Die Reifeprüfung

Mein lieber Bubi,

ich soll nicht mit dir reden, hast du gesagt. Und ich solle auch keinen Brief schreiben, hast du gesagt. Ich soll dich doch bitte jetzt in Ruhe lassen.

Nun, das mit der Ruhe kann ich gerade nicht. Gar nicht. Seit Wochen hängen dein Vater und ich in einem Strudel aus Anspannung, was-wäre-wenns und Supportbestreben fest. Das ist ein Scheiß, das kannste laut sagen. Also, wenn dein kleiner Bruder gerade nicht zuhört.

Weißt du, das ist wirklich echt Kacke gelaufen heute. Und vor zwei Wochen auch schon. Ich meine, du hast wirklich passable Leistungen abgeliefert, dreizehn Jahre lang, und nur an an zwei Tagen waren die nicht abrufbar – shit happens! Tja, Abitur adé. Und dann heute die beschissene mündliche Nachprüfung – die allerallerallerletzte Chance, nur kein Druck- und wieder hat es nicht gereicht. Und dann noch diese Abwertung, dieses: „Das war gar nichts, was sie heute gezeigt haben!“, danke.

Als du den Weg zum Haus herunterkamst am heutigen Vormittag, da wollte ich dich nur in den Arm nehmen. Du wolltest das natürlich nicht, das willst du nie. Dein Gesicht, diese Enttäuschung, dich so zu sehen… weißt du, wir sind alle am Boden zerstört, heute. Aber das musst du wissen, wirklich glauben: Es hat nichts damit zu tun, dass wir dich für einen Versager halten, dass wir enttäuscht wären. Im Gegenteil! Wir sind so traurig, weil wir dir von Herzen gegönnt hätten, dass du diesen Sieg einfährst! Weil dein Vater und ich der Meinung sind, du hast das sowas von verdient, dieses alberne Blättchen mit dem Abiturzeugnis. Du hast dich dreizehn Jahre abgestrampelt unter deutlich erschwerten Bedingungen, die letzte Zeit gänzlich ohne Hilfe. Du hast nicht einen einzigen Tag geschwänzt, niemals „versehentlich“ verschlafen, du warst geradlinig bei der Sache. Das hat nicht gereicht. Leider.

Seit Ende letzten Jahres musstest du ohne Schulintegration auskommen, weil der letzte Integrationshelfer krank wurde und in der ganzen Stadt kein Ersatz zu finden war. Deine Schule hat bis heute keinen Integrationsbeauftragten benannt, obwohl sie nach dir in jedem Jahr mindestens einen Schüler mit Autismusspektrumstörung aufgenommen haben, das zusätzliche Geld für die Inklusion nimmt man gerne mit und niemand prüft so genau nach, ob der Auftrag denn überhaupt erfüllt wird, egal. Dann kam Corona und verbannte dich zum Alleinlernen in dein Zimmer. Tutorstunden fielen aus, Prüfungsvorbereitung nur noch im Alleingang. Du hast das wirklich bravourös gemacht! Ich habe dich eigentlich nie genervt erlebt, niemals schlecht gelaunt. Die letzten Tage der Prüfungen, da hattest du entsetzliche Muskelzuckungen, die dich um  den Schlaf brachten, du warst am Ende deiner Belastung, wir haben es alle gemerkt. Und dennoch hast du dich so wacker geschlagen, hast dich zusammengerissen (Auch wenn Autisten immer wieder gern beteuern, das sei per definitionem unmöglich!) und dich motiviert. Es hat nicht gereicht.

Mir will das Herz brechen über deinen Kummer heute, deinem Vater geht es ähnlich. Aber nur, weil wir finden, das ist so ungerecht, so kackdrecksgemein. Weil wir sehen, was du geschafft hast und wie weit du gekommen bist und dass dir wirklich niemals in den letzten dreizehn Jahren irgendwas in der Schule geschenkt wurde. Und zugefallen ist es dir schon überhaupt gar nicht. Wenn ich daran denke, dass du trotz aller Anträge im Vorfeld das Abitur ohne Nachteilsausgleich (lediglich ein paar Minuten mehr Zeit wurden dir zugestanden) ablegen musstest, will ich ein Loch in die Wand hauen! Da wird dir jahrelang zugesichert, dass du die Operatorenliste als Hilfsmittel bei Arbeiten benutzen darfst und in der Prüfungsordnung steht, der Integrationsschüler legt die Prüfungen ab unter den Bedingungen, wie der Stoff gelehrt wurde, und dann wird die für dich so wichtige Operatorenliste auf einmal abgelehnt mit dem Hinweis, das wäre ja sonst ungerecht gegenüber den anderen Schülern und alle müssten unter den gleichen Bedingungen abliefern. Hallooo?!

Chancengleichheit

(Ich bin so inklusionsagressiv, ich könnte was anzünden… )

Ich habe dir im Vorfeld gesagt, ganz egal, wie heute das Ergebnis ausgeht, ich bin stolz auf dich! Du hast dreizehn Jahre Schule gemeistert und ich schau mir deinen Zensurenspiegel an, da steht nichts von „durchgefallen“! Du hast die letzten drei Jahre Leistung abgeliefert, das steht dort. Du konntest es an den Prüfungstagen nicht abrufen, von mir aus, aber du hast es geleistet! Ich lass mir nichts anderes einreden. Du bist absolut großartig und ein fantastischer junger Mensch, den ich so gerne um mich habe.

Und ich habe dir gesagt, wurscht, was dort auf dem Papier steht, ich weiß einfach, du wirst deinen Weg finden und ich wünsche mir nur für dich – nicht für mich – dass du glücklich wirst und zufrieden und deinen Platz in dieser Welt ausfüllst. Ob du dazu als Baggerfahrer deinen Lebensunterhalt verdienst oder als Verkäufer für Tiernahrung, als Biochemiker oder Eintänzer, das ist mir wumpe, solange es deiner eignen Wahl entspricht.

Ich weiß aber auch, dass du das Meerrauschen einschaltest, wenn ich gefühlsduselig werde und liebesschnulzig. Du hast mal gesagt, das könntest du alles nicht ernst nehmen, was ich von mir geben würde, denn ich fände ja immer alles ganz toll, was du machen würdest. Das hat mich nicht gekränkt, ich verstehe, was du meintest. Aber dein Vater ist zum Glück auch noch da und darf den Part des konstruktiven Kritikers übernehmen und dir Rankhilfe sein, an der du dich festhältst und nach oben wächst. Ich muss das nicht. Ich bin der Barde mit den Lobgesängen.

Wenn ich so drüber nachdenke, weiß ich auch nicht, ob ich das super gefunden hätte mit einer Mutter wie mir. Ich weiß nur, dass ich mein erstes halbes Leben versucht habe, die Lücke zu schließen, das Loch zu stopfen, dort, wo die elterliche Unterstützung und Wertschätzung und ewiglich geschworene Liebe und Zuversicht eigentlich hingehören. Und dass ich es um jeden Preis anders machen wollte. Dass ich sowieso gar nicht anders kann, als für immer der größte Fan von dir und deinem Bruder zu sein, das ist für dieses Vorhaben natürlich überaus hilfreich.

Ich werde niemals damit aufhören, auch nicht, wenn du siebzig bist und ich hundert. Auch dann noch werde ich dir sagen, wie glücklich ich bin, deine Mutter zu sein. Und wie stolz du mich machst. Weil es eben nicht von einem Zettel abhängt, was deinen Wert ausmacht. Und noch nicht mal dein Lebensweg wurde heute entschieden, nicht im mindesten, auch wenn du das jetzt sicher denkst. Und dich fragst, was nun aus dir werden soll. Du musst nicht werden, du bist schon.

Ich erzähl dir mal was.

Wenn du jetzt nach dreizehn Jahren auf dem sogenannten „ersten“ Bildungsweg dein Abitur gemacht hättest, dann wärst du in unser ganzen Familie der erste Mensch überhaupt! Ernsthaft. Dein Opa hat die Schule nach acht Klassen verlassen und Maurer gelernt, sich danach irgendwie hochgearbeitet und Abendschule gemacht und war dann Chef von Dings und Bums. Deine Oma hat bei der Post gearbeitet, während der Lehre noch deinen Onkel bekommen und auch „irgendwie“ weitergelernt bis in ihre leitende Position. Damit will ich nicht sagen, dass eine leitende Position erstrebenswert ist, nur, dass beim Schulabschluss nicht entschieden wird, wo die berufliche Reise schlussendlich endet.

Dein Vater hat eine Ausbildung zum Schlosser gemacht und jeden Tag davon gehasst. Danach hat er sein Abitur nachgeholt und war mit dreiundzwanzig fertig damit. Mit achtundzwanzig hatte er das Studium beendet. Du warst fünf Jahre alt damals.

Und ich habe gar kein Abitur! Hab ich damals gedacht, das sei ein Manko? Natürlich. Ich habe eine verhasste Lehre gemacht unter Honecker (Elektronikfacharbeiter, damals noch ohne -in am Ende, Genderfizierung war noch nicht erfunden), danach zwei weitere Ausbildungen angefangen (Frisör, Außenhandelskauffrau) und aus unterschiedlichen Gründen abgebrochen. Erst mit fünfunddreißig (du warst schon da und ich bin täglich morgens um halb vier aufgestanden um zu lernen) habe ich meinen Abschluss als Informatikkauffrau gemacht, der mich zu meinem heutigen Job gebracht hat. Hat mich das zu einem Versager gemacht? Nein. Hatten andere Menschen in meinem Alter viel früher große Autos und schicke Häuser und einen Plan im Leben? Ja, sicher. Will ich rückblickend tauschen? Auf gar keinen Fall!

Was ich dir damit sagen will ist, dass Versagen in den seltensten Fällen wirklich Versagen bedeutet. Versagen ist nur ein Begriff der Abwertung, den du dir selbst auferlegst oder dir von anderen auferlegt wird. Nichts im Leben ist Versagen! Davon bin ich zutiefst überzeugt. Alles führt uns am Ende auf einen bestimmten Weg, unseren Weg! Und du stehst erst am Anfang deines Weges. Ob er verzweigt ist und mit Wurzeln bewachsen oder eine asphaltierte Straße, bei der du den Horizont fest im Blick hast, ich weiß es nicht. Ich hoffe, er ist mit schattigen Bäumen bewachsen und mit Blumen am Wegesrand, damit dein Blick Ablenkung erfährt und du dich nicht immer auf dein Ziel fokussierst. Und dass du immer nette Gesellschaft hast auf deinem Weg. Das ist überhaupt das wichtigste in meinen Augen, aber ich bin alt, das musst du noch nicht verstehen, jetzt mit zwanzig.

Ich möchte dich noch ein Stückchen begleiten, auch wenn ich lernen muss, dir nicht mehr die richtigen Wanderschuhe rauszustellen und dich mit Sonnencreme einzuschmieren, falls der Weg durch die Mittagshitze führt (Metaphern sind nicht so deins, ich weiß, ich schreibe das mehr für mich). Ich würde dich gern für immer behüten und beschützen und dir jede Last und jedes Arg und Weh vom Leibe halten, aber dann macht der Weg auch keinen Spaß.

Weißt du noch, als wir auf Teneriffa auf den La Guaraja gestiegen sind? Das war eine Plackerei. Aber als wir oben waren, wow. Und wie stolz wir da waren! Wir hätten natürlich auch mit der Seilbahn hoch zum El Teide fahren können und auf bequeme Weise die Aussichtsplattform erreicht – ohne Schweißvergießen, ohne Mühen – glaubst du, wir  hätten dieselben Gefühle gehabt da oben?

 

Heute willst du nicht mit mir reden, heute lass ich dich in Ruhe. Aber ich bin hier, ich habe die Ärmel hochgekrempelt und zwei, drei Reiserouten für die nächste Etappe zur Auswahl. Oder du machst erst mal Pause. Du darfst das selbst entscheiden, es ist deine Reise, auf deinem Weg. Wir, deine Eltern, sind nicht die Reiseleitung. Aber wir sind bergerfahren und schluchterfahren, wir sind schon durch Stürme und ohne Ausrüstung gegangen, und du kannst immer auf uns zählen, wenn du uns ein Stück mit dir gehen lässt. Das wird die Reise deines Lebens und sie hat gerade erst angefangen.

Deine Ma

 

Linux in einer Welt voller Windows

Ich habe heute beim Aufräumen der Festplatte einen bislang unveröffentlichten Text aus dem Jahr 2016 gefunden. Und ich war sehr gerührt. Weil mir klar wurde, dass damals der Prozess der Abnabelung von meinem Großkind tatsächlich in vollem Gange war und auch, wie okay das für mich war. Und wie seltsam an sich dieses „Okay“! Dachte ich doch bis dato, ich würde mir für den Rest meines Lebens riesengroße Sorgen machen müssen.

Heute weiß ich, nein. Sorgen ja, aber keine riesengroßen. Und gerade weil Eltern mit besonderen Kindern immer ein wenig mehr in Sorge sind und ein bisschen zu wenig von „Wird schon!“, in sich tragen, veröffentliche ich diesen Beitrag heute.

Abgenabelt. Ich konnte mir nie vorstellen, wie das gehen sollte. Wie sich das dann anfühlt! Ich spürte diese intensive Verbundenheit zwischen ihm und mir so derart lange, dass ich mich kaum traute, selbst mit guten Freundinnen darüber zu sprechen. Dass ich kaum wagte zu erzählen, dass es sich für mich anfühlte, als seien wir noch immer durch eine Nabelschnur verbunden. Würde das vergehen? Wann? Wie? Wie geht das mit dem Abnabeln? Und würde es sehr weh tun?

Mein kleiner König, Fasching 2003

Rückblickend: Das passierte behutsam und ganz von selbst. Und es war überhaupt nicht schmerzhaft!

Jetzt, heute, sage ich euch: Ich bin mittlerweile wirklich entspannt und sicher, der Bubi wird seinen Weg gehen! Was haben die Experten uns verrückt gemacht. Sonderschule, betreutes Wohnen und eine Zukunft in der Behindertenwerkstatt, das war das Szenario, das sie gemalt haben! Nichts davon scheint real einzutreffen. Was tatsächlich eingetreten ist, ist etwas, an dem ich mich wie an die sprichwörtlichen Strohhalme geklammert habe: Vieles verwächst sich tatsächlich. Die Besonderheiten des Jungen sind mittlerweile sehr viel weniger auffällig und es fällt ihm zunehmend leichter, das „Normalsein“ wie eine mühsam erlernte Fremdsprache anzuwenden. Mittlerweile spricht er sie „fluent“.

Mein Aspi wird im Juli achtzehn Jahre alt, besucht ein Gymnasium und plant Informatik zu studieren. Er ist der tollste Sohn überhaupt und absolut großartig. ❤

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2016

Wenn andere Kinder ihre Eltern befragten um sich die Sache mit den Bienchen und Blümchen erklären zu lassen, war er schon immer eher der wissenschaftliche Typ. Fragen stellte er keine. Dafür stand er stundenlang im Hygienischen Museum vor der Fortpflanzungsausstellung und studierte. Zog seine Schlüsse aus dem Gelesenen und nach Abgleich mit allem bisher gespeicherten Wissen.

Um mich im Anschluss daran zu fragen, ob er durch künstliche Befruchtung entstanden sei. Auf meine verneinende Antwort hin verkündete er klug: „Aber das gibt es. Das machen die Menschen, die sich vorm Sex ekeln.“. Damals war er zehn.

Später gab es mal eine sehr belustigende Anekdote, die deutlich macht, welchen Stellenwert Sprache hat: In einem Gespräch über Selbständigkeit versuchte ich ihn zu überzeugen, dass er lernen müsse, die Waschmaschine zu bedienen. Er meinte, er hätte später eine Freundin, die das können wird. Ich erklärte ihm, Frauen wöllten aber nicht als Putzfrau gesehen werden, sondern auf Händen getragen werden. Darauf er: „Das kann ich. Ich bin stark! Ich trage sie zur Waschmaschine.“.

So lustig das klingen mag, so ein bedeutsamer Fingerzeig steckt meiner Meinung nach dahinter. Klarheit in Ausdruck und Vorbild. Und das ist sicher immer wichtig im Zusammenleben mit Kindern, die ja bekanntlichermaßen sehr viel durch Nachahmung lernen. Aber noch wichtiger, wenn man Mutter oder Vater eines autistischen Kindes ist. Warum? Nun, in unserem Fall sind wir Eltern die einzigen Bezugspersonen, die ihm „Leben vorspielen“. Also das zwischenmenschliche. Mann  und Frau. Familie. Den Umgang miteinander.

Je älter er wird, umso wichtiger werden wir Eltern als Beziehungsvorbild, so mein Empfinden. Störte ihn zum Beispiel früher nicht im Geringsten, wenn wir Erwachsenen mal laut wurden oder diskutierten, fordert er mittlerweile stets verunsichert eine Erklärung zur Situation und versucht sogar manchmal, auf seine ganz eigene Art zu intervenieren.

Auch unser gelebtes geschlechtertypisches Beziehungsmodell hat er bereits als „Norm“ abgespeichert, weshalb auch diesbezüglich von uns einiges an Flexibilität abverlangt wird, damit er seinen Vater beispielsweise auch als putzenden, kochenden Teil dieser Familie wahrnimmt und für sich ebenfalls als „männlich“ abspeichert. Ich weiß nicht, ob sich alle Eltern solchen Themen stellen müssen, wir jedenfalls müssen es.

Als sich das erste Mädchen anfing für ihn zu interessieren, war er davon vollkommen überrumpelt und wusste nicht, was sie von ihm erwartete. Sie wollten ins Kino (ihre Idee). Ich nahm meinen Sohn auf die Seite und erklärte, Mädchen mögen es, wenn man im dunklen Kino den Arm um sie legt. Er schaute mich völlig entgeistert an: „Und warum?!“.

Sie wurden kein Paar.

Mein Sohn ist Linux in einer Welt voller Windows.

Die nächste Freundin brachte noch mehr Rätsel für den Jungen. Sie kam immer mit einer Freundin (Warum kommt sie immer mit einer Freundin?). Sie trennte sich alle paar Tage um wieder mit ihrem Ex-Freund anzubandeln (Warum macht sie das? Ich verstehe das nicht!). Die Welt war auf einmal noch komplizierter als sie ohnehin schon war. Und dabei ist die Liebe auch schon kompliziert genug, wenn sich Windows 95 und Windows 10 connecten wollen, seien wir mal ehrlich.

Vor kurzem erst stellte sich ein neuer Schulintegrationshelfer vor und die beiden verabredeten sich zu einem ersten Treffen in einem Café. Unser Sohn wollte unbedingt den Kaffee des Integrationshelfers bezahlen und war sehr verunsichert, als ihm dies von dem Mann nicht gestattet wurde. Abends erklärte er mir dann: „Aber der Papa hat mir doch gesagt, dass ich immer bei einer ersten Verabredung bezahlen soll! Dass man das so macht!“.

Die Welt ist voller Gesetzmäßigkeiten und Regeln. Wer die Regeln kennt und kapiert hat, der kann mitspielen. Also her mit der Gebrauchsanleitung! Blöd nur, dass es die nicht gibt für das zwischen-Menschen-Dingsbums.

Sechzehn ist er jetzt, mein Sohn. Ein Alter, unter dem viele Eltern ächzen und stöhnen, weil es die Hochzeit der Pubertät einläutet. Ich finde es ganz wunderbar. Nach so vielen anstrengenden Jahren habe ich das Gefühl, der junge Mann, der mein Sohn geworden ist, ist mittlerweile „bei sich“ angekommen und mir gefällt sehr gut, was ich da sehe!

Er ist sicherer geworden in vielen Situationen, kann sich eine eigene Meinung zu Dingen bilden und diese reflektieren. Wird selbständiger und selbstbewusster. Die Autonomiebestrebungen und das Gemaule, das vielen Eltern die Haare zu Berge stehen lassen, werte ich anders. Ich kann auch entspannter damit umgehen und möglicherweise gibt es deshalb auch wenig Streit bei uns.

Ich mag die Pubertät. Ich habe viele Jahre in ständiger Sorge um diesen Jungen gelebt und habe wirklich geglaubt, ich würde niemals nie aufhören (aufhören können) ihn zu bemuttern, zu beschützen, meine Flügel schützend um ihn zu legen. Irgendwie richtet das die Natur dann doch so ein, dass die Kinder Signale geben und dass das dann ganz langsam passiert. Dieses Loslassen.

Nach so vielen Jahren voller Zukunftsängste und Sorgen habe ich jetzt langsam das Gefühl, dass ich mich einfach nur freuen kann an ihm. Dass sich alles schon finden wird. Dass er sich zurechtfinden wird.

Dass es Zeit ist, meine beiden Kinder einfach nur zu genießen.

Ein schönes Gefühl!

 

 

Mit der Zeit lernst Du,

dass eine Hand halten nicht dasselbe ist
wie eine Seele fesseln.
Und dass Liebe nicht Anlehnen bedeutet
und Begleitung nicht Sicherheit.
Du lernst allmählich,
dass Küsse keine Verträge sind
und Geschenke keine Versprechen.
Und Du beginnst,
Deine Niederlagen erhobenen Hauptes
und offenen Auges hinzunehmen
mit der Würde des Erwachsenen,
nicht maulend wie ein Kind.
Und Du lernst,
all Deine Straßen auf dem Heute zu bauen,
weil das Morgen
ein zu unsicherer Boden ist.
Mit der Zeit erkennst Du,
dass sogar Sonnenschein brennt,
wenn Du zuviel davon abbekommst.
Also bestell Deinen Garten
und schmücke selbst
Dir die Seele mit Blumen,
statt darauf zu warten,
dass andere Dir Kränze flechten.
Und bedenke,
dass Du wirklich standhalten kannst …
und wirklich stark bist.
Und dass Du Deinen eigenen Wert hast.

Kelly Priest

 

Ein Kaffee für Frau Nieselpriem

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