Grüße aus dem Pausenraum

Anfang des Jahres beschloss ich, wie so viele andere Menschen auch, irgendwas zu fasten. Irgendwas war schnell gefunden, mein social media Konsum sollte es sein! Permanent auf Instagram, jede aberwitzig belanglose Tagesbefindlichkeit hinter einem vermeintlich schnittigen Hashtag verballhornt – damit sollte Schluss sein! Also zumindest für ein paar Wochen. Und damit dies gelünge (?) gelingen mögte (?) zu gelingen eine Chance erhielte oder erhalten würde tun zu täten, versagte ich mir auch das Bloggen. Weil, wenn ich blogge, dann teile ich das der Welt auch gewöhnlich mit und dann muss ich leider auch immer gucken, ob das auch der Welt zur Kenntnis gelangte und wie die Welt denn nun darauf reagiert, dass die Nieselpriemerin das Netz beschmutzt hat mit ihren dünngeistigen Befindlichkeitsergüssen. Klick klick klick. Das wäre schlecht fürs Fastenziel, ergo, sie wissen schon, Nulldiät für mich.

Dann gingen ein paar Tage oder einzelne Wochen ins Land und dann kam Putin.

Und mit seiner Invasion überspülte er die friedlichen heimischen Kanäle nicht nur mit gelb-blauen Profilfotos, sondern auch mit wir-werden-alle-sterben-wo-soll-das-noch-hinführen-Attitüde zum Einen, und totalitärem Eskapismus auf der anderen Seite. Gepeinigt von frenetischer Sozialpanik und einen Klick davon entfernt dem achtunfünfzigstem Snackbrett, candyboard whatever, machte ich schnell wieder das tragbare Internet aus. Pause.

Draußen war ich allerdings mitnichten weg von alledem. Menschen riefen zu Hilfstransporten auf, verstopften mit ihren Kleinwagen voller getragener Klamotten und Duschgels die Autobahnen nach Polen und es wurde aufgefordert, Konserven, Kindernahrung und entbehrliche Badehandtücher (gewaschen) aus dem Hausgebrauch zu den Sammelstellen zu bringen, zum Beispiel zur Grundschule, die man sowieso täglich frequentiert. Dort wurde argwöhnisch beobachtet, wer sein Fortpflänzchen abholte und wer sein Fortpflänzchen abholt und vorher ein Glas E-Stoff-Bockwürste (Meica macht das Würstchen) oder abgelaufenes Dosenobst auf den Spendentisch stellte. Dabei wurde ja nie hinterfragt, ob die Person ohne Würstenspende nicht vielleicht schon jahrelang jeden Monat einen dreistelligen Betrag an die Flüchtlingshilfeorganisation spendet, und zwar für Flüchtlinge jedweder Hautfarbe und Fluchtmotivation, oder ob schon der komplette Speicher leergeräumt wurde für bedürftige Personen.

Ich fühlte mich unwohl, ich konnte nur verlieren. Was soll man da schon schreiben.

Die Pause wurde länger. Und was sollte ich auch schreiben? Dass mir die Zwei-Klassen-Flüchtlingspolitik nicht behagt, dass mich die Hamsterkäufer annerven? Mehl, also bitte! Als ob jetzt alle backen könnten nachdem sie jahrelang Coppenrattes auf der grünen Wiese Torte für den Sonntagskaffee eingekauft haben. Genauso absurd wie Hefe als Mangelware! Aber nein, der deutsche Konsument hört auf die Hiobsbotschaften. Milch soll bald fünf Euro kosten, los, alle bevorraten. Du verträgst gar keine Milch? Egal, trotzdem hamstern, kannste verkoofen. Neulich war Senf aus, ist das zu fassen? Also nicht eine einzelne Sorte, nein, das ganze Senfregal! Wir sind hier in Sachsen, wahrscheinlich wars die Thüringer Rostbratwurstunionsfraktion, die passend zum Grillauftakt ausrief, Senf könnte knapp werden, besser, man bevorratet! Backen ohne Mehl und Hefe, Braten mit Eigenfett, Toilettengang „indische Art“, das könnten beliebte Suchanfragen des frühen Jahres 2022 sein. Man könnte lachen, wenn es nicht so absurd wäre. PS: Wie man Senf selbst herstellt, steht zum Beispiel hier. Also bitte. Und den Po haben wir in den Siebzigern schon mit Zeitungspapier abgewischt, das war nicht schön, aber ging. Außerdem lesen doch die Kinder neuerdings zu wenig, hört man immer. Gut, dann bekommen sie alle ne BILD-Zeitung mit aufs Klo!

Nehmen sie doch süßen Senf!

Dann wurde die Pause noch länger. Weil, ich werde neuerdings verklagt. Alles, was sie im Internet verzapfen, kann und wird gegen sie verwendet werden!

Es geht um den Blog und auch vor meinem Instagramaccount wurde nicht Halt gemacht. Es gibt eine Anklageschrift und einen Gerichtstermin, in echt jetzt. Es gibt einen Richter und Anwälte. Das ist surreal und verletzend gleichermaßen. Das war auch genau so beabsichtigt. Ich habe überlegt, ob ich das hier hinschreibe, aber es nicht zu tun, hat mich verstummen lassen, einfach so weitermachen, als wäre nichts passiert, ist mir unmöglich.

(Siehste mal, Nieselnuss, hätteste doch lieber über Kuchenrezepte und Antifaltencremes geschrieben. Oder foodboards präsentiert!)

Wir werden sehen, wie das ausgeht. Näheres kann ich nicht dazu schreiben, bitte fragt oder mutmaßt nicht in den Kommentaren. Es lesen hier ab sofort ungebeten Personen mit, die sich nicht an meinem Geschwurbel erfreuen wollen, sondern beabsichtigen Munition zu finden, um mir zu schaden. Das ist so. Aber jetzt hier nie wieder zu schreiben, nur weil jemand darin rumpieksen könnte, ist wie sich aus Angst vor dem Tod das Leben zu nehmen. Also wenn man jetzt mal ganz dolle mit der Metaphernkeule ausholt.

Das Credo lautet fürderhin: Tanze, als würde niemand zusehen. Singe, als würde niemand zuhören… schreibe, als würde niemand mitlesen, oder so ähnlich. Das ist das Schwerste. Aber ich kann nicht für immer im Pausenraum sitzen bleiben, und ich will auch nicht.

Ich komm jetzt wieder raus.

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15 Kommentare zu “Grüße aus dem Pausenraum

  1. Oh hab ich Dich vermisst!!! Danke für´s Weiterschreiben! Gut das Du Dir nicht die Tippfinger verbieten lässt, denn was da durch Dich ins Netz fließt, ist pures Gold!

    Herzliche Grüße von
    Anna
    (die auch nicht backt, äh bäckt, äh backen tut und nur mal Mehl zum Soßen-andicken nachkaufen wollte und da gab´s nur den 2kg-Pack…. meine Güte!)

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  2. Ich freu mich so, dass Du wieder da bist! Ich lese seit Jahren ganz still mit und deine Texte waren mir so unglaublich wertvoll in schwierigen Phasen (unsere Soehne sind sehr ähnlich…). Du bist so eine wichtige Stimme im Netz mit deinem herzlichen Humor, deinem gesunden Menschenverstand und deiner bedingungslosen Liebe fuer deine Kinder und ihre Besonderheiten. Ich fuehle mich jedenfalls weniger allein, wenn Du schreibst. Das mal als warme Dusche in dieser bloeden Zeit!

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  3. Deinen Text habe ich wie immer aufgesaugt und die Klageankündigung macht mich sprachlos. Ich drücke dir die Daumen für ein – wenn überhaupt – rausnehmen von Textteilen. Ansonsten fällt mir so viel ein, wo es keinerlei gerichtliche Aktivitäten gibt, da angeblich kein öffentliches Interesse oder eben kein Personal, aber für den kleinen Blogger gilt das dann wieder nicht …

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  4. Stand vor einem vollen Senfregal in Thüringen, als mir jemand schrieb, der Senf wird knapp. Lachte drüber, aber am nächsten Tag war nur der Feigensenf noch da. Kannte man hier wohl nicht.
    Hab den Blog vermisst und lasse auch ein Unterstützungslike da.

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  5. Wie schön, wieder von dir zu lesen :o) Umso trauriger der Grund für die verlängerte Pause… Ich drücke die Daumen für eine Klärung und dann freu ich mich auf neue Posts. Ich werde hier auch regelmäßig weiterlesen, selbst wenn du nur noch Koch- und Backrezepte teilst und über das Wetter berichtest. Denn niemand kann so schöne humor- und liebevolle Texte verfassen wie du ❤

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  6. Wie schön hier wieder etwas zu lesen! Es sind wirklich alle Texte von Dir soooo gut geschrieben! Hammer!!
    Wie man Dich wegen irgendetwas hier verklagen kann ist mir ein absolutes Rätsel. Es gibt so armselige Gestalten auf diesem Planeten!
    Mach weiter so!
    Alles Gute von Anni

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  7. Gut, dass du wieder da bist. Oft sind es deine Posts, die einem inmitten der stressigen und öden Alltagsmaschinerie die Mundwinkel hochziehen und einen durch herzhaftes Lachen gestärkt wieder loslegen lassen. Die einem mal eben zwischendurch aufm Klo die Augen für den Humorgehalt der eigentlich nervenden Aufgaben im Hamsterrad öffnen. Das darf der Verklagedepp uns allen nicht nehmen! An völlig neutralen Hochglanzartikeln bin ich nicht interessiert. Sehr mutig und pippilangstrumpfig von dir, weiterzuschreiben. Danke. Der/ die/ das Kläger soll sich schämen!

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  8. Hallo Rike,
    schön wieder von Dir zu lesen, umso trauriger ist der Hintergrund Deiner Abstinenz und macht mich sprachlos. Ich wünsche Dir ganz viel Nervenstärke und Durchhaltevermögen für die kommende Zeit! Trotz aller Widrigkeiten freue ich mich auf weitere Deiner so wundervollen Blogposts! Herzliche Grüsse zu Dir nach Dresden. Grit

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