Kur-z-Urlaub

Und es begab sich zu der Zeit, dass der bärtige Mann beschloss, es sei an ebendieser, sich von den Strapazen der zweifachen Vaterschaft und aller damit einhergehenden Verantwortung in Co-Einheit mit beruflicher Vollbeschäftigung und den physisch und psychisch belastenden Umständen, die die Ehe mit mir mit sich bringen, zu erholen, und stellte einen Kurantrag.

(Apropos erholen. Wer sich von diesem Satz erst mal erholen muss, bitte hier klicken.)

Nach reiflicher Überlegung beschloss er, das Prinzip „Vater-Kind-Kur“ zu testen und mich nicht mit beiden Kindern allein zu Hause zu lassen. Sondern nur mit einem. Ich möchte ihm dafür an dieser Stelle auch noch einmal von Herzen danken!

Er freut sich jetzt auch schon sehr. Vor allem auf die tausend Muttis, die ihn dort mit offenen Armen und Beinen empfangen werden, denn wenn so ein Vater auf Vater-Kind-Kur fährt, ist er ja noch immer ein Unikum mit Einhorncharakter. Selten. Rar. Orr, guck mal, ein Papi allein mit seinem Kind! Wie niedlich!

Seit der Kurantrag genehmigt ist, wird jede meiner ansatzweisen Zicken mit den Worten an das Baby quittiert: „Ärgere dich nicht, Baby, wir lernen bald ganz viele nette Mamis kennen!“.

Ich freue mich für ihn! Wirklich. Aber ich weiß gar nicht, wie ich das aushalten soll ohne ihn. Und das Kind.

Morgens werde ich ausschlafen bis mindestens halb sieben und dann mit Kaffee und Kerze vor mir auf dem Tisch aus dem Fenster gucken und dem Wetter beim wettern zusehen. Schwarz zu grau. Langsam wach werden und den Tag ankommen lassen. In Ruhe frühstücken, duschen.

Kein: „Ich will Tablet gucken! Ich will Kelloggs! Nein, die nich! Die sind nich legga! Ich will andere! Ich will Milch! Ich will Apfelsaft! Ich will den Bruda wecken! Ich will auf Arm! Geh weg! Böse Mama, geh in dein Zimma!“. Oh, wie wird mir das fehlen.

Kein: „Musst du auf´s Töppi?“. „Nein!“. „Musst du auf´s Töppi?“. „Nein!“. „Musst du auf´s Töppi?“. „Nein!“. „Musst du auf´s Töppi?“. „Nein!“. „Musst du auf´s Töppi?“. „Nein!“, und dann: „Oh! Ich hat eingepullat!“. Das wird mir fehlen.

Ich werde mich schminken können, ohne dass jemand meine Puderquasten klaut, aufs Klo steigt, dann herunterstürzt und brüllt, dass mir das Trommelfell vibriert. Das wird mir fehlen.

Kein: „Dann musst du eben die Badtür abschließen, Henrike!“, auf die Bitte hin, jemand (Irgendjemand!) möge mir doch bitte mal das Kind abnehmen, gerufen von einem, der ganz sicher in Ruhe Kaffee trinkt und die Börsenberichte studiert, weil das Entenjunge eben nur mir hinterherwatschelt… Hach, das wird mir fehlen!

Ich werde Zeit haben, mir die Haare zu fönen und vielleicht tatsächlich mal mit einer Frisur aus dem Haus gehen und nicht mit diesem festgezurrten Knödel auf dem Kopf, von dem ich annehme, er erinnert an eine zierliche Ballerina, der mir in Wahrheit aber das optische Erscheinungsbild einer abgehalfterten Domina verschafft.

Keine drei Brotbüchsen bestücken, Klamotten rauslegen und sich im Anschluss mit zwei Kindern rumärgern wegen der getroffenen Klamottenauswahl. Das wird mir fehlen!

Kein: „Henrike, wieso ist das Kind noch nicht angezogen? Wo sind denn dem seine Klamotten? Ach hier. Soll der noch Strümpfe anziehen? Hier liegen gar keine! Was?! Ja, und welche? Wie, irgendwelche! Kannst du mal herkommen anstatt mich durch die Wohnung anzuschreien! Was denn nun? Lange, kurze, dicke, dünne Strümpfe? Woher soll ich denn das wissen! Henrike! Um alles muss ich mich alleine kümmern! Ich muss los, ich komm zu spät ins Büro! Weib, hörst du mich?! Hallo?“. Das wird mir fehlen.

Ich werde ohne Blick auf die Uhr arbeiten und nachmittags noch mehr Kerzen anmachen. Und Räucherkerzen! Und Plätzchen backen, mindestens zehn Kilo. Ich werde durch die Wohnung laufen können ohne rumzueiern, weil die deutsche Reichsbahn den nieselpriemschen Regionalexpress durch unsere Behausung verlegt hat.img_4019

Kein: „Mann-oh! Das Klopapier ist alle!“. „Ich wa-heiß!“. Das wird mir fehlen.img_4020

Der urlaubigste Urlaub überhaupt erwartet mich!

Ich werde mit dem Großkind eine großartige Zeit haben. Wir werden eine Ausstellung besuchen und vielleicht gehen wir auch mal ins Kino. Wir werden uns von Kuchen, Torte, Döner, Burger und Pizza ernähren. Ich werde nicht ein einziges Mal kochen!

Und wir zwei werden nicht streiten, egal, was kommt. Ich werde mit Vernunft, Weitsicht und Vertrauen auf den jugendlichen Schlaks einwirken und es wird gut werden.

Kein Gezanke am Abendbrottisch über mangelndes Reinhängen bei der Schule und übertriebenes Reinhängen bei der Computerspielerei. Kein Rumgemotze übers Essen. Kein Gerangel am viel zu kleinen Tisch. Das wird mir wirklich fehlen!

Nur, was mache ich dann die andere Zeit? Weltfrieden retten? Wahlbetrug aufdecken?

Es ist ein Desaster. Ich überlege tatsächlich, mich für drei Wochen im Fitnessstudio anzumelden oder ein Handwerk zu erlernen. Schätzungsweise sechs Stunden meines Tages sind bis jetzt unverplant. Hilfe! Was mach denn dann? Ich muss was machen! Irgendwas wird mir sonst fehlen!

Und abends, also abends weiß ich auch nicht… abends tobt das Kleinkind immer in meinem Bett und zeigt Kunststücke und dann kommt noch mindestens einer mit dazu und wir lümmeln in den Kissen und gucken das Sandmännchen auf youtube, Arme und Beine zum gordischen Knoten geschlungen. Und ich sage zu dem Mann, dass er genauso verbohrt sei wie der Herr Fuchs und er nennt mich „sein Elsterchen“ und sagt, ich sei genauso besserwisserisch wie die. Das wird mir fehlen.

Und die feuchten Schmatze des Kindes, wenn es mich abküsst und morgens fragt: „Hast du gut gesslafen, mein Sssatz?!“, mich nachmittags begrüßt mit: „Hallo mein Mäußchen!“, und abends verabschiedet mit: „Iss komm auch gleiss ins Bett!“, und somit eins zu eins meine Worte an ihn wiedergibt. Ich finde das so anrührend. Das wird mir fehlen.

Ich darf gar nicht daran denken, wie ich ich den drei Nächten, die ich bislang ohne ihn verbracht habe, schlaflos irgendwo lag und dümmliche SMS an den Mann geschrieben habe. Mit Herzchen drauf und so Zeug. Und ihn genötigt habe, mir Fotos der schlafenden Kinder zu schicken.

Ich muss mich zusammenreißen! Wirklich jetzt. Das wird alles ganz großartig!

Und in der Kurklinik werden die mich auch kennenlernen! Pah, die Muttis dort werden gar nicht merken, dass der Mann da eigentlich alleine auf Kur ist. Ich komm einfach jeden Nachmittag vorbei. Wie bitte? Besuchszeit nur sonntags? Sorry, ich kann dich nicht verstehen. Ist so laut hier…

 

 

 

 

17 Kommentare zu “Kur-z-Urlaub

  1. Ich hab’s auch schon hinter mir. Der Mann hat mich dort besucht, war ein Kurort. Auf alle Fälle meinte er am Schluss: wegen einem Kurschatten müsste er sich ja keine Sorgen machen. Den müsste ich eh im Rollstuhl vor mir herschieben…
    ein Bekannter war vor kurzem auch auf Kur und seine 80 jährige Mutter ebenfalls zur gleichen Zeit. Wir meinten nur da hätten sie auch ne Mutter-kind-Kur beantragen können…

  2. Bei mir setzt bei Kindfrei Tagen gerne folgender Reflex ein: oooh, ich habe frei, ich muss schlafen, ganz viel schlafen. Und dann fallen mir noch tausend Sachen, die ich machen möchte. Ende vom Lied: ich bin total aufgekratzt und kann nicht schlafen.

  3. Mensch Rike, dass klingt mehr nach einer Kur für dich :o)
    Genieße die Zeit u in den 6h täglich, die du grad über hast, tingelst du jeden Tag über einen anderen Weihnachtsmarkt u testet Glühwein ;o)

  4. Wie wunderbar geschrieben! Das, was uns am meisten nervt, fehlt uns dann auch am meisten…
    Erstattest du dann Bericht, wie es dir ergangen ist, und was von deinen Vorsätzen du (nicht) durchgezogen hast?? 🙂
    Schönen Urlaub, liebe Rike!

  5. Oh man Rike,
    ich kann deine widersprüchlichen Gefühle so gut verstehen! Und dennoch: die Zeit wird wahnsinnig schnell vergangen sein, du danach etwas ausgeschlafener, dein Großer seelig, weil du so viel mehr Zeit für ihn hattest und dein Bärtiger ein bisschen erleuchtet, wenn er den Blondino mal zwei Wochen komplett alleine bevatern durfte 😉
    Und das Beste: wenn ihr euch dann alle wiederhabt, könnt ihr die Zeit zu viert sicher ganz anders genießen.
    Schön, dass du mal wieder Zeit für den Blog hattest!
    LG von der Muddi mit den schönen Schuhen 😊

    • Das Kind fiebert, hustet und uns allen ist bange… Scheiß drauf, wir ziehen das jetzt durch mit der Erholung!
      Wenn ich Kindergeruch brauche, siehste mich an bekanntem Ort rumlungern und fremde Kinder streicheln. Bitte nicht die Polizei alarmieren, ich bins nur!

  6. Hallo, da sind wir ja “Leidensgenossinnen“. Wobei ich nicht sicher bin, ob das Wort treffend ist. Meine 4 Schätze werden mir sicher auch fehlen, aber in erster Linie, das muss ich zugeben, freue ich mich auf 3 familienfreie Wochen. Mein Mann nimmt sich tatsächlich alle 3 Kinder mit an die Ostsee und nein, ich werde sie nicht besuchen, das ist mir zu weit.
    Ich wünsche dir eine erholsame Zeit. Wenn die Sehnsucht nach dem Jüngsten zu groß wird, denke daran: sie kommen wieder.

    Liebe Grüße,
    Frau Pappelheim

  7. Also, wir machen das folgendermaßen: Montag und Dienstag bringt die Freundin die Tochter zu dir. Mittwoch brauchst du nicht, da ist die Omi dran. Donnerstag würde ich sie bringen und Freitag müsstest du sie aus dem Kindergarten abholen.

    Geht?

  8. Pingback: Meine #Freitagslieblinge – fünf Bilder für fünf Tage – 11. November – bilder.grossekoepfe.com

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