben ein Neustadtkind. Sozialisiert zwar, aber dennoch.

Am Wochenende darauf saßen wir (Überraschung!) auf unserem Grundstück in Blasewitz rum, als von irgendwoher (zwei Grundstücke weiter die Straße runter, ich glaube, die Villa mit den roten Klinkern) Kindergelächter und Geschrei zu hören war. Und auf einmal ein kräftiges Niesen. Ich brüllte beherzt über alle Gartenzäune: „GESUUUUNDHEIT!“ (Voll peinlich, ey, als wären wir in Pieschen!).

Und wisst ihr was? Zurück kam ein: „DAAAANKE!““. Ich denke, ich werde dort mal klingeln.

„Tach! Ich bin die Neue aus der achtzehn. Ham sie neulich mal genießt im Garten? Und wolln sie mal zu uns zum Spielen rüberkommen? Sie oder die Kinder? Wir haben weder Titel noch Familienstammbaum oder Kaschmirpullover, dafür aber immer kaltes Bier. Also nicht für die Kinder! Wir könnten uns Blasewitze erzählen beim kalten Bier!“.

Ich arbeite noch an der Ansprache…

 

 

Ich liebe meinen Zahnarzt (-Tag)

Heute ist ein weltweiter Feiertag, darauf wurde ich via Facebook aufmerksam gemacht. Von der Zahnarzthelferin meines Vertrauens. Genau, heute ist „Ich liebe meinen Zahnarzt-Tag“!

Es gibt ja für alles einen Feiertag, warum also nicht für Zahnärzte? An diesem Tag, also heute, soll man seinem Zahnarzt (das schließt jetzt Dentisten aller Geschlechter ein) seine Dankbarkeit ausdrücken.

Als mich also die Empfangsfee meines bemundschutzten Mister Grey auf dieses Datum aufmerksam machte, konnte ich meine Begeisterung kaum im Zaum halten. Verständlich! Ich bin nämlich Angstpatientin und hole jetzt mal aus…

Als ich vor vielleicht zwanzig Jahren zum ersten Mal die Praxis am Dresdner Fetscherplatz besuchte hineingeschleift wurde , lebte ich bis dato bestimmt fünfzehn Jahre ein zahnarztfreies, glückliches Leben. Ich hatte auch nicht wirklich vor, daran etwas zu ändern, schlossen doch die Sitzungen auf der Folterbank des Grauens für mich unsagbare Schmerzen und hauptsächlich eine entsetzliche Angst vor unsagbaren Schmerzen ein. Geprägt durch DDR-Zahnarzt-Besuche ohne Schmerzmittelbehandlung, dafür mit gebrülltem Kommandoton: „Jetzt reißen sie sich gefälligst mal zusammen, Frollein!“, taten ihr übriges zu meiner Aversion.

Ihr wisst ja alle, wie das mit Zahnärzten ist. Keine mag sie, alle brauchen sie. Irgendwann.

Damals fand ich in dieser Praxis gegenüber dem Counter ein gerahmtes Bild mit einem Sinnspruch in Richtung Behandlung von Angstpatienten (ich weiß gar nicht, ob das dort noch immer hängt), ich hielt es für ein gutes Omen. War es.

Der Zahnarzt sah aus wie Jürgen von der Lippe und hatte ein geduldiges, liebevolles Auftreten. Dass ich immer erst fünf Minuten heulte, bevor er in meinen Mund gucken durfte, wurde unser Ritual. Er ließ mich gewähren, und ich ihn. Es wurde gut. Oder zumindest besser! Mein Zahnstatus und auch meine Angst. Zahnarztangst lässt sich tatsächlich nur mit Expositionstraining beheben, heißt, durch immer wiederkehrende Zahnarztbesuche in möglichst kurzen Abständen.

Dann, es muss so 2004 oder 2005 gewesen sein, teilt mir Jürgen von der Lippe mit, er wöllte sich zur Ruhe setzen. Ich war schockiert! „Was? Wie? Aber sie sind doch noch jung! Und was wird aus mir?! Kann ich zu ihnen nach Hause kommen? Sie werden doch bestimmt in der Garage auch noch ein paar Bohrer haben! Ich gehe nicht zu einem anderen Zahnarzt. Niemals! Ich komme zu ihnen nach Hause. Gibt die Schwester mir ihre Privatadresse? Nein?! Warum denn nicht! Doktorchen, bitte. Ich bin ein Notfall!“.

Er versuchte mich zu beruhigen mit den Worten, dass er einen wirklich würdigen und fähigen Nachfolger gefunden habe und sich absolut sicher sei, dass ich bedenkenlos weiterhin in diese Praxis gehen könnte. Pah! Von wegen. Würde ich nicht.

Doch, hab ich. Meine Zähne, die sich an die regelmäßige Zuwendung gewöhnt hatten, neigten nämlich ab sofort zu starken Verfallserscheinungen. Ich also hin, nichts Gutes ahnend. „Wenns wehtut, gehst du schon!“, stimmt leider in Bezug auf Zahnarztbesuche. Außer, man hält eine Schnaps-Ibu-Therapie mit anschließender Leberschädigung für erstrebenswert.

Ich erinnere mich sogar noch ganz genau an die erste Begegnung mit dem „Neuen“. Ich saß als Schmerzpatientin (was sonst) schon vor um acht im Wartezimmer, zitternd, und die Tür ging auf. Ein junger Mann mit Aktenkoffer kam rein und blickte nickend grüßend ins Wartezimmer. „Pharma-Fuzzi“, diagnostizierte ich. Zehn Minuten später schüttete der vermeintliche Pharmavertreter mir die Hand und zeigte auf die Liege mit der Aufforderung, Platz zu nehmen.

Der Neue sieht aus wie Eckart von Hirschhausen in attraktiv und hat Augen wie Milka Zartbitter Schokolade (Darf ich das hier schreiben? Der liest das doch nicht, oder?). Fifty Shades of grey war damals noch nicht geschrieben worden, aber mein Mister Grey trägt ein lila T-Shirt über weißer Hose und schwingt seit zwölf Jahren den Bohrer.

In den letzten Jahren haben wir auch schon einiges zusammen durchgemacht. Ich mit den Zähnen, er mit mir. Ich kam schon unbestellt mit Befunden morgens an, die wurzelbehandelt werden mussten und den kompletten Betrieb lahm legten. Heißt, die Schwester kam mehrmals rein um ihm mitzuteilen, die „Bestellten“würden langsam randalieren! Er ließ sich nie beirren. (Edit: Ich würde problemlos eine Wartezeit von zwei Stunden dort in Kauf nehmen, weil ich mir vorstelle, dass er in dem Moment ebenso einem „Notfall“ zu Biss verhilft.). Er hält meine Marotten aus. Morgens mehr als abends, weshalb ich immer früh komme (das ist für uns beide besser). Und ich sage euch, also so wie ich mich dort benehme…

„Frau Voigt, machen sie den Mund auf.“, „Aber nicht mit dem Haken kratzen! Nur kurz gucken.“. „Bitte weiter, ich kann doch gar nichts sehen!“. „Ich will aber nicht! Ich will lieber erst ne Spritze!“. „Aber ich gucke doch erst mal nur! Das tut nicht weh. Ich bin ganz vorsichtig.“. Ist er immer.

Ich will prinzipiell die doppelte Dosis an Betäubung und kreische dennoch drauflos, weil ich immer, immer, immer noch was merke! Er bleibt ruhig.

Ich weigere mich, die leider notwendige Paradontosebehandlung bei der dafür angestellten Fachkraft machen zu lassen. Er macht es selber.

Ich brauche Pausen in der Behandlung und ein unverfängliches Gespräch zur Nervenberuhigung. Bekomme ich beides, egal, was das Bestellbuch sagt.

Ich behaupte, dringend ein Veneer zu brauchen für meinen schiefen Schneidezahn. Er sieht sich das Dilemma an und konstatiert, dass das eigentlich gut zu mir passen würde. Das mit dem schiefen Zahn. Seitdem lächle ich mit offenem Mund. Trotz schiefem Schneidezahn!

Er ist die Nadel im Heuhaufen.

Im letzten Jahr war fünfzehn Mal „zu Gast“ in der Praxis und alle freuen sich immer sehr, mich zu sehen. Das kann nur daran liegen, dass ich gelegentlich Kuchen mitbringe. Oder manchmal Blumen. Als Patientin bin ich die Katastrophe schlechthin! Aber das macht wohl die Profis aus. Dass sie auch mit solchen Nervenbündeln wie mir gut zurechtkommen.

Ich bin zahnarztmonogam und das aus gutem Grund: Meiner ist einfach der Beste!

Im letzen Jahr hat er Urlaub gemacht (Note to myself: Ich muss meine Urlaubsplanung ab sofort mit ihm absprechen) und Schmerzen im Kiefer zwangen mich zu Vertretungen. Drei Ärzte innerhalb einer Woche rieten mir, gegen die augenscheinliche Entzündung im Zahnfleisch antibakteriell zu spülen, das würde schon wieder! Dann, endlich, war der Zahnarzturlaub vorbei und der abgestorbene Zahn wurde fachmännisch behandelt. Da hätte ich noch Jahre weitergespült ohne Besserung!

Seit geraumer Zeit machen ja auch Zahnsanierungsangebote im Ausland gut Geschäft und ich gebe zu, für manchen mag das verlockend klingen: Fährst in die Sonne und lässt während deines Urlaubs alles mit Vollnarkose in einem durchgestyltem Krankenhaus richten. Inklusive Bleeching! Zum halben Preis mit anschließender Genesung am Strand.

Ich sage euch was: Niemals nicht mit mir! Und selbst wenn ich die Behandlungen in der nicht top durchgestylten Praxis ab sofort aus der Tasche bar bezahlen müsste, dann wäre das der einzige Weg für mich! Es gibt auch nur den Einen für mich. Und sollte der irgendwann in Rente gehen wollen, hat er mich ab dann in seiner Garage sitzen…

Und das muss ja mal gesagt werden! Er macht einen großartigen Job unter teilweise widrigen Arbeitsbedingungen und ja, wir machen alle unseren Job. Aber Leute, geht ihr mit mir mit, wenn ich sage: Die einen machen es so und die anderen einfach besser? Überall, in jedem Job? Ich glaube schon, dass das so ist.

Und wenn ihr selber auch so ein Schätzchen gefunden habt, dem gegenüber ihr vertrauensvoll den Mund öffnen könnt ohne Angst haben zu müssen, dass die Seele entfleucht, dann sagt es ihm oder ihr!

Vielleicht ruft ihr mal an, einfach so. Heute zum Beispiel! Denn heute ist offizieller „ich liebe meinen Zahnarzt- Tag“. Aber nächste Woche ist auch ok. Ich glaube, dass jeder Mensch sich über Lob freut, auch diejenigen, die den ganzen Mund voll Arbeit haben. 🙂

 

 

 

 

 

Ich sehe was, was du nicht siehst!

(Jetzt kommt die Soße zum Quatsch, also das Soßenrezept, nein, Soßenkonzept, nein, Soßenidee!)

Wenn davon die Rede ist, Eltern zu stärken, geht es im allgemeinen meist um Elternrechte, politisch initiiert. Oder Steuern. Oder Geld. Davon will ich hier aber nicht reden. Ich will ans Eingemachte!

Wenn ich euch jetzt fragen würde, ob ihr euch erinnern könnt an einen Ausspruch, der euch zutiefst gekränkt hat, fällt euch bestimmt etwas ein. Und erstaunlicherweise hängen derartige Erinnerungen auch Jahre nach.

„Haben sie eigentlich vor, später als Coach zu arbeiten? Nein?! Kluge Entscheidung!“ (mein Seminarleiter während der Coachingausbildung, 2013)

Sätze, herabwürdigende, in Situationen voller Abhängigkeit im Arbeitsverhältnis oder während der Schulzeit, sind oft lähmend und ziehen manchmal sogar jahrelange Selbstzweifel nach sich. Kennt ihr alle, oder? Warum fällt es so schwer, das zu vergessen und wieso haben Worte so eine negative Kraft und einen großen Einfluss auf unser Befinden und unser Sein?

„Sie haben so kalte Augen und einen harten Gesichtsausdruck, ich weiß überhaupt nicht, wie ich ihnen etwas Freundliches verleihen soll!“ (eine Fotografin, 1999)

Ich frage mich, warum sich ein jeder gut an dergleichen Situationen erinnern kann, aber die Lobe und das Positive, das wir erfahren, oft verblassen. Bestimmt haben Freunde und Familienangehörige oft in mir Fähigkeiten oder Stärken gesehen, mich gelobt  und dennoch sind in meiner Erinnerung die Situationen, in denen ich mich abgewertet gefühlt habe, prägnanter.

„Sie haben in den vergangenen Wochen gezeigt, dass sie zu Höchstleistungen fähig sind. Wir suchen allerdings Teamplayer und das sehen wir nicht in ihnen. Sie waren nur auf ihren eigenen Vorteil erpicht und für jemanden mit narzisstischen Zügen haben wir hier keinen Platz! Kein Personaler wird sie je einstellen.“ (Gremium im Vorauswahlverfahren für die Ausbildung zur Informatikkauffrau, 2003)

Möglicherweise ist es aber auch so, dass es einem prinzipiell schwerer fällt, ein Lob von jemandem anzunehmen (also wirklich zu glauben), der mit einem selbst emotional verwoben ist (Die lügen doch alle!). Vielleicht ist es so, dass positive Bestärkung, unerwartete, von außen sehr viel mehr wiegt, als wenn sie von Menschen aus dem inneren Zirkel kommt.

Denn in meinem Fall sind aus den Situationen, die ich euch oben skizziert habe, durch solche Effekte ganz wunderbare Dinge entstanden (außer aus der Situation mit der Fotografin, ich laufe immer noch mit meinem herzlosen Blick umher), die eines gemeinsam haben: den Zuspruch von außen. Vollkommen unerwartet!

Vor fünfzehn Jahren wollte ich eine Umschulung antreten. Nur hatten sich hundertfünfzig Menschen um fünfzig Plätze beworben. Also gab es eine Probebeschulung. Ich weiß nicht mehr, vier oder sechs oder acht Woche lang. Im Anschluss daran kam es zu oben skizzierter Situation. Ich weiß, ich bin völlig aufgelöst aus dem Raum, habe im Vorbeilaufen meinen Mitbewerbern erzählt, sie würden mich nicht nehmen, ich sei kein Teamplayer. Und bin nach Hause gefahren. Heulen, was sonst. Am Abend kam dann ein Anruf des Bildungsinstituts, ich möge doch bitte noch mal kommen. Ich weigerte mich. Sie insistierten. Sie sagten, sie hätten ihre Meinung überdacht und ich möge doch bitte kommen! Danach erzählten sie mir, im Anschluss an meinen Rauswurf hätten sich jede Menge Menschen vor diesem Ausschuss ausgesprochen für mich. Mitbewerber um die raren Stellen, Dozenten sogar. Erklärt, das sei eine fatale Fehlentscheidung! Ich wäre diejenige, die Lerngruppen organisiert habe, diejenige, die Kuchen für alle mitgebracht habe. Die mit ihrem Enthusiasmus alle mitgezogen habe und einen positiven Einfluss auf die Lernhaltung aller gehabt hätte.

Ich sehe was, was du nicht siehst!

Ich habe die Umschulung als Klassenbeste abgeschlossen und war auch die erste, die einen Arbeitsvertrag in der Hand hielt. Es gab sehr wohl einen Personaler, der mich eingestellt hat. Ich bin noch immer dort angestellt.

Während der Elternzeit habe ich eine Ausbildung zum Systemischen Coach gemacht. Ich wollte das unbedingt! Das Thema finde ich spannend und wow, das ist es noch immer. Der Ausbildungsleiter und ich, das menschelte leider vom ersten Tag an und er fand an meiner Performance keinen Gefallen. Nie. Die Prüfung stand an, bestehend aus einem öffentlichen Coaching (Klient und Thema waren völlig unbekannt) vor der Seminargruppe und drei Prüfern. Ich ging zur Auswertung und da saßen sie: der Ausbildungsleiter – eine Koryphäe im Coachingsektor – in der Mitte, flankiert von den beiden anderen Prüferinnen. Er sagte mir, das sei das schlechteste Coaching, das er je gesehen habe und in seinen Augen sei ich mit Pauken und Trompeten durchgefallen! Und zwar sowas von! Aber leider waren sie zu dritt. Eine Prüfungskomission. Und so standen dann beide Prüferinnen auf und schüttelten mir die Hand zur bestandenen Prüfung, während der Seminarleiter mit verschränkten Armen sitzen blieb. Ich sehe das Bild noch vor mir.

Im Nachgang hat sich der Coachee – die Klientin, die ich während meiner Prüfung gecoacht hatte – bei mir bedankt für die Stunde. Es sei inspirierend gewesen und sie hätte nun jede Menge Ansätze für ihre problematische Situation. Der Coachee ist das Kriterium der Wahrheit, redete ich mir ein und schredderte doch im nachhinein den dicken Ordner mit meinen Lerninhalten. Und dennoch, zwei zu eins. Ich höre noch die Worte der Koryphäe in meinem Kopf, aber dagegen stehen zwei erfahrene Coaches, die mir mit warmem Lächeln ehrlich gratuliert hatten. Die Zweifel schwinden…

Ich sehe was, was du nicht siehst!

Ich frage mich, ob dieser Effekt der „sich selbst erfüllenden Prophezeiung“ da eine Rolle spielt. Dass der Glaube an das Potential dieses erst sichtbar machen und zum Tragen bringen kann.

Warum ich euch das alles erzähle? Es ist schon wieder passiert!

Ja, genau! Ihr habt das gemacht! Ihr wart der Chor der Vielen, der mir auf meinen Beitrag hin geschrieben habt. So viele Kommentare, Mails, persönliche Gespräche. Und überall der Konsens: Mach weiter! Schreibe, Du hast Talent! Du berührst uns!

Und, wenn wir mal bei der sich selbst erfüllenden Prophezeiung bleiben: Ja, ich will der Mensch werden, den ihr in mir seht!

Ich möchte etwas zurückgeben, Euch! Meine Schädeldecke vibriert und meine Hirnrinde surrt (Alle Mediziner, bitte Ruhe! Doch, das geht, ich höre das Geräusch ganz deutlich! Nein, bitte nicht die Jacke mit den langen Ärmeln!), weil ich mir überlege, was alles möglich wäre. Und wie es gehen könnte! Also eine Möglichkeit, einen Raum zu schaffen, wo Schätze gehoben werden können, Potentiale entdeckt und Menschen gestärkt werden. Von anderen Menschen. Alle voneinander.

Ich erinnere mich an die vielen inspirierenden Gespräche der letzten beiden Wochen. Daran, wie gebannt ich Svenja und Sophie gelauscht habe auf der denkst.net und Nora auf der Blogfamilia. So viel Power und so viel Bestätigung und die Einsicht: Ja, das geht! Wir können uns gegenseitig befruchten und ja, möglicherweise kann ich auch in diesem Blog und auch abseits etwas beitragen dazu!

Mir kommt Verena in den Sinn, die auf der Blogfamilia zu mir gesagt hat, sie würde nicht mehr bloggen, wenn ich sie nicht bestärkt hätte. Damals. Und: „In jedem Menschen siehst du etwas Schönes!“ (ihr Gesicht voller ungläubigem Zweifel). Ich weiß, dass ich im Brustton der Überzeugung geantwortet habe: „Da ist ja auch immer etwas Schönes!“. Und das stimmt, das glaube ich wirklich zutiefst.

Ich sehe was, was du nicht siehst! Etwas, das du noch nicht siehst. Oder im Moment aus den Augen verloren hast.

Was mir im Detail vorschwebt? Eine Mischung aus Einzelcoachings und Motivationscoaching in kleinen Gruppen und irgendwie hier auch im Blog immer mal so Sachen aus dem Bereich, die möglicherweise allgemeiner Natur  sind und Denkanstößen liefern können. Wollen. Nicht müssen!

Und wenn jetzt jemand sagt, ach Quatsch, gibts doch alles schon! Schon hundert Mal! Online-Coachings, Dingsbums und hier und dort, an jeder Ecke! Dann sage ich: Wunderbar! Von manchen Sachen kann es auf der Welt einfach gar nicht genug geben. Ernsthaft. Es kann nicht zu viel Berührung geben. Niemals zu viel Zuspruch! Mensch, das lernt man doch als Mutter oder Vater in der Elternklasse eins. Loben, loben, loben, Potentiale fördern. Nichts anderes habe ich mit euch großen Kindern hier vor. Denn ich glaube, so gut und behutsam wir heute mit unseren Kindern umgehen, oft genug schaffen wir es nicht, uns selbst im Auge zu behalten und mit der gebotenen Behutsamkeit zu behandeln. Ich kenne das selbst und ihr wisst das genau! Möglicherweise schaffen wir es gemeinsam.

Ich habe noch kein Konzept, nur Gedanken. Ich schreibe euch das hier hin, weil ich ich denke, das könnte was Gutes sein. Etwas, das guttut! Und weil ich da richtig, richtig Bock drauf habe. Und weil ich möchte, dass ihr mir eure Meinung dazu sagt. Dass ihr mich befruchtet! Oder mir den Quatsch mit Soße ausredet.

Los, haut in die Tasten. Hier im Kommentarfeld oder per Mail an nieselpriem.blog@gmail.com.

Ich freu mich! ❤

 

Ich sehe was, was du nicht siehst… und das ist wunderschön!

 

 

Quo vadis, Nieselpriemchen?

Alles muss anders werden! Immer.

Leben ist Veränderung und höher, schneller, weiter ist der Marschauftrag des Lebens. So wird es mir manchmal suggeriert. Und für einen Blogger übersetzt: Größer! Die Worte „Wachstum“ und „Ruhm“ stehen auf der Zielflagge.

Als ich anfing mit Bloggen, dachte ich mir: ´Hach, es wäre schön, wenn das fünfzig Leute lesen und mögen würden…´. Dann lasen mich irgendwann fünfhundert Leute und ich dachte, dass es der absolute Hammer wäre, wenn irgendwo in einer Zeitung mal was stünde von mir. Als das dann eintrat, war ich gar nicht so glücklich, wie ich annahm sein zu müssen, weil parallel bekannt wurde, dass große Verlagshäuser ihre festangestellten Schreiberlinge, die lange Germanistik oder Journalismus studiert hatten, kündigten und vergleichsweise billig Bloggercontent einkauften. Ich hatte immer irgendwelche „Ziele“, die sich dann bei Erreichen als, hm…, fade beigeschmacklich entpuppten. Ich hinterfragte mich permanent, was ich denn eigentlich will. Und konnte keine Antwort finden! Außer dem Aspekt der Psychohygiene und nun ja, dazu braucht man eigentlich nicht wirklich dieses Internet.

Viele Blogger, die ich kenne, träumen davon, vom „Schreiben“ zu leben. Doch die wenigsten schaffen es! Denn selbst erfolgreiche Blogger leben ja nicht wirklich vom Schreiben, sondern weil sie hochdiszipliniert an Kooperationen und Werbeauftrgägen arbeiten, ihre Seite optimieren, ihren Auftritt, suchmaschinenoptimiert schreiben, sämtliche social media Kanäle unterschiedlich bespielen und dergleichen mehr. Ich unterstelle, dass ein professioneller Blogger locker sechs Stunden am Tag für sein Business tätig ist. Und die wenigste Zeit ist tatsächlich Redaktionsarbeit! Davon bekommt der Leser in der Regel nichts mit und so wirkt das alles fluffig, weich und easy peasy. Mit Bloggen reich werden, super ganz einfach! Also von außen betrachtet.

Das ist nicht mein Ding. Zu unberechenbar, zu viele Abhängigkeiten. Abgesehen davon, ob ich überhaupt das Zeug dazu mitbringen würde.

Ich fing an zu zweifeln an diesem Blogdings. Also meinem. Mir fielen in den letzten Wochen und Monaten immer mehr Dinge rund ums Bloggen ein, die ich nicht will. Und parallel habe ich mir eingeredet, zu wissen, was Leser denn so suchten. Ich meine, Leute! Echt ey, der erfolgreichste Blogartikel hier ist ein dünngeistiger Schriebs über ein Fußbad mit Mundwasser! Ich krieg schon Herpes, wenn ich mir überlege, wie ihr das jetzt wieder anklickt! Und apropos anklicken: Wenn ich die Statistik angucke, wird mir übel. Ich habe das ja schon mal verbloggt. Notfalls noch mal hier klicken, dann wisst ihr was ich meine.

So, und jetzt bitte mal aufhören mit der Rumklickerei, ich will euch doch was erzählen. Also, ich dachte, Leser sind eine unberechenbare Menge an seltsam interessierten Menschen und elternblogaffine Leser prinzipiell nur interessiert an Gewinnspielen und happy content und weichgezeichnete Glamour-Fotos oder wollen wenigstens regelmäßige Einblicke in Kochtopf und Kinderzimmer. Und nichts von dem kann oder will ich bedienen!

Bin ich überhaupt ein Blogger? Ich hasse Produkttests (so, jetzt isses raus). Ich will keine Gewinnspiele machen und bin zu undiszipliniert, um mich an sowas wie einen Redaktionsplan zu halten und die großen Bloggertermine wie 12 von 12 oder Freitagslieblinge oder Wochenende in Bildern  regelmäßig zu bedienen. Ich mag das, aber ich will nicht unbedingt immer zu diesen Terminen was schreiben und manchmal will ich gar nicht, dass irgendwer reinguckt bei Nieselpriems! Und ich will auch nicht Handbücher lesen um Google-optimiert zu schreiben! Ich will gar nicht, dass dreitausend Leute hier vorbeistolpern, um einen Grill zu gewinnen. Oder ein Duschbad. Und dann wieder gehen. Geht weg! Hier gibt es nichts zu sehen!

All das wurde mir klar und dachte, es ist wäre Zeit, das Blöggel auf den Internetfriedhof zu tragen. Denn ist es nicht das, was Blogger wollen? Mehr Reichweite? Mehr Kooperationen? Mehr Ruhm?

Nachdem ich also nur noch gesehen habe, was ich alles nicht will, kamt ihr. Mit euren Kommentaren, eMails, sogar persönlich auf mich zu. Und mir wurde klar, ihr seid gar keine unberechenbare Masse!

Ihr habt geschrieben, ich würde euch berühren. Durch meine Worte, meine Geschichten. Durch dieses schmale Unterhaltungsprogramm hier, gänzlich ohne Gewinnspiele! Zehntausend Menschen haben diesen Beitrag in den ersten zwei Tagen gelesen und ich weiß nicht mehr, wie viele mir geschrieben haben. Durch eure Zuschriften und euer Feedback erst ist mir klar geworden, was ich will. Nicht nur, was ich nicht will!

Ich möchte Leserbindung. Ich will nicht zehntausend Leser binden, ich wünschte mir, einige würden mich begleiten. Aber dafür länger und nachhaltiger! Ich will mit euch alt werden. Unsere Themen werden wachsen und sich verändern wie unsere Kinder und ich will auch mehr Teil eurer Welt sein und wissen, was da los ist. In eurer Welt.

Und ich frage mich: In einer Zeit, die immer distanzierter wird und wo es Benimmregeln für den optimalen Körperabstand während eines Gespräches gibt und das Internet zur räumlichen Distanzierung beiträgt, kann es da selbst die Lücke schließen, dieses Internet?

aus: „Wunder wirken Wunder“ von Eckart von Hirschhausen

Ich möchte Menschen berühren. Das ist, was ich will. Dass ich das mit meinen Worten schaffen könnte, hätte ich nicht gedacht. Dass das auf diesem Weg hier möglich ist, auch nicht. Ihr aber habt behauptet, ich könnte das und nun habt ihr den Salat!

Ich mache mir seitdem Gedanken, wie weit ich gehen will und wie weit ich gehen kann. Und wo der Weg ist (ich kann keine Karten lesen und verfahre mich auch mit Navi). Und noch habe ich keinen Plan, aber langsam den Hauch einer Ahnung.

Aber eines ist trotzdem klar: Nein, ich höre nicht auf, hier Blödsinn zu verzapfen (das wäre wider meine Natur) und es gibt noch so viele Geschichten zu erzählen (und die Jungs sorgen täglich für Nachschub). Ich erwäge nur neue Möglichkeiten zusätzlich- Vielleicht wird das jetzt ein „Komplementär-Blog“, quasi Quatsch mit Soße! Und was die Soße vielleicht sein könnte, das schreibe ich euch morgen…

 

 

Blogfamilia 2017

Wenn ihr das hier lest, sitze ich im Bus nach Berlin. Am Freitag findet zum dritten Mal die Blogfamilia statt, die größte Elternbloggermesse Deutschlands. 

Ich bin zum dritten Mal dabei und doch ist es diesmal anders. Die vergangenen beiden Jahre war ich Gast, in diesem Jahr bin ich Teil von dem „Bums“.

Die Blogfamilia wurde immer größer und aus diesem Grund hat sich Anfang des Jahres ein Verein gegründet, zu dessen Gründungsmitgliedern ich zähle, und der in diesem Jahr die Messe gemeinsam veranstaltet.

Als ich gefragt wurde, ob ich mitmachen wöllte, war ich gerührt und geehrt, steht Blogfamilia doch für mich für die Bloggerfamilie, als Teil dessen ich mich sehe. Und auch für eine Art Institution für Familienblogger und die Themen von Familie im allgemeinen. Das Sichtbarmachen derselben ist ein großes Ziel der Blogfamilia und ich bin gespannt auf die Sessions und Vorträge. Und am meisten auf „meine“ Leutchens. So viele sehe ich nur einmal im Jahr, sehe ich nur auf der Blogfamilia, es ist tatsächlich ein bisschen wie zu einem Familienfest zu fahren!

Es wird für mich anders sein in diesem Jahr, ich werde viel weniger Zeit haben zum Quatschen und auch nicht jeden Vortrag hören können und dennoch finde ich es großartig, im „Staff“-Team dabei zu sein und so meinen Beitrag zu leisten, dass alle Besucher an diesem Tag genauso begeistert und emotional angeregt nach Hause gehen, wie ich in den vergangenen Jahren. Ich lebe einfach den Gedanken dahinter und träume großartige Träume, davon, was entstehen könnte, wenn man die energy der schreibenden Eltern kanalisieren würde! Und ich träume davon, dass wir uns wirklich als Gemeinschaft, als Familie sehen. Und zwar als eine gute, in der man sich zuhört und unterstützt. Und sich unterstützt fühlt.

Hier hab ich noch mal was rausgekramt, was ich im vergangenen Jahr im Nachgang verbloggt hatte.

Ihr könnt die Blogfamilia 2017  via Instagram verfolgen. Oder auf Twitter. Und wenn ihr selbst als Besucher vorort seid und wir uns bisher noch nicht persönlich kennengelernt haben, sagt „Hallo Nieselpriemchen!“ oder drückt mir hemmungslos einen feuchten Schmatz auf die runzlige Stirn, je nach Temperament. Ich freu mich, kannste glauben!

Berlin, isch gomme! 🙂