Coronawochenende in Bildern

„Essen in Bildern“ vor allem, aber bleiben sie neugierig! Hier gibt es einiges zu sehen. Halten sie vorsorglich Chips, Malteser oder einen Becher Eis in Griffnähe.

So. Here we go. Ich dachte mir, ich müsste mal wieder was dafür tun, dass ich im Header dieses Blogs behaupte, es ginge hier um „Abenteuer rund um Aufzucht und Pflege der Jungen“, das heißt: Content her von richtigen Kerls! Sollten sie die Anschaffung eines oder mehrerer männlicher Fortpflanzen erwägen, dann stocken sie schon mal vorsorglich den Dispo auf! Ich kann ihnen berichten, dass ich mich gerade in einer Zeit der Lebensmittelverknappung oftmals genötigt fühle, meinen vollen Einkaufswagen zu rechtfertigen. Kurz: Ein Sack gefrorene Schnitzel und eine Palette Joghurt gehen als kleiner Snack durch! Deshalb finden sich über Gebühr Fotos von zusammengekochten Lebensmitteln bei meinem Wochenendbericht-ich stehe eigentlich ständig am Herd.

Zum Beispiel deswegen:

Das Beste, das aus Bohnen werden kann, ist nicht etwa dieses neumodische überkandidelte vegane Eiweiß, nein, das hier:

Bohnen kurz blanchieren, gefrorene Bohnen nur auftauen. Zwei Hände voll Zwiebeln in Butterschmalz anbraten, bis sie Farbe bekommen. Dann die Bohnen dazutun und scharf anbraten. Die müssen wirklich Farbe bekommen! Rühren ab und zu, probieren, ob sie bissfest und gar sind, das dauert ein wenig. Gewürzt wird das mit Salz, Pfeffer und von mir aus etwas Kräutlein aus der Provence. Ein bis zwei Esslöffel Aceto Balsamico in die Pfanne geben, wenn es aufhört zu zischen, ausschalten. Von acht Tomaten die Wände sauber abschneiden und die abtupfen, in Streifen schneiden. Den Rest der Tomaten aufheben und eine Tomatensuppe planen für die nächsten Tage. Die Tomatenwände in die Bohnenpfanne geben, es soll nicht so zerkochen wie auf dem Foto. Das ist nicht schön geworden, Frau Nieselpriem!

Dazu passt luxeriöses Kartoffelpüree, und das geht so. Mehligkochende Kartoffel schälen und kochen (ihr seid bestimmt überrascht), dann in ein Sieb. Im Kartoffeltopf ein Löffel Butter mit einem Esslöffel Knoblauch anschwitzen, dann ein Becher Schlafsahne dazu, Salz, eine Prise weißer Pfeffer, aufkochen. Die Kartoffeln dazu und stampfen. Um Gottes Willen nicht pürieren! Danach -wenn ihr habt- ein wenig Trüffel drüber hobeln (mir wird der Schlüpfer warm). Ich hatte keine Trüffel, ich habe Schnittlauch genommen (nein, ich denke nicht, dass Schnittlauch als Ersatz für Trüffel durchgeht, aber wir müssen alle Opfer bringen in diesen Zeiten).

Dazu passt zum Beispiel ein rosafarbenes Lämmchen. Oder Fischstäbchen vom Aldi. Im Ofen lieblos sich selbst überlassen.

Beim Essen ist die einzige Gelegenheit, bei der wir alle vier am Tisch sitzen, der Bubi verschanzt sich sonst in der Bubiburg und lernt fürs Abitur (offiziell) oder daddelt (wahrscheinlicher) und züchtet Körperbehaarung (offensichtlich). Seit Anbeginn der Quarantäne hat er sämtliche Rasurbestrebungen aufgegeben und sieht nun mit seinem wolligen Backenbart aus wie George Washington. Ich muss ständig hingucken. Außerdem ist sein modischer Undercut rausgewachsen, wir verlottern. Da es bald absolut solidarisch zugehen wird, weil kein Mensch ins Solarium, Sonnenstudio, Friseurstudio oder zur Nagelmodellage gehen kann, werden wir bald alle mit grauen verwachsenen Haaren, abgeknaubelten Fingernägeln und fahler Gesichtshaut umherschlurfen. Come as you are, ich freu mich drauf.

Am Nachmittag haben wir den Wandertag ausgerufen. Wir sind nach Tharant gefahren und wollten durch den Forstbotanischen Garten lustwandeln. „Arboretum“, wie wir Intellektuellen dazu sagen. Gut, das Arboretum war geschlossen, die schließen echt den Wald zu, die spinnen, aber dann suchen wir eben irgendwas anderes zum Lustwandeln. Herrschaftszeiten, als ich Kind war, gabs gar kein Arboretum! Ich konnte Hascher um den Apfelbaum bei meiner Oma im Garten machen und damit hatte es sich! Also reißt euch zusammen!

Das verwöhnte Wohlstandskind steigt aus dem Auto und schmeißt sich längs mit der Begründung, es könne und wolle nicht laufen. Man kennts.

Wir haben dann Pferde „gefunden“ und der Blonde durfte unter Anleitung des Besitzers die Resi, den Axel, „die Chefin“ und ein polnisches Austauschpferd füttern und striegeln. Das Kind war happy und sagte zu dem Pferdemann: „Du bist ein wirklich schöner Mann, vielen Dank! Das ist der schönste Tag in meinem Leben!“. Der Pferdebesitzer sah nicht überrascht aus, obwohl er mich optisch an Petterson erinnerte. Ich überlege die Anschaffung von Pferden. Pferde machen schön.

Zu Hause erwartet das holde Blondchen noch ein Liebesbrief aus der weltbesten Kita mit einem lieben Ostergruß und einem selbst gebastelten Spiel.

Sonntag. Guten Morgen! Ich habe das Rasieren noch nicht eingestellt, aber das Glätten meines widerporstigen Haupthaares. Ich freue mich sichtbar, weil ich gleich wieder in der Küche verschwinde.

Vorher behämmern der Blonde und ich Konservendosen mit Hämmern und einem dicken Nagel. Das macht erstaunlich Spaß und sorgt für stimmungsvolles Licht beim Mittagessen.

Es gibt Krautnudeln mit Kraut, Hackfleisch und Nudeln, gewürzt mit Estragon und Kümmel. Für mich gibts Hefeklöße mit Butter, Zimtzucker und Grütze.

Am Nachmittag – der Mann ist unterwegs- verdingen sich das Kind und ich im Garten. Wir haben alles angeeiert und geschmückt, weil wir in diesem Jahr nicht wegfahren werden zu Ostern (es war eine kurzfristige Entscheidung, sie verstehen). Das Ergebnis ist gefällig.

Überall stehen jetzt Eimer und Töpfe mit Samen und Pflänzchen herum. Wir haben „Bienenglück“ ausgesät und mit bubberndem Herzen Samen aus dem Garten von der Andrea Harmonika, die diese uns geschickt hat. Falls hier jemals irgendetwas gedeiht, das ebenfalls abgesamt werden könnte, werde ich auch Samen verschicken.

Währenddessen hat das Kind den Garten angemalt. Voll idyllisch hier bei uns.

Bei mir geht alles ein, ich schiebe es gern und beständig auf den „Waldgarten“, in dem nur Pilze, Brombeeren und Bärlauch gedeihen würden, aber bestimmt liegt es an mir. Wider besseren Wissens habe ich sogar Erdbeerpflanzen eingetopft! Als ob. Nun ja, irgendeine Übersprungshandlung brauchte ich! Es gab zwar kein Klopapier und keine Tiefkühlerbsen, aber Erdbeerpflanzen am Freitag! Was sollte ich da nur tun?! Genau.

Am Abend gab es Tomatensuppe (die aufmerksamen unter euch haben sich bestimmt schon gefragt, wann es so weit sein würde – genau, jetzt) mit kurzen Bandnudeln. Ich kann kein Essen mehr sehen, ihr etwa?

Na gut, Kuchen geht noch. Ich habe Prasselkuchen gebacken, jeder nimmt sich (virtuell was, bitte schön!

Wie? Ganz einfach Blätterteig aus dem Aldi (die Angebermuttis dürfen den gern selber machen, ich bringe das nicht) mit säuerlichem Gelee beschmieren. Dann Butterstreusel obendrauf und nach dem Backen einen Zuckerguss aus Gelee mit Puderzucker obendrüber. Und, schmeckts?

Zum Abschluss noch was vom Kleinen. Der beschimpft ja relativ originell alle Leute um sich herum, aktuell nennt er seinen Vater „Motz, den Blechrotz“. Ich habe rausgefunden, was das soll. Er plant eine Hiphop-Karriere! Er läuft auch durch die Gegend und tönt: „Yes yes jo, tschubiditscho!“, und denkt, er ist der Coolste!

Im Auto verlangt er stets als erstes nach „Bumm biddi beibei“, und groove-t dann mit dem Oberkörper hin und her. An jedem Ende einer vom Inhalt her niemals zu übersetzenden Refrainzeile kommt ein Wort, das auf einen Laut mit „-ei“ endet bei den Jungs vom Zypressenhügel, der Sechsjährige singt einfach konsequent „Brei!“ mit. Das ist sehr lustig!

Weil ich euch ja viel erzählen kann, singt jetzt die vermutliche einzige Latino-Hiphopband der Welt für Euch und den Blondino. Bitte vergesst das „Brei!“ nicht.

And four, and three, and two and one:

 

Rubbellose für Senioren

Ich will eigentlich nichts mehr über Alterserscheinungen, Geburtstage jenseits derer, wo ich einen Holzzug mit Kerzen auf den Tisch stelle und Ballons aufpuste, schreiben, aber. Aber einer muss euch ja warnen! Es geht alles den Bach runter, alles. Der Beckenboden, das Bindegewebe, die Sehstärke, alles.

Pass auf, hab ich mir doch aus Verzweiflung Amazongutscheine gewünscht zum Geburtstag. Ich weiß schon, keiner von euch bestellt beim bösen Amazon, sondern ihr alle kauft nur handgeklöppelte Waren beim Handklöppler um die Ecke. Lokal und regional und bio und öko. Ich natürlich auch! Natürlich.

Also, Amazongutscheine. Das musste sein, weil ich sonst hier einen Tisch voller Schnittblumen im allgemeinen und Nelken im Besonderen stehen hätte, Mon Cherie Pralinen, Rotkäppchensekt und andere Entsetzlichkeiten! Dabei bin ich überhaupt nicht anspruchsvoll, ich könnte sofort aus dem Stehgreif zehn Dinge nennen, die nicht mal zehn Euro kosten und über die ich mich immer freue! Badesalz, Duftkerzen, Kerzen überhaupt, Badeschaum, Badepralinen, irgendwas Gebasteltes und den Rest bis zur Zehn fülle ich mit reduzierten Taschenbüchern auf. Ihr seht, ganz einfach also. Eigentlich! Da ich aber neue Laufschuhe dringend brauche und notorisch pleite bin, dachte ich, ich lasse mir die so von allen schenken, ich cleveres Ding, ich.

Ich habe auch Amazongutscheine bekommen, so weit, so gut.

Gestern dann setze ich mich hin, die Gutscheine in der einen, das Handy in der anderen Hand. Wie geht das nun, kann ich das nacheinander auf mein Konto laden?! Also Googlen. Googlen ist wie Denken, nur weniger krass, harhar.

Guck an, ja, das geht. Link klicken, Seite aufrufen. Da steht dann irgendwas von „Geschenkkarten auf Konto laden“. Prima, ich komme klar. Eintippen oder Scannen? Na, beides, denn es gibt wohl Amazongutscheine, die aus Buchstabenkombinationen bestehen und welche nur mit Zahlen?! Hä? Komisch. Ich kenne mich nicht aus, ich kaufe die sonst nur um die selbst zu verschenken an Menschen, die eigentlich nur Bioökoregionales beim Handklöppler um die Ecke kaufen. Und ich habe Freunde, die mir Karten gekauft haben und Freunde, die geheimnisvolle Botschaften auf Geburtstagskarten geschrieben haben. Ob das ein Amazoncode ist? Probieren. Ich tippe. Mann ey, jetzt muss ich auch noch Handschriften entziffern! Wer solche Freunde hat…

„Dieser Code ist ungültig. Vermutlich handelt es sich um einen Tippfehler.“. Okay, aber dreimal, viermal? Der Code ist ungültig. Was ist hier los? Hat mein Freund Bruno mir etwa einen falschen Code geschenkt? Ob ich mal anrufe? Vielleicht hat er sich ja verschrieben? Nein, das ist peinlich. Aber ich muss mich schon sehr wundern. Kein Geschenk wäre durchaus einen Option gewesen, aber ein ausgedachter Amazoncode? Pfffff.

Nächste Karte. Scannen. Ich scanne mit dem Handy, das geht nicht. Die blöde Scheiße geht nicht! Einen Gutschein nach dem anderen versuche ich zu scannen, mein Handy kann das nicht lesen. Error, Error, Error.

Ich werde sauer. Was für ein Kackdreck, wollen die mich verarschen? Ich wünsche mir die Zeit zurück, als man zu runden Geburtstagen Geld an Zimmerpflanzen band oder romantisch in einen Briefumschlag steckte und es der Jubilarin ins Dekolleté schob. Boar!

Ich sitze also mit meinen Verarschungsgeschenken auf der Couch und denke, einen Versuch! Komm, Mädchen, einmal noch, dann schmeißte die ganze Scheiße in den Müll. Also los, wieder ein Gutschein zum Abschreiben. Vorsichtshalber noch die Lesebrille aufsetzen (sagt dir auch keiner, quasi über Nacht bin ich jetzt blind auf der Kurzstrecke; es ist nichts würdevoll am Altern). Gucken, tippen, gucken, tippen. Dann kommt dieses Prüffeld, ob ich Humanoid oder Android bin. Kennt ihr? Dieses Kacksdrecksfeld, wo wirr Buchstaben groß und klein mit Zahlen und Gekrissel in einem Kästchen stehen? Genau das. Und da bin ich aufgeschmissen! Ich kann nämlich niemals diese Zahlenbuchstabenkombination korrekt eingeben. Nie. Muss man die ominösen Leerzeichen mit tippen? Ich erkenne auch oft nicht, was dort steht. Ich rate also mutig drauf los und natürlich ist es falsch! Ich bin entlarvt, ich bin kein Mensch.

Der Mann findet mich fluchend mit zornigem Gesicht auf der Couch.

Was denn los sei, fragt er folgerichtig, auch wenn ich prinzipiell ja keinen besonderen Grund brauche, um zornig zu gucken. „Also, außer, dass der Bruno mir einen ungültigen Amazoncode geschenkt hat und diese ganze Scheiße hier überhaupt nicht funktioniert mit diesen Gutscheinen, ist nichts! Alles super!“. „Gib mal her. Hast du die richtige Seite aufgerufen? Die, wo man die Geschenkgutscheine einträgt?“. „Hältst du mich für total bescheuert? Ich werde ja wohl noch bei Amazon eine Seite finden?!“. „Ich frage ja nur. Hier, guck, also der Bruno hat dir vierzig Euro geschenkt, ich hab einfach nur den Code abgeschrieben.“(zeigt stolz sein Handy) „Du cheatest doch! Ich habe nichts anderes gemacht! Und da stand, das sei ungültig!“. Währenddessen nimmt der Mann sich kopfschüttelnd eine weitere Amazonkarte vor. Ich tue es ihm nach und will  beweisen, dass es eben nicht geht! Ich scanne also eine Karte, wie vorher auch und nein, das funktioniert nicht. „Siehst du, siehst du! Die Scheiße klappt nicht!“, schreie ich den Kerl an. Der schaut auf mich, auf die Karte in meiner Hand, wieder auf mich. „Ernsthaft jetzt?! DAS hast du die ganze Zeit gemacht? Genau so?! Du hast versucht, den Barcode der Verpackung zu scannen? Was bist du? Eine verfluchte Supermarktkasse?! Du musst die Scheißpappe natürlich erst mal abmachen! Oh Gott, ich glaub es nicht. Wie bescheuert kann man denn sein?!“. „Woher soll ich das denn wissen? Steht das irgendwo? Nein! Das ist voll nutzerunfreundlich!“. „Das steht bestimmt sogar irgendwo drauf für solche Dummdödel wie dich, aber du kannst es ja eh nicht mehr lesen, wenn es nicht in 22pt gedruckt ist Gib her!“, und reißt beherzt die Pappe auf. „So, und jetzt rubbelst du das Feld hier oben frei und DANN ist darunter der Amazoncode. Und DANN kann man den scannen!“. „Was? Ich rubbel hier was frei? Das kann nicht denen ihr Ernst sein. Wo denn? Womit?“. Ich kratze dann mit einer Karte auf einer anderen fluchend drauf rum. Meine Finger sind ruckzuck schwarz, die blöde Rubbelscheiße geht nicht runter und allenfalls winzige Hieroglyphen, so klein wie Ameisenköttel, kommen zum Vorschein.

Ich konstatiere in meiner Not, ich bin ohne den Mann komplett aufgeschmissen. Der betitelt mich ohne Unterlass als selten dämlich und schüttelt wie ein Parkinsonpatient ohne Unterlass den hübschen Kopf. Ich atme tief durch, beschimpfe ihn innerlich lautlos als kotnaschenden Hodenkobold und bitte ihn dann (aus Verzweiflung, wie tief kann man sinken), mir doch bitte die Gutscheine zu scannen. Und klapper mit den Lidern. Versuche ein Lächeln. Er macht es.

Den Rest des Tages singe ich lautstark:

„Soy un perdedor! I´m loser, Baby, so why don´t you kill me!“

Und beim nächsten Mal bitte Nelken und Mon Cherie. Passt schon.

Geburtstagsgedanken

Heute bin ich neunundvierzig. Morgen fünfzig.

Absurd. Alles! Diese Zahl, die in der Vergangenheit darüber entschied, ob ich zu jung oder zu alt war. Diskobesuche nach zweiundzwanzig Uhr, zum Beispiel. Ich wurde auch mit zwanzig nie nach meinem Ausweis gefragt, ich hatte einfach alte Augen. Das ist mir heute klar, heute, wo über die schwärende Ganzkörperwunde meiner Seele eine dicke Hornhaut gewachsen ist, die nur manchmal juckt und ganz selten aufbricht – zum Glück. Zum Glück bin ich jetzt alt!

Meine persönliche Zeitrechnung beginnt vor zweiundzwanzig Jahren. Da traf ich den Bärtigen, von da an wurde alles gut. Vielleicht war er der erste Mann, der keine Angst hatte, sich mir zu stellen, vielleicht war er einfach zu jung um sich derartige Gedanken überhaupt zu machen. Mein Gott, zwanzig. Ich bin wie ein schwarzes Loch, was sämtliche Energie der Umgebung einsaugt, in saugendes Loch. Ich hatte mein Leben lang das Gefühl, es ist niemals genug Liebe da für mich und schlug wie ein verhungertes Tier meine Zähne in alles, das „Liebe“ versprach.

Ich weiß, die Umstände, warum ich eine derart fürsorgliche Mutter bin, dass sogar Begriffe wie „Rollatormutti“ völlig wirkungslos an mir abprallen, sind dem Umstand geschuldet, dass ich schmerzhaft weiß, was ein Manko an Elternliebe und das Fehlen von Bestätigung, Bewunderung und tausendfacher Versicherung des Geliebtseins und der immerwährenden schützenden Hände in der Entwicklung eines Kindes auslösen. Auslösen können. Unter fiesen Umständen. Kinder ohne Halt werden zu Erwachsenen mit haltlosem Verhalten.

Dass ich so lieben kann, so tief, dafür danke ich jeden Tag. Überhaupt ist Dankbarkeit für mich wie der Schirm, der über jedem meiner Tage spannt. Das Gefühl, dass sich alles findet, alles gut wird, dass ich beschützt, geliebt und angenommen bin. Die Glückseligkeit darüber, wie reich ich bin. Und ja, es gibt sicher Menschen, die sich meine Biografie ansehen und mir auf die Schulter klopfen würden und sagen, das hätte ich mir alles selbst „erarbeitet“. Ich mag diesen Satz nicht, weil einfach nicht alles im Leben nur von persönlichem Ehrgeiz und Fleiß abhängt.

„Life is a strange thing, just when you know how to use, then it´s gone.“, sangen irgendwann die Shakespeares Sisters und ich hoffe, meine Altersweisheit bedeutet nicht, dass die Uhr schon zwölf geschlagen hat.

Fünfzig zu werden ist nicht so ein großes Ding, nicht so wie vierzig. Glaub ich zumindest. Das ist, warum ich das jetzt hier schreibe. Ich verstehe es jetzt.

Pass auf, ich hole jetzt die fette Metaphernkeule raus. Ihr müsst kurz tapfer sein.

Tulpe-mittelalt

Guck Dir diese Tulpe an. Ich liebe Tulpen! Jeder mag Tulpen, oder? Gut, ich mag sie eigentlich nur ganz ganz frisch. Ihr kennt das, die Blüte scheint nur zaghaft aus den äußeren Blütenblättern, heimlich nur winden sich die farbigen Blätter aus ihrer Hülle, obszön fast in ihrer angedeuteten Schüchternheit. Die ganze Blume scheint kühl, als hätte sie alle Lebensenergie und alles Wasser der Erde in sich gespeichert, die Oberfläche der Stängel glatt, sie quietscht elastisch beim Biegen. Ein Sinnbild für Jugend.

Nie sind Tulpen schöner, als kurz nach dem Schnitt. Dachte ich.

Ich saß neulich vor diesem fünf Tage altem Strauß, blickte auf die faltigen Außenblätter und die verblassende Farbe und dachte mir, es wird Zeit. Der muss weg. Dann, aus einem Impuls heraus habe ich mir die vertrocknende Blüte angesehen. Und ja, vielleicht wusstet ihr schon vor mir, was mir in diesem Moment für Gedanken kamen. Alles nach außen gedreht, alle Farben, all die Schönheit und Einzigartigkeit, nichts heimliches, verstecktes. Die Blätter sind kurz vorm Fallen, aber die Blüte erstrahlt selbstbewusst und unendlich schön empor zum Himmel und… okay! Nein, ich denke natürlich nicht, dass ich eine Tulpe bin und nun isses auch mal wieder gut mit den an den Blütenblättern herbeigezogenen Vergleichen!

Was ist sagen will, ist, dass mir klar wurde, was der Satz: „Die Jugend ist an die Jugend verschwendet!“, bedeutet. So viele Möglichkeiten und keine Ahnung davon. Nein, ich möchte nicht noch mal jung sein. Ich möchte lange, sehr lange so bleiben, wie ich jetzt bin. In dem, wo ich bin und mit wem. Ich bin so glücklich und vor allem so glücklich, dass ich das so empfinden kann!

Alter und Weisheit, da sehe ich einen gebeugten Greis mit Stock und weißem Bart, und vielleicht seid ihr alle schon vor mir am Ziel gewesen und seid auch sicher, wer ihr seid und warum, aber mir sind diese Bewusstseinsebenen irgendwie verschlossen gewesen. Ich habe mich echt abgequält mit der Selbstoptimierung und dem Gefallenwollen, besonders mit dem Gefallenwollen. So viele Jahre, warum nur?

Jetzt ist das alles irgendwie klar. Und ich trauere auch nichts mehr hinterher. Alle Erfahrungen, besonders die, die so sehr weh getan haben, haben mich hierhin geführt. Ich hatte solche Angst, vierzig zu werden, ihr ahnt es ja nicht, und dann waren die letzten zehn Jahre die schönsten meines Lebens! Und ich habe wirklich vor, das in zehn Jahren auch über die nun kommenden zu sagen.

Ja, das Unsichtbarsein, das musste ich erst lernen. Irgendwie um den fünfundvierzigsten Geburtstag herum bemerkte ich, dass mich Männer (und Frauen) auf einmal anders ansahen. Für die Einen war ich plötzlich nicht mehr Konkurrenz um das Supersperma, für die anderen keine geeignete Kandidatin für ihr Supersperma. Also, wenn ich das mal auf evolutionsbiologische Vorgänge herunterbrechen darf.

Das war schmerzhaft, ein bisschen. Niemand flirtet mehr mit mir! Das einzige Mal, wo mich in letzter Zeit ein fremder Mann angeschaut hat als wäre ich ein Schweinerollbraten, das war im vergangenen Jahr und ich denke, der Kollege hatte wirklich nur Hunger, denn wir waren beim Mittagessen. Herzklopfen hatte ich dennoch, ein bisschen. Ich bin ja nicht tot.

Mir ist das in den Jahren davor gar nicht aufgefallen, wie viel und wie sehr das Sexualisierte im Alltag mitschwingt, aber ich merke jetzt deutlich den Unterschied. Da ich am Ende meiner Fruchtbarkeit angekommen bin, wird wirklich von allen um mich herum nur das Innere der Blüte gesehen, was eigentlich total super ist! Es geht nur um Leistung, Beitrag, Meinung, Tat. Und deshalb möchte ich das „nur“ in diesem Satz zurücknehmen. Die Schönheit eines Menschen macht wirklich aus, was er denkt und tut. Ich bin froh, dass ich selbst in jungen Jahren diese „Bauhaus“-Herangehensweise an andere Menschen schon für die einzig wahre hielt. Form follows function. Und deshalb bin ich auch jetzt von schönen, wunderschönen und herzensreichen Menschen umgeben. Gelebte Liebe ist die einzige Währung zwischen Menschen, die wirklich zählt auf der Welt.

Außerdem habe ich ja einen jungen Kerl, höhö. Der steht in der Blüte seiner Jahre, stark wie ein Baum und mit Supersperma, aber nix da, meiner! Manchmal guckt der mich seltsam an und fragt, ob das jetzt so weitergeht, dass mir jeden Tag was anderes wehtut und meine Stimmungsschwankungen, ALTER! Ich streichle ihm dann gern über den hübschen Kopf und erkläre, dass das hier immer noch freiwillig sei. Das alles. Und dass er jeden Tag aufs Neue entscheiden darf, ob er das noch will. Und dass meine Liebe zu ihm nichts daran ändern wird, ob er sich weiterhin für mich entscheidet oder lieber eine Dreißigjährige will. Gut, die will dann sicher Kinder bekommen und dann ist wieder nix mit Schlafen und ja, die wird auch irgendwann in die Wechseljahre kommen, aber er kann das alleine entscheiden.

Meine persönliche Zeitrechnung beginnt vor zweiundzwanzig Jahren. Da traf ich den Bärtigen. Etwa um die gleiche Zeit, es war Januar. Ich bin also heute zweiundzwanzig. Alles, was ich habe, jedes bisschen Glück, ist seine Schuld. PS. Er wohnt noch hier, heute hat er sich wieder mal für mich entschieden.

 

 

Neujahrsvorsätze

Neujahrsvorsätze

Neujahrsvorsätze sind so Sätze, die man vor Neujahr sagt. Und die dann spätestens ab Hochneujahr vergessen sind. Also dann, wenn alle Menschen bei Tchibo Fitnessshirts und Faszienrollen gekauft haben, enthusiastisch dämliche AbnehmApps im jeweiligen Appstore heruntergeladen und wenigstens einmal neugierig und ob der Preise ungläubig staunend durch den Bioladen geschlendert sind (und im Anschluss drei Schnitzel für drei Euro im Discounter gekauft haben).

Ich weiß nicht mehr, an wie vielen Neujahrstagen ich beschlossen habe, ab jetzt nicht mehr zu rauchen. Irgendwann war es dann ein unscheinbarer Septembertag, an dem ich tatsächlich meine letzte Zigarette geraucht habe und es gab nicht mal ein Feuerwerk. Egal, die vielen Neujahrvorsätze haben bestimmt die Vorarbeit dazu geleistet!

Was ich sagen will, dieser Tag eignet sich gut für eine innere Inventur, eine kritische und wohlwollende Bestandsaufnahme. Wer bin ich, wo bin ich und habe ich ein Navi dabei? Eine Karte? Einen Plan? Einen Führer? (Man wird doch 2020 wieder „Führer“ schreiben dürfen, oder?! Nein? Oh, ok.) Und: Führe Guide ich oder möchte ich an die Hand genommen werden? Wohin soll die Reise gehen und habe ich die richtigen Schuhe an? Zwölf Monate, dreihundertfünfundsechzig Sonnenuntergänge, die vor mir liegen. Das neue Jahr als Chance, als unbeschriebenes Blatt im ganz persönlichen Lebenslauf. „Chance“, das bedeutet im Französischen „Glück“. Chancen zu sehen für sein eigenes Wachsen und Veränderungen, welch ein großes Glück!

Nun rauche ich ja nicht mehr, trinke keinen Alkohol, lebe freiwillig monogam und esse schon mein Leben lang ungern Fleisch bei gleichzeitig zwanghaftem Drang zu sportlicher Betätigung. Nach gängiger Mode hinsichtlich eines ordentlichen Lebensstiles kann ich getrost sagen, meine guten Absichten für das neue Jahr klingen wie die Werbung für kalorienreduzierte Wurst: „Ich will so bleiben wie ich bin – du darfst!“, allerdings muss ehrlich gesagt werden, dass ich mich bis zu diesem Punkt der Einsicht und Selbstakzeptanz fast fünfzig Jahre abgeplackert habe und dass diese wohlwollende und annehmende Haltung nüchtern und nichtrauchend betrachtet eigentlich nichts mit dem Fehlen irgendwelcher Laster zu tun hat. Sondern mit dem Umstand, dass ich mich selbst mehr liebe ohne selbstzerstörerisches Verhalten, das mich leider anzieht.

Aber es geht ja nur darum, seine eigene Kompassnadel auszurichten. Es gibt Menschen, die sich besoffen und dauergeil einfach mal dauergut fühlen und wenn sie damit keine anderen Menschen gegen ihren Willen belästigen, super! Und natürlich im Anschluss ihre Schnapspullen im Glascontainer entsorgen, natürlich.

Wie ich jetzt darauf komme?

Ich war gestern Morgen laufen, das mache ich seit vielen Jahren an jedem Neujahrsmorgen. Und ich war entsetzt. Entsetzt darüber, dass es ganz offensichtlich am Neujahrsmorgen 2020 ganz genauso aussieht wie am Neujahrsmorgen 1999, zum Beispiel. Dass es nach einem Jahr voller Greta und Klimagipfel und Resolutionen, Demonstrationen, FFF und Grannys for future und Aufklärung durch quasi jedes frei zugängige Medium dennoch so aussieht wie es aussieht.

Mensch, wie sieht es denn hier aus?!

Am Silvesterabend schon stand ich an dem schönen Fluss, der durch meine Lieblingsstadt fließt, und stellte keine mengenmäßige Veränderung fest, was Feuerwerk, Böller und Raketen anbetraf. Das war auch nicht anklagend oder kritisierend, einfach nur feststellend.

Am Morgen danach kommt mir das Kotzen. Ich kann es einfach nicht fassen, das Bild, das sich mir bildet. Der Mensch ist dumm und ignorant und nur auf die Maximierung des eigenen Lustgewinnes aus (ich habe noch nicht gefrühstückt, da zünde ich schnell), der Mensch ist schlecht. Ich denke unwillkürlich an die Titanic, während ich über den knirschenden Asphalt laufe, das Schiff sinkt, im Maschinenraum arbeiten die Ingenieure wie besessen um das Schiff zu retten und im Ballsaal schütten sich die Gäste mit Champagner zu und tanzen fröhlich, als wäre rein gar nichts passiert. Ein Eisberg? Ach was, das ist doch nur Panikmache!

Das muss man erst mal verstehen. Da stellen Menschen, die möglicherweise an dreihundertsechzig Tagen im Jahr behaupten, Bio und regional sei zu teuer, Batterien und Knallzeug auf den Gehweg, was so teuer ist wie eine Schweinslende in Demeterqualität und -Puff!-Peng!- ab damit in den Himmel. Danach gehen sie nach Hause. Der Müll bleibt liegen, ebenso der Plastikbeutel, in dem sie ihren Knallmüll herbeigetragen haben. Daneben die Sektflaschen zum Anstoßen – Zack! Ab auf die Wiese damit und mein Sektglas schmeiße ich an die Wand, das wird Glück bringen! – wird sich schon irgendwer darum kümmern, mir doch egal.

Und mir dämmert, Veränderungen müssen vielleicht einfach „näher dran am Menschen“ beginnen. Bei Silvester heißt das vielleicht nicht: „Kauft keine Knaller! Das ist schädlich für die Umwelt!“, sondern: „Nimm deinen Scheißmüll gefälligst wieder mit nach Hause! Sammel doch einfach den Dreck ein, den du machst, wenigstens den sichtbaren. Danke! Und Prost Neujahr!“. Müllentsorgung kommt vor Müllvermeidung in der Bewusstseinskette.

Biologisch abbaubare Böller – eine Alternative?

Morgens um neun war die Dresdner Stadtreinigung bereits am Schillerplatz im Einsatz und gegen zehn sah es rund um den Schillergarten aus wie frisch reinegemacht und mit Pril gewienert. Dazu muss man wissen, dass in diesem Viertel die Stadtrundfahrt durchfährt und hier zwischen den Villen an der Elbe die reichen Touristen promenieren, und die will man natürlich mit einem sauberen Ambiente erfreuen, also die Stadtväter möchten das.

Geputzt wird am ersten Januar nach meinem Beobachten nur bis zur Waldschlösschenbrücke, danach fängt Johannstadt an und das ist nicht so wichtig, ob es dort dreckig ist, und Pieschen? Ach, nach Drecks-Pieschen kommt die Straßenreinigung gar nicht in der ersten Januarwoche! Dort sieht es aus wie nach dem Krieg (oder was unsereiner darunter versteht).

Aber in Pieschen habe ich am ersten Januar junge Menschen gesehen, die mit Beuteln bewaffnet am Elbufer entlang gingen und Silvestermüll aufsammelten. Und später auch in Blasewitz eine ganze Familie, die während eines Neujahrsspazierganges Beutel dabei hatte, aus denen Holzstöcke von Raketen ragten.

Der Bärtige sammelt unseren Müll auf, trennt ihn säuberlich und streichelt meine empörte Faust, während er mich zu besänftigen versucht. Die Menschen würden „das“ nicht vorsätzlich tun und es gäbe zu wenig Mülleimer an der Elbe und jeder Mensch muss sein Verhalten für sich selbst entscheiden. Und da irrt er ja gewaltig, wie ich finde.

Ich habe deshalb beschlossen, am nächsten Silvesterabend Müllbeutel zu verteilen an der Elbe. Wahrscheinlich werde ich verkloppt. Oder zumindest bepöbelt. Ich werde den Menschen einen schönen Silvesterabend wünschen und ihnen – falls sie keinen eigenen Abfallbehälter dabei haben – einen schenken mit der Bitte, ihren Müll aufzusammeln und einfach nur neben den nächsten Mülleimer zu stellen und die Flaschen bitte nicht zu zerschmeißen, wegen der Schwäne, Enten, Gänse, Kinder, Scheißkinder! Denkt ihr gefälligst auch mal an die Scheißkinder! Ihr ignoranten Arschlöcher!“. Das wird super.

Und so schreibe ich auf mein leeres Blatt 2020 einen einzigen Satz nur: Da geht noch mehr! Und ich hoffe sehr, dass das stimmt.

 

 

Der Traum vom Vogel

Guten Morgen! Um die schwermütige Stimmung aufzulockern, die sich hier möglicherweise seit dem letzten Beitrag breitmacht, melde ich mich zurück mit schmutzigen Wahrheiten. Ja, auch verschwitzten.

Also die Heizung ist ausgefallen, Tag vier mittlerweile. Das macht auch Sinn! Wenn ich so eine Heizung wäre und streiken wöllte, nähme ich mir auch die ersten kühlen Tage des Jahres vor, an denen die Besitzer gern warme Füße hätten und ein Wannenbad am Abend. Wer braucht schon warmes Wasser während des deutschen Sommers?! Genau.

Jedenfalls schreibt mir die Vermieterin täglich, dass sie leider noch immer keine Rückmeldung vom Havariedienst habe. Was soll sie auch machen. Ich koche derweil Wasser auf zur Grundreinigung meiner exponierten Körperteile und überlege, bei wem ich mich heute zum Haarewaschen und Duchen einladen könnte.

Aber erst mal sitze ich hier, auf der Couch, das wusstet ihr ja nun bereits. So sieht das aus. Wenn meine Arme länger wären, könnte ich euch das auch in Gänze zeigen. Aber wer will das schon! Ungeduscht, in Socken, Schal und Gewänder gehüllt, pupse ich schamlos in meine Mollidecke, damit wir warm wird. Ihr habt genug Fantasie, ihr braucht kein Foto.

Und im Hintergrund singt Wiegald Boning: „Nimm mich jetzt, auch wenn ich stinke, denn sonst sag ich winkewinke und Good bye!“.

Letzte Nacht war hier was los! Pass auf:

Also, es ist kalt im großen Haus. Und leer, das wisst ihr ja bereits. Nun war es zusätzlich noch so, dass der Bubi bei seiner Freundin übernachtet hat und ich also komplett alleine war. Halt! Nicht ganz. Ich wohne nämlich in einem siamesischen Haus. Das heißt, unser Haus ist unterirdisch mit dem Nachbarhaus zusammengewachsen, ja-ha! Da gibts einen Gang durch die Kelleretage zum Lustwandeln. Das ist so gewollt und geschichtlich gewachsen. Warum, das tut hier nichts zur Sache. Außerdem gibt es noch eine „Panikwand“. Ich nenne die so, keine Ahnung, ob das der korrekte Begriff ist. Das ist auf dem Dachboden eine dünne Zwischenwand zum Dachboden der Nachbarn. Bedeutet, im Not- oder Brandfall oder während der Zombieapokalypse lässt sich diese Bretterwand von beiden Seiten leicht eindrücken und schwupps!, ist man im Nachbarhaus und hoffentlich in Sicherheit.

So, wir hätten also das Setting hinreichend beschrieben.

Gestern Abend dann hämmernde Geräusche, Schlurfen, es hallt durchs Haus. Die kleine Rike liegt im Bett, hält das Sudokuheft krampfhaft umklammert und lauscht. Schlurfen, Hämmern, Knallen, irgendwas ist umgefallen. „Hallo?! Hallo, ist da jemand?!“. Niemand antwortet, die kleine Rike in dem großen Bett in dem großen Haus denkt, der Havariedienst ist vielleicht gekommen. Abends um elf?! Hat man das schon mal gehört? Sie erwägt, ob es vielleicht sinnvoll wäre, direkt auf den Dachboden zu huschen und die Panikwand zu durchqueren, um bei Nachbars ruhigen Schlaf zu finden. Aber unsere Heldin ist mutig und tapst die Treppen nach unten, bekleidet in dicke Wollsocken, Schlüppi und eine Strickjacke. Was könnte als Waffe herhalten? Kein waffenähnlicher Gegenstand in Reichweite. Dann wird sie die Eindringlinge (es sind mehrere, da ist sie sich sicher) eben mit ihrem Anblick verscheuchen müssen. Noch während sie überlegt, dass es für die Dramaturgie eigentlich wichtig wäre, trüge sie einen ansehnlichen Morgenmantel und dass sie dringend einen anschaffen müsste, was gäbe sie denn für einen Anblick für die Mordkommission, wenn sie nicht nur nicht frisch geduscht („nicht nur nicht“, also zur Romancieuse wird dieses Frollein hier sicher nie umschulen), sondern auch noch unmöglich bekleidet oder eben unbekleidet gefunden würde und WANN würde man sie überhaupt finden! Und wer? Und ob sie dann schon stinken würde? Ab wann stinkt man denn? Ich muss das mal googlen, denkt sie sich, und dass der Morgenmantel cremefarben sein sollte, kein Lurexgarn! Also bitte, Lurex?!

Im Keller sieht alles so aus wie immer: Staubig, unaufgeräumt, unbemannt. Sie erwägt kurz, bei den Nachbarn zu klopfen um nach dem Rechten (und Linken; man sollte sich auch hier in der Formulierung politisch korrekt – heißt neutral – verhalten) zu sehen, entscheidet sich dann aber für den geordneten Rückzug in Richtung eigenes Schlafzimmer, nicht ohne während des Rückzuges jede Tür von innen zu verrammeln, zu verstellen, aus brandschutztechnischer Sicht völlig selbstgefährdend zu agieren. Egal, auch eine Heldin darf sich mal fürchten, alleine im großen, kalten Haus.

Sie fällt in einen unruhigen Schlaf und seltsame Träume.

Auf einmal steht sie in Pieschen auf der Markusstraße. Jürgen Vogel fährt langsam mit suchendem Blick an ihr vorbei, in einem alten Ford Fiesta (die Farbe ist ein blasses Flieder metallic). Jürgen Vogel hat seltsam große Ohren, die ihr noch nie im Kino aufgefallen sind und keinen maschinengeschorenen Kurzhaarschnitt, wie immer behauptet wird von der Lügenpresse und den Lügenmedien. Er hat dünnes langes Haar, das über dem Oberkopf nach hinten hängt in Richtung Nacken. Wenige, es sind sehr wenige Haare.

Jürgen will irgendwohin, scheint sich aber unsicher zu sein. Unsere Heldin fuchtelt herum, bis sie seine Aufmerksamkeit erregt („Erregt“, trifft hier eher auf unsere Heldin zu. Ich meine, Jürgen Vogel! J-Ü-R-G-E-N-V-O-G-E-L! Wie jeder weiß, verehrt sie diesen Schauspieler ob der Qualität seiner beruflichen Leistung und seines Sex Appeals. Und das stimmt. Und sie sind sich auch schon begegnet, nämlich bei der Preview von „Der freie Wille“ in der Dresdner Schauburg. Sie musste eher raus, weil der Babysitter angerufen hatte, damals, und Jürgen brüllte von unten von der Bühne hoch zu ihr in den Rang: „Hey! Warum gehst du schon?!“, und sie brüllte nonchalant zurück: „Weil ich muss!“, und er so: „Ach so! Na dann! Tschüss!“, und winkte grüßend zum Abschied. Seitdem behaupte sie gern, Jürgen und sie, also da wäre was, knickknack. Und natürlich würde sie post mortem in der Verfilmung ihrer Lebensgeschichte von Jürgen Vogel gespielt werden, Jürgen Vogel könne schließlich ALLES spielen. Und es gibt Menschen in ihrem Umfeld, die ihr mitteilen, dass sie soeben hinter Jürgen Vogel im Flieger von Köln nach Berlin gesessen hätten und dass Jürgen Vogel seine Schuhe ausgezogen hätte! Im Flieger! Aber das geht zu weit. Jedenfalls erkennt sie Jürgen Vogel auch mit übergroßen Ohren und seltsamer Frisur. Im blassfliedermetallicfarbenem Ford Fiesta. Er ist es! Zweifelsfrei).

Sie stellt sich ihm in den Weg und fragt, ob sie wohl helfen könne?! Jürgen erklärt, er wöllte zur Robert-Matzke-Straße, aber er habe sich verfranst (vielleicht hat er auch: „Verfahren!“, gesagt) und unsere Heldin erklärt lachend, in Pieschen mit dem Auto von A nach B zu fahren, sei unmöglich, sogar für Pieschener! Nahezu jede verf***te Straße sei wahlweise eine Sackgasse, eine Einbahnstraße, die in eine Sackgasse mündet oder eine Straße mit Sperrung in der Mitte, die man nur von der einen oder der anderen Seite befahren könne. Von welcher, das müsste man täglich neu probieren, da die willkürlichen Straßensperrungen nachts von Heinzelmännchen neu ausgewürfelt würden! Und er möge doch bitte sein Auto hier abstellen und dort um die Ecke laufen, da wäre dann die Robert-Matzke-Straße.

Als Dank erhält sie später am Tag ein braunes Päckchen mit der Post (oder Hermes?! Per Bote?!). Es enthält ein deutlich nach Pheromonen riechendes, also getragenes, Polyestershirt mit Kragen und Brusttasche. In der Brusttasche steckt der Reisepass von Jürgen Vogel. Hä?!

Sie nimmt Kontakt auf und will den Reisepass und das Stinkershirt zurückgeben. Jürgen steht vor ihrer Tür (die in der Markusstraße, also das alte Wohnhaus in Pieschen, wo sie früher gewohnt hat), nimmt das Shirt entgegen und – ZACK!- rechte Hand Flanschgriff an linke Titte!

BÄMM!

ALTER! Ich saß im Bett! WAR ICH WACH! Also so wach, wie man eben ist, wenn man auf einmal von Jürgen ohne Vorwarnung mitten in der Mitte angegegegegrapscht wird!

Und weil ich andauernd schräges Zeug träume und das aber meistens gleich wieder vergesse, bin ich durchs Haus geschlurft und habe überall das Licht gelöscht, das die ganze Nacht gebrannt hat (aus Sicherheitsgründen, ihr wisst ja nun Bescheid), die Zombiebarrieren entfernt und schreibe das nun zur dünngeistigen Unterhaltung des geneigten Publikums nieder. Und, weil ich nämlich nicht nur auf Jürgen stehe, sondern eine pathologische Affinität zu allerlei Vögeln pflege (Ha! Ich wusste es! Ich wusste, irgendwo bekomme ich noch „VÖGELN“ unter in diesem Text), muss ich euch was ganz, ganz schönes erzählen. Vom Specht nämlich, diesem hier. Der schrägste Vogel von allen! Aber das schreibe ich euch später, Vorspiel ist wichtig. Erst heiß machen und dann lauwarm abservieren, ihr wisst bescheid. Und wenn ihr nun denkt: „So viel Intro nur wegen einem einzigen komischen Vogel?“, dann habt ihr vollkommen recht! Das macht sie nur für einen ganz bestimmten komischen Vogel. ❤

Frau Nieselpriem, Herr Specht und eine Flasche Bier

Auf Wiederlesen! Und wenn ihr mal hinter Jürgen Vogel im Flieger gesessen habt und er sich die Schuhe ausgezogen hat, schreibt mir.

Ein Kaffee für Frau Nieselpriem

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Glückliche Fügungen feat. the Osterwochenende

Jahrelang fuhren wir stets an Ostern in die Nähe von Liberec im tschechischen Isergebirgsland. Dort hatte ein holländisches Pärchen einen alten Dreiseitenhof zu einer kuschligen Pension umgebaut und bewirtete aufs Allerherzlichste die Gäste, die zum Wandern kamen.

Nur kamen relativ wenig Menschen. Wir waren jahrelang an Ostern nahezu allein und unsere Kinder tobten über die alten Gänge, im Garten war außer uns niemand und morgens in der guten Stube beim Frühstück ebenso Leere und Stille. Außer an unserem Tisch natürlich.

Dann machte ich den Fehler und schrieb darüber, so richtig mit Link und so. Und viele Leser schrieben mir auch und wollten es ganz genau wissen: Wo war das, wie heißt das, wie ist dies und wie ist das. Ich schickte jede Menge Leute dahin. Von nun an war es Ostern nie mehr leer. Aber das machte uns nichts. Gut, die Wirtin hatte nun keine Zeit mehr um uns kleine Willkommensküchlein zu backen und die Kinder schienen ihr auch oft ein Ärgernis zu sein mit ihrem Kinderlärm und weil sie über den Rasen rannten. Dennoch kamen wir weiterhin an Ostern wie eh und je, mieteten stets das gleiche Appartement und verabschiedeten uns stets mit den Worten: „Tschüss, bis nächstes Jahr!“.

In diesem Jahr nun teilte man uns mit, es wäre kein Zimmer frei für uns. Schluss, aus.

Ich war wie vor den Kopf gestoßen. Und ich nahm das persönlich. Ich fühlte mich gekränkt, ungewollt und war stinkesauer.

Der Beste ließ sich nicht beirren, setzte sich vor die große Internetmaschine und suchte für uns und die befreundete Familie, mit der wir stets die Osterfeiertage verbringen, ein anderes Quartier. Ich schmollte derweil und betrauerte meine lieb gewonnene Tradition.

Und so fuhren wir in diesem Jahr in ein Hotel. Auch ein altes, umgebautes Gemäuer, früher war es wohl ein Schloss. Pferde und Rindviecher sollte es geben und ein Restaurant auf dem Areal. Ich war dennoch skeptisch. Rückblickend muss ich nun sagen: Zum Glück haben uns die Quartiereltern der „alten“ Pension den sprichwörtlichen Stuhl vor die Tür gestellt. Zum Glück! Denn ansonsten hätten wir diese Kleinod niemals kennengelernt! Was für ein glücklicher Umstand im Nachhinein.

Inmitten einer herrlichen Landschaft und Wiesen, soweit das Auge reicht, liegt ein Anwesen mit anmutigen Pferden, die morgens geritten werden dürfen, stehen wunderschöne schottische Hochlandrinder auf der Wiese, gibt es Platz zum Rennen und Toben und Kreischen und Tollen und Erkunden und jede Menge andere Kinder zum Spielen waren auch da!

Weil uns an einem Ort der Aufenthalt verwehrt wurde, fahren wir ab sofort möglicherweise immer an Ostern zu den Pferden und Rindern und den Wiesen und all dem Schönen hier. Und bitte fragt mich nicht nach der Adresse! Aus verständlichen Gründen unterliegt die diesmal der nieselpriemschen Schweigepflicht. 🙂

Wir saßen in der Sonne…

… spielten Tischtennis oder

… tobten auf dem Trampolin.

Am Abend gab es ein Lagerfeuer und…

… unser traditioneller Ostermarsch führte uns in diesem Jahr zwar nicht auf den Jeschken (so wie sonst immer; ich war schon wieder kurz traurig), aber wir acht erkundeten wandertechnisch für uns Neuland. Und: Es war schön! Doch, wirklich. Und wieder einmal dachte ich: Zum Glück war unser Zimmer belegt in der ursprünglichen Pension.

Am Abend nach dem Wandertag gab es böhmischen Gulasch von den lieben Rindviechern hinterm Hof, dazu Knödel und herzhafte Kartoffelpuffer. Ganz klar: Wir sind in Tschechien!

Als wir wieder daheim sind, fällt mir das große Fleischpaket in die Hände, das meine Mutter uns vor der Abfahrt als „kleines Ostergeschenk“ überlassen hatte, und von dem ich fand, nichts wäre unpassender als das. Menschen, die für vier Tage verreisen, ein Fleischpaket zu schenken!

Doch: Auch dies schien irgendwie am Ende eine glückliche Fügung zu sein, denn wir freuten uns wie blöde darauf, bei herrlichstem Osterwetterchen den heimischen Grill anzufackeln. Gesagt, getan. Und danke schön, Mütterchen, das mit dem Fleischpaket war eine urst knorke Idee. So im Nachhinein betrachtet.

Während die Mannen grillen und unter Aufsicht zündeln (der Kleinste), lese ich mich bei Instagram auf den neuesten Stand (Ich finde ja, Instagram ist das neue Facebook und Twitter sowieso nur ein Hort des Bösen; also ja, Instagram fetzt mir sehr). Da schreibt eine von mir sehr geschätzte Person, wie abartig sie doch all diese Heile-Welt-Blogger fände mit ihrer Tüdelütt-wir-sind-so-fröhlich-Attitüde und bei denen alles so heiditei-glücklich-verfiltert-perfekt erscheint, und dass sie denen jetzt rigoros entfolgt sei! Richtig so, denke ich mir und like aus Prinzip (ich sagte schon, ich schätze diese Person sehr). Dann, aus einem unerklärlichen Impuls heraus, sehe ich nach und muss feststellen, sie folgt nun auch mir nicht mehr!

Schockschwerenot, bin ich ein Netzmensch mit Perfektionswahn und angeberisch-reißerisch-glücklicher Attitüde? Ich?!

Und dann denke ich: Ja, verflixt und zugenäht und halleluja! Ja, ich bin noch mal verdammt glücklich im Moment! Und scheiße, fühlt sich das gut an! Und danke, dass du mir durch das Entfolgen die Augen aufgemacht hast, geschätzte Instagramperson. Ich will das genießen, solange es so ist und festhalten für schlechte Zeiten (Ja, Mensch, ich weiß! Aber versuchen kann ich es doch trotzdem.), und ich haue jetzt mit Veilchen, keimende Knospen und Kindern im Sonnenschein um mich und vielleicht knalle ich euch sogar noch einen Sonnenuntergang vor die Füße! Halleluja!

Warte, fast den Scheißsonnenuntergang vergessen…

 

„Das ist die Drossel, die da schlägt,
Der Frühling, der mein Herz bewegt;
Ich fühle, die sich hold bezeigen,
Die Geister aus der Erde steigen.
Das Leben fliesset wie ein Traum –
Mir ist wie Blume, Blatt und Baum.“

(Theodor Storm 1817-1888, deutscher Schriftsteller)

 

„Frei“-Tag

Während wir am Samstag inmitten dicker Schneeflocken erwachten…

…war bereits am Nachmittag der Zauber in der Großstadt vergessen. Und am Morgen darauf schien eine gut gelaunte Frühlingssonne durch die ungeputzten Scheiben in unsere Bude.

Jetzt wäre das sicher die ideale Ausgangssituation, um mal gründlich Fenster zu putzen, aber die „Hausfrau“ in diesem Haus ist ein Schwein. Oink. Und auch die anderen Bewohner stören sich nicht an den Fenstern, denn sie wissen, ich würde sonst gern bereitwillig zeigen, wo die Putzmittel zu finden wären.

Der Bärtige schnappte sich das Süßilein und seinen Besten nebst Fortpflänzchen und schwups – sind sie abgezischt nach Schellerhau. Und schicken solche Fotos hier.

Ich nutze den geschenkten Familien“frei“tag, und hänge gnadenlos in der Couch. In Pantalons und Schlabbershirt, mit ohne Frisur, dafür Gummibärchen, Kimmy Schmidt und Strickzeug. Und Laptop! Wenn ich schon mal Tagesfreizeit habe, kann ich mich ja auch mal in Ruhe mit euch unterhalten! Ihr widersprecht nicht und redet nicht rein und außerdem springt ihr auch nicht mitten im Satz auf und haut einen Becher vom Tisch oder rennt irgendwohin. Ich muss es mal loswerden: Ihr sein tolle Gesprächspartner!

Das Wichtigste: Nächste Woche Samstag ist Michael Specht im Boulevardtheater in Dresden. Ja, genau, das ist ein Teil der „Tim Herzberger Show“, über die ich schon inbrünstig entflammt und von Glückshormonen gebeutelt berichtete. Die Show am Samstag heißt „Liebe nur“, und ist zu Recht ausverkauft. Es wird auch nur diese eine Vorstellung geben in diesem Jahr, in diesem Leben und mit diesem sexy Turnbeutelmodel. Und ihr habt eben Pech, wenn ihr nicht dabei seid!

Doch warte, ich habe noch zwei Karten übrig, die ich kluges Weib vorsichtshalber auf Reserve gekauft hatte. Wer interessiert ist, kann sich gern melden! nieselpriem.blog@gmail.com.

Jetzt was anderes. Ach, da war was los in der letzten Woche nach meinem Artikel über das Pubertätsprojekt. 

Ganz viele Menschen haben sofort den neu gelaunchten Blog abonniert und mir geschrieben, wie super die Idee sei! Nun ja, das glaube ich auch noch immer, aber jetzt kommt das ABER. Ich war da etwas vorschnell, befürchte ich, oder andere. Und jetzt ich auch. Warte, ich erklär es gleich!

(Damit ihr noch was fürs Auge und den Gaumen kriegt, hau ich jetzt schamlos Bilder von den zweifarbigen Waffeln, die ich am Nachmittag für die Schneehasen gemacht habe,  hier zwischen die Zeilen. Das Rezept habe ich von hier.)

Ich hatte den Blog aufgesetzt, weil die Vorteile für das mir vorschwebende Projekt auf der Hand lagen: Ich könnte alleine anfangen, aber problemlos Admins hinzufügen oder den Blog in Gänze zu einem anderen Menschen transferieren, wenn gewünscht. Ganz im Sinne der angestrebten Kollaboration dachte ich, okay, ich fange einfach mal an, und so hatte ich mich auch mit den anderen Bloggern in dem Diskussionsthread zu diesem Thema verständigt.

Und ja, mehr war es ja auch nicht. Der Text kaum mehr als ein Lorem Ipsum, also nur den hier veröffentlichte Text zur Erklärung reingeklatscht, was dort entstehen soll … Ich plante ja, bald erste Texte selbst (neutral gehalten) zu posten und eure Leserbriefe.

Dann schrieb mich eine Bloggerkollegin an. Oh Gott, du hast ja gar kein Impressum! Ich so, ich weiß, noch nicht. Ich muss noch nachdenken! Abtretungserklärung/ Urheberrecht der Texte und verarbeite ich eigentlich Daten?! Das ist alles sehr schwierig bis total kompliziert geworden seit der neuen DSVGO im letzten Jahr.

Also eigentlich ja nicht, dachte ich. Zumindest, wenn man mit dem „GMV“ rangeht, dem gesunden Menschenverstand. Dann aber kam die Geschichte mit Vreni Frost, uuuuh! Und allen wurde ganz schlecht. Jeder zweite Blogger/ Instagrammer/ Onliner rannte kopflos hysterisch kreischend in der Gegen rum und fühlte sich von der „Abmahn-Mafia“ bedroht. Vielleicht auch nur jede(r) dritte, ich jedenfalls dachte: „Hä?!“.

Aber dann hörte ich doch immer wieder auch von vollkommen unhysterischen Bloggerfreunden, sie hätten Post von irgendwelchen Kanzleien erhalten, blablabla, rechtssicheres Impressum, blubblubb, Datenschutzerklärung und so weiter.

Das ist also hier auf einmal kein harmloses Hobby mehr. Denn selbst wenn es ein Hobby ist (wie in meinem Fall) und ich nur Kosten habe (Einhundert Dollar/ Jahr für Wartung und Hosting) und keine Erträge (Oder wollt ihr hier gern immer mal lesen, welche Zahncreme ich in dieser Woche empfehle? Und welche sinnlose Versicherung?) muss ich mich an die bekloppten wichtigen neuen Bestimmungen halten.

Und wenn ich früher (!) dachte, Mooooment mal, verklagen kann mich doch nur jemand, wenn ich mir durch unlauteres Benehmen einen Wettbewerbsvorteil verschafft habe und wo bitte soll der denn sein bei einem nichtmonetär ausgerichteten Blog ohne jegliche Verkaufsabsicht und ohne Einnahmen, dann weiß ich es nun leider auch nicht mehr so genau. Und wer hat schon einen Internetrechtsundlinksanwalt in der Familie? Ich nicht.

Jedenfalls unkt die Bloggerfreundin weiter, das sei alles sehr gefährlich so ohne rechtssicheres Dings und Bums (das ich ja wirklich noch nicht hatte/ habe) und dann wurde es sehr creepy. Sie befürchtete, ich könnte im Ernstfall nämlich gezwungen werden, die realen Namen und Adressen derjenigen preis zu geben, die mir Content geliefert hätten. Also die Geschichten für diesen Ratgeber-, Mutgeberblog, den ich da ins Leben gerufen hatte. Was das für ein Umstand sein sollte, der solche Handlungen erforderlich machen sollte, das konnte sie auch nicht benennen.

Für mich war das alles sehr blümerant! Aber es zeigte mir zum Einen, eine gute Idee alleine reicht nicht, und zum anderen, die Menschen haben Bedenken. Manche. Und ich weiß es doch auch nicht genau!

Deshalb habe ich den neuen Blog „Die zweiten zwölf Jahre – Elternschaft in Zeiten der Pubertät“ erst mal auf „privat“ gesetzt, ihr könnt da nicht mehr drauf aus diesem undurchsichtigen Internet.

Ich werde diese/eure Geschichten – so wie andere Blogger auch – als Leserbriefe veröffentlichen unter einer Rubrik „Pubertät“. Ich hoffe, irgendwann das umzuziehen auf den eigenen Blog, das fände ich auch als suchender Leser schöner, wenn alles irgendwo gebündelt wäre. Und wegen dem Rechtsgeschwurbel: Jemand mit juristischem Background und Tagesfreizeit ist freundlich eingeladen, sich bei mir zu melden! Geld hab ich keines, aber ich backe Kuchen. 🙂 Oder Waffeln.

Was war noch? Jemand fragte mal wieder, wann ich denn ein Buch veröffentlichen werde.

Letztes Jahr um die Zeit hatte ich tatsächlich eine Anfrage zu diesem 111-Orte-für-Kinder-Dingsbums. Ich bin nicht die Autorin dieses Buches geworden, meine Liste mit Orten wurde abgeschmettert, weil langweilig und öde. Ich plane also, diese langweiligen Destinationen die ich super für Kinder und Familien finde, hier irgendwie online und gratis aufzubereiten für euch.

Dann habe ich immer gesagt, einen fröhlich-harmlosen Muttiroman schreibe ich nur, wenn ich zufällig mit Anfang fünfzig noch mal Mutter werden sollte, und der würde dann heißen: „Elternzeit statt Altersteilzeit – Eine Chance für Senioren“. Dazu stehe ich noch immer. Und bevor Nachfragen kommen: Neunundvierzig! Am kommenden Donnerstag.

Wo war ich? Buch. Ich habe allerdings seit ein paar Jahren ein „Buch“ im Schreibtisch. Es ist das Kriegstagebuch meines Stiefgroßvaters, der zu Zeiten des Bombardements von Dresden als Verwundeter in der Stadt weilte. Viele maschinengeschriebene Seiten, die mich fesseln. Da ich selbst total gerne solche Bücher lese, habe ich vor, einen Roman darum zu basteln.

Und dann kam eine saucoole Anfrage für ein Buchprojekt rein, die ich richtig richtig kawummig finde und über die ich gar nicht so viel erzählen kann. Aber wenn das was wird, dann wird das DASDING! Das glaube ich fest. Und es ist ein Teamprojekt, das sind mir die allerliebsten ❤ .

So, die Waffeln sind alle, der „Frei“-tag vorbei. Schüss, ihr alle, bis bald. Und schreibt mir. Und jemand soll die Karten abholen! Okay? Habt ne gute Woche, ihr Nieselpriemschn.

 

Warte, die Scheißherzen … ❤ ❤ ❤ So.