einhundert

Als der Blondino klein war, kleiner, habe ich regelmäßig zu seinem Monatsgeburtstag gebloggt, Liebeserklärungen in types gegossen quasi. Von seinem süßen Duft geschwärmt, von den schlaflosen Nächten berichtet, seinen überragenden Fähigkeiten und von seiner zweifelsfrei bewiesenen Außergewöhnlichkeit und Wunderbarheit und Allerschönstheit sowieso. Hach, wie süß der war…

Ich bin so froh, diesen Blog zu haben und nachlesen zu können. Klar könnte ich auch Tagebuch schreiben, aber mal ehrlich, das hätte ich so in der Form nie durchgehalten. Und dennoch ist das mein Antrieb noch immer: Festzuhalten, die Momente, im kleinen, im großen, das flüchtige wandelbare, mir durch die Finger rinnende Leben mit meinen Söhnen. Hier kann ich nachlesen, wie das so war, als das Kleine noch ein Kleines war. Das ist so schön, so anrührend, ich selbst mitunter so naiv in meiner Glückseligkeit. Ja, und auch das ist schön!

Als ich dachte, nie wieder würde ich ein Kind empfangen, halten, stillen, trösten, an der Hand durchs Leben begleiten, da beschwor ich die Zeit, die grausame, mir meine Erinnerungen zurückzugeben an die Zeit mit meinem Großsohn, die schon so lange zurücklag. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal seine Hand gehalten hatte auf der Straße und dachte dabei, das müsste ich doch! Mich erinnern, wann diese unwiederbringlich beendete Ära vorbei war! Wann war es das letzte Mal? Wie hat sich das angefühlt? Wann hatte ich ihn das letzte Mal auf dem Schoß sitzen, seine Ärmchen um meinen Hals? Wie verflucht schnell sind diese Zauberjahre voller Küsse vorbei. Vorbei. Aus und vorbei.

Alles anders machen wollte ich diesmal. Alles festhalten, konservieren. Ihr glaubt nicht, wie viele Erinnerungskisten ich schon gehortet habe mit Dingen, die dem Blondino gehören oder gehörten, Kisten voller Zeug, das einen emotionalen Wert für mich hat, nicht für ihn. Dinge, die mir helfen sollen gegen das Vergessen, die die Momente zurückholen sollen. Denn die Zeit, mein ärgste Feindin, sie ist auch diesmal gegen mich. Alles fliegt nur so vorbei. Die Tage sind lang, aber die Jahre kurz.

Dazu kommt jetzt noch der Umstand, mit dem ich mich – und alle anderen Elternblogger:innen ebenso – schon länger konfrontiert sehe: dem Recht des Kindes auf Privatsphäre. Was kann ich schreiben, welche Bilder veröffentlichen? Den Großen konnte ich immer fragen und ihn um Gegenlesen bitten, da bin ich okay in allem. Aber: Wie findet der kleine Blondino das später, wenn er diese Zeilen liest? Ich musste das alles für mich beantworten und manches davon gefällt mir nicht, weil es mich sehr einschränkt in meinem Ziel, möglichst situationsgenau meine Gefühle und Erlebnissen einzufrieren, zu konservieren. Ich denke, das ist auch der Grund, warum so viele bloggende Menschen, deren Geschichten ich so gern gelesen habe, irgendwann nicht mehr über Kinder geschrieben/ nicht mehr über ihre eigenen Kinder geschrieben oder überhaupt nicht mehr geschrieben haben. Irgendwann kommt die Zeit, da wandelt sich das Gesicht und die Persönlichkeit des Kindes nicht mehr gefühlt stündlich, Ecken, Kanten, Macken werden sichtbar. Und bleiben. Und über diese möchte ganz sicher kein Kind später lesen. Das ist oft der Zeitpunkt, an dem bloggende Eltern still werden.

Ich möchte das nicht. An dem Spagat übe ich noch.

Was bei aller Veränderung aber bleibt, konstant und beständig und dabei dennoch einem Wandel unterlegen, ist die Liebe und Bewunderung, die ich meinen Kindern entgegenbringe, ein so komplexes Gefühlkonglomerat aus Herzklopfen, Hitze, Kopfschmerzen, Überforderung, Zweifel, Gewissheit, Kribbeln, Dankbarkeit und Überforderung, sagte ich schon Überforderung? Und Schlafmangel, ja natürlich, das hört nie wieder auf…

Ich habe mir gestern Abend „Frau im Dunkeln“ angesehen. Den Roman dazu kannte ich nicht, aber der Film hat mich regelrecht umgehauen. Das ist sicher nichts für einen Pärchenabend und ich bin auch nicht sicher, ob jede (ich denke, hier fühlen sich hauptsächlich Mütter angesprochen) diesen Film so fantastisch findet wie ich, aber Dramaturgie, Regie, alles ist so on point, so besonders, und die Geschichte, oder besser ein kleines Fragment einer langen Geschichte, so eindrücklich dargestellt, dass ich lange nicht einschlafen konnte, obwohl die Geschichte der Frau oder Frauen gar nicht meine ist. Nicht im Detail, dennoch sind mir diese Gefühle nicht fremd. Auch die gesellschaftlich nicht akzeptierten.

Heute ist ein besonderer Tag. Heute ist der Blondino einhundert Monate alt. Alles anders machen wollte ich bei diesem Kind. Geduldig bleiben, mich immer für die Spielzeit entscheiden und gegen das Putzen, wenn das Haus dreckig ist. Ich entscheide mich immer noch meistens fürs Putzen, ich bin immer noch ungeduldig, immer noch und schon wieder kann ich selten im Moment das Schöne und Unwiederbringliche sehen, immer erst danach, wenn der Moment vorbei ist.

Happy Monatsgeburtstag, mein Kleinchen, mein Wunder, mein Krawallo! Dass es Wunder wirklich gibt, hast du mir gezeigt. An dem Abend vor deiner Geburt wehte auf einmal aus dem Nichts ein Sommersturm und heulte und rüttelte an allem. Dieser Sturm hat dich angekündigt, du bist wie dieser Sturm. Du bringst mich an die Grenzen alles Fühlbarem und Spürbarem. Du forderst mich, du bringst mich mehr zum Lachen als jeder andere Mensch auf der Welt. Ich will für immer deine Ärmchen um meinen Hals spüren, auch wenn du schon lange nicht mehr dasselbe willst. Jede Nacht, die ich als Gast in deinem Zimmer schlafen darf, in deinem Duft, dein liebes kleines Gesicht bestaunend, ist ein Geschenk, das ich als solches erkennen kann. Deine Hände, nicht mehr schmal und zart, sondern langsam stark und kraftvoll, passen schon jetzt nicht mehr als Faust in meine Faust. Ich bin gespannt, was unsere gemeinsame Reise noch für Überraschungen bereit hält für mich. Du bist das beste Kind, was mir das Universum als spätes Geschenk hat schicken können, das weiß ich. Du fragst mich gerne, für wie viel Geld ich dich hergeben würde, eine Trillionade?! Nein, nichts, natürlich nichts! Bleib bei mir, lass dir Zeit mit dem Wachsen und bleib bei mir.

10 Kommentare zu “einhundert

  1. Was für eine Liebeserklärung! Das sind Grundfeste, die deinen Sohn durch die Höhen und Tiefen seines Lebens tragen werden. Und wenn alle Stricke reißen, hier steht es schwarz auf weiss: er ist willkommen, er wird geliebt.
    “ halt dich an deiner Liebe fest“…. genauso hat es Rio Reiser gemeint.

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  2. Ja, hm. Vielleicht findet Blondinos zukünftige Freundin es ja ganz toll hier nachzulesen, wie er mal war. Vielleicht aber auch nicht. Bleibt spannend.
    Liebe Grüße Magenta

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  3. Dieser Text berührt mich sehr und ich möchte dir dafür danken. Denn du hast das aufgeschrieben, was ich versäumt habe aufzuschreiben, in so schönen Worten, wie sie mir nie gelungen wären..du hast wirklich großes Talent zum schreiben. Danke!

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  4. Pingback: Wohin verschwinden die Kurzen, wenn es auf den Mütterblogs stiller wird? | Mama hat jetzt keine Zeit…

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