Über Verstehen, Geleeöhrchen und das große Glück des Bloggens

Über Verstehen, Geleeöhrchen und das große Glück des Bloggens

Im Jahr zwanzigzwölf, also lange vor Coronamundschutzabstand, veröffentlichte ein Raggaekünstler mit dem lustigen Namen Omi ein Lied namens „Cheerleader“. Das hat im Refrain die sehr eingängige Zeile:

„Oh, I think that I found myself a cheerleader…“

Diese Textzeile ist so mitreißend, dass ich ungewollt seit nunmehr neun Jahren stets mitsingen muss, wenn das Teil im Radio läuft. Während ich im Auto sitze, zum Beispiel. Nur, dass ich seit neun Jahren exakt folgendes singe: „Oh, I think that I found myself a jelly ear…“. Für mich war das absolut schlüssig, dass jemand (Omi nämlich) einen Menschen gefunden hat, den er so süß findet, dass er ihm diesen Spitznamen gegeben hat. So wie andere Menschen eben ihre Lieben Zuckerschnäuzchen nennen oder Honigpups. Ich kam gar nicht auf die Idee anzunehmen, ich hätte da etwas falsch verstanden! So kann man sich irren.

Sachsen Ministerpräsident Kretschmer: »Die Situation ist hochdramatisch«
Sachsens Ministerpräsident Kretschmer; der Blick ist situationsangemessen

Heute ist der letzte Tag vor dem vierten Lockdown in Sachsen, der jetzt „Wellenbrecher“ heißt und nicht mehr Lockdown. Damit soll das miese Image des Wortes „Lockdown“ aufpoliert werden und möglichst eindringlich allen, die das bis dahin nicht verstanden haben, begreiflich machen, dass alle Maßnahmen dazu dienen, die aktuelle „Welle“ zu „brechen“. Menschenleben zu retten!

Ich weiß nicht, ob das hilft. Also bei denen, die nicht verstanden haben, nicht verstehen wollen. Die noch immer „jelly ear“ hören.

(C) Spiegel online

Es geht ein Riss durch Deutschland. Es geht ein Riss durch Familien, auch durch meine. Menschen, die mir schon vor Jahren begreiflich machen wollten, ich sei blind, wenn ich nicht (!) gegen Merkels Flüchtlingspolitik auf die Straße gehen würde, ich sei mitverantwortlich für die steigende Kriminalitätsrate und nur die Montagsspaziergänger am Dresdner Altmarkt hätten den Durchblick und eine einzige Partei im Politikdschungel sei so mutig, zu sagen wie es wirklich ist, diese Menschen rotten sich im Klüngel zusammen. Zusammen gegen die Impfdiktatur und ein erfundenes Virus. Die selben Menschen, die mir auf Familienfeiern fröhlich entgegenriefen: „Jetzt müssen wir das Thema wechseln, die Gutmenschen kommen!“.

Meine Familie ist kleiner geworden, ich bin nun geschieden. Ich habe mich scheiden lassen wegen unüberbrückbarer Differenzen. Und obwohl ich ja noch niemals geschieden war, glaube ich zu ahnen, wie sich das anfühlt. Befreit zum einen, und zum anderen mischen sich Bilder darunter, Erinnerungsfetzen an gute Zeiten. An gemeinsame Erlebnisse mit den geschiedenen Menschen, bittersüß, vermissend, verzweifelt ein wenig, dennoch wissend, es gibt keine andere Möglichkeit. Weil die einen vom Cheerleader singen und die anderen von Geleeöhrchen.

Wellenbrecher also. Wenn ihr mich fragt, mir geht das alles noch nicht weit genug. Das ist mein persönliches Empfinden. Ich verstehe nicht, dass wir im letzten Jahr zu Hause unsere Kinder betreut und beschult haben bei Inzidenzen um ein Drittel, die Hälfte niedriger als jetzt. Jetzt bleiben Schulen, Kitas offen. Ich habe keine Lust auf Homeschooling, wirklich, wer hätte das schon, aber ich bin verunsichert über die noch immer andauernde Verunsicherung der Regierungen (Bund, Länder; alle sind mitgemeint) hinsichtlich der Angemessenheit der Maßnahmen. Ich will die meinen beschützen um jeden Preis.

Ich frage mich, was ich davon denken werde, wenn ich in zehn Jahren diese meine Zeilen lesen werde. Was wird dann sein, wie wird es sein, mein Leben? Der Blondino ist dann achtzehn Jahre alt, volljährig also. Mein Bubi gar einunddreißig. „Ich will nicht, dass der Brudi auszieht!“, sagte das Blondchen neulich, als wir zwei händchenhaltend in seinem Bett lagen, dem Bett mit der kuschligen Kinderbettwäsche, eingehüllt in seinen süßen Kinderduft nach warmem Salzkaramell, in der schönsten schwersten bittersüßesten Stunde des Tages. „Aber das dauert doch noch mindestens drei Jahre, bis der ausziehen wird. Und weißt du, das ist doch auch so, dass die Kinder irgendwann alleine wohnen wollen, oder mit jemand anderem als ihren Eltern.“, „Dann will ich auch zum Brudi ziehen, wenn der auszieht! Dann wohne ich dort bei dem.“, „Aber da wäre ich wirklich traurig, wenn du schon so früh bei mir ausziehst.“, „Aber ich bin dann schon groß und du dann alt, das ist dann so! Ich komme aber manchmal zum Schlafen zu dir.“, „Das ist schön! Und jetzt musst du die Äuglein zumachen und schlafen, und ich werde dich ganz schrecklich vermissen, weil ich dich erst in zehn Stunden wiedersehe!“, „Aber Mama, das merkst du doch gar nicht! Wenn du gleich schlafen gehst, ist es nur wie eine Sekunde, versprochen!“.

Ich weiß nicht, ob das Blondchen in drei Jahren, mit elf also, zu seinem Bruder ziehen wird. Aber ich werde das wissen irgendwann. Und in drei Jahren, in zehn, in zwanzig Jahren diese Zeilen lesen können. Ich werde dann auch wissen, wie das Jahr zwanzigeinundzwanzig geendet hat, ob wir Corona irgendwann hinter uns gelassen haben, ob ich für immer von Teilen meiner Familie geschieden bleibe.

Ich werde es wissen, weil es dieses Blöggel gibt. Weil ich vor acht Jahren begann, diese Tagebuch zu füllen, das weit mehr ist als ein Tagebuch mit Bildern. Weil ich jetzt schon mit dollem Herzklopfen manchmal die alten Beiträge lese und so unendlich dankbar bin, dass ich Stunde um Stunde aufgewendet habe, um meine Gedanken und Gefühle in Worte zu kleiden und abzutippen. Das war die beste Entscheidung, das beste Geschenk, das ich mir selbst gemacht habe, ganz ehrlich. Und die vielen Geschenke, die mir erst dadurch in den Schoß fielen. Menschen, Freundschaften, Orte, Erlebnisse, so viel Zusammenhalt, so viel Neues, Schönes.

„Das Internet ist an allem schuld!“, spricht der Beste mit seinem schönen Mund und meint damit die Meinungsverschwurbelungen der Unbeirrbaren und die aktuelle Situation. Ich weiß, was er meint. Früher stellte sich ein Experte hin und sprach, und alle hörten auf ihn, denn er hatte ja die Expertise! Heute googelt erst mal jeder zweite nach einer alternativen Meinung. Und wird fündig. Natürlich wird er das. Und nirgendwo gibt es eine Anleitung zum Denken, leider.

Das Internet ist also an allem schuld. Wenn das Internet irgendwann in Flammen aufgeht, abgeschaltet wird, dann wird mir das hier am meisten fehlen. Das Blöggel, ihr, wir. Bis dahin schreibe ich weiter. Damit ich morgen weiß, was ich heute dachte und warum ich gestern dieses tat und jenes ließ. Und damit ich mich erinnere, dass man sich manchmal verhören kann, etwas missverstehen, aber dennoch seine Haltung ändern kann, ändern sollte, immer mal wieder.

Und vor allem, bei allem Driss, damit ich mich selbst erinnern kann, was das große Geheimnis meines Lebens ist, die Antwort auf alle Fragen, die Glücksformel, der Gral. Meine Kinder. Deshalb:

Bedienungsanleitung für ein ausgeschlafenes Wochenende, unter anderem in Bildern – #wib

Bedienungsanleitung für ein ausgeschlafenes Wochenende, unter anderem in Bildern – #wib

So ein Wochenende beginnt immer Freitagnachmittag, auch bei uns.

Das Blondchen wird gezwungen, seine Brotdose zu leeren, in seinen Mund. Ich habe keine Ahnung, wie der den Tag übersteht mit nur zwei Cocktailtomaten und einem Oreokeks.
Wir fahren gleich zu Karate, vorher wird das Pizzablech bestückt #betterbeprepared

Erste #metime des Wochenendes – der Einkauf! Während das Kind sportelt, spiele ich: Ich packe meinen Koffer-Raum und nehme mit:
Warten auf Karatekid
Der kleine Prinz ist jetzt sauber
„Wer röchelt, fliegt raus!“, lautet das Motto bei Nieselpriems. Kranke werden gnadenlos verbannt aus dem Schlafzimmer. Das ist nicht schlimm, der Mann liegt bequem auf meiner Ausklappcouch im Büro. Ich muss es wissen, denn ich war jetzt fünf Wochen krank und deshalb, siehe oben, ausquartiert. Der Hund schläft regulär im Büro, dem Kind habe ich gesagt, es dürfe am Morgen die dämlichen Pyjamahelden im Pyjama gucken und ich dürfte NICHT (GAR NICHT ÜBERHAUPT NICHT) geweckt werden! Es war nur ein Experiment und siehe da…
… Samstags halb acht in Deutschland, unsere Heldin erwacht, zieht sich die Ohrstöpsel aus den faltigen Ohren und den ersten Kaffee des Tages rein. Es ist schon hell draußen! Leute! Ich hab wirklich ausgeschlafen! Und die Welt ist nicht untergegangen.
Nach einem unspektakulären Frühstück…
… renne ich in der Gegend rum. Da ich ewig nicht laufen war, muss ich eben heute länger ran, der Mann wird später behaupten, ich sei zwei Stunden weg gewesen. Wir halten fest: Ich muss fünfzehn Kilometer gelaufen sein, mindestens. Oder zwischendurch im Solarium gwesen, wer weiß das schon so genau. Ich meine, ich hab heute AUSGESCHLAFEN, ich reiße als nächstes die Weltherrschaft an mich!
Mittag probiere ich eine Brokkoli-Käse-Suppe nach einem Rezept von Martha Steward, die angeblich mit nur einer Handvoll Zutaten auskommen soll. Es schmeckt langweilig – Ausschläfer wie ich haben einen anspruchsvollen Geschmack, deshalb:
… muss es die Geheimwaffe rausreißen! Ich habe immer ein Glas mit Knoblauch-Salz-Schnittlauch-Olivenöl-Gemisch im Kühlschrank, das schütte ich im Zweifelsfall furchtlos über alles #makeknoblauchfahnegreatagain
Und, schmeckts denn? Joar, geht so, gibt hoffentlich noch Kuchen?!
Klar gibts Kuchen, gibt Bienenstich. Das Kind muss ziemlich tapfer sein an diesem Wochenende. Dieses Bild hier (Kind an Matheaufgaben) sieht man häufiger. Das kommt davon, wenn man die Sommerferienaufgabe komplett schwänzt („Das muss ich nicht machen, das ist freiwillig!“) und nun innerhalb einer Woche alle Aufgaben, für die man (es) sechs Wochen Zeit gehabt hätte, erledigen muss. Tscha, Grundschule is kein Ponyhof!
Währenddessen bauen die Männers den Pool im Garten ab…
… die ganze Aktion dauert länger, als der komplette Badespaß im Sommer 2021 zusammen! Schissdrack. Wahrscheinlich trocknet die Scheiße nie und alles schimmelt. Ich hab genug Fantasie, ich seh es schon schimmeln, ich muss weggucken…
… und spiele derweil mit dem Unkraut. Ich winde mich aus der Poolarbeit heraus und stattdessen Kränze.
Einen für die eigene Eingangstür…
… und einen für die Kirche.
Und, Baya, was hast du so gemacht in der Zwischenzeit?
Ach so, verstehe.
Der Blondino und ich haben den Kranz und Kürbisse fürs Erntedankfest in die Kirche gebracht und waren („Voll langweilig! Voll öde!“) spazieren in der beschaulichen Hood. Die Männer arbeiten immer noch im Garten und wenn ich zu zeitig da wieder auftauche, muss ich womöglich irgendwas machen!
Wir haben nachgeschaut, wie weit die Spielplatzbauarbeiten am Hermann-Seidel-Park sind (nicht fertig),
… Verstecker gespielt (Wo ist das Kind?! Egal, geh ich ohne wieder nach Hause… ),
… und erfolglos (zum Glück) versucht, freilaufende Meersauen zu entführen

Am Abend war der Mann bei einem seiner vielen Stammtische (wer für seinen – thematisch völlig egal – Stammtisch noch einen Mann braucht, der melde sich gern), und ich bin mit der Couch verschmolzen (ohne Beweis, ihr werdet es mir schon so glauben müssen).

Weil es in der Nacht zuvor so gut geklappt hat, habe ich wieder das Aufstehen verweigert – erfolgreich – YEAH! Der Hund scheint seit Stunden darauf zu warten, dass ich mich aus dem Bett bewege. Ich werde das zur olympischen Disziplin erklären, wirklich, ich schlafe ab sofort nur noch aus! Ich mache das so lange, bis mein Wochenende in Bildern aus Bettbildern besteht, so! Ich werde das Wochenende ab sofort wie Hefeteig zubringen: Zugedeckt und in Ruhe gelassen. Und da brauchste gar nicht so zu gucken, Hund, wenn ich ausrechne, wie viele Stunden Schlaf ihr Schlafräuber mir alle in den letzten Jahren geklaut habt, und das nachholen wöllte, dann bliebe ich bis Mai nächsten Jahres im Bett! Gute Nacht Johnboy!
Die steht einfach nicht mehr um sechs auf, da guckste.
Ich bin dann doch aufgestanden und zum Erntedankgottesdienst gegangen. Ich habe für vieles zu danken, kein Scheiß jetzt, und da hilft eine Liturgie drumherum mitunter ganz schön, um mir selbst das bewusst zu machen.
Ach, da ist ja auch der Efeukranz von gestern
Mittag gibts vegane Schnitzel, die mir nicht schmecken. Der Mann isst fünf davon.
Nachmittag gehe ich mit den beiden Kleinen in den Wald. Da das Wetter schön ist und alle People wie verrückt zu Fuß und auf Rädern in die Auen strömen, müssen wir den geheimen Wald ansteuern, über den ich nicht sprechen darf, sonst seid ihr dann alle nächstes Wochenende dort. Ich kenn euch doch!
Frage: Was haben: „Komm, Mami, lass uns in diese Schlucht runterklettern! Das wird lustig!“, und: „Henrike lässt sich immer zu leicht ablenken und überreden.“, miteinander zu tun? Am Ende des Nachmittages werde ich dreckverschmiert, schweißüberströmt und lädiert zu Hause ankommen, froh, überlebt zu haben. Dieser Abgrund (des Todes) wurde irgendwann wirklich halsbrecherisch und in einem Moment, wo das Kind bereits auf der anderen Seite eines dicken umgefallen Baumes war und ich gerade darüber klettern wollte, sprang mir der Hund von vorn panisch gegen den Kopf – Punch!- so richtig gegen den rechten Kiefer. Baya the Bud Spencer- dog in: „Vier Pfoten für ein Halleluja“. Ich sah kurz Sterne und kann nicht besonders gut kauen heute. Fühlt sich an wie nach einer Kneipenschlägerei. Ich war nicht mal ansatzweise angeschickert! Lauschiger Sonntagsspaziergang, ey. Na wenigstens war ich ausgeschlafen!
Pilze haben wir auch noch gefunden
Kind an Mathehausaufgaben, ones again
Das Abendbrot bestand aus Abendsalat für den Bärtigen…
… und Abendbrezeln mit Butter for se boys. Dazu heiße Schokolade, ist ja schließlich Herbst!

Ich guck jetzt, wie die ersten Hochrechnungen vom Wahltag sind – wir haben hier per Brief gewählt und waren deshalb heute vom Gang zur Urne entschuldigt – und vielleicht fang ich dann „Ozark“ an. Alternativ könnte ich die Brotdosen für morgen schon mal vorbereiten oder die übervollen Wäschekörbe bearbeiten. Ich denke, es wird „Ozark“.

Jetzt bleibt mir nur, euch und mir einen guten Wochenstart für morgen zu wünschen und wenn ihr auch mal wieder ausschlafen wollt, ihr wisst ja nun, wie´s geht! Alle aus dem Schlafzimmer schmeißen, Ohropax rein, gute Nacht! Eventuell müsst ihr noch die Tür abschließen und gnadenlos einen Schrank von innen gegen die Tür schieben, oder sogar das Haus gänzlich verlassen, die Stadt, egal, ihr schafft das! Wir werden alle irgendwann wieder schlafen, ist das nicht herrlich?!

In diesem Sinne: Gute Nacht!

Das Kinderzimmer makeover

Das Kinderzimmer makeover

(enthält Werbung)

Als unser Blondino im vergangenen Jahr eingeschult wurde, wollten wir ihm ein großer-Junge-Kinderzimmer schenken. Einen Platz, an dem er gerne schreiben und rechnen würde, einen Raum zum ausruhen, träumen und lesen.

Das musste verschoben werden, da Corona dafür sorgte, dass IKEA als bevorzugter Möbelladen nicht an unsere Adresse lieferte. Jetzt erst konnten wir das umsetzen.

Bis dahin war das Kinderzimmer eher ungünstig möbliert, wie wir feststellen mussten. Der Schreibtisch – an sich kein schlechtes Möbel – stand an einem unpassenden Ort und wurde vom Kind nie genutzt. Selbst während der Homeschoolingzeit hat der Blondino ausschließlich am Küchentisch gearbeitet oder neben mir an meinem Schreibtisch.

Hinter der Tür des Kinderzimmers befand sich ein lackiertes Küchenregal, auf dem Bücher platziert waren und zwei Regale – verschenkter Platz, wie ich im Nachhinein befinde!

Den Kleiderschrank aus unbehandeltem Holz hatten wir gekauft, als unser Kleiner ein Baby war und in die alte Wohnung mit den dunklen Böden passte er auch sehr gut. Hier nun wirkte er wie ein Trumm und…

… konnte schon lange kaum noch all die Dinge beherbergen, die ein junger Mann so braucht.

Wir haben den Schrank verschenkt, ein paar wenige Sachen neu gekauft und mit den vorhandenen Stücken Möbeltetris gespielt, et voila!

Das Bett steht jetzt an der Stelle, an der vorher der Schreibtisch war, davor ein schlichtes Bücherregal (Kallax von IKEA).

Der Schreibtisch wurde vom platzraubenden Aufbau befreit und unter das Fenster geschoben, flankiert von zwei Regalen (Kallax und Besta von IKEA). So fällt jetzt Licht auf den Arbeitsplatz und großzügiger wirkt es auch.

Der neue Schrank ist hinter die Tür gezogen. Er besteht aus zwei Schränken (Visthus-Serie von IKEA), nimmt großzügig alle Sachen auf und sich selbst nicht so wichtig. Alles wirkt jetzt größer, ruhiger und leichter.

Der Strahler im Kinderzimmer ist noch Erbmasse der Vormieter, und sollte schon längst ausgetauscht werden.

Und manchmal kommt es vor, dass just eine Kooperationsanfrage im Posteingang eintrudelt und man denkt: Bingo!

So ging es mir, als mich die Firma ELOBRA anschrieb und fragte, ob sie mich mit ihrem Beleuchtungskonzept und ihren Produkten bekannt machen dürfte. Die Möbelkisten für das Kinderzimmer standen bereits im Flur und die alte Funzel sollte runter, also war ich durchaus interessiert. Das alleine hätte aber noch nicht zwangsläufig zur Folge, dass ich euch heute davon berichte.

Ich bin in der Situation, dass ich nicht hauptberuflich blogge und somit auch nicht auf Werbeeinnahmen angewiesen bin. Aus diesem Grund findet man seit Jahren keinen werblicher Beitrag hier. Wenn ich aber etwas richtig dufte finde, dann solltet ihr durchaus davon erfahren!

Das Erzgebirge ist bekannt für seine lange Tradition in Sachen Holzkunst und Volkskunst, Räuchermännchen und Schwibbögen aus dem Erzgebirge zieren tausende Haushalte im Advent. Aus dieser Tradition heraus entstand ELOBRA.

ELOBRA kannte ich vorher nicht, war aber sofort begeistert, als ich las, dass die Lampen und Leuchten im sächsischen Freiberg in Handarbeit und aus ausschließlich nachhaltigen Materialien aus traditioneller Forstwirtschaft gepaart mit effizienter LED-Technik hergestellt werden. Die für die Lampen verwendeten Lacke sind ausnahmslos lösungsmittelfrei auf Wasserbasis. Dazu ist die Produktpalette nicht nur ausnehmend schön, sondern für eine erzgebirgsche Handarbeit auch erstaunlich erschwinglich!

Ich sagte gern zu zu dieser Kooperationsanfrage und entschied mich für unser Kinderzimmer zum Testen für die LED-Deckenleuchte „Wolke“.

Der Bärtige lobte die gute Verarbeitung und die kinderleichte Montage.

Nach wenigen Handgriffen saß unsere neue Wolke dort, wo vorher ein hässlicher Strahler hing.

Die Lampe hat drei Beleuchtungsmodus, die einfach über den Lichtschalter bedient werden. Man kann den LED-Ring einzeln ansteuern und erhält ein etwas helleres Nachtlicht, die Leuchte in der Mitte einzeln, und alles zusammen als dritte Option.

Wir finden das Ergebnis überaus geschmackvoll und passend!

Wie findet ihr das Kinderzimmer? Ich bin sehr überrascht, wie großzügig dieser Raum auf einmal wirkt und unser Blondchen hält sich jetzt deutlich öfter und länger hier auf. Auch die Hausaufgaben macht er nun in seinem Zimmer, an seinem eigenen Schreibtisch.

Neu gekauft haben wir nur ein Kallax-Regal und die Schrankkombination, der Rest war schon da. Die Möbel und auch Teppich, Vorhangstoff, Drehstuhl und Bilder sind allesamt von IKEA und befanden sich schon bei uns im Gebrauch. Und unter dem funkenden Licht der neuen Wolkenlampe hört der Kleine jetzt eine CD von den drei Fragezeichen und träumt sich in Detektivabenteuer hinein.

~

Wer von euch neugierig auf die Produkte von ELOBRA geworden ist, dem darf ich in Zusammenarbeit mit ELOBRA einen Rabattcode in Höhe von 15% auf das gesamte Sortiment anbieten, nieselpriem15. Dieser Code ist gültig bis zum 23.12.2021.

Ich würde mich freuen, zu hören, wie ihr die Marke findet und ob ihr ELOBRA vielleicht sogar kanntet. Ich wusste nicht, dass quasi „bei mir um die Ecke“ so schöne Leuchten hergestellt werden und freue mich auch deshalb sehr über diese Partnerschaft, weil ich zukünftig bei jedem weiteren Lampenkauf nicht nur ein nachhaltig erzeugtes Produkt erwerben, sondern auch meine Region unterstützen kann.

Röchelndes Bettgeflüster, oder: Vom Leben mit Hund

Ich bin nun schon die vierte Woche krank, virulent, und irgendwie wird es nicht besser, sondern schlechter. Das Gesicht ist dick, die Nebenhöhlen dicht und warum ich eine Nase im Gesicht habe, das erschließt sich mir nicht. Ich rieche nichts, ich schmecke nichts. Gestern Abend zum Beispiel löffelte ich lustlos in einem Becher Schokoladeneis und stellte fest, es schmeckte: Kalt! Sonst nichts. Das war seltsam. Der Löffel voll mit Nudossi, den ich im Anschluss als Geschmackstest ebenfalls in den Mund steckte, rief das Gefühl in mir hervor, auf Schlamm oder Lehm herumzulutschen. Temperatur und Konsistenz sind alles, was ich wahrnehme. Ich rieche nicht mal Hundekacke, was mich nicht nur zur Kotentsorgungsverantwortlichen macht, sondern hier auch als Überleitung dient.

Denn, ich habe meine Lädiertheit zum Anlass genommen, das Laptop entsprechend seiner namentlich angedachten Funktion auf den Schoß zu legen und im Bett zu bloggen – eine Premiere!

Wer mir auf Instagram folgt, weiß es schon vom ersten Tag an: wir haben seit dem ersten Mai ein Weimaranermädchen hier bei uns. Sie heißt Baya und ist eine Badenserin, keine Thüringerin. Ihre Mutter und Tante sehen aus wie graue Doggen von der Größe her, was wir allerdings erst bemerkten, als wir das Welpenkind abholten! Dank Corona hatten wir vor dem Kauf keine Gelegenheit, den Wurf zu betrachten und mussten alles fernmündlich und nach Betrachtung von Videos entscheiden.

Wir haben uns ein Jahr lang mit dem Weimaraner als Rasse beschäftigt, und uns lange vergeblich auf Wartelisten und Wurfankündigungsbewerbungslisten gesetzt. Nach unendlichen Rückschlägen dann waren wir schwanger und kurz darauf purzelten aus der badischen Entfernung täglich goldige Filmchen ein.

Zum Beispiel solche (pardon the furchtbar miese quality):

Wir waren verzückt! Nun ist es dank Corona und der Entfernung nicht möglich gewesen, den Wurf zu besuchen bis zur endgültigen Abholung, sodass wir schlussendlich die Katze im Sack kauften, den Weimaraner im Korb. Und der war dann tatsächlich gar nicht mehr soooo klein, wie (ein bisschen) erhofft. Sie wog am Tag des Einzuges bereits acht Kilo und war größer, als dass ich sie hätte in eine Hundetasche stecken können. Was ich annahm, dass ich es tun würden täte, als ich noch auf sie wartete und idiotische Pläne schmiedete über das Leben mit Hund.

Ich war sehr müde an dem Tag, und glücklich, also alles wie immer, wenn Nachwuchs kommt!

Der Vergleich sollte auch die kommenden Wochen standhalten, was ich noch nicht ahnte. Zum Glück. Irgendwann später mal erzählte mir eine Psychotherapeutin, dass es den Begriff der „postpartalen Depression“ tatsächlich auch bei Hundebesitzern gäbe, klingt verrückt, aber genauso hab ich mich gefühlt!

Der Babyhund hatte nicht nur rund um die Uhr Betreuung nötig, sondern auch Schutz, vor dem Blondino zum Beispiel. Der wollte den Babyhund am liebsten permanent befummeln und herumtragen! Das gefiel dem Hund zwar, allerdings hatten die scharfen Krallen und spitzen Zähnchen des Milchgebisses bald nicht nur an allen erwachsenen Händen und Armen und Beinen und Rücken (ach, ihr habt Fantasie, erweitert beliebig) hinterlassen, sondern auch auf der zarten Kinderhaut. Es gab ständig Geschrei, wie böse der plöte Hund sei, und im nächsten Augenblick – Zack!- war das Kind wieder dran am Korb.

Die vielen Treppen in unserem Haus waren auch ein Problem. Also nicht für Baya, die enterte die Stufen problemlos und unerwünschterweise bereits ab dem zweiten Tag bei uns, also im zarten Alter von acht Wochen. Nur kam sie am Anfang nicht wieder herunter! Also traute sich nicht. Dann traute sie sich zwar, sollte das doch aber nicht, wegen den Gelenken, der Hüfte! Kindersicherungen wurden konzipiert und wieder verworfen, wir müssen eigentlich ständig treppauf treppab. Also schleppten wir fortan den ganzen Tag einen Welpen mit uns herum. Einen Welpen, der sehr schnell zunahm und sehr schnell sehr schwer war. Und sehr süß. Das auch.

Wir waren von Anfang an streng. Sie darf nicht auf die Couch! Also nie. Wie man deutlich an dem Foto sieht, hat sie das nicht interessiert. Weil, die Sonne schien doch! Guck doch mal, wie schön das ist! Und ich muss immer auf einem Sonnenfleck liegen, das hat meine Mami gesagt! Als ich dieses Foto oben machte, rief ich sie beim Namen, was sie schon verstand, sie guckte einfach nicht zu mir, getreu dem Motto, ich höre dich gar nicht, Frau mit den gelben Haaren. Es ist so schön hier auf dieser Decke, auf dieser Couch! Und guck mal, wie süß ich bin, du darfst mir nichts verbieten. Guck doch mal, wie ich gucke!

Das war auch ein Problem: Die übergriffigen Menschen. Gingen wir mit der Grauen raus, stürzten wildfremde Menschen herbei und grabschten an den Hund (der sich natürlich immer freute), eititei, wie süß du bist! Wir mussten ständig die Leute erziehen, und das klappte etwa so prima wie bei unseren Kindern, also eher schlecht. Gut war, wenn ich jemandem erklärt habe, dass der Hund nicht lernen soll, dass fremde Menschen immer Streicheleinheiten parat hätten, denn ich könnte mir nicht vorstellen, dass die fremde Person sich noch immer so übergebührlich freuen wird, wenn die kleine Baya dann ausgewachsen mit mindestens fünfunddreißig Kilo auf sie zustürzen wird. Das Gute war, das brachte stets Einsicht bei den Menschen. Das Schlechte daran, diesen Text sagten wir sehr oft auf.

Aber die Zeit spielt uns da ja in die Karten. Bereits jetzt wechseln manche Menschen die Straßenseite, wenn wir kommen. Sie ist schon ein eher mittelgroßer, langbeiniger Hund mit ihren sechs Monaten und wiegt bereits dreiundzwanzig Kilo.

Die blauen Weimaranerwelpenaugen sind einem Bernsteinton gewichen, der Brustkorb ist tief und bereits jetzt mächtig breit.

Sie ist eine beeindruckende Schönheit, was selbst andere Weimaranerbesitzer (- betreuer) beteuern.

(Nur wenn sie sich schämt oder Blödsinn angestellt hat, sie sieht voll affig aus. Dann streckt sie den langen Hals nach vorn, die Rute nach hinten und läuft quasi Rute-Körper-Hals-Kopf bilden eine Linie wie bedröppelt herum und ich finde, sie sieht dann aus wie eine laufende Biertischgarnitur! In grau!)

Dabei hat sie ein ganz zauberhaftes Wesen. Sie ist scheu, aber nicht ängstlich. Super anschmiegsam und sehr gelehrig. Sie bellt nicht, sie fiept selten, sie will einfach nur gefallen. „Baya, unser Stelzbein, ist ein wirklich angenehmer Hund!“, sagte neulich der Betreuer in der Hundetagesstätte, wo die Graue zweimal in der Woche hingeht, und ich war ganz schön stolz. Affig, ich weiß, aber was soll man machen, wenn einen schon die Kinder nicht stolz machen und es in der Schule nur Früchtchengespräche gibt, die beginnen mit: „Ihr Kind hat…!“. Dann muss mich eben der Hund mit tadellosem Verhalten mit Stolz erfüllen. Dann kann ich sagen, es liegt nicht an mir, guck, der Hund ist prima erzogen! Kleine Scherz. Ich kann die Kinder immer noch mehr leiden als den Hund. Also meistens.

Was man wissen sollte, wenn man sich in die Rasse verliebt ist nicht nur der Umstand, dass diese Tiere viel Beschäftigung brauchen für den Kopf, die Nase. Auch als „grauer Schatten“ bezeichnet man sie, und das sieht so aus, dass Baya uns alle auf Schritt und Tritt folgt, ganz egal, wie absurd das ist. Also auch dann, wenn ich nur aus der Küche in die Kammer gehe um Mehl zu holen, sie latscht hinterher. Alleine aufs Klo gehen habe ich mir ja zum Glück noch nicht wieder angewöhnt, denn das werde ich nie wieder. Sie hockt sich vor mich hin, ganz egal, was ich mache. Nur das liebevolle Abschleckern meiner nackten Knie, wenn ich auf der Schüssel hocke, das musste ich ihr verbieten – also irgendwo ist mal Schluss!

Wir haben drei identische Hundekörbchen im Haus verteilt, sodass sie auf jeder Etage eine Ruhezone hat.

Beim alleine Einschlafen haben wir das so gemacht, dass sie die ersten Wochen bei uns im Schlafzimmer ruhte in einem der drei Körbe, und wir den dann immer weiter aus dem Zimmer zogen, bis sie nun in meinem Büro schläft (da liegt sie jetzt auch neben mir, während ich schreibe). Das klappt alles, also jetzt.

Denn bis der Hund aus dem Schlafzimmer auszog, vergingen einige Wochen. Wochen, die immer länger wurden, denn ich genierte mich. Kaum fingen der Kerl und ich an zu fummeln, wollte der Hund mitmachen! Auf irgendeinem Schoß sitzen! Auch knutschen! Schubsten wir sie weg, fiepte sie. Das hielt ja keiner aus. Irgendwann – es nützte ja nichts – wir also bei der Sache, der Hund hatte mittlerweile gecheckt, dass unser Bett TABU mit Großbuchstaben ist, da steht sie am Bettende und guckt in „Pass auf!“-Haltung ganz genau, wer hier wem weh tut und ob sie vielleicht einschreiten müsse. Und kurz bevor die Blitze und das Feuerwerk kamen, also in dem Moment, wo man die Augen nicht mehr aufhalten kann, dann spurtete die um das Bett herum, vor, zurück, Kopf und Rute hoch und hat Alarm angezeigt! Radau gemacht! Hülfe, zu Hülfe! Die neue Mami ist in Gefahr! WUFFWUFFWUFF!

„Le petit mort“, der kleine Tod, so nennen die Franzosen den Orgasmus. Braucht keiner, habe ich beschlossen. Ich habe jetzt einen Weimaraner, der will auch kuscheln, eigentlich permanent. Reicht doch!

Was hat die letzten Wochen noch genervt? Magen-Darm-Infekt beim Hund, das ekligste überhaupt. Dann überhaupt diese Haufen! Baya kackt Riesenfladen, die mich an Kuhkacke erinnert, nicht an Hundehaufen. Sie verträgt nur eine einzige Sorte Futter, sonst kotzt und kackt sie mengenmäßig täglich ihr eigenes Gewicht, überall (hier Würgegeräusch vorstellen). Was noch? Ganz klar halb sechs aufstehen, also am Wochenende, in der Woche tut sie, als wäre sie ein Langschläfer, wie das Kind!

aktuelle Spitznamen: Stelze, Stelzbein, Köti, „mein Meeeedschn“, Bayanator, Bayakowskaja, Fiffi

Jetzt seid ihr erst mal im Bilde. Wie das mit der Grauen hier weitergeht, das könnt ihr zum Beispiel bei Instagram verfolgen, wenn euch das Warten auf einen neuen Blogpost zu lange erscheint. Ich poste ziemlich regelmäßig dort, fürs Blöggel bleibt leider aktuell viel zu wenig Zeit. Das ist alles Netflixens Schuld im übrigen. Seit es Netflix gibt, bin ich seltener Blogger, dafür öfter Netflixer! Ich gelobe Besserung. Ich hoffe, wir lesen uns bald!

Über Kreisläufe und Kreisläufer

Sport frei!

Ich renne mittlerweile fast täglich, das brauche ich für meinen inneren Frieden. Und zum Wachwerden. Und zum Nichtdurchdrehen in der Pandemie.

Seit wir vor fast fünf Jahren nach Blasewitz gezogen sind, laufe ich meine Runden im Waldpark.

Laufstrecke um den Dresdner Waldpark; 2km

Früher, als wir noch in Pieschen wohnten, lief ich an der Elbe entlang. Manchmal in Richtung Stadt, auf die weltberühmte Canalettosicht zu, meistens allerdings in die andere Richtung, wie auch oft schon hier fotodokumentiert wurde. Ich lief damals nicht täglich, dafür aber länger und weiter. Ich kam mehr „rum“ damals. Früher war eben alles besser.

Jetzt laufe ich im Waldpark im Kreis, eigentlich in einer Ovalform, immer drum herum um den Park. Dem Mann ist das zu langweilig, der läuft auf dem Elberadweg (den finde ich doof wegen den ganzen Spaziergängern und gefährlich wegen den Rennradrasern), ich laufe lieber im Kreis, im Wald.

Nun tue ich das nicht alleine, nur in den ganz frühen Morgenstunden vielleicht. Nein, es laufen und walken jede Menge andere Menschen mit mir in Runden á zwei Kilometer. Manche von ihnen sehe ich regelmäßig, andere nur zu bestimmten Zeiten im Jahr. Es ist wie ein Kreislauf bei den Kreisläufern.

Da gibt es die Neujahrsläufer, die pünktlich zum zweiten Januar beginnen ihre guten Vorsätze umzusetzen. Und komm, also zwei Kilometer, das schafft ja wohl jeder! Im Mai sind die dann wieder verschwunden und werden abgelöst durch die Sommerfigurläufer, die meinen, jetzt könnte und müsste man und auf, los gehts! Der Sommer naht! Im Sommer, wenn die Temperaturen zwischen dreißig und vierzig Grad angekommen sind, sind diese du-hast-ja-ein-Ziel-vor-den-Augen-Läufer wieder verschwunden. Ob sie ihr Ziel erreicht haben, ist nicht überliefert. Dann gibt es da noch schnatternde Grüppchen von walkenden Frauen, denen vor allem der gesellige Aspekt das Zusammenseins wichtig erscheint, ein paar Rentner, denen ich regelmäßig begegne und die mit Stöcken oder energisch schwingenden Armen den sportlichen Aspekt ihres Unterfangens unterstreichen. Nicht nötig, denn sie sind an ihrer bunten Polyesterkleidung als ernstzunehmende Sportler von weitem erkennbar.

Nach der ersten Runde begegne ich der Hälfte von ihnen schon nicht mehr, nach der zweiten Runde sind sie spätestens alle verschwunden. Länger als drei Runden läuft kaum jemand im Waldpark, dann lernt man wieder neue Leute kennen unterwegs. Die echten Langstreckenläufer laufen alle auf dem Elberadweg, oder daneben.

Nun ist es so, dass ich es gewohnt bin, dass man sich grüßt unter Sportlern. Früher in Pieschen hob man lässig einen Unterarm mitsamt der Hand, begegnete man als joggende Person einer ebensolchen. Der Mann berichtet, das sei auch übliches Vorgehen auf dem Elberadweg! Allein, die Waldparkrunners scheinen das nicht zu wissen. Da ich mich aber irgendwie nicht umgewöhnen kann, kommt es nahezu täglich zu der peinlichen Situation, dass ich wildfremde schwitzende Menschen im Park grüße. Ich kann nicht anders! Wahrscheinlich wird vor mir mittlerweile ebenso gewarnt wie vor dem seltsamen kleinen Mann, der mit zerzausten Haaren und abgeranzten Sachen durch den Waldpark sportgeht (oder etwas ähnliches), und dabei ganz wild mit den Armen rudert – ich zumindest habe etwas Angst vor ihm.

In den „Statuten zum freundlichen Miteinander“ steht geschrieben, begegnet man als Sport treibende Person einer anderen Person bei der Ausübung der gleichen oder einer artverwandten Ertüchtigung, so bietet sich eine der folgenden Grußformeln an:

„Morgen!“

„Moin!“

„Tach!“

„Hallo!“

„Servus!“

„Gruezi!“

„Grüß Gott!“

„Gutes Tempo!“

„Gutes Wetter heute!“

„Hast du meinen Hund gesehen?“

„Läufst du schon oder walkst du noch?“

„Soll ich den Taschendefibrillator rausholen?“

Und während eines Überholvorgangs bietet sich ein motivierender Gruß an, in etwa so:

„Ziiiiieh!“

„Was machst du, wenn du nicht mehr weiter kannst? Weiiiiiter!“

„Schnell! Da hinten gibts was umsonst!“

Nein, diese Statuten gibts natürlich (noch) nicht, das hab ich mir gerade ausgedacht! Suche auf diesem Weg eine Person mit Drucker, Laminiergerät und Tagesfreizeit, die diese Statuten in Sichthöhe im Waldpark aufhängt.

Und ansonsten: Wenn euch demnächst eine wildfremde Frau im Waldpark grüßt, keine Angst, die tut nix! Das bin nur ich. Ich kann einfach nicht anders.

„Tach!“.

Gemischtes Weihnachtsgeplänkel

Die Gedanken der letzten Tage, nacheinander und durcheinander gedacht und aufgeschrieben.

Dieser Blogpost ist ein Kessel Buntes. So hieß früher zu DDR-Zeiten eine Fernsehsendung, in der Helga Hahnemann auftrat und Gunther Emmerlich und Jürgen Lippert und wenn euch das alles überhaupt nichts sagt, ist das nicht schlimm, ihr habt nichts verpasst! Und an Weihnachten kam auch immer „Zwischen Frühstück und Gänsebraten“, eine Sendung, in der alle Mitwirkenden besoffen waren, ich bin mir ziemlich sicher. So viel Fröhlichkeit ist nur mit Nordhäuser Doppelkorn hinzubekommen. Ich hab das immer geguckt als Kind, es gab keine Alternative, wenn man schon als kleines Mädchen allergisch auf „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ war (hier Würgegeräusch vorstellen).

Jedenfalls hat Inka Bause, die manch eine aus „Bauer sucht Frau“ (ich hatte gerade aus Versehen „Bayer sucht Frau“ geschrieben und fand mich grad selbst übelst lustig) das sogar fünfzehn Jahre lang moderiert und früher als junger schnieker Hüpfer mit toupierter Action-Haarspray-gestylter Mähne bestimmt dort auch mal gesungen. Das mit dem Haarspray verstehen nun wirklich nur noch alteingesessene Ossis, deshalb für alle: Stank nach Johannisbeere, klebte wir Zuckerwasser und war in den Achtzigern der letzte Schrei. Auch, weil es kaum Alternativen gab, wollte man obenrum nicht nach Erdöl riechen. Und ein Alon-Haarspray aus dem Exquisit kostete zwölf Mark, Alter!

Wo ist mein Faden? Der rote?! Ah, danke.

Also, Weihnachten 2020. Alle riechen hier nach Westshampoo und es gibt jeden Tag Bohnenkaffee so viel wir wollen! Schöne neue Welt. Scheiß doch drauf, dass wir in der Bude hocken, ey, wir haben Farbfernsehen! Und Mandarinen aus der Dose! Und wir dürfen sagen, was wir wollen und keiner wird verhaftet! Jeder darf sagen, was er will, egal wie bescheuert das ist. Man darf auch sagen, dass die Coronaimpfung alle krank macht und nur eine Riesensauerei der Mächtigen ist und… darfst du alles sagen. Wenn du willst und keine Freunde brauchst um dich herum oder jemanden, der dir länger zuhört. Und dennoch fühlen sich manche Menschen „eingesperrt“, Menschen sind komisch.

Wir reden hier in der Familie über Nachwuchs, Nachwuchs mit Fell. Nachwuchs mit sehr kurzhaarigem, nahezu nicht haarendem Fell. Allen Leserinnen und Lesern ist also nun sicherlich klar: Wir reden über Weimaraner, Singular. Es soll eventuell eine Hündin hier einziehen im nächsten Jahr. Es steht auch schon fest, wie die heißen wird, für jede(n) von uns:

  1. Pepita; kurz: Peppi oder Pepsi  (für mich)
  2. Isabell (Unmöglich, oder? Kann nur vom Bärtigen kommen)
  3. es wird auf jeden Fall ein Hundejunge und der heißt Justus Jonas (der Blondino)
  4. es wird kein Weimaraner sondern ein Dackel und der heißt dann „Dackel“, was sonst

Der imaginäre Hund beschäftigt uns und wir lenken uns mit Hundegesprächen vom Alltag ab, auch nicht so schlecht. Klar ist auf jeden Fall, der Hund wird nie was vom Tisch kriegen, na-hein! Und er wird nicht auf die Couch dürfen, schon gar nicht in eins der Betten, niiiiemals! Und ich habe schon mal vorsorglich Bücher bekommen mit dem Titel: „Du bist der Rudelführer“, und dem Hinweis, es wäre enorm wichtig, dass ich das lesen würde! Weil, man wüsste ja… klappt ja schon nicht bei den Kindern mit der Strenge und Konsequenz. Mir persönlich ist wichtig, dass wir keinen Kläffer bekommen, also ich will einen Hund, dem man den „no-bell-Preis“ geben könnte, har har. „Bell heißt Klingel, das weißt du schon, oder?“, grätscht der Bubi humorlos ein, und: „Weiß jetzt nicht, wo das lustig gewesen sein soll!“. So geht das andauernd. Ich behaupte dann gern, andere Leute fänden mich urst lustig! Da winken sie immer gelangweilt ab, die Kerle. Der Prophet ist im eigenen Dorf nichts wert, das sag ich euch!

Heute ist Mittwoch und mir tut der Rücken weh vom Geschenkeeinpacken. Das vorherrschende Geräusch ist das Abrollen von Tesaband in einem Klebebandabroller, kennt ihr? Quiiiietsch. Das Geschenkpapier hat geradeso gereicht und in jedem Jahr denke ich, das muss aufhören, anders werden, jemand muss das für mich machen. Ich hasse das! Man sieht es im übrigen auch meinen Paketen an, dass ich Verpacken hasse. Es geht schon damit los, dass am Ende verschiedene Stücken übrig bleiben, die nicht auf das letzte zu verpackende Paket passen. Dann das Gefalte. Meine Mutter war da Königin. Akkurate Falze, Papier, das sich wie draufgebügelt um die Geschenke schmiegte. Mir hat sie das nicht vererbt.

Apropos Vererbung. Mein Onkel rief neulich an und sagte, er habe meine schöne Weihnachtskarte vor sich und freue sich daran. Was ich für eine hübsche Handschrift hätte! Da wusste ich, er hat die Weihnachtskarte meiner Schwester vor sich und uns zwei gerade verwechselt. Denn ich habe eine Sauklaue, echt jetzt. Ich schmadere was zusammen und hoffe, der Adressat kann es lesen. Meine Schwester hat die schöne Handschrift der Familie meiner Mutter. Die hatten wahrscheinlich alle in Schönschreiben eine Eins! Ich bin anders. Der Freund meiner Mutter sagt immer, eine von uns hat man mit Sicherheit vertauscht im Krankenhaus und ich weiß genau, wen er meint.

Weil wir gerade dabei sind. In den letzten Monaten mache ich oft Videotelefonie mit meiner Familie und meine Mutter und ihr Freund freuen sich immer sehr. Die staunen und strahlen, was das Zeug hält, wenn sie uns in der kleine Kiste (Smartphone) sehen! Was es nicht alles gibt. Guck mal, da bewegt sie sich sogar und ich kann sehen, wie sich der Mund bewegt beim Sprechen, abgefahren! Also wenn ich beim Freund der Mutter anrufe, dann sehe ich stets seine Handyhülle von innen. Nein, nein, er würde mich gut sehen! Alles prima, sagt dann der Opa. Rufe ich meine Mutter an, stellt sie das Telefon vor sich (schon mal super). Allerdings, wenn ich spreche, sehe ich nur grauen Pelz, weil sie stets das Ohr an das Display hält um mich gut zu verstehen. Dann setzt sie sich wieder aufrecht, um das Wort an mich zu richten. Ich antworte und sie beugt sich wieder nach vorn – ich sehe grau. ❤ Das rührt mich.  Die beiden sind siebzig und achtzig Jahre alt. Es geht ihnen gut, das ist das wichtigste.

Morgen, Kinder, wirds was geben. Der Baum nadelt vor sich hin und ich habe großzügig um die Tanne herumgefeudelt. Ich putze ständig und dennoch ist alles schmoddrig hier. Das liegt daran, dass wir zu viert hier sind und ich meistens zweimal pro Tag koche. Es gibt so Menschen, organisierte, die stellen vorm Kochen die benötigten Gewürze parat und haben das Rezept laminiert in einem Rezeptaufsteller neben dem geputzten Herd. Ich habe nie ein Rezept und knete zum Beispiel Hackfleisch und denke dann, ach, Majoran könnte noch dran, zack, mit den Hackfleischfingern den Gewürzschrank geöffnet und nach dem Fläschchen geangelt. Bei mir ist alles verschmiert und die Besteckschubladen voller Krümel und sogar die Topfschieber innen dreckig. Nur damit ihr mal Bescheid wisst! Immer wenn eine Freundin zu mir sagt: „Hach, bei euch ist immer alles so schön sauber!“, denke ich: `Was ist los mit dir? Bist du blind oder verlogen?!`. So ist das. Aber schon bei meiner Oma Else sah die Küche aus wie Bombe, aber das Essen! Die konnte kochen! Ich wünsche mir, das sagen die Leute auch irgendwann von mir. Scheiß doch auf ordentliche Besteckschubläden und streifenfreie Fronten!

Ich denke an die Studentinnen, die sonst in der Adventszeit bei Douglas Geschenke verpackten, was machen die in diesem Jahr? Und wie hat sich die Maskenpflicht auf den Absatz von Lippenstiften ausgewirkt? Weiß das jemand? Wie ist die Virusauswirkung im arabischen Raum, wo alle draußen sowieso mit Mundschutz rumlaufen, also die Frauen zumindest? Fragen, die mich beschäftigen.

Der Bärtige hat ein Buch mit Papierfliegeranleitungen gekauft (Warum?!) und nun muss einer von uns Erwachsenen ständig Druckerpapier zu Papierfliegern verfalten. Und die Dinger liegen überall rum, unter Schränken, hinter Möbeln. Des Kindes Begeisterung für Papier endet allerdings abrupt vor dem Wochenplan der Klasse 1c. Dort sind die Arbeitsbögen gesammelt für das Homeschooling. Katastrophe, sag ich euch. Malen, schneiden, kleben und lesen verweigert der Blondino lautstark und enthusiastisch. Mathe geht und Schreiben auch. Wir machen „angewandte Pädagogik im Alltag“ und lesen die Zahlen auf den Autokennzeichen, üben spielerisch die Malfolgen und ich schreibe dem Kind Liebesbriefe. Wenn er wissen will, was da steht, muss er sich eben Mühe geben! Ansonsten bin ich entspannt. Ist mir egal, wenn wir das nicht alles schaffen. Aber ich hab auch gut Lachen in Klasse eins. Wobei ich denke, das ist die Erfahrung. Die Erstlingseltern bei uns im Klassenchat sind mitunter überambitioniert, aber was weiß denn ich. Das ist mein vierzehntes Schuljahr als Mutter. Ich glaube, ich hab schon alles gesehen und gehört, sollen sie doch. Mich erregen die nicht. Ich gehe mit zu Wandertagen solange ich darf, weil die Zeit so verdammt kurz ist, wo das Kind das dulden wird und ich so alle anderen Kinder sehe und kennenlernen darf und damit ein Gesicht vor Augen habe, wenn von Dustin und Justin gesprochen wird. Und ich helfe der Lehrerin, wenn Elternunterstützung gewünscht ist, das versteht sich von selbst. Aber bei dem üblichen Schmus (wer hat was gesagt, welches Kind hat die längste Leseraupe und warum, wieso sind die Ranzen so schwer und mein Kind hat dieses und will jenes und überhaupt) da schalte ich ab.

Neulich stand ich mit Mundschutz beim Abholen im Foyer und eine Mutter beschwerte sich bei einer anderen Mutter über meinen Sohn. Weil, er sei so ein schlechter Einfluss auf ihr Schätzchen! Ich hab in mich reingegrinst, sie haben mich nicht erkannt mit meinem Ganzgesichtsschutz. Ich grinse auch, wenn die Horterzieherin beim Abholen sagt: „Und sie? Sie sind die Oma?“, mich haut im Moment nichts vom Hocker, was die Schule betrifft. Solange das Kind gern hingeht (wenn er denn wieder kann) und keine pathologischen Defizite zeigt. Für den Rest habe ich keine Zeit. Ich hab keine Lebenszeit übrig mich aufzuregen wegen irgendwelchem Blödsinn, der gar nicht wichtig ist. Und jetzt ist auch Weihnachten.

Drei Tage, eine Gans, eine Ente, zweierlei Klöße, eimerweise Rotkraut, ein Mohnstriezel und allerhand Kekse später ist nun der zweite Feiertag und ich hab voll das Weihnachtsmojo. Dieses Jahr in echt. Es hat mir gutgetan, nur mit den Meinen zu sein. Kein Besuch, keine Weihnachtsmarktglühweinverabredungen, kein Kalender-übereinander-legen, um alle Freunde zu treffen. Ich bin komplett runtergefahren und Weihnachten ist passiert. Ist mir passiert! Fern ab von all der Hektik, die mich sonst kirre und froh macht, bin ich glücklich gewesen.

Der Sohn hat mir einen Harry-Hole-Krimi von Jo Nesbo geschenkt und beömmelt sich stundenlang wegen dem Namen („Harry Hole… das klingt wie… hihihi… das klingt wie…. hahaha!“, „Ich weiß, das klingt wie haariges Loch, du Quatschbirne! Das findest du lustig, aber bei no-bell-Preis verleierst du die Augen, ja?!“). Alle freuen sich über die Geschenke und wir habens schön.

Die Tage waren gemütlich, unter allen Tischen liegen Legobausteine, jede freie Fläche ist mit Spielzeug vollgestellt. Die Weihnachtssterne sehen langsam müde aus und abgekämpft und auch der Baum hat durchgehalten – danke dafür!

„Rupfi of Blasewitz“, der schönste Tannenbaum vom Blasewitzer Waldpark

Abend laufen wir durch die Hood und schauen in die geschmückten Wohnungen, das ist der schönste Adventskalender für mich.

Gestern begannen die Rauhnächte, diese besonderen Tage, in denen mir früher manchmal das Gemüt etwas wackelte. In denen ich mich fragte, was das neue Jahr wohl bringen würde, in denen ich oft sehnsüchtige Wünsche an das Universum schickte. In diesem Jahr ist alles gut. Es gibt keine losen Enden, es ist alles geworden. So möge es bleiben, das ist mein Wunsch.

Im Garten schiebt sich neues Leben durch den kalten, feuchten Boden und die Tage werden wieder länger. Alles wird neu, alles fängt wieder von vorne an, wunderbar.

Euch wünsche ich magische, schöne und friedliche Tage bis zum Wiederlesen und jede(r) hat einen Wunsch frei beim Universum, ich habe das geklärt! ❤

Weihnachtsstimmungen, gemischt

Das Facebook hat diese Erinnerungsfunktion und ich weiß ja nicht, also in diesem Jahr nervt die mich unfassbar. Heute zum Beispiel wurde ich ohne darum gebeten zu haben daran erinnert, dass ich vor sechs Jahren um die selbe Zeit in der Garage in Pieschen stand, zusammen mit meiner Nachbarin Manja, und einen Flohmarkt im Rahmen von „Advent in Pieschen“ veranstaltet habe.

Ich hätte jetzt gern ein Stück Birnenkuchen, wenn ich das Foto sehe. Und ich bin natürlich zurückversetzt an diesen Tag. Ich weiß noch, wie blöde wir das damals fanden.

unter Einfluss von Glühwein geschossenes Foto; 2014

Es regnete, die hübschen Butterbrottüten, die den Weg zur Garage flankierten und mit Teelichtern bestückt waren, weichten auf und das Licht ging ständig aus, es kamen nicht so viele Anwohner zu uns wie erhofft, Mensch, hatten WIR PROBLEME! Also gemessen an „Advent 2020“. Sogar unser Vermieter kam vorbei um einen Glühwein bei uns zu trinken, damals.

Wir wissen selten, wenn wir glücklich sind. Aber immer, wann wir glücklich waren! Stimmt doch, oder?

Advent 2020. Alles ist abgesagt und mittlerweile kenne ich nicht nur mehrere Menschen, die Corona hatten, ich kenne auch einen Menschen, der Corona nicht überlebt hat. Siebenundsiebzig Jahre alt und mit Vorerkrankungen, das schon, dennoch sind die Töne etwas leiser um uns herum seit der Todesmeldung in unserer Familie. Dieser Onkel wäre ohne Corona ziemlich sicher noch am Leben, jetzt, heute. Deshalb nehme ich es demütig hin, was alles ist – oder nicht ist – in diesem Dezember, denn ich möchte gern, dass es bald vorbei ist. Dass wir wieder unbeschwert Leute empfangen können, Freunde besuchen können.

Meine Eltern werden uns am ersten Feiertag die Geschenke über den Zaun reichen und wieder gehen, die Christvespern sind abgesagt. Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos. Möchte ich fest glauben. Zeit für neue Traditionen: Chips und Eis und Jogginghosen und die Weihnachtsgeschichte spielen wir mit Indianern und Legofiguren nach. (Die korrekte Bezeichnung der indigenen Ureinwohner Nordamerikas ist mir bekannt und ich achte sie sehr. Ich rede hier von den Plastikfiguren mit spärlichem Lendenschurz aus den Siebzigern, die meine Oma Else früher in der Spielzeugkiste im Flur hatte, und die hießen eben Indianer; seht es mir einmal nach, danke)

Wie ist sonst so der Lifestyle und das gesellschaftliche Leben? Letzte Woche waren wir abends noch um diese Ecke bei meiner Freundin Fika, mit Abstand, ohne Küsse und Umarmungen – komisch, noch immer. Ich saß in der neuen Gartensauna, die zum privaten Glühweinstand ernannt wurde. Es funktionierte nicht mit dem Weihnachtsfeeling, ich habe es versucht.

Allein in der Glühweinsauna – Frau Nieselpriem

Deshalb lassen wir das jetzt auch mit dem privaten Biergarten hinterm Haus. Wir lassen das alles. Es bringt nichts, die Situation zu „simulieren“. Das ist, wie vegan zu essen und dennoch permanent nach nachgebasteltem Gyros oder Schnitzelersatz oder schmeckt-wie-Frikadellen zu verlangen. Kannste machen, wird aber anstrengend auf Dauer.

Uns geht es gut. Ich mag mir nicht vorstellen, wie andere vierköpfige Familien in einer sechzig Quadratmeter kleinen Wohnung ohne Balkon aktuell leben. Ebenso blende ich aus, dass der Kinderschutzbund vermeldet, dass in jeder Klasse mindestens ein Kind säße, das häusliche Gewalt erfahre. Was die Lockdown-Situation mit einer toxischen Familienatmosphäre macht, darüber brauche ich hier ja nicht zu spekulieren. Ich will es nicht wissen, ich kann nichts machen. Wüsste ich es in einem konkreten Fall, könnte ich nicht mehr schlafen und würde Kinder aufnehmen wollen, alle. Ich bin noch dünnhäutiger als sonst.

Was sonst noch? Nun, wir hatten das erste Elterngespräch (fernmündlich, eine Stunde achtzehn Minuten) mit der Klassenlehrerin, der Sohn verhält sich erwartungsgemäß. Wir sind nicht überrascht. Er öffnet zum Beispiel ständig die Türen der Spinde der Klassenkameraden. Das sei verboten, sagt man ihm. Warum, fragt er zurück. Er nähme ja nichts raus! Den Zettel solle er abgeben mit den Codes, sagt man ihm. Er habe keinen Zettel, das stünde alles in seinem Kopf, antwortet er. Vierstellige Codes, vierundzwanzig an der Zahl.

Ansonsten ist er liebreizend wie eh und je und tolerant gegenüber fremden Menschen. Wir erinnern uns: 2014, im Aldi zu freundlichen Senioren: „Nisch misch anguggen!“. 2017 zum Neffen der Nachbarn, der freundlich grüßte: „Hau ab, du alte Scheiße!“, und gestern zur alten Dame, die unsere Nachbarin besuchte: „Sie hamm hier nüschts verloren!“. Da stand er auf der Treppe, finstrer Blick, wie ein Zwergenbonaparte. Oder wie ein kleiner Adolf, wie ich manchmal heimlich sage. Ein Schatz. Er disst auch unfassbar. „Du Bankautomat! Du glue stick!“, da fällt mir nichts ein.

Nun ja, es wurde ausgeknobelt in der Autismusambulanz und die Kästchen beim multiple-choice-Test übereinandergelegt. Er habe keine Autismusspektrumstörung und wir sollten doch Verhaltenstrainng machen, am besten in einer Gruppentherap… halt, wo gehen sie denn hin?! Ich hab abgewunken, ich kenn das alles schon. Da gehen wir ganz sicher nicht hin! Am Nachmittag nach einem anstrengenen Tag noch „realitätsnahe Situationen nachschauspielern“, nein. Wir machen situativ das Richtige (hoffe ich), wir korrigieren ihn situativ und wir haben die optimale Schule ausgesucht, das sind die guten Nachrichten.

Im Moment ist der völlig neben der Spur, normal. Seit Oktober sind ihm sechs (!) Milchzähne ausgefallen. Wackelnde Zähne, wackelndes Gemüt. Manchmal denke ich, in zwei Wochen kaut der dann auf seinen einzigen zwei „neuen“ Zähnen.

Was noch? Ach ja. Andere coronisierten Menschen holen sich Haustiere ins Haus, wir ein „Echo Bike“. Die Männer sind ganz aus dem Häuschen. Hier bauen sie das Ding aus Übersee gerade auf dem Dachboden zusammen.

Das heißt auch manchmal „Assault Bike“, oder wie die Kenner sagen: „Asshole Bike“. Damit kann man in einer Minute (je nach Strampelei) ungefähr 40 kcal verbrennen. Das klappt mit keinem anderen Gerät. Und entsprechend Killerpotential hat das Asshole Bike. Wer das nicht glauben kann mit dem „schlimmsten Fitnessgerät der Welt“, der kann sich ja hier mal reinziehen, wie der Gewichtheber Max Lang vom Asshole Bike fällt. Ganz am Ende, bitte schön:

Ich hab ja noch so eine Challenge laufen vonwegen bis Ende Januar einen „toes to bar“ an der Stange hinzulegen. Im Moment kann ich nur durch kontinuierliche Zufuhr von gesättigten Fettsäuren meinen Gemütszustand halbwegs stabil halten, also nope, ich trainiere nicht! Ich esse. Gerade zum Abendessen gab es Nuss-Feigen-Brot mit Hüttenkäse und Honig, oder um, es mit den Worten meiner Kinder zu sagen: „Iiiiiiieh!“. Tja, man muss immer tun, was man nicht lassen kann. Und ich muss Süßigkeiten essen!

Das Haus habe ich dekoriert, sogar die Türfenster beschmiert, weihnachtlich, von innen. Anstatt: „Hohoho!“, liest man von außen das:

Passt ja auch zur Situation. Innen habe ich die Basteleien des Großsohnes aus Kindergartenzeit rausgeholt und an die Türpfosten geklebt für mehr Heimeligkeit. Der große Sohn hasst es. Der kleine Sohn ist eifersüchtig, weil ich nichts von ihm an den Türpfosten klebe. Nun, was sollte das auch sein?! Ein zerknülltes kariertes Blatt, wo schief: „FURZEN“, draufsteht vielleicht? Das wären so die Kunstwerke vom Kleinen…

Anyway, wie wir Sachsen so sagen, der Baum steht! Und nu gugge ma, er nadelt, als wäre es der vollkommen normalste fuffzehnte Dezember überhaupt! Als wäre nichts, oder alles.

Oh Tannenbaum.

„… Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum
Dein Kleid will mich was lehren
Die Hoffnung und Beständigkeit
Gibt Kraft und Trost zu jeder Zeit
Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum
Dein Kleid will mich was lehren…“

Über unfreiwillige Toilettenbesuche, das medieninkompetente Kind, Coronablues in Grautönen und Wunscherfüller

Gestern gingen der Bärtige, der Blondino und ich spazieren. Ein älteres Ehepaar lief vor uns auf der Straße. Instant belehrte das Belehrkind laut und entrüstet: „Man läuft nicht auf der Straße!“. Die Leutchens schauten sich erschrocken um und erwiderten sehr kinderfreundlich: „Da hast du recht! Wir passen in Zukunft auf.“. Kaum waren sie ein paar Schritte weitergegangen, brüllte Meiner in Richtung der beiden Silberrücken: „ICH BEOBACHTE EUCH!“. Da fiel dann niemandem mehr etwas ein. Die Leute marschierten dann auch schnell aus unserer Sichtweite.

Das Kind hat ein dominantes Imponiergehabe im Moment, was bestimmt lustig ist, wenn ich das später mal lesen werde. Sehr viel später.

Und: Immer wenn jemand von uns auf Toilette geht, muss er/sie sich ungebeten fragen lassen: „Musst du kacken?“. Auch fremde Menschen auf öffentlichen Toiletten werden schonungslos nach dem Zweck ihres Toilettenbesuches gefragt: „Warst du kacken?“.

Wenn er selbst sein Thrönchen besteigt, sinkt das Unterhaltungslevel für mich allerdings ins Bodenlose, denn seit nunmehr sieben Jahren bin ich fürs Abputzen verantwortlich und manchmal denke ich, ich werde das noch in zehn Jahren machen. Ich werde mittags meinen pickligen Teenager in der Schule während der Hofpause besuchen um ihm bei seinem Toilettengang zu assistieren. Denn das Kind ekelt sich, theatert, plärrt, dramatisiert, bis ich das Gelärme nicht mehr aushalte und er seinen Abputzwillen bekommt. Ich glaube, das hört nie auf. Aber ich dachte auch, der Bubi würde noch mit dreißig in meinem Bett schlafen. Vielleicht wird doch alles irgendwann enden, sogar das Unfreiwillige.

In diesem Jahr ist vieles schärfer in meiner Wahrnehmung, was sonst irgendwie verwaschen im Alltag unter „ferner liefen“ läuft. Das kommt von der Allgegenwart und immanenten Präsenz der kompletten Kleinfamilie. Wir sind chronisch coronisch und permanent aufeinander. Und auf uns zurückgeworfen. Selbst wenn die Kindereinrichtungen – wie jetzt gerade- geöffnet sind, so fallen dennoch puffernde Aktivitäten wie Sportvereine, Playdates und so weiter weg, sodass an jeden gemeinsamen Homeofficetag Seite an Seite mit dem Mann der gemeinsame wer-beschäftigt-jetzt-wie-lange-das-nölende-Kind-Nachmittag anschließt. Jeden Tag. Denn das Kind hier lebt nur für die „Tablet-Zeit“. Furchtbar ist das! Der beschäftigt sich nicht selber, spielt nur in Gesellschaft seiner Eltern und fragt ohne Unterlass, ob er nicht doch jetzt schon ans Tablet dürfe! Wir haben das versaut. Und versauen uns damit die Tage.

Beim Bubi waren wir rigide und zwar auf ganzer Linie. Ich war Tigermom und Tigerdad und ich führten ein strenges Regime. Hier kann das gern beispielhaft nachgelesen werden (zum Glück hatte ich früher viel Zeit, alles mögliche niederzuschreiben). Bei dem Blondino dachten wir, ach komm, zweites Kind, mach mal locker! Vielleicht funktioniert das ja alles doch mit diesem neumodischen Erziehungsquatsch und der Selbstregulierung – pah! Am Arsch! Niemals würde der Zweite das Tablet von allein aus der Hand legen, nie den Fernseher ausschalten und verkünden, er würde sich fürderhin den Rest des Nachmittags mit der Gestaltung von Perlentieren beschäftigen, nie! Ich fand ihn schon auf der Couch, die Hände an den Kopf gepresst weinerlich verkündend, er habe Kopfschmerzen. Auf mein Insistieren, der Fernseher müsste nun ausgemacht und der wehe Kopf in den Garten zum Durchlüften gebracht werden, wurde ich angeschrien, ich HÄTTE ÜBERHAUPT KEINE AHNUNG und das käme nicht vom Fernsehen! Der Mann und ich haben beschlossen, es nützt nichts. Und nein, wir haben keinen Bock auf die kommenden Tage, aber ab morgen ist das Tablet weg und TV gibt es nur noch halb sechs bis sechs abends. Es wird hart werden. Am besten stecke ich mir Ohropax in die Ohren um dem Genöle zu entfliehen. Und vermutlich werde ich in der zweiten Schicht als Animateuse im Schichtwechsel mit dem Mann arbeiten. Ich hatte verdrängt, wie doof Kindererziehung sein kann, manchmal. Vor allem, wenn man (frau) gerne Nachmittags vom Arbeitstag entspannt und seien wir mal ehrlich, abends entspannt ja auch niemand mit einem Siebenjährigen im Haus! Während ich das hier schreibe, wurde ich schon dreimal gestört, und es ist neun Uhr abends! Wenn der Ruhe gibt, ist es bei mir energetisch dann auch zappenduster. Gute Nacht Johnboy, gute Nacht, Bärtiger, sometimes, when the Kinder sind aus dem Haus, dann machen wir abends wieder was zusammen. Und noch nicht mal Zwischenentspannen ist mehr drin, weil das Kind beim Kindersport gestriezt wird oder einen Freund zu Besuch hat.

Apropos.

Früher, also vor Corona, sind wir Alten oft in den nahen Biergarten geflüchtet und haben den Bubi gezwungen, die Aufsicht über seinen Bruder zu übernehmen. Weil, das würde sich so gehören! Das war schön. Da hatten wir dann auch Zeit für Gespräche und Innigkeit, die über permanente Co-Anwesenheit im selben Raum hinausging. Wir zwei vermissen in der aktuellen Situation unterschiedliche Dinge: Ich vermisse Ruhe, Zeit für mich ganz allein, ohne Ansprache und Gespräche. Ich renne dafür jeden Tag, ich renne weg von allen. Ich renne zwanzig Kilometer in der Woche, ich war noch nie so sportlich wie in diesem Jahr. Joggen ist meine Zeit für mich allein. Dennoch: Auch der Mann hängt durch. Der Mann dauert mich sehr, denn er vermisst die Biergarten- und Kneipenbesuche gerade schmerzlich. Seine Kumpels, seine Sportfreunde, niemanden kann er treffen, und noch nicht mal mit der Ehezicke ausgehen. Ich werde deshalb für den Mann einen Heizpilz anschaffen und eine Biertischgarnitur und beides vors Haus stellen. Dann setzen wir uns davor und ich spiele Biergartengeräusche auf dem Handy ab, als Hintergrunduntermalung. Dass der Mann traurig ist, ist das Schlimmste.

Wir sind gesund, wir sind privilegiert, wir wissen das und sagen uns das in Demut auch gegenseitig immer wieder. Aber wir sind dennoch weit entfernt von achselzuckender Gleichgültigkeit, und da möchte ich noch nicht mal die Weltverschwörer, Coronaleugner und die Verantwortung der „Coronaeltern“ thematisieren – ihr wisst Bescheid. Ein langer Winter liegt vor uns.

Irgendwie hat der Begriff „besinnliche Zeit“ in diesem Jahr ein Geschmäckle. Ich dachte mir das auch schon beim Dekorieren für die Adventszeit. Für wen mache ich das eigentlich? Meinen Kerlen ist das herzlich Wumpe – im Idealfall – wahrscheinlich regen sie sich auf, dass so viel Zeug rumsteht. Also noch mehr als sonst. Und dass ich so viel backe, weil, sie wöllten das nicht essen und fett werden, aber wenn ich das backe, dann müssten sie es auch essen und deshalb: Warum backst du andauernd?! Das frage ich mich langsam auch. Denn es kommt ja keiner! Niemand wird zu Besuch kommen, die Deko loben und die geschmackvollen Bäckereiprodukte genüsslich vertilgen.

Besinnlichkeit reloaded, rebootet, downsized, anders als sonst. Nähe trotz Distanz, Zuneigung ohne Berührung, Kontakt trotz Aufruf zu Kontaktlosigkeit, kann das gehen? Am: „Wie?“, denke ich gerade herum, eine Woche vorm ersten Advent.

Und ich will euch was erzählen. Vor einigen Wochen traf ich mich (kontaktarm, natürlich) mit einer Freundin. Es ging thematisch im Gespräch irgendwann um den bevorstehenden vierzehnten Geburtstag der ältesten Tochter. Diese Freundin und ihr Mann haben vier Kinder, sind beide berufstätig und sogenannte „Aufstocker“, heißt, das Familieneinkommen liegt trotz Berufstätigkeit unter der allgemeinen Bemessungsgrenze und deshalb wird die Familie bezuschusst. Geld war nie ein Thema in unseren gemeinsamen Gesprächen und diese Leute sind alles andere als Barmer oder thematisieren ihre finanzielle Situation, nein. Sie erzählte mir, die Tochter wünsche sich zum Geburtstag einen Besuch im Belantis-Vergnügungspark, sie wöllte Achterbahn fahren mit ihrer Freundin! Das sei ihr einziger Wunsch und dieser leider nicht zu erfüllen. So ein Tagesticket sei einfach nicht drin, weil auch neue Fahrräder angeschafft werden müssten und die würden nun mal täglich gebraucht, weil ein Auto hat die Familie nicht. So ging das Gespräch, es war mehr die Traurigkeit der Freundin, dass sie den Wunsch nicht erfüllen konnte, die Thema war, eigentlich auch zum ersten Mal überhaupt.

Dieses Gespräch hat mich nachhaltig berührt. Ich dachte an andere Jugendliche in meinem Bekanntenkreis, die sich zum vierzehnten Geburtstag ein neues Smartphone wünschen (die Tochter meiner Freundin hat gar kein Handy) oder ein angesagtes Longboard, einfach so, und damit rechnen können, dass ihr Wunsch in Erfüllung gehen wird.

Ich schrieb Belantis an. Erzählte von dem Geburtstagswunsch und fragte an, ob es nicht möglich sei, dass der Vergnügungspark das Mädchen einladen würde – bot an, das dann auch zu bewerben, über diese Aktion zu schreiben, wenn das gewünscht wäre. Sie haben nicht geantwortet. Ich schrieb ein zweites Mal an die Pressestelle des Vergnügungsparks, wieder keine Antwort. Dann sah ich zufällig auf Instagram, dass just zu dieser Zeit eine Marketingkampagne lief, in der Tagestickets verlost wurden für Belantis! Bei einem „Influencer für Vergnügungsparks“. Ich schrieb also auf diesen Beitrag, schrieb, ich wöllte die Tickets unbedingt gewinnen! Schrieb über den Hintergrund, den sehnlichen Geburtstagswunsch einer Vierzehnjährigen, markierte Belantis in diesem Post, tat, was nötig ist, gesehen zu werden. Nichts geschah.

Ich konnte das nicht nachvollziehen. Das muss man verstehen: Die machen zur selben Zeit eine Werbekampagne um Leute trotz Corona zu sich zu locken, verlosen Tickets an irgendwen, bezahlen dafür sogar Menschen mit werbewirksamem Insta-Account, aber reagieren nicht auf meine Anfrage?! Es wäre ein Leichtes gewesen, zwei Freitickets zu spendieren und ein bestimmtes Mädchen sehr glücklich zu machen. Wollten sie nicht. Und nein, dass meine Mails oder mein Kommentar (trotz Markierung) nicht gelesen wurde, das glaube ich einfach nicht. Zack, du kommst hier nicht rein! (Und ich für meine Person will dort auch nie wieder rein) Ich war unfassbar enttäuscht.

Jetzt wollte ich erst recht meiner Freundin eine Freude machen und erinnerte mich, dass sie mir mal erzählte, dass es seit der Geburt des jüngsten Kindes kein Foto gäbe, das sie alle als Familie zeigen würde. Weil, Leben in Großfamilie und Hektik und so. Ein Foto, das sie alle zeigt. Ich rief Franzi an und fragte, ob ich bei ihr ein kleines Familienshooting buchen könnte für eine befreundete Familie. Nachdem ich die Geschichte erzählt hatte, war Franzi genauso berührt wie ich und erklärte, sie wöllte unbedingt die Familie porträtieren und selbst verständlich dafür kein Geld von mir nehmen. Und dass es Situationen gibt, da geht es nur darum, jemandem ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern. Etwas zu verschenken von dem, was man selbst hat oder kann an jemanden, der ebendieses nicht hat oder kann.

Vielleicht ist es das. Auf einander schauen. In diesem Jahr noch mehr als sonst. Die einen Mitmenschen hamstern Nudeln und Klopapaier und schauen, was der Nachbar so treibt – noch ärger als sonst – während andere besonders auf die Menschen schauen, die es auch in weniger anspruchsvollen Zeiten nicht unbedingt immer unbeschwert und leicht haben. Während die einen auf die Regierung schimpfen oder sich und andere gefährdend im öffentlichen Raum agieren, engagieren sich die anderen unter den nun noch schwierigeren Bedingungen zum Beispiel für diejenigen, die wir gern übersehen in unserer Vorweihnachtsfreude. Das soll mir ein Licht sein für die kommenden Wochen, eine Laterne für meinen eigenen Weg durch diese besondere Zeit, die vor uns liegt. Der Geist der Weihnacht zeigt sich vielleicht nie wieder so deutlich wie in diesen Zeiten.

Ich wünsche uns allen besinnliche Weihnachten.

~

Dieses Foto hat Franzi gemacht, als sie vor zwei Jahren zum Shooting bei uns zu Hause war. So schön finde ich uns nie, nur auf Franzis Bildern. Sie kann Dinge sichtbar werden lassen, die wir selbst viel zu selten sehen. Sie ist ganz sicher einer von diesen „anderen“ Menschen.

 

 

Sieben Sachen Sonntag/ 08.11.2020

„Sieben Sachen, die ich am Sonntag mit meinen Händen gemacht habe“, so lautete einst die Beschreibung dieses Sieben-Sachen-Sonntags-Posts bei Frau Liebe, die leider nicht mehr bloggt und die neben vielen anderen ehemaligen Bloggern schwer vermisst wird in diesem Internetz. Also von mir.

… ein fleißiges Schulkind bei den Hausaufgaben gestreichelt

… einen Schal begonnen zu stricken; Fertigstellungsdauer geschätzt: einmal BER

… trocknende Waldpilze gewendet

… Rosenkohl in Butterbröseln gewälzt

…Herbstlaub in Säcke geschaufelt

… und anderes Herbstlaub (nämlich Gingko) draußen gesammelt und zum Trocken in ein dickes Buch (Elisabeth George) gesteckt; nächstes Jahr wird das im Herbst ein hübsches Mobile abgeben, die Gingkoblätter mit goldenem Basteldraht umwickelt und an einen knorrigen Ast gehängt

… aus einer löchrig gewordenen Fleecedecke frei Schnauze eine Kuschelhose für das Kind genäht

(das Kind hasst die Hose)

… Ingwer und Zitrone kleingeschnibbelt und mit Honig und einem Kräuterteebeutel aufgegossen

Herzensangelegenheiten

Die erste Herzensangelegenheit: Ich danke euch allen für die zahlreichen und mitfühlenden Kommentare unter dem letzten Beitrag! Ich freue mich so über jede Zeile. Und wäre ich eine vorbildliche (oder nur eine leidlich anständige) Bloggerin, würde ich jeden einzelnen schon längst selbst dankend kommentiert haben. Aber diese hier – diese, ich – hat weder einen einen WordPresszugang über die App, einen mobilen Login oder sonstwas. Nein, diese ist zu faul, sich das endlich mal einzurichten und weiß auch nicht, wo eigentlich die Zugangsdaten stehen und ist froh, dass ihr guter alter Laptop die natürlich gespeichert hat und sie also über die Weboberfläche noch drauflässt auf das Blöggel. Es ist eine Schande, sie schämt sich, das tut sie wirklich, aber nun ja, so ist das eben. Und deshalb gibt es keine just-in-time-Dankbarkeiten, weil, ich muss immer erst die Turbine des Rechners hochfahren um auf einen Kommentar antworten zu können. Das hier ist jetzt für alle Kommentator- und -Innen (m/w/d, Unentschlossene sind mitgemeint): ❤

Fürderhin erwäge ich aufgrund meiner soeben beschriebenen Defizite im IT-organisatorischen Bereich eine Praktikantenstelle auszuschreiben, die ich dann mit zweifelhaften Kooperationen querfinanziere, die hier neuerdings wieder gehäuft bei mir einflattern. Aber darum geht es heute gar nicht. Es geht um Herzensangelegenheiten.

Es ist eine aufbruchschwangere Zeit, in der ich mich befinde. Und zum ersten Mal in meinem Leben begrüße ich diesen Umstand nicht. Ich befinde mich in der Bewahrungshaltung, einer brütenden. Ich sitze auf vertrockneten Eierschalen, während das Küken längst flatternd und aufgeregt nach Würmern pickert. Oder Asseln (Das Küken hier interessiert sich nämlich nach der Dinosaurierphase wieder vermehrt für Insekten und Reptilien.).

Die Vorschule im Kindergarten ist abgeschlossen, die Vorschullehrerin hat all ihren Eleven in der vergangenen Woche ein kleines Abschiedgeschenk und einen wundervollen Brief überreicht, den ich nicht zu Ende lesen konnte, weil die liebevollen, mit Stolz erfüllten Worte vor meinen Augen verschwammen. Wenn das Facebook mir als „Erinnerung des Tages“ ein Foto von 2015 anbietet, bei dem das holde Blondchen ein pausbäckiges Oberschätzchen neben seiner fünf Jahre jüngeren Mama, die er damals noch „Mama“, nannte und nicht: „Mutter“, dann ist das auch ein triftiger Grund, in Tränen auszubrechen. Wenn der Bezugserzieher die Kita verlässt, dann stehe ich mit dämlichen Blumen in der Türe, zucke mit den Schultern und: Genau, heule schon wieder. Die beste Kitatante von allen, die linke Herzhälfte der ganzen Kita, die hatte schon vergangenen Freitag ihren letzen Arbeitstag und schrieb dann so: „Wir haben uns leider verpasst!“. Irrtum, ich konnte mich nicht verabschieden und ich wollte auch nicht. Ich verweigere mich dieser allgemeinen Abschiedsstimmung. Ich habe nicht teilgenommen, also ist es nicht geschehen. Hier verabschiedet sich niemand von irgendwem für immer!

es gibt keinen passenden Blumengruß für einen Abschied…

Zwei Wochen ist die Kita nun geschlossen und danach wird sie noch genau zwei Wochen ihre Türen für uns öffnen. Nun noch zehn mal nach unserem Urlaub.

… aber bitte nicht für immer!

Ich dachte, das würde einfacher. Ich dachte, aufgrund des Frühjahres und diverser Probleme, Wechsel im Voraus, würde es einfacher werden. Tut es nicht. Weil ich ja nicht einfacher werde. Je älter ich werde (und ich werde wirklich immer älter, ist das zu fassen), werden Abschiede für mich unerträglicher. Ich möchte mich nicht mehr trennen. Mich nicht trennen müssen, nicht getrennt werden oder sein. Nein! Wenn es schön ist, soll es so bleiben, verdammt noch mal, das ist doch nicht zu viel verlangt.

Und mit einem Kleinkind kommt tatsächlich ständig etwas Neues, aber man verliert auch andauernd etwas. Die Stillphase, geliebt, gehasst, sehnsüchtig erinnernd bedacht. Wickeln, Küsschen auf den Bauchnabel beim Waschen, vorbei. Tragen, Rückenschmerzen, Sehnsucht nach den Kinderärmchen um den eigenen Hals beim Hinauftragen ins Bett. Schmierige Küsse beim Füttern, eng umschlungenes Einschlafen, Kindergartengarderobe, Wasserschneckengruppe, Seesterngruppe, vorbei. Ein Wimpernschlag nur gemessen an einer Lebensdauer. Ein verschwindend kurzer Moment vor langem Vermissen und weißt-du-noch. Die intensivsten kürzesten Jahre mit den längsten Tagen.

Ich wusste das. Ich wurde die Mutter dieses Kleinen, nachdem ich schon verdutzt fragend mein großes Kind angesehen hatte und nicht mehr wusste, in welcher Zeitfresserraffermaschine dessen Kindheit verschwunden war. Anders wollte ich es nun machen. Jeden Tag bewusst erleben! Und dennoch ist jeder Abend ein kleiner Abschied. Dieser Tag kommt nie wieder und mit jedem Tag wird das Kind größer, wächst von mir weg und über mich hinaus.

Jeder Tag ein Abschied. Die Zeit ist nicht meine Freundin. Sie malt hässliche Linien in mein Gesicht und nimmt mir meine Kinder. Wann wird der Kleine das letzte Mal meine Hand halten wollen?! Wann höre ich das letzte Mal: „Mami, dich lieb ich am meisten. Sogar, wenn du nackig bist!“? Jetzt schon ist er in Salome verliebt und nicht mehr lange, dann wird er mir das nicht mal mehr erzählen wollen.

So ist das jetzt. Der Kindergartenabschied steht an und eventuell dramatisiere ich ein wenig. Ich möchte mich dort nicht verabschieden, noch nicht, nie. Ich will jeden Morgen diesen Kindergartengeruch inhalieren und jeden Nachmittag mit Küsschen begrüßt werden. Noch zwanzig Jahre wenigstens. Ich feilsche vergeblich. Mir ist die Endlichkeit eines jeden Momentes mit den Kindern so dramatisch präsent. Den Großen erreiche ich wieder, aber gänzlich anders und er zeigt sich auch wieder empfänglich für meine mütterlichen Zuwendungen, aber es ist eine erwachsene Reaktion. So, wie erwachsene Kinder ihre Mütter anschauen, wenn diese ihnen den Reißverschluss der Jacke hochziehen mit den Worten: „Junge, du wirst dich noch erkälten!“, so schaut er mich an. Noch zweimal Zwinkern und dann rollt der kleine auch mit den Augen, wenn ich ihn an mich drücken will, ich ahne es. Tick tack.

In dieser herzwunden Zeit ist das Beste, nicht zu sehen, was man verliert, sondern zu bewundern, was man hat. Sich mit herzlichen Menschen und liebevollen Dingen zu umgeben, noch mehr bewusst in Dankbarkeit jeden Tag zu leben. Nicht zu bedauern, dass die Freundin, von der man dachte, man würde bis ins hohe Rentenalter zusammen Flohmärkte unsicher machen, sich nicht mehr meldet, weil man eben keinen Platz im neuen Lebensabschnitt hat, oder Familienangehörige sich nicht so verhalten, dass sie den Namen verdienen, das sind alles Begebenheiten, mit denen sich möglicherweise jeder und jede irgendwann auseinandersetzen muss. In unterschiedlichen Zeiten mit unterschiedlicher Grundkonsistenz des eigenen Befindens rufen diese Abschiede von Gewünschtem oder Gewohntem ein unterschiedliches Echo im Brustkorb hervor.

Und dann gibt es Momente und Begegnungen, die sind so voller unvorhersehbarem Glück. Alte Freunde, neue Freunde, für die ich so dankbar bin. Und dann ist da alles schön und warm im Brustkorb und wenn das Veränderung heißt und dazwischen immer wieder der Bestand alter Freundschaften voller Verständnis und Liebe aufflackert und neue Menschen neue Lebensabschnitte begleiten, dann bin ich mit der Veränderung und dem Wandel versöhnt.

Gestern hatte ich einen fantastischen Nachmittag bei Maria, die ich schon eine Weile kenne und mit der die Gespräche über Gott und die Welt und die Kinder darauf jeden Zeitrahmen zu sprengen scheinen und bei jedem Abschied drücken wir uns fester, als Versprechen, dass es: „Auf Wiedersehen!“, heißt. Maria bewohnt mit ihrer Großfamilie eine wunderbunte Wohnung voller Liebe, Leben, Türen, Gängen, Nischen, Kunst und Kerzen. Ich finde kaum den Ausgang ohne Hilfe, aber hinter jeder Ecke einen neuen Schatz für meinen buntverliebten Augen.

Ich war gestern da, um den Geburtstagsteller für mein Neffchen abzuholen und komme ganz bestimmt wieder aus vielen anderen Gründen.

Und Marias Töpferkunst finde ich genauso faszinierend wie sie selbst als Person. Das Kindergeschirr ist so zauberhaft, dass ich im vergangenen Jahr dem Neffen bereits eine Schale geschenkt habe und nach dem Teller zum zweiten Geburtstag wird sicher die Tasse zum dritten Geburtstag noch folgen. Es ist mir einen Herzensangelegenheit, euch Marias Seite Drehworm zu empfehlen, wenn ihr auf der Suche nach einem besonderen Geschenk seid.

Eine Herzensangelegenheit ist es auch, euch zwei Bücher vorzustellen von zwei Bloggerinnen, die mir sehr viel bedeuten. Dass Blogger Bücher schreiben, ist nichts Neues und dennoch sind das hier Prämieren.

Das Ei von Aua

Rike Drust schrieb schon Bücher, als ich noch nicht mal bloggte. Rike ist berühmt, gefeiert und zu Recht ausgezeichnet als Texterin und „mein Bett im Hamburg“. Der feinste Kumpel, der mitfühlendste Mensch, den du dir vorstellen kannst, irre lustig, wunderbar einzigartig und ich bete sie an. Rike hat mir beigestanden, als es mir schlecht ging mit Wort und Tat und Herz. Das ist unvergessen bis in alle Ewigkeit und noch weiter. Und als ob es nicht schon reiche, ist außerdem alles, was ihren kreativen Händen entspringt, auch noch so unfassbar am supersten (diesen Begriff hat sie geprägt). Ob das Bücher sind, Kolumnen, Häkelbuttons, Häkelbilder mit Flüchen und Schimpfworten, gestrickte Sommerkleider, die wild verziertesten Muffins und verrücktesten Kinderkostüme der Welt, ach, die Liste ist unendlich erweiterbar! Und dann schreibt sie seit ein paar Jahren als Kinstabuch über Kinderbücher. Unzählige unbezahlte Minirezensionen zu selbstgekauften Büchern für Kinder, und zwar, weil sie das am meisten liebt: Kinder und Bücher. Und Kinderbücher.

Und jetzt hat sie es gemacht. Ihr erstes Kinderbuch ist da! Endlich. Das wurde wirklich Zeit! Und die liebe Geschichte ist so „Rike“, dass ich sofort glaube, dass die Entstehungsgeschichte wirklich so war, dass sie sich diese Story spontan ausgedacht hat, als sie mit ihrer Tochter Ruby im Wald festhockte in einer blöden Situation, wo es nur eins gibt, was die Kinderstimmung irgendwie rettet: Eine fabelfantastische Geschichte! Und bitte, hier ist sie. Wunderschön illustriert von Mareike Engelke, die ich nicht kenne, aber deren Zeichnungen ich wirklich gut leiden kann (und Axel Scheffler hätte bestimmt auch sehr gern „Das Ei von Aua“, illustriert, hatte vermutlich nur keine Zeit).

Das „Ei von Aua“ ist im Kunstanstifterverlag erschienen und geeignet für Kinder zwischen fünf und einhundert Jahren. Und ihr müsst jeder mindestens ein Exemplar kaufen. Für euch. Und dann noch eines für alle Menschen, die ihr gut leiden könnt.

Mama allein in New York

Über Rena und ihren Sehnsuchtsblog bin ich eher zufällig gestoßen und hier habe ich auch schon mal davon berichtet. Mittlerweile sind Rena und ihre Familie in Berlin gelandet und glücklicherweise für uns alle ist es ihr spielend gelungen, Abenteuer und Skrurriles in der neuen Heimat ebenso spannend und mit mit einem ganz besonderen detailverliebten Spürsinn zu beschreiben. Über ihrer Zeit in New York hat sie ein Buch geschrieben, das ich ich einem Rutsch verschlungen habe, und das ein absolutes „must have“ für alle Menschen wie mich ist, die nicht genug bekommen von der Stadt, die niemals schläft.

Nun ist es ja so, dass Rena die drei Jahre ihres Daseins auf Roosevelt Island in Kolumnen dokumentiert hat. Warum also dieses Buch kaufen? Dieses zauberhafte Buch ist kein abgedruckter Blog. Mir kamen zwar ein paar Geschichten bekannt vor, aber ganz viele Situationen sind dort beschrieben, die es so in dieser Form nicht auf dem Blog gibt! Und vor allem hat Rena es geschafft, ihre Erinnerungen in einen Reiseführer, einen Traumspaziergang zwischen Seiten zu packen, der ans Herz geht und Bilder entstehen lässt vorm Auge des lesenden Menschens.

Zu Beginn steigen wir von der Fähre, wir kommen an auf der Insel. Sie beschreibt mit zartem und scharfem Auge das Setting, erzählt uns, was wir sehen, welchen schrulligen Protagonisten wir begegnen bei unseren ersten Schritten und führt uns so in eine Umgebung, in der sie drei Jahre gelebt hat und aus der sie 104 Geschichten mit uns teilt, die informativ, herzanrührend, zum Haareraufen und lustig sind. Dieses Büchlein ist für alle, die weder von „Sex and the City“, „Manhattan Love Story“, „und anderen Filmen aus dem Big Apple genug bekommen, noch von Frank Sinatras „New York, New York“, für alle, die das Rezeptbuch von „Olive Garden“ und der „Magnolia Bakery“ daheim haben (die „New York Christmas-Kochbücher“ sowieso) und alle, die wie ich verzaubert sind von den Bildern und Geschichten rund um dieses einzigartige Stadt.

Rena und ihr Buch „Mama allein in New York“ schließen da eine ganz besondere Lücke. Renas Buch zeigt, wie lebt es sich als Mutter, als Auswanderin, als ganz normaler Mensch mit Familie hier in dieser großen Stadt, dieser besonderen Stadt. Und das ist spannend! Das ist schreiend komisch und zum Teil wirklich unbeschreiblich zauberhaft. Nicht zu empfehlen für Menschen, die vorhatten, die nächsten Jahre unbedingt zu Hause zu bleiben, denn: Fernweh garantiert!

„Mama allein in New York“ ist bei Books on Demand entstanden und online erhältlich, zum Beispiel hier.

Wer noch mehr New York braucht fürs Leben, dem sei abschließend noch „Stadtnomaden“ empfohlen. Mehr New York inside geht nicht!

So, das waren die Herzensangelegenheiten für heute. Ich möchte abschließend erklären, dass die Kaufempfehlungen, die ich hier ausgesprochen habe, keiner „Kooperation“ entspringen und ich weder gebeten noch bezahlt wurde, hier etwas Nettes dazu zu schreiben. Die Menschen hinter den Produkten liegen mir am Herzen und ich mag jedes Buch und jedes Ding, das ich euch zeige so sehr, dass ich will, dass ihr es auch schön findet! „Werbung“ ist es dennoch im eigentlichen Wortsinn- deshalb schreibe ich diese Wort hierhin. Denn wir sitzen ja nicht zusammen in meiner Küche und quatschen, sondern hier im Internet, und da kann eben doch keiner machen, was er oder sie will. Ich vergesse das zum Glück oft und tu so, als säßen wir zusammen auf dem Sofa, jede ein Kissen zwischen den angezogenen Knien und einen Becher heißen Tee in der Hand… schönes Bild.

Ich packe jetzt die Koffer für die Ferien. Wer sich fragt, wie es nun bei dem Bubi weitergeht, dem sei gesagt, der Beitrag dazu heißt „Saul Goodman“, und ist bereits in Rohfassung erstellt. Ich muss noch warten, wie es nun weitergeht, bevor ich euch das schreibe. Aber wer weiß, wer Saul Goodman ist, dem ist auch schnell klar, welchen Weg wir eingeschlagen haben!

Bis zum Wiederlesen schöne Sommerferien und bleibt gesund und fröhlich! ❤

 

Coronawochenende in Bildern

„Essen in Bildern“ vor allem, aber bleiben sie neugierig! Hier gibt es einiges zu sehen. Halten sie vorsorglich Chips, Malteser oder einen Becher Eis in Griffnähe.

So. Here we go. Ich dachte mir, ich müsste mal wieder was dafür tun, dass ich im Header dieses Blogs behaupte, es ginge hier um „Abenteuer rund um Aufzucht und Pflege der Jungen“, das heißt: Content her von richtigen Kerls! Sollten sie die Anschaffung eines oder mehrerer männlicher Fortpflanzen erwägen, dann stocken sie schon mal vorsorglich den Dispo auf! Ich kann ihnen berichten, dass ich mich gerade in einer Zeit der Lebensmittelverknappung oftmals genötigt fühle, meinen vollen Einkaufswagen zu rechtfertigen. Kurz: Ein Sack gefrorene Schnitzel und eine Palette Joghurt gehen als kleiner Snack durch! Deshalb finden sich über Gebühr Fotos von zusammengekochten Lebensmitteln bei meinem Wochenendbericht-ich stehe eigentlich ständig am Herd.

Zum Beispiel deswegen:

Das Beste, das aus Bohnen werden kann, ist nicht etwa dieses neumodische überkandidelte vegane Eiweiß, nein, das hier:

Bohnen kurz blanchieren, gefrorene Bohnen nur auftauen. Zwei Hände voll Zwiebeln in Butterschmalz anbraten, bis sie Farbe bekommen. Dann die Bohnen dazutun und scharf anbraten. Die müssen wirklich Farbe bekommen! Rühren ab und zu, probieren, ob sie bissfest und gar sind, das dauert ein wenig. Gewürzt wird das mit Salz, Pfeffer und von mir aus etwas Kräutlein aus der Provence. Ein bis zwei Esslöffel Aceto Balsamico in die Pfanne geben, wenn es aufhört zu zischen, ausschalten. Von acht Tomaten die Wände sauber abschneiden und die abtupfen, in Streifen schneiden. Den Rest der Tomaten aufheben und eine Tomatensuppe planen für die nächsten Tage. Die Tomatenwände in die Bohnenpfanne geben, es soll nicht so zerkochen wie auf dem Foto. Das ist nicht schön geworden, Frau Nieselpriem!

Dazu passt luxeriöses Kartoffelpüree, und das geht so. Mehligkochende Kartoffel schälen und kochen (ihr seid bestimmt überrascht), dann in ein Sieb. Im Kartoffeltopf ein Löffel Butter mit einem Esslöffel Knoblauch anschwitzen, dann ein Becher Schlafsahne dazu, Salz, eine Prise weißer Pfeffer, aufkochen. Die Kartoffeln dazu und stampfen. Um Gottes Willen nicht pürieren! Danach -wenn ihr habt- ein wenig Trüffel drüber hobeln (mir wird der Schlüpfer warm). Ich hatte keine Trüffel, ich habe Schnittlauch genommen (nein, ich denke nicht, dass Schnittlauch als Ersatz für Trüffel durchgeht, aber wir müssen alle Opfer bringen in diesen Zeiten).

Dazu passt zum Beispiel ein rosafarbenes Lämmchen. Oder Fischstäbchen vom Aldi. Im Ofen lieblos sich selbst überlassen.

Beim Essen ist die einzige Gelegenheit, bei der wir alle vier am Tisch sitzen, der Bubi verschanzt sich sonst in der Bubiburg und lernt fürs Abitur (offiziell) oder daddelt (wahrscheinlicher) und züchtet Körperbehaarung (offensichtlich). Seit Anbeginn der Quarantäne hat er sämtliche Rasurbestrebungen aufgegeben und sieht nun mit seinem wolligen Backenbart aus wie George Washington. Ich muss ständig hingucken. Außerdem ist sein modischer Undercut rausgewachsen, wir verlottern. Da es bald absolut solidarisch zugehen wird, weil kein Mensch ins Solarium, Sonnenstudio, Friseurstudio oder zur Nagelmodellage gehen kann, werden wir bald alle mit grauen verwachsenen Haaren, abgeknaubelten Fingernägeln und fahler Gesichtshaut umherschlurfen. Come as you are, ich freu mich drauf.

Am Nachmittag haben wir den Wandertag ausgerufen. Wir sind nach Tharant gefahren und wollten durch den Forstbotanischen Garten lustwandeln. „Arboretum“, wie wir Intellektuellen dazu sagen. Gut, das Arboretum war geschlossen, die schließen echt den Wald zu, die spinnen, aber dann suchen wir eben irgendwas anderes zum Lustwandeln. Herrschaftszeiten, als ich Kind war, gabs gar kein Arboretum! Ich konnte Hascher um den Apfelbaum bei meiner Oma im Garten machen und damit hatte es sich! Also reißt euch zusammen!

Das verwöhnte Wohlstandskind steigt aus dem Auto und schmeißt sich längs mit der Begründung, es könne und wolle nicht laufen. Man kennts.

Wir haben dann Pferde „gefunden“ und der Blonde durfte unter Anleitung des Besitzers die Resi, den Axel, „die Chefin“ und ein polnisches Austauschpferd füttern und striegeln. Das Kind war happy und sagte zu dem Pferdemann: „Du bist ein wirklich schöner Mann, vielen Dank! Das ist der schönste Tag in meinem Leben!“. Der Pferdebesitzer sah nicht überrascht aus, obwohl er mich optisch an Petterson erinnerte. Ich überlege die Anschaffung von Pferden. Pferde machen schön.

Zu Hause erwartet das holde Blondchen noch ein Liebesbrief aus der weltbesten Kita mit einem lieben Ostergruß und einem selbst gebastelten Spiel.

Sonntag. Guten Morgen! Ich habe das Rasieren noch nicht eingestellt, aber das Glätten meines widerporstigen Haupthaares. Ich freue mich sichtbar, weil ich gleich wieder in der Küche verschwinde.

Vorher behämmern der Blonde und ich Konservendosen mit Hämmern und einem dicken Nagel. Das macht erstaunlich Spaß und sorgt für stimmungsvolles Licht beim Mittagessen.

Es gibt Krautnudeln mit Kraut, Hackfleisch und Nudeln, gewürzt mit Estragon und Kümmel. Für mich gibts Hefeklöße mit Butter, Zimtzucker und Grütze.

Am Nachmittag – der Mann ist unterwegs- verdingen sich das Kind und ich im Garten. Wir haben alles angeeiert und geschmückt, weil wir in diesem Jahr nicht wegfahren werden zu Ostern (es war eine kurzfristige Entscheidung, sie verstehen). Das Ergebnis ist gefällig.

Überall stehen jetzt Eimer und Töpfe mit Samen und Pflänzchen herum. Wir haben „Bienenglück“ ausgesät und mit bubberndem Herzen Samen aus dem Garten von der Andrea Harmonika, die diese uns geschickt hat. Falls hier jemals irgendetwas gedeiht, das ebenfalls abgesamt werden könnte, werde ich auch Samen verschicken.

Währenddessen hat das Kind den Garten angemalt. Voll idyllisch hier bei uns.

Bei mir geht alles ein, ich schiebe es gern und beständig auf den „Waldgarten“, in dem nur Pilze, Brombeeren und Bärlauch gedeihen würden, aber bestimmt liegt es an mir. Wider besseren Wissens habe ich sogar Erdbeerpflanzen eingetopft! Als ob. Nun ja, irgendeine Übersprungshandlung brauchte ich! Es gab zwar kein Klopapier und keine Tiefkühlerbsen, aber Erdbeerpflanzen am Freitag! Was sollte ich da nur tun?! Genau.

Am Abend gab es Tomatensuppe (die aufmerksamen unter euch haben sich bestimmt schon gefragt, wann es so weit sein würde – genau, jetzt) mit kurzen Bandnudeln. Ich kann kein Essen mehr sehen, ihr etwa?

Na gut, Kuchen geht noch. Ich habe Prasselkuchen gebacken, jeder nimmt sich (virtuell was, bitte schön!

Wie? Ganz einfach Blätterteig aus dem Aldi (die Angebermuttis dürfen den gern selber machen, ich bringe das nicht) mit säuerlichem Gelee beschmieren. Dann Butterstreusel obendrauf und nach dem Backen einen Zuckerguss aus Gelee mit Puderzucker obendrüber. Und, schmeckts?

Zum Abschluss noch was vom Kleinen. Der beschimpft ja relativ originell alle Leute um sich herum, aktuell nennt er seinen Vater „Motz, den Blechrotz“. Ich habe rausgefunden, was das soll. Er plant eine Hiphop-Karriere! Er läuft auch durch die Gegend und tönt: „Yes yes jo, tschubiditscho!“, und denkt, er ist der Coolste!

Im Auto verlangt er stets als erstes nach „Bumm biddi beibei“, und groove-t dann mit dem Oberkörper hin und her. An jedem Ende einer vom Inhalt her niemals zu übersetzenden Refrainzeile kommt ein Wort, das auf einen Laut mit „-ei“ endet bei den Jungs vom Zypressenhügel, der Sechsjährige singt einfach konsequent „Brei!“ mit. Das ist sehr lustig!

Weil ich euch ja viel erzählen kann, singt jetzt die vermutliche einzige Latino-Hiphopband der Welt für Euch und den Blondino. Bitte vergesst das „Brei!“ nicht.

And four, and three, and two and one:

 

Rubbellose für Senioren

Ich will eigentlich nichts mehr über Alterserscheinungen, Geburtstage jenseits derer, wo ich einen Holzzug mit Kerzen auf den Tisch stelle und Ballons aufpuste, schreiben, aber. Aber einer muss euch ja warnen! Es geht alles den Bach runter, alles. Der Beckenboden, das Bindegewebe, die Sehstärke, alles.

Pass auf, hab ich mir doch aus Verzweiflung Amazongutscheine gewünscht zum Geburtstag. Ich weiß schon, keiner von euch bestellt beim bösen Amazon, sondern ihr alle kauft nur handgeklöppelte Waren beim Handklöppler um die Ecke. Lokal und regional und bio und öko. Ich natürlich auch! Natürlich.

Also, Amazongutscheine. Das musste sein, weil ich sonst hier einen Tisch voller Schnittblumen im allgemeinen und Nelken im Besonderen stehen hätte, Mon Cherie Pralinen, Rotkäppchensekt und andere Entsetzlichkeiten! Dabei bin ich überhaupt nicht anspruchsvoll, ich könnte sofort aus dem Stehgreif zehn Dinge nennen, die nicht mal zehn Euro kosten und über die ich mich immer freue! Badesalz, Duftkerzen, Kerzen überhaupt, Badeschaum, Badepralinen, irgendwas Gebasteltes und den Rest bis zur Zehn fülle ich mit reduzierten Taschenbüchern auf. Ihr seht, ganz einfach also. Eigentlich! Da ich aber neue Laufschuhe dringend brauche und notorisch pleite bin, dachte ich, ich lasse mir die so von allen schenken, ich cleveres Ding, ich.

Ich habe auch Amazongutscheine bekommen, so weit, so gut.

Gestern dann setze ich mich hin, die Gutscheine in der einen, das Handy in der anderen Hand. Wie geht das nun, kann ich das nacheinander auf mein Konto laden?! Also Googlen. Googlen ist wie Denken, nur weniger krass, harhar.

Guck an, ja, das geht. Link klicken, Seite aufrufen. Da steht dann irgendwas von „Geschenkkarten auf Konto laden“. Prima, ich komme klar. Eintippen oder Scannen? Na, beides, denn es gibt wohl Amazongutscheine, die aus Buchstabenkombinationen bestehen und welche nur mit Zahlen?! Hä? Komisch. Ich kenne mich nicht aus, ich kaufe die sonst nur um die selbst zu verschenken an Menschen, die eigentlich nur Bioökoregionales beim Handklöppler um die Ecke kaufen. Und ich habe Freunde, die mir Karten gekauft haben und Freunde, die geheimnisvolle Botschaften auf Geburtstagskarten geschrieben haben. Ob das ein Amazoncode ist? Probieren. Ich tippe. Mann ey, jetzt muss ich auch noch Handschriften entziffern! Wer solche Freunde hat…

„Dieser Code ist ungültig. Vermutlich handelt es sich um einen Tippfehler.“. Okay, aber dreimal, viermal? Der Code ist ungültig. Was ist hier los? Hat mein Freund Bruno mir etwa einen falschen Code geschenkt? Ob ich mal anrufe? Vielleicht hat er sich ja verschrieben? Nein, das ist peinlich. Aber ich muss mich schon sehr wundern. Kein Geschenk wäre durchaus einen Option gewesen, aber ein ausgedachter Amazoncode? Pfffff.

Nächste Karte. Scannen. Ich scanne mit dem Handy, das geht nicht. Die blöde Scheiße geht nicht! Einen Gutschein nach dem anderen versuche ich zu scannen, mein Handy kann das nicht lesen. Error, Error, Error.

Ich werde sauer. Was für ein Kackdreck, wollen die mich verarschen? Ich wünsche mir die Zeit zurück, als man zu runden Geburtstagen Geld an Zimmerpflanzen band oder romantisch in einen Briefumschlag steckte und es der Jubilarin ins Dekolleté schob. Boar!

Ich sitze also mit meinen Verarschungsgeschenken auf der Couch und denke, einen Versuch! Komm, Mädchen, einmal noch, dann schmeißte die ganze Scheiße in den Müll. Also los, wieder ein Gutschein zum Abschreiben. Vorsichtshalber noch die Lesebrille aufsetzen (sagt dir auch keiner, quasi über Nacht bin ich jetzt blind auf der Kurzstrecke; es ist nichts würdevoll am Altern). Gucken, tippen, gucken, tippen. Dann kommt dieses Prüffeld, ob ich Humanoid oder Android bin. Kennt ihr? Dieses Kacksdrecksfeld, wo wirr Buchstaben groß und klein mit Zahlen und Gekrissel in einem Kästchen stehen? Genau das. Und da bin ich aufgeschmissen! Ich kann nämlich niemals diese Zahlenbuchstabenkombination korrekt eingeben. Nie. Muss man die ominösen Leerzeichen mit tippen? Ich erkenne auch oft nicht, was dort steht. Ich rate also mutig drauf los und natürlich ist es falsch! Ich bin entlarvt, ich bin kein Mensch.

Der Mann findet mich fluchend mit zornigem Gesicht auf der Couch.

Was denn los sei, fragt er folgerichtig, auch wenn ich prinzipiell ja keinen besonderen Grund brauche, um zornig zu gucken. „Also, außer, dass der Bruno mir einen ungültigen Amazoncode geschenkt hat und diese ganze Scheiße hier überhaupt nicht funktioniert mit diesen Gutscheinen, ist nichts! Alles super!“. „Gib mal her. Hast du die richtige Seite aufgerufen? Die, wo man die Geschenkgutscheine einträgt?“. „Hältst du mich für total bescheuert? Ich werde ja wohl noch bei Amazon eine Seite finden?!“. „Ich frage ja nur. Hier, guck, also der Bruno hat dir vierzig Euro geschenkt, ich hab einfach nur den Code abgeschrieben.“(zeigt stolz sein Handy) „Du cheatest doch! Ich habe nichts anderes gemacht! Und da stand, das sei ungültig!“. Währenddessen nimmt der Mann sich kopfschüttelnd eine weitere Amazonkarte vor. Ich tue es ihm nach und will  beweisen, dass es eben nicht geht! Ich scanne also eine Karte, wie vorher auch und nein, das funktioniert nicht. „Siehst du, siehst du! Die Scheiße klappt nicht!“, schreie ich den Kerl an. Der schaut auf mich, auf die Karte in meiner Hand, wieder auf mich. „Ernsthaft jetzt?! DAS hast du die ganze Zeit gemacht? Genau so?! Du hast versucht, den Barcode der Verpackung zu scannen? Was bist du? Eine verfluchte Supermarktkasse?! Du musst die Scheißpappe natürlich erst mal abmachen! Oh Gott, ich glaub es nicht. Wie bescheuert kann man denn sein?!“. „Woher soll ich das denn wissen? Steht das irgendwo? Nein! Das ist voll nutzerunfreundlich!“. „Das steht bestimmt sogar irgendwo drauf für solche Dummdödel wie dich, aber du kannst es ja eh nicht mehr lesen, wenn es nicht in 22pt gedruckt ist Gib her!“, und reißt beherzt die Pappe auf. „So, und jetzt rubbelst du das Feld hier oben frei und DANN ist darunter der Amazoncode. Und DANN kann man den scannen!“. „Was? Ich rubbel hier was frei? Das kann nicht denen ihr Ernst sein. Wo denn? Womit?“. Ich kratze dann mit einer Karte auf einer anderen fluchend drauf rum. Meine Finger sind ruckzuck schwarz, die blöde Rubbelscheiße geht nicht runter und allenfalls winzige Hieroglyphen, so klein wie Ameisenköttel, kommen zum Vorschein.

Ich konstatiere in meiner Not, ich bin ohne den Mann komplett aufgeschmissen. Der betitelt mich ohne Unterlass als selten dämlich und schüttelt wie ein Parkinsonpatient ohne Unterlass den hübschen Kopf. Ich atme tief durch, beschimpfe ihn innerlich lautlos als kotnaschenden Hodenkobold und bitte ihn dann (aus Verzweiflung, wie tief kann man sinken), mir doch bitte die Gutscheine zu scannen. Und klapper mit den Lidern. Versuche ein Lächeln. Er macht es.

Den Rest des Tages singe ich lautstark:

„Soy un perdedor! I´m loser, Baby, so why don´t you kill me!“

Und beim nächsten Mal bitte Nelken und Mon Cherie. Passt schon.

Geburtstagsgedanken

Heute bin ich neunundvierzig. Morgen fünfzig.

Absurd. Alles! Diese Zahl, die in der Vergangenheit darüber entschied, ob ich zu jung oder zu alt war. Diskobesuche nach zweiundzwanzig Uhr, zum Beispiel. Ich wurde auch mit zwanzig nie nach meinem Ausweis gefragt, ich hatte einfach alte Augen. Das ist mir heute klar, heute, wo über die schwärende Ganzkörperwunde meiner Seele eine dicke Hornhaut gewachsen ist, die nur manchmal juckt und ganz selten aufbricht – zum Glück. Zum Glück bin ich jetzt alt!

Meine persönliche Zeitrechnung beginnt vor zweiundzwanzig Jahren. Da traf ich den Bärtigen, von da an wurde alles gut. Vielleicht war er der erste Mann, der keine Angst hatte, sich mir zu stellen, vielleicht war er einfach zu jung um sich derartige Gedanken überhaupt zu machen. Mein Gott, zwanzig. Ich bin wie ein schwarzes Loch, was sämtliche Energie der Umgebung einsaugt, in saugendes Loch. Ich hatte mein Leben lang das Gefühl, es ist niemals genug Liebe da für mich und schlug wie ein verhungertes Tier meine Zähne in alles, das „Liebe“ versprach.

Ich weiß, die Umstände, warum ich eine derart fürsorgliche Mutter bin, dass sogar Begriffe wie „Rollatormutti“ völlig wirkungslos an mir abprallen, sind dem Umstand geschuldet, dass ich schmerzhaft weiß, was ein Manko an Elternliebe und das Fehlen von Bestätigung, Bewunderung und tausendfacher Versicherung des Geliebtseins und der immerwährenden schützenden Hände in der Entwicklung eines Kindes auslösen. Auslösen können. Unter fiesen Umständen. Kinder ohne Halt werden zu Erwachsenen mit haltlosem Verhalten.

Dass ich so lieben kann, so tief, dafür danke ich jeden Tag. Überhaupt ist Dankbarkeit für mich wie der Schirm, der über jedem meiner Tage spannt. Das Gefühl, dass sich alles findet, alles gut wird, dass ich beschützt, geliebt und angenommen bin. Die Glückseligkeit darüber, wie reich ich bin. Und ja, es gibt sicher Menschen, die sich meine Biografie ansehen und mir auf die Schulter klopfen würden und sagen, das hätte ich mir alles selbst „erarbeitet“. Ich mag diesen Satz nicht, weil einfach nicht alles im Leben nur von persönlichem Ehrgeiz und Fleiß abhängt.

„Life is a strange thing, just when you know how to use, then it´s gone.“, sangen irgendwann die Shakespeares Sisters und ich hoffe, meine Altersweisheit bedeutet nicht, dass die Uhr schon zwölf geschlagen hat.

Fünfzig zu werden ist nicht so ein großes Ding, nicht so wie vierzig. Glaub ich zumindest. Das ist, warum ich das jetzt hier schreibe. Ich verstehe es jetzt.

Pass auf, ich hole jetzt die fette Metaphernkeule raus. Ihr müsst kurz tapfer sein.

Tulpe-mittelalt

Guck Dir diese Tulpe an. Ich liebe Tulpen! Jeder mag Tulpen, oder? Gut, ich mag sie eigentlich nur ganz ganz frisch. Ihr kennt das, die Blüte scheint nur zaghaft aus den äußeren Blütenblättern, heimlich nur winden sich die farbigen Blätter aus ihrer Hülle, obszön fast in ihrer angedeuteten Schüchternheit. Die ganze Blume scheint kühl, als hätte sie alle Lebensenergie und alles Wasser der Erde in sich gespeichert, die Oberfläche der Stängel glatt, sie quietscht elastisch beim Biegen. Ein Sinnbild für Jugend.

Nie sind Tulpen schöner, als kurz nach dem Schnitt. Dachte ich.

Ich saß neulich vor diesem fünf Tage altem Strauß, blickte auf die faltigen Außenblätter und die verblassende Farbe und dachte mir, es wird Zeit. Der muss weg. Dann, aus einem Impuls heraus habe ich mir die vertrocknende Blüte angesehen. Und ja, vielleicht wusstet ihr schon vor mir, was mir in diesem Moment für Gedanken kamen. Alles nach außen gedreht, alle Farben, all die Schönheit und Einzigartigkeit, nichts heimliches, verstecktes. Die Blätter sind kurz vorm Fallen, aber die Blüte erstrahlt selbstbewusst und unendlich schön empor zum Himmel und… okay! Nein, ich denke natürlich nicht, dass ich eine Tulpe bin und nun isses auch mal wieder gut mit den an den Blütenblättern herbeigezogenen Vergleichen!

Was ist sagen will, ist, dass mir klar wurde, was der Satz: „Die Jugend ist an die Jugend verschwendet!“, bedeutet. So viele Möglichkeiten und keine Ahnung davon. Nein, ich möchte nicht noch mal jung sein. Ich möchte lange, sehr lange so bleiben, wie ich jetzt bin. In dem, wo ich bin und mit wem. Ich bin so glücklich und vor allem so glücklich, dass ich das so empfinden kann!

Alter und Weisheit, da sehe ich einen gebeugten Greis mit Stock und weißem Bart, und vielleicht seid ihr alle schon vor mir am Ziel gewesen und seid auch sicher, wer ihr seid und warum, aber mir sind diese Bewusstseinsebenen irgendwie verschlossen gewesen. Ich habe mich echt abgequält mit der Selbstoptimierung und dem Gefallenwollen, besonders mit dem Gefallenwollen. So viele Jahre, warum nur?

Jetzt ist das alles irgendwie klar. Und ich trauere auch nichts mehr hinterher. Alle Erfahrungen, besonders die, die so sehr weh getan haben, haben mich hierhin geführt. Ich hatte solche Angst, vierzig zu werden, ihr ahnt es ja nicht, und dann waren die letzten zehn Jahre die schönsten meines Lebens! Und ich habe wirklich vor, das in zehn Jahren auch über die nun kommenden zu sagen.

Ja, das Unsichtbarsein, das musste ich erst lernen. Irgendwie um den fünfundvierzigsten Geburtstag herum bemerkte ich, dass mich Männer (und Frauen) auf einmal anders ansahen. Für die Einen war ich plötzlich nicht mehr Konkurrenz um das Supersperma, für die anderen keine geeignete Kandidatin für ihr Supersperma. Also, wenn ich das mal auf evolutionsbiologische Vorgänge herunterbrechen darf.

Das war schmerzhaft, ein bisschen. Niemand flirtet mehr mit mir! Das einzige Mal, wo mich in letzter Zeit ein fremder Mann angeschaut hat als wäre ich ein Schweinerollbraten, das war im vergangenen Jahr und ich denke, der Kollege hatte wirklich nur Hunger, denn wir waren beim Mittagessen. Herzklopfen hatte ich dennoch, ein bisschen. Ich bin ja nicht tot.

Mir ist das in den Jahren davor gar nicht aufgefallen, wie viel und wie sehr das Sexualisierte im Alltag mitschwingt, aber ich merke jetzt deutlich den Unterschied. Da ich am Ende meiner Fruchtbarkeit angekommen bin, wird wirklich von allen um mich herum nur das Innere der Blüte gesehen, was eigentlich total super ist! Es geht nur um Leistung, Beitrag, Meinung, Tat. Und deshalb möchte ich das „nur“ in diesem Satz zurücknehmen. Die Schönheit eines Menschen macht wirklich aus, was er denkt und tut. Ich bin froh, dass ich selbst in jungen Jahren diese „Bauhaus“-Herangehensweise an andere Menschen schon für die einzig wahre hielt. Form follows function. Und deshalb bin ich auch jetzt von schönen, wunderschönen und herzensreichen Menschen umgeben. Gelebte Liebe ist die einzige Währung zwischen Menschen, die wirklich zählt auf der Welt.

Außerdem habe ich ja einen jungen Kerl, höhö. Der steht in der Blüte seiner Jahre, stark wie ein Baum und mit Supersperma, aber nix da, meiner! Manchmal guckt der mich seltsam an und fragt, ob das jetzt so weitergeht, dass mir jeden Tag was anderes wehtut und meine Stimmungsschwankungen, ALTER! Ich streichle ihm dann gern über den hübschen Kopf und erkläre, dass das hier immer noch freiwillig sei. Das alles. Und dass er jeden Tag aufs Neue entscheiden darf, ob er das noch will. Und dass meine Liebe zu ihm nichts daran ändern wird, ob er sich weiterhin für mich entscheidet oder lieber eine Dreißigjährige will. Gut, die will dann sicher Kinder bekommen und dann ist wieder nix mit Schlafen und ja, die wird auch irgendwann in die Wechseljahre kommen, aber er kann das alleine entscheiden.

Meine persönliche Zeitrechnung beginnt vor zweiundzwanzig Jahren. Da traf ich den Bärtigen. Etwa um die gleiche Zeit, es war Januar. Ich bin also heute zweiundzwanzig. Alles, was ich habe, jedes bisschen Glück, ist seine Schuld. PS. Er wohnt noch hier, heute hat er sich wieder mal für mich entschieden.

 

 

Neujahrsvorsätze

Neujahrsvorsätze

Neujahrsvorsätze sind so Sätze, die man vor Neujahr sagt. Und die dann spätestens ab Hochneujahr vergessen sind. Also dann, wenn alle Menschen bei Tchibo Fitnessshirts und Faszienrollen gekauft haben, enthusiastisch dämliche AbnehmApps im jeweiligen Appstore heruntergeladen und wenigstens einmal neugierig und ob der Preise ungläubig staunend durch den Bioladen geschlendert sind (und im Anschluss drei Schnitzel für drei Euro im Discounter gekauft haben).

Ich weiß nicht mehr, an wie vielen Neujahrstagen ich beschlossen habe, ab jetzt nicht mehr zu rauchen. Irgendwann war es dann ein unscheinbarer Septembertag, an dem ich tatsächlich meine letzte Zigarette geraucht habe und es gab nicht mal ein Feuerwerk. Egal, die vielen Neujahrvorsätze haben bestimmt die Vorarbeit dazu geleistet!

Was ich sagen will, dieser Tag eignet sich gut für eine innere Inventur, eine kritische und wohlwollende Bestandsaufnahme. Wer bin ich, wo bin ich und habe ich ein Navi dabei? Eine Karte? Einen Plan? Einen Führer? (Man wird doch 2020 wieder „Führer“ schreiben dürfen, oder?! Nein? Oh, ok.) Und: Führe Guide ich oder möchte ich an die Hand genommen werden? Wohin soll die Reise gehen und habe ich die richtigen Schuhe an? Zwölf Monate, dreihundertfünfundsechzig Sonnenuntergänge, die vor mir liegen. Das neue Jahr als Chance, als unbeschriebenes Blatt im ganz persönlichen Lebenslauf. „Chance“, das bedeutet im Französischen „Glück“. Chancen zu sehen für sein eigenes Wachsen und Veränderungen, welch ein großes Glück!

Nun rauche ich ja nicht mehr, trinke keinen Alkohol, lebe freiwillig monogam und esse schon mein Leben lang ungern Fleisch bei gleichzeitig zwanghaftem Drang zu sportlicher Betätigung. Nach gängiger Mode hinsichtlich eines ordentlichen Lebensstiles kann ich getrost sagen, meine guten Absichten für das neue Jahr klingen wie die Werbung für kalorienreduzierte Wurst: „Ich will so bleiben wie ich bin – du darfst!“, allerdings muss ehrlich gesagt werden, dass ich mich bis zu diesem Punkt der Einsicht und Selbstakzeptanz fast fünfzig Jahre abgeplackert habe und dass diese wohlwollende und annehmende Haltung nüchtern und nichtrauchend betrachtet eigentlich nichts mit dem Fehlen irgendwelcher Laster zu tun hat. Sondern mit dem Umstand, dass ich mich selbst mehr liebe ohne selbstzerstörerisches Verhalten, das mich leider anzieht.

Aber es geht ja nur darum, seine eigene Kompassnadel auszurichten. Es gibt Menschen, die sich besoffen und dauergeil einfach mal dauergut fühlen und wenn sie damit keine anderen Menschen gegen ihren Willen belästigen, super! Und natürlich im Anschluss ihre Schnapspullen im Glascontainer entsorgen, natürlich.

Wie ich jetzt darauf komme?

Ich war gestern Morgen laufen, das mache ich seit vielen Jahren an jedem Neujahrsmorgen. Und ich war entsetzt. Entsetzt darüber, dass es ganz offensichtlich am Neujahrsmorgen 2020 ganz genauso aussieht wie am Neujahrsmorgen 1999, zum Beispiel. Dass es nach einem Jahr voller Greta und Klimagipfel und Resolutionen, Demonstrationen, FFF und Grannys for future und Aufklärung durch quasi jedes frei zugängige Medium dennoch so aussieht wie es aussieht.

Mensch, wie sieht es denn hier aus?!

Am Silvesterabend schon stand ich an dem schönen Fluss, der durch meine Lieblingsstadt fließt, und stellte keine mengenmäßige Veränderung fest, was Feuerwerk, Böller und Raketen anbetraf. Das war auch nicht anklagend oder kritisierend, einfach nur feststellend.

Am Morgen danach kommt mir das Kotzen. Ich kann es einfach nicht fassen, das Bild, das sich mir bildet. Der Mensch ist dumm und ignorant und nur auf die Maximierung des eigenen Lustgewinnes aus (ich habe noch nicht gefrühstückt, da zünde ich schnell), der Mensch ist schlecht. Ich denke unwillkürlich an die Titanic, während ich über den knirschenden Asphalt laufe, das Schiff sinkt, im Maschinenraum arbeiten die Ingenieure wie besessen um das Schiff zu retten und im Ballsaal schütten sich die Gäste mit Champagner zu und tanzen fröhlich, als wäre rein gar nichts passiert. Ein Eisberg? Ach was, das ist doch nur Panikmache!

Das muss man erst mal verstehen. Da stellen Menschen, die möglicherweise an dreihundertsechzig Tagen im Jahr behaupten, Bio und regional sei zu teuer, Batterien und Knallzeug auf den Gehweg, was so teuer ist wie eine Schweinslende in Demeterqualität und -Puff!-Peng!- ab damit in den Himmel. Danach gehen sie nach Hause. Der Müll bleibt liegen, ebenso der Plastikbeutel, in dem sie ihren Knallmüll herbeigetragen haben. Daneben die Sektflaschen zum Anstoßen – Zack! Ab auf die Wiese damit und mein Sektglas schmeiße ich an die Wand, das wird Glück bringen! – wird sich schon irgendwer darum kümmern, mir doch egal.

Und mir dämmert, Veränderungen müssen vielleicht einfach „näher dran am Menschen“ beginnen. Bei Silvester heißt das vielleicht nicht: „Kauft keine Knaller! Das ist schädlich für die Umwelt!“, sondern: „Nimm deinen Scheißmüll gefälligst wieder mit nach Hause! Sammel doch einfach den Dreck ein, den du machst, wenigstens den sichtbaren. Danke! Und Prost Neujahr!“. Müllentsorgung kommt vor Müllvermeidung in der Bewusstseinskette.

Biologisch abbaubare Böller – eine Alternative?

Morgens um neun war die Dresdner Stadtreinigung bereits am Schillerplatz im Einsatz und gegen zehn sah es rund um den Schillergarten aus wie frisch reinegemacht und mit Pril gewienert. Dazu muss man wissen, dass in diesem Viertel die Stadtrundfahrt durchfährt und hier zwischen den Villen an der Elbe die reichen Touristen promenieren, und die will man natürlich mit einem sauberen Ambiente erfreuen, also die Stadtväter möchten das.

Geputzt wird am ersten Januar nach meinem Beobachten nur bis zur Waldschlösschenbrücke, danach fängt Johannstadt an und das ist nicht so wichtig, ob es dort dreckig ist, und Pieschen? Ach, nach Drecks-Pieschen kommt die Straßenreinigung gar nicht in der ersten Januarwoche! Dort sieht es aus wie nach dem Krieg (oder was unsereiner darunter versteht).

Aber in Pieschen habe ich am ersten Januar junge Menschen gesehen, die mit Beuteln bewaffnet am Elbufer entlang gingen und Silvestermüll aufsammelten. Und später auch in Blasewitz eine ganze Familie, die während eines Neujahrsspazierganges Beutel dabei hatte, aus denen Holzstöcke von Raketen ragten.

Der Bärtige sammelt unseren Müll auf, trennt ihn säuberlich und streichelt meine empörte Faust, während er mich zu besänftigen versucht. Die Menschen würden „das“ nicht vorsätzlich tun und es gäbe zu wenig Mülleimer an der Elbe und jeder Mensch muss sein Verhalten für sich selbst entscheiden. Und da irrt er ja gewaltig, wie ich finde.

Ich habe deshalb beschlossen, am nächsten Silvesterabend Müllbeutel zu verteilen an der Elbe. Wahrscheinlich werde ich verkloppt. Oder zumindest bepöbelt. Ich werde den Menschen einen schönen Silvesterabend wünschen und ihnen – falls sie keinen eigenen Abfallbehälter dabei haben – einen schenken mit der Bitte, ihren Müll aufzusammeln und einfach nur neben den nächsten Mülleimer zu stellen und die Flaschen bitte nicht zu zerschmeißen, wegen der Schwäne, Enten, Gänse, Kinder, Scheißkinder! Denkt ihr gefälligst auch mal an die Scheißkinder! Ihr ignoranten Arschlöcher!“. Das wird super.

Und so schreibe ich auf mein leeres Blatt 2020 einen einzigen Satz nur: Da geht noch mehr! Und ich hoffe sehr, dass das stimmt.

 

 

Der Traum vom Vogel

Guten Morgen! Um die schwermütige Stimmung aufzulockern, die sich hier möglicherweise seit dem letzten Beitrag breitmacht, melde ich mich zurück mit schmutzigen Wahrheiten. Ja, auch verschwitzten.

Also die Heizung ist ausgefallen, Tag vier mittlerweile. Das macht auch Sinn! Wenn ich so eine Heizung wäre und streiken wöllte, nähme ich mir auch die ersten kühlen Tage des Jahres vor, an denen die Besitzer gern warme Füße hätten und ein Wannenbad am Abend. Wer braucht schon warmes Wasser während des deutschen Sommers?! Genau.

Jedenfalls schreibt mir die Vermieterin täglich, dass sie leider noch immer keine Rückmeldung vom Havariedienst habe. Was soll sie auch machen. Ich koche derweil Wasser auf zur Grundreinigung meiner exponierten Körperteile und überlege, bei wem ich mich heute zum Haarewaschen und Duchen einladen könnte.

Aber erst mal sitze ich hier, auf der Couch, das wusstet ihr ja nun bereits. So sieht das aus. Wenn meine Arme länger wären, könnte ich euch das auch in Gänze zeigen. Aber wer will das schon! Ungeduscht, in Socken, Schal und Gewänder gehüllt, pupse ich schamlos in meine Mollidecke, damit wir warm wird. Ihr habt genug Fantasie, ihr braucht kein Foto.

Und im Hintergrund singt Wiegald Boning: „Nimm mich jetzt, auch wenn ich stinke, denn sonst sag ich winkewinke und Good bye!“.

Letzte Nacht war hier was los! Pass auf:

Also, es ist kalt im großen Haus. Und leer, das wisst ihr ja bereits. Nun war es zusätzlich noch so, dass der Bubi bei seiner Freundin übernachtet hat und ich also komplett alleine war. Halt! Nicht ganz. Ich wohne nämlich in einem siamesischen Haus. Das heißt, unser Haus ist unterirdisch mit dem Nachbarhaus zusammengewachsen, ja-ha! Da gibts einen Gang durch die Kelleretage zum Lustwandeln. Das ist so gewollt und geschichtlich gewachsen. Warum, das tut hier nichts zur Sache. Außerdem gibt es noch eine „Panikwand“. Ich nenne die so, keine Ahnung, ob das der korrekte Begriff ist. Das ist auf dem Dachboden eine dünne Zwischenwand zum Dachboden der Nachbarn. Bedeutet, im Not- oder Brandfall oder während der Zombieapokalypse lässt sich diese Bretterwand von beiden Seiten leicht eindrücken und schwupps!, ist man im Nachbarhaus und hoffentlich in Sicherheit.

So, wir hätten also das Setting hinreichend beschrieben.

Gestern Abend dann hämmernde Geräusche, Schlurfen, es hallt durchs Haus. Die kleine Rike liegt im Bett, hält das Sudokuheft krampfhaft umklammert und lauscht. Schlurfen, Hämmern, Knallen, irgendwas ist umgefallen. „Hallo?! Hallo, ist da jemand?!“. Niemand antwortet, die kleine Rike in dem großen Bett in dem großen Haus denkt, der Havariedienst ist vielleicht gekommen. Abends um elf?! Hat man das schon mal gehört? Sie erwägt, ob es vielleicht sinnvoll wäre, direkt auf den Dachboden zu huschen und die Panikwand zu durchqueren, um bei Nachbars ruhigen Schlaf zu finden. Aber unsere Heldin ist mutig und tapst die Treppen nach unten, bekleidet in dicke Wollsocken, Schlüppi und eine Strickjacke. Was könnte als Waffe herhalten? Kein waffenähnlicher Gegenstand in Reichweite. Dann wird sie die Eindringlinge (es sind mehrere, da ist sie sich sicher) eben mit ihrem Anblick verscheuchen müssen. Noch während sie überlegt, dass es für die Dramaturgie eigentlich wichtig wäre, trüge sie einen ansehnlichen Morgenmantel und dass sie dringend einen anschaffen müsste, was gäbe sie denn für einen Anblick für die Mordkommission, wenn sie nicht nur nicht frisch geduscht („nicht nur nicht“, also zur Romancieuse wird dieses Frollein hier sicher nie umschulen), sondern auch noch unmöglich bekleidet oder eben unbekleidet gefunden würde und WANN würde man sie überhaupt finden! Und wer? Und ob sie dann schon stinken würde? Ab wann stinkt man denn? Ich muss das mal googlen, denkt sie sich, und dass der Morgenmantel cremefarben sein sollte, kein Lurexgarn! Also bitte, Lurex?!

Im Keller sieht alles so aus wie immer: Staubig, unaufgeräumt, unbemannt. Sie erwägt kurz, bei den Nachbarn zu klopfen um nach dem Rechten (und Linken; man sollte sich auch hier in der Formulierung politisch korrekt – heißt neutral – verhalten) zu sehen, entscheidet sich dann aber für den geordneten Rückzug in Richtung eigenes Schlafzimmer, nicht ohne während des Rückzuges jede Tür von innen zu verrammeln, zu verstellen, aus brandschutztechnischer Sicht völlig selbstgefährdend zu agieren. Egal, auch eine Heldin darf sich mal fürchten, alleine im großen, kalten Haus.

Sie fällt in einen unruhigen Schlaf und seltsame Träume.

Auf einmal steht sie in Pieschen auf der Markusstraße. Jürgen Vogel fährt langsam mit suchendem Blick an ihr vorbei, in einem alten Ford Fiesta (die Farbe ist ein blasses Flieder metallic). Jürgen Vogel hat seltsam große Ohren, die ihr noch nie im Kino aufgefallen sind und keinen maschinengeschorenen Kurzhaarschnitt, wie immer behauptet wird von der Lügenpresse und den Lügenmedien. Er hat dünnes langes Haar, das über dem Oberkopf nach hinten hängt in Richtung Nacken. Wenige, es sind sehr wenige Haare.

Jürgen will irgendwohin, scheint sich aber unsicher zu sein. Unsere Heldin fuchtelt herum, bis sie seine Aufmerksamkeit erregt („Erregt“, trifft hier eher auf unsere Heldin zu. Ich meine, Jürgen Vogel! J-Ü-R-G-E-N-V-O-G-E-L! Wie jeder weiß, verehrt sie diesen Schauspieler ob der Qualität seiner beruflichen Leistung und seines Sex Appeals. Und das stimmt. Und sie sind sich auch schon begegnet, nämlich bei der Preview von „Der freie Wille“ in der Dresdner Schauburg. Sie musste eher raus, weil der Babysitter angerufen hatte, damals, und Jürgen brüllte von unten von der Bühne hoch zu ihr in den Rang: „Hey! Warum gehst du schon?!“, und sie brüllte nonchalant zurück: „Weil ich muss!“, und er so: „Ach so! Na dann! Tschüss!“, und winkte grüßend zum Abschied. Seitdem behaupte sie gern, Jürgen und sie, also da wäre was, knickknack. Und natürlich würde sie post mortem in der Verfilmung ihrer Lebensgeschichte von Jürgen Vogel gespielt werden, Jürgen Vogel könne schließlich ALLES spielen. Und es gibt Menschen in ihrem Umfeld, die ihr mitteilen, dass sie soeben hinter Jürgen Vogel im Flieger von Köln nach Berlin gesessen hätten und dass Jürgen Vogel seine Schuhe ausgezogen hätte! Im Flieger! Aber das geht zu weit. Jedenfalls erkennt sie Jürgen Vogel auch mit übergroßen Ohren und seltsamer Frisur. Im blassfliedermetallicfarbenem Ford Fiesta. Er ist es! Zweifelsfrei).

Sie stellt sich ihm in den Weg und fragt, ob sie wohl helfen könne?! Jürgen erklärt, er wöllte zur Robert-Matzke-Straße, aber er habe sich verfranst (vielleicht hat er auch: „Verfahren!“, gesagt) und unsere Heldin erklärt lachend, in Pieschen mit dem Auto von A nach B zu fahren, sei unmöglich, sogar für Pieschener! Nahezu jede verf***te Straße sei wahlweise eine Sackgasse, eine Einbahnstraße, die in eine Sackgasse mündet oder eine Straße mit Sperrung in der Mitte, die man nur von der einen oder der anderen Seite befahren könne. Von welcher, das müsste man täglich neu probieren, da die willkürlichen Straßensperrungen nachts von Heinzelmännchen neu ausgewürfelt würden! Und er möge doch bitte sein Auto hier abstellen und dort um die Ecke laufen, da wäre dann die Robert-Matzke-Straße.

Als Dank erhält sie später am Tag ein braunes Päckchen mit der Post (oder Hermes?! Per Bote?!). Es enthält ein deutlich nach Pheromonen riechendes, also getragenes, Polyestershirt mit Kragen und Brusttasche. In der Brusttasche steckt der Reisepass von Jürgen Vogel. Hä?!

Sie nimmt Kontakt auf und will den Reisepass und das Stinkershirt zurückgeben. Jürgen steht vor ihrer Tür (die in der Markusstraße, also das alte Wohnhaus in Pieschen, wo sie früher gewohnt hat), nimmt das Shirt entgegen und – ZACK!- rechte Hand Flanschgriff an linke Titte!

BÄMM!

ALTER! Ich saß im Bett! WAR ICH WACH! Also so wach, wie man eben ist, wenn man auf einmal von Jürgen ohne Vorwarnung mitten in der Mitte angegegegegrapscht wird!

Und weil ich andauernd schräges Zeug träume und das aber meistens gleich wieder vergesse, bin ich durchs Haus geschlurft und habe überall das Licht gelöscht, das die ganze Nacht gebrannt hat (aus Sicherheitsgründen, ihr wisst ja nun Bescheid), die Zombiebarrieren entfernt und schreibe das nun zur dünngeistigen Unterhaltung des geneigten Publikums nieder. Und, weil ich nämlich nicht nur auf Jürgen stehe, sondern eine pathologische Affinität zu allerlei Vögeln pflege (Ha! Ich wusste es! Ich wusste, irgendwo bekomme ich noch „VÖGELN“ unter in diesem Text), muss ich euch was ganz, ganz schönes erzählen. Vom Specht nämlich, diesem hier. Der schrägste Vogel von allen! Aber das schreibe ich euch später, Vorspiel ist wichtig. Erst heiß machen und dann lauwarm abservieren, ihr wisst bescheid. Und wenn ihr nun denkt: „So viel Intro nur wegen einem einzigen komischen Vogel?“, dann habt ihr vollkommen recht! Das macht sie nur für einen ganz bestimmten komischen Vogel. ❤

Frau Nieselpriem, Herr Specht und eine Flasche Bier

Auf Wiederlesen! Und wenn ihr mal hinter Jürgen Vogel im Flieger gesessen habt und er sich die Schuhe ausgezogen hat, schreibt mir.

Ein Kaffee für Frau Nieselpriem

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Glückliche Fügungen feat. the Osterwochenende

Jahrelang fuhren wir stets an Ostern in die Nähe von Liberec im tschechischen Isergebirgsland. Dort hatte ein holländisches Pärchen einen alten Dreiseitenhof zu einer kuschligen Pension umgebaut und bewirtete aufs Allerherzlichste die Gäste, die zum Wandern kamen.

Nur kamen relativ wenig Menschen. Wir waren jahrelang an Ostern nahezu allein und unsere Kinder tobten über die alten Gänge, im Garten war außer uns niemand und morgens in der guten Stube beim Frühstück ebenso Leere und Stille. Außer an unserem Tisch natürlich.

Dann machte ich den Fehler und schrieb darüber, so richtig mit Link und so. Und viele Leser schrieben mir auch und wollten es ganz genau wissen: Wo war das, wie heißt das, wie ist dies und wie ist das. Ich schickte jede Menge Leute dahin. Von nun an war es Ostern nie mehr leer. Aber das machte uns nichts. Gut, die Wirtin hatte nun keine Zeit mehr um uns kleine Willkommensküchlein zu backen und die Kinder schienen ihr auch oft ein Ärgernis zu sein mit ihrem Kinderlärm und weil sie über den Rasen rannten. Dennoch kamen wir weiterhin an Ostern wie eh und je, mieteten stets das gleiche Appartement und verabschiedeten uns stets mit den Worten: „Tschüss, bis nächstes Jahr!“.

In diesem Jahr nun teilte man uns mit, es wäre kein Zimmer frei für uns. Schluss, aus.

Ich war wie vor den Kopf gestoßen. Und ich nahm das persönlich. Ich fühlte mich gekränkt, ungewollt und war stinkesauer.

Der Beste ließ sich nicht beirren, setzte sich vor die große Internetmaschine und suchte für uns und die befreundete Familie, mit der wir stets die Osterfeiertage verbringen, ein anderes Quartier. Ich schmollte derweil und betrauerte meine lieb gewonnene Tradition.

Und so fuhren wir in diesem Jahr in ein Hotel. Auch ein altes, umgebautes Gemäuer, früher war es wohl ein Schloss. Pferde und Rindviecher sollte es geben und ein Restaurant auf dem Areal. Ich war dennoch skeptisch. Rückblickend muss ich nun sagen: Zum Glück haben uns die Quartiereltern der „alten“ Pension den sprichwörtlichen Stuhl vor die Tür gestellt. Zum Glück! Denn ansonsten hätten wir diese Kleinod niemals kennengelernt! Was für ein glücklicher Umstand im Nachhinein.

Inmitten einer herrlichen Landschaft und Wiesen, soweit das Auge reicht, liegt ein Anwesen mit anmutigen Pferden, die morgens geritten werden dürfen, stehen wunderschöne schottische Hochlandrinder auf der Wiese, gibt es Platz zum Rennen und Toben und Kreischen und Tollen und Erkunden und jede Menge andere Kinder zum Spielen waren auch da!

Weil uns an einem Ort der Aufenthalt verwehrt wurde, fahren wir ab sofort möglicherweise immer an Ostern zu den Pferden und Rindern und den Wiesen und all dem Schönen hier. Und bitte fragt mich nicht nach der Adresse! Aus verständlichen Gründen unterliegt die diesmal der nieselpriemschen Schweigepflicht. 🙂

Wir saßen in der Sonne…

… spielten Tischtennis oder

… tobten auf dem Trampolin.

Am Abend gab es ein Lagerfeuer und…

… unser traditioneller Ostermarsch führte uns in diesem Jahr zwar nicht auf den Jeschken (so wie sonst immer; ich war schon wieder kurz traurig), aber wir acht erkundeten wandertechnisch für uns Neuland. Und: Es war schön! Doch, wirklich. Und wieder einmal dachte ich: Zum Glück war unser Zimmer belegt in der ursprünglichen Pension.

Am Abend nach dem Wandertag gab es böhmischen Gulasch von den lieben Rindviechern hinterm Hof, dazu Knödel und herzhafte Kartoffelpuffer. Ganz klar: Wir sind in Tschechien!

Als wir wieder daheim sind, fällt mir das große Fleischpaket in die Hände, das meine Mutter uns vor der Abfahrt als „kleines Ostergeschenk“ überlassen hatte, und von dem ich fand, nichts wäre unpassender als das. Menschen, die für vier Tage verreisen, ein Fleischpaket zu schenken!

Doch: Auch dies schien irgendwie am Ende eine glückliche Fügung zu sein, denn wir freuten uns wie blöde darauf, bei herrlichstem Osterwetterchen den heimischen Grill anzufackeln. Gesagt, getan. Und danke schön, Mütterchen, das mit dem Fleischpaket war eine urst knorke Idee. So im Nachhinein betrachtet.

Während die Mannen grillen und unter Aufsicht zündeln (der Kleinste), lese ich mich bei Instagram auf den neuesten Stand (Ich finde ja, Instagram ist das neue Facebook und Twitter sowieso nur ein Hort des Bösen; also ja, Instagram fetzt mir sehr). Da schreibt eine von mir sehr geschätzte Person, wie abartig sie doch all diese Heile-Welt-Blogger fände mit ihrer Tüdelütt-wir-sind-so-fröhlich-Attitüde und bei denen alles so heiditei-glücklich-verfiltert-perfekt erscheint, und dass sie denen jetzt rigoros entfolgt sei! Richtig so, denke ich mir und like aus Prinzip (ich sagte schon, ich schätze diese Person sehr). Dann, aus einem unerklärlichen Impuls heraus, sehe ich nach und muss feststellen, sie folgt nun auch mir nicht mehr!

Schockschwerenot, bin ich ein Netzmensch mit Perfektionswahn und angeberisch-reißerisch-glücklicher Attitüde? Ich?!

Und dann denke ich: Ja, verflixt und zugenäht und halleluja! Ja, ich bin noch mal verdammt glücklich im Moment! Und scheiße, fühlt sich das gut an! Und danke, dass du mir durch das Entfolgen die Augen aufgemacht hast, geschätzte Instagramperson. Ich will das genießen, solange es so ist und festhalten für schlechte Zeiten (Ja, Mensch, ich weiß! Aber versuchen kann ich es doch trotzdem.), und ich haue jetzt mit Veilchen, keimende Knospen und Kindern im Sonnenschein um mich und vielleicht knalle ich euch sogar noch einen Sonnenuntergang vor die Füße! Halleluja!

Warte, fast den Scheißsonnenuntergang vergessen…

 

„Das ist die Drossel, die da schlägt,
Der Frühling, der mein Herz bewegt;
Ich fühle, die sich hold bezeigen,
Die Geister aus der Erde steigen.
Das Leben fliesset wie ein Traum –
Mir ist wie Blume, Blatt und Baum.“

(Theodor Storm 1817-1888, deutscher Schriftsteller)

 

„Frei“-Tag

Während wir am Samstag inmitten dicker Schneeflocken erwachten…

…war bereits am Nachmittag der Zauber in der Großstadt vergessen. Und am Morgen darauf schien eine gut gelaunte Frühlingssonne durch die ungeputzten Scheiben in unsere Bude.

Jetzt wäre das sicher die ideale Ausgangssituation, um mal gründlich Fenster zu putzen, aber die „Hausfrau“ in diesem Haus ist ein Schwein. Oink. Und auch die anderen Bewohner stören sich nicht an den Fenstern, denn sie wissen, ich würde sonst gern bereitwillig zeigen, wo die Putzmittel zu finden wären.

Der Bärtige schnappte sich das Süßilein und seinen Besten nebst Fortpflänzchen und schwups – sind sie abgezischt nach Schellerhau. Und schicken solche Fotos hier.

Ich nutze den geschenkten Familien“frei“tag, und hänge gnadenlos in der Couch. In Pantalons und Schlabbershirt, mit ohne Frisur, dafür Gummibärchen, Kimmy Schmidt und Strickzeug. Und Laptop! Wenn ich schon mal Tagesfreizeit habe, kann ich mich ja auch mal in Ruhe mit euch unterhalten! Ihr widersprecht nicht und redet nicht rein und außerdem springt ihr auch nicht mitten im Satz auf und haut einen Becher vom Tisch oder rennt irgendwohin. Ich muss es mal loswerden: Ihr sein tolle Gesprächspartner!

Das Wichtigste: Nächste Woche Samstag ist Michael Specht im Boulevardtheater in Dresden. Ja, genau, das ist ein Teil der „Tim Herzberger Show“, über die ich schon inbrünstig entflammt und von Glückshormonen gebeutelt berichtete. Die Show am Samstag heißt „Liebe nur“, und ist zu Recht ausverkauft. Es wird auch nur diese eine Vorstellung geben in diesem Jahr, in diesem Leben und mit diesem sexy Turnbeutelmodel. Und ihr habt eben Pech, wenn ihr nicht dabei seid!

Doch warte, ich habe noch zwei Karten übrig, die ich kluges Weib vorsichtshalber auf Reserve gekauft hatte. Wer interessiert ist, kann sich gern melden! nieselpriem.blog@gmail.com.

Jetzt was anderes. Ach, da war was los in der letzten Woche nach meinem Artikel über das Pubertätsprojekt. 

Ganz viele Menschen haben sofort den neu gelaunchten Blog abonniert und mir geschrieben, wie super die Idee sei! Nun ja, das glaube ich auch noch immer, aber jetzt kommt das ABER. Ich war da etwas vorschnell, befürchte ich, oder andere. Und jetzt ich auch. Warte, ich erklär es gleich!

(Damit ihr noch was fürs Auge und den Gaumen kriegt, hau ich jetzt schamlos Bilder von den zweifarbigen Waffeln, die ich am Nachmittag für die Schneehasen gemacht habe,  hier zwischen die Zeilen. Das Rezept habe ich von hier.)

Ich hatte den Blog aufgesetzt, weil die Vorteile für das mir vorschwebende Projekt auf der Hand lagen: Ich könnte alleine anfangen, aber problemlos Admins hinzufügen oder den Blog in Gänze zu einem anderen Menschen transferieren, wenn gewünscht. Ganz im Sinne der angestrebten Kollaboration dachte ich, okay, ich fange einfach mal an, und so hatte ich mich auch mit den anderen Bloggern in dem Diskussionsthread zu diesem Thema verständigt.

Und ja, mehr war es ja auch nicht. Der Text kaum mehr als ein Lorem Ipsum, also nur den hier veröffentlichte Text zur Erklärung reingeklatscht, was dort entstehen soll … Ich plante ja, bald erste Texte selbst (neutral gehalten) zu posten und eure Leserbriefe.

Dann schrieb mich eine Bloggerkollegin an. Oh Gott, du hast ja gar kein Impressum! Ich so, ich weiß, noch nicht. Ich muss noch nachdenken! Abtretungserklärung/ Urheberrecht der Texte und verarbeite ich eigentlich Daten?! Das ist alles sehr schwierig bis total kompliziert geworden seit der neuen DSVGO im letzten Jahr.

Also eigentlich ja nicht, dachte ich. Zumindest, wenn man mit dem „GMV“ rangeht, dem gesunden Menschenverstand. Dann aber kam die Geschichte mit Vreni Frost, uuuuh! Und allen wurde ganz schlecht. Jeder zweite Blogger/ Instagrammer/ Onliner rannte kopflos hysterisch kreischend in der Gegen rum und fühlte sich von der „Abmahn-Mafia“ bedroht. Vielleicht auch nur jede(r) dritte, ich jedenfalls dachte: „Hä?!“.

Aber dann hörte ich doch immer wieder auch von vollkommen unhysterischen Bloggerfreunden, sie hätten Post von irgendwelchen Kanzleien erhalten, blablabla, rechtssicheres Impressum, blubblubb, Datenschutzerklärung und so weiter.

Das ist also hier auf einmal kein harmloses Hobby mehr. Denn selbst wenn es ein Hobby ist (wie in meinem Fall) und ich nur Kosten habe (Einhundert Dollar/ Jahr für Wartung und Hosting) und keine Erträge (Oder wollt ihr hier gern immer mal lesen, welche Zahncreme ich in dieser Woche empfehle? Und welche sinnlose Versicherung?) muss ich mich an die bekloppten wichtigen neuen Bestimmungen halten.

Und wenn ich früher (!) dachte, Mooooment mal, verklagen kann mich doch nur jemand, wenn ich mir durch unlauteres Benehmen einen Wettbewerbsvorteil verschafft habe und wo bitte soll der denn sein bei einem nichtmonetär ausgerichteten Blog ohne jegliche Verkaufsabsicht und ohne Einnahmen, dann weiß ich es nun leider auch nicht mehr so genau. Und wer hat schon einen Internetrechtsundlinksanwalt in der Familie? Ich nicht.

Jedenfalls unkt die Bloggerfreundin weiter, das sei alles sehr gefährlich so ohne rechtssicheres Dings und Bums (das ich ja wirklich noch nicht hatte/ habe) und dann wurde es sehr creepy. Sie befürchtete, ich könnte im Ernstfall nämlich gezwungen werden, die realen Namen und Adressen derjenigen preis zu geben, die mir Content geliefert hätten. Also die Geschichten für diesen Ratgeber-, Mutgeberblog, den ich da ins Leben gerufen hatte. Was das für ein Umstand sein sollte, der solche Handlungen erforderlich machen sollte, das konnte sie auch nicht benennen.

Für mich war das alles sehr blümerant! Aber es zeigte mir zum Einen, eine gute Idee alleine reicht nicht, und zum anderen, die Menschen haben Bedenken. Manche. Und ich weiß es doch auch nicht genau!

Deshalb habe ich den neuen Blog „Die zweiten zwölf Jahre – Elternschaft in Zeiten der Pubertät“ erst mal auf „privat“ gesetzt, ihr könnt da nicht mehr drauf aus diesem undurchsichtigen Internet.

Ich werde diese/eure Geschichten – so wie andere Blogger auch – als Leserbriefe veröffentlichen unter einer Rubrik „Pubertät“. Ich hoffe, irgendwann das umzuziehen auf den eigenen Blog, das fände ich auch als suchender Leser schöner, wenn alles irgendwo gebündelt wäre. Und wegen dem Rechtsgeschwurbel: Jemand mit juristischem Background und Tagesfreizeit ist freundlich eingeladen, sich bei mir zu melden! Geld hab ich keines, aber ich backe Kuchen. 🙂 Oder Waffeln.

Was war noch? Jemand fragte mal wieder, wann ich denn ein Buch veröffentlichen werde.

Letztes Jahr um die Zeit hatte ich tatsächlich eine Anfrage zu diesem 111-Orte-für-Kinder-Dingsbums. Ich bin nicht die Autorin dieses Buches geworden, meine Liste mit Orten wurde abgeschmettert, weil langweilig und öde. Ich plane also, diese langweiligen Destinationen die ich super für Kinder und Familien finde, hier irgendwie online und gratis aufzubereiten für euch.

Dann habe ich immer gesagt, einen fröhlich-harmlosen Muttiroman schreibe ich nur, wenn ich zufällig mit Anfang fünfzig noch mal Mutter werden sollte, und der würde dann heißen: „Elternzeit statt Altersteilzeit – Eine Chance für Senioren“. Dazu stehe ich noch immer. Und bevor Nachfragen kommen: Neunundvierzig! Am kommenden Donnerstag.

Wo war ich? Buch. Ich habe allerdings seit ein paar Jahren ein „Buch“ im Schreibtisch. Es ist das Kriegstagebuch meines Stiefgroßvaters, der zu Zeiten des Bombardements von Dresden als Verwundeter in der Stadt weilte. Viele maschinengeschriebene Seiten, die mich fesseln. Da ich selbst total gerne solche Bücher lese, habe ich vor, einen Roman darum zu basteln.

Und dann kam eine saucoole Anfrage für ein Buchprojekt rein, die ich richtig richtig kawummig finde und über die ich gar nicht so viel erzählen kann. Aber wenn das was wird, dann wird das DASDING! Das glaube ich fest. Und es ist ein Teamprojekt, das sind mir die allerliebsten ❤ .

So, die Waffeln sind alle, der „Frei“-tag vorbei. Schüss, ihr alle, bis bald. Und schreibt mir. Und jemand soll die Karten abholen! Okay? Habt ne gute Woche, ihr Nieselpriemschn.

 

Warte, die Scheißherzen … ❤ ❤ ❤ So.

Es weihnachtet sehr

Es weihnachtet sehr

In den letzten vier Wochen war alles wie immer im Advent. Die Menschen rannten noch ein wenig schneller, mit gehetztem Blick, um noch mehr Zeug ranzuschaffen, zu kaufen, zu verschenken und verloren unterwegs oft die Nerven.

Diese verflixte Besinnlichkeit, nach der sich alle so sehr sehnen, all das Klingeling und Zimt-Vanille-Tannen-Duftpotpourrie, es scheint so nah und dennoch unerreichbar.

Überall klagen die Menschen um mich herum über „Vorweihnachtsstress“, als sei das eben etwas, was dazugehörig sei.

Wie kann man da ausbrechen? Vielleicht, wenn man den Mann zum Sushiessen einlädt, obwohl man selbst kein Sushi isst. Einfach nur, um ihm einen Freude zu machen im Advent, und seine Hand über das rohe Gemüse und den Fisch hinweg zu halten. Oder damit, dass der Mann beobachtet, wie waghalsige Kletterer einen Baum halbieren und denen die größte Mistelkrone abschwatzt, die ich je sah – für mich!

Zwischen all dem Streit und den Krankheiten und der endlosen noch-zu-besorgen-noch-zu-organisieren-Listen.

Ja, damit kann man versuchen, das Weihnachtsgefühl einzufangen.

Ganz sicher gelingt es, wenn man Freunde und Freundeskinder einlädt zu einer Weihnachtsfeier. 

Und diese dann Gänseschmalz, Plätzchen, Mandarinen und Weihnachtsäpfel auf den Tisch packen.

Und alle dann Weihnachtslieder singend und Laternen schwingend einen Spaziergang durch den dunklen Waldpark machen.

Und wenn dann sogar der Blasewitzer Weihnachtsgeist, der im Waldpark wohnt, vorbeikommt, und alle mit Wunderkerzen in der Hand „Stern über Bethlehem“ singen, dann ist Weihnachten. Ich hab es genau gespürt.

Marshmallows am Spieß, acht Liter Glühwein und dreißig Bratwürste vom Grill später war mir klar, das ist es! „Thats it“, wie Michael Jackson sagen würde.

Was noch? Ich hatte die Tochter meiner Freundin zu Besuch und wir haben Seifen gegossen. Diese habe ich in Tütchen verpackt und jeweils mit einem Salzteiganhänger, den der Blondino und ich gebastelt haben, in Mengen verschenkt. Und jedes Mal an diese beiden schönen Nachmittage gedacht, an denen die Dingen entstanden sind. Sehr hilfreich, um sich anzuweihnachten.

Alle Geschenke sind verpackt. Es ist deutlich weniger als in vergangenen Jahren und ich habe keine einzige Weihnachtskarte geschrieben, keine HOHOHO-eMail mit Familienbild vorm Baum versendet, und das fühlt sich gut an für mich. Vielleicht telefoniere ich eine Stunde am Heiligabend alle Verwandten ab und störe bei deren Festlichkeiten, weil ich mich dann doch schuldig fühle, und danach fühle ich mich dann noch blöde dazu und beschließe, im nächsten Jahr schreibe ich schon im November Weihnachtspost! Vielleicht. 

Wir waren Riesenrad fahren mit dem Kleinsten, und obwohl ich Menschenmassen extrem unangenehm finde und daher Weihnachtsmärkte keine Wohlfühlzonen für mich sind, war das schön. Gut, auch voll und kalt, aber schön. Doch, wirklich. Vielleicht mache ich das jetzt öfter.

Ich habe mit dem Kleinsten zusammen insgesamt sechs Kilo Plätzchen gebacken und drei Kilo Stollen. Ich habe heute noch Eierpunsch gemacht und an Heiligabend gibt es Kartoffelsalat mit dreierlei Würsten, Buletten (die man in Dresden „Bäffis“ nennt), selbst gebackenes Brot und eine Käseplatte.

Wir werden Gans essen an der Frauenkirche und Reste vertilgen mit Familienangehörigen. Wir werden drei Tage lang Besuch haben und ich freue mich wie verrückt darauf. Wenn es nach mir gänge, könnten es an jedem Tag noch mehr liebe Menschen sein, die sich hier rumdrücken. Es ist soweit: Ich habe innerlich Weihnachten!

Ich laufe über den hektischen Schillerplatz und wünsche jedem, der zufällig meinen Blick auffängt, fröhlich: „Fröhliche Weihnachten!“, und vielleicht wird schon in Blasewitz vor mir gewarnt.

Mir ist das ernst. Ich will fröhliche Weihnachten. Ich will Besinnlichkeit, Liebe all around und dass die blöde Bronchitis weggeht und die Magenschmerzen und die Schlaflosigkeit in meiner Familie. Und dass mein Großkind den Schulstress abstreifen kann und gern bei uns ist. Nicht nur zum Handy aufladen und zum Sandwich to go schmieren in der Küche auftaucht.

Dass wir es schön haben am Heiligabend. Dass das Essen reichen wird (natürlich wird es das) und alle Gäste mögen, dass ich diesmal Gedichte und Geschichten ausgedruckt habe und es vor jedem neuen Becher Eierpunsch einen Kulturbeitrag geben muss. Dass wir einen Platz in der Kirche bekommen beim Krippenspiel. Und dass jeder Mensch in meiner Nähe dieses Weihnachten ein wenig länger als bis Neujahr in sich trägt.

Ich wünsche mir, dass sich verschiedene Verschwurbelungen, die mir und denen, die ich liebe, das Leben ein wenig mühsam machen, auflösen im nächsten Jahr. Und Geduld bis dahin.

Ich wünsche euch allen von Herzen ein schönes Weihnachtsfest, ganz gleich, wie und mit wem ihr es verbringt, und dass sich eure Erwartungen erfüllen mögen. Ich wünsche euch Gesundheit und inneren Frieden. Ich wünsche uns, dass wir uns im nächsten Jahr hier wieder lesen und ich danke euch für fünf Jahre Nieselpriem. Ich danke euch für jede eMail, jeden Kommentar bei Facebook, jedes Herz bei Instagram und jedes „Ey, hallo! Bist du nicht die Nieselpriem?!“, auf der Straße. Ihr macht mir damit übers Jahr so viel Freude, das sind auch Geschenke. Ich freu mich wirklich immer darüber, danke schön!

Jetzt ist Weihnachten!

Und weil irgendwer bei Facebook ja immer fragt, “ Ob Chris Rea schon losgefahren sei?!“, ja, isser. Und mit diesem Oberschnulz schicke ich euch jetzt in die Weihnachtsferien.

Habts schön und schüssn bis nächstes Jahr, eure Rike. ❤

 

„Ein Vater greift zur Flasche“, und ich begierig zum Buch

„Ein Vater greift zur Flasche“, und ich begierig zum Buch

Disclaimer: Folgender Textbeitrag enthält Werbung, und zwar absichtlich. Ich bewerbe ein Buch, das mir vom Autor in zweifacher Ausführung, und ohne eine daran geknüpfte Bedingung zu äußern, zur Verfügung gestellt wurde. Ich bin nicht bestechlich und möchte zur Kenntnis geben, dass der zwecklose Versuch auch nicht angestrengt wurde. Ich würde meinen unbeeinflussten Senf zu diesem Buch auch dazugeben, wenn ich es in der Städtischen Bibliothek hätte ausleihen müssen und nicht besäße, was ich aber nun tue, dank des Autors. Fürderhin: Da das Buch im Einzelhandel für 12,00€ verkauft wird und ich zu höflich bin um nachzufragen, ob der hochgeschätzte Autor und Bloggerbuddy die beiden mir zur freien Verfügung gestellten Exemplare bereits versteuert hat, werde ich die beiden Exemplare selbstverständlich als geldwerte Entlohnung für Redaktionsleistungen (oder ich schreibe: „sexuelle Gefälligkeiten“, mal sehn) bei der jährlichen Steuererklärung angeben. Soviel zur Transparenz und wegen den ganzen Abmahn- und Anscheißheinis in diesem Internet. Seid ihr jetzt zufrieden oder braucht ihr noch meine Steuernummer?! Screenshots von meinem Kontostand? Oder können wir jetzt endlich anfangen? Schließlich will ich keine Babykatzen oder abgelaufenes Tiramisu im Internet verkoofen, sondern über ein Buch reden und eins verschenken. Danke! Dann gehts jetzt los.

Er hat es wieder getan!

Christian Hanne, Founder und CEO des weltberühmten Familienbetriebes und Autor des Bestsellers „Wenn´s ein Junge wird, nennen wir ihn Judith“ hat sein zweites Buch fertiggestellt und unter die frenetisch jubelnde Fangemeinschaft geworfen. Es ist aber auch bei jedem gut sortierten Buchhändler oder online erhältlich, zum Beispiel hier.

Vom Layout erinnert der „Flaschenvater“ sehr an „Judith“. Wieder ist das Büchlein im Seitenstraßenverlag erschienen, bei der grafischen Gestaltung hat man wiederum auf Jan Steins gesetzt, der Herrn Hanne tatsächlich vortrefflich zu skizzieren vermag. Man erkennt sofort die Zusammengehörigkeit der beiden Kunstwerke, zu unterscheiden sind sie lediglich durch die unterschiedliche Farbgebung. Seitentechnisch um sage und schreibe (in diesem Fall von Christian Hanne geschrieben) vierzehn Seiten erweitert, machen beide Bände jetzt schon irgendwie den Anschein, sie wöllten ein bunter Regenbogen an Fortsetzungsromanen werden und ich erwäge, Wetten anzunehmen, ob Christians nächster Roman wohl in grünem oder blauen Gewand daherkommen wird.img_9314.jpg

Aber das ist Zukunftsmusik, wenngleich wohlklingende, die bei mir Hoffnung und Vorfreude generiert. Momentan sind wir noch in den frühen Gründerjahren des Familienbetriebes. Und darum geht es:

Die Tochter das Familienbetriebes, gezeugt und geboren in Band eins, ist nun drei Monate alt und ein Ausbund an Freude für Christian und dessen Freundin, die leider/ zu unser aller Leseglück den Rückweg an die Uni antritt und Tochter und Vater die weitere Elternzeit gemeinsam bestreiten lässt.

Wir erfahren, was die Kollegen, der Chef und die Verwandtschaft zu dieser unerhörten Rollenverteilung sagen, begleiten den Autor durch neun Monate Muttermilchverfütterung, Beikosteinführung, Krabbelgruppen- und Spielplatzkontaktaufnahme, Kinderarztkonsultation und die Suche nach einem Betreuungsplatz.

Diese Schritte im neuen Leben als Vater beschreibt Christian Hanne in bekannt humorvoller, fluffiger Weise, gespickt mit einem Feuerwerk aus  Bonmots (Ich wollte das schon immer mal schreiben – Bonmots). Markant sind die Vergleiche, die ihm scheinbar unentwegt aus der Feder flutschen. Rausschwabbern quasi. Situationen werden konsequent mit Liedern, Interpreten oder Popsongs umschrieben, damit der geneigte Lesende ähnlich dem Beiwohnen einer Aufführung die musikalische Untermalung der Szene im Kopf hat. Und bei diesen Vergleichen überzeugt der Autor mit einem breiten musikalischen Kenntnisstand. So finden sich in der „Playlist“ des Buches unter anderem R.E.M., Manowar, Robbie Williams, Bob Geldof, AC/DC und Limp Bizkit. Wenn Musik nicht genug ist, wird auch gnadenlos und hocheffizient in die Kiste der „Oscarprämierten Werke“ gegriffen und so zum Beispiel die Babytochter in einer Situation mit Wilson, dem Basketball aus „Cast away“ veglichen und ich denke, schon in diesem Moment haben alle ein genaues Bild vor Augen… In wie weit dieser Vergleich für den Autor Konsequenzen hatte und was die Tochter oder die Mutter der Tochter dazu sagen, ist leider nicht bekannt.

Christian Hanne skizziert sich selbst und die Figuren, die ihm in diesen neun Monaten begegnen, in einer Art und Weise, die mich einmal mehr an den großartigen Vicco von Bülow erinnert. Er entblößt die Kuriositäten der verschiedenen Situationen und vor allem seiner Protagonisten und bevor man beim Lesen auch nur auf die Idee kommen könnte, er überzeichne die Figur despektierlich, parodiert er seine eigene Figur – sich selbst – in einer Art und Weise, dass niemand mehr auf die Idee kommt, er mache sich lustig. Etwa über die Esoterik-Szene.

Apropos. Was mich ganz besonders erfreut hat ist der Umstand, dass dramaturgisch clever verschiedene Elemente wiederkehren, die bereits in Band eins für hemmungsloses Gelächter gesorgt haben. So erinnert der Besuch des esoterischen PEKiP-Kurses stark an den Geburtsvorbereitungskurs in Band eins. Ebenso dürfen sich die Lesenden auf eine weitere Familienfeier freuen. Wurde in Band eins die Familie des Autors durch den sprichwörtlichen Kakao gezogen (wir erinnern uns: Die Hochzeit des Bruders), so ist nun, ganz im Zeichen der Geschlechtergerechtigkeit, IHRE Familie dran! Und die steht der des Autors in nichts nach, so viel kann ich schon mal verraten.

Leider wurde nichts von Familie Michalske berichtet, die mich seit dem Kapitel „Der Sommer der Liebe“ doch sehr interessiert. Aus rein soziologischer Forschungssicht natürlich. Dafür tauchen Dörte und Thomas auf, die als Sparringspartner in den unterschiedlichsten Situationen dem Autor zur Ghettofaust gehen. Und die ihnen zugewiesene Rollen mit Bravour und Herzblut füllen.

So laviert sich der Autor durch die neun Monate Elternzeit und tatsächlich wird sogar noch ein weiteres Kind gezeugt, geboren und in die Elternzeit mit Christian entlassen. Also am Ende von Band zwei. Was Hoffnung macht, dass pünktlich zur Vorweihnachtszeit 2019 Band drei der Familienbetrieb-Reihe gelauncht wird. Hoffentlich!Ein Vater greift zur Flasche - Christian Hanne

Wer aber der Meinung ist, es handele sich hier um ein autobiografisches Werk, der sei zum einen daran erinnert, dass bereits in Band eins der Autor unter dem Kapitelnamen „Vorbemerkung“ Abstand nimmt von allen zufälligen Ähnlichkeiten zu lebenden Personen. Zweitens bin ich immer  diejenige, die „Regiefehler!“, brüllt beim beschaulichen Schauen diverser Formate, in denen dann zum Beispiel Handies auftauchen, obwohl gerade noch mit superduper CIA/ NASA-Technologie sämtliche Funknetze lahmgelegt wurden oder irgendwer mit trocknem lockerduftig geföntem Haar und akkurat gezogenem Lidstrich aus einem Pool steigt. In dem sie soeben getaucht hatte/ oder gekämpft/ oder subversive Elemente mit Dolchstichen eliminiert.

Und in ebendieser Rolle sage ich euch: Nee, also das ist definitiv nicht autobigrafisch! Es sei denn, Christian Hanne hätte in den letzten drei – vier Jahren eine Parallelwelt mit Zweitfamilie erschaffen und ganz ehrlich, jeder, der bereits EINE Familie mit zwei Kindern hat, weiß, wie unvorstellbar bekloppt dieses Ansinnen wäre!

Also warum denke ich, wir haben es hier mit einem Fantasy-Roman zu tun? Nun, zum Einen behauptet der Autor, während der Elternzeit mit der Tochter Netflix konsumiert zu haben. Ich weiß, wann der Streamingdienst in Deutschland gelauncht wurde (September 2014) und ich kenne zufällig die Tochter des Autors von Angesicht und bezweifle, dass diese erst vier Jahre alt ist. Des weiteren wird die Geburt des Sohnes im Buch auf den 31. Januar 2018 datiert, was mich sehr freut und rührt, weil der 31.Januar auch mein Geburtstag ist, aber nein, definitiv ist der Sohn des Autors NICHT am 31.1.2018 geboren. Ich habe nämlich bereits im Jahr 2016 im Etagenbett des Sohnes übernachtet (der wurde vorher in Sicherheit gebracht). Es gab den Sohn also definitiv schon 2016.

Warum es der geschätzte Autor für notwendig hält, seine Kinder jünger zu machen, erschließt sich mir nicht, aber es bringt mich auf Ideen!

Wenn es sich hier nicht um autobiografische Bücher handelt, kann im nächsten Teil ja zum Beispiel auch eine Vorsitzende vom Elternrat mit Namen Conni Lingus auftauchen. Oder Dörte wird die zweite Frau Michalske und zieht nach Moabit ins Haus der Familie Hanne. Mich würde auch interessieren, ob in der Esoterik-Szene „plastikfrei“ geliebt wird. Kommt dann formschönes Gemüse als Spielzeug zum Einsatz? Das kann der Herr Hanne doch mal recherchieren.

Wie auch immer, ich hatte es bereits nach der Lektüre von Band eins geschrieben und wiederhole mich gern. Nach dem Lesen will man mehr! Jetzt will ich wissen, wie die Integration ins Bildungssystem läuft, ob Norman von der IT aus dem Keller mal rauskommt und alles andere auch. Bis zur Hochzeit von der Tochter mit Konrad, dem Sohn von Dörte. Oder der Hochzeit des Autors mit seiner Freundin. Ich freue mich drauf!

 

„Ein Vater greift zur Flasche“, von Christian Hanne, ist im Seitenstraßen Verlag erschienen und ist für läppische 12,00€ käuflich beim geschmackvollen Literaturdealer deines Vertrauens zu erwerben. Oder online, zum Beispiel hier.

Ich verlose unter allen Interessenten ein Buch mit Widmung des Autors. Gut, da steht jetzt mein Name, aber einem geschenkten Gaul schaut man schließlich nicht auf die Widmung. Ich werde mit Tippex drübermalen und dort dann „Norman“ oder „Dörte“ hinschreiben, je nachdem, wer das Buch gewinnt.

Wer das Buch haben möchte, sollte achtzehn Jahre alt sein, wohnhaft in Deutschland und sich darüber im Klaren sein, dass ich im Falle eines Gewinnes irgendwie die persönliche Adresse des Gewinners übermittelt bekommen muss. Ich versichere natürlich bereits jetzt im Vorfeld, dass diese Daten sofort nach Buchversand vernichtet werden und nicht weitergegeben. Heißt: Zettel zerreißen, Schnipsel verbrennen und die Asche über drei verschiedenen Weltmeeren verstreuen. Ich hoffe sehr, dass ich damit den Anforderungen durch die DSVGO genüge. Im Zweifelsfall tauschen der Gewinner/ die Gewinnerin und ich noch eine dreiseitige Datenschutzerklärung im Vorfeld.

Um das Buch zu bekommen, hinterlasst einen Kommentar hier oder schreibt mir per Mail an nieselpriem.blog@gmail.com. Der Gewinner/ die Gewinnerin wird am 31.10. 2018 ermittelt und per eMail angeschrieben. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

 

 

 

 

Partykultur im Wandel

Heute morgen wurde ein lustiges Liedchen in meine Timeline gespült und ich habe vor Lachen meinen Soja-Latte über das Tablet gesprüht!

(Bitte Geduld, ab 2:40 geht das Liedchen los)

Ja, in diesem Alter bin ich auch. Bei Instagram habe ich unter „gespeicherte Links“ ungefähr vierzehnhundert Rezeptvideos. Und zwölfhundert Kuchenrezepte als Posts. Und Anleitungen für Aufstriche, Salate und  selbstverständlich Dessertrezepte. Bei Pinterest sieht das ähnlich aus. Ja, schuldig!

Und früher, also früher, da war viel mehr. Von allem! Also allem außer Dips und Guacamole. Früher kaufte man einen Kasten dunkel, einen Kasten hell, zwei Pullen Rotwein (Sangria; ja, Sangria ging als Rotwein durch) und ein Kilo Chips – ready to party! Und überall wurde geraucht. Das Schlafzimmer war nicht verschlossen, als müsste man einen geheimen Darkroom, gekachelt und mit Abfluss in der Mitte vor den neugierigen Blicken verstecken. Nein, da lagen dann auch Leute rum und rauchten und redeten, denn genug Stühle hatte niemand den ich kannte. Manchmal brachte sogar jemand eine Schüssel Kartoffelsalat mit, wo dann allerdings bestimmt Zwiebel fehlte, aber das wurde leergefressen unter frenetischem Jubel. Kein Mensch machte sich über die Lautstärke des Gelächters oder der Musik Sorgen, außer, die Nachbarn hatten sich noch nicht beschwert…

Und noch früher basierte das Partykonzept auf dem magischen Wort „sturmfrei“. Hatte jemand in meiner Clique sturmfrei – also die Eltern waren ohne den hauseigenen Pubertäter verreist und das passierte weit öfter als heute üblich – dann gingen wir dort hin! Und wie. Es war auch üblich, dass nur jemand jemanden kannte und wusste, derjenige hatte „sturmfrei“ und machte ne Fete und wir alle gingen hin! Wenn ich das in meinen heutigen Kontext übertragen würde, wäre das folgende Situation: Ich habe vor Wochen ein Doodle rumgeschickt an einen auserwählten Adressatenkreis wegen der Terminfindung, danach Listen angefertigt um das kulinarische Konzept des Abends zu spezifizieren. Dann drei Tage in der Küche zugebracht, mindestens, und nun ertönt aus den Boxen Loungemusik, da klingelt es an der Tür, zehn mir völlig unbekannte Menschen schieben mich beiseite und treten herein mit den Worten: „Hier steigt heute ne Party?! Wo ist das Bier!“. So wäre das.

Gruselig, oder? Früher war das aber völlig normal! Also in meinem Dunstkreis (vielleicht gehörte ich aber auch einer Horde Vandalen an, das kann ich rückblickend nicht mehr sagen). Ich erinnere mich an Sommerferien, die ich nahezu vollständig in der elterlichen Wohnung eines Freundes zubrachte, zusammen mit einer größeren Menge anderer Jugendlicher. Die meisten pennten auch dort. Einer sogar im Gitterbettchen des kleinen Bruders vom sturmfreien Freund, das fand sogar ich schräg. Weder war das Schlafzimmer der Eltern tabu, noch die Kosmetiksammlung der Mutter. Dem Rosettenmeerschwein wurde bereits in der ersten Woche ein Irokesenhaarschnitt verpasst, dieser mit Schulmalfarben bunt angemalt und der armen Meersau Ketten um den Meerschweinnacken gehängt. Wenn nichts zu essen im Haus war, lagen wir auf der Lauer, bis der LKW vom VEB Backwaren um die Ecke bog um einen riesigen Sack mit Semmeln im Hof vor dem Konsum abzustellen. Dann flitzten wir hinunter und klauten Semmeln, so viele wir tragen konnten und wieder waren ein paar Tage gerettet (Ich denke, auch das Meerschwein bekam was ab davon). Einmal kletterte ein Freund in ebendieser Wohnung unterm Dach außen rum von Fenstersims zu Fenstersims, weil sich zwei der Freunde in einem Zimmer verschanzt hatten und die Neugierde über die geheimen Tätigkeiten größer war als die Höhenangst. Und größer als die Vernunft sowieso.

Heute würde dieser Jugendliche mit Tatütata abgeholt werden und zur Beobachtung und zum Test auf Substanzmissbrauch in einer Klinik untergebracht werden. Dabei waren die einzigen Substanzen, die in uns gurgelten, schlichtweg unsere übersprudelnden Hormone!

Ich hatte niemals „sturmfrei“. Meine Eltern hatten wohl ausreichend Fantasie um sich vorzustellen, was dann passieren würde. Vielleicht auch, weil sie selbst eine ausufernde Partykultur pflegten. Ihre Kostümparties waren berüchtigt! Da wurden lauthals Rülps- und Furzwettbewerbe ausgerichtet und überhaupt wurde niemals Rücksicht auf uns Kinder genommen. Ich sehe mich andauernd mit meiner kleinen Schwester an der Hand im Flur stehen wie zwei kleine Nachtgespenster und mich über den Krach beschweren, wir könnten nicht schlafen bei dem Lärm!

So war das damals, bevor Guacamole in unser aller Leben zog.

Und heute? Heute bin ich die Elterngeneration, deren Fantasie überschwabbert beim Gedanken, das Fortpflänzchen alleine in der Bude zu lassen. Aber da besteht gar keine Gefahr! Die sind ja alle so anständig! Keiner raucht, die ganz Verwegenen dampfen vielleicht. Gekifft wird nur nach „safer use“-Regeln (die mir mein Sohn erklärt hat), sexuelles Ziel sind nicht die größte Menge an Erfahrungen sondern stabile Beziehungen. Mit achtzehn. Mein Sohn ist erwachsener als ich mit Mitte dreißig war, das kann ich getrost hier hinschreiben. Und guck, die beiden Männer in dem Video sind durch meine Brille betrachtet, auch super jung, reden aber wie Leute in meinem Alter, also alte Leute. Woran liegts? An der Guacamole?!

Trotz allem will ich mal festhalten, dass ich urst froh bin, dass ich ohne Check meiner Haus- und Haftpflichtversicherung und ohne alle Zimmer abzuschließen das Haus verlassen kann mit dem Bubi drin, wenn ihr mich allerdings fragt, ob ich heute noch mal achtzehn sein wöllte:

Wäh?! Wofür denn?

😀

 

 

Ein Kaffee für Frau Nieselpriem

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€2,00

 

 

Der Sound meines Lebens

Ich sitze mit dem Bubi gebeugt über meine beachtliche (und eingestaubte) CD-Sammlung und komme mir vor wie eine Omi, die ihrem Enkel alte Schelllackplatten mit den greatest hits von Marika Röck andrehen will.

Kein Mensch hört heute noch CDs, noch nicht mal ich! Internetradio in der Küche und im Auto, Streaming hier und Download da, wozu sich also irgendne Scheibe reinstecken? In ein Scheibenreinsteckgerät? CD-Player, pffff, haben die jungen Leute nicht mehr. Die haben nur winzige Telefone, aus denen die ganze Musik der weiten Welt in ihre riesigen Kopfhörer gelangt.

Es wird also Zeit, dass ich dem jungen Mann ein musikalisches Vermächtnis hinterlasse! In Scheibenform. Irgendwie muss der ja auch mal was anderes hören als seinen seltsamen Dubstep.

Ich versuche ihm zu erklären, wie toll sich das anfühlt, auf das neues Album eines Künstlers zu warten und sich dann mit den zusammengesparten Kröten die eingeschweißte CD im Laden zu holen. Meins! Er guckt mich höflich-verständnislos an.

Kurz schweife ich sogar ab und erzähle, wie damals zu DDR-Zeiten manch ein privilegierter Jugendlicher die Hit-Parade bei DT64 auf seinem SKR700-Kassettenrecorder aufnahm und die Kassetten zu horrenden Preisen verscherbelte, aber da stieg er aus. Kassettenrecorder? DDR? Ich sah es an seinem Blick, die Omi mit den Schelllackplatten musste ein paar Jahre vorspringen. Wobei, Leute, ich habe Knutschen gelernt bei der Schuldisco, zu Klängen von Spandau Balett und wisst ihr was? Es gibt keine Schuldiscos mehr! Ist das zu fassen?! Nein! Was soll nur aus der Jugend werden?

Egal. Wer hat meinen roten Faden? Ach hier, danke.

Ich sortiere dem Jungspund ohne Schuldisco-.Erfahrung meine Queen-CDs aus. Blur, Green Day, The Cranberries, Björk. Den Soundtrack zu Trainspotting, er kennt nicht nur keinen der Künstler, er kennt nicht mal den Film! Clockwork Orange, ebenso unbekannt, Musik und Film (Oh Gott, ich habe kulturell komplett versagt!). Depeche Mode kennt er, aber die CDs nehme ich mit ins Grab, Finger weg! Rosenstolz? Ein wenig schäme ich mich, aber nur heimlich, denn als die noch neu und unverbraucht waren, fand ich die echt großartig und das waren sie auch. Wir reden hier über die Neunziger Jahre, als die noch in Kneipen spielten.

Irgendwann war der Rock dann abgerockt oder ich zumindest. Ich tat mich jemandem zusammen, der Marusha geil fand und regelmäßig zur Love Parade fuhr. Damals. Musikalisch waren der Mann und ich noch niemals kompatibel. Ich meine, Techno?! Ich habe keine Techno-CDs in meiner Kiste, die ich dem Kind zur Abschreckung geben könnte.

Hier, diesen Stapel fasst du nicht an! Das ist mein Heiligtum. Eminem. Mein Gott, das war damals echt bewusstseinserweiternd für mich, seine Songs zu hören. Echt jetzt. Ich besitze, oder besaß jedes Buch, das über ihn geschrieben wurde, jedes Album (selbstverständlich), kann in „8 Mile“ als Universalkomparse eingesetzt werden und als Eminem 2003 sein einziges Konzert in Deutschland gab, hatte ich eine Karte! Ich hatte eine Konzertkarte! Dann bekam ich einen folgenschweren Brief (damals wurden noch Briefe geschrieben) mit einem Termin für ein Vorstellungsgespräch und ich habe zum ersten Mal wie ein blöder erwachsener Mensch gehandelt. Meine Freundin Sandra fuhr ohne mich nach Hamburg und rief mich aus dem Stadion an (Handies gab es schon), „KANNST DU IHN HÖREN? KANNST DU IHN HÖREN?!“. Ich hörte ihn nicht, es klang, als hörte ich zu, wie Wasser in eine Badewanne läuft. Du kannst dir nicht vorstellen, wie ich geheult habe…

All das erzähle ich meinem Sohn.

Der sich offenbar entsetzlich langweilt und mittlerweile die Fanta-CDs durchforstet.

Ich weiß nicht, irgendwie stirbt doch ein Stück Kultur gerade, denke ich und höre etwas splitternd zerschellen. Vielleicht war das aber nur die alberne alte Glasglocke unter der ich gehockt habe mit meinem altmodischen Musikgeschmack. Klirr!

Hm.

Schade.

Ja klar, ich fand das auch olle peinlich, wie meine Eltern Sting gefeiert haben oder Joe Cocker, nachdem sogar eine Wiese in Dresden benannt wurde, als der darauf ein Konzert gegeben hat. Im Leben hätte ich nicht die gleiche Musik wie die gehört! Aber irgendwie ist das voll bitter, jetzt da auf diese CDs zu schauen, die die Untermalung meiner letzten dreißig Jahre waren und sich klarzumachen, das ist alte-Leute-Musik! Time to face the truth.

Eminem ist fünfundvierzig, Dave Gahan sechsundfünfzig, Prince ist tot, du lieber Gott, und wäre jetzt sechzig. Und Jamiroquai, der Berufsjugendliche, ist auch schon neunundvierzig! Das kann doch alles gar nicht wahr sein. Das einzige, auf das ich mich jetzt noch freuen kann ist, dass ich nur noch ein paar Jahre warten muss und dann wird der Soundtrack im Altersheim bestimmt von The Cure gespielt. Tschakka, bis den Enkeln die Ohren bluten!

Und zum Abschluss singt jetzt nur für mich der alte Mann, mit dem ich sofort und ohne Zahnbürste und Wechselschlübbor durchgebrannt wäre, hätte ich mich nicht für das solide Leben und den sicheren Job (den ich im übrigen noch immer habe, also eigentlich beides sogar) entschieden. Damals, 2003.

 

Von kackenden Dinosauriern, alten Freunden und einer bärtigen Frau – Wochenende in Bildern #wib

Samstag Morgen kurz vor fünf werde ich durch wiederkehrendes Fiepen wach – der Rauchmelders im Schlafzimmer zeigt mittels eines durchdringenden Tones an, dass er bitteschön die Batterie gewechselt haben möchte. Jetzt!

Pah, ich bin Mutter. Und müde. Bis der nicht lernt, „Mamaaaa!“ zu rufen, hat er Pech. Ich schlafe also weiter, trotz penetrantem Piepton. Mir wurscht, ich kann immer und überall schlafen. Schlafen ist quasi meine Kernkompete… „Mamaaaaa!“, gegen sechs.

Das Foto zeigt gut, wie verschwommen ganz offensichtlich mein Blick war. Scheiße, es ist noch nicht mal hell draußen!

Auf dem Frühstückstisch hockt ein Dino aus ner Juniortüte und guckt mich dämlich an. Ich denke mir so, Moment, wie guckt der denn?! Und dann fällt es mir auf. Der guckt wie ich, wenn der Kleinste mal wieder unbedingt mit aufs Klo will irgendwo in einem öffentlichen Gebäude, dann aber alles langweilig findet, die Tür öffnet, entschwindet und ich zum einen noch nicht fertig bin und zum anderen mit meinen kurzen Ärmchen nicht an die Türverriegelung komme. Genauso guckt der! Ich kenne das.

Aha. Ein kackender Dino also. Ich glaube, die Burgerbratkette, die solches Spielzeug in ihren Juniormenüs versteckt, muss Kinder wirklich hassen! Abgrundtief.

Dinos sind gerade Thema. Ich muss mir immer Geschichten ausdenken zu den Dinos. Vor allem das Bild von einem T-Rex, der soeben einen kleineren (irgendnen blauen) Dino beißt und dessen Blut spritzt, hat es dem Kinde angetan. „Warum beißt der den? Will der den fressen? Ist das Blut? Warum ist das Blut? Wo ist mein Blut? Hab ich auch Blut? Beißt der Dino mich auch? Was machst du dann, wenn der Dino mich beißt?“. Wenn ich alles wiederkehrend beruhigend beantwortet habe, erklärt das Kleinchen meist, das sei ja auch gar nicht schlimm, dass der eine Dino den anderen Dino fräße. Schließlich käme der andere Dino ja wieder hinten raus. Als Dinokacke!

Kackdino, Dinokacke, alles noch vor dem Frühstück.

Später dann überlasse ich die Nachkommen dem ursächlich für ihr Vorhandensein Verantwortlichen und verdufte! Ich bin zum Brunch eingeladen. Ein fünfzigster Geburtstag.

Noch vor kurzem war ich erst auf dem fünfzigsten Geburtstag meiner Schwiegermutter und habe dort mit meinem Mann getanzt. Waren nur alte Leute außer uns dort… Moment, au Backe! Das war vor zwanzig Jahren!

Jetzt gehöre ich also zu den alten Leuten, denke ich mir so, als ich in der Wachbergschänke eintreffe. Fünfunddreißig Jahre kenne ich den Kerl, der dort im Anzug mit Brokatseide neben einer Tafel steht und aussieht wie ein englischer Landlord. Mein Herz ist ganz komisch, ich sehe ihn vor mir mit Robert-Smith-Gedenkfrisur und schüchtern und schlaksig und uns beide in selber genähten Klamotten aus schwarz eingefärbten Bettlaken von Omas Aussteuer, mit fetten Metallketten um Hüfte und alle Gelenke. Ich sehe uns rauchend nächtelang philosophieren über das Leben im allgemeinen und das zwischenmenschliche im besonderen. Die Hintergrundmusik gern von Anne Clark, Cure oder The art of noise beigesteuert. Wir waren niemals ein Liebespaar und dennoch stünde er definitiv auf der „wichtige Männer in meinem Leben“-Liste, wenn ich denn eine „wichtige Männer in meinem Leben“-Liste hätte.

Und jetzt das hier. Gediegen. Er im Anzug, ich mit Perlenohrringen. Das ist wirklich, wirklich seltsam. Und wieder einmal denke ich, Altern ist nur äußerlich. Ich erkenne in dem englischen Landlord mit dem distinguierten Auftreten noch immer den Jungen von einst und wie ich dort stehe und wir uns lächelnd betrachten, denke ich, er sieht auch das pummelige Mädchen mit den mit Kernseife toupierten Haaren und dem maladen Selbstbewusstsein.

Die alte Scheune von der Wachbergschänke zu Dresden Wachhwitz (oder Pappritz?) – die Feierlocation des Samstags

Auf´m Teller: Saltimbocca von der Hähnchenbrust mit Grillgemüse, Caprese und ein Semmelknödel mit Soße. Hinterher rote Grütze mit Vanillesauce. Drumherum sehr lustige Unterhaltung und viel Gelächter mit den anderen alten Menschen.

Ich finde diese Bank soooo schön! Und außerdem kann ich dem Drang, mich darauf auszustrecken und hemmungslos zu schnarchen kaum widerstehen…

Abends dann wie stets bei Nieselpriems Offlinespieleabend. Der Mann ist dran mit aussuchen und mal wieder gewinnen die Würfel.

Also eigentlich gewinne ich, und zwar zwei von drei Spielen (erst Phase 10 und danach Kniffel) und natürlich habe ich meinen Mann beglückwünscht zu seiner tollen Wahl, die Ehefrau betreffend. Das sei ja sonnenklar, von wegen Glück im Dings und Pech im Bums oder so. Er hat mich seltsam angesehen, keine Ahnung, wo der noch überall erfolgreich ist… ich war dann müde. Gute Nacht!

Sonntag Morgen fotografiere ich die Küchenwanddeko…

…und die Blumenvase. Ich habe ehrlich keine Ahnung warum! Menschen machen einfach seltsame Sachen, wenn sie müde sind.

Ach so, deshalb. Dieses Geschirr muss weichen. Kann ich damit jemandem eine Freude machen? Am besten bitte einem Jemand aus Dresden, wegen dem Abholen.

Das Gute daran, dass der Blondino und ich nun schon seit Jahren das Morningteam hier machen ist, dass mittlerweile klar ist: Nicht ansprechen! Jeder macht seins! Bis die Kaffeetasse von Muttern leer ist! Das klappt. Das Kind hämmert auf der Janosch-App rum und ich…

… schwelge im Kindergartenalbum, das wir uns übers Wochenende ausgeliehen haben.

Danach sitzen wir im Auto und hören zwanzig Mal die bärtige Frau. Die olle Ritter-Rost-CD gehörte schon dem Bubi und ich weiß noch, wie furchtbar den immer grauste vor der bärtigen Frau. Dann saß der Mann abends oft bei ihm am Bett und erklärte, auch er hoffe, es gäbe keine bärtigen Frauen. Denn er würde sich ganz genauso fürchten!

Nun also das furchtlose Kleinchen, das sich zerkugelt, wenn ich meine Stimme verstelle und mitsinge, Grimassend ziehend.

Ach so, und im Auto sitzen müssen wir, weil das Kind als selbsternannter Inschinör das Musikabspielgerät zerstört hat.

Danach hängen wir im Garten rum.

Für mich wird gekocht.

Was gibts denn? „Fisch mit Zucker und Eichelpilze!“. Ah ja. Hmm.

Danach kocht der Baby Chef de Cuisine Eierkuchen, die hierzulande Plinsen heißen. Ich versuche mich im Wenden mittels Pfannenflip, aber der Mann, der das filmen sollte, fand: „Naaa, dös war nix!“. Also kein Filmchen davon.

Davor auf´m Teller: Tomatensuppe mit Reis und Käsewürfeln.

Nachmittags wieder Rumhängen im Garten. Ich weiß, spektakuläres Wochenendprogramm.

Ich bin ja immer froh, wenn in dem dunklen Waldgarten irgendwas wäschst. Also irgendwas außer Efeu und wildem Wein. Siehe da, Prunkwinden oder Wicken oder wie auch immer, diese Rankdinger jedenfalls wachsen fleißig und ich habe schon Samen für nächstes Jahr ernten können.

My Kryptonite. Schnecken hasse ich wie die Pest. Das Kind sammelt auch sehr gern leere Häuser aus den Beeten, es gibt viele leere Schneckenhäuser bei uns. Und viele volle! Jemand, der kackende Dinosaurier als Merchandise kreiert, wird sicher im nächsten Leben als Schnecke sein Dasein fristen müssen. Karma!

Was haben Schnecken und die Frau Nieselpriem gemeinsam? Nein, „Flutschig untenrum“ ist komplett falsch, also sage mal! Beide lieben Basilikum, das ist die korrekte Antwort. Wobei so eine Schneckenfamilie einen Basilikumbusch mit Strunk und Stiel wegschnabbert, bis wirklich übererdig rein gar nichts an den Basilikum erinnert! Ich muss immer wieder nachpflanzen, wobei ich feststelle, an diesen Trog gehen sie nicht. Womöglich wegen dem Liebstöckel darin? Vielleicht mögen Schnecken keinen Maggi-Geruch?! Weiß das jemand oder bin ich jetzt Erfinder oder was?

So, noch irgendwelche Grünzeugbilder, alte Menschen fotografieren ja gerne Blumen.

Und während die fleißigen Familienblogger ihre „Wochenende in Bilder“ verbloggt haben und bei Susanne verlinkt, die diese Posts sammelt, hatte unsere Heldin leider beide Hände voll zu tun. Und die Augen auch, es lief nämlich „Nice guys“.

Eheliche Rollenspiele

Ich habe neulich das Auto gereinigt. Aber nur ein bisschen, nicht so auffällig. Warum? Na, wartet mal ab.

Also das Auto. Wir haben einen Familienwagen, den meistens ich von A nach B ausfahre. Der Mann fährt Rad. Das kann auch daran liegen, dass dieses Auto immer völlig versifft ist. Dafür bekomme ich in regelmäßigen Abständen die Schuld zugewiesen, wenngleich ich finde, er beschuldigt mich da grundlos. Das letzte unserer Gen-Experimente verursacht den Dreck, aber irgendwie bin ich trotzdem Schuld. Das ist wahrscheinlich dieses Henne-Ei-Problem.

Früher, ja früher war das schon anders! Ich bin ziemlich stolz darauf, dass ich bewiesenermaßen mal in der Lage war, während der Fahrt einhändisch ein Mäc Menü auseinanderzupfriemeln, die Pommes nebst Majo und Ketschup auf dem Armaturenbrett zu drapieren und somit ohne anzuhalten meine Mahlzeiten zu mir nehmen konnte. Drive in, to go. Dafür wurde das doch erfunden, oder? Gut, manchmal kippte ein Erdbeermilchshake um im Auto, aber nun ja, das trocknete auch wieder. Und der Fußraum auf der Beifahrerseite fasst exakt soviel Abfall, wie in einen 50l-Müllbeutel passt. Echt praktisch!

Those days are gone. Wenn ich heute eine braune Papptüte aus dem Burgerladen trage, reißen mir vier Hände sofort alles aus den Fingern. Ich komme gar nicht dazu, das Armaturenbrett einzusauen, weil einfach keine Pommes für mich übrig bleiben! So ist das. Deshalb – und weil mir Ordnung und Sauberkeit wichtig sind (Gelächter wäre jetzt angebracht) – habe ich Fastfood im Personenkraftwagen verboten!

Allerdings ist es so, dass der Babynator immer Hunger im Auto kriegt und kaum dass er angeschnallt ist, anfängt in seinem Rucksack rumzufummeln und das Frühstück für den Kindergarten rauszupulen. Und rumzukrümeln. Oder er findet die Bäckertüte mit den Semmeln im Fond, die eigentlich zusammen mit Bratwürsten das Familienabendbrot sein sollten. Und krümelt. Oder aber er findet eine Packung Kaugummi und kaut die alle an. Das ist das Allerfieseste, das muss ich mal genauer erläutern.

Es scheppert auf der Rückbank. „Leg die Kaugummi zurück! Du isst die doch gar nicht! Das sind die Scharfen!“. „Doch! Ich will nur mal kosten!“. „Nein!“, spricht die Mutter, fuchtelt mit dem zu kurzen Arm nach hinten und erreicht weder Kaugummibüchse noch ungehorsames und vermutlich feixendes Kind. Dann katscht das Kind den ersten Kaugummi, um kurz darauf festzustellen, dass der schaaaaaa-haaaarf sei! Puh, schnell weg damit. „Wo ist der Kaugummi?! Neben dir liegen Tempos! Tu den da rein!“, ruft die alarmierte Mutter mit dem fuchtelndem Arm. „Schon ausgespuckt!“, berichtet das Kind um kurz darauf den nächsten Kaugummi zu testen, möglicherweise schmeckt der ja ganz anders. Die zwölf Kilometer zum Kindergarten oder vom Kindergarten heimwärts reichen vollkommen, um sechs bis acht Kaugummi zu testen. Und nein, niemals puhlt er sie im Nachhinein von den Fußmatten.

(Warum ich überhaupt Essen und Kaugummi in Reichweite der Kinderärmchen aufbewahre?! Ach, hör doch auf! Du klingst ja schon wie der Mann!)

Danach muss das Kind dergestalt aus dem Auto steigen, dass auf wirklich allen Sitzen und der Mittelkonsole Fußabdrücke seiner (manchmal wenigstens trocken verschlammten) Schuhe zu sehen sind. Wenn ich nicht aufpasse, verweilt er noch einen kleinen Moment auf dem Fahrersitz und baut diverse Teile der Innenarchitektur des Wagens ab. Die ich dann selbstverständlich niemals wieder drangefummelt bekomme und deshalb im Handschuhfach sammle.

„Henrike!“, sagt der Mann, „Ich glaube das alles nicht!“, spricht er weiter. „Du musst dich einfach mal durchsetzen! Der tanzt dir doch auf der Nase rum! Blablablabla…“, viele Worte, ernster Gesichtsausdruck, „Und dieses Auto ist doch nur Beispiel der Symptomatik!“. Weitere Worte folgen, ich nicke und gucke bedröppelt, während ich bereits vor längerer Zeit das innere Meeresrauschen eingeschaltet habe und gar nicht mehr zuhöre. Dann ist es vorbei und meistens folgt im Anschluss an so ´ne Kopfwäsche eine gründliche Putzaktion, durchgeführt durch den Mann. Er wischt sogar das Armaturenbrett ab, obwohl ich schon lange keine Pommes mehr darauf esse. Er poliert die Felgen, er putzt die Scheiben von innen, er macht das schön.

Ich bedanke mich überschwenglich und knutsche ein bisschen mit dem. Und sage ihm, dass niemand so schön Autos putzen kann wie er und dass ich aufgeschmissen sei ohne ihn! Und wir lachen dann und vielleicht schimpft er noch ein bisschen wegen der schlampigen Bagage, aber nicht mehr sehr.

Aus diesem Grund putze ich das Auto nur sehr „fahrlässig“. Soll ja nicht auffallen, dass ich das durchaus kann, weil sonst schnauzt der mich nur noch an: „Mach die Karre sauber, ich gloobe, es hackt! Wie das Drecksding schon wieder aussieht! Spinne ich, oder was?!“, oder so ähnlich. Ich habe selbstverständlich auch „vergessen“, die Scheibenwischerflüssigkeit nachzufüllen. Da hab ich dann wieder einen Grund zum Loben. Er macht das wirklich schön!

Das Ganze hat aber auch eine Kehrseite.

Wenn ich mal Mitleid will, stelle ich mich auf einen Tisch und rufe aus: „Für mich hat noch niemals ein Mann gekocht! Und dieser hier schon gar nicht (zeige auf den Mann)! In zwanzig Jahren nur ein einziges Mal!“.

Dieses einzige Mal war ein paar Tage nach der Geburt des Blondinos und ich war zwar hungrig, aber nicht in der Verfassung, Essen zuzubereiten.

Der Bärtige kann nicht kochen. Also das ist, was er mir seit zwanzig Jahren weismacht. Er kann es einfach nicht! Er kann Döner besorgen und Pizza bestellen und kennt auch ein zwei asiatische Imbisse, aber kochen? Nein, also wirklich nicht. Aus nicht bekannten Gründen zwang ich ihn also kurz nach meiner Niederkunft zu kochen. Es gab Fischstäbchen mit Kartoffeln und Mischgemüse. Das Ganze war ein Gericht, das so noch nie bei uns auf dem Tisch gestanden hatte. Tiefkühlmischgemüse gab es bis dato einfach noch nie! Und dass man in der Pfanne verkokelte Fischstäbchen essen kann, war auch eine neue Erfahrung. Die Küche sah aus, als hätte ich ein fünf-Gang-Menü für zwanzig Personen darin zubereitet und mittendrin stand mein armer Kerl mit rotem Gesicht und verschwitzten Haaren, völlig fertig und erledigt wie nach der Ersteigung des Macchu Picchu (Gesundheit!). Zwei Töpfe und eine Pfanne hatten ihn an die Grenzen seiner Belastbarkeit gebracht. Ich lobte ihn natürlich überschwenglich und sagte, wie lecker das  Mahl sei und dass ich sehr gern wieder etwas von ihm Gekochtes essen wöllte, aber Pustekuchen! Er kochte niemals wieder.

Doch dann – Ha! – ein Ding. Ich war mit dem Babylino zur Kur und telefonierte zwischendurch irgendwann arglos mit dem Großsohn. Da plapperte dieser beiläufig, der Papa würde gerade Gulasch kochen. Gulasch! Kochen! Dein Vater! Ich fragte nach kurzer Schnappatmungspause nach und erfuhr tatsächlich, dass der Kerl wohl in der Küche stünde und fünf Kilo echtes Fleisch anschmorte und nein, da lägen keine Dosen im Müll!  Ach, und zwei Tage später informierte mich das gute Kind, dass des Vaters Gulasch tatsächlich besser schmecken würde als meiner!

Da scheiß doch die Wand an! Erbost stellte ich den Mann zur Rede, der sich erst rausreden wollte um mir dann zu sagen, dass ja wohl echt jeder kochen könne! Und heutzutage mit dem Internet und so überhaupt. Aber da ich das so gern täte und manchmal sogar singen würde in der Küche und er mich doch so gern loben würde (und knutschen auch), würde er halt mich kochen lassen, und zwar ausschließlich. Und eigentlich (!) könne er ja wirklich nicht kochen.

Was soll man da sagen?! Er kann nicht kochen und ich kein Wasser in die Scheibenwischeranlage füllen. Und keine Luft aufpumpen, keine Steuererklärung machen, komme einfach nicht an den Schieber mit den Batterien ran… Danke Schatz, das ist so lieb von dir!

Belügen wir uns? Sind wir unehrlich? Äh, vielleicht? Wahrscheinlich sind wir aber einfach nur zwei Schlawiner und hey, es funktioniert ja für uns! Und solange bei dem Ausruf: „Ich habe gar keinen Schlübbor an!“, der jeweils andere zur Hilfe eilt und durchs Haus hechtet, als ob die Hütte in Flammen stünde, aber nur so schnell, dass man noch schnell aus der Bux springen kann und nicht der Lüge überführt wird, ist doch alles gut, oder?! 😉

 

Und jetzt geh ich kochen. Und nein, natürlich keinen Gulasch! Ich koche nie wieder Gulasch für diese Familie. Das ist ja wohl klar!

Die Pommes-Eskalation

Folgende Situation begab sich heute. Tatort: Mc Donalds mittags halb zwölf.

„Hallo! Ich habe ihre App runtergeladen. Ich würde gern das heutige Angebot nutzen. Zwei Mac-Menüs für sechse neunundneuzig, ist das richtig?“

„Ja, genau!“

„Gilt das für alle Mac-Menüs?“

„Ja, für alle.“

„Okay, fein. Ich nehme zwei Mc Tasty-Menüs und dann noch ein Mc Rib-Menü und ein…“

„Nein, sie können nur einmal den Gutschein nehmen! Also nur zwei Menüs pro Kunde! Steht auch so in der App.“

„Aha, verstehe. Sehen sie meine Familie dort drüben? die beiden Männer haben die App auch. Soll ich jetzt zwei Menüs kaufen und dann meinen Mann noch mal schicken wegen den anderen zwei Menüs?“

„Nein, das geht nicht. Sie sind ja immer noch der gleiche Kunde!“

„Ich schon, aber mein Mann ist ein anderer Kunde. Wir machen einfach zwei Bestellungen, zwei Rechnungen, das ist doch kein Problem?!“

Äh, okay, wir machen einfach zwei Rechnungen. Was möchten sie gern essen?“

„Prima, danke! Ich möchte bitte zwei Mc Tasty im Menü mit…“

„Nein! Keine Mc Tasty!“

„Aber sie sagten doch, alle Mc Menüs?!“

„Ja, alle classic Menüs. Kein Mc Tasty! Steht auch so in der App.“

„Huch, ja. Also dann… dann möchte ich eben bitte zwei Royal TS Menüs mit Pommes Rot weiß und Erdbeermilchshakes.“

„Keine Erdbeermilchshakes! Das steht auch in der App!“

„Verfluchte… keine Sau liest doch dieses Scheiß kleingeduckte…vielen Dank für ihre Geduld! Also zwei Mc Tasty ohne Milchshake bitte.“

„Kein Mc Tasty!“

„Sorry, ich meine natürlich Royal TS. Zwei Royal TS mit Pommes rot weiß und Getränk bitte auf die erste Rechnung.“

Frau Donald tippt und kassiert und verschwindet zur Besorgung der Lebensmittel nach hinten. Ich warte einstweilen. Langsam sammeln sich hinter mir andere hungrige Menschen.Frau Donald legt zwei mal Ketschup, zwei mal Majo, zwei TS, zwei Trinkbecher und das Warteschild mit der Nummer zehn auf das Tablett.

„So, und auf die zweite Rechnung möchte ich jetzt bitte einen Mc Rib im Menü und einen Big Mc im Menü. Hm, Pommes haben wir ja schon jede Menge. Ich nehme dann die Kartoffelstäbchen dazu.“

„Nein! Sie können nicht die Kartoffelstäbchen nehmen! Da steht auch so in der App!“

„Also gut, verdammte Hacke, also alles mit Pommes rot weiß bitte schön!“

Frau Donald tippt, kassiert, murmelt irgendwas von steht-doch-alles-in-der-App und marschiert nach hinten zur Besorgung der Lebensmittel. Der bärtige Angeheiratete tritt auf und fragt, was so lange dauern würde. Ich erwidere: „Ach, frage bloß nicht!“, und gebe ihm Tablett eins zum Abtransport mit der Bitte, bereits für uns Wasser an der Zapfanlage zu holen.

Frau Donald kommt und legt die bestellten Burger und vier Portionen Pommes auf das Tablett. Außerdem einmal Ketschup und einmal Majo. Und sie sagt:

„Bitte sehr!“

„Es fehlt noch einmal Ketschup und einmal Majo!“

„Nein!“

„Nein?“

„Nein!“

„Doch! Ich habe insgesamt vier Portionen Pommes mit je Ketschup und Majo gekauft…“

„…Und ich habe zwei mal Ketschup und Majo auf das erste Tablett getan!“

„Genau. Und hier liegt jetzt noch einmal Ketschup und einmal Majo. Fehlt also noch je eins!“

„Nein!“

„Doch! Na klar! Das sind insgesamt drei! Wir brauchen vier!“

Der hungrige Mob hinter mir murmelt und knurrt und ich traue mich nicht, mich umzudrehen.

„Ihr Mann hat einfach das erste Tablett weggenommen! Ich war ja noch nicht fertig!“

„Aber sie haben doch selbst gesagt, dass sie darauf je zweimal Ketschup und Majo gelegt hatten. Und hier nun liegt einmal. Daneben vier Portionen Pommes, richtig? Also fehlt noch einmal Ketschup und einmal Majo!“

„Nein!“

Der Mann kommt und sagt:

„Das Wasser ist alle! Da ist kein Wasser in der Zapfanlage!“

„Sie haben nicht gesagt, dass sie Wasser wollen! Wenn sie Wasser wollen, muss ich ihnen das hier abfüllen!“

„Ich drehe jetzt gleich durch! Schatz, wir trinken Cola, und zwar alle! Und sie, geben sie mir verdammt noch mal sofort noch einmal Ketschup und einmal Majo und hier ist ein Euro, ansonsten beiße ich gleich in die verfluchte Theke!“

*

Das Warteschild Nummer zehn hatten wir im übrigen noch immer auf dem Tablett. Als ich gestärkt war, erwägte ich kurz, damit an die Theke zu gehen und forsch zu fragen, wo meine verdammte Bestellung bliebe! Ich habe mich diesbezüglich zurückgehalten. Versteht ja nicht jeder meine Art von Humor. Noch nicht mal das Schild hab ich eingesteckt!

Nach dem Essen fiel mir ein „Mitarbeiter gesucht“-Schild auf und ich wies den Sohn darauf hin, dass bei Mäckes Leute gesucht würden auf Dings-Basis. Ob das was für ihn wäre? Sein Vater erwiderte sofort, er solle bloß nicht dort arbeiten, wo seine Mutter versehentlich als Kundin auftauchen könnte! Beide lachten. Seltsamer Humor.

🙂

 

 

 

 

 

Gurkenwasser

„Infused water“ ist ja kein neuer Scheiß. Nein, der Scheiß ist schon ein paar Jährchen alt, aber er hinterlässt mich noch immer „confused“.

Immer, wenn ich bei Menschen in meinem Umfeld irgendwelche albernen Wasserkaraffen in der Optik von Urinalen – oder neuerdings schweineteure Glasflaschen für to go (Kein Plastik! Plastik ist böse!) sehe, die mit umherschwirrenden botanischen Partikeln gefüllt sind, denke ich: Hä?

Also es fängt schon mit Leitungswasser an. Ich meine, Leitungswasser! Ja, ich weiß, die Qualität und so und Wasser in Flaschen, die Umwelt, die Transportwege und Nestlé… Ja, weiß ich! Verstanden! Aber jetzt mal im Ernst, da schneide ich mein ganzes Kinderleben abgegriffene Werbebildchen von Coca Cola aus und lechze nach Limonade, die nicht schmeckt wie aus dem Chemielabor in Leuna, dann ist das endlich alles zum Greifen nah und jetzt soll ich Wasser aus´m Hahn trinken?! Wott? Bei euch piepts wohl.

Mir wurde mal Edelsteinwasser angeboten. Da stand dann also eine Glaskaraffe (die wie immer aussah wie ein Urinal für Männerpinkulatur), in der Kieselsteine auf dem Boden lagen, die exakt genauso aussahen wie die, die die Hundekackwiese umgeben in Dresden Pieschen auf dem Leisniger Platz!

Edelsteinwasser. Man kann im Internet seines Vertrauens nachlesen, wie superspitze das wirkt und wie man das herstellen kann. Und Frau auch. Und sogar fertig bestellen kann man das! Leitungswasser „aromatisiert“ mit Steinen. Seid ihr alle irre? Wollt ihr mich verkackeiern? Verhohnepiepeln?

Das „confused water“ ist schon längst aus der Eso-Ecke in die Mainstream-Handtaschen und Hipster-Turnbeutel gewandert. Und in jedem Jahr wird eine neue Wasser-Sau durchs Multimedia-Dorf getrieben: Himbeerwasser, Zitronenwasser, Gurkenwasser. Ach, Melonenwasser (mit und ohne Melisse) nicht zu vergessen!

Mein einziger Beitrag dazu je war das Foto eines Wasserglases, in welchem ich Backpflaumen als Abführtrunk eingeweicht hatte. Kam jetzt nicht so an, mein infused water. Offensichtlich ist diesen schönen Menschen im Internet auch die Optik wichtig, nicht nur die Wirkung. Denn, ohne Zweifel, hatte mein infused water eine Wirkung!

Gut, so viel zur Einführung. Meine Meinung ist jetzt hinlänglich bekannt: Infused waters im Hause Nieselpriem sind Bier und Kaffee. Und wenn der Onkel Doktor früher fragte, ob ich denn auch genügend trinken würde, sagte ich stets: „Drei Liter pro Tag sind kein Problem. Zwei Liter Kaffee, ein Liter Bier!“.

Jetzt aber werde ich wunderlich. Ich trinke kein Bier mehr und der Doktor sagt, ich darf nicht mehr so viel Kaffee trinken. Weil ich sei anämisch und Kaffee behindere die Eisenresorption. Was ich verstanden habe: Eine Kuchenmahlzeit durch Burger ersetzen. Wegen dem Eisen im Rindfleisch. Was er gesagt hat: Kaffee ist böse. Mehr Wasser trinken! Ohne Kohlensäure! Aus dem Hahn! Vielleicht probieren sie mal Gurkenwasser?

Gurkenwasser. Ich habe das gegoogelt. Und nun denke ich, das Internet will mich wirklich komplett rollen!

Pass auf, jetzt kommts: Durch das Trinken von Gurkenwasser kann man das Risiko einer Herzkrankheit vermindern und seinen hohen Blutdruck senken. Gurkenwasser hilft gegen Osteoporose und beugt Augenkrankheiten, Diabetes und Alzheimer vor und verlangsamt den Alterungsprozess. Gurkenwasser entgiftet, hilft beim Abnehmen und sorgt für den Weltfrieden. Letzteres habe ich mir ausgedacht, den Rest Redakteure von Gesundheitsressorts diverser Onlinemagazine. Ihr könnt das nachlesen, wenn ihr mit Lachen fertig seid.

Aber warte mal. Hilft beim Abnehmen, verlangsamt den Alterungsprozess…

Ich konnte nicht in Erfahrung bringen, ob es auch wirkt, wenn die Gurke gehobelt wird oder nur, wenn sie in Scheibchen dem Wasser zugeführt wird.

Nun sitze ich hier und schreibe diese Zeilen unter Einwirkung des dritten Aufgusses meines Gurkenwasserurinals. Und ich erwäge, Gurkenwasser auf Zuckerwürfel zu träufeln und dann – Hexhex! –  mache ich Gurkenwasserglobuli und die können dann alles! Alles können die! Vielleicht mache ich noch drei bis vier Kiesel mit dran an die Ur-Suppe, das wird dann ein Mega Verkaufsschlager auf allen Eso-Messen und in diesem Internet, von dem hier immer alle reden.

Und ich überlege: Wie wirkt dann erst Gurkensalat? Mit so richtig viel Gurke (dieser Tausendsassa) mit Salz, Pfeffer, Zucker, Dill, Essig und Öl? Und noch ´nem Klecks Schmand obendrauf gegen (!) das Abnehmen. Und dazu ein fetter Burger vom Grill. Wegen dem Eisen. Als Getränk empfehle ich „Hopfen infused water“.

Wohl bekomms und gute Besserung!

 

Ein Kaffee für Frau Nieselpriem

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Alles neu

Wochenlang war´s hier schön leis´. Jetzt bloggt sie wieder, was für´n Sch… schönes Ding!

 

Es ist Anfang Januar, ein neues Jahr. Wieder eins! Ich weiß immer nicht, was die Leute mit diesem Neujahr so haben. Gute Vorsätze, große Pläne, gigantomanische Vorhaben werden da verkündet und ich denke mir stets bei alledem: Scheiße, jetzt werde ich mich wieder für mindestens drei Monate beim Datum verschreiben! Das heißt „neues Jahr“ für mich. Ansonsten alles wie immer.

Dass sich im Moment tatsächlich das Leben und so ein wenig neu anfühlt, hat mehr mit meinem Innen zu tun als den äußeren Gegebenheiten der Zeitzählung. Der Winter ist vorbei! Also mein eigener, wirklich. Die Zeit der Kälte, die mir tief in den Knochen saß und mich innerlich erfroren fühlen ließ. Ein alles durchdringendes Grau, das jede andere Farbe verschluckte. Kein loderndes Feuer, nicht mal ein Flämmchen mehr in mir, nur noch ein lähmendes Gefühl von Vergänglichkeit und Ende.

Zu Ende! Vorbei, also hoffentlich. Oh, wie ich darauf gewartet habe. Ich hatte keine Erinnerung mehr an das, was war, was hätte sein können, wenn in mir kein Winter gewesen wäre. Doch nun…

Ich freue mich! Ich freue mich, wenn ich morgens erwache, ich freue mich immer öfter. Ich freue mich so sehr, wenn ich durch meinen Garten scharwenzele. „Ach, guck doch!“, sage ich zu dem Mann. „Es lebt! Alles beginnt von vorn! Schau doch nur hin, sieh!“. Nicht nur die Schneeglöckchen und Krokusse, die sich aus jeder Ritze zwischen den Steinen in unserem Garten zwängen (Oh, ich kroküsse euch mit liebendem Blick!), nein, auch die Frühlingsboten der vergangenen Jahre recken sich aus ihren Zwiebeln in den Moosbetten und Hundsrose, Stockrose und die kleine Heckenrose treiben bereits. Ach, sogar eine Hortensie zeigt mir stolz ihre frischen zarten eingerollten Blätter. Und er sagt: „Das ist alles nicht richtig! Wir haben Januar! Wir sollten Schnee haben, keine Blüten. Nächste Woche kommt der Wintereinbruch und alles stirbt wieder!“.

Nein. Ich glaube nicht. Schweig still! Vielleicht wird es noch mal kalt, vielleicht weht der Wind rau. Vielleicht bekommen die zarten Pflänzchen einen Dämpfer, aber alles beginnt von vorn. Ganz sicher. Ich kann mich nicht genug daran erfreuen! Ich kann nicht aufhören mich zu freuen!

 

„Es gibt nur zwei Arten zu leben: So, als wäre nichts ein Wunder oder so, als wäre alles ein Wunder!“

(Albert Einstein)

 

 

Dem Ingeniör ist nichts zu schwör

„Mama, Mami, komm schnell! Isch hab den Schallosierer rebboriert! Komm, ich zeig´s dir…“, sprichts und führt mich an der Hand in ein Zimmer, wo tatsächlich die Jalousie wie eine zerknuddelte Ziehharmonika schief an nur noch einem Haken herunterhängt, während das Führungsseil aus seiner Halterung gerissen ist und abgefädelt vorm Fenster rumbaumelt. Am Tatort befinden sich noch einige Kleinteile, deren ursprünglicher Verwendungszweck im Zusammenhang mit Fensterverdunkelung sich mir nicht mehr erschließen will. Futsch. Sonnenschein forever.

Der Blondino ist drei Jahre und zehn Monate alt, einen Meter fünf hoch und in der Ingenieur-Phase.

Egal, was er in die grumpeligen Fingerchen bekommt, er baut es auseinander. Manch einer würde sagen, er zerstört. Er kriegt wirklich alles platt! In diesem Haushalt gibt es mittlerweile Kisten voller Kleinteile, die irgendwann einmal Taschenlampen waren oder Autos, die eigentlich nicht zum Auseinanderbauen gedacht waren. Denn, das ist das beste Spielzeug! Notfalls werden die Achsen schamlos gebrochen, um die Räder abzubauen. Er findet jede undichte Schweißnaht bei Plastikteilen, jedes Gewinde und alle Steckverbindungen. Ich kann manchmal selbst nicht glauben, aus wievielen Kleinteilen manches Ding besteht. Bis es durch des Kindes Hände ging.

Ich habe ja Schraubergene. Mein Vater war KFZ-Klempner und roch nach Motoröl und Old Spice und ich dachte jahrelang, ich würde genauso einen Mann heiraten: Groß, schwarzhaarig, mit derben Händen, die riesige Schraubenschlüssel jonglieren. (Nun ja, fast. Also beinahe. Okay, ich habe einen Mann geheiratet! Das zumindest ist eingetroffen.)

Möglicherweise vererben sich nun aber meine Schraubergene auf das Kind.

Für mich ist das neu. Ich weiß schon vom Hörensagen, dass alle Kinder wohl so eine Experimentierphase durchlaufen, wo sie die Funktionalität der Dinge und Objekte „begreifen“ wollen. Das Großkind hatte diese Phase nie. Den setzte man vor eine riesengroße Lego-Kiste, die der Altersklassifikation nach irgendwo fünf Jahre über seinem Alter lag, und er baute. Zusammen, wohlgemerkt! Der erste baute also immer nur zusammen. Der hier jetzt, der Neue, der baut auseinander, ausschließlich.

Alles.

Gefühlt hat der vierzig Fingerchen und wuselt auf seinen kurzen Beinen binnen Sekunden durch das Haus und Gefahr ist stets im Verzg. Sobald drei Minuten Funkstille ist, mache ich das Erdmännchen und lausche ängstlich. „… Das ist die große Mähmaschine… das ist die kleine Mähmaschine… brummbrumm… Motor…“. Mähmaschinen? Was für`ne Mähmasche?! Oh Gott, meine Nähmaschinen! I believe, I can fly, mit wehenden Armen sause ich durchs Haus!

Neulich kam er mit einem neuen Schatz an. „Mama, wie macht das?!“, und hält mir mit strahlenden Augen und bewunderndem Blick ein Heizkissen unter die Nase. „Hä, woher hast du das? Egal. Na gut. Das ist ein Heizkissen. Das wird warm und wenn jemand Rückenschmerzen hat, kann er sich das dann an den Rücken tun.“. „Was macht das für ein Geräusch?“. „Das macht kein Geräusch, das ist leise!“. „Wo dreht sich das?!“ (der Blick schon skeptischer). „Das dreht sich auch nicht, das wird nur warm.“. „Aber wie macht das?!“ (eine kleine Falte bildet sich zwischen den Babyaugen und er dreht den neuen Schatz argwöhnisch hin und her). „Das macht eben! Das ist nur warm, wenn man das Kabel… nein, Finger weg! Nicht an die Steckdose! Das ist meins. Das macht gar nichts! Kein Geräusch, dreht sich nicht, ist auch ganz kaputt. Langweilig und kaputt. Das liegt nur so rum! Gib´s her jetzt. Danke! Geh, spiel im Keller mit Papas Werkzeugkiste oder bau eine Taschenlampe auseinander.“.

Abends fege ich schaufelweise irgendwelche Kleinteile in eine „Spielkiste“, kein Mensch kann die wieder zusammenbauen. Erwähnte ich, dass Lego langweilig ist? Lego ist langweilig. Es müssen Erwachsenensachen sein. Oder die vom Bruder. „Mutter, kannst du mal dieses Kind aus meinem Zimmer holen! Der fasst alles an!“, nölt es ständig aus der Pubertätshöhle. Der Bubi hat zum Beispiel ein „Coollicht“, wie das Kleinste es nennt, also so eine sich drehende Birne, die bunte Flecken an die Decke wirft. Das ist des Blonden heißer Fancy-Scheiß. Da liegt er dann unbefugterweise auf dem Pubilager und versaut sich sein Babyhirn mit stroboskopartigen Buntblitzen. Das erste Coollicht ist schon hinüber, denn selbstverständlich hat der Ingenieur versucht, es auseinanderzubauen. Danach knurrte und knarzte es nur noch, später tat es gar nichts mehr. Und ehrlich gesagt ging das hier, das neu gekaufte Ersatzmodell für das Großkind, jetzt auch nicht , als ich es für euch anmachen wollte.

cooles Coollicht, vermutlich defekt

Auto ist auch so ein Thema. Nachmittags, während ich gefühlt zehn Taschen, Tüten, Beutel aus dem Kofferraum heraus und in das Haus hereinräume, spielt der Blondino im Auto. Er sitzt süß auf dem Fahrersitz und ruckelt am Lenkrad und ruft: „Isch bin ein Pirat, Land ins Nichts!“. Das sind fünf Minuten maximal. Am nächsten Morgen dann setze ich mich hinter das Steuer (das bis jetzt zum Glück immer noch dort war, wo man es vermutet) und glotze grenzdebil. In jedem Lüftungsschlitz stecken Kaugummis, Wagen-Chips. Kaugummis und irgendwelche Schlüssel zu irgendwelchen unbekannten Schlössern (Ja, sowas hab ich im Auto) stecken in den Schlitzen vom Gurt, das Netzteil des Uralt-Navi wurde versucht, anzustecken und aufgrund mangelndes Sachverstandes und mangelnder Impulskontrolle dann im Wageninneren rumgeschmissen. Außerdem liegen jede Menge Kleinteile, die der Autohersteller mal in die Autobedienarchitektur eingebaut hatte, lose herum. Abgebaut durch den Ingenieur. Aufgrund mangelndes Sachverstandes meinerseits sammle ich die artig in der Schütte der Fahrertür und freue mich mit großer Erleichterung, wenn trotzdem jeden Morgen – bislang – das Auto tut, wofür ich es gekauft habe.

Ich bin mal als Beifahrer während eines Staus ausgestiegen (warum auch immer), und schwupps, stand das Kind neben mir! Abgeschnallt aus seinem superduper-Houdini-sicherem Kindersitz, Türe geöffnet, da stand er. Die Blicke, die der Mann (am Steuer des Autos) und ich austauschten: unbezahlbar!

Vorhin stand der Ingenieur im Bruderzimmer und piepste mit seiner Tweety-Stimme: „Alexa?! Deine Mudda!“. „Deine. Mudda. Ist. So. Dünn. Heidi. Klum. Hat. Sie. Nach. Ihrer. Diät. Gefragt.“. Kann kein Laufrad fahren und braucht den Nunni zum Einschlafen, aber das geht, ja?! Deine Mudda stemmt die Hände in ihre Hüften! Ich habe allerdings berechtigte Sorge, dass er als nächstes versuchen wird, Alexas Mutter aus dem kleinen Kästchen zu befreien.

… Ja, was denn?! Brüllt doch nicht so durch das Haus! Ich rede gerade mit den Lesern. Was soll ich?! Aha. Ja, ist gut! Also ich soll ausrichten, der Kleine wünscht sich sehr einen OLED 4K 65 Zoll Fernseher zum Auseinanderbauen, also wegen der frühkindlichen Entwicklung… Ja, ich habe es gehört! Und ich soll sagen, auch eine Nintendo Switch Konsole. Falls jemand sowas übrig hat, danke im Voraus. Dann lässt er vielleicht von meinem Auto ab. Und meinen Nähmaschinen.

Und später habe ich dann vielleicht wirklich jemanden hier, der mir bei handwerklichen Bedürfnissen unter die faltigen Arme greift. Ich hatte da schon mal so eine Vorahnung.

 

Ich liebe meinen Zahnarzt (-Tag)

Heute ist ein weltweiter Feiertag, darauf wurde ich via Facebook aufmerksam gemacht. Von der Zahnarzthelferin meines Vertrauens. Genau, heute ist „Ich liebe meinen Zahnarzt-Tag“!

Es gibt ja für alles einen Feiertag, warum also nicht für Zahnärzte? An diesem Tag, also heute, soll man seinem Zahnarzt (das schließt jetzt Dentisten aller Geschlechter ein) seine Dankbarkeit ausdrücken.

Als mich also die Empfangsfee meines bemundschutzten Mister Grey auf dieses Datum aufmerksam machte, konnte ich meine Begeisterung kaum im Zaum halten. Verständlich! Ich bin nämlich Angstpatientin und hole jetzt mal aus…

Als ich vor vielleicht zwanzig Jahren zum ersten Mal die Praxis am Dresdner Fetscherplatz besuchte hineingeschleift wurde , lebte ich bis dato bestimmt fünfzehn Jahre ein zahnarztfreies, glückliches Leben. Ich hatte auch nicht wirklich vor, daran etwas zu ändern, schlossen doch die Sitzungen auf der Folterbank des Grauens für mich unsagbare Schmerzen und hauptsächlich eine entsetzliche Angst vor unsagbaren Schmerzen ein. Geprägt durch DDR-Zahnarzt-Besuche ohne Schmerzmittelbehandlung, dafür mit gebrülltem Kommandoton: „Jetzt reißen sie sich gefälligst mal zusammen, Frollein!“, taten ihr übriges zu meiner Aversion.

Ihr wisst ja alle, wie das mit Zahnärzten ist. Keine mag sie, alle brauchen sie. Irgendwann.

Damals fand ich in dieser Praxis gegenüber dem Counter ein gerahmtes Bild mit einem Sinnspruch in Richtung Behandlung von Angstpatienten (ich weiß gar nicht, ob das dort noch immer hängt), ich hielt es für ein gutes Omen. War es.

Der Zahnarzt sah aus wie Jürgen von der Lippe und hatte ein geduldiges, liebevolles Auftreten. Dass ich immer erst fünf Minuten heulte, bevor er in meinen Mund gucken durfte, wurde unser Ritual. Er ließ mich gewähren, und ich ihn. Es wurde gut. Oder zumindest besser! Mein Zahnstatus und auch meine Angst. Zahnarztangst lässt sich tatsächlich nur mit Expositionstraining beheben, heißt, durch immer wiederkehrende Zahnarztbesuche in möglichst kurzen Abständen.

Dann, es muss so 2004 oder 2005 gewesen sein, teilt mir Jürgen von der Lippe mit, er wöllte sich zur Ruhe setzen. Ich war schockiert! „Was? Wie? Aber sie sind doch noch jung! Und was wird aus mir?! Kann ich zu ihnen nach Hause kommen? Sie werden doch bestimmt in der Garage auch noch ein paar Bohrer haben! Ich gehe nicht zu einem anderen Zahnarzt. Niemals! Ich komme zu ihnen nach Hause. Gibt die Schwester mir ihre Privatadresse? Nein?! Warum denn nicht! Doktorchen, bitte. Ich bin ein Notfall!“.

Er versuchte mich zu beruhigen mit den Worten, dass er einen wirklich würdigen und fähigen Nachfolger gefunden habe und sich absolut sicher sei, dass ich bedenkenlos weiterhin in diese Praxis gehen könnte. Pah! Von wegen. Würde ich nicht.

Doch, hab ich. Meine Zähne, die sich an die regelmäßige Zuwendung gewöhnt hatten, neigten nämlich ab sofort zu starken Verfallserscheinungen. Ich also hin, nichts Gutes ahnend. „Wenns wehtut, gehst du schon!“, stimmt leider in Bezug auf Zahnarztbesuche. Außer, man hält eine Schnaps-Ibu-Therapie mit anschließender Leberschädigung für erstrebenswert.

Ich erinnere mich sogar noch ganz genau an die erste Begegnung mit dem „Neuen“. Ich saß als Schmerzpatientin (was sonst) schon vor um acht im Wartezimmer, zitternd, und die Tür ging auf. Ein junger Mann mit Aktenkoffer kam rein und blickte nickend grüßend ins Wartezimmer. „Pharma-Fuzzi“, diagnostizierte ich. Zehn Minuten später schüttete der vermeintliche Pharmavertreter mir die Hand und zeigte auf die Liege mit der Aufforderung, Platz zu nehmen.

Der Neue sieht aus wie Eckart von Hirschhausen in attraktiv und hat Augen wie Milka Zartbitter Schokolade (Darf ich das hier schreiben? Der liest das doch nicht, oder?). Fifty Shades of grey war damals noch nicht geschrieben worden, aber mein Mister Grey trägt ein lila T-Shirt über weißer Hose und schwingt seit zwölf Jahren den Bohrer.

In den letzten Jahren haben wir auch schon einiges zusammen durchgemacht. Ich mit den Zähnen, er mit mir. Ich kam schon unbestellt mit Befunden morgens an, die wurzelbehandelt werden mussten und den kompletten Betrieb lahm legten. Heißt, die Schwester kam mehrmals rein um ihm mitzuteilen, die „Bestellten“würden langsam randalieren! Er ließ sich nie beirren. (Edit: Ich würde problemlos eine Wartezeit von zwei Stunden dort in Kauf nehmen, weil ich mir vorstelle, dass er in dem Moment ebenso einem „Notfall“ zu Biss verhilft.). Er hält meine Marotten aus. Morgens mehr als abends, weshalb ich immer früh komme (das ist für uns beide besser). Und ich sage euch, also so wie ich mich dort benehme…

„Frau Voigt, machen sie den Mund auf.“, „Aber nicht mit dem Haken kratzen! Nur kurz gucken.“. „Bitte weiter, ich kann doch gar nichts sehen!“. „Ich will aber nicht! Ich will lieber erst ne Spritze!“. „Aber ich gucke doch erst mal nur! Das tut nicht weh. Ich bin ganz vorsichtig.“. Ist er immer.

Ich will prinzipiell die doppelte Dosis an Betäubung und kreische dennoch drauflos, weil ich immer, immer, immer noch was merke! Er bleibt ruhig.

Ich weigere mich, die leider notwendige Paradontosebehandlung bei der dafür angestellten Fachkraft machen zu lassen. Er macht es selber.

Ich brauche Pausen in der Behandlung und ein unverfängliches Gespräch zur Nervenberuhigung. Bekomme ich beides, egal, was das Bestellbuch sagt.

Ich behaupte, dringend ein Veneer zu brauchen für meinen schiefen Schneidezahn. Er sieht sich das Dilemma an und konstatiert, dass das eigentlich gut zu mir passen würde. Das mit dem schiefen Zahn. Seitdem lächle ich mit offenem Mund. Trotz schiefem Schneidezahn!

Er ist die Nadel im Heuhaufen.

Im letzten Jahr war fünfzehn Mal „zu Gast“ in der Praxis und alle freuen sich immer sehr, mich zu sehen. Das kann nur daran liegen, dass ich gelegentlich Kuchen mitbringe. Oder manchmal Blumen. Als Patientin bin ich die Katastrophe schlechthin! Aber das macht wohl die Profis aus. Dass sie auch mit solchen Nervenbündeln wie mir gut zurechtkommen.

Ich bin zahnarztmonogam und das aus gutem Grund: Meiner ist einfach der Beste!

Im letzen Jahr hat er Urlaub gemacht (Note to myself: Ich muss meine Urlaubsplanung ab sofort mit ihm absprechen) und Schmerzen im Kiefer zwangen mich zu Vertretungen. Drei Ärzte innerhalb einer Woche rieten mir, gegen die augenscheinliche Entzündung im Zahnfleisch antibakteriell zu spülen, das würde schon wieder! Dann, endlich, war der Zahnarzturlaub vorbei und der abgestorbene Zahn wurde fachmännisch behandelt. Da hätte ich noch Jahre weitergespült ohne Besserung!

Seit geraumer Zeit machen ja auch Zahnsanierungsangebote im Ausland gut Geschäft und ich gebe zu, für manchen mag das verlockend klingen: Fährst in die Sonne und lässt während deines Urlaubs alles mit Vollnarkose in einem durchgestyltem Krankenhaus richten. Inklusive Bleeching! Zum halben Preis mit anschließender Genesung am Strand.

Ich sage euch was: Niemals nicht mit mir! Und selbst wenn ich die Behandlungen in der nicht top durchgestylten Praxis ab sofort aus der Tasche bar bezahlen müsste, dann wäre das der einzige Weg für mich! Es gibt auch nur den Einen für mich. Und sollte der irgendwann in Rente gehen wollen, hat er mich ab dann in seiner Garage sitzen…

Und das muss ja mal gesagt werden! Er macht einen großartigen Job unter teilweise widrigen Arbeitsbedingungen und ja, wir machen alle unseren Job. Aber Leute, geht ihr mit mir mit, wenn ich sage: Die einen machen es so und die anderen einfach besser? Überall, in jedem Job? Ich glaube schon, dass das so ist.

Und wenn ihr selber auch so ein Schätzchen gefunden habt, dem gegenüber ihr vertrauensvoll den Mund öffnen könnt ohne Angst haben zu müssen, dass die Seele entfleucht, dann sagt es ihm oder ihr!

Vielleicht ruft ihr mal an, einfach so. Heute zum Beispiel! Denn heute ist offizieller „ich liebe meinen Zahnarzt- Tag“. Aber nächste Woche ist auch ok. Ich glaube, dass jeder Mensch sich über Lob freut, auch diejenigen, die den ganzen Mund voll Arbeit haben. 🙂

 

 

 

 

 

Ich sehe was, was du nicht siehst!

(Jetzt kommt die Soße zum Quatsch, also das Soßenrezept, nein, Soßenkonzept, nein, Soßenidee!)

Wenn davon die Rede ist, Eltern zu stärken, geht es im allgemeinen meist um Elternrechte, politisch initiiert. Oder Steuern. Oder Geld. Davon will ich hier aber nicht reden. Ich will ans Eingemachte!

Wenn ich euch jetzt fragen würde, ob ihr euch erinnern könnt an einen Ausspruch, der euch zutiefst gekränkt hat, fällt euch bestimmt etwas ein. Und erstaunlicherweise hängen derartige Erinnerungen auch Jahre nach.

„Haben sie eigentlich vor, später als Coach zu arbeiten? Nein?! Kluge Entscheidung!“ (mein Seminarleiter während der Coachingausbildung, 2013)

Sätze, herabwürdigende, in Situationen voller Abhängigkeit im Arbeitsverhältnis oder während der Schulzeit, sind oft lähmend und ziehen manchmal sogar jahrelange Selbstzweifel nach sich. Kennt ihr alle, oder? Warum fällt es so schwer, das zu vergessen und wieso haben Worte so eine negative Kraft und einen großen Einfluss auf unser Befinden und unser Sein?

„Sie haben so kalte Augen und einen harten Gesichtsausdruck, ich weiß überhaupt nicht, wie ich ihnen etwas Freundliches verleihen soll!“ (eine Fotografin, 1999)

Ich frage mich, warum sich ein jeder gut an dergleichen Situationen erinnern kann, aber die Lobe und das Positive, das wir erfahren, oft verblassen. Bestimmt haben Freunde und Familienangehörige oft in mir Fähigkeiten oder Stärken gesehen, mich gelobt  und dennoch sind in meiner Erinnerung die Situationen, in denen ich mich abgewertet gefühlt habe, prägnanter.

„Sie haben in den vergangenen Wochen gezeigt, dass sie zu Höchstleistungen fähig sind. Wir suchen allerdings Teamplayer und das sehen wir nicht in ihnen. Sie waren nur auf ihren eigenen Vorteil erpicht und für jemanden mit narzisstischen Zügen haben wir hier keinen Platz! Kein Personaler wird sie je einstellen.“ (Gremium im Vorauswahlverfahren für die Ausbildung zur Informatikkauffrau, 2003)

Möglicherweise ist es aber auch so, dass es einem prinzipiell schwerer fällt, ein Lob von jemandem anzunehmen (also wirklich zu glauben), der mit einem selbst emotional verwoben ist (Die lügen doch alle!). Vielleicht ist es so, dass positive Bestärkung, unerwartete, von außen sehr viel mehr wiegt, als wenn sie von Menschen aus dem inneren Zirkel kommt.

Denn in meinem Fall sind aus den Situationen, die ich euch oben skizziert habe, durch solche Effekte ganz wunderbare Dinge entstanden (außer aus der Situation mit der Fotografin, ich laufe immer noch mit meinem herzlosen Blick umher), die eines gemeinsam haben: den Zuspruch von außen. Vollkommen unerwartet!

Vor fünfzehn Jahren wollte ich eine Umschulung antreten. Nur hatten sich hundertfünfzig Menschen um fünfzig Plätze beworben. Also gab es eine Probebeschulung. Ich weiß nicht mehr, vier oder sechs oder acht Woche lang. Im Anschluss daran kam es zu oben skizzierter Situation. Ich weiß, ich bin völlig aufgelöst aus dem Raum, habe im Vorbeilaufen meinen Mitbewerbern erzählt, sie würden mich nicht nehmen, ich sei kein Teamplayer. Und bin nach Hause gefahren. Heulen, was sonst. Am Abend kam dann ein Anruf des Bildungsinstituts, ich möge doch bitte noch mal kommen. Ich weigerte mich. Sie insistierten. Sie sagten, sie hätten ihre Meinung überdacht und ich möge doch bitte kommen! Danach erzählten sie mir, im Anschluss an meinen Rauswurf hätten sich jede Menge Menschen vor diesem Ausschuss ausgesprochen für mich. Mitbewerber um die raren Stellen, Dozenten sogar. Erklärt, das sei eine fatale Fehlentscheidung! Ich wäre diejenige, die Lerngruppen organisiert habe, diejenige, die Kuchen für alle mitgebracht habe. Die mit ihrem Enthusiasmus alle mitgezogen habe und einen positiven Einfluss auf die Lernhaltung aller gehabt hätte.

Ich sehe was, was du nicht siehst!

Ich habe die Umschulung als Klassenbeste abgeschlossen und war auch die erste, die einen Arbeitsvertrag in der Hand hielt. Es gab sehr wohl einen Personaler, der mich eingestellt hat. Ich bin noch immer dort angestellt.

Während der Elternzeit habe ich eine Ausbildung zum Systemischen Coach gemacht. Ich wollte das unbedingt! Das Thema finde ich spannend und wow, das ist es noch immer. Der Ausbildungsleiter und ich, das menschelte leider vom ersten Tag an und er fand an meiner Performance keinen Gefallen. Nie. Die Prüfung stand an, bestehend aus einem öffentlichen Coaching (Klient und Thema waren völlig unbekannt) vor der Seminargruppe und drei Prüfern. Ich ging zur Auswertung und da saßen sie: der Ausbildungsleiter – eine Koryphäe im Coachingsektor – in der Mitte, flankiert von den beiden anderen Prüferinnen. Er sagte mir, das sei das schlechteste Coaching, das er je gesehen habe und in seinen Augen sei ich mit Pauken und Trompeten durchgefallen! Und zwar sowas von! Aber leider waren sie zu dritt. Eine Prüfungskomission. Und so standen dann beide Prüferinnen auf und schüttelten mir die Hand zur bestandenen Prüfung, während der Seminarleiter mit verschränkten Armen sitzen blieb. Ich sehe das Bild noch vor mir.

Im Nachgang hat sich der Coachee – die Klientin, die ich während meiner Prüfung gecoacht hatte – bei mir bedankt für die Stunde. Es sei inspirierend gewesen und sie hätte nun jede Menge Ansätze für ihre problematische Situation. Der Coachee ist das Kriterium der Wahrheit, redete ich mir ein und schredderte doch im nachhinein den dicken Ordner mit meinen Lerninhalten. Und dennoch, zwei zu eins. Ich höre noch die Worte der Koryphäe in meinem Kopf, aber dagegen stehen zwei erfahrene Coaches, die mir mit warmem Lächeln ehrlich gratuliert hatten. Die Zweifel schwinden…

Ich sehe was, was du nicht siehst!

Ich frage mich, ob dieser Effekt der „sich selbst erfüllenden Prophezeiung“ da eine Rolle spielt. Dass der Glaube an das Potential dieses erst sichtbar machen und zum Tragen bringen kann.

Warum ich euch das alles erzähle? Es ist schon wieder passiert!

Ja, genau! Ihr habt das gemacht! Ihr wart der Chor der Vielen, der mir auf meinen Beitrag hin geschrieben habt. So viele Kommentare, Mails, persönliche Gespräche. Und überall der Konsens: Mach weiter! Schreibe, Du hast Talent! Du berührst uns!

Und, wenn wir mal bei der sich selbst erfüllenden Prophezeiung bleiben: Ja, ich will der Mensch werden, den ihr in mir seht!

Ich möchte etwas zurückgeben, Euch! Meine Schädeldecke vibriert und meine Hirnrinde surrt (Alle Mediziner, bitte Ruhe! Doch, das geht, ich höre das Geräusch ganz deutlich! Nein, bitte nicht die Jacke mit den langen Ärmeln!), weil ich mir überlege, was alles möglich wäre. Und wie es gehen könnte! Also eine Möglichkeit, einen Raum zu schaffen, wo Schätze gehoben werden können, Potentiale entdeckt und Menschen gestärkt werden. Von anderen Menschen. Alle voneinander.

Ich erinnere mich an die vielen inspirierenden Gespräche der letzten beiden Wochen. Daran, wie gebannt ich Svenja und Sophie gelauscht habe auf der denkst.net und Nora auf der Blogfamilia. So viel Power und so viel Bestätigung und die Einsicht: Ja, das geht! Wir können uns gegenseitig befruchten und ja, möglicherweise kann ich auch in diesem Blog und auch abseits etwas beitragen dazu!

Mir kommt Verena in den Sinn, die auf der Blogfamilia zu mir gesagt hat, sie würde nicht mehr bloggen, wenn ich sie nicht bestärkt hätte. Damals. Und: „In jedem Menschen siehst du etwas Schönes!“ (ihr Gesicht voller ungläubigem Zweifel). Ich weiß, dass ich im Brustton der Überzeugung geantwortet habe: „Da ist ja auch immer etwas Schönes!“. Und das stimmt, das glaube ich wirklich zutiefst.

Ich sehe was, was du nicht siehst! Etwas, das du noch nicht siehst. Oder im Moment aus den Augen verloren hast.

Was mir im Detail vorschwebt? Eine Mischung aus Einzelcoachings und Motivationscoaching in kleinen Gruppen und irgendwie hier auch im Blog immer mal so Sachen aus dem Bereich, die möglicherweise allgemeiner Natur  sind und Denkanstößen liefern können. Wollen. Nicht müssen!

Und wenn jetzt jemand sagt, ach Quatsch, gibts doch alles schon! Schon hundert Mal! Online-Coachings, Dingsbums und hier und dort, an jeder Ecke! Dann sage ich: Wunderbar! Von manchen Sachen kann es auf der Welt einfach gar nicht genug geben. Ernsthaft. Es kann nicht zu viel Berührung geben. Niemals zu viel Zuspruch! Mensch, das lernt man doch als Mutter oder Vater in der Elternklasse eins. Loben, loben, loben, Potentiale fördern. Nichts anderes habe ich mit euch großen Kindern hier vor. Denn ich glaube, so gut und behutsam wir heute mit unseren Kindern umgehen, oft genug schaffen wir es nicht, uns selbst im Auge zu behalten und mit der gebotenen Behutsamkeit zu behandeln. Ich kenne das selbst und ihr wisst das genau! Möglicherweise schaffen wir es gemeinsam.

Ich habe noch kein Konzept, nur Gedanken. Ich schreibe euch das hier hin, weil ich ich denke, das könnte was Gutes sein. Etwas, das guttut! Und weil ich da richtig, richtig Bock drauf habe. Und weil ich möchte, dass ihr mir eure Meinung dazu sagt. Dass ihr mich befruchtet! Oder mir den Quatsch mit Soße ausredet.

Los, haut in die Tasten. Hier im Kommentarfeld oder per Mail an nieselpriem.blog@gmail.com.

Ich freu mich! ❤

 

Ich sehe was, was du nicht siehst… und das ist wunderschön!

 

 

Quo vadis, Nieselpriemchen?

Alles muss anders werden! Immer.

Leben ist Veränderung und höher, schneller, weiter ist der Marschauftrag des Lebens. So wird es mir manchmal suggeriert. Und für einen Blogger übersetzt: Größer! Die Worte „Wachstum“ und „Ruhm“ stehen auf der Zielflagge.

Als ich anfing mit Bloggen, dachte ich mir: ´Hach, es wäre schön, wenn das fünfzig Leute lesen und mögen würden…´. Dann lasen mich irgendwann fünfhundert Leute und ich dachte, dass es der absolute Hammer wäre, wenn irgendwo in einer Zeitung mal was stünde von mir. Als das dann eintrat, war ich gar nicht so glücklich, wie ich annahm sein zu müssen, weil parallel bekannt wurde, dass große Verlagshäuser ihre festangestellten Schreiberlinge, die lange Germanistik oder Journalismus studiert hatten, kündigten und vergleichsweise billig Bloggercontent einkauften. Ich hatte immer irgendwelche „Ziele“, die sich dann bei Erreichen als, hm…, fade beigeschmacklich entpuppten. Ich hinterfragte mich permanent, was ich denn eigentlich will. Und konnte keine Antwort finden! Außer dem Aspekt der Psychohygiene und nun ja, dazu braucht man eigentlich nicht wirklich dieses Internet.

Viele Blogger, die ich kenne, träumen davon, vom „Schreiben“ zu leben. Doch die wenigsten schaffen es! Denn selbst erfolgreiche Blogger leben ja nicht wirklich vom Schreiben, sondern weil sie hochdiszipliniert an Kooperationen und Werbeauftrgägen arbeiten, ihre Seite optimieren, ihren Auftritt, suchmaschinenoptimiert schreiben, sämtliche social media Kanäle unterschiedlich bespielen und dergleichen mehr. Ich unterstelle, dass ein professioneller Blogger locker sechs Stunden am Tag für sein Business tätig ist. Und die wenigste Zeit ist tatsächlich Redaktionsarbeit! Davon bekommt der Leser in der Regel nichts mit und so wirkt das alles fluffig, weich und easy peasy. Mit Bloggen reich werden, super ganz einfach! Also von außen betrachtet.

Das ist nicht mein Ding. Zu unberechenbar, zu viele Abhängigkeiten. Abgesehen davon, ob ich überhaupt das Zeug dazu mitbringen würde.

Ich fing an zu zweifeln an diesem Blogdings. Also meinem. Mir fielen in den letzten Wochen und Monaten immer mehr Dinge rund ums Bloggen ein, die ich nicht will. Und parallel habe ich mir eingeredet, zu wissen, was Leser denn so suchten. Ich meine, Leute! Echt ey, der erfolgreichste Blogartikel hier ist ein dünngeistiger Schriebs über ein Fußbad mit Mundwasser! Ich krieg schon Herpes, wenn ich mir überlege, wie ihr das jetzt wieder anklickt! Und apropos anklicken: Wenn ich die Statistik angucke, wird mir übel. Ich habe das ja schon mal verbloggt. Notfalls noch mal hier klicken, dann wisst ihr was ich meine.

So, und jetzt bitte mal aufhören mit der Rumklickerei, ich will euch doch was erzählen. Also, ich dachte, Leser sind eine unberechenbare Menge an seltsam interessierten Menschen und elternblogaffine Leser prinzipiell nur interessiert an Gewinnspielen und happy content und weichgezeichnete Glamour-Fotos oder wollen wenigstens regelmäßige Einblicke in Kochtopf und Kinderzimmer. Und nichts von dem kann oder will ich bedienen!

Bin ich überhaupt ein Blogger? Ich hasse Produkttests (so, jetzt isses raus). Ich will keine Gewinnspiele machen und bin zu undiszipliniert, um mich an sowas wie einen Redaktionsplan zu halten und die großen Bloggertermine wie 12 von 12 oder Freitagslieblinge oder Wochenende in Bildern  regelmäßig zu bedienen. Ich mag das, aber ich will nicht unbedingt immer zu diesen Terminen was schreiben und manchmal will ich gar nicht, dass irgendwer reinguckt bei Nieselpriems! Und ich will auch nicht Handbücher lesen um Google-optimiert zu schreiben! Ich will gar nicht, dass dreitausend Leute hier vorbeistolpern, um einen Grill zu gewinnen. Oder ein Duschbad. Und dann wieder gehen. Geht weg! Hier gibt es nichts zu sehen!

All das wurde mir klar und dachte, es ist wäre Zeit, das Blöggel auf den Internetfriedhof zu tragen. Denn ist es nicht das, was Blogger wollen? Mehr Reichweite? Mehr Kooperationen? Mehr Ruhm?

Nachdem ich also nur noch gesehen habe, was ich alles nicht will, kamt ihr. Mit euren Kommentaren, eMails, sogar persönlich auf mich zu. Und mir wurde klar, ihr seid gar keine unberechenbare Masse!

Ihr habt geschrieben, ich würde euch berühren. Durch meine Worte, meine Geschichten. Durch dieses schmale Unterhaltungsprogramm hier, gänzlich ohne Gewinnspiele! Zehntausend Menschen haben diesen Beitrag in den ersten zwei Tagen gelesen und ich weiß nicht mehr, wie viele mir geschrieben haben. Durch eure Zuschriften und euer Feedback erst ist mir klar geworden, was ich will. Nicht nur, was ich nicht will!

Ich möchte Leserbindung. Ich will nicht zehntausend Leser binden, ich wünschte mir, einige würden mich begleiten. Aber dafür länger und nachhaltiger! Ich will mit euch alt werden. Unsere Themen werden wachsen und sich verändern wie unsere Kinder und ich will auch mehr Teil eurer Welt sein und wissen, was da los ist. In eurer Welt.

Und ich frage mich: In einer Zeit, die immer distanzierter wird und wo es Benimmregeln für den optimalen Körperabstand während eines Gespräches gibt und das Internet zur räumlichen Distanzierung beiträgt, kann es da selbst die Lücke schließen, dieses Internet?

aus: „Wunder wirken Wunder“ von Eckart von Hirschhausen

Ich möchte Menschen berühren. Das ist, was ich will. Dass ich das mit meinen Worten schaffen könnte, hätte ich nicht gedacht. Dass das auf diesem Weg hier möglich ist, auch nicht. Ihr aber habt behauptet, ich könnte das und nun habt ihr den Salat!

Ich mache mir seitdem Gedanken, wie weit ich gehen will und wie weit ich gehen kann. Und wo der Weg ist (ich kann keine Karten lesen und verfahre mich auch mit Navi). Und noch habe ich keinen Plan, aber langsam den Hauch einer Ahnung.

Aber eines ist trotzdem klar: Nein, ich höre nicht auf, hier Blödsinn zu verzapfen (das wäre wider meine Natur) und es gibt noch so viele Geschichten zu erzählen (und die Jungs sorgen täglich für Nachschub). Ich erwäge nur neue Möglichkeiten zusätzlich- Vielleicht wird das jetzt ein „Komplementär-Blog“, quasi Quatsch mit Soße! Und was die Soße vielleicht sein könnte, das schreibe ich euch morgen…

 

 

Blogfamilia 2017

Wenn ihr das hier lest, sitze ich im Bus nach Berlin. Am Freitag findet zum dritten Mal die Blogfamilia statt, die größte Elternbloggermesse Deutschlands. 

Ich bin zum dritten Mal dabei und doch ist es diesmal anders. Die vergangenen beiden Jahre war ich Gast, in diesem Jahr bin ich Teil von dem „Bums“.

Die Blogfamilia wurde immer größer und aus diesem Grund hat sich Anfang des Jahres ein Verein gegründet, zu dessen Gründungsmitgliedern ich zähle, und der in diesem Jahr die Messe gemeinsam veranstaltet.

Als ich gefragt wurde, ob ich mitmachen wöllte, war ich gerührt und geehrt, steht Blogfamilia doch für mich für die Bloggerfamilie, als Teil dessen ich mich sehe. Und auch für eine Art Institution für Familienblogger und die Themen von Familie im allgemeinen. Das Sichtbarmachen derselben ist ein großes Ziel der Blogfamilia und ich bin gespannt auf die Sessions und Vorträge. Und am meisten auf „meine“ Leutchens. So viele sehe ich nur einmal im Jahr, sehe ich nur auf der Blogfamilia, es ist tatsächlich ein bisschen wie zu einem Familienfest zu fahren!

Es wird für mich anders sein in diesem Jahr, ich werde viel weniger Zeit haben zum Quatschen und auch nicht jeden Vortrag hören können und dennoch finde ich es großartig, im „Staff“-Team dabei zu sein und so meinen Beitrag zu leisten, dass alle Besucher an diesem Tag genauso begeistert und emotional angeregt nach Hause gehen, wie ich in den vergangenen Jahren. Ich lebe einfach den Gedanken dahinter und träume großartige Träume, davon, was entstehen könnte, wenn man die energy der schreibenden Eltern kanalisieren würde! Und ich träume davon, dass wir uns wirklich als Gemeinschaft, als Familie sehen. Und zwar als eine gute, in der man sich zuhört und unterstützt. Und sich unterstützt fühlt.

Hier hab ich noch mal was rausgekramt, was ich im vergangenen Jahr im Nachgang verbloggt hatte.

Ihr könnt die Blogfamilia 2017  via Instagram verfolgen. Oder auf Twitter. Und wenn ihr selbst als Besucher vorort seid und wir uns bisher noch nicht persönlich kennengelernt haben, sagt „Hallo Nieselpriemchen!“ oder drückt mir hemmungslos einen feuchten Schmatz auf die runzlige Stirn, je nach Temperament. Ich freu mich, kannste glauben!

Berlin, isch gomme! 🙂

 

Ich und Ihr, ein fettes Wir

Ich und Ihr, ein fettes Wir

Ihr macht mich fertig. Und glücklich! Ihr habt mich so mit Liebe und Zuspruch und warmen Worten überhäuft, ich kann gar nicht mehr alle Kommentare kommentieren, so viele sind es… Seid gewiss, ich freue mich über jedes einzelne Wort so so sehr!

Ihr habt mich die Definition von „social media“ verstehen lassen und dass das WWW ausgesprochen „Wow! Wow! Wow!“ heißt. Danke Euch allen. Ihr seid das größte Geschenk dieses komischen Internets. Und das Schönste.

Kulturtipp – Mixtape mit Philipp Richter

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Es gibt ja Leute, die stehen auf Mister Big oder Bradley Cooper oder den brettharten Pitt.

Ich bin da anders, ich stehe auf Philipp Richter! Also eigentlich auf sein Alter Ego Tim Herzbergeraber da die beste Show der Welt leider so selten aufgeführt wird, gucke ich mir halt aus schierer Verzweiflung einfach alles an, was der lustige, wandelbare Philipp sonst noch auf seine langen Beine stellt.

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Und jetzt also Musike. „Mixtape“ nennt er das kleine, feine Programm, das er zusammen mit den „Funky Beats“ und Elena Maria Pia Lorenzon (sieht aus wie Amy Winehouse, klingt so ähnlich wie Amy Winehouse, hat aber mehr Vornamen) auf den kurzen Brettern der Kleinen Bühne im Boulevardtheater Dresden gibt. Die großen Hits der Achtziger und Neunziger live auf der Bühne. Lohnt sich das? Nu klar.

„Pampelmuse“, die kleine Bühne im Boulevardtheater bietet Platz für etwa einhundert Leute und ist somit ein intimer, passender Rahmen für eine Show, die sich insofern von beliebigen Achtziger-Neunziger-Musik-Liveshows abhebt, als dass zum Einen Philipp Richter mitmacht und diese Show so gestaltet, wie eben nur Philipp das kann und zum Anderen ist dieses private Ambiente ein würdiger Rahmen für die vielen Anekdoten und Geschichten, mit denen die einzelnen Songs anmoderiert werden. Vom Mischen der Kassetten für die erste große Liebe über Entscheidungen zu Körperpiercings (Lenny Kravitz´Schuld), Trennungen, Herzschmerz. I want to get away, I want to fly away. Und alle im Kleinen Saal breiten die Arme aus und grölen mit.

So werden die Träume, Sehnsüchte und das Lebensgefühl einer ganzen Epoche komprimiert und fühlbar noch einmal aus den Erinnerungskisten der einzelnen Besucher geholt. Knocking on Heavens Door und der Saal brüllt mit ausgestreckten Armen im Chor:

„Nag-nag-nagging on Häwens Do-hoor!“

Ob er mit verrauchter, trauriger Whiskystimme (Gänsehaut!) Rio Reiser mimt oder mit unschuldiger Bubi-Attitüde Quit playin´games with my heart singt, Philipp Richter beweist, dass er außer in den komischen Rollen die Bühne auch mit Gesang rocken kann und selbst wenn mein ganz persönlicher Soundtrack dieser Zeit anders klang, so erlebe doch auch ich eine Art Flashback.

Getragen durch die Töne aus dieser Zeit reise ich in den drei Stunden, während sich Philipp, Elena und die Band ihr Herzblut aus der Seele spielen, zurück. Höre in meinem Kopf andere Songs, fühle Liebeskummer, von dem ich annahm, ihn unmöglich überleben zu können. Ich denke an sehnsuchtsschwangere Jugendjahre, die begleitet wurden durch The Cure, Depeche Mode, U2, the art of noise, Kate Rush, Annie Lennox, The Cranberries. Später sogar die frühen Werke von Rosenstolz und immer wieder schrammel-schramm-Gitarren. Bass, Bass, ich brauche Bass.

Es funktioniert. Die Stimmung ist großartig, mitreißend. Schon vor der Pause habe ich wie alle anderen die Arme oben und belüfte die Achselhöhlen. In der Pause kamen sogar noch ein paar schick angezogene ältere Damen gucken, wer denn da im Theater solchen Krawall veranstaltet. Außerdem ist die Schlange am Klo doch so lang! Da kann man doch auch mal die im Kleinen Saal ansteuern. Und überhaupt, was ist da los hinter dem goldenen Vorhang…

„Gerda, komm da raus, hier sind wir falsch! Das ist hier das Mixdäb mit dem Philipp Rischtor. Mir müssen links rum! Guggema, nur junge Leute mit Battrie-Zickretten und Stühle haben die auch nicht. Komm Gerda, ich brauch noch ein Rotkäppchen. Es bimmelt gleich wieder!“

Nach der Pause Roxette, Philipp Poisel, Guns´n Roses und die Fantas. Das bärtige Hiphop-Kind, das ich geheiratet habe und das mich vor zwanzig Jahren schon zu den Bong-schnorchelnden Klängen von Wu Tang Clan im Trabi flachgelegt hat, spendet frenetisch Applaus dafür.

Linda Perry und die four non Blondes durften natürlich nicht fehlen, also setzte sich Philipp Haare und einen Hut auf und so klang das dann:

Hach, es war schön!

Im Anschluss an jede „Mixtape“-Show legt Philipp zusammen mit Franz Lenski, einem der drei Companeros aus der Tim-Herzberger-Show zum Schwof im Foyer auf. Wer noch kann, der kann noch. Tanzen, hüpfen, mitgrölen.

Karten für die Veranstaltung im Dresdner Boulevardtheater gibt es hier. Es sind auch Auftritte in Chemnitz und anderswo geplant. Gebt doch der Show bei Facebook ein Like und lasst Euch informieren, wann es sich lohnt, den Babysitter zu buchen. Und wenn der Philipp wieder den Tim Herzberger gibt, kommt ihr alle mit mir hin, in Ordnung?

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Ein Lätzchen für große Kleckerfritzen

Ich weiß nicht genau, ob der Blondino für seine drei Jahre sehr groß ist oder sehr ungeschickt beim Essen, jedenfalls gehen ihm die handelsüblichen Lätzchen (Und er braucht dringend eines zum Essen, oh ja!) bis knapp unterhalb der Brust und sind damit deutlich zu kurz für unseren Bedarf. Gefühlt landet die Hälfte des Essens im Schoß.

Ich habe aus einem ausrangierten Badehandtuch Kleckerlatze genäht und da die nicht nur superschnell zusammengefummelt waren, sondern auch den Praxistest mit Bravour bestanden haben, möchte ich diese Idee gern mit euch teilen.

Ich habe ein Badetuch mittig gefaltet und ein handelsübliches Schlupflätzchen als Schnittmustervorlage verwendet. Als erstes habe ich um das Lätzchen herumgeschnitten und habe die gesamte Länge des halbierten Badetuches ausgenutzt.

Aus meinem Handtuch entstanden so vier Lätzchen-Rohlinge.img_4625 Als nächstes habe ich oben mittig etwa fünf Zentimeter eingeschnitten und unterhalb ein Loch für den Kopf ausgeschnitten. Ich habe dafür aus schierer Faulheit eine Müslischale als Maß verwendet, sie hatte den ungefähren Umfang des Kopfausschnittes vom Modell-Lätzchen, das ja zumindest am Kopf gut passte.img_4636

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img_4626Danach habe ich einen Streifen Bündchenstoff unter leichtem Zug in die ausgeschnittene Öffnung genäht. img_4638 … und im Anschluss daran das „Schlupfloch“ geschlossen. Wenn ihr einen gleichmäßig breiten Streifen Bündchenstoff nehmt, wird eures auch nicht so schief wie meins. 😉img_4639-1 Als nächstes habe ich ein Zierband quer drüber genäht. Schief, versteht sich, ich konnte die Stecknadeln nicht finden! Eine hübsche Applikation wäre bestimmt auch ganz niedlich oder man könnte diese Aufbügelmotive endlich mal verarbeiten, die eh nur rumliegen in der Nähkiste…img_4640 Als letzten Schritt habe ich das ganze außen rundherum mit Schrägband eingefasst. Fertig!img_4641

img_4642Und so sieht das Handtuchlätzchen dann im Einsatz aus. img_4646

Es ist auch groß genug, dass es dem Bärtigen passen würde. Leider war der nicht bereit, sich damit ablichten zu lassen. Spielverderber!

 

Ein Kaffee für Frau Nieselpriem

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Neujahr

Neues Jahr, alter Scheiß. Und ich verschreibe mich jetzt bestimmt noch drei Monate lang mit der Jahreszahl! Orrrrr…

Das mit dem Neujahr ist mir ja suspekt. Ich habe niemals Vorsätze (auch oder hauptsächlich, weil ich so furchtbar inkonsequent bin) und schon der laut gesellschaftlicher Konventionen vorgesehene Start in die neue Zeitrechnung missfällt mir. Knallen (doof), lange wachbleiben (schwierig), Raketen (umweltschädliche Geldzumfensterrausschmeißerei), Hut offm Kopp (albern).

Zusammenfassend kann man sagen, bin ich also die Brot-statt-Böller-ich-geh-um-zehn-ins-Bett-Fraktion. Aber dieses Jahr, also vergangenes, hab ich mir einen Papphut aufgesetzt und an der Elbe Raketen in die Luft schießen lassen. Man muss ja auch mal mitmachen, sonst gilt man schnell als vertrocknete, runzlige, schmallippige, bärbeißerische, hobelschlunzige Spaßbremse.

Und das Blondchen hat sich so dolle gefreut, wollt ihr mal hören?

Erster Januar und um sieben war er direkt wieder in seinem Rhythmus und hellwach. Die verpeilte Grundstimmung, die sich instant in mir ausbreitete, hab ich noch immer am Hacken. Das hat man nun davon, wenn man sich einmal die Nacht um die Ohren schlägt!

Am zweiten Januar stand ich morgens halb neun mit dem Hosenscheißer vor der dunklen Kita und langsam dämmerte mir irgendwas mit „Schließtag“. Mist. Arbeiten mit Kind, wisst ihr alle: Klappt suuuuper! Super klappte dann auch das mit dem Autoaufschließen. Batterie des Schlüssels alle, es tat sich nix. Es schneite um uns herum und da stand ich nun, Kindergartenkind links, Kindergartenrucksack rechts und voll verpeilt. Handy, Portmonnaie, alles im verschlossenen Auto.

Wir stapften dann zur nächstgelegenen Autowerkstatt und bescherten dem Mechaniker Vorort seinen Moment des Tages. Mindestens:

Ich erklärte, dass mein Schlüssel Saft bräuchte oder ich einen Mann mit Dietrich, der mein Auto aufmachen tun müsste sollen. Er glotzte mich daraufhin so grenzdebil an, wie mein Ansinnen offensichtlich war. Vermutlich glaubte er sich in einer Folge von „Verstehen sie Spaß?“. Er konnte ja nicht ahnen, dass ich „Neujahr“ habe und tatsächlich so verpeilt bin, wie es den ganz und gar offensichtlichen Anschein hatte. Sehr langsam und bemüht ernst klärte er mich darüber auf, dass „Schlüssel“ bedeuten würde, es gäbe auch ein Schloss! Reinstecken, umdrehen.

Das hatte ich ja noch nie gehört! Stur und verpeilt erklärte ich ihm, ich würde das Auto wirklich und ausschließlich schon immer mittels Knopfdruck öffnen! Und mein Auto hätte gar keinen Schlitz! Also das wüsste ich ja wohl!

Der Autofachmann behielt einen Schluck Restruhe und schickte mich mit dem Kindergartenkind wieder raus in den Schnee. Ich sollte gucken, ob mein Auto wirklich keinen Schlitz hätte und wenn ich tatsächlich und wirklich ein Auto ohne Schlitz haben sollte, dann, und nur dann, also dann dürfte ich wiederkommen und er würde sich ein Bärenfell über die Schultern werfen und mit mir zum schlitzlosen Auto kommen!

Ich bin nicht wieder zurückgegangen zur Werkstatt. Ich bin nach Hause gefahren. Im Auto. Und ich möchte nicht mehr darüber sprechen! Nein, wirklich nicht…

Den Tag darauf hatte ich noch immer Neujahr. Morgens ging es noch, außer dass ich nicht in die Hufe kam, mein Frühstück zu Hause vergessen habe und das Kind erst nach seiner Frühstückszeit abgeliefert. Das kann man unter Startschwierigkeiten verbuchen! Ich habe dann im Büro gerammelt, weil ich mittags schon wieder wegmusste – dringendster Termin! Den Termin habe ich dann um eine Viertelstunde gerissen und stand schnaufend, abgekämpft und hungrig (weil keine Zeit zum Essen und Leberwurstsemmel zu Hause vergessen) im Friseursalon meines Vertrauens, mich ausschweifend und mit fuchtelnden Armen entschuldigend, dass ich zu spät komme.

Aber was war das? Warum guckten die denn so seltsam?

Wie, morgen! Ich bin doch heute bestellt! Heute ist doch der vierte! Nein? Nicht? Ach Mist! Scheiß Neujahr…

Damit ich ab sofort meine Verpeiltheit in den Griff bekomme, besorge ich mir schnellstmöglich einen Kalender. Und guckt mal hier, was ich bei Theblogbook gefunden habe:

Kostenlos, zum Ausdrucken. Handgezeichnet und wunderschön! Ich gehe jetzt dickes Papier für den Drucker besorgen.

Und heute ist der vierte, oder? Da hab ich dann gleich noch einen Termin. Glaub ich zumindest. Nur, was war noch gleich am vierten?!

 

Tschüss!

Aber nur für den Rest des Jahres! 🙂img_4272

Wir ziehen übermorgen um und ich schreibe, während ich zwischen Kisten sitze und mein Geklacker widerhallt an den leeren Wänden.

Wir ziehen nämlich ins Weiße Haus. Wusstet ihr nicht? Ist aber so. Als ich dem Blondchen erklärte, dass wir alle Sachen einpacken um sie in einem großen Haus wieder auszupacken, sagte er: „Das ist ein blaues Haus!“, ich verneinte. „Das ist ein grünes Haus!“. Wieder falsch.  Als wir dann vor dem Haus standen, stellte er verblüfft fest: „Es ist das weiße Haus.“. Deshalb.

Und weil ich nicht weiß, wann wir denn im weißen Haus wohnen werden, also so richtig mit Schreibtisch und Internet und allem, was sonst überlebensnotwendig ist, verabschiede ich mich schon mal von euch. Wer wissen will, wie das so weitergeht mit dem Kistenchaos und ob Frau Nieselpriem wirklich einen Tag nach dem Umzug einen Weihnachtsbaum aufstellt, besucht mich am besten bei Instagram.

Habt wunderbare, besinnliche Feiertage voller „Mätschik“ und auf Wiedersehen! Auf Wiederlesen! Ich komme auf jeden Fall wieder, ihr auch?

Ich freu mich auf euch. Bis bald.

Eure Rike

Adventskalender und andere Schokoladenkrisen

Nächste Woche ist es soweit. Und sie werden sehnsüchtig erwartet. Die Adventskalender!

Und ich bin froh, wenn ich die dann endlich aufstellen kann und sie nicht mehr meinen Kleiderschrank verstopfen. Dass ich die Adventskalender bis zum ersten Dezember verstecke, ist leider nicht optional und ja, ich wäre auch froh, wenn es anders wäre…img_41371

Man könnte meinen, in dieser Familie herrscht Schokoladen- oder gar generelles Süßkramverbot, so wie die Jungs sich gebährden. Dem ist mitnichten so! Hier gibt es immer eine differenzierte Auswahl an mengenmäßig einem Großhandel Ehre gebietend Zuckerzeug. Immer! Schon, weil ich das Zittern bekomme, wenn nicht wenigstens dreihundert Gramm Milka Vollnuss irgendwo gebunkert sind. Für den Notfall.

Ich muss das Zeug auch bunkern, weil die anderen mir alles wegfressen. Heute erst wollte ich zwei Tafeln Kinderschokolade aus der Bevorratung holen. Dort lag ein Fünferpack, dessen war ich sicher. Es lagen auch noch fünf Verpackungen darin, in jeder ein einzelner Riegel.

Wutschnaubend habe ich damit vor dem pubertären Übeltätergesicht herumgefuchtelt und wisst ihr, was der zu seinem Fehlverhalten zu sagen hatte? „Die waren da, also habe ich sie gegessen!“. Aha.

Ich sag nur: Der ganze Vater! Der verkündete mir auch mal, ihm sei furchtbar übel und ich sei schuld. Weswegen, fragt ihr? Na, das ist doch ganz klar: Weil ich immer die Schokolade im Dreihundertgrammformat kaufe und er dann deshalb immer viel zu viel davon isst! Und ich wüsste doch, das verträgt er gar nicht gut! Mea culpa. Sinnlos zu erwähnen, dass ich die Schokolade eigentlich kaufe, weil ich (!) zum Zeitpunkt der Kaufentscheidung Appetit darauf habe und mich wider besseren Wissens oft Tage später auf ein Stückchen freue.

Zu spät. Alles, was irgendwo an Allgemeinplätzen gelagert wird, wird gnadenlos weggefressen! In Mengen, da wird mir schon beim Gedanken daran übel.

Unnötig zu erwähnen, dass die Adventskalenderei gerade recht kommt. Endlich mal wieder Schokolade! Und unnötig zu erwähnen, dass ich drei Kalender kaufen muss (ja, kaufen, dazu gleich mehr), ich habe ja auch drei bedürftige Kinder.

In einem der vergangenen Jahre habe ich mal für das bärtige meiner Kinder einen indiviuellen Adventskalender „gebastelt“. Es war eine Schale, die ich jeden Tag für ihn mit Kleinigkeiten bestückt habe. Teebeutelchen mit Botschaften, kleine Liebesbriefe, Traubenzucker, sowas eben. Wühlt der jedesmal in dieser liebevoll bestückten Schale, wirft alles raus und sagt: „Und wo ist die Schokolade?“.

Ich kaufe. Ich bin ein Käufer. Hier werden drei mal vierundzwanzig Portionen braunes Zeug, bestehend aus Zucker, Kakao, Milchpulver und Fett erwartet und eingefordert. So ist das bei Nieselpriems!

Ich erinnere mich an das erste Kitajahr des Großkindes. Am ersten Dezember kam ich nachmittags in die Kindereinrichtung und wurde wutschnaubend von der alten Genossin Kindergärtnerin erwartet: „Siiiie! Also siiiiie!“ (Ihr mächtiger Busen bebte und ihr behaartes Kinn zitterte; und ich hatte Angst), „Iiiihr Kind! Also iiihr Kind hat!“ (sie schnappte und schnaufte um Luft bemüht), „Ihr Kind hat einfach den Gruppenadventskalender leergegessen! Alles! Leer!“.

Liegt offensichtlich in der Familie…

Und der Kleinste, also bei dem ist auch Hopfen und Malz verloren! Ich hatte dem mal eine kleine Tüte Gummibärchen in eine seiner winzigen Mülltonnen geladen, damit er damit das Müllauto bestücken könnte. Und natürlich auch, um zwischendurch zu naschen. Dann waren die alle. Da dachte ich, ok, dann beladen wir eben das Müllauto mit Kastanien! Es war Frühherbst und die waren zuhauf vorhanden, weil wir von überall welche mitbrachten. Und ja, sie schienen ihm auch geschmeckt zu haben…

Aber was rege ich mich auf. Könnt ihr euch erinnern (irgendwo habe ich schon mal darüber gebloggt), mich sprach mal die Mutter einer Schulfreundin an und sagte: „Ach Rike, wenn ich dich sehe, muss ich immer daran denken, wie du ständig bei uns vor der Tür standest und gesagt hast, Frau Bleul, ham sie was Süßes für mich? Ich nehm auch´n Zuckerwürfel! Und, ist die Gabi da zum Spielen?“.

Sag ich doch, liegt alles in der Familie!

Erste Male-Wochenende in Bildern #wib

Auf dem Balkon steht eine Schale angeknackte Walnüsse und jeden Morgen erfreue ich mich an den Meisen, die sich an den Walnüssen erfreuen.

Meine Oma hat zeit ihres Lebens im Winter die Meisen mit Nüssen gefüttert und ich erinnere mich, dass sie mir erzählt hat, dass ein paar ganz vorwitzige sogar zur Balkontür hereingeflogen kamen, wenn sie Nüsse knackte, um bloß nicht warten zu müssen! Soweit ist unsere Zuneigung hier aber noch nicht.

Allerdings ist die Schüssel binnen weniger Tage leer, was zum Einen daran liegt, dass ich mir hier auch seltsame große und entsprechend gefräßige Taubenvögel angefüttert habe und zum anderen, dass meine gefiederten Freunde und ich dringend mal über Esskultur sprechen müssen. Die setzen sich in den Trog und schmeißen vor lauter Fresslust die Hälfte der Nüsse und Schalen aus der Schüssel oder stopfen sich die Schnäbel voll und versuchen erfolglos, damit abzuzischen, wobei sie dann zwei Drittel ihrer Beute bereits beim Start verlieren! img_4064

Der Mann hat mir aufgetragen, Spachtel im Baumarkt zu besorgen. Teurer Fehler! Kennt ihr den Teelicht-Effekt? Das ist, wenn du wegen Teelichtern zu Ikea fährst und die dann fuffzig Euro kosten. Tja, Spachtelmasse für siebzig, sage ich nur…img_4084

Nach dem Baumarkt habe ich etwas getan, das ich noch nie zuvor gemacht habe: Ich bin allein im Wald spazieren gegangen. Nun gut, nicht Wald, eher Wäldchen, weil ich leider über den Orientierungssinn eines Einzellers verfüge, aber immerhin.img_4087

Überall lagen ganz liederlich Birkenäste herum, ich hab da mal aufgeräumt! Die stelle ich zu Hause in einen Emaille-Eimer und fülle den mit Steinen. Das wird dann mein Jahreszeitenbaum und ich kann da so Dekodingsbumse dranhängen. Aber zuerst muss ich das Zeug irgendwie aus dem Wald zerren…img_4089

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Der Ginster muss auch dringend mal verschnitten werden! Wie das dort aussieht! Also ehrlich.

Mist, ich habe keine Schere mit, dann muss es eben so gehen… img_4090

Immer wieder drehe ich mich (behäbig, aufgrund den Waldunrates, mit dem ich mich beladen habe) um, aus Angst, der Förster käme geritten um mich übers Knie zu legen. Ich verstehe schon, wie das aussehen muss, aber ich räume doch nur auf in diesem Wald. Muss ja mal gemacht werden!

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Los. Fall. Runter. Jetzt!

Seit Wochen regnet es und meine Füße qietschen, schmatzen und glucksen auf dem Waldboden. Zapfen hätte ich gern gesammelt, die sind aber aufgrund des Wetters modrig.

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Hallo du Hübscher, willste mitkommen und mein Weihnachtsbaum sein?

Und wie ich so durch den Wald quietsche, schmatze und gluckse, merke ich, dass ich lächle. Nicht so ein kleines Schmunzeln, eher ein Ganzgesichtsgrinsen. Schön hier. Mit mir.

Warum mache ich das nicht öfter? Hm, schon klar, immer irgendwelche Themen im Kopf, keine Zeit. Abgelenkt durch die Ansprüche der Familie oder meiner eigenen im Familienkontext. Aber während ich so stapfe, denke ich. Ich denke einfach, was so an Gedanken kommt und das sind ganz persönliche, keine Gedanken, die zweckgebunden oder zielorientiert wären. Ich verbringe Zeit mit mir. Und eigentlich ist es auch ganz spannend, was ich mir so zu sagen habe! Erstaunlich.

Und auch die ganz großen Fragen kommen. Was ist Glück, wo komme ich her, wo gehe ich hin. Moment mal! Wohin gehe ich hier eigentlich?! Und wo bin ich überhaupt? Kein Mensch kann sich in einem drei Meter breiten Waldstück verlaufen!

Doch. img_4095

Zurück in der Zivilisation.

Die letzten Gartentomaten zu Sauce verkocht. Ich glaube, das ist auch das erste Mal, dass ich noch im November Freilandtomaten geerntet habe. Grün natürlich, die mussten zum Reifen auf einem Backblech unter den Schrank. Aber welch dekadenter Luxus! Im November Tomatensauce aus frischen Tomaten. War lecker.img_4105

Keller ausgemistet, weil wir ja umziehen. Nimmt kein Ende! Wem gehört denn das alles? Und warum?img_4058

Sonntags ist Besuchszeit im Vater-Kind-Kurheim.

Und so wurde erwartet, dass der junge Mann und ich einen Besuch abstatten im Bärtiger-Blondino-Kurheim. Ich persönlich hätte noch eine Woche ausgehalten (optimistische Prognose), aber der Mann schien sehr an Sehnsucht zu leiden und der Blondino guckte auch immer so komisch in die Handykamera beim abendlichen Skypen…

Und so fahren der Junge Mann und ich stundenlang in der Gegend herum, bis wir irgendwann im Gebirge ankommen.

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Wir spazieren. „Wenigstens ist heute schönes Wetter!“, sagt der Bärtige durch den Mundschlitz in seinem Polar-Outfit, während ich mir das Mitteltiefgrau am Himmel ansehe und ein eisiger Wind mir ungefragt in den Schlübber fährt (Wenigstens einer am heutigen Tag. Gelegenheit macht zwar Liebe, aber bei diesen Temperaturen braucht man auch eine beheizbare räumliche Gelegenheit. Und außerdem eine Kinderbetreuung! Ach, komm, vergiss es… ).

In stockdunkler Nacht (also kurz vor sechs) verabschieden wir uns und ich verspreche, wiederzukommen. Ist so schön… grau hier. Nächsten Sonntag? Ja, Schatz, na klar.
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Während ich nachtblind versuche, den Heimweg durch den finstren Wald zu finden, sinniere ich darüber nach, dass ich den heutigen Tag im Auto verbracht habe um Mann und Kind zu sehen. Und ob das verhältnismäßig ist. Sechs Stunden Fahrt für zwei feuchte Küsse und das Halten einer Lolli-verschmierten Kleinkindhand?

Ja!

Und so habe ich an diesem Sonntag etwas gemacht, das ich das letzte Mal vor mehr als zwanzig Jahren getan habe. Und auch damals sehr widerwillig. Ich bin alleine und mit voller Absicht auf eine Autobahn gefahren.

Es gibt Menschen, die meinen, in einem Fahrstuhl zu ersticken oder an plötzlichem Herzstillstand zu sterben, wenn sie von einer Spinne berührt werden. Ich habe Todesangst auf der Autobahn. Genaugenommen seit dem Unfall meines Vaters vor sechsundzwanzig Jahren und dabei tut auch gar nichts zur Sache, dass dieser auf einer Landstraße ums Leben kam. Angst ist niemals rational.

„Komm Mädchen, du hast den Schlüssel, das Lenkrad und die Kontrolle. Und neben dir deinen schlaksigen Sohn. Du bist erwachsen, verantwortlich und du kannst das! Links ein weißer Streifen, rechts ein weißer Streifen. Du fährst einfach stur in der Mitte durch. Kein Reifen wird platzen, kein LKW dich in die Leitplanke drängen. Heute wird niemand sterben.“

Was soll ich sagen, ich bin hier! Und schreibe das nieder. 🙂

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„… Alles kannst du, will´s die Liebe!“

 

 

Mehr Wochenenden in Bildern gibts hier.

Immobiliengedanken

Wir ziehen um.

Die Unterschriften sind unter Verträge gesetzt, Malerfirma, Umzugsunternehmen, Trockenbau, alles irgendwie schon halb organisiert. Ein Nachmieter für die alte Wohnung gefunden, ein Käufer für unseren Garten… Es stehen größere Veränderungen an.

Vor sechs Jahren sind wir nach Pieschen gezogen. Und ja, ich wusste, es ist laut hier! Es ist dreckig! Aber auch authentisch, ehrlich. „Pieschen hat was.“, das sagen die, die hier leben. „Ja, Glasscherben und Hundekacke!“, sagen die, die woanders leben. Ich mochte es hier.  Aber nun zieht es uns weiter.

Uns zieht es immer irgendwann weiter. Also speziell mich! Der Freund meiner Mutter führt Buch über mein Umzugsverhalten, ich muss den mal fragen, wie der aktuelle Stand ist. Ich schätze, das wird mein neunzehnter Umzug. Wenn ich mich nicht verzählt habe…

Andere Leute sparen auf Urlaube, ein Eigenheim, einen Lotus. Ich ziehe regelmäßig um. Deshalb werde ich niemals Reichtümer besitzen. Das betrifft natürlich auch meinen Mann, da hat er wirklich Pech. Augen auf bei der Partnerwahl, sage ich da nur!

Mein Mann. Gutes Stichwort. Ich denke oft an den Bärtigen und an mich, an uns, jetzt, in den stürmischen Zeiten des Listenmachens, Planens, Rumorganisierens. Ich denke daran, durch wieviele Wohnungen, an wievielen Nachbarn vorbei uns unsere Reise bisher geführt hat. Viele unserer ehemaligen Nachbarn sind nach wie vor Freunde. Wenn wir nicht so oft umziehen würden, hätten wir die nie kennengelernt!

Begonnen hat alles vor fast zwanzig Jahren, als der Bärtige (damals sehr jung, sehr schlank und sehr glattrasiert) zu mir zog in meine kleine Dreizimmerwohnung. Ohne Balkon, am Busbahnhof. Dann, wir hatten schon über unsere gemeinsame Zukunft gesprochen und Fortpflanzungspläne, zogen wir in eine größere Dreizimmerwohnung. Genossenschaftswohnung, PVC-Bodenbelag, immerhin mit Balkon. Und das Sozialamt war gleich nebenan, das einen Teil der Miete übernahm. Er war Student, ich gleich darauf in Elternzeit. Jeder hatten wir einen Nebenjob. Vor allem hatten wir immer ein volles Haus und ja, Sorgen auch, aber nur kleine. Das Geld ist schon wieder alle! Wie kann das sein? Äh… weiß ich auch nicht. Es ist ja nicht weg, es hat jetzt nur jemand anderes, also reg dich nicht auf! Solche Sorgen eben.

Dann zogen wir in eine Dreieinhalbzimmerwohnung. Arbeiteten, heirateten, trennten uns. Zogen in zwei Zweizimmerwohnungen. Damals hatten wir wirklich Sorgen… Ich zog dann noch mal alleine mit Kind um (um in Übung zu bleiben), dann zogen wir wieder zusammen. In eine Fünfzimmerwohnung, das ist die hier in Pieschen.

Und schon damals sagten die Leute: „Menschenskinder, was wollt ihr bitte mit fünf Zimmern?!“. Wir wollten einfach Platz! Und wir hatten am Anfang ein leeres Zimmer, unser „Hoffnungszimmer“.

Seit reichlich drei Jahren ist dieses Hoffnungszimmer nun bewohnt. Wir haben keinen Platz mehr.

Das mit dem Platz ist seltsam. Wir haben uns schon quadratmetertechnisch verdoppelt seit Anbeginn unseres Zusammenlebens, aber weil wir immer mehr werden und immer mehr Erinnerungen und Leben und Dinge haben, brauchen wir auch mehr Raum! In Zeiten, wo alle von simplify-dein-irgendwas reden, bin ich eine Bewahrerin. Von Klamotten und Schuhen kann ich mich gut trennen, nicht aber von Kinderzeichnungen, gebastelten Ding-sen, Faschingskostümen (voller Erinnerungen) und so weiter. Erinnerungen an die Kinder, Erinnerungen an unsere Familie. Kistenweise Fotos von Urlauben, Ausflügen, Schuleinführung (Ja, auch die Zuckertüten habe ich noch, natürlich! Und alle Milchzähne.), Weihnachtsfesten. Fotos im Kreissaal, das erste Kind ohne Zähne, mit Milchzähnen, mit Zahnlücken, mit Zahnspange. Schätze.

Okay, eine gewisse Sammelwut lässt sich mir nicht absprechen! Ich kann noch nicht mal getrocknetes Gras aus dem Osternest wegschmeißen. Man kann doch damit irgendwas basteln! Oder dekorieren! Und ist nicht das dieses „nachhaltig“, von dem immer alle reden? Na also.

Wann denn genau der Gedanke aufkam, dass es jetzt ein Haus zur Miete sein soll, weiß ich gar nicht. Seit Anfang des Jahres haben wir erst lose, dann zunehmend mit mehr Engagement und am Ende regelrechter Vehemenz, gesucht. Es gab Wochen, da habe ich mit fünf Hausangeboten und Maklern um Besichtigungstermine jongliert und die versucht, in unsere Kalender zu integrieren.

Wir haben ziemlich kuriose Sachen erlebt. Von verdreckten, abgeranzten Buden mit schimmligen Fenstergummis („Das ist kein Schimmel, das muss nur mal geputzt werden!“), über dreiste Makler („Was wollen sie? Über die Grundmiete reden? Ich wusste gleich, dass sie sich dieses Haus nicht leisten können!“) bis hin zu seltsamen Besitzern („Ich habe sie gegoogelt!“, anstatt eines „Hallo, guten Tag.“, „Sie sind doch die mit dem Blog, oder?“). Bei einem Haus wurde uns mitgeteilt, der Besitzer wünschte nach einem ersten Auswahlverfahren alle Bewerber persönlich kennenzulernen um nach einem Gespräch sich dann für einen Mieter zu entscheiden. Assesment center für Mieter, man glaubt es nicht (Das betreffende Haus steht im übrigen immer noch leer).

Wir haben ein Haus gefunden.

Oder das Haus uns. Denn ehrlich gesagt, hat es wohl auf uns gewartet. Meine Freundin hatte mir schon vor Monaten einen Link zum Exposé geschickt. Es kam damals nicht in Frage. Während der ganzen Zeit der Suche hat sich auch erst herauskristallisiert, was wir suchen! Und unsere Vorstellung von dem Haus, das es dann sein soll, sich auch sehr verändert. Das war spannend zu erleben. Und manchmal schien es, als würden wir niemals ein Haus finden, das uns beiden gefallen könnte. Wir haben gestritten, gefeilscht, argumentiert und manchmal einfach geschwiegen. Und uns am Ende gemeinsam entscheiden.

Vor einigen Tagen war ich zum Messen im zukünftigen Haus.

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Ich stand auf dem leeren Dachboden, der irgendwann unser Schlafzimmer sein wird. Achtzig Quadratmeter, so groß waren manche Wohnungen nicht, in denen wir zu dritt gewohnt haben, und habe an uns gedacht.

Ich bin durch das Haus gegangen, voller Vorfreude. Auf den Trubel, auf das Neue, das in diesem Haus passieren wird. Auf uns. Hier drin. Und dass ich mich zum ersten Mal in meinem Leben auf etwas einlasse, das ein „wir“ braucht.

Denn: Für mein persönliches Freiheitsempfinden hatte ich stets im Leben die Maxime, mir nie mehr aufzuhalsen, als ich auch allein würde tragen können. Kinder, Arbeit, Schulden.

„Freedom is just another word for nothing left to lose“ (Janis Joplin)

Nun, die Mietbelastung für dieses Haus wird keiner von uns beiden alleine tragen können! Das ist ein Fakt, das ist nichts, worüber wir sprechen würden. Sprechen müssten. Und so ist unser beider Unterschrift unter dem Mietvertrag für dieses große Haus mit viel Platz für Neues auch ein weiteres Bekenntnis zueinander. Ja, ich will mit dir weiter zusammenleben! Größer, weiter, ohne Netz und doppelten Boden. Nach dem Umzug und den Umbauten pleite vermutlich, aber he, lass uns das machen! Ein neues Nest für unsere Familie. Du und ich. Wir.

Schön.

Die“dünne Dschudiff“ oder: Rezension eines Debütromanes

Die“dünne Dschudiff“ oder: Rezension eines Debütromanes

Als der Typ vom Familienbetrieb ankündigte, ja, jetzt gäbe es in Bälde ein Buch, dann tönte meine Stimme im Aufschrei der Tausenden durchs Internet: „Das wurde ja auch endlich mal Zeit!“.

In acht Teilen wurde dann das Making of deklamiert und ich jieperte und freute mich vor, denn ich erhoffte mir zurecht Lesegenuss vom Allerfeinsten! Und wenn schon das „Machen“ in acht Teilen beschrieben würde, dann stellt sich doch das Familienbetriebsepos ganz sicher dicke neben so Wälzer wie „Krieg und Frieden“, „Anna Karenina“ oder „Die Elenden“. Da war ich ganz sicher!

(Gut, der Debütroman wurde auch kein lustiger Reiseführer über die Bretagne, bereits da irrte ich mich, aber weitere Überraschungen plante ich nicht ein.)

Dann kam das Buch. Und ich schrie auf!

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Denn: Es ist… dünn!

Hoffte ich berechtigterweise, ein Werk von Proust´s Umfang des „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ (5260 Seiten) oder Musil´s „Der Mann ohne Eigenschaften“ (2172 Seiten) bald mein Eigen nennen zu dürfen, hatte ich nun ein Appetithäppchen, das kaum mehr Worte enthielt als ein durchschnittlicher Essential Unfairness– Blogpost! 😀

Gut, nach Hanne´scher Tradition und Schreibstil wurden konsequent die Personalpronomen am Satzanfang weggelassen, womit eben so manch anderer Autor seine Bücher füllen muss. Christian Hanne braucht das nicht!

Weil wir gerade bei Eigenschaften sind: Über den Inhalt gibt es völlig un-überraschenderweise nur Gutes zu berichten. Also Menschen und Leute wie du und ich, die die in Bits und Bytes gekratzten Worte des Autors seit Anbeginn des Internets inhalieren, kommen auf ihre (kurzen) Kosten. Es wird sich nicht mit Geplänkel aufgehalten, das erste Wort des Buches ist: „Shit!“, soviel darf schon mal verraten sein. Souverän, zackig geht es weiter, wir haben  ja noch was vor. Und nur noch hundertsiebzehn Seiten übrig!

Ein Bonmot jagt das andere, meine innere Glückseligkeit macht sich beim Lesen ein Bier auf. Kennen sie den schon?

„… von dem Mann, der bei seiner goldenen Hochzeit gefragt wird, welches die schönste Zeit seiner Ehe war und der antwortet, die sieben Jahre in russischer Gefangenschaft…“ (geklaut aus: „Wenn es ein Junge wird, nennen wir ihn Judith“)

Munter geht es weiter, die Worte, Sätze flutschen nur so raus. Hüllen mich in fröhliches Grinsen-Grunzen vom Anfang bis zum Ende.

Mein neuer Lieblingswitz beginnt im übrigen so: „Kommt ein Kommunikationsberater ins Geburtshaus… „. Den versteht jetzt allerdings nur, wer a) weiß, dass der Herr Hanne nach eigenen Angaben als Kommunikationsberater arbeitet und b) das dünne Buch gelesen hat.

Zum Buchtitel noch eine wichtige Anmerkung: Ziemlich früh wird auch das allgemeine Missverständnis aufgelöst, es könne sich im weiteren Verlauf der Geschichte um einen Jungen namens „Judith“ handeln. Nein, „Dschudiff“! Man spricht es englisch aus.

Ein Weglegen des Buches ist nicht möglich (das hatte ich befürchtet), bis man das blöde dünne Buch in anderthalb Minuten eingehechelt hat! Der perfide Autor hat erreicht, was er wollte: Ich bin angefixt! Ich will mehr! Was ist denn mit „Herr Hanne beim Kinderarzt“, „Herr Hanne bei der Eingewöhnung“ oder: „Herr Hanne und die Babybreimafia“?!

Aber da ich als echtes Fangirl weiß, dass der Familienbetrieb sich durchaus schon mehrmals erfolgreich vergrößert hat, bleibt zu hoffen, dass Band zwei bis vierzig demnächst folgen werden.

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Für wen eignet sich dieses Buch? Wer sollte dieses Buch kaufen? Für alle. Alle. (Kinder, heute auch schon an Weihnachten denken!)

Denn, die „dünne Dschudiff“ kann, was Goethes´s „Dichtung und Wahrheit“ niemals wird können können (können können können… übrige Worte können im Sinne der Nachhaltigkeit gern weiterverwendet werden. Können.). Also, was kann es?

Taschenbuch war gestern! Hosenbundbuch ist up to date! Die dünne Dschudiff kann man im Schlübber nach Timbuktu schmuggeln, ohne ernsthafte Probleme beim Tragekomfort zu bekommen.

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Unschlagbar ist ihr getesteter Einsatz als Laptop-Versteckerli!

Wer kennt es nicht: Du sitzt mit deinem Laptop in einem langweiligen Meeting mit lauter langweiligen Langweilern mit Laptops, starrst auf Powerpointfolien mit sinnentleerten Graphen und hörst deine Lebenszeit sinnlos verrinnen… Das muss nicht sein! Die dünne Dschudiff passt problemlos in auch den kleinsten Laptop und hat in einem Meeting der Sinnlosigkeit eines Vortrags über Key performance inidies und earned value analyses etwas Gehaltvolles entgegenzusetzen: Christian Hannes Worte!

Also ich geh nie wieder ohne…

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Das Buch entbehrt leider jegliche Information, wann denn mit der Fortsetzung zu rechnen ist, aber ich freue mich schon mal vor und danke Christian für die wundervolle Unterhaltung mit diesem Buch. Büchlein. Ich kann ja bis zum zweiten Band den Familienbetrieb ausdrucken und mir aufs Nachttischchen legen wie alle anderen auch.

Apropos alle anderen. Alle anderen haben auch ein bis X Exemplare zur Verlosung erhalten! Ich habe leider nichts. Nur meine eigene Dschudiff, aber die steckte schon in meiner Hose…

… und ist personalisiert.

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Es gibt also hier nichts zu verlosen! Bitte hört auf, mit Eiern nach mir zu wer-feeeeen!

Das macht aber prinzipiell nichts, da ihr ja sowieso zehn Stück braucht. Wegen Weihnachten. Für die Omma, Tante Uschi, die Postfrau, die Leiterin des Geburtshauses, die Esotante im Fengshui-Laden und und und.

„Wenn es ein Junge wird, nennen wir ihn Judith“, von Christian Hanne, ist im Seitenstraßen Verlag erschienen und ist für läppische 9,90€ käuflich beim geschmackvollen Literaturdealer deines Vertrauens zu erwerben. Oder online, zum Beispiel hier.

Erntefluch und Erntedank

„Hach, so ein Garten ist ja was Schönes!“.

Höre ich andauernd. Natürlich nur von Leuten, die keinen Garten haben! Oder von Rentnern mit Garten. Oder Rentnern ohne Garten, die aber mal einen hatten. Oder von Leuten, die meinen, einen Garten zu haben, aber in Wahrheit drei grüne Handtücher um ihr Eigenheim herum bepflanzen und hegen müssen…

Ja, So ein Gemüsegarten ist was tolles. Also in der Fantasie. Die eigene Familie mit selbst gezogenem Gemüse und Kräutlein versorgen zu können und wenn man die Freundin besucht, ach, da lustwandelt man vorher mal kurz durch die bunt wogende Blumenpracht im eigenen Garten und pflückt einen superschönen Gartenstrauß zusammen als Ode an die Natur und die Freundschaft zur Freundin. Von wegen!

Meine Blumenbeete sind alle mit Tieren befallen. Klebrige schwarze Läuse! Während ich diese inspiziere, krabbeln Armadas (Plural von Armada, also vielleicht auch Armaden, Maden mit Ar- vorne dran, was weiß denn ich, viele jedenfalls!) meine Beine und Arme hoch. Beißen mich. Einen Blumenstrauß pflücke ich nicht. Gut, in den kurzen Wochen, wo der Flieder blüht, pflücke ich Flieder. Und ich pflücke Forsythie an Ostern. Und eine Woche im Frühjahr ist auch ne gute Zeit für Pfingstrosen. Aber der Traum von Blumensträußen aus dem eigenen Garten ist schon mal ein Fail.

Gemüse. Hach ja. Ernten, erntefrisch genießen und so. Toll, oder? 90% Arbeit, 10% Ernten. Das ist die Wahrheit.

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10% des Gärtnerlebens besteht aus diesem Anblick

Wir haben ein Gewächshaus, das alle drei Tage gegossen werden muss und eigentlich wie ein Haustier ist, das Tomaten abwirft. Verreisen wir, muss da also jemand ran. Ebenso an den Wasserschlauch, wenn eine tagelange Dürre angesagt ist. Nach der Arbeit abends rammelste hin. Gießen. Hegen, Pflegen, hochbinden, Vergeilungstriebe abknipsen. Sowas.

Und der Ertrag? Nun ja. Die Gurken spinnen. Eigentlich immer! Erst knallen sie Früchte raus, als wöllten sie floratechnisch die Weltherrschaft an sich reißen und dann ist Ruhe im Schacht. Heißt, wir haben innerhalb dreier Wochen zwanzig Gurken geerntet und Gurkensalat, Schmorgurken, zu verschenkende Gurken und vergammelte Gurken im Angebot gehabt und nun trocknen unsere zwei Gurkenpflanzen müde vor sich hin. Spinnenbefall haben wir auch an denen. Wie in jedem Jahr. Hässliche weiße Netze. Klebrig. Eklig.

Sollzustand

Kartoffelacker Sollzustand

Istzustand

Kartoffelacker Istzustand

Tomaten stehen da auch rum. Eine der vier Pflanzensorten schmeckt sogar. Aber die Schnecken finden das auch. Ich will nicht von Schnecken angeschlabbertes Gemüse essen!

Die Schnecken sind auch überall. Ü-ber-all! Neulich habe ich einen groben Garten-Anfängerfehler begangen: Ich bin mit nackten Füßen in meine Gummistiefel geschlüpft. Tja, sagen wir mal so: Ich war danach wach! Sehr! Denn ich schlupfte barzehig mittig in eine Nacktschneckenclique hinein.

Jetzt haben wir Zucchinischwemme. Was macht man damit? Zucchinikuchen, Zucchinibrot, Zucchinipuffer? Kann man. Mein Tipp für die armdicken Zucchinis ist, sie nach diesem Rezept hier zu allerfeinstem Relish zu verarbeiten und im Herbst aufzuschlabbern oder zu verschenken und tosenden Applaus dafür einzufahren! (Wenn ihr dem Link folgt seht ihr, dass ich bereits 2014 frenetisch begeistert bei diesem Blog kommentiert habe und schwöre, das Zeug ist ein echtes Rauschmittel! Unbedingt probieren! Und auch Antje´s ganzen Blog lesen an der Stelle, wenn ihr schon mal dorthin surft.).IMG_2701

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Außerdem liebe ich Zucchini als Antipasta. In daumendicke Scheiben schneiden und mit Olivenöl, Kräuter der Provence und Salz/ Pfeffer einreiben. Scharf anbraten auf einer Seite, wenden. Dann auf jede Zucchinischeibe je eine Scheibe Parmesan legen. Deckel auf die Pfanne, ausschalten, stehen lassen. Schmeckt traumhaft! Und zwar am besten lauwarm.

Oder mariniertes Gemüse mit Zucchini. Die Dinger nebst Champignons und Zwiebeln und Knoblauch (wer mag) anbraten, in eine Schüssel umschütten. Olivenöl, eine kräftige Prise Zucker, Salz, Pfeffer, je ein Zweig Rosmarin und Thymian dazu. Wer mag noch einen kleinen Schuss Weißweinessig. Einen Tag durchziehen lassen, fertig! Warum es für beides keine Fotos gibt? Nun, ratet mal.

Beerensträucher sind wirklich was Schönes! Wir haben schwarze, rote, weiße Johannisbeeren, Stachelbeeren, Brombeeren und Himbeeren. Mit den beiden letzteren habe ich überhaupt keine Arbeit. Da stehen meine drei Jungs artig davor und ernten die direkt in ihre Münder. Die anderen werden alle zur selben Zeit reif und da heißt es schnell sein und vierzig Kilo Gelierzucker und zweihundert leere Marmeladengläser vorrätig zu haben. In diesem Jahr habe ich die Beeren erst in Gefrierbeutel geerntet und gedacht, ich froste das und koch das ein, wenn ich irgendwann mal Lust und Zeit habe! Aber nee, der Frost ist noch voller Rhabarber, bei dem ich mit der selben Denke an die Ernte rangegangen bin…

Also kochen.IMG_2671

Wäre ein super Instagramfoto, nicht wahr? Wow! Weiße Johannisbeeren. Aber die sehen als Solo-Gelee aus wie fest gewordenes Bier. Nä! Also werden sie zusammen mit den Stachelbeeren zerkocht.IMG_2673

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Am Ende kommt auch nur wieder eine rote Marmelade raus und ich stelle die nächsten acht Gläser mit irgendeiner roten Marmelade in den Keller zu den anderen vierhundert Kollegen. Ich habe noch Holunder von 2014 und 2013. Johannisbeere von 2013 fortfolgende, Pflaume mit Zimt, Pflaume mit Kardamom, Kiwi mit Dings und Quitte mit Das… ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, was ich da unten in diesem Keller noch habe. Und es kommt ständig was neues dazu! Kein Mensch kann so viel Marmelade essen.

Obstbäume sind doch aber was Schönes, oder? Nein. Ich habe einen Pflaumenbaum, einen Apfelbaum und zwei Kirschen. Entweder tragen die Bäume gar nicht oder sie tragen und wecken wilde Hoffnungen in mir, nur um im entscheidenden Erntemoment zu sagen „Püh!“, und alles abzuwerfen kurz vor Reife. Oder – im Falle der Kirschbäume – wunderprächtige Früchte zu produzieren, die alle, alle, alle von Maden befallen sind (nein, ich will mir auch mit Maden nicht mein Obst teilen). Und dann hängen auch noch zwei bis zehn Kilo in schwindelerregender Höhe rum, die sowieso kein Mensch ernten kann! Und dann fängt der Spaß erst an. Wie also sieht das aus? Nun ja, die Wiese ist voller modrigem Fallobst, das weggerecht werden muss, weil es sonst Wespen, Ameisen und noch mehr Viechzeug anlockt. Also außer gießen auch noch rechen jeden zweiten Abend. Nach der Arbeit. Und der Kinderbetreuung. Schaffen wir nicht. Wir haben modriges Obst und surrende Wespen.

Kinder sind auch ein gutes Stichwort.

Kinder lieben Gärten! Oder? Ja, doch. Da kann man so viel entdecken. Wasserfässer, aus dem Boden ragende Stromleitungen, Rasenmäher, Unkrautex in Flaschen mit Schraubverschluss (Wie geht das denn auf? Ach so geht das auf!), Rattengift (Oh, rosa! Wie schön! Wie schmeckt das denn?). Damit wir überhaupt mal in Ruhe irgendwas machen können, haben wir dem Kleinkind gestattet, mit einer Schaufel das eine Erdbeer- und Tomatenbeet umzugraben. Er macht das auch geflissentlich und leider sehr engagiert. Er trägt also sukzessive die Erde und Erdbeerpflänzchen ab um sie über dem Kartoffelacker auszuschütten. Eine große Hilfe! Nur fürs Protokoll, nein, Erdbeeren haben wir auch keine. Die wurden von den Igeln oder Eidechsen oder Schnecken abgefressen. Und, na klar, dem Kind ausgebuddelt.

Wer weiß, vielleicht kommen sie dann im nächsten Jahr auf dem Kartoffelacker wieder? Im nächsten Jahr. Was wird dann mit dem Garten im nächsten Jahr? Wer wird sich über die Unkrautmassen aufregen? Und über die Schnecken? Die Viecher an den Blumen und die viele Arbeit?

Mittlerweile kenne ich tatsächlich mehrere Familien, die sich genauso blauäugig wie wir in einen Gartentraum gestürzt haben, und diesen mittlerweile wieder beerdigt haben. Ihren Garten abgegeben. Und ich verstehe sie! Es macht Scheiße viel Arbeit. Echt jetzt. Und da reden wir noch nicht mal über die Wartungsarbeiten an einem Haus, wenn denn eines draufsteht. Über Wasserrohrbrüche, volle Klärgruben, Marderschäden oder ähnliches. Zwei Berufstätige mit Kindern, Kegeln und einem Schrebergarten? Gibts, aber kannst du dir eigentlich weitere Hobbies klemmen.

Und wir haben doch auch noch Hobbies! Wir haben eigentlich zu wenig Zeit für diesen Garten! Und, zum Glück, suchen und finden wir ja nun ein Haus mit grünem Handtuch drumherum, das sich leicht pflegen lässt. Wo man nicht erst nach der Arbeit ins Auto steigen muss um irgendwohin zu fahren und zu gießen. Nein, man ist ja da! Zu Hause. Auch das bisschen Unkraut zuppeln kann man sich gut einteilen. Das wird ganz schön. Ganz schön wird das. Ganz schön wehmütig vor allem… Er wird mir fehlen, der blöde Drecksgarten. Der doofe. Deshalb muss ich noch ein paar Mal schreiben, wie blöd der Garten ist. Damit er mir nicht so dolle fehlt. Wenn ich dann in meinem schönen Haus mit dem pflegeleichten Handtuchrasen drumherum sitze und gekaufte Gurken ohne Spinnweben kleinschneide. Deshalb.

Zum Schluss habe ich noch einen Garten-Hack für euch. Klingt seltsam, funktioniert aber! Einfach einen Schwapps warmes Wasser und Lieblingsschaumbad in die Gummistiefel schütten (nachdem ihr eventuell die Schnecken ausgeschüttet habt) und dann ab mit den nackschen Füßen rein und ins Beet zum Unkraut zuppeln. Das hilft gegen die furchtbar schwarzen Gartenfüße, die so schwer sauber zu schrubben sind und ihr macht dabei direkt ein Fußbad. Es sei denn, ihr habt keinen Garten. Dann braucht ihr auch kein Seifenwasser in eure Gummistiefel kippen! Aber vielleicht schafft ihr euch ja irgendwann einen Garten an? So ein Garten ist doch was Schönes. Und auch für die Kinder!

😀

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Die Bewerbung

Kennt Ihr Scoyo? Nein? Dann wird es Zeit! Scoyo ist ein Onlinemagazin für Eltern mit Themenschwerpunkt auf Lernen, Schule, Medien und Erziehung. Ein Lernportal für Kinder von der Klasse eins bis sieben. Und noch viel mehr! Eltern von Schulkindern sei dieses Portal wirklich allerwärmstens empfohlen.

Im letzten Juli wurde Nieselpriem von Scoyo als Blogger des Monats geehrt und ich habe mich so über die Maßen darüber gefreut, dass ich noch heute (!) das Bubble in der rechten Sidebar drinhabe. (Ähem… eitel ist sie also, die Frau Nieselpriem. Na sowas.)

Nun hat Scoyo einen Blog Award ausgerufen. Damit sollen Blogger belohnt werden, honoriert, geehrt. Und das auch noch hochdotiert! Monetär die ersten drei Plätze, und der Leserpreis ist natürlich auch hochdotiert, bedeutet er denn nicht zuletzt, dass diesem Beitrag die Leserherzen zuflogen.

Nun denn, ich mache mit. Und das ist gar nicht so einfach! Dazu muss ich nämlich im ersten Schritt erst mal einen Blogbeitrag auswählen, den ich zur Wahl stelle. Elternsex? Systemfehler? Die wurden wie wild geklickt, scheinen also einer breiten Masse gefallen zu haben. Aber bin das „Ich“? Ist das „Nieselpriem“? Der Bärtige votete für Elternzeitpraktikant, das ist sein persönlicher Lieblingsartikel. Aber ist der typisch für mich? Ist der prägnant? Erzählt der jemandem Fremden, was und wer Nieselpriem ist? Hm.

Vermutlich kann ich gar nicht in einem Text einem neuen Leser klar machen, was mich bewegt und worum es hier so geht (Worum gehts hier eigentlich?). Verdammt! Ist das schwer oder ist das schwer?! Ich kann mich nicht entscheiden.

Und dann passierten zwei Dinge. Ziemlich parallel.

Zum Einen saß „Paul“, unser Integrationshelfer am Freitag wie immer zur Wochenauswertung auf meiner Couch und es wurde klar, dass unser letztes Jahr anbricht. Unser allerallerallerletztes gemeinsames Jahr. Vier Jahre hat er unseren Pubertino, unsere ganze Familie, dann begleitet. Viel länger, als er oder das Jugendamt das angedacht hatten. Aber danach muss er was anderes machen. Wir verstehen das. Vier Jahre ist eine verdammt lange Zeit…

Und ich bekam eine eMail von einer Leserin. Also eigentlich schon die zweite. Denn die erste erreichte mich bereits im vergangenen Jahr und die lautete:

Liebe Rike,
dass wir mit Worten die Welt bewegen können, weisste ja eh. Wollte dir mal kurz schreiben, dass du das mit deinen Worten geschafft hast. 😉
Dein  Text über euren Schulbegleiter hat in mir viel bewegt […] Ein Freund von mir macht gerade eine pädagogische Ausbildung und weiß noch nicht, was es am Ende wird, Tagesvater oder oder oder. Ich, ich las den Text und dachte sofort an ihn.
Und nun möchte er bald als Schulbegleiter anfangen, und wenn er auch kein Paul sein wird, so wird er doch gut sein und Paul wird ihm ein Vorbild sein.
Wollt ich dir nur sagen, denn mir hat es große Freude gemacht.

LG, P.

Und nun, ein Jahr später schrieb sie mir wieder. Schrieb, dass ihr Freund sehr gut seine Ausbildung abgeschlossen hat. Schrieb, dass er angekommen sei und dass er inklusiv arbeiten werde und wie sehr er aufgeht in der Arbeit. Und sie schrieb, wie mein Artikel noch immer nachhallt.

Und wisst ihr, wie die Betreffzeile der eMail lautete? „Berufsberatung mit Blog“. Ich habe immer noch Gänsehaut.

Und das ist es. Ich weiß nicht, was andere Blogger „wollen“. Mit ihrem Blog. Ich weiß aber, dass ich am Anfang mit dem Blog dachte: Wenn es nur fünf Leute lesen und ich diese fünf erreiche, sie nicken, mit mir lachen, sich erreicht fühlen, ja, dann lohnt sich das für mich! Dieses Blogdings. Und ja, es lesen immer noch ein paar Leute meine Worte und noch immer ist es das Schönste, zu sehen, dass Bloggerkollegen ihr Icon unter einen Text von mir setzen. Mit „Gefällt mir“ markieren. Dass Leser kommentieren und sich manche sogar hinsetzen um mir eine Mail zu schreiben. Dafür blogge ich. Das ist mein Lohn. Das ist das allerschönste Feedback! (Und Päckchen an Weihnachten. Oh Gott, habe ich das jetzt wirklich geschrieben?!)

Paul also.

Ja, Paul wird es. Mit diesem Beitrag habe ich über ein Thema geschrieben, das mich sehr beschäftigt und habe damit auch Leute auf eine Art erreicht, dass sie noch nach einem Jahr an diesen Text denken. Und falls ich durch diese Aktion noch mehr Menschen erreiche mit diesem Thema, setze ich damit vielleicht Paul einen kleinen virtuellen Gedenkstein. Als Dankeschön für die Jahre, die er uns und dem Kind so beigestanden hat. Und der Artikel soll als Mutmacher wirken für Eltern, sich auf Integration einzulassen. Und zwar alle Eltern! Und für zukünftige Integrationshelfer und Pädagogen, als ein Beispiel, wie es gut funktionieren kann.

Eine schöne Idee, wie ich finde.

Und jetzt schreibe ich meine Bewerbung.

Mein Juni-Wochenende in Bildern #wib

Mein Wochenende begann wie bei allen anderen auch, nämlich an einem Samstag (Was Freitag war, weiß ich heute schon nicht mehr!).

Wer sich also fragt, wozu die Leute sowas machen, also dieses Bilder-Wochenends-Dings, keine Ahnung, weshalb es die Leute machen! Ich mache es, damit ich mich anhand der Fotos erinnern kann, was ich so die letzten Stunden getrieben habe. Und ich hätte, wenn ich jetzt nicht hier bloggen würde, keinen plausiblen Grund, mich vor drei Maschinen Dreckswäsche und zwei Maschinen sauberer zu drücken. Super Ding also.

Samstag Morgen. Ich stricke Socken. Und trinke Kaffee. Dann erwachen alle und es geht los, das Gewusel. Einkaufen und Trampolinspringen war Vormittags. IMG_2135

Dann gab es „Magische Suppe“.IMG_2138

Diese Suppe ist wie die aus dem Märchen. Die wird immer mehr! Tatsächlich war am Ende des Kochvorgangs der 10-Liter-Topf voll und im Frost türmen sich jetzt Tupperdosen mit Suppe, die ich jedem ahnungslosen Gast von nun an bis hin zur Adventszeit anbieten werde. Warum die immer mehr wird? Nun, zuerst einmal wegen den Linsen. Sie ist immer zu dick. Wasser nachgießen. Dann feststellen, dass sie viel zu scharf ist! Wasser und Tomatenmark hinterher. Und irgendwann schmeckt sie und es sind 10 Liter von „Schmeckt!“ da.

Hier kommt das Rezept:

3 Zwiebeln und

3 Knoblauchzehen gehackt mit

1 Päckchen gewürfeltem Schinkenspeck anbraten (in Fett nach Wahl)

2-4 (siehe oben) Dosen stückige Tomaten dazu

Wasser (oder Fleischbrühe, wer hat) aufgießen und zum Kochen bringen

1/2 Packung rote Linsen in die kochende Brühe

würzen mit Salz, Chiligewürz oder Baharat oder irgend ´ner orientalischen Gewürzmischung.

1/2 Stunde kochen, abschmecken und gucken, ob sie immer mehr wird. 🙂 Dann essen.

Wir sind am Nachmittag in den Garten gefahren. Auto beladen bis unters Dach, als wöllten wir für drei Wochen in den Urlaub.

Der Bärtige hatte den aktuellen Wasserrohrbruch ganz alleine behoben, indem er das Rohr gelötet hat. Höchst selbst! Wir loben ihn überschwänglich und ich versuche nicht daran zu denken, dass selbstverständlich die Wand nie wieder in diesem Leben verputzt werden wird. Warum ich das weiß? Sagen wir mal so: Achtzehn Jahre Erfahrung…IMG_2143

Jedenfalls ist der Mann im „Flow“ und kaum von der Werkbank wegzukriegen. Er brennt mit einem Bunsenbrenner irgendeinen Spaten aus. So genau will ich das gar nicht wissen. Und als der Junior dann anfängt, ebenfalls mit einem Bunsenbrenner rumzufunzeln, will ich nicht mal mehr zusehen! IMG_2144

Stattdessen überlege ich, dass ich diesen Rollschrank auseinandernehmen werde und aus den Schiebern Wandregale mache. Keine Ahnung, wann, aber der Mensch braucht schließlich Pläne!IMG_2145

Außerdem mache ich aus diesem maroden Brett eine Garderobe. Drei weiße verschnörkelte Doppelhaken dran und fertig! Ich weiß nur noch nicht, wie ich die Oberfläche behandeln soll. Schleifen versaut vermutlich die Struktur des Brettes. Mit mehreren Schichten Mattlack überpinseln vielleicht? Irgendwelche Ideen?IMG_2162

Der nächste Morgen weckt uns mit traumhaftem Licht, ich bin wie besoffen davon! Sonne, zärtliche Wärme, goldener Schimmer auf allem und allen. Hach. ❤IMG_2174

Die Kinder kuscheln sich auf der Couch munter.IMG_2156

Der Blondino gräbt die Erdbeerpflänzchen aus, während…IMG_2166…ich in der Hängematte die Gartenaufsicht habe. Ich bin stilecht gekleidet in verfilzte Jogginghose, Socken vom Sohn und Adiletten. Ich bin der Dude!

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Ansonsten habe ich noch Rhabarber geerntet…IMG_2178

…und Minze.IMG_2182

Käfer beobachtet…IMG_2181

… mich umgezogen und mir den Wind unters Kleid fahren lassen.IMG_2185

Mittags gab es Rapper. Also eigentlich Wraps, aber wer kann dieses Wort schon aussprechen! Eben. Für den Blondino und mich gab es Milchreis und Kirschen und dick braune Butter und dick Zimtzucker! Gekochte Liebe ❤ (Ich hab schon wieder ein Pfützel auf der Zunge…)IMG_2186

Nachmittags waren wir bei meiner Schwester. Deren Garten ist viel schöner als meiner. Das kommt vermutlich daher, dass meine Schwester ihre Pflanzen streichelt! Untenstehendes Bild: Pflanzenstreichelnde Schwester. Schöne Pflanzen, schöne Schwester. Hier:IMG_2188

Meine Nichte hat uns dann noch Gartensushi serviert. Mmh! IMG_2191

Jetzt ist es draußen dunkel und das Wochenende vorbei. Ich hoffe, ihr hattet auch ein schönes. Macht doch Fotos, dann erinnert es sich besser an die netten Momente :).

Während die Jungs ´Schland im TV gucken, haue ich mir jetzt die Wäsche um die Ohren.

Für die nächste Woche habe ich mir viel vorgenommen (also außer Arbeiten und Kindertermine und Kuchenbasare zur Querfinanzierung der Klassenfahrt des Kronsohnes).

Ich schreibe schon an einem Artikel zum Thema, ob das Private wirklich politisch ist und die Rolle von Elternblogs. Außerdem will ich euch das Konzept me&i vorstellen und einen Artikel über Pubertät habe ich hier auch noch angefangen im Kopf…

Ich wünsche euch einen gute Start morgen in die neue Woche. ❤

Mehr Wochenenden in Bildern gibt’s wie immer bei Susanne.