Wochenende in Bildern #wib 12./13.01.2019

Das Freitagsstück vom Wochenende ist immer gleich. Der Bärtige geht mit dem Blondino zur Ergotherapie, danach zum Schwimmkurs und ich gehe den Discounter leer kaufen einstweilen. Muttis Spa, hurra! Abends treffen wir dann alle zum Essen daheim aufeinander. 

Danach wird auf dem Dachboden gehopst, gespielt, das Interieur verwüstet und mit dem Gästebett eine Bude gebaut. Also nicht von mir! Ich habe längst aufgegeben, daran zu erinnern, dass dieser Dachboden eigentlich (!) mein Nähzimmer (rechte Seite) und der Männer Fitnessbereich (linke Seite) sei. Irgendwann durfte der holde Blondino mal ein einziges Auto mit nach oben tragen um neben meinem Nähtisch an meiner Seite zu spielen. Jetzt muss ich erst ein Kilo Lego vom Tisch fegen, wenn ich mal an die Nähmaschine will. Alles wird okkupiert!

Liebesbriefe. Ich weiß langsam nicht, wohin. Ich bekomme neuerdings gefaltete und mit Tesa verklebte Papierpäckchen überreicht, meist mit dem Hinweis, das sei ein Geburtstagsgeschenk. „Hast du was reingeschrieben?“, frage ich stets. „Nein!“, ist bislang die Antwort. Ich horte die. Noch.

Außerdem bekomme ich Bilder mit zweifelhaftem künstlerischen Wert, dafür immer gleichem Motiv: Ein Vulkan bricht aus und spuckt Edelsteine. Daneben (als drei schwarze Kreise gut zu erkennen) steht der Papi und löscht. Ich habe bestimmt zehn Bilder davon. Wenn ich das Kleinchen aus der Kinderbude abhole tönt es oft: „Weißt du, Mami, ich hab dir heute was ganz schönes gemalt!“, und flüsternd weiter: „Einen Vulkan! Der spuckt Edelsteine!“. Ach was. Aber wenigstens nimmt das Kind mittlerweile Stifte in die Hand, mir gruselte es schon vor der Einschulung…

Am nächsten Morgen gehe ich mit dem Anzünderlein durch die Räume, jegliche Brandschutzunterweisung durch den Mann missachtend. Es ist „Duftkerzenwetter“, wie ich immer behaupte und der beste Grund, alles in Kerzenlicht heimelig erstrahlen zu lassen. Wenn der Bärtige drei Stunden nach uns erwacht, muss er sich erst mal pustend durch die Bude mäandern und dann erschöpft in der Küche und außer Puste Kaffee trinken. Und wieder zu Atem kommen. So ist das hier.

Ist doch schön, oder? Und es musste auch noch nie die Feuerwehr kommen!

Die Lampe über dem Herd darf aber an sein, die brauchen wir!

Der „Backschäff“ und ich machen Zebrakuchen. Backen mit Kind ist bei uns immer sehr experimentell. Während ich noch den Messbecher suche, schüttet das Kind schon fleißig Zeug in die Schüssel. Diesmal höre ich mich zum Beispiel entsetzt fragen: „Wie viele Eier hast du jetzt dort reingetan?“, da die Antwort („Fünf!“) irgendwie dem Rezept nahe kam, haben wir mutig weitergemacht. No risk, no fun.

Danach gehe ich laufen. Ich habe außer Laufschuhen keine coolen Klamotten extra zum Laufen, nur zufällig passen die Socken zur Jacke (ich besitze keine Laufjacke und renne mit einer Regenjacke rum, in der ich furchbar schwitze) und die Mütze (vom Bubi geklaut) passt versehentlich farblich zur Trainingsjacke. Mützen sind hier ein sehr heißes Thema. Ständig verschwinden die! Der Mann und ich vermissen jeweils zwei Odlo-Laufmützen, und ich noch extra zwei für´n Winter. Ich verstehe das nicht. Wo sind die hin? Kennt jemand das Problem? Socken, okay, das kommt vor, aber Mützenschwund? Ich renne also mit des Kindes Mütze offm Kopp in der Gegend rum. Nun ja, juckt ja keinen.

Laufen ist der beste Sport für Muttis, ich sage es immer wieder. Du bist langsam wie eine lahme Ente? Juckt doch niemanden! Du schwitzt und schnaufst? Wirklich vollkommen egal! Aber das Beste: Du bist alleine. Katschingggg!

Danach lächelt mich der Kuchen an, den die Jungs nach exakter Zeitangabe aus dem Ofen geholt hat.

Ich kann allem widerstehen, nur der Versuchung nicht, kennt man. Zweihundert Kilokalorien abgerannt, gleich dreihundert wieder draufgefressen, story of my life.

Mittags auf dem Teller. Hühnchencurry mit Reis und Gemüse. Heißt: Einmal alles für dem Mann, ohne Gemüse für den Bubi, ohne Gemüse und Fleisch für den Blondino und ohne Fleisch für mich (zum Glück gibt es ja noch jede Menge Kuchen).

Am Nachmittag gehen wir zum Schloß, Ziel ist die Rüstkammer. Der Erwerb eines Tickets für 12,00€ erlaubt auch den Besuch des Grünen Gewölbes und der Türckischen Cammer. Nein, ich habe mich nicht verschrieben, die wird so geschrieben.

Nachdem uns im Entrée drei Reisegruppen mit lautstarker Reiseleitung auffielen und das nichts Gutes erahnen ließ, waren wir sehr überrascht, die Ausstellungen selbst nahezu leer vorzufinden. Wunderbar! Und das wahrhaftig.

Nachdem das Blondchen beinahe eine Skulptur des Goldenen Reiters berührt hatte und dieses unerhörte Verhalten den Wachmann auf den Plan rief, entführte mich dieser mit den Worten: „Ich habe jetzt Pause, darf ich ihnen den Fürstensaal zeigen?“. Ihr versteht sicher, es ist mindestens zwanzig Jahre her, dass mich ein Mann irgendwohin entführen wollte. Natürlich bin ich sofort mitgegangen!

In dem Fürstensaal kann man chronologisch die Kurfürsten nach Regentschaft aufsortiert in Öl bewundern und dann kam der olle Napoleon nach Dresden und verlieh den Sachsen wegen ihrer Verdienste um das Napoleonische Reich den Titel „Königreich“, und ab dann war Öl nicht genug. Es geht dann links rum in Marmorbüsten weiter.

Einer hatte es mir besonders angetan. Dieser schnittige Typ ist der ältere Bruder vom August dem Starken, Johann Georg der Vierte. Der war aufgrund seiner Erstgeburt als Thronfolger bestimmt, August wurde derweil fürs Militär ausgebildet, wie das eben so war. Selbstbestimmung am Arsch! Der Georg starb nach dreijähriger Amtszeit, weil er seine Geliebte Sibylla von Neitschütz geknutscht hat, die blöderweise die Pocken hatte. Sie starb kurz darauf, er verstarb nur zwei Wochen nach ihr. August wurde gekrönt, oder gekurfürstet, wie auch immer das damals hieß. Heute wird behauptet, ein Giftmord sei eigentlich die Todesursache von Sibylla und Georg gewesen. Wars der August gar selbst?

Wie spannend Geschichte sein kann!

Dann kam leider der Angeheiratete mit dem Fortpflänzchen um die Ecke und der Spaß war vorbei. Der Mann trug einen säuerlichen Gesichtsausdruck und machte mir klar, ich wäre nicht zum Spaß hier! (Fingerzeig auf das Kind) Wir also weiter Treppen hoch und runter, bis das Museum schloss.

Ich lernte noch, dass die Menschen zu Augusts Zeiten zwischen eins fuffzig und eins sechzig hoch waren (also wie ich) und habe mich köstlich amüsiert über die ganzen winzigen Uniformen und Schühchen. Der Absatz an den Schuhen wurde im übrigen für den Herrn erfunden. Weil, der macht eine straffe Wade und erhebt den Träger ein wenig aus der ganzen ein Meter fünfzig großen Masse, aber das wusstet ihr bestimmt bereits.

Abends um acht hänge ich in der Nordkurve der Couch und glotze stier Netflix. Aktuell „The black list“.

Irgendwer schrieb bei Instagram, sie bewundere mich dafür, was ich alles schon Vormittags machen würde und so. Es gibt wirklich nichts, wofür ich bewundert werden müsste, das will ich mal klarstellen! Außer, ich finde noch ein Universalheilmittel gegen Krebs, dann vielleicht. Das mit der ganzen action hier mache ich nur bis Punkt acht! Alles ist hier durchgetaktet. Halb sieben Abendessen, danach kurz Spielzeit für ein Puzzle oder so, halb acht ab ins Bad mit der Knutschkugel, Geschichte vorlesen, Licht aus, raus und ab auf die Couch! Manchmal geh ich noch ein bis zweimal hoch, weil mir noch irgendwas erzählt werden muss, aber halb neun ist Ruhe im Karton.

Deshalb muss ich morgens so früh wieder ran, sicher. Aber ganz ehrlich, ich würde nicht tauschen wollen. Ich brauche die zwei, drei Stunden abends alleine mit dem Kerl. Nicht Mutti und Vati, sondern Er und Ich. Andere gehen um zehn mit ihren Kindern gemeinsam schlafen oder nähen dann abends oder telefonieren oder ziehen gar noch mal los, dazu bin ich meistens zu müde. Chillen wie Bob Dylan, faul auf der Couch abhängen, wunderbar! Wenn es dann noch Nüsse gibt oder Schokolade oder Nüsse mit Schokolade (schließt auch die Umkehrversion Schokolade mit Nüssen ein), herrlich!

Am nächsten Morgen kommt die Schwiegermutter zum Spielen vorbei, was toll ist und selten. Sie lebt die Wintermonate in der Türkei und ist nur auf Stippvisite da.

Sie bastelt mit dem Blonden aus einer „Bummi“-Zeitschrift, was sie schon mit unserem Großsohn gemacht hat und davor mit ihrem Sohn, also dem Bärtigen. Den „Bummi“ gab es schon zu DDR-Zeiten. Diesmal brachte sie ein Fundstück von 2005 mit. Die Rechenaufgaben in dem alten Heft hat der damals fünfjährige Bubi gemacht. Falsch zwar, aber hachz. ❤ Oder?

Während die Oma das Kind bebastelt, gehen der Mann und ich spazieren in Blasewitz. Beziehungspflege muss man machen, wann immer sich die Möglichkeit bietet.

Mittags auf dem Teller: Fleischklöpse, die hier Bäffis heißen. Für mich gab es panierten Blumenkohl mit Sauce Hollandaise, für den Bärtigen alles mit allem, die Kinder haben nur Kartoffeln (der Kleine) und nur Bäffis (der Große) gegessen.

Apropos Essen: Ich esse seit anderthalb Jahren keine Säugetiere mehr, flippe aber alle zwei Monate richtig aus und dann gibts eine „Wursteskalation“: Ich kaufe mir mit Sabber vorm Mund eine Zwiebelmettwurst und drücke dir mir aus der Pelle direkt in den Schlund! Oder eine Kalbsleberwurst, ganz schlimm. Keine Semmel, kein Brot, Wurst pur. Und danach ist mir dann furchtbar schlecht und ich esse zwei Monate gar kein Fleisch und gar keine Wurst.

Ich rede mir dabei erfolgreich ein, ich sei im Vollbesitz meiner geistigen Gesundheit und gaaaanz viele Menschen machen das so! Stimmt doch, oder?

Um den Mittagsschlaf rauszuschinden, behauptet das Kind, Schleifenbinden zu üben. Ich konnte mich nicht satt sehen. Er kann es nicht, aber er gibt sich solche Mühe!

Sonntags geht der Mann entweder Berge erklimmen mit dem Montainbike oder Squash spielen und ich vertreibe meinen Nachmittag bei Gretel.

Wir zwei ergänzen uns in vielerlei Hinsicht perfekt! Zum Beispiel backe ich gern Kuchen und Gretel isst gern Kuchen.

Abends Schnittchenteller richten, damit sich der sportliche Kerl willkommen fühlt, wenn er denn wieder heimkommt. Der Großsohn ist schon den ganzen Tag bei seiner Freundin, den bekommt hier nur noch selten jemand zu Gesicht. Außer, sie sind zusammen bei uns, was ich dann sehr schön finde, denn endlich ist mal der Tisch in der Kühe richtig voll! Heute sitze ich mit dem Winzling alleine an dem großen Tisch.

Letzte Amtshandlung vor der Nordkurve: Die Wäsche! Das ist im übrigen nur die Hälfte der Wochenendration und über die Woche verteilt wasche ich fünf Maschinen à acht Kilo. Wir sind wirklich seeeehr schmutzige Menschen!

Seht ihr die einzelne graue Socke? Ich sage zu ihr: „So isses Socke, mal verlierst du, mal gewinnen die anderen! Life is life, nana nanana. Also lass dich nicht hängen, immerhin hattest du ne geile Trocknerparty mit den anderen Klamotten!“.

Mehr Wochenendbilder der anderen Blogger (mit oder ohne Socken- Bungabunga) gibts bei Große Köpfe. Ich kann mich dort gerade nicht verifizieren um diesen Beitrag dranzuhängen, aber irgendwas ist ja immer! Suche auf diesem Wege einen fischelanten Praktikanten (oder -tin), der/die/das sich mit diesem neumodischen Internetkram auskennt. Danke!

 

❤ Ich wünsche euch eine schöne Woche und immer genug Kerzen im Haus! ❤

Gedanken beim Apfelschneiden

Gedanken beim Apfelschneiden

Pink Lady, was für ein Name für einen Apfel! Irgendwie erinnert mich dieser Apfel an Schneewittchen, aber ich gebe zu, da hat der Herr Cripps 1973 einen großen Wurf gemacht, als er durch eine natürliche Kreuzung diese Apfelsorte kreierte. Knackig, süß, prall und glänzend poliert, optisch aufdringlich verheißungsvoll wirken diese makellosen pinkfarbenen Geschöpfe nahezu obszön in ihrer Aufdringlichkeit, mit der sie mich aus der Obstauslage anblitzen. Du willst mich! Deine Kinder wollen mich! Nimm mich!

Äpfel sind der Nieselpriemschn liebstes Obst. Und so schäle ich circa fünfzehn Stück pro Woche, immer mit einem Messer, nie mit einem Schäler. Ich sehe auf die geschwungene Schalenspirale herab, die sich unter meinen Händen bildet und denke an Tom Hanks, wie er mit weidwundem Blick sagt: „Deine Mama konnte einen Apfel schälen, dass die Schale ein einziges langes Band ergab.“, und frage mich, ob sich jemand auch so an mich erinnern wird.

Der Blondino nimmt den Teller Apfelschnitze entgegen und schnüffelt an ihm. Das tut er immer, und ich muss jedesmal lächeln. Das Kind schnüffelt wie ein Welpe. Eigentlich erkundet er alle Gegenstände und neuen Menschen mit der Nase. Ich mache das auch, natürlich deutlich subtiler, also zumindest hoffe ich das! Dennoch, jemand, den ich „nicht riechen“ kann, wird schwerlich auch nur irgendeinen Platz in meinem Leben einnehmen.

Gerüche sind elementar für mich. Ich habe zu vielen Situationen einen typischen Geruch abrufbar in meiner Erinnerung. Old Spice und Motorenöl, mein Vater. Tabak, Pomade und Zigarettentabak, mein Opa. Die Wohnung der einen Großeltern roch nach Bratensoße und Tosca und ich höre das verrauchte herzliche Lachen meines Großvaters, wenn ich diesen Geruch abrufe. Auch jetzt noch, nach so vielen Jahren. Meine Oma Else roch nach Gurkensalat und eingekochtem Birnenkompott. Nach Wolle, in Säcken gelagert, dazwischen getrocknete Orangenschalen. Hauptsächlich aber roch ihre Wohnung nach Äpfeln, die in Stiegen nachreiften. „James Grieve“ hieß die Apfelsorte. Glänzende dicke Schale, weiches helles Fruchtfleisch und ein unvergesslicher Duft. Der Kindergeruch meiner Söhne, warmer Apfelkuchen der Große, Grießbrei der Kleine. Der Geruch ihrer weichen Füße.

Ich frage mich, was für meine Kinder der „Geruch der Kindheit“ sein wird, wenn sie sich irgendwann zurückerinnern. Ob sie sich erinnern? Und wird das der Duft von Pink Lady sein oder Boss aus der Flasche, das der bärtige Boss aufträgt? Wird ihr Kindheitsgeruch der nach Erbsensuppe sein, die ich einmal wöchentlich für den Großsohn kochen soll oder vielleicht irgendwas aus einer Flasche, die ich im Bad stehen habe? Werden sie sich an warmen Kuchenduft erinnern, der eigentlich immer aus meiner Küche wabert oder an den Geruch ihrer bunten Kinderbettwäsche? Vielleicht daran, wie meine Halskuhle riecht, an der ihr Gesicht so oft lag, wenn ich sie tröstete, sie hielt, wenn sie Nähe brauchten?

Ich hoffe, sie werden es mir erzählen, irgendwann in zwanzig, dreißig Jahren. Und ich hoffe, ich habe so lange Zeit zu warten. Dass ich sie so lange begleiten darf. Und dass es noch sehr lange dauert, bis sie sich an einem verschneiten Wintertag an mich zurückerinnern und sagen: „Mit ihr war der Schnee ein bisschen weißer.“, wieder Tom Hanks, wieder „Schlaflos in Seattle“.

Und ich denke heute beim Äpfelschneiden an eine liebe Kollegin, jung, zwei kleine Kinder, die gerade um ihr Leben kämpft. Ich erinnere mich an den zarten Duft ihres Parfums, wenn sie mich umarmte, ihr Lächeln. Sie ist ein Mensch, der andere mit ihrem ganzen Wesen umarmen kann, mit ihren Händen, dem Blick und mit dem, was sie sagt. Während ich mit wehem Gefühl an sie denke, schlurft der neunzigjährige, unfreundliche Nachbar an meinem Küchenfenster vorbei zur Papiertonne. Ich weiß nicht, wie der alte Mann riecht und spontan kommt mir der Gedanke, dass das Leben nicht fair ist in seiner Verteilung. Aber für irgendjemanden ist bestimmt auch er voller Erinnerungen und Düfte. Erinnerungen an Schlittenfahrten vielleicht und den Geruch von warmem Kakao danach, an bärtige Gutenachtküsse und schwielige Händedrucke. Ich hoffe es.

(c) pixabay

 

Weil ich euch leider keinen Apfel anbieten kann, geb ich euch diesen Apfel zum Nachdenken mit:

„… Ein kleiner, im Herzen eines Apfels versteckter Kern ist ein unsichtbarer Obstgarten. Doch wenn dieser Kern auf felsigen Boden fällt, wird nichts daraus hervorgehen.“
Khalil Gibran

 

 

Es weihnachtet sehr

Es weihnachtet sehr

In den letzten vier Wochen war alles wie immer im Advent. Die Menschen rannten noch ein wenig schneller, mit gehetztem Blick, um noch mehr Zeug ranzuschaffen, zu kaufen, zu verschenken und verloren unterwegs oft die Nerven.

Diese verflixte Besinnlichkeit, nach der sich alle so sehr sehnen, all das Klingeling und Zimt-Vanille-Tannen-Duftpotpourrie, es scheint so nah und dennoch unerreichbar.

Überall klagen die Menschen um mich herum über „Vorweihnachtsstress“, als sei das eben etwas, was dazugehörig sei.

Wie kann man da ausbrechen? Vielleicht, wenn man den Mann zum Sushiessen einlädt, obwohl man selbst kein Sushi isst. Einfach nur, um ihm einen Freude zu machen im Advent, und seine Hand über das rohe Gemüse und den Fisch hinweg zu halten. Oder damit, dass der Mann beobachtet, wie waghalsige Kletterer einen Baum halbieren und denen die größte Mistelkrone abschwatzt, die ich je sah – für mich!

Zwischen all dem Streit und den Krankheiten und der endlosen noch-zu-besorgen-noch-zu-organisieren-Listen.

Ja, damit kann man versuchen, das Weihnachtsgefühl einzufangen.

Ganz sicher gelingt es, wenn man Freunde und Freundeskinder einlädt zu einer Weihnachtsfeier. 

Und diese dann Gänseschmalz, Plätzchen, Mandarinen und Weihnachtsäpfel auf den Tisch packen.

Und alle dann Weihnachtslieder singend und Laternen schwingend einen Spaziergang durch den dunklen Waldpark machen.

Und wenn dann sogar der Blasewitzer Weihnachtsgeist, der im Waldpark wohnt, vorbeikommt, und alle mit Wunderkerzen in der Hand „Stern über Bethlehem“ singen, dann ist Weihnachten. Ich hab es genau gespürt.

Marshmallows am Spieß, acht Liter Glühwein und dreißig Bratwürste vom Grill später war mir klar, das ist es! „Thats it“, wie Michael Jackson sagen würde.

Was noch? Ich hatte die Tochter meiner Freundin zu Besuch und wir haben Seifen gegossen. Diese habe ich in Tütchen verpackt und jeweils mit einem Salzteiganhänger, den der Blondino und ich gebastelt haben, in Mengen verschenkt. Und jedes Mal an diese beiden schönen Nachmittage gedacht, an denen die Dingen entstanden sind. Sehr hilfreich, um sich anzuweihnachten.

Alle Geschenke sind verpackt. Es ist deutlich weniger als in vergangenen Jahren und ich habe keine einzige Weihnachtskarte geschrieben, keine HOHOHO-eMail mit Familienbild vorm Baum versendet, und das fühlt sich gut an für mich. Vielleicht telefoniere ich eine Stunde am Heiligabend alle Verwandten ab und störe bei deren Festlichkeiten, weil ich mich dann doch schuldig fühle, und danach fühle ich mich dann noch blöde dazu und beschließe, im nächsten Jahr schreibe ich schon im November Weihnachtspost! Vielleicht. 

Wir waren Riesenrad fahren mit dem Kleinsten, und obwohl ich Menschenmassen extrem unangenehm finde und daher Weihnachtsmärkte keine Wohlfühlzonen für mich sind, war das schön. Gut, auch voll und kalt, aber schön. Doch, wirklich. Vielleicht mache ich das jetzt öfter.

Ich habe mit dem Kleinsten zusammen insgesamt sechs Kilo Plätzchen gebacken und drei Kilo Stollen. Ich habe heute noch Eierpunsch gemacht und an Heiligabend gibt es Kartoffelsalat mit dreierlei Würsten, Buletten (die man in Dresden „Bäffis“ nennt), selbst gebackenes Brot und eine Käseplatte.

Wir werden Gans essen an der Frauenkirche und Reste vertilgen mit Familienangehörigen. Wir werden drei Tage lang Besuch haben und ich freue mich wie verrückt darauf. Wenn es nach mir gänge, könnten es an jedem Tag noch mehr liebe Menschen sein, die sich hier rumdrücken. Es ist soweit: Ich habe innerlich Weihnachten!

Ich laufe über den hektischen Schillerplatz und wünsche jedem, der zufällig meinen Blick auffängt, fröhlich: „Fröhliche Weihnachten!“, und vielleicht wird schon in Blasewitz vor mir gewarnt.

Mir ist das ernst. Ich will fröhliche Weihnachten. Ich will Besinnlichkeit, Liebe all around und dass die blöde Bronchitis weggeht und die Magenschmerzen und die Schlaflosigkeit in meiner Familie. Und dass mein Großkind den Schulstress abstreifen kann und gern bei uns ist. Nicht nur zum Handy aufladen und zum Sandwich to go schmieren in der Küche auftaucht.

Dass wir es schön haben am Heiligabend. Dass das Essen reichen wird (natürlich wird es das) und alle Gäste mögen, dass ich diesmal Gedichte und Geschichten ausgedruckt habe und es vor jedem neuen Becher Eierpunsch einen Kulturbeitrag geben muss. Dass wir einen Platz in der Kirche bekommen beim Krippenspiel. Und dass jeder Mensch in meiner Nähe dieses Weihnachten ein wenig länger als bis Neujahr in sich trägt.

Ich wünsche mir, dass sich verschiedene Verschwurbelungen, die mir und denen, die ich liebe, das Leben ein wenig mühsam machen, auflösen im nächsten Jahr. Und Geduld bis dahin.

Ich wünsche euch allen von Herzen ein schönes Weihnachtsfest, ganz gleich, wie und mit wem ihr es verbringt, und dass sich eure Erwartungen erfüllen mögen. Ich wünsche euch Gesundheit und inneren Frieden. Ich wünsche uns, dass wir uns im nächsten Jahr hier wieder lesen und ich danke euch für fünf Jahre Nieselpriem. Ich danke euch für jede eMail, jeden Kommentar bei Facebook, jedes Herz bei Instagram und jedes „Ey, hallo! Bist du nicht die Nieselpriem?!“, auf der Straße. Ihr macht mir damit übers Jahr so viel Freude, das sind auch Geschenke. Ich freu mich wirklich immer darüber, danke schön!

Jetzt ist Weihnachten!

Und weil irgendwer bei Facebook ja immer fragt, “ Ob Chris Rea schon losgefahren sei?!“, ja, isser. Und mit diesem Oberschnulz schicke ich euch jetzt in die Weihnachtsferien.

Habts schön und schüssn bis nächstes Jahr, eure Rike. ❤

 

Das Stollenexperiment

Zweiter Advent, irgendwann vorm Morgengrauen, ist nach meiner bescheidenen Erfahrung die beste Zeit, um einen Mandelstollen zu backen. Denn, höret und staunet, ich habe es hinbekommen! Ohne Rosinen, ohne Rum und gänzlich ohne Ahnung.

Während ich aus diversen Rezepten eine eigene Rezeptur kreiere und später die Zutaten zusammensammle, erbläut der Himmel über unserem Garten und der Blondino, der hier der wochenendliche Küchenprojektleiter ist, weil „Ich bin hier der Backschäff!“, besteigt in der Küche seinen Tritthocker von Ikea und es geht los.

Früher wurde Stollen ja in Kinderbadewannen zusammengerührt und dann auf dem Handwagen zur Bäckerei gefahren zum Backen. Auf riesigen Backblechen wurden die Stollen der einzelnen Familien draufgepappt und durchgebacken. Ich weiß das von meiner Oma.

Nun habe ich zwar eine Kinderbadewanne, dachte aber, für den Prototypen backen wir erst mal einen (!) Stollen und gucken, wie das so anläuft. Pass auf, jetzt gehts los.

Aus

250 ml handwarmer Milch

1 Würfel Hefe

300 g Mehl

80 g Zucker

1 Prise Salz

einen Vorteig rühren und eine Stunde ruhen lassen. Danach

350 g Butter

1 Fläschchen Bittermandelaroma

noch mehr Mehl, nämlich 400 g

200 g gehackte Mandeln (das sind zwei Tüten)

1 Päckchen Zitronat

1 Päckchen geriebene Zitronenschale

1 Päckchen Stollengewürz (gibts schon fertig als Mischung zu kaufen) und

etwas Vanille

einkneten. Das alles kräftig durchkneten in der größten Schüssel die ihr habt und wieder eine Stunde ruhen lassen. Danach den Teigklops rausholen, eine längliche Rolle formen und aufs Backblech hieven. Ich habe eine dicke Wurst aus Alufolie drumrumgelegt, damit der beim Backen die Form nicht verliert. Dann mittig circa zwei Zentimeter tief einschneiden. Das sieht seltsam aus, ergibt aber am Ende dann die typische Stollenform.

Nachdem der Stollen eine Stunde bei 175°C Umluft gebacken wurde, sieht er so aus.

Dann hat das Kind den Stollen gebuttert und gezuckert. Dafür ein reichlich halbes Stück Butter schmelzen und mit einem Backpinsel drauf verstreichen. Ich habe vorher den Stollen ordentlich angepiekst von allen Seiten und der Schlitz oben nimmt auch reichlich Butter auf.

Danach dann ganz fett mit Puderzucker einstäuben. Meine Oma machte diese Prozedur mindestens zweimal. Eine Woche nach dem Backen die  Zuckerschicht runterkratzen, noch mal buttern und neu zuckern. Eventuell nach einer weiteren Woche wiederholen! Zwischendurch hing der Stollen in Tücher gewickelt in einem Dederonbeutel draußen vorm Fenster, weil die Oma keinen Balkon hatte.

Vielleicht ist das auch der Grund, warum es am Heiligabend in Dresden traditionellerweise „nur“ Kartoffelsalat mit Wienern gibt – nach zwei Stück Stollen kriegt keiner mehr was rein!

Ich habe im Anschluss an das Buttern und Zuckern den Stollen in Alufolie und mehrere Geschirrtücher gewickelt in einem Gänsebräter im Keller verstaut zum „Durchziehen“. Der erste Geschmackstest am Dienstag ergab schon: Erstaunlich lecker! Schmeckt tatsächlich wie Stollen!

(Keiner ist überraschter als ich)

Die Stollenbäckerei ist ja besonders in Dresden und Umland eine verdammte Wissenschaft und die Rezeptur ein übelstes Exklusivgeheimnis! Die Stollenbäcker backen bereits im Spätsommer, damit die Stollen noch bis Weihnachten ordentlich durchgezogen sind. Dann kann man sich in der Adventszeit sein Gehalt in Stollen auszahlen lassen. Ich habe in dieser Woche zwei Dreipfünder Stollen für die Kollegen gekauft und dafür sechsundvierzig Euro hingelegt. Autschi.

Da kommt ihr ab jetzt mit meinem Stollenrezept deutlich günstiger! Als Dresdnerin esse ich im übrigen die im Supermarkt günstig und in einer Industriebäckerei hergestellten Stollen nicht. Dann esse ich lieber Buttersemmeln an Heiligabend. Außerdem ist eigentlich überall Rum drin und das mag ich sowieso nicht.

Kaufen muss ich in jedem Fall noch mindestens einen Mohnstriezel, denn Hefeteig mit Mohn und mit Streuseln und mit Nüssen und mit Puderzucker, da macht die Frau Nieselpriem beim Essen Geräusche wie bei einer Schmutzfilmvertonung! 🙂

 

Eine frohe Adventszeit uns allen.

 

Schlaflos 2.0

Ich habe vor vielen Jahren einen Text gehört (ich meine, das war Ingo Appelt, aber Google lässt mich diesbezüglich im Stich), da konstatierte jemand- Ingo? – die Frage sei ja nicht, Kinder ja oder nein, sondern ob du ausschlafen willst oder eben nicht. Denn erst könntest du nicht ausschlafen, weil die Kinder alle furzelang irgendwas bräuchten in der Nacht. Futter, Trost, man kennt es ja. Dann könntest du nicht ausschlafen, weil du mitten in der Nacht die Handaufzuchten in irgendwelche Institutionen fahren müsstest, oder wieder abholen. Nach dieser Phase könntest du auch nicht mehr schlafen, weil du panisch wartest, dass die Kinder nachts heil nach Hause kommen und danach dann kannst du auch nicht schlafen, weil morgens der Zivi kommt um dich zu waschen…

Gut, das ist wohl wirklich ne Weile her, an dem „Zivi“ merke ich es selber.

Wie ich jetzt darauf komme? Ach, nur so.

Protokoll einer schlaflosen Nacht

22:30 Uhr – Ich schaffe meinen geriatrischen Körper in Richtung Schlafstätte, der Mann hält Wache über die reduzierte Herde, der Bubi weilt nämlich noch bei seiner Freundin am anderen Ende der Stadt. Wird aber regulär um 23:00 Uhr erwartet.

23:15 Uhr – mein Handy piept, der Mann teilt mir aus dem anderen Zimmer mit, dass die Ankunft des Sohnes sich noch verzögern wird. Ich rufe den Sohn auf seinem Handy an und schnauze in das kleine Kommunikationsgerät, dass er seinen knochigen Hintern nach Hause zu schaffen habe, denn den Tag darauf sei Schule und Klassenarbeit und überhaupt! Dann lege ich auf und bin wütend. Und wach.

1:15 Uhr – Der Mann kommt wutschnaubend ins trauliche Schlafgemach, teilt mir mit, der verlotterte Sohn sei noch immer nicht zu Hause, er aber bräuchte jetzt seinen Schlaf! Mit diesen Worten schmeißt er sich auf seine Seite der Bumshöhle und schnarcht sogleich drauflos. Ich bin jetzt noch wacher.

1:30 Uhr – Ich sitze nun im Wohnzimmer mit Blick auf die Haustüre und warte. Schreibe SMS, WhatsApp-Nachrichten an den verlustig gegangenen Sohn. Inhalt: „Wo bist du? Wann bist du da?“. Keine Rückmeldung. Ich rufe an. „Anruf fehlgeschlagen“, meldet mein Telefon.

2:30 Uhr – Ich tippe weitere Textnachrichten. Inhalt: „Drückst du mich etwa weg? Wieso kann ich dich nicht anrufen?! Was ist los bei dir? Melde dich!“. Ich nehme mein Diensthandy aus der Tasche und versuche ihn damit anzurufen. Okay, es klingelt wenigstens. Nein, er geht nicht ran. Verdammt! Oh Gott, der wurde bestimmt überfallen und liegt verkloppt im Gebüsch neben dem Albertplatz… soll ich ins Auto steigen und den suchen?!

3:00 Uhr – Ich stehe im Bademantel auf der Terrasse und rauche. Ich habe vor vierzehn Monaten aufgehört mit Rauchen.

3:15 Uhr – Ich denke an meine Mutter. Sehe sie im altmodischen Morgenmantel am Schlafzimmerfenster hocken und auf mich warten. Damals, als ich jedes Wochenende auf den Dörfern rund um Dresden zur Disco war und niemals nie die letzte Bahn kriegte und stets und jedes Wochenende wieder mit einem Dutzend anderer Dresdner Jugendlichen bis zu zwanzig Kilometer zu Fuß ging. Von Medingen, Großdittmannsdorf und Lockwitz aus nach Dresden, das dauerte. Und Handies waren noch nicht erfunden. Meine Mutter konnte nie schlafen, bis ich daheim war und hockte übermüdet jede verdammte Disconacht am Schlafzimmerfenster, während mein Vater schnarchte. Bis sie mich den kleinen Weg von der Gartenheimsiedlung anschlurfen sah… ach Mutsch, es tut mir so leid. Ich büße, glaube es mir!

3:45 Uhr – Ich überlege, ob es möglich ist, dass er noch bei seiner Freundin ist. Hm. Zumindest erscheint es mir logisch, dort mal anzurufen, bei den Eltern. Die Nummer fummle ich mit kriminalistischem Spürsinn aus irgendwelchen Kontaktlisten, die der Klassenlehrer vor Jahren mal versendet hat. Es nimmt keiner ab! Wieso gehen die nicht an das Scheißtelefon!

4:00 Uhr – Ich texte von zwei Handies aus. Inhalt: „Wenn du dich nicht sofort bei mir meldest, rufe ich die Polizei und lasse dich suchen!“. Drei Minuten später: „ICH RUFE JETZT DIE POLIZEI UND LASSE DICH SUCHEN!“.

4:15 Uhr – Ich renne kopflos durchs Haus um zu überlegen, was ich wie der Polizei mitteilen werde, wenn ich dort gleich anrufe. Da ich am besten nachdenken kann, wenn ich bügele, gehe ich in den Keller in Richtung Waschhaus und… nanu. Dort stehen die Turnschuhe des Sohnes, gleich neben seiner Jacke, die auf dem Fußboden rumlümmelt.

4: 18 Uhr – Ich reiße die Zimmertür des Vermissten auf und wecke ihn mit den fröhlichen Worten: „SAGEMALSPINNSTDUVÖLLIGWOWARSTDUWOBISTDUWASMACHSTDUIMBETTICHWARTESEITSTUNDENAUFDICH!“, um zu erfahren, das Jüngelchen wollte der Standpauke des Bärtigen entgehen und ist zur Kellertüre reingeschlichen, so gegen halb eins. Und ja, es gehe ihm gut. Ob er jetzt wohl schlafen dürfe, morgen sei Schule und Klassenarbeit und überhaupt! Sein Handy mit vierzehn Anrufen in Abwesenheit liegt derweil lautlos geschaltet auf seinem Schreibtisch.

4: 30 Uhr – Ich lege mich in mein kaltes Bett, erschöpft und müde.

4: 45 Uhr – Ich schnappe mir Kopfkissen und Decke und verziehe mich auf die Couch im Büro, weil der Mann schnarcht, dass in mir die Ohropax vibrieren.

5:30 Uhr – Das Kleinkind weckt mich mit den Worten: „Mama, aufstehen! Ich bin schon wach! War der Likonaus da?“.

 

 

 

 

Nerdlove forever

Der Bärtige und ich sind Serienjunkies. Und manchmal kommt es vor, dass wir uns gelegentlich mit unseren Serienhelden identifizieren. Also eigentlich identifiziere ich den Mann. Und zwar in Homer Simpson, Bernd Stromberg und Lennart Hofstetter. Genaugenommen ist es jedoch andersherum: Er ist Lennart mit Homer-Einschlag und gelegentlich auftretender Stromberg-Attitüde.

(c) giphy

Ich bin einfach nur Penny. Also zumindest teilen die Serien-Penny und ich Haarfarbe, Geschlecht, desolaten Kontostand, Affinität zu weinhaltigen Getränken und den zweifelhaften Männergeschmack, bevor die Nerds in unser Leben traten.

(c) giphy

Ehrlicherweise muss ich sagen, es gab vor zwanzig Jahren ja noch kein Internet für jedermensch und auch die Auswahl an Konsolenspielen war begrenzt. Und sogar den Nerd-Begriff hatte noch niemand erfunden. Es war zugegebenermaßen schwierig, einen Nerd zu identifizieren.

Ich lernte damals einfach einen jungen Kerl kennen, der irgendwann Informatik studieren wollte, sich für künstliche Intelligenz und Astronomie interessierte, der Stephen Hawking nicht nur las, sondern auch verstand und auch sonst irgendwie seltsam war. Und süß.

Ich kannte nur Stephen King.

Dass wir zwei uns trotzdem paarten ist einem missverständlichen Verhalten meinerseits geschuldet. Ich sagte an einem folgenschweren Abend zu dem stillen jungen Mann: „Du fährst mich heute nach Hause!“, was tatsächlich wie ein Befehl klang und die ersten Worte waren, die ich überhaupt an den jungen Mann richtete. Und es hat geklappt. In der folgenden Zukunft löste diese erste Aktion eine Reihe weiterer Aktionen aus (Anrufe mit Anträgen zu Essengehen/ Spaziergängen), Blumenpräsente, die schlussendlich dazu führten, dass ich hier sitze und der Mann auch noch irgendwo in der Nähe ist.  Rückblickend kann ich den Erfolg einfacher Befehle im Umfeld von technikaffinen Menschen als empfehlenswert weitergeben.

Heute, zwanzig Jahre später, bin ich von Nerds umzingelt. Der zukünftige Herr Nieselpriem studierte selbstverständlich Informatik, scharte darauf hin weitere Informatiker und einen theoretischen Physiker als „best buddies“ um sich und auch beruflich bin ich umgeben von (Aufpassen, Rike!) netten, blitzgescheiten Menschen, auf die im weitesten Sinne die Nerd-Beschreibung zutrifft. Sie sind überall! Es gibt kein Entrinnen. Und die nächste Generation züchten der Kerl und ich gerade heran. Unser Asperger-Sohn ähnelt in vielem Sheldon Cooper und der Kleine, nun ja, wir bleiben gespannt. Und ich, ich bin immer noch Penny…

(c) giphy

Spielen wir Skat, überreizen die Männer nicht, sie sind „OP“ (overpowered). Und wenn ich zufällig den Bärtigen und unseren Bubi im Gespräch belausche, höre ich Worte, einer Fremdsprache entsprungen. Sie texten sich in Gamer-Slang zu und informieren sich gegenseitig über neue Versionen von „Blabla“ und neue Features von „vollkommen uninteressant“ und wehe, ich renne versehentlich mit dem Wäschekorb am acht Quadratmeter großen Bildschirm vorbei, während die beiden irgendeinen Zombi totschießen mit ihren Controllern!

Neulich fiepte abends das Empfangsgerät des Mannes und kündigte den Eingang einer eMail an. Mein unauffälliger Blick identifizierte als Absender eine „Ivi, Empfang“ und mit innerlich erhöhtem Blutdruck und äußerlich völlig entspanntem Äußeren und überhaupt nicht hysterisch erhöhter Stimmlage fragte ich, was zum Henker mit der Ivi vom Empfang läuft!

Daraufhin guckte mich mein Heimnerd mit dem typischen Lennart-Blick an und wunderte sich gleichermaßen irritiert, warum ich ganz offensichtlich wütend werde, wenn der Empfang des „Instituts für Verkehr und Infrastruktursysteme“ (kurz Ivi) irgendeine langweilige Nachricht schickt. Er guckte im übrigen immer noch so irritiert, während ich vor Lachen von der Couch kugelte, weil er einfach nicht begriffen hat, dass ich wohl offensichtlich eifersüchtig war!

Das ist das schwierige. Mitunter. Das Zwischenmenschliche.

Während ich manchmal denke, der Mann ist nur mit mir zusammen, weil er ein komplexes Sozialexperiment durchführt und sich seit Jahren einredet: „Gottverdaulicher, irgendwo muss doch hier bei dieser Frau eine Logik in Denken und Handeln zu finden sein!“, verzweifle ich daran, dass der Kerl mir stundenlang Vorträge über die Geschichte der Entwicklung von MP3, MP4, alles zum Galileo-System inklusive der politischen Hintergründe und Vorträge zur multphysikalischen Verifikation von irgendwas halten kann, aber sich nicht merkt, wie man einen Topf Reis kocht! Oder Wäsche!

Und der Nerd hier verzweifelt an dem Chaos, das ich meine „Ordnung“ nenne. Und ist im nächsten Augenblick wieder fasziniert vom Chaos (schon klar).

Trotz allem Unwirsch muss ich sagen: Mädels, lasst die Nerds ran! Ich sage nicht, dass es einfach wird, aber es wird sich lohnen! Ihr solltet diesbezüglich wirklich euer Beuteschema überdenken. Vor tausend Jahren war es sicher richtig, sich einen breitschultrigen Hünen zur Begattung zu suchen, der Säbelzahntiger mit den bloßen Händen erwürgen konnte und den Fortbestand der Herde damit sicherte. Heute aber muss man(n) in der Lage sein, einen Thermomix zu programmieren und da kommt man(n) mit den breiten Schultern und den Pranken nicht weit. Da sind Fingerspitzengefühl und technisches Verständnis eher wichtig für den Fortbestand der Menschheit.

Müsste ich mir heute einen Nerd aufreißen, würde ich als erstes die Enterprise aus Lego als Facebook-Profilfoto hochladen und mich bei Hackergruppen mit dubiosem Namen anmelden. Ich würde auf dem Uni-Campus rumlungern und in der Mensa bei der Nudeltheke. Dort gibt es eventuell einen all-you-can-eat-Stand. Wenn dann dort ein Typ aufkreuzt, der pedantisch einen akkuraten Nudelberg auf seinen Teller türmt und von jeder Seite exakt gleich viel von den vier angebotenen Nudelsoßen gießt, dann bist du mit Sicherheit ganz nah dran am Nerd!

Gut, in der Anbahnungsphase kann es mitunter zu Verständnisprpoblemen kommen, aber das gibt sich. Wenn du zum Beispiel zu einem schlicht gestrickten Kerl (sagen wir mal, ein Bauarbeiter) sagst, er solle dich von hinten an den Haaren packen und dich in den Nacken beißen, versteht der: Alles klar, ich hol den Schwengel raus und dann dengel ich drauf los!, während der Nerd dich eventuell irritiert fragt, warum er dich denn an den Haaren ziehen oder beißen sollte! Da ist es hilfreich, erst ein Bild von der Serengeti und den Löwen heraufzubeschwören und dann erst…  (Ich wünschte wirklich, ich hätte mir das ausgedacht)

(c) giph

Trotz allem gibt es einen unschlagbaren Vorteil von Nerds als Liebhabern. Möglicherweise verfügen sie über deutlich weniger Praxiserfahrung als andere Geschlechtsgenossen, allerdings kann davon ausgegangen werden, dass sie bereits jedes wissenschaftliche Buch und jedes Schaubild, das es zum Thema „Sexualität der Frau“ gibt gründlich studiert haben und wissbegierig und sind, das erlernte Wissen in einen Praxistest  zu überführen. Und sollte jemals jemand die großen Mythen der weiblichen Lust, wie zum Beispiel dieser ominöse G-eheim-punkt oder weibliche Ejakulation oder was auch immer da so im Raum schwebt, aufklären, ich schwöre, das wird ein Nerd sein!

Denn sie sind es gewöhnt, Rückschläge einzustecken, in der wissenschaftlichen Forschung, beim Zocken. Und spielen einfach das gleiche Level immer wieder. Und wieder. Und wieder…

Wie sagte einst Amy aus der Serie „The big bang Theory“ über Sheldon? „Sein Hang zu Wiederholungen wird mir irgendwann zum Vorteil gereichen.“. Dem ist an der Stelle nichts hinzuzufügen.

Und wenn wir sehr viel Glück haben, gibts dann bald ein Handbuch, als PDF downloadbar im Internet, wo genau drinsteht, wie das alles funktioniert. Erst zwei Meter geradeaus, dann scharf rechts abbiegen, links hoch…

Genau, Penny: OH MY GOD!

Spielen mit Kindern

Ich war immer ein zartes Mädchen, das sich nicht schmutzig machen wollte, Röcke liebte und Verkleiden, mit Puppen spielte, bastelte, nicht pullern konnte, wenn jemand zusah und später niemals auf die Idee gekommen wäre, freiwillig irgendwohin zu reisen, wo man sich nicht mit fließendem Wasser und Seife hätte reinigen können. In meiner Prägungsphase hörte ich Slogans wie: „FRIEDEN! SCHAFFEN! OHNE! WAFFEN!“, oder: „MAKE! LOVE! NOT! WAR!“. Ich schleppte jedes angeditschte oder verwundete Tier, das ich fand, nach Hause um es zukünftig zu bemuttern. Zusammenfassend kann man über mich sagen: Sie ist reinlich und pazifistisch (Und noch ein wenig mehr, was aber für den Kontext dieser Geschichte keine Geige spielt).

Der Bärtige war anders. Der verbrachte seine Kindheit in der Arbeitsgemeinschaft „Wandern und Touristik“, hockte jedes Wochenende im Wald oder im Dreck und lernte, Feuer zu machen mit zwei Tannzapfen und wie man einen lebenden Bären ausweidet (das allerdings ist zugegebenermaßen meiner Fantasie entsprungen). Faktisch überliefert ist allerdings, dass er als angehender Wissenschaftler bereits im Kindesalter Experimente mit lebenden (zumindest am Anfang) Fröschen und Mäusen in der mütterlichen Küche durchführte und dazu völlig selbstverständlich auch die mütterlichen Tupperschüsseln, den Gefrierschrank und die Mikrowelle verwendete. Weiterhin ist belegt, dass er – angetan von dem Film „Fightclub“ – später zumindest kurz eine Karriere als Kneipenschläger in Erwägung zog.

Wir paarten uns, getreu dem Motto: „Gegensätze ziehn sich an“, und zwei Kindlein wurden uns geboren.

Rückblende. Wir schreiben das Jahr 2005 und das Erstlingswerk ist fünf Jahre alt. In seinem Spielzimmer befinden sich handgenähte Puppen mit Zubehör, Autos, Bauklötze, ein Strickliesel, Stifte und Bälle. Ich versuche ihn auch erfolglos an das von mir so favorisierte Konzept „Puppenhaus“ heranzuführen. Trotz all der behüteten Atmosphäre sammelt das Kind bei jedem Ausflug in die Natur Stöcke und Steine und fängt sofort an, damit zu schießen („PENG! PENG!“) oder imaginäre Endgegner zu lynchen.

Wenn wir dann heimgingen, verlangte ich stets, dass alle Stöcke, Steine und so weiter vor der Haustür abgelegt werden müssten, denn ich „Wöllte keine Waffen in meinem Haus!“. Selbstverständlich war ich der felsenfesten Überzeugung, dass ebenso jegliche Arten von Ballerspielen mit gewaltverherrlichendem Inhalt von meinem friedfertigen und liebevollem und jedem Wesen auf der Erde in Achtung zugewandtem Sein (und vor allem meinen Kindern) fernzuhalten sind.

Zeitsprung. Wir schreiben das Jahr 2018 und der Zweitgeborene ist fünf Jahre alt. Gestern dann hier so:

„Mama, spielst du mit mir mit meiner Pirateninsel?“. „Klar. Gerne!“. „Ich bin dieser Räuber hier und du kannst den Mann haben.“. „Okay, ich komme mit meinem Boot hier an… „. „… Und dann komme ich und schieße dich! Peng, peng!“. „Äh, warum? Okay, dann spiele ich jetzt eben mit diesem Männel…“. „Ich bin der Schießpistolenmann und du wirst jetzt geschossen!“. „Wieso werde ich denn immer erschossen? Das ist doch kein lustiges Spiel!“. „Weil das so ist, Mama. Und jetzt stellst du dich hier hin und ich knall mit der Kanone auf dich!“. „Gut, dann bin ich hier der gefährliche feuerspeiende Drache und du darfst mich abknallen, weil du die Insel beschützen musst vor mir. Aber nur ein mal! Aua! Du tust mir weh!“.

„PENNG! PENG! PENG!“, „So, jetzt möchte ich das nicht mehr spielen. Das macht mir keinen Spaß! Ich bin jetzt hier dieser Mann und ich grille jetzt ein Pferd hier und decke den Tisch für uns und dann können wir essen und laden noch alle anderen Playmobil-Figuren ein…“, „Und dann kommt der Pistolenschiessmann und du wirst geschossen! Peng! Peng!“.

Wir haben dann den Rest des Nachmittags mit der Nerf seines Bruders rumgeballert (ich durfte die Munition einsammeln), während die anderen Kinder – pardon – der Mann und der Großsohn an den Waffen saßen und Fall out und Borderlands spielten…

 

Epilog:

Deshalb sieht man auf Instagram von mir dauernd Fotos aus der Küche. Ich verstecke mich beim Kochen und Backen, wenn die Alternative „Spielen mit den Kindern“ bedeutet. Und ich würde mich sehr freuen, wenn ich mal zum Puppenhausspielen oder Puppenküche bespielen irgendwo anders eingeladen würde. Ich bringe auch gern aus Knete selbst gebackenes Obst mit. Und nein, ich weiß auch nicht, was ich hier falsch gemacht habe… Und nur fürs Protokoll: Zum Heer geht keiner von meinen Zöglingen! Notfalls lege ich mich nacksch als Kanonenfutter auf´s Feld.

Peace!