„Die Fete endet nie“ in Dresden!

(Das ist ne Überschrift, was?)

Ich war mal wieder im Theater. Und ihr solltet das auch öfter tun! Ernsthaft. Jeden Abend stellt sich jemand auf eine Bühne und spielt sich die Seele aus dem Leib, die dann zwischen Reihe fünf und fünfzehn neben den leeren kalten Samtsesseln auf den staubigen Boden plumpst und verpufft. Weil ihr alle lieber vorm Tatort sitzt und Chips knuspert! Dabei kann Theater, was die Flimmerkiste nie vermag, ja, nicht einmal das Kino schafft: Du bist Teil der Geschichte! Denn das Publikum gehört zur Inszenierung wie die Bühne, der Vorhang und die Sektbar neben der Garderobe. Und ein Bühnenschauspieler ohne Publikum, ohne das Rascheln und Murmeln hinter dem Licht dort am Ende der Bühne und ohne den verdienten Applaus am Ende, das ist doch ein bisschen wie Formel eins im ersten Gang. In einem Fiat Panda. Ich muss schmunzeln bei der Vorstellung, dass seit Jahren versucht wird, cineastisch eine Realität für den Zuschauer abzubilden, die das Theater schon immer mitbringt! Mehr als 3D. Theater kann man riechen, fühlen, anfassen. Ohne dass einem davon schwindelig wird, so wie mir beim 3D. Außerdem gibt’s keine lästigen Werbeunterbrechungen. Alles besser als TV. Einfach mal machen!

Am vergangenen Sonntag war die Premiere von „Die Fete endet nie…“.

Ich glaube, jeder Mensch, der zwischen neunzehnhundertfünfzig und neunzehnhundertachtzig geboren wurde, kennt „La Boum“, den Film. Die Filme. Die junge Sophie Marceau auf der Suche nach Liebe und einem Weg durch die Pubertät, umrahmt von ganz typischer frühachtziger Mucke. Richard Sanderson, der das Lied „Reality“ performt, erlangte durch „La Boum“ Weltruhm und noch heute ist dieses Lied verknüpft mit dem Film. Nicht nur in meiner Erinnerung.

Also, wie soll das gehen, einen Kultfilm und das Gefühl eines ganzen Jahrzehnts, einer Generation auf eine kleine Theaterbühne zu bringen? Es geht. Sie haben´s einfach gemacht. Und gut gemacht!

Was wäre, wenn Vic und Mathieu sich heute wiedertreffen würden? Zufällig, beim Abliefern der eigenen Kinder bei einer Party? Und dann in eine Bar gingen, um sich an Früher zu erinnern? Hab ich mir angesehen. Und vor allem: angehört.

Reihe vier. Me and the Pubertier. Ich würde heute Abend den Beweis erbringen, dass auch ich einmal jung war und das arme, verunsicherte, von Hormonen gebeutelte Puberkind damit noch mehr konfus-en („Nein, so habe ich mich nie benommen! Nein, ich bin nie wegen einem Jungen abgehauen. Nein, wirklich, mein Leben war öde und langweilig, bis der Papa kam. Genau, es wurde auch nicht geknutscht im Sozialismus!“).

Die nächsten zwei Stunden war ich im Taumel. Aus Vic und Mathieu wurden Sophie und Pierre, aber ansonsten war alles wie damals…

Ich war nie ein Popper. Auch nicht mit dreizehn (Das war neunzehndreiundachtzsch, als der Film in die DDR-Kinos kam). Ich stand auf Depeche Mode, The Cure, U2 und alles, was rumste und schrammelte. Nicht so „Do you really want to hurt me“ und discofox-artig eins-zwei-Tipp… (Ich kann heute noch keinen Discofox! Ich weigere mich. Und werde wohl bald die einzige Omi sein, die im Altersheim nie aufgefordert wird zum Tanzen.).

Aber was soll ich sagen, ich konnte fast den „Action“-Haarspray riechen, dieses Konglomerat aus Zuckerwasser und dem, was DDR-Chemiker für den Duft von Johannisbeeren hielten… „Je le Taxi“. Ich sah mich mit auftoupierten Haaren und pinkem Lidschatten im Dresdner Parkhotel, älter geschwindelt, oder im Volkshaus beim „Schippelrennen“. „Boys don´t cry“. Rechts hinten in der Ecke standen die coolen Kids. Man trug aus Bettlaken selbst genähte und schwarz eingefärbte Pluderhosen und Schuhe, in die wir selber Nieten reingekloppt haben.

„Mama, guck, der DJ dort auf der Bühne hat Nike Air Force an! Gabs die schon in der DDR?“

Und dazwischen „Voyage voyage“. Mit Kernseife eingefilzt hielt die Frisur am besten, allerdings machte das auch die Haare grau und stumpf. Ich erinnerte mich auch an Haarfärbeexperimente der sozialistischen Art: Kaliumpermanganat, eigentlich gegen Fußpilz gedacht, färbt einfach ALLES pink. Wirklich alles. Außerdem hochgiftig, aber das war sicher auch jede einzelne Zigarette der Marke „Club“.

„Mama, was ist eine Kuschelrunde?“

Ach, die armen Kinder heutzutage! Es gab doch wirklich niemanden in den Achtzigern, der sich nicht irgendwann zu „Reality“ mit wem anders im Kreis gedreht hat! Die „langsame Runde“ war DAS Highlight jedes Discobesuches. Da entschied sich, ob der Thomas dort drüben nur cool tut und mich eigentlich urst fetzig findet. Fünf Titel lang konnte ich dann zitternd hoffen, dass er rüberkommt und mich lässig an der Hand auf die Tanzfläche zieht. Ich weiß nicht, wie die Kinder das heutzutage machen mit dem Anbahnen der Knutscherei?! Ich glaube, wir hatten es wirklich einfacher…

… Ich konnte mich sehen. Ich war dort. Mein Herz bubberte auch irgendwie anders. Jünger. Ich sang alles mit. Alles. Die ganzen Popsongs, die ich mir offiziell freiwillig niemals anhören würde. In diesem Raum dort war sie wieder da. Süße Jugend. Ich sah mich anstatt der älteren Sophie (Katharina Eirich) auf mein jüngeres Ich (Stephanie Bock) schauen, untermalt von „True colors“ und „Girls just wanna have fun“.

Grandios gespielt! Stefanie Bock hat mich so verzaubert, man konnte vergessen, eine erwachsene Frau dort vor sich zu sehen. Dieses verträumte Glitzern in den Augen, dieser Hunger nach Leben! Ach, und Poupette. Erinnert ihr euch noch an die Uroma? Katrin Jaehne haucht dieser grandiosen Oma Leben ein auf eine ganz besondere Art und Weise. Und mit soviel Spaß und Pfeffer im Arsch, dass es niemanden auf dem Sitz hielt!

Es gab „Swimmingpool“ auf der Bühne zu trinken. Und Erdbeerbowle. Luftschlangen und Glitzer im Gesicht.

Und Philosophisches. „Liebe ist wie ein Puzzle. Auch wenn ein paar Teile fehlen, ergibt es trotzdem ein Bild.“, stellt der erwachsene Pierre (Andreas Köhler) treffend fest.

Bei „Stay“ suche ich mit feuchten Augen nach einem Feuerzeug. Was macht das Kind? „Mama, hier im Theater ist Rauchen aber verboten!“.

Am Ende Luftschlagen und Konfetti über allen, keiner sitzt mehr, alle singen klatschend und tanzend in den Reihen. Nur mein Sohn sitzt und staunt mit offenem Mund über die alten Leute.

Der zweite Vorhang. Sie singen uns zu: „You´re simply the best“ und verteilen Erdbeerbowle, dann „Forever young“, vielstimmig. Alles bebt und feiert das Leben, die Jugend. Für immer jung. Und wir waren für immer jung, einen Abend lang. Und es hält noch an!

Fazit: Dieses Stück ist eine Detox-Kur!

Wo gibts schon eine Verjüngungskur für unter zwanzig Euro in nur zwei Stunden? Alle Daten zum Stück, Karten und Spielplan gibts hier: Boulevardtheater Dresden

10 Kommentare zu “„Die Fete endet nie“ in Dresden!

  1. Wie schön, dass dir das Stück so gut gefallen hat. Der lieben Stefanie (wir waren zusammen in der Ausbildung) habe ich deine Begeisterungsstürme gleich mal weitergeleitet – sie freut sich sehr darüber 🙂

  2. Och, ich will auch…😀 Habe mir neulich die beiden Teile von La Boum im Fernsehen angeschaut, zum x-ten Mal…konnte die Dialoge schon mitsprechen 😉

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