Der Herbst der Liebe

Der Herbst der Liebe

Der Herbst ist da, und mit ihm der Specht. Das kommt jetzt nicht so überraschend, aber wartet mal ab! Ich bin ja nun alt und weise und habe zu allem eine Meinung, die aufgrund meiner Altersweisheit nun wirklich auch mal gehört werden sollte. Also hört zu.

Der Herbst ist die ehrlichste aller Jahreszeiten, da bin ich ziemlich sicher. Der Frühling benimmt sich wie eine Jahreszeit auf Pubertät: Gleißender Sonnenschein, dreißig Grad und im nächsten Augenblick Blitze und Hagelschauer. Raus aus den Klamotten, rein in die Klamotten, ja, nein, vielleicht, der Frühling ist anstrengend für die Gefühle. Der Sommer dann protzt mit seiner Obszönität. Alles ist hell, heiß und nichts bleibt mehr der Fantasie verborgen, über rein gar nichts liegt auch nur der Hauch eines Schattens. Wildfremde Menschen entblößen sich vor meinem kränkelndem Auge, liegen und sitzen schwitzend, Pheromone ausdünstend, ungefragt in meiner Gegenwart. In einem Schwimmbad zum Beispiel. Oder im Biergarten. Wer will das schon. Und Sex, also Sex im Sommer, nein wirklich nicht. Unter der kalten Dusche vielleicht, aber ich habe es doch mit der Hüfte und kann nicht so lange vorn übergebeugt… nein, also ich möchte diesen Teppich nicht kaufen.

(*Anmerkung der Redaktion: Die Autorin hat rein gar nichts mit der Hüfte, diese Behauptung wurde nur der Dramaturgie wegen aufgestellt. Die Autorin verfügt über elastische Gelenke, biegsam wie Weidenzweige im pubertierenden Frühjahr.)

Jetzt endlich, endlich, scheint das Jahr 2019 erwachsen zu sein. Der Herbst ist da. Man darf sich hinter einem Schal verstecken, der Anblick eines entblößten Stückchens Haut ist endlich wieder eine Überraschung, und abends kann man allein oder in selbst gewählter Gesellschaft heiße Schokolade oder meinetwegen Whiskey (oder heiße Schokolade mit Whiskey, ja, Rotwein geht auch. Saft auch! Milch von mir aus, ist mir doch egal, schweig, Stimme in meinem Kopf!) vor einem knisternden Feuer trinken und muss nicht schales Radler aus tropfenden Bierkrügen inmitten anderer Menschen auf kippelnden Biergartenstühlchen saufen, weil das eben zum Sommer dazugehört! Bücher lesen, Hände halten, dem Sonnenuntergang zusehen, all das macht im Herbst viel mehr Spaß. Wer will schon die verschwitzte Hand eines anderen Menschen bei vierzig Grad im Schatten halten und wer hat denn schon Zeit stundenlang zu warten, bis die renitente Sommersonne endlich endlich untergeht. Und das Wetter. Also das Wetter ist wunderbar im Herbst. Ehrlich! Wenn es warm ist, dann fühlt es sich an wie ein Geschenk, das von Herzen kommt. Die Sonne hat eine goldene Farbe, nicht gleißend wie im Frühling oder heiß und unbarmherzig wie im Sommer. Die Herbstwärme dieser Sonne ist wie die Liebe einer reifen Frau.

In diese wunderbare, ehrliche Jahreszeit passt neben heißer Schokolade und Rilke-Gedichtsbänden auch super der Herr Specht.

(c) Michael Specht

Michael Specht geht wieder auf „Liebe nur“-Tour und mein Schlüpfer ist feucht vor Freude. Wen das jetzt irritiert, der lese sich doch bitte hier noch mal in den Kontext ein. Das mit dem Schlüpfer ist eine vollkommen normale Reaktion. Der Typ ist einfach heiß, ich denke, das kann jeder sehen!

Michael wie Michael Specht. Die menschgewordene Offenbarung aller Liebenden und Suchenden. Der Geheimagent unter den kulturellen Geheimtipps. Die sächsische Antwort auf Telly Savallas… oder irgendwas anderes. Ein Mann, dessen Äußeres so unbeschreiblich ist, dass der Naturschutzbund jüngst erklärte: „Der Specht ist der Vogel des Jahres 2014!“,

schrieb ich schon 2014 und nun flankt ein Teil dieses Zitates auf dem Tourplakat. Ich bin so stolz und fühle mich, als wäre ich die Mutter von Mario Götze, als der im Finale der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien gegen Argentinien in der 113. Minute das 1:0 für die DFB-Elf erzielte. „DAS IST MEIN JUNGE!“. Wobei ich sagen muss, dass ich wirklich keine mütterlichen Gefühle hege für Herrn Specht. Also eher Eisprung als Milcheinschuss, ihr wisst schon. Irgendwas davon lösen ja die meisten Männer aus…

Ich habe das Programm im Februar gesehen und selbstverständlich bin ich wieder mit dabei, wenn Herr Specht sich die Seele und sein ganzes Herz aus dem Leib spielt und singt, wenn die BHs durchs Boulevardtheater fliegen, Michael alle „Ursula“-s im Saal antanzt wie Elvis the Pelvis und Tempotaschentücher und Süßigkeiten in der Gegend rumwirft, vierzig Bier in zwei Stunden trinkt, sich an- und um- und auszieht, „Ich kenne eine Wiese schön, dort möcht´ich mit dir Bumsen, Bumsen, Bumsen pflücken gehn, Kathleen!“, singt und (hoffentlich) alle mitsingen. Und wenn Michael Specht dann „Gorbitz im November“, singt und die Gänsehaut des Saales wie eine Buckelpiste ist, die ich auf meinen Rührungstränen entlanggleite, dann werde ich diesmal danach meine kleine Faust in den Dresdner Nachthimmel recken, nämlich genau dann, wenn er seine Farbe von schwarz zu grau wechselt, und schreien: „Peter Fox, wisch die Kotze vom Kotti! Gorbitz im November, du Plagiarist!“.

(c) Michael Specht

Wie ist das mit der Liebe? Hat ein Recht auf Liebe in unserer von Filtern und Instastories beherrschten visuellen Welt nur derjenige, der mit BMI und allen optischen Eckdaten dem Mainstream entspricht? Und wer gibt all den anderen Sehnenden eine Stimme? Der Specht macht es. Und nimmt uns mit auf seine Suche nach der Liebe.

(c) Michael Specht

Der Schlüpfer hängt am Mikro – Party over „Liebe nur“ (c) Michael Specht

„Liebe nur“, zwei Stunden allerfeinste Unterhaltung für Menschen mit Herz und stufenlos einstellbarem Intellekt, gesprochen und gesungen. Es gibt eine intime Atmosphäre, sehr viel Bier, nackte Haut in Blümchenschlüpfern (zumindest definitiv auf der Bühne), Romantik, Gelächter und ganz viel Liebe. Ganz viel.

19.10.19 Dresden (Boulevardtheater)
31.10.19 Erfurt (DASDIE)
18.01.20 Gotha
25.01.20 Ebersbach (Filmtheater)
14.02.20 Naumburg (Turbinenhaus)

Tickets gibt es überall dort, wo es Tickets gibt und zum Beispiel hier.

„Liebe nur“-Aftershowfoto. Frau Nieselpriem und Herr Specht. Es ist noch immer Liebe, zumindest bei ihr.

Zu Gast bei Nieselpriems: Anne und ihre Sorbischen Ostereier

Es begab sich neulich, da sah ich auf Instagram bei der Anne, die unter Alu_Dresden bloggt, dieses Foto hier…

Quelle: Alu_Dresden (Instagram)

… und kommentierte enthusiastisch vor Begeisterung für diese Handwerkskunst. Krass, was manche Menschen so können, oder?

Nun weiß einjede(r), der/die/das (es ist ein Graus, man/ frau traut sich ja kaum noch, einen Satz ins Internet zu schreiben; ab sofort ist mit jedem Personalpronomen ein jeder Mensch – ha! – mitgemeint), der (es geht schon los) mich kennt, dass ich ein eher farbloser Typ bin, der sich gern mit allerlei Grautönen umgibt und Buntes eher meidet. Bei diesen Eiern jedoch, ich weiß nicht wieso, da hüpfte mein Herz, da frohlockte mein Geist! Da pulsierte die österliche Begeisterung gar bunt in mitten meinem von zartgrauen Wänden umgebenen Sein.

Anne schrieb auch sofort zurück, wir sollten uns doch verabreden zum Malen, und so kam es auch. Also Anne kam. Zu mir. Und schön war das! Aber seht selbst.

Anne packte einen großen Korb auf meinen Küchentisch und lüpfte den Inhalt. Ich war ein wenig an „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ erinnert, beim Anblick der vielen gebogenen Löffel, die sie energisch auf meinen Tisch packte. Dann kamen noch gerade Löffel herzu, die sie tatkräftig Uri-Geller-like verbog. Diese Löffel kamen in ein mit Körnern gefülltes Schraubglas. Ich staunte Bauklötze.

Des weiteren hatte sie ein ehemaliges Meerrettichglas dabei, das selbst umgebaut wurde zu einem Höllengefäß mit Docht. Das war alles ganz ausgeklügelt! Dieses Meerrettichglas hatte die ideale Höhe für das Schraubglas mit den Löffeln und der Docht im selbstgebauten Funzler die ideale Länge und Dichte, um die ideale Hitze zu entwickeln unter den Löffeln. Ein Hexenwerk.

Dann packte sie Gänsekiele aus (ihr sehr die auf dem oberen Bild im linken unteren Quadranten). Sie erzählte mir, dass sie die selbst zurechtschnitzte. Wobei da nichts geschnitzt wird, sondern rasiert, denn es kommt eine Rasierklinge zum Einsatz, mit deren Hilfe zuerst die unerwünschten Härchen entfernt und dann die Spitze zurechtgestutzt wird. Zu einem Dreieck oder einem Rhombus oder einer anderen Form, die dann, in Wachs getaucht, das entsprechende Muster bilden soll.

Ein Gänsekiel in dreieckiger Form

Auch das ist ein Werkzeug zum Zeichnen: Eine Stecknadel in zweierlei Form in einen Stift gespießt ergibt am Ende auf dem Ei ein Pünktchenmuster

Anne brachte auch allerhand Vorbilder mit, die mich in grenzenloser Ehrfurcht verstummen ließen.

Ich war mir sicher, sowas niemals zu können, aber probieren wollte ich es dennoch!

Ich lernte noch, es gäbe verschiedene Praktiken. Zum einen kann man mit dem farbigen Wachs Farbe auf das Ei bringen und das ist dann der Schmuck. Man kann aber auch mit dem Wachs Muster aufbringen, das Ei dann einfärben und im Anschluss das Wachs wieder abkratzen und ebenso weiterverarbeiten in mehreren Etappen. Die „bloße“ Stelle ergibt dann das Muster. Auf dem Bild unten mit den bunten Eiern im Karton hier ist das Ei oben rechts genauso entstanden.

Here we go. Anne zeigte mir, dass man zuerst die weißen Eier mit Essigessenz abreibt, um den Stempel zu entfernen. Und erklärte, am besten nähme man rohe Eier, die lägen besser in der Hand. Das heißt, die übermütigen Menschen in der Lausitz bemalen zum Teil stundenlang rohe Eier um sie danach (!) erst auszupusten. Ich wollte lieber kein Risiko eingehen, meine Blaskompetenzen in Koeinheit mit rabiatem Verhalten gegenüber unschuldigen rohen Eiern ließen mich zurecht befürchten, ich würde mir mein „Kunstwerk“ am Ende in Scherben betrachten können. Ich nahm ausgepustete Eier.

Anne präparierte die Wachslöffel, indem sie kleine Stücke von ordinären Wachsmalstiften mit Bienwachs von der Platte in einem geheimen Mischungsverhältnis auf einen Löffel gab und den Meerrettichglasbunsenbrenner darunter stellte. Und das verschmolz dann zu einer farbigen Wachssoße.

Das ist Anne. 🙂 Anne lächelt auch beim Eierbemalen, Anne lächelt eigentlich immer. Das unterscheidet uns. Ich mag Anne troztdem.

Hier könnt ihr sehen, wie man beim Eierbemalen das Ei hält. Es ist nicht so leicht, wie es aussieht. Nichts an dem Tag war so leicht, wie es aussah. Ich hielt erst mal eine Weile ein Ei in der Hand und drehte es. Auch das ist eine Technik, die man dann brauchen würde.

Dann lernte ich die richtige Technik, die richtigen Abstand zum Wachslöffel, die richtige Schnelligkeit und so weiter. Den Haltearm aufgestützt mit dem Ei in der richtigen Haltung in einem kurzen Abstand zum Löffel mit dem flüssigen Wachs und dann den Gänsekiel eintauchen und schnell auf das Ei bringen, drehen, tauchen, auftippen, drehen, eintauchen ins Wachsen, tippen aufs Ei und drehen. Am Anfang war das Wachs bereits erkaltet, bis ich am Ei war. Fails kann man aber einfach mit dem Fingernagel abkratzen, kein Ding!

Und irgendwann kam ich in den Flow. Das Wachs, das Ei, der Gänsekiel und ich wir waren eine Einheit. Und es machte nicht nur Spaß, es war wie Meditation! Nicht, dass ich mich damit auskennen würde, auch nicht mit Yoga, aber ich fühlte nur das, was im Augenblick war und meine Konzentration war ganz und gar auf diesen schlichten Vorgang des Wachsdippens und auftippens gerichtet. So müssen das manche Menschen mit Yoga empfinden.

Ich empfand es als großartig!

Der Blondino durfte sich mit Annes Hilfe auch produzieren…

… und entschied sich dann für Guachefarben und Pinsel.

Am Ende des Nachmittages hatte Anne ein Ei bemalt und der Blonde und ich wir haben uns daran versucht. Vielleicht könnt ihr erraten, welches Ei von Anne ist? Ist schwer, ich weiß.

Anne ist auch lesenswert. Hier gehts zu ihrem Blog: Mama, weißt du?

Hier noch ein interessanter Link für alle, die sich mit den verschiedenen Techniken auseinandersetzen wollen und selbst mal Hand an den Gänsekiel legen möchten: Spreewaldinfo

Und ein Wikipedialink zur Sorbischen Tradition des Eierverzierens darf auch nicht fehlen.

 

Schöne Ostern uns allen!

Das Geburtstagsgeschenk

Ich hatte gestern Geburtstag! Nun gut, an sich keine Überraschung, sondern mit einer 1:365-igen Wahrscheinlichkeit geradezu vorhersehbar. Auch wenn also keiner hier sonderlich überrascht ist, möchte ich bevor wir jetzt anfangen, ein kleines Liedchen anstimmen (wegen der festlichen Stimmung). Wer mag, darf gern mitsingen! Also los, drei, vier:

Happy Birthday to me

Falten am Knie

Cellulitte an der Titte

und alt wie noch nie

Prost!

(Ich habe nicht gesagt, dass es ein fröhliche Lied sein wird!)

Man sollte meinen, wenn jemand so viel Geburtstagserfahrung hat wie ich, dann ist das kein großes Ding mehr, aber weit gefehlt! Eigentlich ist sogar das Gegenteil der Fall. „Kinder!“, sag ich zu den Kindern, „Gebt euch Mühe! Malt mir Karten mit Herzen drauf und Sonnen und es darf auch ICHLIEBEDICH drauf stehen! Wer weiß, wie viele Geburtstage ich noch erlebe… „(schneuz; geräuschvoll). Und alle haben sich Mühe gegeben. Wirklich. Das Möbelhaus schickt mir Coupons und einen Sektgutschein und die Apotheke einen  zehn prozentigen Nachlass auf meinen nächsten Einkauf. Na dann…

Am meisten Mühe hat sich Andrea gegeben. Von ihr bekam ich nämlich ein selbst geschriebenes Buch. Mein wirklich schönstes Geschenk in diesem Jahr! Ihr dürft das jetzt auch nicht meinen Jungs verraten, ich habe da nämlich gelogen. Dem Mann sagte ich, die sexuellen Gefälligkeiten, die er mir anlässlich meines Geburtstages zukommen ließ, seien das Schönste an diesem Tag gewesen. Dem Pubi habe ich erzählt, der neue Jo Nesbo-Roman, den er mir geschenkt hat, sei das Beste gewesen und dem Blondino habe ich selbstverständlich erzählt, das Herz-Sonne-MAMA-Bild sei das schönste Geschenk. Mütter-Wahrheiten halt…

Das schönste Geschenk hat mir Andrea gemacht. Letzte Woche kam ihr Buch raus, endlich! „Jedem Anfang wohnt ein verdammter Zauber inne“ heißt es und nein, das kann weder mit „JAWEVZI“ oder „Das Popelbuch“ abgekürzt werden. Wehe! Untersteht euch!

Innen hat sie reingeküsst. Und da musste ich das auch lesen… also gleich. Ein Geschenk?! Für mich?! Mit Kuss sogar?! Los, her damit und zwar sofort. 

Ich weiß, eigentlich sollte das ja ein Geburtstagsgeschenk sein, aber hey! Mir konnte man noch nie irgendwas geben, das als Aufschrift „Nicht vor dem 31.1. öffnen!“ trug. Warum auch? Ich habe schon immer die Schränke durchwühlt nach Weihnachtsgeschenken, habe vorsorglich schon mal Pralinen angebissen (und danach wieder verpackt), die ich (oder jemand anderes) irgendwann einmal geschenkt bekommen sollte und konnte schon früher die Leute nicht verstehen, die „Kein Sex vor dem x-ten Date“ proklamierten oder dergleichen Unsinn mehr. Wir schlussfolgern und merken uns: Geduld und Warten-können ist nicht so der Nieselpriemerin Stärke (vielleicht hat sie andere, wir wissen es nicht).

Das Buch.

Andrea (rechts) und ihr größter Fan

Das Buch ist wie Andreas Blog eine Ansammlung von Texten zu allen denkbaren Gegebenheiten im Leben mit Kindern und überhaupt. Das war zu erwarten. Was mich wieder mal umgehauen hat, ist ihre Fähigkeit, auf so viele verschiedene Arten zu schreiben! Urkomisch, stakkatoartig schimpfend, laut fluchend, zu Tränen rührend einfühlsam. Alles in einem einzigen, scheißdünnen Buch!

Das erste Mal geflennt habe ich schon auf Seite dreißig, „der grüne Klaus“ heißt das Kapitel. Von Seite fünfundneunzig an habe ich fünf Seiten lang geheult („The Grosser“) und wessen Auge da trocken bleibt, dessen Herz ist eine saftlose Trockenpflaume. Auf Seite zweiundsiebzig steht was von „meine Freundin Henrike“ und tatsächlich (mit falscher URL, aber who cares) der Name dieses Blogs und – ihr ahnt es – ja, schon wieder Tränen!

Die Welt hat auf dieses Buch gewartet. Das glaube ich, denn ich habe es! Es braucht noch immer Frauen, die anderen Frauen Mut machen und dieses Buch tut es.

Andrea und ihr Blog sind für mich schon oft die Antwort gewesen, wenn schreibende Heimchen im Mutterschafts-„Urlaub“ in meiner Gegenwart belächelt wurden. Im letzten Jahr zum Beispiel war ich auf einer seriösen Influenzer-Konferenz und ein junger Mensch hielt einen Vortrag über die Bloglandschaft in Deutschland. Die Foodies, die Modeblogger, die Dings und die Bums-Blogger. Keine Rede von den Elternbloggern. Ein wenig verdutzt und sehr laut erbat ich mir Auskunft. Nun ja, kam drucksend die Antwort, die Muttiblogs hätten ja nicht so eine Relevanz. NICHT SO EINE RELEVANZ?! Der arme Mann tat mir leid, aber erst später. Denn ich knallte ihm um die Ohren, ob er denn wohl wüsste, was für eine Zielgruppengröße Elternblogger ansprechen würden.

Andrea in your Face!

Mit gerade mal einer Handvoll Beiträge Klickmillionärin! Ohne Gewinnspiele und Werbung. Alleine ihr Beitrag „Ab heute gehe ich ohne Feuchttücher auf den Spielplatz“ wurde dreihunderttausendmal angeklickt und vierzigtausendmal bei Facebook geteilt! Relevanz dir das mal!

Ich liebe den Blog „Andrea Harmonika“ und die Frau dahinter wie blöde. Sie ist einer von (es macht mich so glücklich das zu schreiben) den Menschen, die beweisen, dass das Internet ein Netz der Liebe ist und Freundschaften echt und real sein können. Und endlich gibt es sie auch als Buch. Also für alle! Zum Anfassen, Blättern, ins Regal stellen und um deiner besten Freundin ein wirklich schönes Geschenk zu machen! Ich habe gewettet, dass die erste Auflage in drei Wochen ausverkauft ist. Ich halte diese Wette noch immer!

Ach so. Ich habe natürlich wieder mal nichts zu verlosen, aber Andrea selbst verschenkt bis morgen zwei Bücher auf ihrem Blog! Ich drücke Euch wie verrückt die Daumen. Ansonsten bekommt ihr das Buch für ´nen Zehner beim gutsortierten Buchdealer. Oder dem Online-Kaufhaus eurer Wahl.

 

Und hier kommt noch eine freundliche Klickempfehlung: Vivi hat das Buch besungen. Und bei Alu und Konsti gibt es ein Interview mit Andrea.

 

 

Kulturtipp – Mixtape mit Philipp Richter

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Es gibt ja Leute, die stehen auf Mister Big oder Bradley Cooper oder den brettharten Pitt.

Ich bin da anders, ich stehe auf Philipp Richter! Also eigentlich auf sein Alter Ego Tim Herzbergeraber da die beste Show der Welt leider so selten aufgeführt wird, gucke ich mir halt aus schierer Verzweiflung einfach alles an, was der lustige, wandelbare Philipp sonst noch auf seine langen Beine stellt.

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Und jetzt also Musike. „Mixtape“ nennt er das kleine, feine Programm, das er zusammen mit den „Funky Beats“ und Elena Maria Pia Lorenzon (sieht aus wie Amy Winehouse, klingt so ähnlich wie Amy Winehouse, hat aber mehr Vornamen) auf den kurzen Brettern der Kleinen Bühne im Boulevardtheater Dresden gibt. Die großen Hits der Achtziger und Neunziger live auf der Bühne. Lohnt sich das? Nu klar.

„Pampelmuse“, die kleine Bühne im Boulevardtheater bietet Platz für etwa einhundert Leute und ist somit ein intimer, passender Rahmen für eine Show, die sich insofern von beliebigen Achtziger-Neunziger-Musik-Liveshows abhebt, als dass zum Einen Philipp Richter mitmacht und diese Show so gestaltet, wie eben nur Philipp das kann und zum Anderen ist dieses private Ambiente ein würdiger Rahmen für die vielen Anekdoten und Geschichten, mit denen die einzelnen Songs anmoderiert werden. Vom Mischen der Kassetten für die erste große Liebe über Entscheidungen zu Körperpiercings (Lenny Kravitz´Schuld), Trennungen, Herzschmerz. I want to get away, I want to fly away. Und alle im Kleinen Saal breiten die Arme aus und grölen mit.

So werden die Träume, Sehnsüchte und das Lebensgefühl einer ganzen Epoche komprimiert und fühlbar noch einmal aus den Erinnerungskisten der einzelnen Besucher geholt. Knocking on Heavens Door und der Saal brüllt mit ausgestreckten Armen im Chor:

„Nag-nag-nagging on Häwens Do-hoor!“

Ob er mit verrauchter, trauriger Whiskystimme (Gänsehaut!) Rio Reiser mimt oder mit unschuldiger Bubi-Attitüde Quit playin´games with my heart singt, Philipp Richter beweist, dass er außer in den komischen Rollen die Bühne auch mit Gesang rocken kann und selbst wenn mein ganz persönlicher Soundtrack dieser Zeit anders klang, so erlebe doch auch ich eine Art Flashback.

Getragen durch die Töne aus dieser Zeit reise ich in den drei Stunden, während sich Philipp, Elena und die Band ihr Herzblut aus der Seele spielen, zurück. Höre in meinem Kopf andere Songs, fühle Liebeskummer, von dem ich annahm, ihn unmöglich überleben zu können. Ich denke an sehnsuchtsschwangere Jugendjahre, die begleitet wurden durch The Cure, Depeche Mode, U2, the art of noise, Kate Rush, Annie Lennox, The Cranberries. Später sogar die frühen Werke von Rosenstolz und immer wieder schrammel-schramm-Gitarren. Bass, Bass, ich brauche Bass.

Es funktioniert. Die Stimmung ist großartig, mitreißend. Schon vor der Pause habe ich wie alle anderen die Arme oben und belüfte die Achselhöhlen. In der Pause kamen sogar noch ein paar schick angezogene ältere Damen gucken, wer denn da im Theater solchen Krawall veranstaltet. Außerdem ist die Schlange am Klo doch so lang! Da kann man doch auch mal die im Kleinen Saal ansteuern. Und überhaupt, was ist da los hinter dem goldenen Vorhang…

„Gerda, komm da raus, hier sind wir falsch! Das ist hier das Mixdäb mit dem Philipp Rischtor. Mir müssen links rum! Guggema, nur junge Leute mit Battrie-Zickretten und Stühle haben die auch nicht. Komm Gerda, ich brauch noch ein Rotkäppchen. Es bimmelt gleich wieder!“

Nach der Pause Roxette, Philipp Poisel, Guns´n Roses und die Fantas. Das bärtige Hiphop-Kind, das ich geheiratet habe und das mich vor zwanzig Jahren schon zu den Bong-schnorchelnden Klängen von Wu Tang Clan im Trabi flachgelegt hat, spendet frenetisch Applaus dafür.

Linda Perry und die four non Blondes durften natürlich nicht fehlen, also setzte sich Philipp Haare und einen Hut auf und so klang das dann:

Hach, es war schön!

Im Anschluss an jede „Mixtape“-Show legt Philipp zusammen mit Franz Lenski, einem der drei Companeros aus der Tim-Herzberger-Show zum Schwof im Foyer auf. Wer noch kann, der kann noch. Tanzen, hüpfen, mitgrölen.

Karten für die Veranstaltung im Dresdner Boulevardtheater gibt es hier. Es sind auch Auftritte in Chemnitz und anderswo geplant. Gebt doch der Show bei Facebook ein Like und lasst Euch informieren, wann es sich lohnt, den Babysitter zu buchen. Und wenn der Philipp wieder den Tim Herzberger gibt, kommt ihr alle mit mir hin, in Ordnung?

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Die“dünne Dschudiff“ oder: Rezension eines Debütromanes

Die“dünne Dschudiff“ oder: Rezension eines Debütromanes

Als der Typ vom Familienbetrieb ankündigte, ja, jetzt gäbe es in Bälde ein Buch, dann tönte meine Stimme im Aufschrei der Tausenden durchs Internet: „Das wurde ja auch endlich mal Zeit!“.

In acht Teilen wurde dann das Making of deklamiert und ich jieperte und freute mich vor, denn ich erhoffte mir zurecht Lesegenuss vom Allerfeinsten! Und wenn schon das „Machen“ in acht Teilen beschrieben würde, dann stellt sich doch das Familienbetriebsepos ganz sicher dicke neben so Wälzer wie „Krieg und Frieden“, „Anna Karenina“ oder „Die Elenden“. Da war ich ganz sicher!

(Gut, der Debütroman wurde auch kein lustiger Reiseführer über die Bretagne, bereits da irrte ich mich, aber weitere Überraschungen plante ich nicht ein.)

Dann kam das Buch. Und ich schrie auf!

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Denn: Es ist… dünn!

Hoffte ich berechtigterweise, ein Werk von Proust´s Umfang des „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ (5260 Seiten) oder Musil´s „Der Mann ohne Eigenschaften“ (2172 Seiten) bald mein Eigen nennen zu dürfen, hatte ich nun ein Appetithäppchen, das kaum mehr Worte enthielt als ein durchschnittlicher Essential Unfairness– Blogpost! 😀

Gut, nach Hanne´scher Tradition und Schreibstil wurden konsequent die Personalpronomen am Satzanfang weggelassen, womit eben so manch anderer Autor seine Bücher füllen muss. Christian Hanne braucht das nicht!

Weil wir gerade bei Eigenschaften sind: Über den Inhalt gibt es völlig un-überraschenderweise nur Gutes zu berichten. Also Menschen und Leute wie du und ich, die die in Bits und Bytes gekratzten Worte des Autors seit Anbeginn des Internets inhalieren, kommen auf ihre (kurzen) Kosten. Es wird sich nicht mit Geplänkel aufgehalten, das erste Wort des Buches ist: „Shit!“, soviel darf schon mal verraten sein. Souverän, zackig geht es weiter, wir haben  ja noch was vor. Und nur noch hundertsiebzehn Seiten übrig!

Ein Bonmot jagt das andere, meine innere Glückseligkeit macht sich beim Lesen ein Bier auf. Kennen sie den schon?

„… von dem Mann, der bei seiner goldenen Hochzeit gefragt wird, welches die schönste Zeit seiner Ehe war und der antwortet, die sieben Jahre in russischer Gefangenschaft…“ (geklaut aus: „Wenn es ein Junge wird, nennen wir ihn Judith“)

Munter geht es weiter, die Worte, Sätze flutschen nur so raus. Hüllen mich in fröhliches Grinsen-Grunzen vom Anfang bis zum Ende.

Mein neuer Lieblingswitz beginnt im übrigen so: „Kommt ein Kommunikationsberater ins Geburtshaus… „. Den versteht jetzt allerdings nur, wer a) weiß, dass der Herr Hanne nach eigenen Angaben als Kommunikationsberater arbeitet und b) das dünne Buch gelesen hat.

Zum Buchtitel noch eine wichtige Anmerkung: Ziemlich früh wird auch das allgemeine Missverständnis aufgelöst, es könne sich im weiteren Verlauf der Geschichte um einen Jungen namens „Judith“ handeln. Nein, „Dschudiff“! Man spricht es englisch aus.

Ein Weglegen des Buches ist nicht möglich (das hatte ich befürchtet), bis man das blöde dünne Buch in anderthalb Minuten eingehechelt hat! Der perfide Autor hat erreicht, was er wollte: Ich bin angefixt! Ich will mehr! Was ist denn mit „Herr Hanne beim Kinderarzt“, „Herr Hanne bei der Eingewöhnung“ oder: „Herr Hanne und die Babybreimafia“?!

Aber da ich als echtes Fangirl weiß, dass der Familienbetrieb sich durchaus schon mehrmals erfolgreich vergrößert hat, bleibt zu hoffen, dass Band zwei bis vierzig demnächst folgen werden.

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Für wen eignet sich dieses Buch? Wer sollte dieses Buch kaufen? Für alle. Alle. (Kinder, heute auch schon an Weihnachten denken!)

Denn, die „dünne Dschudiff“ kann, was Goethes´s „Dichtung und Wahrheit“ niemals wird können können (können können können… übrige Worte können im Sinne der Nachhaltigkeit gern weiterverwendet werden. Können.). Also, was kann es?

Taschenbuch war gestern! Hosenbundbuch ist up to date! Die dünne Dschudiff kann man im Schlübber nach Timbuktu schmuggeln, ohne ernsthafte Probleme beim Tragekomfort zu bekommen.

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Unschlagbar ist ihr getesteter Einsatz als Laptop-Versteckerli!

Wer kennt es nicht: Du sitzt mit deinem Laptop in einem langweiligen Meeting mit lauter langweiligen Langweilern mit Laptops, starrst auf Powerpointfolien mit sinnentleerten Graphen und hörst deine Lebenszeit sinnlos verrinnen… Das muss nicht sein! Die dünne Dschudiff passt problemlos in auch den kleinsten Laptop und hat in einem Meeting der Sinnlosigkeit eines Vortrags über Key performance inidies und earned value analyses etwas Gehaltvolles entgegenzusetzen: Christian Hannes Worte!

Also ich geh nie wieder ohne…

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Das Buch entbehrt leider jegliche Information, wann denn mit der Fortsetzung zu rechnen ist, aber ich freue mich schon mal vor und danke Christian für die wundervolle Unterhaltung mit diesem Buch. Büchlein. Ich kann ja bis zum zweiten Band den Familienbetrieb ausdrucken und mir aufs Nachttischchen legen wie alle anderen auch.

Apropos alle anderen. Alle anderen haben auch ein bis X Exemplare zur Verlosung erhalten! Ich habe leider nichts. Nur meine eigene Dschudiff, aber die steckte schon in meiner Hose…

… und ist personalisiert.

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Es gibt also hier nichts zu verlosen! Bitte hört auf, mit Eiern nach mir zu wer-feeeeen!

Das macht aber prinzipiell nichts, da ihr ja sowieso zehn Stück braucht. Wegen Weihnachten. Für die Omma, Tante Uschi, die Postfrau, die Leiterin des Geburtshauses, die Esotante im Fengshui-Laden und und und.

„Wenn es ein Junge wird, nennen wir ihn Judith“, von Christian Hanne, ist im Seitenstraßen Verlag erschienen und ist für läppische 9,90€ käuflich beim geschmackvollen Literaturdealer deines Vertrauens zu erwerben. Oder online, zum Beispiel hier.

„Die Fete endet nie“ in Dresden!

(Das ist ne Überschrift, was?)

Ich war mal wieder im Theater. Und ihr solltet das auch öfter tun! Ernsthaft. Jeden Abend stellt sich jemand auf eine Bühne und spielt sich die Seele aus dem Leib, die dann zwischen Reihe fünf und fünfzehn neben den leeren kalten Samtsesseln auf den staubigen Boden plumpst und verpufft. Weil ihr alle lieber vorm Tatort sitzt und Chips knuspert! Dabei kann Theater, was die Flimmerkiste nie vermag, ja, nicht einmal das Kino schafft: Du bist Teil der Geschichte! Denn das Publikum gehört zur Inszenierung wie die Bühne, der Vorhang und die Sektbar neben der Garderobe. Und ein Bühnenschauspieler ohne Publikum, ohne das Rascheln und Murmeln hinter dem Licht dort am Ende der Bühne und ohne den verdienten Applaus am Ende, das ist doch ein bisschen wie Formel eins im ersten Gang. In einem Fiat Panda. Ich muss schmunzeln bei der Vorstellung, dass seit Jahren versucht wird, cineastisch eine Realität für den Zuschauer abzubilden, die das Theater schon immer mitbringt! Mehr als 3D. Theater kann man riechen, fühlen, anfassen. Ohne dass einem davon schwindelig wird, so wie mir beim 3D. Außerdem gibt’s keine lästigen Werbeunterbrechungen. Alles besser als TV. Einfach mal machen!

Am vergangenen Sonntag war die Premiere von „Die Fete endet nie…“.

Ich glaube, jeder Mensch, der zwischen neunzehnhundertfünfzig und neunzehnhundertachtzig geboren wurde, kennt „La Boum“, den Film. Die Filme. Die junge Sophie Marceau auf der Suche nach Liebe und einem Weg durch die Pubertät, umrahmt von ganz typischer frühachtziger Mucke. Richard Sanderson, der das Lied „Reality“ performt, erlangte durch „La Boum“ Weltruhm und noch heute ist dieses Lied verknüpft mit dem Film. Nicht nur in meiner Erinnerung.

Also, wie soll das gehen, einen Kultfilm und das Gefühl eines ganzen Jahrzehnts, einer Generation auf eine kleine Theaterbühne zu bringen? Es geht. Sie haben´s einfach gemacht. Und gut gemacht!

Was wäre, wenn Vic und Mathieu sich heute wiedertreffen würden? Zufällig, beim Abliefern der eigenen Kinder bei einer Party? Und dann in eine Bar gingen, um sich an Früher zu erinnern? Hab ich mir angesehen. Und vor allem: angehört.

Reihe vier. Me and the Pubertier. Ich würde heute Abend den Beweis erbringen, dass auch ich einmal jung war und das arme, verunsicherte, von Hormonen gebeutelte Puberkind damit noch mehr konfus-en („Nein, so habe ich mich nie benommen! Nein, ich bin nie wegen einem Jungen abgehauen. Nein, wirklich, mein Leben war öde und langweilig, bis der Papa kam. Genau, es wurde auch nicht geknutscht im Sozialismus!“).

Die nächsten zwei Stunden war ich im Taumel. Aus Vic und Mathieu wurden Sophie und Pierre, aber ansonsten war alles wie damals…

Ich war nie ein Popper. Auch nicht mit dreizehn (Das war neunzehndreiundachtzsch, als der Film in die DDR-Kinos kam). Ich stand auf Depeche Mode, The Cure, U2 und alles, was rumste und schrammelte. Nicht so „Do you really want to hurt me“ und discofox-artig eins-zwei-Tipp… (Ich kann heute noch keinen Discofox! Ich weigere mich. Und werde wohl bald die einzige Omi sein, die im Altersheim nie aufgefordert wird zum Tanzen.).

Aber was soll ich sagen, ich konnte fast den „Action“-Haarspray riechen, dieses Konglomerat aus Zuckerwasser und dem, was DDR-Chemiker für den Duft von Johannisbeeren hielten… „Je le Taxi“. Ich sah mich mit auftoupierten Haaren und pinkem Lidschatten im Dresdner Parkhotel, älter geschwindelt, oder im Volkshaus beim „Schippelrennen“. „Boys don´t cry“. Rechts hinten in der Ecke standen die coolen Kids. Man trug aus Bettlaken selbst genähte und schwarz eingefärbte Pluderhosen und Schuhe, in die wir selber Nieten reingekloppt haben.

„Mama, guck, der DJ dort auf der Bühne hat Nike Air Force an! Gabs die schon in der DDR?“

Und dazwischen „Voyage voyage“. Mit Kernseife eingefilzt hielt die Frisur am besten, allerdings machte das auch die Haare grau und stumpf. Ich erinnerte mich auch an Haarfärbeexperimente der sozialistischen Art: Kaliumpermanganat, eigentlich gegen Fußpilz gedacht, färbt einfach ALLES pink. Wirklich alles. Außerdem hochgiftig, aber das war sicher auch jede einzelne Zigarette der Marke „Club“.

„Mama, was ist eine Kuschelrunde?“

Ach, die armen Kinder heutzutage! Es gab doch wirklich niemanden in den Achtzigern, der sich nicht irgendwann zu „Reality“ mit wem anders im Kreis gedreht hat! Die „langsame Runde“ war DAS Highlight jedes Discobesuches. Da entschied sich, ob der Thomas dort drüben nur cool tut und mich eigentlich urst fetzig findet. Fünf Titel lang konnte ich dann zitternd hoffen, dass er rüberkommt und mich lässig an der Hand auf die Tanzfläche zieht. Ich weiß nicht, wie die Kinder das heutzutage machen mit dem Anbahnen der Knutscherei?! Ich glaube, wir hatten es wirklich einfacher…

… Ich konnte mich sehen. Ich war dort. Mein Herz bubberte auch irgendwie anders. Jünger. Ich sang alles mit. Alles. Die ganzen Popsongs, die ich mir offiziell freiwillig niemals anhören würde. In diesem Raum dort war sie wieder da. Süße Jugend. Ich sah mich anstatt der älteren Sophie (Katharina Eirich) auf mein jüngeres Ich (Stephanie Bock) schauen, untermalt von „True colors“ und „Girls just wanna have fun“.

Grandios gespielt! Stefanie Bock hat mich so verzaubert, man konnte vergessen, eine erwachsene Frau dort vor sich zu sehen. Dieses verträumte Glitzern in den Augen, dieser Hunger nach Leben! Ach, und Poupette. Erinnert ihr euch noch an die Uroma? Katrin Jaehne haucht dieser grandiosen Oma Leben ein auf eine ganz besondere Art und Weise. Und mit soviel Spaß und Pfeffer im Arsch, dass es niemanden auf dem Sitz hielt!

Es gab „Swimmingpool“ auf der Bühne zu trinken. Und Erdbeerbowle. Luftschlangen und Glitzer im Gesicht.

Und Philosophisches. „Liebe ist wie ein Puzzle. Auch wenn ein paar Teile fehlen, ergibt es trotzdem ein Bild.“, stellt der erwachsene Pierre (Andreas Köhler) treffend fest.

Bei „Stay“ suche ich mit feuchten Augen nach einem Feuerzeug. Was macht das Kind? „Mama, hier im Theater ist Rauchen aber verboten!“.

Am Ende Luftschlagen und Konfetti über allen, keiner sitzt mehr, alle singen klatschend und tanzend in den Reihen. Nur mein Sohn sitzt und staunt mit offenem Mund über die alten Leute.

Der zweite Vorhang. Sie singen uns zu: „You´re simply the best“ und verteilen Erdbeerbowle, dann „Forever young“, vielstimmig. Alles bebt und feiert das Leben, die Jugend. Für immer jung. Und wir waren für immer jung, einen Abend lang. Und es hält noch an!

Fazit: Dieses Stück ist eine Detox-Kur!

Wo gibts schon eine Verjüngungskur für unter zwanzig Euro in nur zwei Stunden? Alle Daten zum Stück, Karten und Spielplan gibts hier: Boulevardtheater Dresden

Ein Klempner auf Abwegen

Ein Klempner auf Abwegen

Was passiert, wenn man ein paar Schauspieler und einen Dresdner Klempnermeister zusammen auf eine Bühne stellt? Das hab ich mir mal angeguckt.

„Familie Bernd Seifert“, eine Dresdner Komödie

Ich konnte den verklemmten Ischias überreden, mit mir zur Premiere zu gehen. Wir also hin. Ich mag ja das Boulevardtheater. Und da ich bewiesenermaßen nun schon mindestens zweimal da war, kann ich mit Expertenmeinung behaupten: Es ist ganz reizend dort! Und die Sanitäranlagen sind von meisterlicher Hand installiert. Vielleicht war’s der Seifert persönlich. Vielleicht war’s auch der Marko… Wer also schon immer mal auf einer Schüssel pullern wollte, die ein Schauspieler eingebaut hat, bitte sehr. Das könnt ihr hier (Das mit dem Marko versteht ihr, wenn ihr euch das Stück anguckt).IMG_2187

Migrationshintergrund ist von Vorteil. Also für das Stück! Wer nicht aus dem Osten kommt, versteht möglicherweise nur „Wiener Loch“. Oder Bahnhof. Nehmt für diese Fälle eine Dresdner Begleitung mit. Und: Fragt ruhig mich!

Ich saß zu meiner großen Freude neben einem furchtbar sympathischen und talentierten Schauspieler, der extra zur Premiere des Stückes aus Berlin angereist war (Nein, es war nicht Jürgen Vogel.). Zwar musste ich ihm soufflieren, wer Wolle Förster sei und was genau das „Klax“, dafür hat er mir aber Babyfotos seines Sohnes gezeigt. Ganz allerliebst ❤

Und worum geht’s in dem Stück? Um die ganz ganz großen Themen! Familienfeiern, Rouladen, das „Wiener Loch“, WBS70-Charme und Kürschi (Kirschlikör). Und noch viel mehr! Philosophisches zum Beispiel:

Verliebtsein ist wie Einpullern.
Alle können es sehn,
aber nur du spürst die Wärme!

(Marion Seifert, die Ehefrau)

Außerdem wird bewiesen, dass Besitz sexy macht. Zumindest, wenn es sich bei dem Besitz um ein halbes Haus auf dem Weißen Hirsch handelt. Das fand ich persönlich ja überraschend!

Zum zweiten war das Stück wirklich komisch. Also nicht überraschend! Es war saukomisch. Ich bin ja bekanntermaßen vom Niveau her von der Mitte abwärts variabel einstellbar und könnte euch also viel erzählen. Aber das war wirklich lustig auf eine breitenkompatible Art. Da könnt ihr mit der ganzen Familie rein. Oma, Opa und besonders mit Teeniekindern. „Gugge dir an, was aus dir wird, wennde so weidor machst! Dann wirste Stift beim Seifert!“.

Dieser Seifert, das Handgelenktaschenmodel! Und dieser Heiko! Aber Leute, ganz ehrlich. Warum ihr wirklich, wirklich hinmüsst, auch wenn ihr gar nichts mit Dresden oder Gas-Wasser-Installationen am Hut habt und euch eigentlich auf der anderen Seite der Weltkugel befindet, das ist „de Scholz´n“. Ich halte mir jetzt beim Schreiben mit einer Hand den Mund zu, damit ich nicht zuviel verrate. Aber diese Omi, nein, dieses Wesen… Warte… ich fange noch mal an. Also, Omis mag ja jeder. Aber ich will sogar wie diese Omi werden! Ich werde mir nie wieder den Song „Happy“ anhören können, ohne diese Gestalt vor mir zu sehen. Lang wie der Dresdner Fersehturm und genauso gebeutelt (aber windschnittig). Mimimi… ich beiß mir auf die Zunge… bitte guckt´se euch an! Aber um Gottes Willen, lasst euch keine Nuss andrehen von der. Ihr werdet es verstehen. Hinterher.

So, was also versuche ich hier mit vielen Worten zu sagen? Hingehen!

Und die Premierenfeier war grandios. Die Haute Volée Dresdens im Blitzlichtgewitter. Und alle waren sie da. Sogar ein Oscar-Preisträger. Wirklich, ohne Scheiß. Ich verhohnepiepel euch nicht. Ich kenne eben solche Leute! Hinterher standen wir kurz beisammen und er resümmierte: „Also, la Bohéme war das nicht.“ (Nee, mei Guhdor, das hieß ja ooch ganz anders!), „Eher was fürs Volk. Aber für die muss man ja auch was spielen!“ (Nu genau! Und wir sind ja das Volk! Ach nee, als Dresdner sagt man das lieber nicht öffentlich…).

Leider war ich ja in Begleitung des Ischias und der ist nicht so die Rampensau. Der steht lieber alleine auf der Raucherinsel. Deshalb musste ich beizeiten gehen, hab aber noch ein Foto gemacht für euch. Hier sind sie, die Stars. Hinter diesem Fenster. Bitte, hab ich doch gern gemacht.

Premierenfeier von außen. Voller Stars.

Premierenfeier von außen. Voller Stars.

Ich bin am Samstag zu einer Familienfeier eingeladen. Die wünschen sich immer irgendwas von Paul Toms, oder wie der Typ heißt. Gibts nicht mehr! Ab jetzt gibts jedes Jahr „Bernd Seifert“. Das Schöne ist, dass in der Tat jährlich ein neues Stück mit dieser Familie geplant ist. Ich finde das überaus begrüßenswert, somit habe ich endlich neben meinem jährlichen Zahnreinigungstermin ein weiteres Highlight, auf dass es sich zu freuen gilt.