Anspannen, Entspannen,… unentspannt!

Wenn ich jedes Mal in meinem Leben eine(n) Euro/ D-Mark/ Ost-Mark bekommen hätte zu dem gut gemeinten Ratschlag: „Henrike, du musst viel ruhiger werden!“, dann bräuchte ich nicht mehr für Geld zu arbeiten.

Wer mich kennt wird bestätigen, dass ich in Größe und Temperament dem Duracell-Hasen nicht ganz unähnlich bin. Sobald morgens bei mir das Licht angeknipst (die Batterie eingelegt) wird, fange ich an zu wuseln. Es sieht ein bisschen so aus wie in den alten Stummfilmen. Nur spielt keiner Klavier dazu. Abends zwischen sechzehn und achtzehn Uhr (okay, für manche ist das Nachmittag) ist der Saft alle und ich schlafe beinahe im Sitzen ein. Oder im Stehen. Oder hinterm Lenkrad. Klassischer Fall von ressourcenschädigendem Verhalten.

Ich muss mich endlich mal entspannen. Und viel ruhiger werden.

Also habe ich einen Entspannungskurs gebucht. Wozu sich alleine abmühen, wenn es dafür geschultes Personal gibt. Die entspannen quasi auf hochprofessionellem Level. Ich habe mich mit fünf weiteren Unentspannten auf Gummimatten gelegt, Kissen untern Kopp, Decke über die Beine, Augen zu und los gings:

„…Spüren sie hin zu ihrer linken Hand…“
Scheiße, ich wollte schon vor Ostern die Gabi endlich zurückrufen! Und die Grit! Und die Manu! Ich muss die Babywiege zurückbringen. Ich bin eine grottenschlechte Freundin.

„…Ballen sie die Hand zur Faust…“
Und den Lutz muss ich anschreiben wegen der Jugendweihe. Das wird eine Katastrophe, ich ahne es. Wir müssen das endlich mal angehen. Oh Gott, ich hab gar keinen Plan, wann das alles organisiert werden soll! Ich habe das Gefühl, ich krieg nicht mehr alle eMails, irgendwer muss sich mal um den Laptop kümmern. Und mein Firmenaccount ist auch gesperrt, ich muss bei der Hotline mal anrufen…dringend.

„…Spüren sie die Spannung…“
Jaja, Spannung spür ich! Scheiße, wann war noch mal der Zahnarzttermin für das Lieblingskind Nummer eins?! Heute? Jetzt?! Wo ist der Bestellzettel? Ich wusste, wenn ich das nicht sofort in den Familienkalender übertrage, vergesse ich das! Ob ich mal schnell unter der Decke leise beim Zahnarzt anrufe und nachfrage?

„…Lösen sie die Faust…“
Dieses schlechte Gewissen ist echt ein altes Arschloch! Wieso fällt mir das jetzt gerade alles ein?

„…Spüren sie die Entspannung…“
Das Baby ist schon acht Monate und ich habe (natürlich) großspurig den großzügigen und besten Kollegen auf der Welt nicht nur die Babyvorführung versprochen, sondern (wie auch sonst) ein opulentes Brunch-/ Kuchen-/ Zwischen-Dinner-Dingsbums in Erwartung gestellt.

„…Ihr linkes Bein ist schwer und warm…“
Nächste Woche! Wirklich! In echt jetzt! Ich mache eine Mangold-Tarte mit Kirschtomaten und Feta. Und einen Zwiebelkuchen mit Lachs. Und Eierkuchenteig in Muffinförmchen. Mit Früchten, Schoki. Und welche mit Schinken und Lauch. Eine Mascarponecreme mit Früchten kommt auch gut für hinterher… Aber: Wie transportiere ich das mit dem Kinderwagen?!

„…Ihr rechtes Bein ist schwer und warm…“
Und Getränke. Sekt, Holundersirup. Saft auch. Irgendwer wird mich fahren müssen. Oder das Baby sitten. Das wollen die doch sowieso nicht sehen. Kennste eins, kennste alle. Sehen alle gleich aus. Drei Haare, keinen Zahn in der Schnute.

„…Spüren sie, wie ihr Rücken in den Boden sinkt…“
Ich muss dringend die Fenster im Gartenhaus ausmessen. Jedes Mal vergesse ich den Zollstock! Wie das dort aussieht! Wenigstens Vorhänge könnte ich ja schon nähen. Und die Kartoffeln müssen in die Erde! Wann ist dieses Feiertagswochenende? Jetzt? Sind wir da schon verabredet? Ich glaube, ich habe irgendwas Wichtiges vergessen…

„…Ihr ganzer Körper fühlt sich warm und entspannt an…“
Ob ich den Kollegen einen Hundert-Euro-Schein auf den Tisch knallen kann, damit sie sich Pizza bestellen?

„…Ihr Gesicht fühlt sich warm und entspannt an…“
Ich muss ein Päckchen packen mit Süßkram und einem Buch für die Marta und in das Kurheim schicken, die ist bestimmt ganz einsam und hat Heimweh. Und Kathrin und Bea bekommen noch Geburtstagsgeschenke…Menschenskinder, die haben ja bald schon wieder den nächsten Geburtstag… Ich hinke hinter allem her! Ich rufe die an. Gleich dann. Morgen spätestens.

„…Eine tiefe Ruhe legt sich über sie…“
Mir sind die Füße eingeschlafen! Mensch, ist das unbequem hier. Wie kann die neben mir schnarchen?

„…Wenn sie jetzt die Augen öffnen, fühlen sie sich frisch und entspannt…“
Habe ich den Herd ausgeschaltet? Hab ich? OH GOTT HAB ICH?

3 Kommentare zu “Anspannen, Entspannen,… unentspannt!

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