Der Traum vom Garten

„Wer ein Leben lang glücklich sein will, der lege einen Garten an“ sagt ein chinesisches Sprichwort.

Vor zwei Jahren beschlossen Oma und Opa, aus Altersgründen ihren Schrebergarten nicht mehr bewirtschaften zu können oder zu wollen.

Ich sah meine Chance und bearbeitete den Besten: Biogemüse aus eigenem Anbau! Ein ganz eigenes, persönliches Naherholungsgebiet! Mit Häuschen! Wir könnten sogar dort wohnen, wenn wir wöllten! Und überhaupt, wie herzlos wäre es denn, wenn dieser Familiengarten, in dem der Beste schon im Sandkasten gespielt hatte, in irgendwelche fremden, lieblosen Hände geriete?! „Einen Garten willst du?! Sag mal, wie alt bist du? Sechzig? Bei dir piept´s doch! Ohne mich!“ war die Reaktion des Angetrauten. Ich fand das sehr ungezogen, zumal er genau weiß, wie alt ich bin. Ich strafte ihn mit Nichtachtung (für zwei Minuten, länger halte ich das nie aus). Und probierte es anders: Nämlich, dass der Garten eine ideale Geldanlage wäre, jetzt, wo doch der Trend eindeutig zum Kleingarten gehen würde und wenn wir beschließen sollten, dass das nichts für uns sei, könnten wir das idyllische Stückchen Land problemlos gewinnbringend verscherbeln! Damit hatte ich ihn.

Die Papiere wurden unterzeichnet und wir Schrebergartenpächter.

Also rein formal. Oma und Opa wollten sich nämlich gern langsam von ihrem Garten verabschieden. Uns war es recht. Und so kam es, dass sie immer in ihren Hochlehnern mit den hässlichen gestreiften Auflagen saßen und sich sonnten, wenn wir mal in „unserem“ Garten vorbeischauten. „Kinder, macht ruhig los hier! Ist ja jetzt euer Garten!“ sagten sie jedesmal. Wir benahmen uns nach wie vor wie gute Gäste. Und rührten nichts an. Oma und Opa allerdings auch nicht. Die Idylle wucherte vor sich hin. Immerhin sah man das Häuschen noch vom Tor aus.

Das war vor zwei Jahren. Im letzten Jahr saßen Oma und Opa immer noch auf ihren Hochlehnern. Und wir benahmen uns immer noch wie Gäste. Um überhaupt irgendwas zu machen, legte ich mit dickem Bauch zwischen den mannshohen Unkrautfeldern halbherzig einen Kürbisacker an und fuhr eine riesige Ernte von ungezählten tonnenschweren, ungenießbaren und sitzsackgroßen Kolossen ein, die der Beste in unseren häuslichen Keller schleppen musste, wo sie vor sich hinschimmelten, bis ich den Mann, der mich geheiratet hatte, zwingen konnte, sie wieder zu entsorgen.

Obwohl, dass mit dem Ackerbau hatte ich ja eigentlich sowieso nur als Vorwand gebraucht, denn: Ich träumte ganz andere Träume!

Das Grundstück war mir ziemlich wurscht. Klar, ich würde irgendwann die hässlichen Pflanzen rausrupfen und Lavendel und Rosmarin pflanzen und schöne Steine von der Ostsee (die ich ja sowieso zentnerweise horte) in den Beeten drapieren. Aber meine Sehnsüchte galten dem Häuschen <3. Hach! Flur, Küche, Badezimmer mit Dusche, ein separates Klo, Wohnzimmer und unterm ausgebauten Dach ein Schlafzimmer. Natürlich alles im Gelsenkirchener Barock der späten Achtziger mit unsagbar hässlichen Läufern und Lampen, aber daraus ließe sich doch was machen! Man würde alles rausreißen müssen, aber WIE schön würde das Ergebnis erst sein! Ich sah es farbenfroh vor mir…

Zwei Winter lang träumte ich… ich würde das Häuschen blau streichen. Nein, weiß mit blauen Fensterläden. Die müsste extra angebracht werden, aber das würde sich lohnen! Das Bad muss neu gemacht werden, ganz klar, und ich sah mich schon einrichten und dekorieren. Shabby chic, oder englisches Landhaus gemixt mit maritimen Flair. Blaue Fliesen im Badezimmer und schöne Leinentücher anstatt Frottee. Ich erstand eine antike Silberschale, darauf würde ich erlesene Lavendelseifen ansprechend darreichen. Ich würde eine alte Holzleiter weiß streichen und in die Badezimmerlandschaft integrieren als Handtuchhalter… Ich hortete alte Truhen, Kisten, Dekokram. Konnte ich schon zu Friedenszeiten an keinem Antikgeschäft oder Trödelladen vorbeigehen, hatte ich ja nun eine Vision! Ich kaufte, erfeilschte, ertrödelte und verstopfte unseren Keller. Folgende Satzkombination war wohl die häufigste in den letzten zwei Jahren: „Was ist das schon wieder für Zeug?!“ (Er) „Das kommt in den Garten!“ (Sie). Und ich kultivierte weiter meinen Traum. Ich sah mich das Wohnzimmer einrichten, Vorhänge nähen, die sich im Duft des Jasmins vor dem Fenster (Ja, der müsste dann auch noch gepflanzt werden) wehten. Ich würde Fotos der Kinder in Sepia an die Wände hängen und endlich alle Deko- und Interior-Tipps, die ich seit Jahren sammelte, umsetzen. Ich sah mich die Teppichfliesen von der Treppe entfernen und diese streichen, die Küchenmöbel restaurieren und aufarbeiten. Oder nein, ich würde ein altes Büffet dort einbauen und den Rest selber bauen, mit einer alten Holztür als Arbeitsfläche! So schwer kann das nicht sein. Sieht in den Zeitschriften immer ganz leicht aus. Und auf der Terrasse (deren hässliche Fliesen ich gestrichen oder mit Holz verkleidet hätte) würden schöne Holzmöbel stehen und Bodenkissen liegen. In den Obstbäumen sah ich selbstgebastelte Windspiele aus Muscheln und Glasscherben hängen und Laternen mit Kerzen säumen abends den Gästen den Weg zu unserem romantischen Häuschen. Und jeder würde mich bewundern, was für ein Träumchen ich aus dem Gartenhaus gemacht hätte! Und überhaupt kämen alle unsere Freunde ständig zu uns! Und wir würden feiern und es schön haben und niemand braucht nach Hause zu fahren, denn wir haben Platz! „Bleibt einfach, solange ihr wollt. Ihr seid willkommen!“ höre ich mich jedem zurufen. Und morgens würde ich im luftigen Sommerkleid mit meinem (extra für den Garten angeschafften) Hollandrad zum Bäcker radeln, um für meine Familie und die vielen Freunde, die bei uns zu Besuch wären, frische Croissants zu kaufen oder Vollkorndinkelbrötchen und dann im Garten den Frühstückstisch decken. Mit einem Strauß Flieder auf dem Tisch. Und selbstgekochter Marmelade aus den Gartenfrüchten. Es würde immer die Sonne scheinen, draußen und in meinem Herzen. Und ich, ich würde nicht so schlumperig in Jogginghosen mit Gummistiefeln durch die Wiese schlurfen wie die Frauen, die ich naserümpfend über den Gartenzaun beobachten konnte. Das geht echt zu weit! So kann man sich wirklich nicht gehen lassen! Arbeit hin oder her, es gibt Grenzen. Ich würde immer adrett aussehen. Und einen Strohhut tragen. Und einen Hauch „La Perla Blue“, das schien mir der perfekte Gartenduft zu sein.

So würde das werden. Ich war mir ganz sicher, in meinen Träumen. Zwei lange Winter lang!

Da man seine Träume hegen soll, habe ich heute meinem Traum vom Garten einen ganzen Artikel gewidmet. Einen Abgesang, ein Requiem. Ein Totengebet quasi.

Wir schreiben das Jahr 2014 und es ist jetzt WIRKLICH unser Garten. Um es poetisch zu formulieren: Statt Kleidchen und La Perla Blue, nur Unkraut, Dreck und Gummischuh…

Fortsetzung folgt. Ganz bestimmt!

4 Kommentare zu “Der Traum vom Garten

  1. Pingback: pseudophilosphische Gartenbetrachtungen (von unten, aus der Hocke) | Nieselpriem

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