Irgendwas ist immer

„Irgendwas ist immer“, sagt der Kollege neulich und ich bin an meine Oma erinnert, die diese Aussage stets mit den Worten: „Unter jedem Dach ein Ach“, umschrieb.

Ja, irgendwas ist immer. Und überall. Jeder noch so hell erstrahlende Mond hat eine dunkle Seite. Manchmal erahnt man dies, manchmal sieht man sie, die dunkle Seite, und manche Monde scheinen gar keine Schattenseite zu haben. Scheinbar.

Mit den Fotos von fremden Bloggerfamilien ist das auch so. Wenn man die betrachtet, erhascht man einen winzigen Ausschnitt aus dem Leben, sieht dampfende Suppenschüsseln, lachende Kindergesichter, blühende Gärten und bunte Glückseligkeit. Schön ist das. Ich mag das sehr! Das ist wie ein Spaziergang in der Adventszeit, wenn ich kaum den Blick abwenden kann von den bunten Fenstern, in denen manchmal die Lichter des Weihnachtsbaumes zu erkennen sind und aus denen wohlige Gerüche von Gänsebraten und Plätzchen strömen.

Dennoch. Ich weiß nichts von den Menschen, die hinter diesen schönen Fenstern mit den Wohlgerüchen leben. Allenfalls habe ich eine Fantasie dazu, meine sie müssten bestimmt glücklich sein, diese Menschen. Mit so schönen Fenstern!

Bei Instagram gibt es den Hashtag #fürmehrrealitätaufinstagram, und ich benutze den selbst, nur glaube ich, dass er den Sinn, den er suggeriert, ad absurdum führt. Denn zumeist steht er unter Fotos, die sehr bemüht tun, das „Heile-Welt-Bild“ zu unterwandern und dennoch genau diese heile Welt abbilden. Irgendwie. Wenn ich als kinderloser Mensch mit Kinderwunsch müde zerzauste Mütter sehe mit Kindern an der Zitze und darunter „#fürmehrrealitätaufinstagram“ lese, macht das was ganz anderes mit mir, als wenn ich mich vor meinem wütend brüllenden Kleinkind auf dem Klo verstecke und einen Moment lang bei Instagram rumwische und ebendieses Foto sehe.Um den Kontext zu beschreiben, braucht es Worte, ehrliche. Ein Bild, ein Foto, spiegelt stets nur die Fantasie des Betrachters. Das heißt nicht, dass sie nicht „wahr“ wären, diese schönen Bilder. Das heißt, dass sie nur einen Bruchteil des Ganzen abbilden. Nicht mehr.Möglicherweise habe ich das ganze Wochenende über den Umstand nachgedacht, dass ich jetzt wieder arbeiten gehe, nach einer sehr langen Zeit, in der ich krank war. Und wie das so ist. Dass ich mich furchtbar schäme, auch wenn ich weiß (!), dass das weder nötig noch angebracht ist. Dass ich mich schäme, als sei an mir etwas Widerwärtiges, Obszönes, das für jedermann offensichtlich ist, weswegen ich mich eigentlich verstecken will. Oder weglaufen.Furchtbare Versagensängste plagen mich, ich kann das nicht, ich habe alles vergessen, ich bin so unnütz, mein Kopf surrt, mein Herz flattert panisch wie ein Vogel, den man an den Füßen festhält.Ich vermeide den direkten Blickkontakt aus Angst, mein Gegenüber könnte in meinen Augen die liegengebliebenen Reste der unbeschreiblichen Verzweiflung, des Siechtums sehen, die mich monatelang im Klammergriff hielten. Als sei ein Image meiner Dämonen sichtbar, wie ein schlieriger Film auf einem Fenster. Wenn man nur genau hinsieht…Von all dem wissen meine Kollegen nicht. Ich bin aufgeregt, hektisch, lache zu laut und schnattere. Naak, naak, naak. Und weiche dem direkten Blick aus. Ich versuche, „normal“ zu wirken. Mehr nicht.All dies ist so anstrengend, dass ich nach einem lächerlich kurzen Moment auf Arbeit – in einem freundlichen vertrauten Umfeld – nach Hause fahre und zwei Stunden schlafen muss. Weil ich völlig erschöpft bin. Wovon? Ich weiß es nicht.Diese Erschöpfung war eines der ersten Zeichen, damals, im letzten Jahr. Und sie wird als eines der letzten Symptomen wieder verschwinden. Zusammen mit den kognitiven Einschränkungen. Ich kann mir nichts merken, habe alltägliche Dinge vergessen, bsss bsss, irgendwelche Zellen oder Synapsen sind in meinem Kopf durchgeschmort und müssen erst wieder neu wachsen.Ich hoffe zumindest, dass sie das tun!

Inständig.Meine Gedanken sind wie eine Horde Affen, die kreischend in meinem Kopf umherspringen, bis mir schwindlig wird. Das ist die größte Angst von allen, dass das nicht wieder gut wird! Alles wird gut. Am Ende. Und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es noch nicht blabla. Aber stimmt das denn? Oder ist am Ende nicht nur noch mehr Dunkelheit? Wird das Licht einfach immer weniger? So wie der Sand in einer Sanduhr?Ich kann den Sand rieseln hören, manchmal, und dann in diesen Momenten, glaube ich hören zu können, dass nur noch ein paar wenige Körner in dem Glas sind. Das sind die Momente der Erschöpfung, in denen meine Muskeln zittern und ich ein Flimmern vor den Augen habe und denke, das war´s. Das wird nie wieder gut. Oder?!Diese Gedanken denke ich, während diese Fotos entstehen. Nicht ausschließlich, nein, aber die Affen… ihr wisst schon…„Irgendwas ist immer“. Überall. Und unter jedem Dach wohnt ein Ach. Wirklich.Und während wir uns Sorgen wegen dem Job machen, der Kinder oder der Kredite, rühren wir Waffelteig zusammen oder bauen ein Trampolin auf. Während wir Liebeskummer haben oder uns um ein krankes Familienmitglied sorgen, kochen wir Marmelade oder fegen Laub.
Oder wir versuchen, die Schönheit, die in jedem Augenblick wohnt, festzuhalten. In Fotos oder Worten. Trotz allem, trotz dem ganzen Mist, der außerdem noch da ist und den wir der Umwelt nicht zumuten wollen. Oder nicht können.Guck doch mal, dieses Licht! Ist das nicht wundervoll? Wie eine zärtliche Umarmung. Diese Farben, so viel Schönheit überall…

Und dann.Geschenke, wo man sie nicht vermutet.

Und wo ist jetzt die Moral von der Geschicht´? Ganz einfach: Ein Foto ist nur ein Foto und wenn du irgendwo auf einer Parkbank jemanden mit hängendem Kopf findest, geh nicht vorbei!

 

Schwangere Seniorinnen oder: Mein Bauch gehört mir!

Frage: Wie nennt man den Uterus einer älteren Frau? A) Gebärmutter B) Gebäroma C) Eine Frau über fünfundvierzig hat keinen Uterus und keine Vagina! Eine alte Frau hat keinen Sex und auf gar keinen Fall involviert sie sich in den Fortpflanzungsprozess außerhalb der ihr angedachten Rolle als Großmutter mit praktischem Kurzhaarschnitt und in geschlechtslose beige Polyestergewänder gehüllt. Frag das Internet!

Caroline Beil ist schwanger. Das könnte mir egal sein, ist es mir generell auch. Ich finde das so interessant, wie eben jemand eine derartige Meldung spannend findet, wenn er den betreffenden Menschen (so wie ich in Frau Beils Fall) gar nicht kennt.

Aber Caroline Beil ist fünfzig und schwanger und da wird es interessant! Also nicht auf eine gute Art, weil zum Beispiel herausgefunden wurde, dass der Verzehr von zwei Litern Schokoladeneis pro Tag die Fertilität (also Fruchtbarkeit) unterstützt.

Nein! Interessant auf eine erschreckend gruselige Art wurde es, weil die werdende Mutter sich einem Shitstorm ausgesetzt sieht, ihre Schwangerschaft betreffend. Während George Clooney, Sigmar Gabriel und wie die neuen Väterhelden im öffentlichen Raum auch heißen mögen, Fan-Zuspruch und Klicks erhalten, wird Caroline (die im übrigen jünger als die beiden genannten ist) als „Mumie“ beschimpft und das Ungeborene bereits bedauert.

Was ist so anders zwischen George Clooney mit seiner Amal und Caroline Beil mit ihrem neuen Freund? Genau genommen gar nicht so viel! Beide Paare haben einen Altersabstand von circa sechszehn Jahren und beide Paare bekommen Nachwuchs 2017. Und bei beiden Partnerschaften ist ein Elternteil in den Dreißigern und eines über fünfzig. Und dennoch bekommt das eine Paar Herzchen und Zuspruch und Likes und das andere die Hasstiraden.

Mir kriecht das Entsetzen den Nacken hoch, wenn ich bedenke, dass der Großteil der Kommentatoren weiblich sein soll. Echt jetzt, Mädels? Ungläubiges Staunen, Unverständnis. Einer Zwanzigjährigen sehe ich all das nach. Auch einer Dreißigjährigen. Die wissen nichts über die Gefühlswelt einer Fünfzigjährigen. Und das ist ok! Aber Beschimpfungen gehen gar nicht. Und wisst ihr warum? Weil es noch gar nicht so lange her ist, dass Frauen mit dem Slogan „Mein Bauch gehört mir!“ auf der Straße demonstrierten, um jedem Mädchen und jeder Frau das Recht auf freie Entscheidung einzuberaumen. Das Recht, sich gegen ein Kind entscheiden zu dürfen! Das Recht, eine ungewollte Schwangerschaft straffrei abbrechen zu dürfen. Die entsprechende Gesetzesänderung gilt nach wie vor als Meilenstein in der Geschichte der Frauenrechte. Und beinhaltet dieses Recht auf freie Entscheidung nicht auch das Recht, sich frei „für“ ein Kind zu entscheiden? In meiner Wahrnehmung schon!

Ich habe es schon mal an anderer Stelle (hier) geschrieben: Von jeher bekamen Frauen ihre Kinder bis zum Eintritt in die Wechseljahre. Nur das uralte Hebammenwissen und später die moderne Medizin haben dafür gesorgt, dass alte Mütter für eine Zeit aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit verschwunden sind. Und ja, die Wahrscheinlichkeit einer intakten Schwangerschaft nimmt mit dem Alter der Mutter mehr und mehr ab. Aber generell funktioniert es unter Umständen! Und selbst wenn – wie in Carolines Fall – der Onkel Doktor nachhilft, was ist daran derart verwerflich, dass sich Leute verbal entgleisen und die werdende Mutter attackieren und beschimpfen? Und im Anschluss auf George Clooneys Instagram-Account ein Herz dalassen?!

Wann ist man alt? Wie lange jung?

Ich weiß es nicht. Ich bin in der Mitte meines Lebens und ich verstehe nicht, was an diesem „Jungsein“ überhaupt so toll sein soll. Ich will nicht noch mal jung sein! Ich führe jetzt das Leben, das ich mir als ganz junge Frau immer gewünscht habe! Alle Möglichkeiten liegen dir zu Füßen, alle Türen offen, wenn du jung bist? Am Arsch! Jetzt habe ich alle Möglichkeiten und trete jede Tür auf, durch die ich hindurch will! Jetzt ist die beste Zeit meines Lebens! Und ja, es fühlt sich toll an, noch mal ein kleines Kind zu haben. Jetzt. Und ich bin eine tolle Mutter, jetzt, mit siebenundvierzig!

Willkommen bei Nieselpriem, ihrem geriatrischen Befruchtungsblog! Wer versehentlich hierher gelangt ist, bekommt an der Kasse sein Geld zurück.

Ja, ich bin eine alte Rollator-Mutti und das ist genau mein Ding. Ich bin #teamcaroline. Das muss nicht für jede(n) passen, für mich passt es. Und ich hätte nicht mit zwanzig die Mutter abgegeben, die ich jetzt sein kann! Mit zwanzig hätte ich selber noch einen Erziehungsberechtigten gebraucht… andere sind da anders und haben andere Entscheidungen getroffen. Auch prima!

Dieses Analysedingsbums in der Blogsoftware hat mir mal ausgespuckt, dass der durchschnittliche Nieselpriem-Leser zwischen dreißig und fünfunddreißig Jahren alt ist und weiblich (Ich weiß, es lesen auch ein paar Männer hier. Torti, Nils, ich winke!). Wenn ich mich also mal ganz weit aus dem Fenster der Realität lehne, bedeutet das wohl, dass sich hier Frauen angesprochen fühlen von meinen Worten, die gut und gern fünfzehn Jahre jünger sind als ich. Bedeutet das vielleicht weiter, dass die „alte“ Frau, die hier schreibt,  mit ihren Meinungen und Ansichten gar nicht so weit weg ist von denen der „jungen“ Frau, die das liest. Dass uns optisch zehn bis fünfzehn Jahre trennen, aber im Fühlen möglicherweise kaum etwas. In dem, was uns als Mütter umtreibt.

Ich könnte jetzt noch mit dem demografischen Wandel um mich werfen, damit, dass wir immer älter werden und dass Frauen aus Gründen (und auch die füllten wieder Seiten des Internets) oft bis weit in ihre Dreißiger knietief in der Karrierearbeit stecken und deshalb immer später Kinder gebären, all das ist richtig, führt jetzt aber zu weit.

Ich denke, in den kommenden Jahrzehnten wird die Zahl der über Vierzigjährigen Gebärenden immer mehr zunehmen und vielleicht auch die der über Fünfzigjährigen. Ich bin dafür, dass wir nicht nur die Errungenschaft der freien Entscheidung gegen ein Kind in jedem Alter feiern sollten, sondern auch die freie Entscheidung für ein Kind in jedem Alter! Auch das ist Frauenrecht. Mein Bauch gehört mir, in jeder meiner Entscheidungen. Und dir deiner. Das gilt im übrigen auch für Meinungen. Jeder darf seine eigene haben und jeder einzelne löffelt die Suppe seiner Entscheidungen für sich aus.

Nachtrag: Spontan hatte ich überlegt, Caroline unseren Hartan zu spenden, der steht ja noch bei uns in der Garage. Ich habe mich aber dagegen entschieden, ich bin ja noch nicht mal fünfzig! Und falls noch einmal ein faltiges Ei meine runzligen Eileiter passieren sollte, setze ich mich hin und schreibe ein Buch. Mögliche Arbeitstitel wären: „Stillend durch die Wechseljahre“, oder: „Elternzeit statt Altersteilzeit – Eine Chance für Senioren“. Bleiben sie gespannt. Und vor allem: Entspannt!

Und jetzt entschuldigt mich, ich muss die Bauchfotos von Caroline Beil herzeln gehen, aus Solidarität.

… und schönen Gruß an mich!

He du, ich meine, ich, bist du das, was man sonst „schlechtes Gewissen“ nennt? Wenn du mich das nächste Mal siehst, richte mir doch bitte was aus! Danke.

Andauernd höre ich dich jammern, du hättest keine Zeit für dich und überhaupt, wann bitte soll jemand wie du denn auch mal was für sich tun? Arbeiten, Kinder, das Haus, der Garten. Ja, schwierig, ich sehe es. Vor allem sonntags, wenn du auf deinem faltigen Hintern sitzt, vor dir den dritten Kaffee und das zweite Schokocroissant und auf deinem Handy rumwischst. Ja, nee, besonders sonntags hat jemand wie du gar keine Zeit!

Wann warst du eigentlich das letzte Mal joggen? kannst du noch den Monat bestimmen anhand der Umgebungsvegetation oder brauchst du schon eine Jahresscheibe zum Ausknobeln? Ja, schwierig, ich weiß schon! Und du wölltest ja auch, aber…

… immer diese kranken Kinder. Und das Wetter! Also bei Wetter kann man nicht joggen, ist klar! Und du selbst hast ja auch täglich irgendwelche Zipperlein. Es ziept die Hüfte, es brummt der Kopf, Aua hier und müde bist du auch.

Mir kommen gleich die Tränen! Und wie antriebslos du bist! Und die ganze Arbeit! Das komplette Wochenende im Dienste der Wasch- und Putzfrohn, du hast es schwer. Das sind echt Härten, die du durchlebst, niemand hat es so schwer wie du. Ich bastel dir einen Orden aus Klopapier, wenn ich Zeit habe.img_4628-1

Los, hoch mit dem knochigen Arsch und zieh die Laufschuhe an! Irgendwo werden die ja sein!

Und ja, du kannst die Kinder alleine lassen. Der eine sitzt vorm Tablet und der andere vorm Handy und nein, das ist nicht schön, aber who cares?! Du kehrst jetzt ne halbe Stunde bei dir den alten Mief aus der Lunge und machst mal das, wozu du angeblich nie Zeit hast: Nimm dir Zeit für dich! Das wird schön, du weißt es. Das sagst du immer hinterher.

Joggen ist die beste Freizeitbeschäftigung für alte antriebslose Muttis wie dich: Es kostet nichts außer Überwindung, du musst nicht in irgendeinem Fitnessstudio oder einer Badeanstalt für Geld fremden Menschen beim Keuchen zusehen und wenn du dabei scheiße aussiehst, interessiert es auch keinen! Und du wirst scheiße aussehen, das wissen wir beide…

Aber doch, du kannst das! Auch wenn du monatelang nicht laufen warst. Lauf einfach los. Machst du halt nen Oma-Run. Schön langsam, ordentlich atmen, anständige Haltung. Sowas verlernt man nicht, und los, ab geht die Lucie!

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Spongebobs Freund Patrick wohnt im Dresdner Waldpark – Beweisfoto

Und wer weiß, was einem so im Wald begegnet? Vielleicht die Reinkarnation von Patrick Star in einer ollen Wurzel oder ein runtergefallener Mistelzweig. Und guck doch mal, wie schön die Sonne durch´s Geäst lugt. Okay, dein Schnaufen klingt erbärmlich und stört ein wenig die Ruhe hier, aber das ist alles deine Schuld, du faules Weibsstück. Weiter gehts! Nicht andauernd stehen bleiben und rumknipsen!img_4634-1

Merkst du schon, wie die Säfte durch den Körper pumpen? Gut fühlt sich das an, oder? Du kriegst auch schon rote Bäckchen, wie sonst nur beim… Kochen! img_4632

Keuch ruhig, Lunge und Herz sind Muskel, die wollen gepumpt werden! Das ist gut für die Durchblutung, ja, auch für das graue schwabblige Bindegewebe. Ich meine deins, ganz genau!

Von nüscht kommt ja nüscht. Immer nur an dem alten Wellfleisch rumzubbeln und jammern, dass du nicht mehr aussiehst wie fünfundzwanzig bringt dich auch nicht weiter! Lauf, Mutti, hopp hopp! Bis der faltige Hintern nicht mehr in der Pantalon schlabbert! Danach kannst du dir wieder schön die Torte reinpfeifen mit ordentlich „Scholüsterol“.

Schneller, altes Mädchen, zieh die Luft in die Lungen! img_4635-1

Dreißig Minuten durch den Wald laufen, das machst du jetzt jedes Wochenende! Das ist gut für deine Laune, demnach also gut für deine ganze Familie. Und danach fühlst du dich lebendig und kraftvoll und endlich hast du auch mal einen echten Grund, über ziepende Hüften und stechende Knie zu jammern.

Sag mir das, wenn du mich das nächste mal auf der Couch versumpfen siehst, hörst du? Und schönen Gruß an mich!img_4627

Montag

Ich stehe 6:15 Uhr auf und verlasse 7:45 Uhr mit dem Kleinsten das Haus in Richtung Maloche. Soweit der Plan. Anderthalb Stunden um sich selbst und eines der Kinder in eine Hose zu stülpen und gegebenenfalls noch in ein Brot zu beißen.

Theoretisch ist so ein Morgen also praktisch völlig entspannt!

(c) pixabay

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7:00 Uhr

Der Blondino wälzt sich im Schlafanzug mit Nuckel im Mund auf dem Boden und ruft nach dem Uwe. „Uwääääääh! Isch will nisch zu´n Kindern! Uwääääääh!“.

Ich total souverän: „Los, steh auf, gib mir den Nunni! Große Jungs haben keinen Nunni mehr und du bist doch schon ein großer Junge, stimmts? Gleich kommt der Papa runter und wenn der dich im Schlafi hier sieht, wird die Mama wieder angemeckert, weil sie den ganzen Morgen vertrödelt und überhaupt. Und dabei habe ich noch die Wäsche aufhängen müssen, weil die nass und klumpig im Keller stand. Und du wartest ja leider auch nicht, bis ich satt und angezogen bin und dich aus dem Bettchen hole, stimmts? Nein, du bist von Anfang an dabei und hilfst mir, indem du das Leergut in der Abstellkammer aufräumst, stimmts? Und Mamas Tasche leerst. Und Gummibärchen in dich reinstopfst, die ich gestern Abend vergessen habe wegzuräumen. Das sagen wir dem Papa aber nicht. Was willst du zum Frühstück? Kelloggs? Müsli? Ein Marmeladenbrot willst du, kommt sofort.“.

Fünf Minuten später fliegt das Marmeladenbrot unter Geschrei auf den Boden, weil das ganz falsch ist! Und er doch Schokoladenbrot will! Ich will Ruhe und kein Geschrei. Geschrei tut mir weh, morgens und überhaupt. Während ich dem Kind den Rücken zudrehe und ein Schokoladenbrot schmiere, klaubt dieser das Marmeladenbrot vom Boden und isst. Schokoladenbrot fertig, Kind bereits satt, ist klar.

7:30 Uhr

Ich bin mittlerweile angezogen, das Kind auch. Ich habe die Taschen gepackt und im Flur verteilt. Todo-Liste für den Tag danebengelegt, nichts gegessen, aber ich muss noch mal ins Bad…

„Mama, kackorst du?“. „Geh raus!“. „Mama, nisch kackorn!“. „Ich…muss…“. „Du kannst in die Windel kackorn, Mama!“. „Neiiiin!“. „Is die Worscht schon draußen?“. „Neiiiin! Geh jetzt raus und verdammt, wenn du nicht sofort diesen scheißblöden Nuckel aus der Gusche nimmst, ich schwöre, ich zertrete den, verbrenne ihn und dann schmeiße ich das Ding in die tiefste Grube! Den und die dreißig anderen! Und jetzt raus hier! Sooofort!“.

Von Ferne tönt es: „Henrike, wann lernst du, die Tür hinter dir abzuschließen, wenn du im Bad bist!“. „Orrrrr! Weil der dann hinter der zu-en Türe schreit und Mami ruft! Ich kann so nicht! Ich möchte einmal in Ruhe im Bad sein! Ohne dass mir einer Spielzeug in die Wanne schmeißt, während ich drin liege oder ins Klo gucken will, während ich draufsitze! Oder mir blöde Verbesserungsvorschläge macht! Ja, das letzte ging an dich! Weißt du was, geh einfach! Geht doch einfach alle! Jetzt! Und viel Spaß im Büro!“.

Die Türe knallt, ohne Abschiedskuss.

8:00 Uhr

Irgendwie sind Kind und ich angezogen, einer der Beteiligten hat sogar geputzte Zähne und gefönte Haare, ach, scheiß doch drauf. Anziehen, Beutel zusammensammeln, alles zum Auto. Kackdrecksfrostplane runter, Kind rein, Nunni in Kind rein („Aber nur bis zum Kindergarten! Dann gibst du mir den sofort wieder!“), zurück ins Haus, weil Licht noch brennt, wieder ins Auto, wieder ins Haus, weil Zugangschip vergessen, zurück zum Auto.

8:15 Uhr

Etwas zu schnell rummse ich den Kombi aus der Einfahrt und war da eben ein knirschendes Geräusch zu hören? Raaaaatsch. So ein Morgen wie dieser könnte die Schramme am Auto rechts erklären, deren ursächliche Verantwortung ich erst kürzlich glaubwürdig von mir wies. Ach, scheiß doch drauf…

9:07 Uhr

…komme ich abgehetzt im Büro an, den Kindergartenrucksack in der Hand.

Lessons learned: Heute Abend gehe ich bereits geschminkt und komplett bekleidet ins Bett. Oder ich schlafe gleich im Auto.

Schneeweißchen und Rosenrot

Zehn Jahre lang nannte mich jeder Henrike. Dann kam meine Schwester und konnte den Namen nicht aussprechen. „Hairije“. Danach hieß ich Rike.

Seit dem Tag ihrer Geburt hat sie eine Stelle in meinem Fühlen und Bewusstsein eingenommen, die nie durch irgendeinen anderen Menschen besetzt werden kann. Wohl auch, und das unterscheidet uns von anderen Schwestern, weil unser beider Schicksale durch eine tragische und besondere Situation für immer miteinander verwoben sein werden.
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Ich erinnere mich noch ganz genau an unsere erste Begegnung, wie sie da in der Besucherritze des Elternbettes lag. Olivfarbene Haut, schwarze Augen, schwarzes Haar, das wie ein Hahnenkamm in der Mitte des Köpfchens nach oben gebürstet war. So fremd, so wunderschön! Es war Liebe auf den ersten Blick. In diesem Moment besetzte sie die Position des Lieblingsmenschen in meinem Kinderherz, vollkommen, ohne Vorankündigung.

Der zehnte Geburtstag meiner Schwester war der einzige, an dem ich nicht bei ihr war. Ich hatte mich in ein Abenteuer gestürzt und war an diesem Tag fünfhundert Kilometer entfernt von ihr. Doch schon zehn Wochen danach webte das Schicksal ein Netz um uns, das unser beider Leben für immer beeinflussen würde.

Deutschland wurde Fußballweltmeister und die Menschen tanzten auf den Straßen. Auch auf denen der kleinen Stadt in der Nähe von Bonn, wo ich mich damals aufhielt. Und sie tanzten und feierten auch dann noch, als ich auf der Polizeiwache saß und versuchte zu verstehen, was der Beamte mir mit sichtlichem Unbehagen versuchte zu erklären. Es hätte einen Verkehrsunfall gegeben, die Familie war auf den Weg in den Sommerurlaub an der Ostsee. Ich rief in dem Krankenhaus an, Vater am Unfallort verstorben, Mutter in Lebensgefahr und das Kind, also das Kind sei seit vielen Stunden im OP. Man könne nicht mehr sagen. Der Rest des Tages ist verschwommen in meiner Erinnerung.

Ich sehe sie noch immer vor mir. Ein kleines Mädchen in einem großen Bett. Doch diesmal ist es ein Krankenhausbett. Ihr zertrümmertes Bein ist an Seile gebunden, ihr dicker geflochtener Zopf umrahmt das geschwollene Gesicht, das ihr aufgrund des Brillenhämatoms das Aussehen eines frisch geschlüpften Vögelchens verleiht.

Sie liegt im Koma und ich sitze neben ihr. Setze eine Puppe an ihr Bein. Irgendwo finde ich einen Bleistift, ich zeichne sie. Schreibe einen Zettel, schreibe, ich bin hier! Ich bin hier bei dir! Alles wird gut! Lege den Zettel jedesmal an ihr Bein, wenn ich den Raum verlasse. Einmal, als ich wiederkomme, hat sie die Augen offen und den Zettel in der Hand. Sie sagte später, sie habe gewusst, ich sei da.

Ich hatte keinen Plan und schon gar keinen Plan B. Auf einmal gab es nur sie und mich. Und ich war verantwortlich.

Ich brach meine kleinen Zelte im goldenen Westen ab und zog in die elterliche Wohnung zurück. Schlief im Bett meiner Eltern, das nie wieder würde das Bett meiner Eltern sein. Ich lief im Krankenhaus auf und ab, beerdigte unseren Vater, kämpfte um das Erziehungsrecht für meine Schwester und wusste bei alledem nicht, wie man sowas macht.

Meine Familie befand sich in Schockstarre und auch die Freunde meiner Eltern, die mir immer Hilfe angeboten haben, konnten nur bedingt helfen. Ich war jetzt verantwortlich.

Das Zopf-Mädchen mit den Krücken und ich wohnten nun zusammen in der elterlichen Wohnung. In den Möbeln unserer eigenen, gemeinsamen Kindheit. Ich kann mich an die Momente der Normalität nicht erinnern. Sicher, ich habe die Miete irgendwie bezahlt und im Herbst eine Winterjacke gekauft. Aber ich sehe mich nicht kochen, oder im Advent Plätzchen backen. Hm, vermutlich waren wir oft bei Mc Donalds…

Ich ging mit ihr morgens zur Schule, trug den Ranzen, sie stakte tapfer auf ihren Krücken neben mir her. Sie ging in ihre Klasse, ich zog mir eine Kittelschürze über. In den Pausen wartete ich vor ihrer Tür um den Ranzen in ein anderes Zimmer zu tragen und sie zu geleiten. Während der Unterrichtsstunden putzte ich das Schulhaus und mittags schaufelte ich den Kindern Kartoffelbrei auf Plastikteller. Ich war zwanzig Jahre alt und Putzfrau. Aber das spielte damals keine Rolle, Hauptsache, ich konnte in der Nähe meiner Schwester sein.

Ich hatte keinen Plan. Ich machte einfach. Und ich machte vieles falsch, rückblickend. Aber in einer Situation, in der einfach nichts „richtig“ ist, wie kann das auch anders sein? Wir waren doch noch Kinder, beide. Aber ich war verantwortlich! Und so lange sie bei mir war, habe ich gewusst, es ist das einzige, das ich wollte.

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Die Zeit heilt überhaupt nicht, und schon gar nicht alle Wunden! Aber nach langer Zeit kam auch unsere Mutter wieder nach Hause.

Und so wurden dann aus Pflegekindschwester und Pflegemutterschwester wieder „normale“ Geschwister.

Nein, natürlich nicht.

Die folgenden Jahre waren für uns beide und unser Verhältnis die härtesten. Auf einmal war ich nicht mehr zuständig! Und das Zopfmädchen musste sich während ihrer Pubertät nicht nur von unserer Mutter lösen sondern auch von mir.

Hatte sie mich einfach immer und stets mit ihren großen Augen hoffnungsvoll von unten angesehen („Die Rike wird das schon machen, die passt auf mich auf.“), so blickte sie nun immer öfter geringschätzig auf mich herab, körperlich mir längst schon entwachsen. Sie schnaubte, egal, was ich sagte. Rollte mit den Augen, schoss giftige Pfeile und jeder traf mich – Zack! – mitten in die Brust. Egal, was ich sagte oder tat, nichts erreichte sie. War das nur die Pubertät oder fühlte sie sich von mir verlassen? Ich weiß es nicht. Ich jedenfalls fühlte mich damals sehr verlassen, entwurzelt und zutiefst gekränkt. Weil noch immer mit ihr stärker verbunden als mit jedem anderen Menschen.

Die Zeit, sie heilt vielleicht nicht, aber streut Grassamen aus.

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… Und auf der Wiese, die auf unserer Beziehung gewachsen ist, blühen mittlerweile Blumen. Wir sind erwachsen, wir haben überlebt.

Sie ist mir nicht nur optisch ungleich. Groß, klein. Dunkel, hell. Besonnen, analytisch im Gegenzug zu unkonventionell und sprunghaft. Zwei unterschiedliche Blumen aus demselben Garten. Wären wir nicht miteinander verwandt, so bezweifle ich, dass unsere Andersartigkeit uns je zu Freunden gemacht hätte.

So aber sind wir viel mehr. Sie ist mein größter Fan und zugleich schärfster Kritiker. Aber vor allem ist sie eines der ganz großen Geschenken des Lebens an mich.

Und zwar mit allen Facetten.

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Für Tati ❤

Mutterherzgeschwurbel

Gestern wurden dem Burschi die vier Weißheitszähne entfernt. Das war nötig, weil die ihm später große Probleme bereitet hätten. Es sind noch kleine Kugeln, haben sie mir gesagt. Das ist nicht weiter schlimm, sagten sie. Wir schneiden das Zahnfleisch auf und holen die kleinen Kügelchen raus, bevor sie große Beißerchen sind und ihrem Jungen Probleme machen, haben sie gesagt.

Anderthalb Stunden wurde an meinem Schlaks herumgeschnitten und gehobelt. Anderthalb Stunden, in denen ich flatternd im Wartezimmer saß, zum Aushalten verdonnert.

Dann kam eine Schwester im OP-Kittel und holte mich. Das Kind saß mit roten Augen und fetten Backen auf dem Zahnarztstuhl und mich überkam eine Welle an Gefühlen. Ich grabschte nach der Kinderhand und quetschte sie, während die Ärztin mir erzählte, was sie gemacht hätte und wie tapfer der Junge gewesen sei. Ich war überhaupt nicht tapfer und kaute und schluckte allenfalls tapfer an meinen Tränen.

Tapfer war er auch seitdem. Er litt leise, schaute mich waidwund an aus seinen Rehaugen und lag einfach nur.

Ich wuselte wie eine Bekloppte in der Wohnung hin und her, suchte Zeug, schleppte es von A nach B, kochte sinnloserweise Sachen vor, pürierte diese, googelte Pflegehinweise nach Zahn-OPs, bettelte die Nachbarin, Arnikaglobuli aus der Apotheke zu holen, weil ich den Jungen nicht alleine lassen wollte, reichte feuchte Waschlappen, trockene Waschlappen, Kamillentee auf dem Löffel, aufgelöste Schmerztabletten auf dem Löffel und nachts ließ ich alle Türen offen, das Licht an und horchte in die Dunkelheit.

Schlich auf Socken zum Kinderzimmer und besah mir das im Sitzen schlafende Kind, mit Backen dick wie Sandy, das Eichhörnchen. Mein Junges! Angeditscht und beschädigt.

Dann lag ich in meinem Bett, starrte an die Decke und heiße Tränen liefen mir in die Ohren. In diesem Moment dachte ich an all die Situationen, in denen ich Angst und Sorge um dieses Kind haben musste. All die sorgenvollen Momente aus sechzehneinhalb Jahren, komprimiert in einem Klumpen, der mein Herz verstopfte und krampfen ließ.

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vor sechzehn Jahren

Er war nicht mal ein Jahr. Ich sehe ihn ohnmächtig werden und erbrechen auf der Schulter des Bärtigen, mitten in der Kinderarztpraxis, nach fünf Tagen Fieber ohne Besserung. Rauf, runter, rauf, runter. Ohnmacht. Höre den Kinderarzt: „Es gibt leider eine Form der Leukämie, die sich in solchen Fieberverläufen manifestiert. Ich entnehme dem Kind jetzt Blut aus dem Kopf, wir wickeln ihn in eine Decke, damit er nicht strampelt… geht leider nicht anders… noch zu klein…“. Das entsetzliche Gellen meines Kindes fährt mir durch Mark und Bein. Zwei Tage ohne Schlaf und mit entsetzlicher Angst später Entwarnung. Zum Glück.

Ein paar Jahre später. Ich sehe ihn auf einer OP-Liege wegfahren, „Tschüss Mami!“, flüsternd, kaum sechs Jahre alt. Höre den Oberarzt erzählen, Blinddarmdurchbruch, Sepsis, Glück gehabt. Warum? Warum? Wir waren doch schon im Krankenhaus! Ich sehe mich toben, sie hätten ihn fast verloren! Mein Baby! Wieso habt ihr das nicht gesehen?! Er hat noch mal Glück gehabt, ein Vorschulkind mit Bauchschmerzen ist der Albtraum eines jeden Chirurgen, höre ich den Arzt sagen…

Später. Der völlig aufgelöster Vater eines Schulkameraden am Telefon, sie müssen kommen, etwas Schreckliches ist passiert! Ihr Junge ist verunglückt, schwere Stahlplatte, Kopf, Keller, ich weiß nicht, wie das passieren konnte! Ich sehe den Dreikäsehoch mit einem blutdurchtränkten Handtuch um den Kopf. „Tut gar nicht weh, Mami!“. Er hat einen Schutzengel, sagt die Chirurgin beim Nähen. Die fette Narbe blitzt noch heute nach jedem Friseurbesuch auf seinem hübschen Kopf. Ich will sie noch immer streicheln und küssen…

Ich sehe mich in einem großen Krankenhaus zur Besuchszeit. Das Kind winkt am Fenster, für Monate getrennt. Höre alles, was die Ärztin mir zu sagen hat und verstehe gar nichts. Autismusspektrumstörung, Asperger Syndrom. Ich lerne mein Kind kennen, endlich. Nach so vielen Jahren. Und heuleheuleheule.

Ungezählte Anrufe wegen Quälereien aufgrund seiner Andersartigkeit. Geschlagen, Nase blutig, Sachen weg, Kind weg, Schulangst…

All meine Gefühle, im Zeitraffer der Erinnerung, überwältigen mich und ich denke mir, dass es nichts, wirklich rein gar nichts gibt, was annähernd dem Gefühl gleicht, das eine Mutter befällt, die Angst um ihr Junges hat. Kein Gefühl für Hunger, Durst noch Müdigkeit. All ihr Sein ausgerichtet auf das Fortpflänzchen. Den Rest der Welt ausgeblendet, Tunnelblick.

Ich sehe eine andere Mutter vor mir, deren Kleinstes schon nierentransplantiert werden musste vor seinem dritten Geburtstag. Ein goldiger, fröhlicher Junge, der eines jeden Herz gewinnt, der ihm begegnet. Wie stark muss diese Mutter sein? Eine andere Mutter, die ich kenne, hat ihre beiden Kinder nacheinander an die Leukämie verloren. Mit Anfang zwanzig. Sie überlebt sie schon seit zwanzig Jahren. Ich habe nicht die geringste Vorstellung, wie das gehen kann.

Was wird noch kommen? Niemand weiß es. Da ist nur Hoffen und Wünschen, keine Spur von Wissen. Und das ist auch gut so.

Ich denke, nichts in meinem ganzen Leben habe ich so mit Wünschen und Hoffnungen bedacht wie meine Kinder. Vermutlich geht das allen Müttern so. Ich habe sie als Babies bestaunt, ihre ersten Schritte mit Herzeleid bewundert und sehe sie wachsen. Und frage mich bei alledem, was wohl aus ihnen wird. Wie sie aussehen werden, wenn sie groß sind. Wohin ihre Reise sie tragen wird. Ob sie Freundschaften schließen werden, Familien gründen. Wünsche ihnen, dass die Liebe sie findet und wenig Schmerz dabeihat im Gepäck.

Und ich denke mir dabei, dass es gut ist, dass da nur Hoffen und Wünschen ist und kein Wissen. Dass niemand von uns weiß, welche Prüfungen das Leben unseren Kindern und uns vorbehält. Dass wir das Hier und Jetzt genießen können, uns aufreiben, ärgern, lieben. Aber stets im Bewusstsein, egal, was passiert, wir werden in jeder noch so unvorstellbaren Situation das Beste für unsere Kinder sein. Von der deren erster bis zu unserer letzten Minute. ❤

 

So, mein triefendes Mutterherz und ich gehen jetzt Waschlappen wechseln. Küsst eure Kinder und wenn gerade alles gut ist, geniesst es. Und falls nicht, ihr schafft das!

Mütterherzenspower, dagegen kackt selbst Chuck Norris ab. Chakka, Baby!

 

 

 

Just me, myself and I

Ständig rufen Leute an und schreiben besorgte Nachrichten über ihre kleinen Telefone. Hintergrund: Man sorgt sich um mich! Man will sich kümmern!

Weil, ich bin alleine. Der Mann ist mit dem Babylino auf Kur gefahren. Die arme muss getröstet werden!

Kinder wurden mir angeboten, zum Halten. Als Ersatz. Beschäftigungsstrategien ausgeheckt. Mehr arbeiten zum Beispiel (Fällt aus!), Kino (hab ich mich überreden lassen), Football gucken mit den Kollegen (vielleicht), und wer weiß, was mir noch alles angetragen wird.

Dabei ist das alles gar nicht nötig! Wahrscheinlich komme ich in die Muttihölle, aber wisst ihr, wie ich mich aktuell tatsächlich fühle?

Schlafen, schlafen, schlafen. Pralinen essen im Bett, Netflixen bis die Playstation raucht und Fastfood dreimal täglich. Yes! Und jetzt stört mich nicht weiter, ich tanze in der Küche!

Edit: Der pubertäre Sohn findet mich jetzt peinlich und seltsam. Na endlich!