The Beitrag before known as „Jahresrückblick“

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Hier stand bis vor wenigen Tagen ein Artikel, den ich hastig am ersten Weihnachtsfeiertag heruntergeschrieben habe. Nun ist er weg!

Ich habe ihn gelöscht. Und ja, es ging eigentlich nur darum, Informationen aus einem Drittel des Artikels vor der „breiten Masse“ zu verbergen, aber ich bin da rigoros. Die Weihnachtsbilder, ja, das ist schon schade. Baum, Erzgebirgskunst, ihr wisst, wie sowas aussieht! Kein Verlust. Dann war noch ein Foto von mir am Strand, kein Verlust.

Das mit dem Internet ist es ja so eine Sache. Ich denke zwar manchmal, wir sind hier eine große nette Familie, aber das stimmt ja nur bedingt. Die Inhalte sind halt immer auch für die Menschen zugängig, mit denen man sie vielleicht gar nicht vordergründig teilen wollte! Tja. Und dann noch diese Scheißdrecksimpressumspflicht. Danke, europäische Rechtssprechung! Hier ist ja niemand anonym, also nicht, wenn Du eventuell und möglicherweise einen Service anbieten wollen würdest, der gegebenenfalls als Produkt oder Dienstleistung und ach was weiß denn ich schon, gelabelt werden könnte. Dann musst du eine ladefähige Adresse angeben! Und wer kennt sich schon mit der Grauzone aus. Ich ja nicht. Und diese Adresse, also da fährst du ja dann auch morgens mal raus, aus der Einfahrt. Und dein Kind sitzt im Auto.

Das ist hier nicht anonym, nicht für mich. Und ja, leider!

Deshalb werde ich mich ab sofort ein wenig bremsen mit Details und auch mit Fotos. Nicht wegen mir! Denn, wer bloggt, dem ist ein voyeuristischer Wesenszug nicht abzusprechen, aber wegen meiner Familie! Ich danke denjenigen, die so herzlich kommentiert haben, sehr. Aktuell bin ich unsicher, inwieweit bestimmte Themen hier zukünftig weiter abgehandelt werden sollten. Damit keines meiner Kinder einen Nachteil hat aufgrund meiner Geschwätzigkeit. Das ist verständlich, oder? So von Mutter zu Mutter, oder zu Vater?

Peace, ihr alle und ein gutes neues Jahr für uns alle! Voller Liebe, gegenseitiger Wertschätzung und Respekt. Das wünsche ich uns. ❤

Erntedank

Nein, es geht hier nicht um Blätter und Wetter und die aktuelle Jahreszeit. Nein, das wird kein Herbstspecial. Vielmehr will ich etwas anderes erzählen, das für mich mit dem Wort „Erntedank“ zu tun hat, wenngleich im übertragenen Sinne.

Ich war die letzten fünf Wochen alleine mit meinem großen Sohn, wie ihr ja bereits wisst, und für diese Zeit bin ich so unendlich dankbar. Zwar war er dreizehn Jahre der „einzige“, weil Einzelkind und man sollte meinen, wir hätten doch in den vergangenen Jahren wirklich viel Zeit miteinander verbracht, aber das ist irgendwie anders jetzt. In den vergangenen sechs Jahren hatte er nie meine ungeteilte Aufmerksamkeit, der große Sohn, weil ich mich ja um seinen kleinen Bruder kümmern musste. Nun, da der Bärtige mit dem Blondino auf Kur weilt, sind es wieder nur wir zwei.

2006

Wer hier  schon länger mitliest, weiß, dass mein Erstlingswerk ein besonderer Junge ist, und das war und ist er wirklich. Sagen das nicht alle Mütter über ihre Söhne? Vielleicht. Hach, ich würde euch so gern ein Foto zeigen von ihm, von dem jungen Mann, der er geworden ist und ihn euch allen vorstellen! Das geht ja nun aber nicht und deshalb müsst ihr mir einfach glauben, dass er wunderbar ist! Und euch begnügen mit den Kinderfotos, die ich euch zeige.

Ich habe mal behauptet in irgendeinem Kontext, dass ich glaube, die einen haben schlimme Jahre mit ihren Kindern vor deren zwölftem Geburtstag und die anderen eben danach, wegen der ausgleichenden Gerechtigkeit. Ich weiß natürlich nicht, ob das stimmt, habe aber genau diese Erfahrung hier gemacht. Mit dem Großsohn.

Der war sein ganzes Kinderleben „komisch“, wurde abgelehnt von Bezugserwachsenen, anderen Kinder, weil er sich partout nicht „normgerecht“ verhielt und irgendwie nicht zu kapieren schien, wie das mit dem normativen sozialkompetenten Verhalten funktioniert. Ich denke, ab dem zweiten Geburtstag ungefähr ging das los. Von da an war ich permanent zu Gesprächen bei Kindergärtner*innen, Kinderspycholog*innen, Lehrer*innen und so weiter. Ich habe mir jahrelang zu Herzen genommen, was sie schlechtes über meinen Sohn sagten. Es traf mich in der Mitte, mittenrein, jahrelang. Ich ging zu Eltertrainings, bei denen ich in Rollenspielen lernen sollte, wie ich meinem Sohn Grenzen beibringe. Ich saß auf Stühlen, Hockern, Sesseln und hörte irgendwelchen Experten und Respektspersonen zu, wenn sie mir erzählten, was alles an meinem Kind nicht stimmte und wie ich (!) doch mit meiner Vorbildhaltung und meinem Erziehungsauftrag dort gegenzusteuern hätte.

Das ging zehn Jahre so. Zehn. Jahre.

Mein Sohn war ein wunderbar fantasievolles, übersprudelndes Kind, das sich mehr und mehr in sich zurückzog, da er die Ablehnung durchaus spürte und nicht wusste, was er denn tun könnte, um dazuzugehören. In all den Jahren hatte ich so viel Kummer, Herzschmerz und ich sorgte mich so unendlich. Was sollte denn nur aus diesem Jungen werden? Wird er jemals Freunde finden? Anschluss in der Gesellschaft? Was habe ich nur falsch gemacht?! Mein Leben als Mutter dieses Kindes erschien mir wie eine niemals endende Prüfung. Die Sorgen überlagerten oft die Freude, die mir dieser Junge eigentlich tagtäglich machte. Ob ich wollte oder nicht. Bei allen anderen Müttern in meiner Welt sah alles so leicht aus, so „normal“, nur bei uns war Chaos und Unverständnis, nur ich musste mich so abmühen, nur mein Sohn war so unbeliebt und ungeliebt. Außer von mir. Warum verdammt, warum?

Es waren beschissenen Jahre. Für uns alle. Und ich habe nicht vergessen, wer in meiner Familie und meinem Freundeskreis dieses Kind annehmen konnten, wie es war, und ihm Freundschaft entgegenbrachte. Es war nur eine Handvoll Menschen. Damals war das gesellschaftliche Bewusstsein noch nicht ausgerichtet auf Menschen mit anders gearteter Informationsverarbeitung, Asperger Autisten kannte keiner, ADHS wurde im gleichen Atemzug genannt wie „verzogen“ und „Kevinismus“.

2007

Es wurde besser. Tatsächlich wurde es besser, langsam erst, kaum spürbar, aber dennoch, ja.

Die Pubertät kam und während andere Miteltern aufstöhnten unter den hormonellen Verzauberungen ihrer süßen angepassten Kinder, hatte ich immer noch Sorgen ganz anderer Art. Nach wie vor erschien der Weg unseres Sohnes kaum vorhersehbar. Behindertenwerkstatt, betreutes Wohnen, dergleichen Begrifflichkeiten kamen in den Gesprächen vor, die wir Eltern führten. Gespräche, die anderen Eltern pubertierender Kinder erspart blieben. Was soll nur aus ihm werden? Wird er selbstbestimmt leben können irgendwann? Und immer wieder trotzte ich gegen die vorgegebene Norm: Mein Sohn gehört doch in keine Behindertenwerkstatt! Hallo?! Nur, weil ihr es euch leicht machen wollt mit Menschen, die im Gleichschritt neben euch marschieren? Dennoch, irgendwie wurde alles leichter während dieser viel beschriebenen, von vielen Eltern mit Schauder erwarteten, Pubertätsjahre. Mein Kind wurde erwachsen, einfach so.

Und jetzt lebe ich hier mit einem neunzehn Jahre jungen Mann, der dank Integrationshilfe im kommenden Jahr sein Abitur machen wird. Ein junger Mann, der mich neulich morgens weckte mit dem Worten, er befürchte, ich verschliefe sonst und die Kaffeemaschine habe er auch schon für mich angemacht. Ein junger Mann, der noch nie einen einzigen Tag Schule geschwänzt hat, der liebevoll und höflich gegenüber seiner Umwelt ist. Immer noch ein wenig zu sprunghaft manchmal, laut auch, aber irgendwie dennoch gereift, fertig beinahe. Jemand, der sich um Beziehungen bemüht und Freundschaften versucht zu pflegen. Der auswendig lernt, wie charmantes Verhalten geht, weil er es so gern sein möchte. Charmant, beliebt. Und dem es immer öfter scheinbar spielend leicht gelingt.

Ich sehe ihn an und das was ich fühle, versuche ich zu beschreiben, denn das ist ganz und gar wundervoll. Ich blicke auf zu ihm, er ist größer als alle Menschen in unserer Familie, sehe in seine sanften großen nahezu schwarzen Augen und denke, dass es wirklich niemanden auf der ganzen Welt gibt, den ich so sehr liebe und auf diese Weise, wie ihn. Ich bin so unendlich stolz auf ihn. Und stolz auf mich. Das ist mein Sohn! Meiner! Ich sehe einen Garten voller Blumen und Pflanzen, der gewachsen ist unter meiner Obhut und gegossen mit meinen Tränen und meiner Liebe. Dort, wo niemand fruchtbare Erde vermutet hat.

Das, was ich mir viele Jahre überhaupt nicht vorstellen konnte, ist jetzt greifbar. Ich kann mir vorstellen, was mal aus ihm werden könnte. Nämlich alles! Aus diesem Jungen, auf den kaum einer wetten wollte noch vor zehn Jahren, ist ein toller junger Mann geworden. Einfach so.

2008

Das hier geht raus an alle Kleinkindeltern, die vollkommen verzweifelt sind, weil sich ihre Kinder nicht so entwickeln, wie sie sich das vorgestellt hatten. Das hier schreibe ich für alle Eltern mit Teenagern, die scheinbar von einem Tag auf den anderen außer Rand und Band zu sein scheinen. Das hier ist für alle Mütter und Väter, die sich fragen, warum gerade bei ihnen scheinbar nichts so funktioniert, wie es in den dicken schlauen Büchern steht: Glaubt mir, alles wird gut! Und ihr werdet staunen und euch freuen, wenn ihr euren Kindern beim Wachsen und Werden zuseht. Nichts ist umsonst. Jede Aufmunterung, jedes: „Ich glaube an dich, du schaffst das!“, jedes: „Ich bin so stolz auf dich!“, und jedes: „Ich liebe dich so sehr, schön, dass du da bist!“, ist wie Dünger, Langzeitdünger für die Entwicklung eurer Kinder. Und ihr werdet es sehen, später, alles geht auf. Ihr werdet ernten, was ihr sät. Das ist das Beste, das aus Liebe entstehen kann.

„Kleine Kinder, kleine Sorgen…“, dieser Spruch war gestern. „Große Kinder, großes Glück“, das ist morgen.

 

 

 

 

Ein Kaffee für Frau Nieselpriem

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65 M

Die Zeit, als ich an jedem dritten des Monats den Monatsgeburtstag des Kleinchens gefeiert habe, ist ja nun schon ein bisschen her, also zumindest öffentlich, aber noch immer ist der dritte ein Geburts-Tag. An einem dritten habe ich geboren. Auch an einem sechsten und an einem einundzwanzigsten. Aber da der Blondino „mein Baby“ ist, muss der da jetzt durch, dass ich das so zelebriere. Das mit dem dritten.

Fünfundsechzig Monate ist er jetzt bei uns. Er ist einen Meter zehn hoch, wiegt siebzehn Kilo, sein Kopf riecht immer noch nach Griessbrei und hat ein Stimmchen wie Tweety. Und große fragende Knopfaugen.

Er fragt auch eigentlich immer irgendwas. Als ich mal versehentlich beim Spazierengehen „Hänsel und Gretel verliefen sich im Wald“, sang, da war was los. „Warum will die Hexe den Hänsel fressen? Warum schubst die Gretel die Hexe in den Ofen? Und was hat de Hexe dann gemacht? Und wie hat die Gretel die Hexe in den Ofen geschubst? Und was hat der Hänsel dann gesagt? Und warum gibt es Hexen nur im Märchen? Was will die Hexe mit mir machen, wenn sie mich sieht? Und was machst du mit der Hexe, wenn sie mich fressen will? Können wir ein Pfefferkuchenhaus haben zum wohnen?“.

Auch täglich auf Wiedervorlage: „Wenn ich groß bin, kann ich dann auch Fliegen fangen mit meiner Zunge? Wie lang ist meine Zunge, wenn ich groß bin?“. Und neulich zu einem jungen Mann hinter uns an der Kuchenschlange: „Zeig mal, wie lang deine Zunge ist, meine ist nämlich am längsten, aber ich kann dir das nicht zeigen, man zeigt seine Zunge nur seiner Familie! Und wie alt bis du?! Isch bin fümf. Und mein Papa ist einundvierzig und meine Mama neunundvierzig und die hat heute Geburtstag und wie lang ist deine Zunge?! Zeig mal die Zunge!“.

Jeden Tag müssen wir bei Youtube Videos über Schlangen und Chamäleons und Frösche gucken. Weil die nämlich coole Zungen haben! Ich denke, die Dino-Phase wird durch die Amphibien und Weichwirbler, Schlabberekeltierchen abgelöst.

Der Beste frohlockt! Denn der züchtete früher Würgeschlangen. Zumindest war das der Plan, bis alle Schlangen Schnupfen kriegten und verendeten. Dann lernte er mich kennen und ich stellte klar, es wird ab sofort nur noch eine Schlange in seinem Leben geben! Nun, einundzwanzig Jahre später, sieht er in seinem Jüngsten einen Verbündeten im Kampf um ein Terrarium im Haus. Zusammen gucken sie sich die Bücher über Schlangen an, die der Bärtige seit Kindertagen hortet und die aus seinem Kinderzimmer mit bei uns eingezogen sind.

(Er wird niiiie ein Terrarium mit Schlangen haben, so lange ich hier wohne! Ich würde immer alle Futtertiere befreien und überhaupt kann ich nicht nachvollziehen, wie man ein Tier in einer Kiste halten kann, das nachweislich keinerlei Beziehung zu einem eingehen will und wird. Und so lange ich keinen Hund, nicht mal eine Katze oder einen Chinchilla haben darf – nein, auch keinen Papagei!- bin ich total fest, was das Schlangenthema angeht. Und selbst wenn ich ein, zwei Tiere haben dürfte, kriegt er keine Boa Constrictor. Sonst würde sein Tier mein Tier fressen wollen und das gäbe nur Terz hier. „Dein Tier hat…!“, „Aber dein Tier hat angefangen…!“. Nee, fällt aus. Im übrigen plane ich, mein nächstes Leben auf dem Land zu fristen und dann habe ich Hühner und Hunde und Katzen und Kaninchen und kenne definitiv niemanden näher, der mit Schlangen leben will. Ich meine, Schlangen, ernsthaft?!)

Ich sitze die Schlangenphase des Babylinos einfach aus.

Während ich das schreibe, liegt neben mir eine Gummikobra, die Eier eines „Türodacktulus“ ausbrütet.

Die weißen Bohnen, die hier die Eier sind, hat das Kindchen von irgendwo her angeschleppt und trägt die seit Tagen mit sich herum. Das sei sein Schatz, informierte mich das Kind. Jeden Tag stopfte es die Bohnen in die jeweilige Hose des Tages und holte sie immer mal hervor. Eigentlich waren es ja bestimmt zwölf oder zwanzig Bohnen ursprünglich. Ein paar befinden sich mittlerweile in den Ritzen der Couch oder in der Waschmaschine oder sonstwo. In jedem Fall werden die übrigen „Dinoeier“ ebenso diesen Weg gehen. Das ist sicher!

Ich mache ja auch jeden Quatsch mit (außer Schlangenquatsch mit echten Schlangen; und ja, Regenwürmer sind auch Schlangen, keine Diskussion!), aber neulich war echt Schluss mit lustig. Ich decke das Bett des Süßileins auf und denke, mich trifft gleich der Schlag. Unter der Bettdecke war ein Haufen Sand, breitgeklopft. Also ich meine so viel Sand, als hätte jemand eine Erwachsenenschaufel voller Sand in das Kinderbett gekippt! Hallo?! Es gab ein Riesengezeter, aber ich habe nicht herausgefunden, mit wie vielen Sandeimerchen das Kind sich an mir vorbeilaviert hat auf dem Weg nach oben, um das anzurichten, aber er machte deutlich, er bräuchte diesen Sand! Das sei nämlich Schlafsand!

Und nun weiß ich eigentlich auch, warum wir zwei seit ein paar Wochen wieder zwischen fünf und sechs aufstehen müssen. Einmal sogar zwischen vier und fünf. Das wird die Rache sein, weil ich den Schlafsand weggesaugt habe…

Wir haben nur noch selten Kommunikationsprobleme. Viele „seiner“ Worte haben wir in den allgemein gebräuchlichen Sprachgebrauch übernommen: Götterzug, Mutterboot und die Abschleppkammer selbstverständlich. Neulich aber: „Mama, ich wünsche mir zum Geburtstag Sacknaschuhe.“, „Was wünschst du dir?“, „Sacknaschuhe!“. „Ich weiß nicht, was das ist.“, „SACKNASCHUHE!“, „ICH WEIß NICHT, WAS SACKNASCHUHE SIND!“, „NA, SACKNAAAAASCHUUUUHE!“. Saugnapfschuhe. Da hätte ich wirklich alleine drauf kommen können.

Zumindest ging es diesmal schneller mit der Überwindung der Begriffsstutzigkeit. Ich habe aus der „Middelbonnie“ gelernt. Ihr erinnert euch? Das Kind verlangte, zur Middelbonnie gebracht zu werden. Tagelang. Am Ende weinte das arme Würmchen, weil ihn niemand verstehen wollte. Nach geduldigem Nachfragen (Was ist es? Wie sieht es aus? Was kann man dort machen? Wer ist dort?) erfuhren wir, es handelt sich um die Mülldeponie. Die Mülldeponie! Middelbonnie, na klar, das Kind spricht Spezial-Sächsisch.

Hoffentlich wird er für immer so niedlich und knopfäugig und neugierig bleiben und ich weiß, das wünsche ich mir umsonst. Nicht mehr lange, und er wird „ALLDER!“, sagen und „VOLL KRASS!“, und alles besser wissen wollen und mit den Augen rollen. Und ich hasse es jetzt schon. Ich frage mich, wann diese Metamorphose eintritt (Mit der Schule vielleicht?) und warum?! Ist es der „schlechte“ Einfluss von Justin und Elias? Wollen deren Mütter nicht auch, dass die süß und niedlich bleiben? Denken die, das sei unser schlechter Einfluss? Warum muss alles wachsen und sich verändern? Warum kann es nicht mal so bleiben, wie es ist? Ich zum Beispiel, ich hätte doch auch für immer dreißig bleiben können! Oder?!

In jedem Fall ist es ne Supersache, sich immer zwischendurch mal vor Augen zu führen, warum es genau JETZT so bleiben sollte, wie es ist. Es gibt immer und überall etwas, das echt jetzt mal für immer so bleiben könnte. Immer. Überall.

Wenn man genau hinguckt. ❤

 

 

 

 

 

 

Die zweiten zwölf Jahre

Ach, ich wäre manchmal gern die Mutter von Dieter.

Ihr erinnert euch?

„… Guck dir den Dieter an, der hat sogar ein Auto!“

Dieter ist sparsam und haut nicht gefühlt zweihundert Euro in zwei Wochen auf den Kopp – für Döner! Dieter weiß mit Sicherheit, dass im Dezember Weihnachten ist und seine Eltern auch irgendwann Geburtstag haben und es gesellschaftlich verbrieft ist, dass man (meint: auch Jugendliche mit Zugang zu Taschengeld, für dessen freizügige Überlassung die armen gebeutelten Eltern im Steinbruch schuften; oder in irgendwelchen IT-Buden) da ein Präsent überreicht. Eine einzelne Rose von mir aus für drei Euro, irgendwas! Aber das Geld ist ja immer alle. Außer bei Dieter.

„Junge!“

Was haben wir gelacht, wir alle, als die Ärzte 2007 diesen Song raus brachten. Was für ein Spaß! 2007 war ich Einkindmutter und das süße Frätzelchen wurde gerade eingeschult. Meine eigene Pubertät lag noch nicht so lange zurück, als dass ich mich erinnerte, dass meine Eltern einfach doof waren. Mit meinem Vater hatte ich überhaupt keine Gesprächsbasis und meine Mutter flehte mich nur immer an, ich möge doch bitte nicht so verlottert in der Gegend rumlaufen! Die Nachbarn! Das Gerede!

„… Und wie du wieder aussiehst, Löcher in der Hose, und ständig dieser Lärm (Was sollen die Nachbarn sagen?). Und dann noch deine Haare, da fehlen mir die Worte! Musst du die denn färben?“

Und so zog ich abends los mit einem Beutel. Irgendwo um die Ecke vom Neubaublock meiner elterlichen Behausung versteckte ich mich in einem Keller und zog mich um: schwarze sackartige Klamotten, aus gefärbtem Bettleinen selbstgenäht, dicker schwarzer Kajal um Augen und Mund und dann die Kernseife. Kurz anspucken und die Hände dick einseifen. Mit diesen Händen wurde dann das halblange Haar nach oben toupiert. So verkleidet ging ich dann los.

„… Nie kommst du nach Hause, wir wissen nicht mehr weiter… Junge, brich deiner Mutter nicht das Herz.“

Und nun bin ich in der gleichen Rolle wie meine Mutter vor dreißig Jahren und mache mir dieselben Sorgen! Angst vor Drogen und frühen Schwangerschaften. Angst vor Gewalterfahrung, Zukunftsängste.

„… Wo soll das alles enden? Wir machen uns doch Sorgen… Und du warst so ein süßes Kind, und du warst so ein süßes Kind. Du warst so süß…“

Ich glaube, Kontrollverlust ist das Thema, das diese Zeit aus der Gefühlswelt von uns Eltern am ehesten zusammenfasst. Über all den Gefühlen, die uns befallen, wie ein Regenschirm spannt. Die Kinder nabeln sich manchmal grausam plötzlich und rigoros ab und oft sind ihre Versuche, sich allein in der Welt zurechtzufinden für uns Alten entsetzlich naiv, gefährlich, dumm und überhaupt nicht erwachsen.
Und dann stehst du irgendwann da und sagst diesen Satz, diesen furchtbar bescheuerten Satz, den schon Generationen von Eltern vor dir sagten:

„Was haben wir nur falsch gemacht?!“

Und die Antwort ist ganz simple: Gar nichts! Das Kind hat Pubertät und da musst du nun durch. Das habt ihr alle, als Familie quasi. Und was nun? Wer tröstet dich, wer nimmt dir die Angst, die Ängste? Bücher vielleicht? Ja, das kannst du probieren. Ich habe die alle in die Ecke gepfeffert, gebe ich zu. Ich habe mich niemals verstanden, gestützt und unterstützt gefühlt nach dem Lesen eines Ratgeberbuches! Denn noch immer bin ich der Meinung: Ratschläge sind auch Schläge, ganz besonders in Erziehungsfragen und diese Bücher benutze ich allenfalls zum Stabilisieren eines kippelnden Tisches. So. Wobei ich die Autoren in Schutz nehmen muss, sie sind diesbezüglich natürlich in der ihnen vorgedachten Rolle! Ein Experte schreibt entsprechend seiner Expertise ein Buch, das in verständlichen Worten wiedergibt, woran er jahrelang geforscht und evaluiert hat und was die Grundpfeiler seiner Expertenschaft ausmacht. Nur: Mir half in der Vergangenheit nichts von alledem. Mein Sohn passte in keines der skizzierten Schemen und nirgendwo in den schlauen Büchern fand ich Trost und Hilfe.

Also habe ich mich gefragt: Was könnte denn trösten? Was könnte wirklich helfen? Nun, mich tröstet es zu wissen, ich bin nicht allein! Die Gewissheit, dass nichts, von dem, was ich an Problemen durchmache, exklusiv ist und „noch niemals dagewesen“, das tröstet mich. Mich tröstet die Ehrlichkeit einer anderen Mutter, die sich offenbart, dass sie mit (den gleichen oder ganz anderen) Problemen rund um die Pubertät an ihre Grenzen gelangt. Und Schreiben hilft mir. Das ist (für mich zumindest) eine gute Möglichkeit, sich mit Dingen zu beschäftigen und gleichzeitig Abstand zu bekommen. Wenn die Sätze geordnet über die Tastatur gegangen sind, ist vieles danach auch am Entstehungsort der Sorgen sortiert.

Blogger schreiben Blogs. Elternblogger schreiben über ihre Kinder, über ihr Leben als Eltern.

Ist euch mal aufgefallen, dass in epischer Breite alle Gefühle, Begebenheiten und das Drum und Dran der ersten – sagen wir mal – zehn Jahre der Kinder beschrieben wird?! Schwangerschaft, Geburt, Stillzeit, Kindergartenzeit, Schuleinführung. Dann werden die Berichter schmaler, die Fotos seltener. Gibt es etwas nichts mehr zu berichten von den Kindern? Läuft alles wie am sprichwörtlichen Schnürchen?

Mitnichten!

Die Stille, in die sich „die zweiten zwölf Jahre“ hüllen ist allerdings mehr als verständlich. Denn – spätestens dann – wird uns klar, das Kind hat eine eigene Persönlichkeit, die es vor öffentlichem Zugriff oder Anteilhabe zu schützen gilt (eigentlich auch schon von Geburt an, aber das klammern wir ja gern aus. Auch ich). Die Kinder haben ab einem gewissen Alter oft auch eine eigene Netzpräsenz in diesem Internet und wollen verständlicherweise nichts über sich lesen! Schon gar nicht Problematisches!

Okay, auf der einen Seite gibt es also Eltern, die verunsichert oder wütend sind und ihre Kinder nicht mehr verstehen und auf der anderen Seite Bücher von Experten, geschrieben für die große Allgemeinheit. Und dazwischen gibt es nichts. Außer Selbsthilfeforen vielleicht noch.

Wie wäre es, wenn es einen Beichtblog gäbe, einen Mitmachblog, eine Plattform, wo jeder Mensch, der sich von dem Thema angesprochen fühlt, anonym mit anonymisierten Kindernamen seine Geschichte erzählen kann. Ob Blogger oder Leser, Mutter oder Vater, Pflegevater oder Stiefmutter, ganz egal. Zwei Effekte verspreche ich mir: Zum Einen ist es durchaus denkbar, dass durch das „Aufschreiben“ für den- oder diejenige schon ein wenig der Druck „des Problems“ abfällt. Durch ermutigende Kommentare der Leser(innen) könnte eine Gemeinschaftsgefühl entstehen und möglicherweise gibt es aus den Kommentaren auch praktische Hinweise aus ähnlich erlebten Situationen. Menschen, die „nur“ lesen sollen sich verstanden fühlen in ihrer Unsicherheit in diesen Zeiten.

Das ist der Gedanke dahinter. Ob es klappt? Wir werden sehen. Wir werden sehen, ob es Eltern gibt, die von sich erzählen wollen. Ich werde (auch mit Pseudonym) etwas über unsere Probleme schreiben, aber hauptsächlich biete ich einfach nur die Plattform. Dieser neue Blog ist nicht „mein Blog“!

Ich suchte schon vor vielen Jahren nach einer Möglichkeit, mich zu Pubertätsproblemen auszutauschen. Mein ältester Sohn ist achtzehn, die Kinder der meisten Elternblogger deutlich jünger. Natürlich war ich aus diesem Grund an diesem Thema näher dran! Oder eher als andere Eltern nah dran! Denn dass wir alle irgendwann an diesem Punkt stehen und nicht mehr wissen, wie wir mit bestimmten Situationen umgehen sollen, ist sonnenklar und vorbestimmt. Von der ersten Geburtswehe an!

Ich sprach schon vor vielen Jahren mit Anna über die Möglichkeiten, das in einem Blog abzubilden. Vor kurzem dann stieß Susanne dann das Thema mit einem Blogbeitrag und einer Diskussion bei Facebook an. Nina und Séverine bekräftigten, dass diese Idee zumindest mal versucht werden sollte, und here we go.

Wir versuchen das einfach mal.

 

 

 

Schlaflos 2.0

Ich habe vor vielen Jahren einen Text gehört (ich meine, das war Ingo Appelt, aber Google lässt mich diesbezüglich im Stich), da konstatierte jemand- Ingo? – die Frage sei ja nicht, Kinder ja oder nein, sondern ob du ausschlafen willst oder eben nicht. Denn erst könntest du nicht ausschlafen, weil die Kinder alle furzelang irgendwas bräuchten in der Nacht. Futter, Trost, man kennt es ja. Dann könntest du nicht ausschlafen, weil du mitten in der Nacht die Handaufzuchten in irgendwelche Institutionen fahren müsstest, oder wieder abholen. Nach dieser Phase könntest du auch nicht mehr schlafen, weil du panisch wartest, dass die Kinder nachts heil nach Hause kommen und danach dann kannst du auch nicht schlafen, weil morgens der Zivi kommt um dich zu waschen…

Gut, das ist wohl wirklich ne Weile her, an dem „Zivi“ merke ich es selber.

Wie ich jetzt darauf komme? Ach, nur so.

Protokoll einer schlaflosen Nacht

22:30 Uhr – Ich schaffe meinen geriatrischen Körper in Richtung Schlafstätte, der Mann hält Wache über die reduzierte Herde, der Bubi weilt nämlich noch bei seiner Freundin am anderen Ende der Stadt. Wird aber regulär um 23:00 Uhr erwartet.

23:15 Uhr – mein Handy piept, der Mann teilt mir aus dem anderen Zimmer mit, dass die Ankunft des Sohnes sich noch verzögern wird. Ich rufe den Sohn auf seinem Handy an und schnauze in das kleine Kommunikationsgerät, dass er seinen knochigen Hintern nach Hause zu schaffen habe, denn den Tag darauf sei Schule und Klassenarbeit und überhaupt! Dann lege ich auf und bin wütend. Und wach.

1:15 Uhr – Der Mann kommt wutschnaubend ins trauliche Schlafgemach, teilt mir mit, der verlotterte Sohn sei noch immer nicht zu Hause, er aber bräuchte jetzt seinen Schlaf! Mit diesen Worten schmeißt er sich auf seine Seite der Bumshöhle und schnarcht sogleich drauflos. Ich bin jetzt noch wacher.

1:30 Uhr – Ich sitze nun im Wohnzimmer mit Blick auf die Haustüre und warte. Schreibe SMS, WhatsApp-Nachrichten an den verlustig gegangenen Sohn. Inhalt: „Wo bist du? Wann bist du da?“. Keine Rückmeldung. Ich rufe an. „Anruf fehlgeschlagen“, meldet mein Telefon.

2:30 Uhr – Ich tippe weitere Textnachrichten. Inhalt: „Drückst du mich etwa weg? Wieso kann ich dich nicht anrufen?! Was ist los bei dir? Melde dich!“. Ich nehme mein Diensthandy aus der Tasche und versuche ihn damit anzurufen. Okay, es klingelt wenigstens. Nein, er geht nicht ran. Verdammt! Oh Gott, der wurde bestimmt überfallen und liegt verkloppt im Gebüsch neben dem Albertplatz… soll ich ins Auto steigen und den suchen?!

3:00 Uhr – Ich stehe im Bademantel auf der Terrasse und rauche. Ich habe vor vierzehn Monaten aufgehört mit Rauchen.

3:15 Uhr – Ich denke an meine Mutter. Sehe sie im altmodischen Morgenmantel am Schlafzimmerfenster hocken und auf mich warten. Damals, als ich jedes Wochenende auf den Dörfern rund um Dresden zur Disco war und niemals nie die letzte Bahn kriegte und stets und jedes Wochenende wieder mit einem Dutzend anderer Dresdner Jugendlichen bis zu zwanzig Kilometer zu Fuß ging. Von Medingen, Großdittmannsdorf und Lockwitz aus nach Dresden, das dauerte. Und Handies waren noch nicht erfunden. Meine Mutter konnte nie schlafen, bis ich daheim war und hockte übermüdet jede verdammte Disconacht am Schlafzimmerfenster, während mein Vater schnarchte. Bis sie mich den kleinen Weg von der Gartenheimsiedlung anschlurfen sah… ach Mutsch, es tut mir so leid. Ich büße, glaube es mir!

3:45 Uhr – Ich überlege, ob es möglich ist, dass er noch bei seiner Freundin ist. Hm. Zumindest erscheint es mir logisch, dort mal anzurufen, bei den Eltern. Die Nummer fummle ich mit kriminalistischem Spürsinn aus irgendwelchen Kontaktlisten, die der Klassenlehrer vor Jahren mal versendet hat. Es nimmt keiner ab! Wieso gehen die nicht an das Scheißtelefon!

4:00 Uhr – Ich texte von zwei Handies aus. Inhalt: „Wenn du dich nicht sofort bei mir meldest, rufe ich die Polizei und lasse dich suchen!“. Drei Minuten später: „ICH RUFE JETZT DIE POLIZEI UND LASSE DICH SUCHEN!“.

4:15 Uhr – Ich renne kopflos durchs Haus um zu überlegen, was ich wie der Polizei mitteilen werde, wenn ich dort gleich anrufe. Da ich am besten nachdenken kann, wenn ich bügele, gehe ich in den Keller in Richtung Waschhaus und… nanu. Dort stehen die Turnschuhe des Sohnes, gleich neben seiner Jacke, die auf dem Fußboden rumlümmelt.

4: 18 Uhr – Ich reiße die Zimmertür des Vermissten auf und wecke ihn mit den fröhlichen Worten: „SAGEMALSPINNSTDUVÖLLIGWOWARSTDUWOBISTDUWASMACHSTDUIMBETTICHWARTESEITSTUNDENAUFDICH!“, um zu erfahren, das Jüngelchen wollte der Standpauke des Bärtigen entgehen und ist zur Kellertüre reingeschlichen, so gegen halb eins. Und ja, es gehe ihm gut. Ob er jetzt wohl schlafen dürfe, morgen sei Schule und Klassenarbeit und überhaupt! Sein Handy mit vierzehn Anrufen in Abwesenheit liegt derweil lautlos geschaltet auf seinem Schreibtisch.

4: 30 Uhr – Ich lege mich in mein kaltes Bett, erschöpft und müde.

4: 45 Uhr – Ich schnappe mir Kopfkissen und Decke und verziehe mich auf die Couch im Büro, weil der Mann schnarcht, dass in mir die Ohropax vibrieren.

5:30 Uhr – Das Kleinkind weckt mich mit den Worten: „Mama, aufstehen! Ich bin schon wach! War der Likonaus da?“.

 

 

 

 

Spielen mit Kindern

Ich war immer ein zartes Mädchen, das sich nicht schmutzig machen wollte, Röcke liebte und Verkleiden, mit Puppen spielte, bastelte, nicht pullern konnte, wenn jemand zusah und später niemals auf die Idee gekommen wäre, freiwillig irgendwohin zu reisen, wo man sich nicht mit fließendem Wasser und Seife hätte reinigen können. In meiner Prägungsphase hörte ich Slogans wie: „FRIEDEN! SCHAFFEN! OHNE! WAFFEN!“, oder: „MAKE! LOVE! NOT! WAR!“. Ich schleppte jedes angeditschte oder verwundete Tier, das ich fand, nach Hause um es zukünftig zu bemuttern. Zusammenfassend kann man über mich sagen: Sie ist reinlich und pazifistisch (Und noch ein wenig mehr, was aber für den Kontext dieser Geschichte keine Geige spielt).

Der Bärtige war anders. Der verbrachte seine Kindheit in der Arbeitsgemeinschaft „Wandern und Touristik“, hockte jedes Wochenende im Wald oder im Dreck und lernte, Feuer zu machen mit zwei Tannzapfen und wie man einen lebenden Bären ausweidet (das allerdings ist zugegebenermaßen meiner Fantasie entsprungen). Faktisch überliefert ist allerdings, dass er als angehender Wissenschaftler bereits im Kindesalter Experimente mit lebenden (zumindest am Anfang) Fröschen und Mäusen in der mütterlichen Küche durchführte und dazu völlig selbstverständlich auch die mütterlichen Tupperschüsseln, den Gefrierschrank und die Mikrowelle verwendete. Weiterhin ist belegt, dass er – angetan von dem Film „Fightclub“ – später zumindest kurz eine Karriere als Kneipenschläger in Erwägung zog.

Wir paarten uns, getreu dem Motto: „Gegensätze ziehn sich an“, und zwei Kindlein wurden uns geboren.

Rückblende. Wir schreiben das Jahr 2005 und das Erstlingswerk ist fünf Jahre alt. In seinem Spielzimmer befinden sich handgenähte Puppen mit Zubehör, Autos, Bauklötze, ein Strickliesel, Stifte und Bälle. Ich versuche ihn auch erfolglos an das von mir so favorisierte Konzept „Puppenhaus“ heranzuführen. Trotz all der behüteten Atmosphäre sammelt das Kind bei jedem Ausflug in die Natur Stöcke und Steine und fängt sofort an, damit zu schießen („PENG! PENG!“) oder imaginäre Endgegner zu lynchen.

Wenn wir dann heimgingen, verlangte ich stets, dass alle Stöcke, Steine und so weiter vor der Haustür abgelegt werden müssten, denn ich „Wöllte keine Waffen in meinem Haus!“. Selbstverständlich war ich der felsenfesten Überzeugung, dass ebenso jegliche Arten von Ballerspielen mit gewaltverherrlichendem Inhalt von meinem friedfertigen und liebevollem und jedem Wesen auf der Erde in Achtung zugewandtem Sein (und vor allem meinen Kindern) fernzuhalten sind.

Zeitsprung. Wir schreiben das Jahr 2018 und der Zweitgeborene ist fünf Jahre alt. Gestern dann hier so:

„Mama, spielst du mit mir mit meiner Pirateninsel?“. „Klar. Gerne!“. „Ich bin dieser Räuber hier und du kannst den Mann haben.“. „Okay, ich komme mit meinem Boot hier an… „. „… Und dann komme ich und schieße dich! Peng, peng!“. „Äh, warum? Okay, dann spiele ich jetzt eben mit diesem Männel…“. „Ich bin der Schießpistolenmann und du wirst jetzt geschossen!“. „Wieso werde ich denn immer erschossen? Das ist doch kein lustiges Spiel!“. „Weil das so ist, Mama. Und jetzt stellst du dich hier hin und ich knall mit der Kanone auf dich!“. „Gut, dann bin ich hier der gefährliche feuerspeiende Drache und du darfst mich abknallen, weil du die Insel beschützen musst vor mir. Aber nur ein mal! Aua! Du tust mir weh!“.

„PENNG! PENG! PENG!“, „So, jetzt möchte ich das nicht mehr spielen. Das macht mir keinen Spaß! Ich bin jetzt hier dieser Mann und ich grille jetzt ein Pferd hier und decke den Tisch für uns und dann können wir essen und laden noch alle anderen Playmobil-Figuren ein…“, „Und dann kommt der Pistolenschiessmann und du wirst geschossen! Peng! Peng!“.

Wir haben dann den Rest des Nachmittags mit der Nerf seines Bruders rumgeballert (ich durfte die Munition einsammeln), während die anderen Kinder – pardon – der Mann und der Großsohn an den Waffen saßen und Fall out und Borderlands spielten…

 

Epilog:

Deshalb sieht man auf Instagram von mir dauernd Fotos aus der Küche. Ich verstecke mich beim Kochen und Backen, wenn die Alternative „Spielen mit den Kindern“ bedeutet. Und ich würde mich sehr freuen, wenn ich mal zum Puppenhausspielen oder Puppenküche bespielen irgendwo anders eingeladen würde. Ich bringe auch gern aus Knete selbst gebackenes Obst mit. Und nein, ich weiß auch nicht, was ich hier falsch gemacht habe… Und nur fürs Protokoll: Zum Heer geht keiner von meinen Zöglingen! Notfalls lege ich mich nacksch als Kanonenfutter auf´s Feld.

Peace!

Kurzmitteilung

Kurzmitteilung

Heute morgen im Marsch-Marsch-wir-haben-keine-Zeit-zieh-dir-doch-endlich-die-Schuhe-an-Flow, stand das Blondchen plötzlich mit einem Weißbrot im Flur und verkündete: „Mama, ich kann nicht ohne das Brot gehen! Ich BRAUCHE dieses Brot!“. Dabei hielt er den Laib wie eine Babypuppe beschützend in den kurzen Ärmchen.

Mir gingen kurz die Anweisungen im Kopf rum, die der erziehungsverpflichtete Mann gern zum Besten gibt (Man isst nicht im Auto/ Essen ist kein Spielzeug etc.). Dann stellte ich fest, ein „man“ oder Mann war gar nicht in der Nähe und so zogen wir drei los: Das holde Kind mit Brot im Arm und ich.

Während der Autofahrt sah ich, dass das Kleinste die ganze Zeit das Weißbrot streichelte und ihm Dinge erzählte, manchmal knusperte er auch daran herum (Oh Gott, die Krümel! Wenn das der Kerl sieht!). Und er berichtete: „Weißt du, Mama, das fasst sich so schön an, das Brot. Und riecht auch köstlich! Ich nehme das Brot jetzt überall mit hin!“.

Später fand ich die Reste des Brotes auf dem Kindersitz, als ich die mütterliche Arbeitsstätte ansteuerte und kurz überlegte ich, das Brot einfach mitzunehmen. Dann hätte ich durch die Büros gehen können und fragen: „Willste mal anfassen? Oder dran riechen?“. Ich finde, jedermensch sollte Zugang zu einem Streichelbrot haben.

(Zählt die Stunden, bis sie wieder das Gesicht in den Haaren des Kindes vergraben kann. Ansonsten weitestgehend stabil.)