Sprachförderung

Der Blondino (2,5) erhält von seinem Bruder (16) eine Logopädiesitzung.

Innerhalb weniger Minuten kann der Kleine auf einmal „Vollpfosten“ und „Fickschnitzel“ fehlerfrei aussprechen. Als ich naturgemäß versuche zu intervenieren, meint selbsternannte Sprachlehrer: „Mama, wenn der mit dir ne Weile im Auto rumfährt, kann der bald noch ganz andere Wörter!“.

 

Das hat der Doktor gesagt!

Es gibt ja so Eltern, die ihren Kindern mit dem Weihnachtsmann drohen. Oder der Zahnfee. Dem Osterhasen. „Näh, Tscheremeiea, wenn das dor Weihnachtsmann sieht, du, der bringt dir kee Geschenk! Auweia!“. Unmöglich ist das. Und ja, auch der Dialekt.

Ich würde ja nie zu so manipulativen Tricks greifen! Ehrlich. Weihnachtsmann. Also wirklich…

Wir haben den „Doggo“.

Der Doggo ist ehrfurchtseinflößend für den Blondino. Eigentlich ist er ein freundlicher, älterer Mann, der rosa T-Shirts trägt mit der Aufschrift „Doktor Gunther“. Und ist unser Kinderarzt.

Da der Blondino im letzten Quartal häufig dauernd erkrankt war, haben wir den Doktor Gunther oft besucht. Und der hat dann Medizin verschrieben. Die nicht schmeckte. Aber sein musste. „Das musst du trinken! Das hat der Doktor Gunther gesagt!“, hörte man mich mehrmals täglich sagen.

Kam ich mit der Medizin, tönte das Babylein irgendwann schon von allein ehrfürchtig: „Hatter Doggo sagt!“ und sperrte das Mäulchen auf.

Ab dann war es ein Selbstläufer.

Zähneputzen? Hat der Doggo gesagt.

Händewaschen vorm Essen? Hat der Doggo gesagt.

Abendbrot aufessen? Hat der Doggo gesagt.

Hören, wenn die Mami ruft? Hat der Doggo gesagt.

Augen zu, Ruhe und Schicht im Schacht? Hat der Doggo gesagt.

Es war zu einfach…

Gestern springt der Blondino auf dem Trampolin rum und nervt, ich solle reinkommen und mitmachen. Nein! Ich komme nicht rein! Ich will nicht!

Da guckt er mich streng an und sagt: „Mama machs Hüpfen und nimms meine Hand. Hatter Doggo sagt!“.

Scheiße.

 

 

Fotoalbum

Vorhin kam eine Nachricht. Von einer Freundin, die mir auch das Internet geschenkt hat, dieses wunderbare Netz der Liebe. Sie schreibt, dass sie noch immer an Jessica denken muss und dass es auf dem Blog aussehe, als sei sie noch da. Dass jeder einen Blog haben sollte, das sei wie ein Fotoalbum, das niemals verblasst.

Das niemals verblasst. Ein Tagebuch, das keine brüchigen Seiten bekommt. Gefühle, für immer festgehalten. Etwas, das hilft sich zu erinnern. Eine schöne Idee. Und deshalb schreibe ich heute wieder einen Eintrag für mein ganz eigenes Fotoalbum. Auch, damit ich mich selbst erinnern kann. Später.

Das Kleinkind der Nieselpriems hat viele Namen: Blondino, Babylino, Süßilein, Spatzl, Matzl, Rabauke, Frechdachs, Halunke, Tschürtschl (von Churchill, lange Geschichte), Kanaille, Schlawiner. Er ist nach wie vor Sinnstifter, großes Glück und konstanter Schlaf- und Nervenräuber seiner Fans in dieser Familie. Am heutigen Tag ist er zwei Jahre, sieben Monate und zweiundzwanzig Tage bei uns.

Er isst gerne Rollbrätze (rote Grütze), Reibebeeren (Heidelbeeren) und Fsalis! Sagt erstaunlich oft: „Meckt niss! Iss ess das niss! Iss ess Logurt. Gut.“. Er isst viel Joghurt.

Fragt man ihn, was es in der Kita zum Mittag gegeben hat, erfährt man, es gibt dort jeden Tag: „Schnitte!“ (vermutlich essen die Kita-Tanten den Kindern das gute Bio-Essen weg).

Das Kind kann alle Farben benennen inklusive Rosa, Grau und „Urantsch“.

Er zählt fehlerfrei bis elf und ruft im Anschluss sich laut beklatschend „Applaus!“. Er wird mal Artist. Oder Clown. Jedenfalls Zirkus.

Motiviert sich bei allem möglichen mit: „Gleich geschafft, Glasse, iss mass das super!“. Vielleicht wird er auch Motivationscoach.

Will ständig wie eine Katze gekrault werden und wirft sich zu diesem Zwecke bäuchlings auf einen. Wird am liebsten mit einer Stoffwindel gestreichelt. „Mama, schön!“. Na, gern geschehen. Auf jeden Fall wird er ein Genießer!

Ausufernde Restaurationsbemühungen wie Schlammmasken, Haarkuren auf dem mütterlichen Kopf oder Waigelsche Augenbrauen aufgrund von Augenbrauenfarbe drauf honoriert er anerkennend: „Sieht guul aus!“.

Lieblingsbeschäftigungen: Automatische Türen öffnen, Fahrstuhl fahren (hat ne automatische Tür), Zug fahren (wenn es zum Bahnsteig einen Fahrstuhl gibt mit automatischer Tür), Flughafen (Da gibts einen Haufen Fahrstühle!). Auf dem Hauptbahnhof ist das Kind schon bekannt und ungern gesehener Gast, steht er doch stundenlang in  den Geschäften rum, um dann gegen die sich schließenden Tür zu rennen. Was für ein Spaß! Besonders für die Angestellten. Besonders an zugigen Tagen. Egal, wo wir sind, gibt es dort eine Tür, ist die der Hit. Tür auf, Tür zu. Repeat.

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Er klettert auch alleine aus seinem Bett und sieht in seinem Schlafsack und mit Nunni im Mund aus wie eine Kreuzung aus einer Meerjungfrau und Maggie Simpson und berichtet stets stolz, dass er ganz alleine rausgekommen sei! Und will dafür selbstverständlich gelobt werden!

"Isch iss leine rausgekommt!"

„Isch iss leine rausgekommt!“

…Wenn man ihn dann in sein Bett zurückverfrachtet, verhandelt er jovial: „Mami masst Kaffee, dann auftehn und pieln, ogee?!“. Nein, nicht okay, nicht morgens um drei!

Prinzipiell ist Schlafen nicht die Kernkompetenz des Blondinos. Falls er tatsächlich mal nicht um zwei, um drei, halb fünf wach wird um Milch einzufordern, torkele ich wie besoffen im Flur herum und bin nicht sicher, ob er noch lebt. Ich kann schon nicht mehr schlafen, selbst wenn er denn schläft. Tscha, Sellerie! Wie die Vegetarier so sagen…

Das Kind liebt Kuscheltiere heiß und innig, was neu für mich ist, da sein Bruder keine abstrakte Beziehung zu Spielzeug aufbauen konnte. Des Kleinchens Lieblingsteil ist eine Plüschwolke, ein Kissen von Ikea, dass ihm die Gretel mal geschenkt hat. Gülbi heißt die und wird morgens geküsst und fröhlich begrüßt: „Alles dlar, Gülbi? Guggeschlafen? (Kussi) Alles guuut! (Kussi) Gema heute nisch Arzt!“. Schon wieder gibts Küsse. Niemand von uns wird so liebevoll begrüßt wie die Gülbi.

Außer der Gülbi gibts noch eine Windelmarotte. Als der Neue bei uns einzog, legte ich ihm stets eine Kuschelwindel mit ins Körbchen, genau wie bei seinem Bruder. Und Kuschelwindel muss immer noch sein! Nun dachte ich Beschränkte (Ich Kloppholz!), damit wäre ich immer auf der sicheren Seite und fernab von Beschaffungsengpässen, die Eltern kennen, wenn ein Kind sich an ein bestimmtes Häschen, Hündchen, irgendein Objekt, hängt. Stoffwindeln gibts schließlich im Zehnerpack und alle sehen gleich aus. Pah, ich Idiotin! Natürlich nicht! Die Windeln werden befummelt und dann weggeworfen mit dem Befehl: „Ander Mindel! ANDER MINDEL!!!“, bis der Gnädige dann nach Befühlen der zehnten Stoffwindel zufriedengestellt ist. Mann, Mann, Mann…

Das Kind ist ein wahres Aprilköpfchen und springt „aus dem Stand“, wie ich gern sage. Knallt sich beim Wüten die Rübe an Tischkanten, pfeffert sich mit Schmackes gegen Wände, kracht sich wie ein Baby-Wrestler auf einen imaginären am Boden Liegenden… brüllend wie ein Berserker. Weil die Socke rutscht, das Unterhemd aus der Hose hängt oder der Apfel zu klein geschnitten ist. Ihr kennt das alle… Zweijährige eben.

Trotz allem ist er nach wie vor das größte Geschenk, das uns gemacht werden konnte. Uns dreien. Besonders für den Großen ist es eine unschätzbare Erfahrung und ein ganz tolles Erlebnis, mit diesem Menschlein zu leben. Das hätten wir nie gedacht und zu sehen, wie sehr der an ihm hängt und wie wunderbar sanft und nachgiebig er mit ihm umgeht, lässt mein Herz oft überlaufen. Ich bin so stolz, wie er das macht und wie viel er von und mit diesem Winzling lernt.

Vorsicht ist trotzdem geboten. Asperger Autisten wird oft nachgesagt, dass sie Situationen und Gefahren nicht adäquat einschätzen können und so habe ich auch ein Erlebnis zu verdauen, das noch nachhallt. Ich nenne es „die Michael-Jackson-Nummer“. Der Große hielt den Kleinen einmal aus dem geöffneten Fenster, damit dieser das Müllauto unten auf der Straße besser sehen kann. Wir wohnen in der zweiten Etage.

Wie auch immer, beide Kinder sind die Musik meines Lebens. Der eine ein rockiger Lovesong, der andere im Moment ein Schlaflied. Schön klingen sie beide. Wunderschön.  🙂

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sprachwortschätzchen

Ich muss das jetzt mal aufschreiben! Ich vergesse das sonst (Wie alles. Zum Beispiel, dass ich keine leeren Töpfe, Holzbretter oä. auf dem Herd stehen lassen soll, weil der Blondino die Platten anmacht und Rauch und Stinki produziert.).

„Das“ sind die aktuellen verbalen Kommunikationsversuche des Babylinos. Er ist heute auf den Tag genau zweiundzwanzig Monate und zweiundzwanzig Tage alt. Oder jung.

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Gugu…            Kuscheln

Badengg…       cooles großes Auto (zum Beispiel Müllauto)

Kradengg…     krass großes cooles Irgendwas (zum Beispiel Hubschrauber oder Flugzeug)

Hadengg…      Hasen

Hodengg…      (Kommt schon, das ist jetzt einfach!) Hosen

Ösil…               Nein, kein Fußballer, sondern: Esel

Milß…              Milch

Gesi…              Käse; kann nur in Form von Reibekäse gegessen werden

Giesi…             Gießen (im Garten); ist von der Familie schon als gängige Redewendung adaptiert worden: „Ich geh mal Giesi machen!“

Ölbe…             der Fluss, an dem wir leben

Wasseeeer…   Wasser

Äbbl…              Äpfel (oder grüne Tomaten)

Maten…           rote Tomaten

Erbern…          Erdbeeren; auch Johannisbeeren, Stachelbeeren, Jostabeeren

Mimi…             Müsli; auch jede Form von Cerealien

Gub…              Buch

Kratzen…         Kerzen

Krab…              Quark (in der Fruchtzwergversion)

Miu…               Melone oder Katze (je nach Kontext)

Buff…               Schließen einer Tür, eines Schiebers

Guda…             Bruder (der Guda…)

Baba…              Baden

Am…                 Licht anmachen! Oder aus! Oder Musik! Rate, was ich will!

Mal…                Los, sing für mich!

Kacka…            Schokolade; es war auch schon mal Kakao, der heißt aktuell…

Krakau…         Kakao

Bass…              Saft

Wawa…           Hund

Nana…             unbestimmtes Tier (alle außer Katzen, Hunde und Giraffen)

Graffen…        genau: Giraffen

Fuhe…             Schuhe

Lülle…             Schlüsselbund

Brrrrrr…          Auto