Dem Ingeniör ist nichts zu schwör

„Mama, Mami, komm schnell! Isch hab den Schallosierer rebboriert! Komm, ich zeig´s dir…“, sprichts und führt mich an der Hand in ein Zimmer, wo tatsächlich die Jalousie wie eine zerknuddelte Ziehharmonika schief an nur noch einem Haken herunterhängt, während das Führungsseil aus seiner Halterung gerissen ist und abgefädelt vorm Fenster rumbaumelt. Am Tatort befinden sich noch einige Kleinteile, deren ursprünglicher Verwendungszweck im Zusammenhang mit Fensterverdunkelung sich mir nicht mehr erschließen will. Futsch. Sonnenschein forever.

Der Blondino ist drei Jahre und zehn Monate alt, einen Meter fünf hoch und in der Ingenieur-Phase.

Egal, was er in die grumpeligen Fingerchen bekommt, er baut es auseinander. Manch einer würde sagen, er zerstört. Er kriegt wirklich alles platt! In diesem Haushalt gibt es mittlerweile Kisten voller Kleinteile, die irgendwann einmal Taschenlampen waren oder Autos, die eigentlich nicht zum Auseinanderbauen gedacht waren. Denn, das ist das beste Spielzeug! Notfalls werden die Achsen schamlos gebrochen, um die Räder abzubauen. Er findet jede undichte Schweißnaht bei Plastikteilen, jedes Gewinde und alle Steckverbindungen. Ich kann manchmal selbst nicht glauben, aus wievielen Kleinteilen manches Ding besteht. Bis es durch des Kindes Hände ging.

Ich habe ja Schraubergene. Mein Vater war KFZ-Klempner und roch nach Motoröl und Old Spice und ich dachte jahrelang, ich würde genauso einen Mann heiraten: Groß, schwarzhaarig, mit derben Händen, die riesige Schraubenschlüssel jonglieren. (Nun ja, fast. Also beinahe. Okay, ich habe einen Mann geheiratet! Das zumindest ist eingetroffen.)

Möglicherweise vererben sich nun aber meine Schraubergene auf das Kind.

Für mich ist das neu. Ich weiß schon vom Hörensagen, dass alle Kinder wohl so eine Experimentierphase durchlaufen, wo sie die Funktionalität der Dinge und Objekte „begreifen“ wollen. Das Großkind hatte diese Phase nie. Den setzte man vor eine riesengroße Lego-Kiste, die der Altersklassifikation nach irgendwo fünf Jahre über seinem Alter lag, und er baute. Zusammen, wohlgemerkt! Der erste baute also immer nur zusammen. Der hier jetzt, der Neue, der baut auseinander, ausschließlich.

Alles.

Gefühlt hat der vierzig Fingerchen und wuselt auf seinen kurzen Beinen binnen Sekunden durch das Haus und Gefahr ist stets im Verzg. Sobald drei Minuten Funkstille ist, mache ich das Erdmännchen und lausche ängstlich. „… Das ist die große Mähmaschine… das ist die kleine Mähmaschine… brummbrumm… Motor…“. Mähmaschinen? Was für`ne Mähmasche?! Oh Gott, meine Nähmaschinen! I believe, I can fly, mit wehenden Armen sause ich durchs Haus!

Neulich kam er mit einem neuen Schatz an. „Mama, wie macht das?!“, und hält mir mit strahlenden Augen und bewunderndem Blick ein Heizkissen unter die Nase. „Hä, woher hast du das? Egal. Na gut. Das ist ein Heizkissen. Das wird warm und wenn jemand Rückenschmerzen hat, kann er sich das dann an den Rücken tun.“. „Was macht das für ein Geräusch?“. „Das macht kein Geräusch, das ist leise!“. „Wo dreht sich das?!“ (der Blick schon skeptischer). „Das dreht sich auch nicht, das wird nur warm.“. „Aber wie macht das?!“ (eine kleine Falte bildet sich zwischen den Babyaugen und er dreht den neuen Schatz argwöhnisch hin und her). „Das macht eben! Das ist nur warm, wenn man das Kabel… nein, Finger weg! Nicht an die Steckdose! Das ist meins. Das macht gar nichts! Kein Geräusch, dreht sich nicht, ist auch ganz kaputt. Langweilig und kaputt. Das liegt nur so rum! Gib´s her jetzt. Danke! Geh, spiel im Keller mit Papas Werkzeugkiste oder bau eine Taschenlampe auseinander.“.

Abends fege ich schaufelweise irgendwelche Kleinteile in eine „Spielkiste“, kein Mensch kann die wieder zusammenbauen. Erwähnte ich, dass Lego langweilig ist? Lego ist langweilig. Es müssen Erwachsenensachen sein. Oder die vom Bruder. „Mutter, kannst du mal dieses Kind aus meinem Zimmer holen! Der fasst alles an!“, nölt es ständig aus der Pubertätshöhle. Der Bubi hat zum Beispiel ein „Coollicht“, wie das Kleinste es nennt, also so eine sich drehende Birne, die bunte Flecken an die Decke wirft. Das ist des Blonden heißer Fancy-Scheiß. Da liegt er dann unbefugterweise auf dem Pubilager und versaut sich sein Babyhirn mit stroboskopartigen Buntblitzen. Das erste Coollicht ist schon hinüber, denn selbstverständlich hat der Ingenieur versucht, es auseinanderzubauen. Danach knurrte und knarzte es nur noch, später tat es gar nichts mehr. Und ehrlich gesagt ging das hier, das neu gekaufte Ersatzmodell für das Großkind, jetzt auch nicht , als ich es für euch anmachen wollte.

cooles Coollicht, vermutlich defekt

Auto ist auch so ein Thema. Nachmittags, während ich gefühlt zehn Taschen, Tüten, Beutel aus dem Kofferraum heraus und in das Haus hereinräume, spielt der Blondino im Auto. Er sitzt süß auf dem Fahrersitz und ruckelt am Lenkrad und ruft: „Isch bin ein Pirat, Land ins Nichts!“. Das sind fünf Minuten maximal. Am nächsten Morgen dann setze ich mich hinter das Steuer (das bis jetzt zum Glück immer noch dort war, wo man es vermutet) und glotze grenzdebil. In jedem Lüftungsschlitz stecken Kaugummis, Wagen-Chips. Kaugummis und irgendwelche Schlüssel zu irgendwelchen unbekannten Schlössern (Ja, sowas hab ich im Auto) stecken in den Schlitzen vom Gurt, das Netzteil des Uralt-Navi wurde versucht, anzustecken und aufgrund mangelndes Sachverstandes und mangelnder Impulskontrolle dann im Wageninneren rumgeschmissen. Außerdem liegen jede Menge Kleinteile, die der Autohersteller mal in die Autobedienarchitektur eingebaut hatte, lose herum. Abgebaut durch den Ingenieur. Aufgrund mangelndes Sachverstandes meinerseits sammle ich die artig in der Schütte der Fahrertür und freue mich mit großer Erleichterung, wenn trotzdem jeden Morgen – bislang – das Auto tut, wofür ich es gekauft habe.

Ich bin mal als Beifahrer während eines Staus ausgestiegen (warum auch immer), und schwupps, stand das Kind neben mir! Abgeschnallt aus seinem superduper-Houdini-sicherem Kindersitz, Türe geöffnet, da stand er. Die Blicke, die der Mann (am Steuer des Autos) und ich austauschten: unbezahlbar!

Vorhin stand der Ingenieur im Bruderzimmer und piepste mit seiner Tweety-Stimme: „Alexa?! Deine Mudda!“. „Deine. Mudda. Ist. So. Dünn. Heidi. Klum. Hat. Sie. Nach. Ihrer. Diät. Gefragt.“. Kann kein Laufrad fahren und braucht den Nunni zum Einschlafen, aber das geht, ja?! Deine Mudda stemmt die Hände in ihre Hüften! Ich habe allerdings berechtigte Sorge, dass er als nächstes versuchen wird, Alexas Mutter aus dem kleinen Kästchen zu befreien.

… Ja, was denn?! Brüllt doch nicht so durch das Haus! Ich rede gerade mit den Lesern. Was soll ich?! Aha. Ja, ist gut! Also ich soll ausrichten, der Kleine wünscht sich sehr einen OLED 4K 65 Zoll Fernseher zum Auseinanderbauen, also wegen der frühkindlichen Entwicklung… Ja, ich habe es gehört! Und ich soll sagen, auch eine Nintendo Switch Konsole. Falls jemand sowas übrig hat, danke im Voraus. Dann lässt er vielleicht von meinem Auto ab. Und meinen Nähmaschinen.

Und später habe ich dann vielleicht wirklich jemanden hier, der mir bei handwerklichen Bedürfnissen unter die faltigen Arme greift. Ich hatte da schon mal so eine Vorahnung.

 

Ich liebe meinen Zahnarzt (-Tag)

Heute ist ein weltweiter Feiertag, darauf wurde ich via Facebook aufmerksam gemacht. Von der Zahnarzthelferin meines Vertrauens. Genau, heute ist „Ich liebe meinen Zahnarzt-Tag“!

Es gibt ja für alles einen Feiertag, warum also nicht für Zahnärzte? An diesem Tag, also heute, soll man seinem Zahnarzt (das schließt jetzt Dentisten aller Geschlechter ein) seine Dankbarkeit ausdrücken.

Als mich also die Empfangsfee meines bemundschutzten Mister Grey auf dieses Datum aufmerksam machte, konnte ich meine Begeisterung kaum im Zaum halten. Verständlich! Ich bin nämlich Angstpatientin und hole jetzt mal aus…

Als ich vor vielleicht zwanzig Jahren zum ersten Mal die Praxis am Dresdner Fetscherplatz besuchte hineingeschleift wurde , lebte ich bis dato bestimmt fünfzehn Jahre ein zahnarztfreies, glückliches Leben. Ich hatte auch nicht wirklich vor, daran etwas zu ändern, schlossen doch die Sitzungen auf der Folterbank des Grauens für mich unsagbare Schmerzen und hauptsächlich eine entsetzliche Angst vor unsagbaren Schmerzen ein. Geprägt durch DDR-Zahnarzt-Besuche ohne Schmerzmittelbehandlung, dafür mit gebrülltem Kommandoton: „Jetzt reißen sie sich gefälligst mal zusammen, Frollein!“, taten ihr übriges zu meiner Aversion.

Ihr wisst ja alle, wie das mit Zahnärzten ist. Keine mag sie, alle brauchen sie. Irgendwann.

Damals fand ich in dieser Praxis gegenüber dem Counter ein gerahmtes Bild mit einem Sinnspruch in Richtung Behandlung von Angstpatienten (ich weiß gar nicht, ob das dort noch immer hängt), ich hielt es für ein gutes Omen. War es.

Der Zahnarzt sah aus wie Jürgen von der Lippe und hatte ein geduldiges, liebevolles Auftreten. Dass ich immer erst fünf Minuten heulte, bevor er in meinen Mund gucken durfte, wurde unser Ritual. Er ließ mich gewähren, und ich ihn. Es wurde gut. Oder zumindest besser! Mein Zahnstatus und auch meine Angst. Zahnarztangst lässt sich tatsächlich nur mit Expositionstraining beheben, heißt, durch immer wiederkehrende Zahnarztbesuche in möglichst kurzen Abständen.

Dann, es muss so 2004 oder 2005 gewesen sein, teilt mir Jürgen von der Lippe mit, er wöllte sich zur Ruhe setzen. Ich war schockiert! „Was? Wie? Aber sie sind doch noch jung! Und was wird aus mir?! Kann ich zu ihnen nach Hause kommen? Sie werden doch bestimmt in der Garage auch noch ein paar Bohrer haben! Ich gehe nicht zu einem anderen Zahnarzt. Niemals! Ich komme zu ihnen nach Hause. Gibt die Schwester mir ihre Privatadresse? Nein?! Warum denn nicht! Doktorchen, bitte. Ich bin ein Notfall!“.

Er versuchte mich zu beruhigen mit den Worten, dass er einen wirklich würdigen und fähigen Nachfolger gefunden habe und sich absolut sicher sei, dass ich bedenkenlos weiterhin in diese Praxis gehen könnte. Pah! Von wegen. Würde ich nicht.

Doch, hab ich. Meine Zähne, die sich an die regelmäßige Zuwendung gewöhnt hatten, neigten nämlich ab sofort zu starken Verfallserscheinungen. Ich also hin, nichts Gutes ahnend. „Wenns wehtut, gehst du schon!“, stimmt leider in Bezug auf Zahnarztbesuche. Außer, man hält eine Schnaps-Ibu-Therapie mit anschließender Leberschädigung für erstrebenswert.

Ich erinnere mich sogar noch ganz genau an die erste Begegnung mit dem „Neuen“. Ich saß als Schmerzpatientin (was sonst) schon vor um acht im Wartezimmer, zitternd, und die Tür ging auf. Ein junger Mann mit Aktenkoffer kam rein und blickte nickend grüßend ins Wartezimmer. „Pharma-Fuzzi“, diagnostizierte ich. Zehn Minuten später schüttete der vermeintliche Pharmavertreter mir die Hand und zeigte auf die Liege mit der Aufforderung, Platz zu nehmen.

Der Neue sieht aus wie Eckart von Hirschhausen in attraktiv und hat Augen wie Milka Zartbitter Schokolade (Darf ich das hier schreiben? Der liest das doch nicht, oder?). Fifty Shades of grey war damals noch nicht geschrieben worden, aber mein Mister Grey trägt ein lila T-Shirt über weißer Hose und schwingt seit zwölf Jahren den Bohrer.

In den letzten Jahren haben wir auch schon einiges zusammen durchgemacht. Ich mit den Zähnen, er mit mir. Ich kam schon unbestellt mit Befunden morgens an, die wurzelbehandelt werden mussten und den kompletten Betrieb lahm legten. Heißt, die Schwester kam mehrmals rein um ihm mitzuteilen, die „Bestellten“würden langsam randalieren! Er ließ sich nie beirren. (Edit: Ich würde problemlos eine Wartezeit von zwei Stunden dort in Kauf nehmen, weil ich mir vorstelle, dass er in dem Moment ebenso einem „Notfall“ zu Biss verhilft.). Er hält meine Marotten aus. Morgens mehr als abends, weshalb ich immer früh komme (das ist für uns beide besser). Und ich sage euch, also so wie ich mich dort benehme…

„Frau Voigt, machen sie den Mund auf.“, „Aber nicht mit dem Haken kratzen! Nur kurz gucken.“. „Bitte weiter, ich kann doch gar nichts sehen!“. „Ich will aber nicht! Ich will lieber erst ne Spritze!“. „Aber ich gucke doch erst mal nur! Das tut nicht weh. Ich bin ganz vorsichtig.“. Ist er immer.

Ich will prinzipiell die doppelte Dosis an Betäubung und kreische dennoch drauflos, weil ich immer, immer, immer noch was merke! Er bleibt ruhig.

Ich weigere mich, die leider notwendige Paradontosebehandlung bei der dafür angestellten Fachkraft machen zu lassen. Er macht es selber.

Ich brauche Pausen in der Behandlung und ein unverfängliches Gespräch zur Nervenberuhigung. Bekomme ich beides, egal, was das Bestellbuch sagt.

Ich behaupte, dringend ein Veneer zu brauchen für meinen schiefen Schneidezahn. Er sieht sich das Dilemma an und konstatiert, dass das eigentlich gut zu mir passen würde. Das mit dem schiefen Zahn. Seitdem lächle ich mit offenem Mund. Trotz schiefem Schneidezahn!

Er ist die Nadel im Heuhaufen.

Im letzten Jahr war fünfzehn Mal „zu Gast“ in der Praxis und alle freuen sich immer sehr, mich zu sehen. Das kann nur daran liegen, dass ich gelegentlich Kuchen mitbringe. Oder manchmal Blumen. Als Patientin bin ich die Katastrophe schlechthin! Aber das macht wohl die Profis aus. Dass sie auch mit solchen Nervenbündeln wie mir gut zurechtkommen.

Ich bin zahnarztmonogam und das aus gutem Grund: Meiner ist einfach der Beste!

Im letzen Jahr hat er Urlaub gemacht (Note to myself: Ich muss meine Urlaubsplanung ab sofort mit ihm absprechen) und Schmerzen im Kiefer zwangen mich zu Vertretungen. Drei Ärzte innerhalb einer Woche rieten mir, gegen die augenscheinliche Entzündung im Zahnfleisch antibakteriell zu spülen, das würde schon wieder! Dann, endlich, war der Zahnarzturlaub vorbei und der abgestorbene Zahn wurde fachmännisch behandelt. Da hätte ich noch Jahre weitergespült ohne Besserung!

Seit geraumer Zeit machen ja auch Zahnsanierungsangebote im Ausland gut Geschäft und ich gebe zu, für manchen mag das verlockend klingen: Fährst in die Sonne und lässt während deines Urlaubs alles mit Vollnarkose in einem durchgestyltem Krankenhaus richten. Inklusive Bleeching! Zum halben Preis mit anschließender Genesung am Strand.

Ich sage euch was: Niemals nicht mit mir! Und selbst wenn ich die Behandlungen in der nicht top durchgestylten Praxis ab sofort aus der Tasche bar bezahlen müsste, dann wäre das der einzige Weg für mich! Es gibt auch nur den Einen für mich. Und sollte der irgendwann in Rente gehen wollen, hat er mich ab dann in seiner Garage sitzen…

Und das muss ja mal gesagt werden! Er macht einen großartigen Job unter teilweise widrigen Arbeitsbedingungen und ja, wir machen alle unseren Job. Aber Leute, geht ihr mit mir mit, wenn ich sage: Die einen machen es so und die anderen einfach besser? Überall, in jedem Job? Ich glaube schon, dass das so ist.

Und wenn ihr selber auch so ein Schätzchen gefunden habt, dem gegenüber ihr vertrauensvoll den Mund öffnen könnt ohne Angst haben zu müssen, dass die Seele entfleucht, dann sagt es ihm oder ihr!

Vielleicht ruft ihr mal an, einfach so. Heute zum Beispiel! Denn heute ist offizieller „ich liebe meinen Zahnarzt- Tag“. Aber nächste Woche ist auch ok. Ich glaube, dass jeder Mensch sich über Lob freut, auch diejenigen, die den ganzen Mund voll Arbeit haben. 🙂

 

 

 

 

 

Ich sehe was, was du nicht siehst!

(Jetzt kommt die Soße zum Quatsch, also das Soßenrezept, nein, Soßenkonzept, nein, Soßenidee!)

Wenn davon die Rede ist, Eltern zu stärken, geht es im allgemeinen meist um Elternrechte, politisch initiiert. Oder Steuern. Oder Geld. Davon will ich hier aber nicht reden. Ich will ans Eingemachte!

Wenn ich euch jetzt fragen würde, ob ihr euch erinnern könnt an einen Ausspruch, der euch zutiefst gekränkt hat, fällt euch bestimmt etwas ein. Und erstaunlicherweise hängen derartige Erinnerungen auch Jahre nach.

„Haben sie eigentlich vor, später als Coach zu arbeiten? Nein?! Kluge Entscheidung!“ (mein Seminarleiter während der Coachingausbildung, 2013)

Sätze, herabwürdigende, in Situationen voller Abhängigkeit im Arbeitsverhältnis oder während der Schulzeit, sind oft lähmend und ziehen manchmal sogar jahrelange Selbstzweifel nach sich. Kennt ihr alle, oder? Warum fällt es so schwer, das zu vergessen und wieso haben Worte so eine negative Kraft und einen großen Einfluss auf unser Befinden und unser Sein?

„Sie haben so kalte Augen und einen harten Gesichtsausdruck, ich weiß überhaupt nicht, wie ich ihnen etwas Freundliches verleihen soll!“ (eine Fotografin, 1999)

Ich frage mich, warum sich ein jeder gut an dergleichen Situationen erinnern kann, aber die Lobe und das Positive, das wir erfahren, oft verblassen. Bestimmt haben Freunde und Familienangehörige oft in mir Fähigkeiten oder Stärken gesehen, mich gelobt  und dennoch sind in meiner Erinnerung die Situationen, in denen ich mich abgewertet gefühlt habe, prägnanter.

„Sie haben in den vergangenen Wochen gezeigt, dass sie zu Höchstleistungen fähig sind. Wir suchen allerdings Teamplayer und das sehen wir nicht in ihnen. Sie waren nur auf ihren eigenen Vorteil erpicht und für jemanden mit narzisstischen Zügen haben wir hier keinen Platz! Kein Personaler wird sie je einstellen.“ (Gremium im Vorauswahlverfahren für die Ausbildung zur Informatikkauffrau, 2003)

Möglicherweise ist es aber auch so, dass es einem prinzipiell schwerer fällt, ein Lob von jemandem anzunehmen (also wirklich zu glauben), der mit einem selbst emotional verwoben ist (Die lügen doch alle!). Vielleicht ist es so, dass positive Bestärkung, unerwartete, von außen sehr viel mehr wiegt, als wenn sie von Menschen aus dem inneren Zirkel kommt.

Denn in meinem Fall sind aus den Situationen, die ich euch oben skizziert habe, durch solche Effekte ganz wunderbare Dinge entstanden (außer aus der Situation mit der Fotografin, ich laufe immer noch mit meinem herzlosen Blick umher), die eines gemeinsam haben: den Zuspruch von außen. Vollkommen unerwartet!

Vor fünfzehn Jahren wollte ich eine Umschulung antreten. Nur hatten sich hundertfünfzig Menschen um fünfzig Plätze beworben. Also gab es eine Probebeschulung. Ich weiß nicht mehr, vier oder sechs oder acht Woche lang. Im Anschluss daran kam es zu oben skizzierter Situation. Ich weiß, ich bin völlig aufgelöst aus dem Raum, habe im Vorbeilaufen meinen Mitbewerbern erzählt, sie würden mich nicht nehmen, ich sei kein Teamplayer. Und bin nach Hause gefahren. Heulen, was sonst. Am Abend kam dann ein Anruf des Bildungsinstituts, ich möge doch bitte noch mal kommen. Ich weigerte mich. Sie insistierten. Sie sagten, sie hätten ihre Meinung überdacht und ich möge doch bitte kommen! Danach erzählten sie mir, im Anschluss an meinen Rauswurf hätten sich jede Menge Menschen vor diesem Ausschuss ausgesprochen für mich. Mitbewerber um die raren Stellen, Dozenten sogar. Erklärt, das sei eine fatale Fehlentscheidung! Ich wäre diejenige, die Lerngruppen organisiert habe, diejenige, die Kuchen für alle mitgebracht habe. Die mit ihrem Enthusiasmus alle mitgezogen habe und einen positiven Einfluss auf die Lernhaltung aller gehabt hätte.

Ich sehe was, was du nicht siehst!

Ich habe die Umschulung als Klassenbeste abgeschlossen und war auch die erste, die einen Arbeitsvertrag in der Hand hielt. Es gab sehr wohl einen Personaler, der mich eingestellt hat. Ich bin noch immer dort angestellt.

Während der Elternzeit habe ich eine Ausbildung zum Systemischen Coach gemacht. Ich wollte das unbedingt! Das Thema finde ich spannend und wow, das ist es noch immer. Der Ausbildungsleiter und ich, das menschelte leider vom ersten Tag an und er fand an meiner Performance keinen Gefallen. Nie. Die Prüfung stand an, bestehend aus einem öffentlichen Coaching (Klient und Thema waren völlig unbekannt) vor der Seminargruppe und drei Prüfern. Ich ging zur Auswertung und da saßen sie: der Ausbildungsleiter – eine Koryphäe im Coachingsektor – in der Mitte, flankiert von den beiden anderen Prüferinnen. Er sagte mir, das sei das schlechteste Coaching, das er je gesehen habe und in seinen Augen sei ich mit Pauken und Trompeten durchgefallen! Und zwar sowas von! Aber leider waren sie zu dritt. Eine Prüfungskomission. Und so standen dann beide Prüferinnen auf und schüttelten mir die Hand zur bestandenen Prüfung, während der Seminarleiter mit verschränkten Armen sitzen blieb. Ich sehe das Bild noch vor mir.

Im Nachgang hat sich der Coachee – die Klientin, die ich während meiner Prüfung gecoacht hatte – bei mir bedankt für die Stunde. Es sei inspirierend gewesen und sie hätte nun jede Menge Ansätze für ihre problematische Situation. Der Coachee ist das Kriterium der Wahrheit, redete ich mir ein und schredderte doch im nachhinein den dicken Ordner mit meinen Lerninhalten. Und dennoch, zwei zu eins. Ich höre noch die Worte der Koryphäe in meinem Kopf, aber dagegen stehen zwei erfahrene Coaches, die mir mit warmem Lächeln ehrlich gratuliert hatten. Die Zweifel schwinden…

Ich sehe was, was du nicht siehst!

Ich frage mich, ob dieser Effekt der „sich selbst erfüllenden Prophezeiung“ da eine Rolle spielt. Dass der Glaube an das Potential dieses erst sichtbar machen und zum Tragen bringen kann.

Warum ich euch das alles erzähle? Es ist schon wieder passiert!

Ja, genau! Ihr habt das gemacht! Ihr wart der Chor der Vielen, der mir auf meinen Beitrag hin geschrieben habt. So viele Kommentare, Mails, persönliche Gespräche. Und überall der Konsens: Mach weiter! Schreibe, Du hast Talent! Du berührst uns!

Und, wenn wir mal bei der sich selbst erfüllenden Prophezeiung bleiben: Ja, ich will der Mensch werden, den ihr in mir seht!

Ich möchte etwas zurückgeben, Euch! Meine Schädeldecke vibriert und meine Hirnrinde surrt (Alle Mediziner, bitte Ruhe! Doch, das geht, ich höre das Geräusch ganz deutlich! Nein, bitte nicht die Jacke mit den langen Ärmeln!), weil ich mir überlege, was alles möglich wäre. Und wie es gehen könnte! Also eine Möglichkeit, einen Raum zu schaffen, wo Schätze gehoben werden können, Potentiale entdeckt und Menschen gestärkt werden. Von anderen Menschen. Alle voneinander.

Ich erinnere mich an die vielen inspirierenden Gespräche der letzten beiden Wochen. Daran, wie gebannt ich Svenja und Sophie gelauscht habe auf der denkst.net und Nora auf der Blogfamilia. So viel Power und so viel Bestätigung und die Einsicht: Ja, das geht! Wir können uns gegenseitig befruchten und ja, möglicherweise kann ich auch in diesem Blog und auch abseits etwas beitragen dazu!

Mir kommt Verena in den Sinn, die auf der Blogfamilia zu mir gesagt hat, sie würde nicht mehr bloggen, wenn ich sie nicht bestärkt hätte. Damals. Und: „In jedem Menschen siehst du etwas Schönes!“ (ihr Gesicht voller ungläubigem Zweifel). Ich weiß, dass ich im Brustton der Überzeugung geantwortet habe: „Da ist ja auch immer etwas Schönes!“. Und das stimmt, das glaube ich wirklich zutiefst.

Ich sehe was, was du nicht siehst! Etwas, das du noch nicht siehst. Oder im Moment aus den Augen verloren hast.

Was mir im Detail vorschwebt? Eine Mischung aus Einzelcoachings und Motivationscoaching in kleinen Gruppen und irgendwie hier auch im Blog immer mal so Sachen aus dem Bereich, die möglicherweise allgemeiner Natur  sind und Denkanstößen liefern können. Wollen. Nicht müssen!

Und wenn jetzt jemand sagt, ach Quatsch, gibts doch alles schon! Schon hundert Mal! Online-Coachings, Dingsbums und hier und dort, an jeder Ecke! Dann sage ich: Wunderbar! Von manchen Sachen kann es auf der Welt einfach gar nicht genug geben. Ernsthaft. Es kann nicht zu viel Berührung geben. Niemals zu viel Zuspruch! Mensch, das lernt man doch als Mutter oder Vater in der Elternklasse eins. Loben, loben, loben, Potentiale fördern. Nichts anderes habe ich mit euch großen Kindern hier vor. Denn ich glaube, so gut und behutsam wir heute mit unseren Kindern umgehen, oft genug schaffen wir es nicht, uns selbst im Auge zu behalten und mit der gebotenen Behutsamkeit zu behandeln. Ich kenne das selbst und ihr wisst das genau! Möglicherweise schaffen wir es gemeinsam.

Ich habe noch kein Konzept, nur Gedanken. Ich schreibe euch das hier hin, weil ich ich denke, das könnte was Gutes sein. Etwas, das guttut! Und weil ich da richtig, richtig Bock drauf habe. Und weil ich möchte, dass ihr mir eure Meinung dazu sagt. Dass ihr mich befruchtet! Oder mir den Quatsch mit Soße ausredet.

Los, haut in die Tasten. Hier im Kommentarfeld oder per Mail an nieselpriem.blog@gmail.com.

Ich freu mich! ❤

 

Ich sehe was, was du nicht siehst… und das ist wunderschön!

 

 

Quo vadis, Nieselpriemchen?

Alles muss anders werden! Immer.

Leben ist Veränderung und höher, schneller, weiter ist der Marschauftrag des Lebens. So wird es mir manchmal suggeriert. Und für einen Blogger übersetzt: Größer! Die Worte „Wachstum“ und „Ruhm“ stehen auf der Zielflagge.

Als ich anfing mit Bloggen, dachte ich mir: ´Hach, es wäre schön, wenn das fünfzig Leute lesen und mögen würden…´. Dann lasen mich irgendwann fünfhundert Leute und ich dachte, dass es der absolute Hammer wäre, wenn irgendwo in einer Zeitung mal was stünde von mir. Als das dann eintrat, war ich gar nicht so glücklich, wie ich annahm sein zu müssen, weil parallel bekannt wurde, dass große Verlagshäuser ihre festangestellten Schreiberlinge, die lange Germanistik oder Journalismus studiert hatten, kündigten und vergleichsweise billig Bloggercontent einkauften. Ich hatte immer irgendwelche „Ziele“, die sich dann bei Erreichen als, hm…, fade beigeschmacklich entpuppten. Ich hinterfragte mich permanent, was ich denn eigentlich will. Und konnte keine Antwort finden! Außer dem Aspekt der Psychohygiene und nun ja, dazu braucht man eigentlich nicht wirklich dieses Internet.

Viele Blogger, die ich kenne, träumen davon, vom „Schreiben“ zu leben. Doch die wenigsten schaffen es! Denn selbst erfolgreiche Blogger leben ja nicht wirklich vom Schreiben, sondern weil sie hochdiszipliniert an Kooperationen und Werbeauftrgägen arbeiten, ihre Seite optimieren, ihren Auftritt, suchmaschinenoptimiert schreiben, sämtliche social media Kanäle unterschiedlich bespielen und dergleichen mehr. Ich unterstelle, dass ein professioneller Blogger locker sechs Stunden am Tag für sein Business tätig ist. Und die wenigste Zeit ist tatsächlich Redaktionsarbeit! Davon bekommt der Leser in der Regel nichts mit und so wirkt das alles fluffig, weich und easy peasy. Mit Bloggen reich werden, super ganz einfach! Also von außen betrachtet.

Das ist nicht mein Ding. Zu unberechenbar, zu viele Abhängigkeiten. Abgesehen davon, ob ich überhaupt das Zeug dazu mitbringen würde.

Ich fing an zu zweifeln an diesem Blogdings. Also meinem. Mir fielen in den letzten Wochen und Monaten immer mehr Dinge rund ums Bloggen ein, die ich nicht will. Und parallel habe ich mir eingeredet, zu wissen, was Leser denn so suchten. Ich meine, Leute! Echt ey, der erfolgreichste Blogartikel hier ist ein dünngeistiger Schriebs über ein Fußbad mit Mundwasser! Ich krieg schon Herpes, wenn ich mir überlege, wie ihr das jetzt wieder anklickt! Und apropos anklicken: Wenn ich die Statistik angucke, wird mir übel. Ich habe das ja schon mal verbloggt. Notfalls noch mal hier klicken, dann wisst ihr was ich meine.

So, und jetzt bitte mal aufhören mit der Rumklickerei, ich will euch doch was erzählen. Also, ich dachte, Leser sind eine unberechenbare Menge an seltsam interessierten Menschen und elternblogaffine Leser prinzipiell nur interessiert an Gewinnspielen und happy content und weichgezeichnete Glamour-Fotos oder wollen wenigstens regelmäßige Einblicke in Kochtopf und Kinderzimmer. Und nichts von dem kann oder will ich bedienen!

Bin ich überhaupt ein Blogger? Ich hasse Produkttests (so, jetzt isses raus). Ich will keine Gewinnspiele machen und bin zu undiszipliniert, um mich an sowas wie einen Redaktionsplan zu halten und die großen Bloggertermine wie 12 von 12 oder Freitagslieblinge oder Wochenende in Bildern  regelmäßig zu bedienen. Ich mag das, aber ich will nicht unbedingt immer zu diesen Terminen was schreiben und manchmal will ich gar nicht, dass irgendwer reinguckt bei Nieselpriems! Und ich will auch nicht Handbücher lesen um Google-optimiert zu schreiben! Ich will gar nicht, dass dreitausend Leute hier vorbeistolpern, um einen Grill zu gewinnen. Oder ein Duschbad. Und dann wieder gehen. Geht weg! Hier gibt es nichts zu sehen!

All das wurde mir klar und dachte, es ist wäre Zeit, das Blöggel auf den Internetfriedhof zu tragen. Denn ist es nicht das, was Blogger wollen? Mehr Reichweite? Mehr Kooperationen? Mehr Ruhm?

Nachdem ich also nur noch gesehen habe, was ich alles nicht will, kamt ihr. Mit euren Kommentaren, eMails, sogar persönlich auf mich zu. Und mir wurde klar, ihr seid gar keine unberechenbare Masse!

Ihr habt geschrieben, ich würde euch berühren. Durch meine Worte, meine Geschichten. Durch dieses schmale Unterhaltungsprogramm hier, gänzlich ohne Gewinnspiele! Zehntausend Menschen haben diesen Beitrag in den ersten zwei Tagen gelesen und ich weiß nicht mehr, wie viele mir geschrieben haben. Durch eure Zuschriften und euer Feedback erst ist mir klar geworden, was ich will. Nicht nur, was ich nicht will!

Ich möchte Leserbindung. Ich will nicht zehntausend Leser binden, ich wünschte mir, einige würden mich begleiten. Aber dafür länger und nachhaltiger! Ich will mit euch alt werden. Unsere Themen werden wachsen und sich verändern wie unsere Kinder und ich will auch mehr Teil eurer Welt sein und wissen, was da los ist. In eurer Welt.

Und ich frage mich: In einer Zeit, die immer distanzierter wird und wo es Benimmregeln für den optimalen Körperabstand während eines Gespräches gibt und das Internet zur räumlichen Distanzierung beiträgt, kann es da selbst die Lücke schließen, dieses Internet?

aus: „Wunder wirken Wunder“ von Eckart von Hirschhausen

Ich möchte Menschen berühren. Das ist, was ich will. Dass ich das mit meinen Worten schaffen könnte, hätte ich nicht gedacht. Dass das auf diesem Weg hier möglich ist, auch nicht. Ihr aber habt behauptet, ich könnte das und nun habt ihr den Salat!

Ich mache mir seitdem Gedanken, wie weit ich gehen will und wie weit ich gehen kann. Und wo der Weg ist (ich kann keine Karten lesen und verfahre mich auch mit Navi). Und noch habe ich keinen Plan, aber langsam den Hauch einer Ahnung.

Aber eines ist trotzdem klar: Nein, ich höre nicht auf, hier Blödsinn zu verzapfen (das wäre wider meine Natur) und es gibt noch so viele Geschichten zu erzählen (und die Jungs sorgen täglich für Nachschub). Ich erwäge nur neue Möglichkeiten zusätzlich- Vielleicht wird das jetzt ein „Komplementär-Blog“, quasi Quatsch mit Soße! Und was die Soße vielleicht sein könnte, das schreibe ich euch morgen…

 

 

Blogfamilia 2017

Wenn ihr das hier lest, sitze ich im Bus nach Berlin. Am Freitag findet zum dritten Mal die Blogfamilia statt, die größte Elternbloggermesse Deutschlands. 

Ich bin zum dritten Mal dabei und doch ist es diesmal anders. Die vergangenen beiden Jahre war ich Gast, in diesem Jahr bin ich Teil von dem „Bums“.

Die Blogfamilia wurde immer größer und aus diesem Grund hat sich Anfang des Jahres ein Verein gegründet, zu dessen Gründungsmitgliedern ich zähle, und der in diesem Jahr die Messe gemeinsam veranstaltet.

Als ich gefragt wurde, ob ich mitmachen wöllte, war ich gerührt und geehrt, steht Blogfamilia doch für mich für die Bloggerfamilie, als Teil dessen ich mich sehe. Und auch für eine Art Institution für Familienblogger und die Themen von Familie im allgemeinen. Das Sichtbarmachen derselben ist ein großes Ziel der Blogfamilia und ich bin gespannt auf die Sessions und Vorträge. Und am meisten auf „meine“ Leutchens. So viele sehe ich nur einmal im Jahr, sehe ich nur auf der Blogfamilia, es ist tatsächlich ein bisschen wie zu einem Familienfest zu fahren!

Es wird für mich anders sein in diesem Jahr, ich werde viel weniger Zeit haben zum Quatschen und auch nicht jeden Vortrag hören können und dennoch finde ich es großartig, im „Staff“-Team dabei zu sein und so meinen Beitrag zu leisten, dass alle Besucher an diesem Tag genauso begeistert und emotional angeregt nach Hause gehen, wie ich in den vergangenen Jahren. Ich lebe einfach den Gedanken dahinter und träume großartige Träume, davon, was entstehen könnte, wenn man die energy der schreibenden Eltern kanalisieren würde! Und ich träume davon, dass wir uns wirklich als Gemeinschaft, als Familie sehen. Und zwar als eine gute, in der man sich zuhört und unterstützt. Und sich unterstützt fühlt.

Hier hab ich noch mal was rausgekramt, was ich im vergangenen Jahr im Nachgang verbloggt hatte.

Ihr könnt die Blogfamilia 2017  via Instagram verfolgen. Oder auf Twitter. Und wenn ihr selbst als Besucher vorort seid und wir uns bisher noch nicht persönlich kennengelernt haben, sagt „Hallo Nieselpriemchen!“ oder drückt mir hemmungslos einen feuchten Schmatz auf die runzlige Stirn, je nach Temperament. Ich freu mich, kannste glauben!

Berlin, isch gomme! 🙂

 

Ich und Ihr, ein fettes Wir

Ich und Ihr, ein fettes Wir

Ihr macht mich fertig. Und glücklich! Ihr habt mich so mit Liebe und Zuspruch und warmen Worten überhäuft, ich kann gar nicht mehr alle Kommentare kommentieren, so viele sind es… Seid gewiss, ich freue mich über jedes einzelne Wort so so sehr!

Ihr habt mich die Definition von „social media“ verstehen lassen und dass das WWW ausgesprochen „Wow! Wow! Wow!“ heißt. Danke Euch allen. Ihr seid das größte Geschenk dieses komischen Internets. Und das Schönste.

Kulturtipp – Mixtape mit Philipp Richter

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Es gibt ja Leute, die stehen auf Mister Big oder Bradley Cooper oder den brettharten Pitt.

Ich bin da anders, ich stehe auf Philipp Richter! Also eigentlich auf sein Alter Ego Tim Herzbergeraber da die beste Show der Welt leider so selten aufgeführt wird, gucke ich mir halt aus schierer Verzweiflung einfach alles an, was der lustige, wandelbare Philipp sonst noch auf seine langen Beine stellt.

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Und jetzt also Musike. „Mixtape“ nennt er das kleine, feine Programm, das er zusammen mit den „Funky Beats“ und Elena Maria Pia Lorenzon (sieht aus wie Amy Winehouse, klingt so ähnlich wie Amy Winehouse, hat aber mehr Vornamen) auf den kurzen Brettern der Kleinen Bühne im Boulevardtheater Dresden gibt. Die großen Hits der Achtziger und Neunziger live auf der Bühne. Lohnt sich das? Nu klar.

„Pampelmuse“, die kleine Bühne im Boulevardtheater bietet Platz für etwa einhundert Leute und ist somit ein intimer, passender Rahmen für eine Show, die sich insofern von beliebigen Achtziger-Neunziger-Musik-Liveshows abhebt, als dass zum Einen Philipp Richter mitmacht und diese Show so gestaltet, wie eben nur Philipp das kann und zum Anderen ist dieses private Ambiente ein würdiger Rahmen für die vielen Anekdoten und Geschichten, mit denen die einzelnen Songs anmoderiert werden. Vom Mischen der Kassetten für die erste große Liebe über Entscheidungen zu Körperpiercings (Lenny Kravitz´Schuld), Trennungen, Herzschmerz. I want to get away, I want to fly away. Und alle im Kleinen Saal breiten die Arme aus und grölen mit.

So werden die Träume, Sehnsüchte und das Lebensgefühl einer ganzen Epoche komprimiert und fühlbar noch einmal aus den Erinnerungskisten der einzelnen Besucher geholt. Knocking on Heavens Door und der Saal brüllt mit ausgestreckten Armen im Chor:

„Nag-nag-nagging on Häwens Do-hoor!“

Ob er mit verrauchter, trauriger Whiskystimme (Gänsehaut!) Rio Reiser mimt oder mit unschuldiger Bubi-Attitüde Quit playin´games with my heart singt, Philipp Richter beweist, dass er außer in den komischen Rollen die Bühne auch mit Gesang rocken kann und selbst wenn mein ganz persönlicher Soundtrack dieser Zeit anders klang, so erlebe doch auch ich eine Art Flashback.

Getragen durch die Töne aus dieser Zeit reise ich in den drei Stunden, während sich Philipp, Elena und die Band ihr Herzblut aus der Seele spielen, zurück. Höre in meinem Kopf andere Songs, fühle Liebeskummer, von dem ich annahm, ihn unmöglich überleben zu können. Ich denke an sehnsuchtsschwangere Jugendjahre, die begleitet wurden durch The Cure, Depeche Mode, U2, the art of noise, Kate Rush, Annie Lennox, The Cranberries. Später sogar die frühen Werke von Rosenstolz und immer wieder schrammel-schramm-Gitarren. Bass, Bass, ich brauche Bass.

Es funktioniert. Die Stimmung ist großartig, mitreißend. Schon vor der Pause habe ich wie alle anderen die Arme oben und belüfte die Achselhöhlen. In der Pause kamen sogar noch ein paar schick angezogene ältere Damen gucken, wer denn da im Theater solchen Krawall veranstaltet. Außerdem ist die Schlange am Klo doch so lang! Da kann man doch auch mal die im Kleinen Saal ansteuern. Und überhaupt, was ist da los hinter dem goldenen Vorhang…

„Gerda, komm da raus, hier sind wir falsch! Das ist hier das Mixdäb mit dem Philipp Rischtor. Mir müssen links rum! Guggema, nur junge Leute mit Battrie-Zickretten und Stühle haben die auch nicht. Komm Gerda, ich brauch noch ein Rotkäppchen. Es bimmelt gleich wieder!“

Nach der Pause Roxette, Philipp Poisel, Guns´n Roses und die Fantas. Das bärtige Hiphop-Kind, das ich geheiratet habe und das mich vor zwanzig Jahren schon zu den Bong-schnorchelnden Klängen von Wu Tang Clan im Trabi flachgelegt hat, spendet frenetisch Applaus dafür.

Linda Perry und die four non Blondes durften natürlich nicht fehlen, also setzte sich Philipp Haare und einen Hut auf und so klang das dann:

Hach, es war schön!

Im Anschluss an jede „Mixtape“-Show legt Philipp zusammen mit Franz Lenski, einem der drei Companeros aus der Tim-Herzberger-Show zum Schwof im Foyer auf. Wer noch kann, der kann noch. Tanzen, hüpfen, mitgrölen.

Karten für die Veranstaltung im Dresdner Boulevardtheater gibt es hier. Es sind auch Auftritte in Chemnitz und anderswo geplant. Gebt doch der Show bei Facebook ein Like und lasst Euch informieren, wann es sich lohnt, den Babysitter zu buchen. Und wenn der Philipp wieder den Tim Herzberger gibt, kommt ihr alle mit mir hin, in Ordnung?

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