Das schwere Schaf – Abschied von Bullerbü

Ich denke nach. Endlich habe ich mal Zeit! Also zuerst dachte ich nicht. Auch nicht nach. Zuerst war es so, dass ich morgens zur Arbeit ging, am späten Nachmittag nach Hause kam, Jacke und anderen Anziehkram über die Couchlehne schmiss, in der Küche einen angefressenen (oder einen neuen, je nach Füllstand) Becher Eis holte, Limo, Chips und die Fernbedienungen, mich sodann auf die Chaiselongue warf und dort liegen blieb, bis zwischen zweiundzwanzig und null Uhr die Gesichtsjalousie herunterging. Dieses Tagesprogramm wiederholte ich stringent eine Woche lang. Oder zwei. Ich aß kein Obst, ich aß meine Vitamintabletten nicht, ich schlurfte sogar manchmal ins Bett ohne Zähne zu putzen oder mich abzuschminken. Ich benahm mich wie ein Pubertier im Modus „sturmfrei“. Zwischenzeitlich überkam mich ein Gedankenanflug, und zwar, wie lange ich dieses verlodderte Verhalten wohl unbeschadet an den Tag und Abend legen konnte, ohne der Skorbut anheimzufallen. Ich wusste keine Antwort, zum Googlen war ich zu faul und ich musste ja auch die nächste Folge „irgendwas“ auf Netflix anklicken.

Was war passiert?

Der Bärtige ist mit dem Kleinsten auf Vater-Kind-Kur. Das macht er nicht, weil er (der Vater) oder es (das Kind) gekurt werden müssten, nein, das macht er (der Bärtige), weil die Mutter (also ich) dringend Erholung braucht. Jetzt könnte man lange darüber philosophieren, warum das so sei und wie man im Alltag und überhaupt, das Dorf, gerechte Verteilung von care Arbeit, gerechte Arbeitsteilung generell, gerechte Entlohnung, die eine Arbeitsteilung auch möglich machen würde, ich lasse das! Weil, das macht mich aggressiv. Das bringt mich nicht zu Ergebnissen! Außer, dass ich denke, ich pack am besten meinen Scheiß und haue ab, dann teilen wir wirklich gerecht! Eine Woche du die Kinder, eine Woche ich! Und in deiner Woche hänge ich sieben Tage faul auf der Couch. Also nach der Lohnarbeit, der ich ja noch regelmäßig nachgehen muss, um mein Netflixabo zu finanzieren. Nein, das sind Gedanken, denen ich keinen Raum lasse. Nicht mehr. Also habe ich jetzt Kur! Die einzige Kur, die mir wirklich Entspannung verschafft: Alle weg, Mutti alleine.

Der Großsohn ist auch noch hier, aber er und ich haben einen modus operandi, der super funktioniert. Wir lassen uns eigentlich total in Ruhe, und falls doch mal eine(r) von uns beiden Gesellschaft wünscht, deckt sich das glücklicherweise exakt mit dem Zeitpunkt, in dem das ebensolche Bedürfnis im anderen erwacht. Dann reden wir ein paar Sätze, essen eventuell etwas gemeinsam und gehen dann wieder unserer Wege. Meiner führt stets auf die Couch.

Das geht nun seit zweieinhalb Wochen so und langsam schmecken mir weder Chips noch Eis. Ich denke auch manchmal, dass es doch schön wäre, wenn irgendjemand zu mir käme und mich küssen würde. Und dass es schön wäre, mal einen Grund zu haben, von der Couch aufzustehen! Zwei Staffeln Mrs. Maisel, eine Staffel Working Moms, vier Staffeln Sherlock später, und ich sitze also hier.

Ich denke nach, das schrieb ich ja bereits. Ich habe lange nicht mehr geschrieben, ich weiß. Ich dachte, die Worte seien weg. Nach der letzten Depression war ich so leer, ich hatte Mühe, meine eigenen Gefühle einzuordnen und mich unauffällig im Tagesgeschehen zu bewegen, einfach nur teilzuhaben, dass ich einfach gar keine Energie mehr übrig hatte für irgendwelche Gedankenausflüge, die ich hier hätte niederschreiben können.

Blogger, was ist das. Ich habe mich nie verstanden als jemanden, logbuchartig seinen Tagesinhalt mitteilt.

Gestern war das Wetter mild, heute regnet es, morgen gibt es Fisch, eventuell bekommt das Kind Schnupfen, es hat so rote Augen.

Ich denke darüber nach, wie sehr mich alleine der Umstand verändert hat, dass ich diese Plattform hier für mich gefunden habe. Eigentlich wollte ich ja ein Café eröffnen in der Elternzeit (das stimmt wirklich). Während meiner Coachingausbildung bin ich dann mit der Idee des Secondhandladen-DIY-nett- und- lauschig-vegan-was-sonst-Elterncafé in eine Coachingsitzung gegangen und die endete, in dem ich laut ausrief, ich würde kein Café eröffnen! Nein, ich würde einen Blog launchen! Dass ich damit wirklich etwas machen würde, das mir persönlich so viel mehr einbringt als es ein Business jemals könnte, das konnte ich nicht ahnen. Oder doch? Scheinbar war es irgendwo in mir. Ich bin nach wie vor ein riesengroßer Fan von Coaching.

Jedenfalls (wer sich jetzt schon langweilt, darf gern nach hierhin abspringen) dachte ich (ich schrieb ja schon, dass ich das neuerdings wieder mache, weil ich gerade mal Zeit dazu habe), ich hätte nichts mehr zu erzählen. Geschichten formten sich nicht mehr in meinem Kopf, allenfalls kurze Sequenzen. Ich habe das sehr bedauert, betrauert. Genau wie ich noch immer der Zeit hinterhertrauere, die ich nicht festhalten konnte. Ich denke an die glücklichsten Jahre meines ganzen Lebens, die Elternzeit mit dem Blondchen. Diese Jahre waren ein Füllhorn an Liebe, Kreativität und so vielen Möglichkeiten, die sich alle auf einmal zeigten. Und alles war von Liebe getragen. Meine Sorgen waren klein, oder lösten sich gerade auf, mündeten in Ideen von Lösungen. Alles war möglich. Und ständig wurde geküsst.

Alles wächst, verändert sich. Ich wusste das und wehrte mich dennoch. Vergebens, ihr wisst das bereits. Und sorgenschwere Jahre kamen und hielten an. Und manchmal denke ich, ich habe meine Leichtigkeit und all meinen kindlichen Enthusiasmus verloren, meinen Glauben daran, dass wirklich, wirklich alles gut wird am Ende. Und dass wir uns immer noch jeden Tag küssen werden, wir alle, in Liebe. Sorgen über mehrere Familienmitglieder, sich-kümmern-müssen, sich streiten, Verantwortlichkeiten, die man übernehmen muss, obwohl niemand gefragt hat, ob einem selbst der Rucksack viel zu schwer ist. Und was soll das sein, dieses „müssen“? Warum müssen wir? Sagt wer? Und sich dann trotzdem fügen. Wir alle. Und sich nach Bullerbü zurücksehnen, wo das blonde Kind diagnosefrei und unschuldig seine ersten Schritte im taufeuchten Gras unseres Gartens machte, den wir nicht mehr haben. Verkauft und getauscht gegen ein großes Haus mit kleinem pflegeleichten Garten, in dem wir selten sind.

Alles wird besser, doch nie wieder gut. Diese Liedzeile aus einem Rosenstolzsong kam mir oft in den Sinn. Das Haus wird größer, das Auto PS-iger, die Arbeit mehr und die Liebe? Die Zeit? Das Glück? Ist das der Preis? Können wir dahin zurück, was wir hatten? Ist das möglich? Vielleicht, indem wir in eine kleine Wohnung ziehen, weniger arbeiten? Lassen wir dann die Probleme hinter uns zurück in dem großen Haus? Haben wir dann wieder „Zeit“? Zeit, um glücklich zu sein, Zeit zum Träumen von der Zukunft? Das mit der Zukunft ist im Moment so, dass ich noch nachdenke, was ich mir wünschen würde von ihr, da steht sie schon im Türrahmen und sagt: „Sorry, aber das ist nun leider zu spät! Ich bin schon da und bitte, hier, das ist es jetzt für dich! Viel Spaß damit!“.

Ich stand heute vor dem Garten, dem alten. Seit zwei Jahren gehört er nun einer anderen Familie. Alles ist zugewachsen, ein Zweig einer mir unbekannten Pflanze hat sich durch das zerbrochene Glas des Gewächshauses nach draußen gewuchert. Dort, wo der Mann in wochenlanger Schweißarbeit einen Rasen angelegt hat, wächst irgendwelches Kraut auf fast zwei Meter Höhe. Mein Rhabarber, mein Lavendel! Riesige Büsche sind mittlerweile aus den Pflänzchen gewachsen, die ich einst eingesetzt hatte. Aber alles wirkt verwahrlost. Ich stand dort an dem rostigen Tor und weinte. Es tat mir so unendlich weh! Ich habe nicht vergessen, dieses Grundstück ist ein Grab für all unsere Ersparnisse gewesen, hat sich wie eine verdammte Hydra benommen, was die Arbeit dort anging. Wir wurden niemals fertig. Das Haus, das Gewächshaus, die Umbauarbeiten, Marderschaden, Viehzeug, ich habe es nicht vergessen. Dennoch.

Ich habe auch nicht vergessen, wie ich vor mehr als neunzehn Jahren dort im Auto auf dem Beifahrersitz saß auf der Buckelpiste zum Garten und den Mann anschrie, wenn er nicht sofort langsamer fahren würde, würde ich auf der Stelle sein Kind gebären in diesem Scheißauto! Und ich sehe so viele Sommerfeste dort. Sehe meine Schwiegermutter, die wir vor drei Wochen beerdigt haben, wie sie ihre furchtbar ungenießbare Kirschtorte aus der Küche trägt, jedesmal wenn wir zu Besuch da waren. Ich sehe uns zwei selbst viele Jahre später den Garten zu unserem machen. Sehe mich erneut hochwanger in dem Garten, mit Gummistiefeln im Kartoffelacker und später unser Baby in dem kleinen Gitterbettchen unterm Dach. Ob das noch immer dort steht? Unter dem Dachgiebel in dem verfallenen Häuschen? Rückblickend denke ich (wie immer), wie scheiß glücklich wir doch waren und warum konnte es denn nicht so bleiben?

Ich schreibe dem Mann im Kurhaus, dass ich so unendlich traurig bin. Und schicke ihm Fotos.

Wir reden nicht, er ruft mich nicht zurück. Er schreibt mir, ich solle die Fotos löschen von meinem Handy!

Und dann schickt er mir Fotos. Fotos aus der Vergangenheit, in die ich so gerne zurückmöchte. Bilder, auf denen unser mittlerweile erwachsener Sohn lachend unter einem Rasensprenger steht. Auf einer gemähten Wiese. Bilder, auf denen der Mann mit dem Baby, das damals noch eines war, in einem Babyplanschbecken sitzt. Ich weine, lange. Und ich liebe den Mann sehr dafür. Mehr, als mir vorher bewusst war. Er schreibt, wir haben so schöne Erinnerungen, die Buchstaben verschwimmen.

Ich pflücke ein paar Blumen durch den zugewucherten Gartenzaun und sammle eine Handvoll Schoten von der unsäglichen Wicke am Gartenzaun, die niemals ganz im Zaum zu halten war und nun die Weltherrschaft anstrebt in Schrebergartenhausen. Die Samenhülsen breche ich zu Hause im pflegeleichten Garten neben dem großen Haus über einem Hochbeet auf und streue circa sechszig Samen aus. Ich will, dass etwas wiederkommt! Dass diese verrückte Schlingpflanze mich im nächste Sommer daran erinnert, dass das noch in uns ist. Dass diese Erinnerungen für immer bleiben und dass neue dazukommen werden. Mit großen Kindern, anderen Begebenheiten. Und dass auch Liebe Energie ist, die ja bekanntlich nicht verschwindet, sondern sich nur wandelt.

Ich finde, es ist langsam Zeit, dass die Jungs zurückkommen.

Und ich finde, es war wirklich an der Zeit, dass die Worte wiederkommen.

Auf Wiederlesen!

 

Ein Kaffee für Frau Nieselpriem

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Seniorensport

Also es begab sich zu der Zeit, als der Bärtige befand, einhundert Kilometer auf dem Fahrrad plus zwei Stunden Joggen zusätzlich zu zwei Stunden Krafttraining seien nicht genug für den eigenen Body, und er vertut die nun noch übrige Zeit neben der Erwerbstätigkeit mit Cross Fit. Was das ist und warum und überhaupt und Hendrik Hey, ihr könnt das googeln. Ich glaube ja, das wird der neue heiße Scheiß und die klassischen Fitnessstudios werden bald nur noch von Rentnern mit Rücken-Abo frequentiert. Wenn es mal soweit sein sollte, erinnert euch, die Nieselpriem hat schon damals, zwanzig neunzehn, gesagt, dass es so wird.

Jedenfalls sieht der Kerl jetzt so aus, als hätte er meine Oberschenkel neben seinen Hals transplantieren lassen und selbst meine Freundinnen reißen ungebührlich die Augen auf bei seinem Anblick. Sie wissen ja nicht, dass er sich ächzend auf das Heizkissen schleppt zwischen seinen Sporteinheiten und der Physiotherapie, die das nun alles auch noch nötig macht.

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Neuerdings beobachte ich mit Argusaugen, dass der Kerl sich flachbrüstige Gewichtheberinnen auf dem Handy anguckt, die Schreie ausstoßen wie ich beim Kinderkriegen. Dabei aber keine Kinder pressen, sondern Stangen mit Gewichten dran. Der Mann ist seltsam. Aber mir ist eigentlich egal, was der Kerl treibt und ich habe einen Filter über den Motivationssprüchen, die er gelegentlich in meine Richtung absondert, meine sportliche Aktivitäten betreffend. Ich laufe ein bis zweimal pro Woche und mache manchmal morgens vor der ersten Kucheneinheit solche Rumpfhebendinger, ihr wisst schon. Ich denke, das reicht.

Moment! Ich dachte, das reicht.

Jetzt denke ich anders, und das hat noch nicht mal was mit den Gewichtheberinnen auf dem Handy meines Kerls zu tun. Denn mir ist ein Foto in die Hände gefallen. Ein Konterfei meiner selbst im zarten Alter von sechsunddreißig. Ich habe damals geraucht wie ein Schlot, gesoffen wie ein Loch, und dennoch lächelt mich ein graziles Wesen mit makelloser Haut von dem Bild an. Mit Schultern! Und zwar Schultern… wartet… ich muss erst mal atmen… also so zarten Schülterchen, wisst ihr, die aussehen, als hätte man drei formschöne Hühnerbrüstchen adrett an das dünne Ärmchen geklebt. Ganz und gar zauberhaft sieht das aus! Ich bekam feuchte Augen.

Dann kam ich nicht umhin einzugestehen, dass ich nun zwar nicht mehr rauche, keinen Alkohol trinke und mehr (!) Sport mache als damals, das fiese Alter aber dafür sorgt, dass ich zur Belohnung für den ganzen Verzicht auch noch aussehe wie Hackfleisch! Adé Hühnerbrüstchen.

Jetzt könnte ich mich damit abfinden und eine Packung Pralinen öffnen, Kaftane bestellen zur Verhüllung der Hackfleischmasse, und ein Keilkissen mit seltsamem Muster, das ich dann immer mit mir rumschleppe. Zur optischen Vervollständigung böte sich dann noch eine güldene Brillenkette an, die ich mir übers praktisch kurze dauergewellte Haar stülpen könnte.

Ich habe beschlossen: NEIN! Ich gebe mich nicht kampflos geschlagen! Ich will die Hühnertittis zurück!

Der  Entschluss ist nun schon ein paar Wochen alt und alles begann, wie es immer so beginnt. Die moderne Frau mit Sportambitionen installiert sich eine App, und guckt dann so in etwa:

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Denn was sie sieht, ist vielleicht dies hier:

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Ist euch das mal aufgefallen? Überall recken einem wildfremde Menschen ihren Arsch ins Gesicht! Ärsche sind die neuen Möpse! Ich fühle mich ange-arscht, und nicht nur, weil ich selbst von hinten aussehe wie Holland, also flach, sondern weil mir das irgendwie alles zu schnell geht. Früher, also früher, da wurde man noch gefragt, bevor ein anderer Mensch einem seinen Pops ins Gesicht drückte. Aber was weiß ich schon, ich bin nur ein altes runzeliges Frauchen mit Problemzonen.

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Die Apps und ich, das wurde nichts.

Ich bin dann auf drei Laufeinheiten pro Woche umgestiegen und mein Fitness-Tracker-Armband-Computer (den mir selbstverständlich mein Mann geschenkt hat; ich hätte auch eine Uhr aus einer „Christ“-Tüte genommen, ihr versteht) kommt gar nicht mehr hinterher. Deshalb fühlen sich meine Beine an wie Betonpfeiler. Und ich habe dem Mann erlaubt, mich zu „schinden“. Wir werden noch sehen, wozu das gut ist.

Das mit dem Schinden sieht wie folgt aus:

Auf unserem Dachboden liegt außer zehn Kilo Lego auch ein Teppichboden, weshalb der Kerl schon vor Monaten befand, das sei ab sofort ein Fitnessdachboden und Gelumpe anschleppte, das ich bislang ignorierte, nun allerdings hautnah kennen lerne. Fünfzig Seilsprünge und drei erbärmliche Runden Krebsgang in unwürdiger Haltung zur Erwärmung. So, und nun das Ganze rückwärts, Frollein! Dann zehn Minuten Hardcore ohne Pause im Wechsel zehn Mal Hanteln stemmen, runter und zehn Liegestütze, hoch und zwanzig Kniebeugen („TIIIIEFER!“). Dann alles wieder von vorn („NOCH TIIIIEFER!“). Ich keuche, ich schnaufe, ich werde angebrüllt. „LOS! DU BIST STARK! WEITER! LOS! HOCH! UND NOCH MAL!“. So geht das nun schon seit einer Weile.

Was ich denke, wie ich aussehe:

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… wie ich tatsächlich aussehe:

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Es sind schon Effekte spürbar. Ich kann nicht mehr Treppen steigen. Meine Knie tun weh, mein Rücken ist wie ein Brett. Der Mann und ich streiten uns um das Heizkissen. Ich kann mir meine Socken nicht mehr anziehen, ich komme einfach nicht runter. Ich versuche, die Söhne gegen Geld anzubetteln, mich an- und auszuziehen. Ich brauche dringend einen Zivi, es ist soweit. Alles tut mir weh. Erbarmen kennt der angeheiratete Drillinstructor nicht und über die Theorie, dass man bei Muskelkater dem Körper die Chance auf Erholung gönnt, kann er nur lachen.

Und so kam es, dass ich mich heute unter zuhilfenahme beider Arme stöhnend mit einer schraubenartigen Bewegung aus meinem Bürostuhl erhob und mit krummem Rücken zur Kaffeeküche schlurfte, und die Kollegin treffsicher bemerkte: „Oh, gestern wieder Sport?!“.

Ihr wisst also, was von euch erwartet wird, wenn mich das nächste Mal seht: Kommentiert bitte ausufernd den Status meiner Hühnertittis (meiner Schultern) und überhaupt lügt was das Zeug hält, meine Körperzustand betreffend! Ihr müsst mich da jetzt wirklich mal unterstützen. Notfalls übt vor dem Spiegel. Das kann doch nicht so schwer sein. Ich schlurfe matt auf euch zu und ihr schreit: „Hey! Rike! Super siehst du aus! Trainierst du etwa?! Wow, und diese Schülterchen! Wie zarte Hühnerbrüste! Respekt!“. Oder so ähnlich.

Danke und Sport frei!

Ein Kaffee für Frau Nieselpriem

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Nerdlove forever

Der Bärtige und ich sind Serienjunkies. Und manchmal kommt es vor, dass wir uns gelegentlich mit unseren Serienhelden identifizieren. Also eigentlich identifiziere ich den Mann. Und zwar in Homer Simpson, Bernd Stromberg und Lennart Hofstetter. Genaugenommen ist es jedoch andersherum: Er ist Lennart mit Homer-Einschlag und gelegentlich auftretender Stromberg-Attitüde.

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Ich bin einfach nur Penny. Also zumindest teilen die Serien-Penny und ich Haarfarbe, Geschlecht, desolaten Kontostand, Affinität zu weinhaltigen Getränken und den zweifelhaften Männergeschmack, bevor die Nerds in unser Leben traten.

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Ehrlicherweise muss ich sagen, es gab vor zwanzig Jahren ja noch kein Internet für jedermensch und auch die Auswahl an Konsolenspielen war begrenzt. Und sogar den Nerd-Begriff hatte noch niemand erfunden. Es war zugegebenermaßen schwierig, einen Nerd zu identifizieren.

Ich lernte damals einfach einen jungen Kerl kennen, der irgendwann Informatik studieren wollte, sich für künstliche Intelligenz und Astronomie interessierte, der Stephen Hawking nicht nur las, sondern auch verstand und auch sonst irgendwie seltsam war. Und süß.

Ich kannte nur Stephen King.

Dass wir zwei uns trotzdem paarten ist einem missverständlichen Verhalten meinerseits geschuldet. Ich sagte an einem folgenschweren Abend zu dem stillen jungen Mann: „Du fährst mich heute nach Hause!“, was tatsächlich wie ein Befehl klang und die ersten Worte waren, die ich überhaupt an den jungen Mann richtete. Und es hat geklappt. In der folgenden Zukunft löste diese erste Aktion eine Reihe weiterer Aktionen aus (Anrufe mit Anträgen zu Essengehen/ Spaziergängen), Blumenpräsente, die schlussendlich dazu führten, dass ich hier sitze und der Mann auch noch irgendwo in der Nähe ist.  Rückblickend kann ich den Erfolg einfacher Befehle im Umfeld von technikaffinen Menschen als empfehlenswert weitergeben.

Heute, zwanzig Jahre später, bin ich von Nerds umzingelt. Der zukünftige Herr Nieselpriem studierte selbstverständlich Informatik, scharte darauf hin weitere Informatiker und einen theoretischen Physiker als „best buddies“ um sich und auch beruflich bin ich umgeben von (Aufpassen, Rike!) netten, blitzgescheiten Menschen, auf die im weitesten Sinne die Nerd-Beschreibung zutrifft. Sie sind überall! Es gibt kein Entrinnen. Und die nächste Generation züchten der Kerl und ich gerade heran. Unser Asperger-Sohn ähnelt in vielem Sheldon Cooper und der Kleine, nun ja, wir bleiben gespannt. Und ich, ich bin immer noch Penny…

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Spielen wir Skat, überreizen die Männer nicht, sie sind „OP“ (overpowered). Und wenn ich zufällig den Bärtigen und unseren Bubi im Gespräch belausche, höre ich Worte, einer Fremdsprache entsprungen. Sie texten sich in Gamer-Slang zu und informieren sich gegenseitig über neue Versionen von „Blabla“ und neue Features von „vollkommen uninteressant“ und wehe, ich renne versehentlich mit dem Wäschekorb am acht Quadratmeter großen Bildschirm vorbei, während die beiden irgendeinen Zombi totschießen mit ihren Controllern!

Neulich fiepte abends das Empfangsgerät des Mannes und kündigte den Eingang einer eMail an. Mein unauffälliger Blick identifizierte als Absender eine „Ivi, Empfang“ und mit innerlich erhöhtem Blutdruck und äußerlich völlig entspanntem Äußeren und überhaupt nicht hysterisch erhöhter Stimmlage fragte ich, was zum Henker mit der Ivi vom Empfang läuft!

Daraufhin guckte mich mein Heimnerd mit dem typischen Lennart-Blick an und wunderte sich gleichermaßen irritiert, warum ich ganz offensichtlich wütend werde, wenn der Empfang des „Instituts für Verkehr und Infrastruktursysteme“ (kurz Ivi) irgendeine langweilige Nachricht schickt. Er guckte im übrigen immer noch so irritiert, während ich vor Lachen von der Couch kugelte, weil er einfach nicht begriffen hat, dass ich wohl offensichtlich eifersüchtig war!

Das ist das schwierige. Mitunter. Das Zwischenmenschliche.

Während ich manchmal denke, der Mann ist nur mit mir zusammen, weil er ein komplexes Sozialexperiment durchführt und sich seit Jahren einredet: „Gottverdaulicher, irgendwo muss doch hier bei dieser Frau eine Logik in Denken und Handeln zu finden sein!“, verzweifle ich daran, dass der Kerl mir stundenlang Vorträge über die Geschichte der Entwicklung von MP3, MP4, alles zum Galileo-System inklusive der politischen Hintergründe und Vorträge zur multphysikalischen Verifikation von irgendwas halten kann, aber sich nicht merkt, wie man einen Topf Reis kocht! Oder Wäsche!

Und der Nerd hier verzweifelt an dem Chaos, das ich meine „Ordnung“ nenne. Und ist im nächsten Augenblick wieder fasziniert vom Chaos (schon klar).

Trotz allem Unwirsch muss ich sagen: Mädels, lasst die Nerds ran! Ich sage nicht, dass es einfach wird, aber es wird sich lohnen! Ihr solltet diesbezüglich wirklich euer Beuteschema überdenken. Vor tausend Jahren war es sicher richtig, sich einen breitschultrigen Hünen zur Begattung zu suchen, der Säbelzahntiger mit den bloßen Händen erwürgen konnte und den Fortbestand der Herde damit sicherte. Heute aber muss man(n) in der Lage sein, einen Thermomix zu programmieren und da kommt man(n) mit den breiten Schultern und den Pranken nicht weit. Da sind Fingerspitzengefühl und technisches Verständnis eher wichtig für den Fortbestand der Menschheit.

Müsste ich mir heute einen Nerd aufreißen, würde ich als erstes die Enterprise aus Lego als Facebook-Profilfoto hochladen und mich bei Hackergruppen mit dubiosem Namen anmelden. Ich würde auf dem Uni-Campus rumlungern und in der Mensa bei der Nudeltheke. Dort gibt es eventuell einen all-you-can-eat-Stand. Wenn dann dort ein Typ aufkreuzt, der pedantisch einen akkuraten Nudelberg auf seinen Teller türmt und von jeder Seite exakt gleich viel von den vier angebotenen Nudelsoßen gießt, dann bist du mit Sicherheit ganz nah dran am Nerd!

Gut, in der Anbahnungsphase kann es mitunter zu Verständnisprpoblemen kommen, aber das gibt sich. Wenn du zum Beispiel zu einem schlicht gestrickten Kerl (sagen wir mal, ein Bauarbeiter) sagst, er solle dich von hinten an den Haaren packen und dich in den Nacken beißen, versteht der: Alles klar, ich hol den Schwengel raus und dann dengel ich drauf los!, während der Nerd dich eventuell irritiert fragt, warum er dich denn an den Haaren ziehen oder beißen sollte! Da ist es hilfreich, erst ein Bild von der Serengeti und den Löwen heraufzubeschwören und dann erst…  (Ich wünschte wirklich, ich hätte mir das ausgedacht)

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Trotz allem gibt es einen unschlagbaren Vorteil von Nerds als Liebhabern. Möglicherweise verfügen sie über deutlich weniger Praxiserfahrung als andere Geschlechtsgenossen, allerdings kann davon ausgegangen werden, dass sie bereits jedes wissenschaftliche Buch und jedes Schaubild, das es zum Thema „Sexualität der Frau“ gibt gründlich studiert haben und wissbegierig und sind, das erlernte Wissen in einen Praxistest  zu überführen. Und sollte jemals jemand die großen Mythen der weiblichen Lust, wie zum Beispiel dieser ominöse G-eheim-punkt oder weibliche Ejakulation oder was auch immer da so im Raum schwebt, aufklären, ich schwöre, das wird ein Nerd sein!

Denn sie sind es gewöhnt, Rückschläge einzustecken, in der wissenschaftlichen Forschung, beim Zocken. Und spielen einfach das gleiche Level immer wieder. Und wieder. Und wieder…

Wie sagte einst Amy aus der Serie „The big bang Theory“ über Sheldon? „Sein Hang zu Wiederholungen wird mir irgendwann zum Vorteil gereichen.“. Dem ist an der Stelle nichts hinzuzufügen.

Und wenn wir sehr viel Glück haben, gibts dann bald ein Handbuch, als PDF downloadbar im Internet, wo genau drinsteht, wie das alles funktioniert. Erst zwei Meter geradeaus, dann scharf rechts abbiegen, links hoch…

Genau, Penny: OH MY GOD!

 

 

 

(c) giphy

 

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Irgendwas ist immer

„Irgendwas ist immer“, sagt der Kollege neulich und ich bin an meine Oma erinnert, die diese Aussage stets mit den Worten: „Unter jedem Dach ein Ach“, umschrieb.

Ja, irgendwas ist immer. Und überall. Jeder noch so hell erstrahlende Mond hat eine dunkle Seite. Manchmal erahnt man dies, manchmal sieht man sie, die dunkle Seite, und manche Monde scheinen gar keine Schattenseite zu haben. Scheinbar.

Mit den Fotos von fremden Bloggerfamilien ist das auch so. Wenn man die betrachtet, erhascht man einen winzigen Ausschnitt aus dem Leben, sieht dampfende Suppenschüsseln, lachende Kindergesichter, blühende Gärten und bunte Glückseligkeit. Schön ist das. Ich mag das sehr! Das ist wie ein Spaziergang in der Adventszeit, wenn ich kaum den Blick abwenden kann von den bunten Fenstern, in denen manchmal die Lichter des Weihnachtsbaumes zu erkennen sind und aus denen wohlige Gerüche von Gänsebraten und Plätzchen strömen.

Dennoch. Ich weiß nichts von den Menschen, die hinter diesen schönen Fenstern mit den Wohlgerüchen leben. Allenfalls habe ich eine Fantasie dazu, meine sie müssten bestimmt glücklich sein, diese Menschen. Mit so schönen Fenstern!

Bei Instagram gibt es den Hashtag #fürmehrrealitätaufinstagram, und ich benutze den selbst, nur glaube ich, dass er den Sinn, den er suggeriert, ad absurdum führt. Denn zumeist steht er unter Fotos, die sehr bemüht tun, das „Heile-Welt-Bild“ zu unterwandern und dennoch genau diese heile Welt abbilden. Irgendwie. Wenn ich als kinderloser Mensch mit Kinderwunsch müde zerzauste Mütter sehe mit Kindern an der Zitze und darunter „#fürmehrrealitätaufinstagram“ lese, macht das was ganz anderes mit mir, als wenn ich mich vor meinem wütend brüllenden Kleinkind auf dem Klo verstecke und einen Moment lang bei Instagram rumwische und ebendieses Foto sehe.Um den Kontext zu beschreiben, braucht es Worte, ehrliche. Ein Bild, ein Foto, spiegelt stets nur die Fantasie des Betrachters. Das heißt nicht, dass sie nicht „wahr“ wären, diese schönen Bilder. Das heißt, dass sie nur einen Bruchteil des Ganzen abbilden. Nicht mehr.Möglicherweise habe ich das ganze Wochenende über den Umstand nachgedacht, dass ich jetzt wieder arbeiten gehe, nach einer sehr langen Zeit, in der ich krank war. Und wie das so ist. Dass ich mich furchtbar schäme, auch wenn ich weiß (!), dass das weder nötig noch angebracht ist. Dass ich mich schäme, als sei an mir etwas Widerwärtiges, Obszönes, das für jedermann offensichtlich ist, weswegen ich mich eigentlich verstecken will. Oder weglaufen.Furchtbare Versagensängste plagen mich, ich kann das nicht, ich habe alles vergessen, ich bin so unnütz, mein Kopf surrt, mein Herz flattert panisch wie ein Vogel, den man an den Füßen festhält.Ich vermeide den direkten Blickkontakt aus Angst, mein Gegenüber könnte in meinen Augen die liegengebliebenen Reste der unbeschreiblichen Verzweiflung, des Siechtums sehen, die mich monatelang im Klammergriff hielten. Als sei ein Image meiner Dämonen sichtbar, wie ein schlieriger Film auf einem Fenster. Wenn man nur genau hinsieht…Von all dem wissen meine Kollegen nicht. Ich bin aufgeregt, hektisch, lache zu laut und schnattere. Naak, naak, naak. Und weiche dem direkten Blick aus. Ich versuche, „normal“ zu wirken. Mehr nicht.All dies ist so anstrengend, dass ich nach einem lächerlich kurzen Moment auf Arbeit – in einem freundlichen vertrauten Umfeld – nach Hause fahre und zwei Stunden schlafen muss. Weil ich völlig erschöpft bin. Wovon? Ich weiß es nicht.Diese Erschöpfung war eines der ersten Zeichen, damals, im letzten Jahr. Und sie wird als eines der letzten Symptomen wieder verschwinden. Zusammen mit den kognitiven Einschränkungen. Ich kann mir nichts merken, habe alltägliche Dinge vergessen, bsss bsss, irgendwelche Zellen oder Synapsen sind in meinem Kopf durchgeschmort und müssen erst wieder neu wachsen.Ich hoffe zumindest, dass sie das tun!

Inständig.Meine Gedanken sind wie eine Horde Affen, die kreischend in meinem Kopf umherspringen, bis mir schwindlig wird. Das ist die größte Angst von allen, dass das nicht wieder gut wird! Alles wird gut. Am Ende. Und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es noch nicht blabla. Aber stimmt das denn? Oder ist am Ende nicht nur noch mehr Dunkelheit? Wird das Licht einfach immer weniger? So wie der Sand in einer Sanduhr?Ich kann den Sand rieseln hören, manchmal, und dann in diesen Momenten, glaube ich hören zu können, dass nur noch ein paar wenige Körner in dem Glas sind. Das sind die Momente der Erschöpfung, in denen meine Muskeln zittern und ich ein Flimmern vor den Augen habe und denke, das war´s. Das wird nie wieder gut. Oder?!Diese Gedanken denke ich, während diese Fotos entstehen. Nicht ausschließlich, nein, aber die Affen… ihr wisst schon…„Irgendwas ist immer“. Überall. Und unter jedem Dach wohnt ein Ach. Wirklich.Und während wir uns Sorgen wegen dem Job machen, der Kinder oder der Kredite, rühren wir Waffelteig zusammen oder bauen ein Trampolin auf. Während wir Liebeskummer haben oder uns um ein krankes Familienmitglied sorgen, kochen wir Marmelade oder fegen Laub.
Oder wir versuchen, die Schönheit, die in jedem Augenblick wohnt, festzuhalten. In Fotos oder Worten. Trotz allem, trotz dem ganzen Mist, der außerdem noch da ist und den wir der Umwelt nicht zumuten wollen. Oder nicht können.Guck doch mal, dieses Licht! Ist das nicht wundervoll? Wie eine zärtliche Umarmung. Diese Farben, so viel Schönheit überall…

Und dann.Geschenke, wo man sie nicht vermutet.

Und wo ist jetzt die Moral von der Geschicht´? Ganz einfach: Ein Foto ist nur ein Foto und wenn du irgendwo auf einer Parkbank jemanden mit hängendem Kopf findest, geh nicht vorbei!

 

Schwangere Seniorinnen oder: Mein Bauch gehört mir!

Frage: Wie nennt man den Uterus einer älteren Frau? A) Gebärmutter B) Gebäroma C) Eine Frau über fünfundvierzig hat keinen Uterus und keine Vagina! Eine alte Frau hat keinen Sex und auf gar keinen Fall involviert sie sich in den Fortpflanzungsprozess außerhalb der ihr angedachten Rolle als Großmutter mit praktischem Kurzhaarschnitt und in geschlechtslose beige Polyestergewänder gehüllt. Frag das Internet!

Caroline Beil ist schwanger. Das könnte mir egal sein, ist es mir generell auch. Ich finde das so interessant, wie eben jemand eine derartige Meldung spannend findet, wenn er den betreffenden Menschen (so wie ich in Frau Beils Fall) gar nicht kennt.

Aber Caroline Beil ist fünfzig und schwanger und da wird es interessant! Also nicht auf eine gute Art, weil zum Beispiel herausgefunden wurde, dass der Verzehr von zwei Litern Schokoladeneis pro Tag die Fertilität (also Fruchtbarkeit) unterstützt.

Nein! Interessant auf eine erschreckend gruselige Art wurde es, weil die werdende Mutter sich einem Shitstorm ausgesetzt sieht, ihre Schwangerschaft betreffend. Während George Clooney, Sigmar Gabriel und wie die neuen Väterhelden im öffentlichen Raum auch heißen mögen, Fan-Zuspruch und Klicks erhalten, wird Caroline (die im übrigen jünger als die beiden genannten ist) als „Mumie“ beschimpft und das Ungeborene bereits bedauert.

Was ist so anders zwischen George Clooney mit seiner Amal und Caroline Beil mit ihrem neuen Freund? Genau genommen gar nicht so viel! Beide Paare haben einen Altersabstand von circa sechszehn Jahren und beide Paare bekommen Nachwuchs 2017. Und bei beiden Partnerschaften ist ein Elternteil in den Dreißigern und eines über fünfzig. Und dennoch bekommt das eine Paar Herzchen und Zuspruch und Likes und das andere die Hasstiraden.

Mir kriecht das Entsetzen den Nacken hoch, wenn ich bedenke, dass der Großteil der Kommentatoren weiblich sein soll. Echt jetzt, Mädels? Ungläubiges Staunen, Unverständnis. Einer Zwanzigjährigen sehe ich all das nach. Auch einer Dreißigjährigen. Die wissen nichts über die Gefühlswelt einer Fünfzigjährigen. Und das ist ok! Aber Beschimpfungen gehen gar nicht. Und wisst ihr warum? Weil es noch gar nicht so lange her ist, dass Frauen mit dem Slogan „Mein Bauch gehört mir!“ auf der Straße demonstrierten, um jedem Mädchen und jeder Frau das Recht auf freie Entscheidung einzuberaumen. Das Recht, sich gegen ein Kind entscheiden zu dürfen! Das Recht, eine ungewollte Schwangerschaft straffrei abbrechen zu dürfen. Die entsprechende Gesetzesänderung gilt nach wie vor als Meilenstein in der Geschichte der Frauenrechte. Und beinhaltet dieses Recht auf freie Entscheidung nicht auch das Recht, sich frei „für“ ein Kind zu entscheiden? In meiner Wahrnehmung schon!

Ich habe es schon mal an anderer Stelle (hier) geschrieben: Von jeher bekamen Frauen ihre Kinder bis zum Eintritt in die Wechseljahre. Nur das uralte Hebammenwissen und später die moderne Medizin haben dafür gesorgt, dass alte Mütter für eine Zeit aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit verschwunden sind. Und ja, die Wahrscheinlichkeit einer intakten Schwangerschaft nimmt mit dem Alter der Mutter mehr und mehr ab. Aber generell funktioniert es unter Umständen! Und selbst wenn – wie in Carolines Fall – der Onkel Doktor nachhilft, was ist daran derart verwerflich, dass sich Leute verbal entgleisen und die werdende Mutter attackieren und beschimpfen? Und im Anschluss auf George Clooneys Instagram-Account ein Herz dalassen?!

Wann ist man alt? Wie lange jung?

Ich weiß es nicht. Ich bin in der Mitte meines Lebens und ich verstehe nicht, was an diesem „Jungsein“ überhaupt so toll sein soll. Ich will nicht noch mal jung sein! Ich führe jetzt das Leben, das ich mir als ganz junge Frau immer gewünscht habe! Alle Möglichkeiten liegen dir zu Füßen, alle Türen offen, wenn du jung bist? Am Arsch! Jetzt habe ich alle Möglichkeiten und trete jede Tür auf, durch die ich hindurch will! Jetzt ist die beste Zeit meines Lebens! Und ja, es fühlt sich toll an, noch mal ein kleines Kind zu haben. Jetzt. Und ich bin eine tolle Mutter, jetzt, mit siebenundvierzig!

Willkommen bei Nieselpriem, ihrem geriatrischen Befruchtungsblog! Wer versehentlich hierher gelangt ist, bekommt an der Kasse sein Geld zurück.

Ja, ich bin eine alte Rollator-Mutti und das ist genau mein Ding. Ich bin #teamcaroline. Das muss nicht für jede(n) passen, für mich passt es. Und ich hätte nicht mit zwanzig die Mutter abgegeben, die ich jetzt sein kann! Mit zwanzig hätte ich selber noch einen Erziehungsberechtigten gebraucht… andere sind da anders und haben andere Entscheidungen getroffen. Auch prima!

Dieses Analysedingsbums in der Blogsoftware hat mir mal ausgespuckt, dass der durchschnittliche Nieselpriem-Leser zwischen dreißig und fünfunddreißig Jahren alt ist und weiblich (Ich weiß, es lesen auch ein paar Männer hier. Torti, Nils, ich winke!). Wenn ich mich also mal ganz weit aus dem Fenster der Realität lehne, bedeutet das wohl, dass sich hier Frauen angesprochen fühlen von meinen Worten, die gut und gern fünfzehn Jahre jünger sind als ich. Bedeutet das vielleicht weiter, dass die „alte“ Frau, die hier schreibt,  mit ihren Meinungen und Ansichten gar nicht so weit weg ist von denen der „jungen“ Frau, die das liest. Dass uns optisch zehn bis fünfzehn Jahre trennen, aber im Fühlen möglicherweise kaum etwas. In dem, was uns als Mütter umtreibt.

Ich könnte jetzt noch mit dem demografischen Wandel um mich werfen, damit, dass wir immer älter werden und dass Frauen aus Gründen (und auch die füllten wieder Seiten des Internets) oft bis weit in ihre Dreißiger knietief in der Karrierearbeit stecken und deshalb immer später Kinder gebären, all das ist richtig, führt jetzt aber zu weit.

Ich denke, in den kommenden Jahrzehnten wird die Zahl der über Vierzigjährigen Gebärenden immer mehr zunehmen und vielleicht auch die der über Fünfzigjährigen. Ich bin dafür, dass wir nicht nur die Errungenschaft der freien Entscheidung gegen ein Kind in jedem Alter feiern sollten, sondern auch die freie Entscheidung für ein Kind in jedem Alter! Auch das ist Frauenrecht. Mein Bauch gehört mir, in jeder meiner Entscheidungen. Und dir deiner. Das gilt im übrigen auch für Meinungen. Jeder darf seine eigene haben und jeder einzelne löffelt die Suppe seiner Entscheidungen für sich aus.

Nachtrag: Spontan hatte ich überlegt, Caroline unseren Hartan zu spenden, der steht ja noch bei uns in der Garage. Ich habe mich aber dagegen entschieden, ich bin ja noch nicht mal fünfzig! Und falls noch einmal ein faltiges Ei meine runzligen Eileiter passieren sollte, setze ich mich hin und schreibe ein Buch. Mögliche Arbeitstitel wären: „Stillend durch die Wechseljahre“, oder: „Elternzeit statt Altersteilzeit – Eine Chance für Senioren“. Bleiben sie gespannt. Und vor allem: Entspannt!

Und jetzt entschuldigt mich, ich muss die Bauchfotos von Caroline Beil herzeln gehen, aus Solidarität.

… und schönen Gruß an mich!

He du, ich meine, ich, bist du das, was man sonst „schlechtes Gewissen“ nennt? Wenn du mich das nächste Mal siehst, richte mir doch bitte was aus! Danke.

Andauernd höre ich dich jammern, du hättest keine Zeit für dich und überhaupt, wann bitte soll jemand wie du denn auch mal was für sich tun? Arbeiten, Kinder, das Haus, der Garten. Ja, schwierig, ich sehe es. Vor allem sonntags, wenn du auf deinem faltigen Hintern sitzt, vor dir den dritten Kaffee und das zweite Schokocroissant und auf deinem Handy rumwischst. Ja, nee, besonders sonntags hat jemand wie du gar keine Zeit!

Wann warst du eigentlich das letzte Mal joggen? kannst du noch den Monat bestimmen anhand der Umgebungsvegetation oder brauchst du schon eine Jahresscheibe zum Ausknobeln? Ja, schwierig, ich weiß schon! Und du wölltest ja auch, aber…

… immer diese kranken Kinder. Und das Wetter! Also bei Wetter kann man nicht joggen, ist klar! Und du selbst hast ja auch täglich irgendwelche Zipperlein. Es ziept die Hüfte, es brummt der Kopf, Aua hier und müde bist du auch.

Mir kommen gleich die Tränen! Und wie antriebslos du bist! Und die ganze Arbeit! Das komplette Wochenende im Dienste der Wasch- und Putzfrohn, du hast es schwer. Das sind echt Härten, die du durchlebst, niemand hat es so schwer wie du. Ich bastel dir einen Orden aus Klopapier, wenn ich Zeit habe.img_4628-1

Los, hoch mit dem knochigen Arsch und zieh die Laufschuhe an! Irgendwo werden die ja sein!

Und ja, du kannst die Kinder alleine lassen. Der eine sitzt vorm Tablet und der andere vorm Handy und nein, das ist nicht schön, aber who cares?! Du kehrst jetzt ne halbe Stunde bei dir den alten Mief aus der Lunge und machst mal das, wozu du angeblich nie Zeit hast: Nimm dir Zeit für dich! Das wird schön, du weißt es. Das sagst du immer hinterher.

Joggen ist die beste Freizeitbeschäftigung für alte antriebslose Muttis wie dich: Es kostet nichts außer Überwindung, du musst nicht in irgendeinem Fitnessstudio oder einer Badeanstalt für Geld fremden Menschen beim Keuchen zusehen und wenn du dabei scheiße aussiehst, interessiert es auch keinen! Und du wirst scheiße aussehen, das wissen wir beide…

Aber doch, du kannst das! Auch wenn du monatelang nicht laufen warst. Lauf einfach los. Machst du halt nen Oma-Run. Schön langsam, ordentlich atmen, anständige Haltung. Sowas verlernt man nicht, und los, ab geht die Lucie!

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Spongebobs Freund Patrick wohnt im Dresdner Waldpark – Beweisfoto

Und wer weiß, was einem so im Wald begegnet? Vielleicht die Reinkarnation von Patrick Star in einer ollen Wurzel oder ein runtergefallener Mistelzweig. Und guck doch mal, wie schön die Sonne durch´s Geäst lugt. Okay, dein Schnaufen klingt erbärmlich und stört ein wenig die Ruhe hier, aber das ist alles deine Schuld, du faules Weibsstück. Weiter gehts! Nicht andauernd stehen bleiben und rumknipsen!img_4634-1

Merkst du schon, wie die Säfte durch den Körper pumpen? Gut fühlt sich das an, oder? Du kriegst auch schon rote Bäckchen, wie sonst nur beim… Kochen! img_4632

Keuch ruhig, Lunge und Herz sind Muskel, die wollen gepumpt werden! Das ist gut für die Durchblutung, ja, auch für das graue schwabblige Bindegewebe. Ich meine deins, ganz genau!

Von nüscht kommt ja nüscht. Immer nur an dem alten Wellfleisch rumzubbeln und jammern, dass du nicht mehr aussiehst wie fünfundzwanzig bringt dich auch nicht weiter! Lauf, Mutti, hopp hopp! Bis der faltige Hintern nicht mehr in der Pantalon schlabbert! Danach kannst du dir wieder schön die Torte reinpfeifen mit ordentlich „Scholüsterol“.

Schneller, altes Mädchen, zieh die Luft in die Lungen! img_4635-1

Dreißig Minuten durch den Wald laufen, das machst du jetzt jedes Wochenende! Das ist gut für deine Laune, demnach also gut für deine ganze Familie. Und danach fühlst du dich lebendig und kraftvoll und endlich hast du auch mal einen echten Grund, über ziepende Hüften und stechende Knie zu jammern.

Sag mir das, wenn du mich das nächste mal auf der Couch versumpfen siehst, hörst du? Und schönen Gruß an mich!img_4627

Montag

Ich stehe 6:15 Uhr auf und verlasse 7:45 Uhr mit dem Kleinsten das Haus in Richtung Maloche. Soweit der Plan. Anderthalb Stunden um sich selbst und eines der Kinder in eine Hose zu stülpen und gegebenenfalls noch in ein Brot zu beißen.

Theoretisch ist so ein Morgen also praktisch völlig entspannt!

(c) pixabay

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7:00 Uhr

Der Blondino wälzt sich im Schlafanzug mit Nuckel im Mund auf dem Boden und ruft nach dem Uwe. „Uwääääääh! Isch will nisch zu´n Kindern! Uwääääääh!“.

Ich total souverän: „Los, steh auf, gib mir den Nunni! Große Jungs haben keinen Nunni mehr und du bist doch schon ein großer Junge, stimmts? Gleich kommt der Papa runter und wenn der dich im Schlafi hier sieht, wird die Mama wieder angemeckert, weil sie den ganzen Morgen vertrödelt und überhaupt. Und dabei habe ich noch die Wäsche aufhängen müssen, weil die nass und klumpig im Keller stand. Und du wartest ja leider auch nicht, bis ich satt und angezogen bin und dich aus dem Bettchen hole, stimmts? Nein, du bist von Anfang an dabei und hilfst mir, indem du das Leergut in der Abstellkammer aufräumst, stimmts? Und Mamas Tasche leerst. Und Gummibärchen in dich reinstopfst, die ich gestern Abend vergessen habe wegzuräumen. Das sagen wir dem Papa aber nicht. Was willst du zum Frühstück? Kelloggs? Müsli? Ein Marmeladenbrot willst du, kommt sofort.“.

Fünf Minuten später fliegt das Marmeladenbrot unter Geschrei auf den Boden, weil das ganz falsch ist! Und er doch Schokoladenbrot will! Ich will Ruhe und kein Geschrei. Geschrei tut mir weh, morgens und überhaupt. Während ich dem Kind den Rücken zudrehe und ein Schokoladenbrot schmiere, klaubt dieser das Marmeladenbrot vom Boden und isst. Schokoladenbrot fertig, Kind bereits satt, ist klar.

7:30 Uhr

Ich bin mittlerweile angezogen, das Kind auch. Ich habe die Taschen gepackt und im Flur verteilt. Todo-Liste für den Tag danebengelegt, nichts gegessen, aber ich muss noch mal ins Bad…

„Mama, kackorst du?“. „Geh raus!“. „Mama, nisch kackorn!“. „Ich…muss…“. „Du kannst in die Windel kackorn, Mama!“. „Neiiiin!“. „Is die Worscht schon draußen?“. „Neiiiin! Geh jetzt raus und verdammt, wenn du nicht sofort diesen scheißblöden Nuckel aus der Gusche nimmst, ich schwöre, ich zertrete den, verbrenne ihn und dann schmeiße ich das Ding in die tiefste Grube! Den und die dreißig anderen! Und jetzt raus hier! Sooofort!“.

Von Ferne tönt es: „Henrike, wann lernst du, die Tür hinter dir abzuschließen, wenn du im Bad bist!“. „Orrrrr! Weil der dann hinter der zu-en Türe schreit und Mami ruft! Ich kann so nicht! Ich möchte einmal in Ruhe im Bad sein! Ohne dass mir einer Spielzeug in die Wanne schmeißt, während ich drin liege oder ins Klo gucken will, während ich draufsitze! Oder mir blöde Verbesserungsvorschläge macht! Ja, das letzte ging an dich! Weißt du was, geh einfach! Geht doch einfach alle! Jetzt! Und viel Spaß im Büro!“.

Die Türe knallt, ohne Abschiedskuss.

8:00 Uhr

Irgendwie sind Kind und ich angezogen, einer der Beteiligten hat sogar geputzte Zähne und gefönte Haare, ach, scheiß doch drauf. Anziehen, Beutel zusammensammeln, alles zum Auto. Kackdrecksfrostplane runter, Kind rein, Nunni in Kind rein („Aber nur bis zum Kindergarten! Dann gibst du mir den sofort wieder!“), zurück ins Haus, weil Licht noch brennt, wieder ins Auto, wieder ins Haus, weil Zugangschip vergessen, zurück zum Auto.

8:15 Uhr

Etwas zu schnell rummse ich den Kombi aus der Einfahrt und war da eben ein knirschendes Geräusch zu hören? Raaaaatsch. So ein Morgen wie dieser könnte die Schramme am Auto rechts erklären, deren ursächliche Verantwortung ich erst kürzlich glaubwürdig von mir wies. Ach, scheiß doch drauf…

9:07 Uhr

…komme ich abgehetzt im Büro an, den Kindergartenrucksack in der Hand.

Lessons learned: Heute Abend gehe ich bereits geschminkt und komplett bekleidet ins Bett. Oder ich schlafe gleich im Auto.