Spielen mit Kindern

Ich war immer ein zartes Mädchen, das sich nicht schmutzig machen wollte, Röcke liebte und Verkleiden, mit Puppen spielte, bastelte, nicht pullern konnte, wenn jemand zusah und später niemals auf die Idee gekommen wäre, freiwillig irgendwohin zu reisen, wo man sich nicht mit fließendem Wasser und Seife hätte reinigen können. In meiner Prägungsphase hörte ich Slogans wie: „FRIEDEN! SCHAFFEN! OHNE! WAFFEN!“, oder: „MAKE! LOVE! NOT! WAR!“. Ich schleppte jedes angeditschte oder verwundete Tier, das ich fand, nach Hause um es zukünftig zu bemuttern. Zusammenfassend kann man über mich sagen: Sie ist reinlich und pazifistisch (Und noch ein wenig mehr, was aber für den Kontext dieser Geschichte keine Geige spielt).

Der Bärtige war anders. Der verbrachte seine Kindheit in der Arbeitsgemeinschaft „Wandern und Touristik“, hockte jedes Wochenende im Wald oder im Dreck und lernte, Feuer zu machen mit zwei Tannzapfen und wie man einen lebenden Bären ausweidet (das allerdings ist zugegebenermaßen meiner Fantasie entsprungen). Faktisch überliefert ist allerdings, dass er als angehender Wissenschaftler bereits im Kindesalter Experimente mit lebenden (zumindest am Anfang) Fröschen und Mäusen in der mütterlichen Küche durchführte und dazu völlig selbstverständlich auch die mütterlichen Tupperschüsseln, den Gefrierschrank und die Mikrowelle verwendete. Weiterhin ist belegt, dass er – angetan von dem Film „Fightclub“ – später zumindest kurz eine Karriere als Kneipenschläger in Erwägung zog.

Wir paarten uns, getreu dem Motto: „Gegensätze ziehn sich an“, und zwei Kindlein wurden uns geboren.

Rückblende. Wir schreiben das Jahr 2005 und das Erstlingswerk ist fünf Jahre alt. In seinem Spielzimmer befinden sich handgenähte Puppen mit Zubehör, Autos, Bauklötze, ein Strickliesel, Stifte und Bälle. Ich versuche ihn auch erfolglos an das von mir so favorisierte Konzept „Puppenhaus“ heranzuführen. Trotz all der behüteten Atmosphäre sammelt das Kind bei jedem Ausflug in die Natur Stöcke und Steine und fängt sofort an, damit zu schießen („PENG! PENG!“) oder imaginäre Endgegner zu lynchen.

Wenn wir dann heimgingen, verlangte ich stets, dass alle Stöcke, Steine und so weiter vor der Haustür abgelegt werden müssten, denn ich „Wöllte keine Waffen in meinem Haus!“. Selbstverständlich war ich der felsenfesten Überzeugung, dass ebenso jegliche Arten von Ballerspielen mit gewaltverherrlichendem Inhalt von meinem friedfertigen und liebevollem und jedem Wesen auf der Erde in Achtung zugewandtem Sein (und vor allem meinen Kindern) fernzuhalten sind.

Zeitsprung. Wir schreiben das Jahr 2018 und der Zweitgeborene ist fünf Jahre alt. Gestern dann hier so:

„Mama, spielst du mit mir mit meiner Pirateninsel?“. „Klar. Gerne!“. „Ich bin dieser Räuber hier und du kannst den Mann haben.“. „Okay, ich komme mit meinem Boot hier an… „. „… Und dann komme ich und schieße dich! Peng, peng!“. „Äh, warum? Okay, dann spiele ich jetzt eben mit diesem Männel…“. „Ich bin der Schießpistolenmann und du wirst jetzt geschossen!“. „Wieso werde ich denn immer erschossen? Das ist doch kein lustiges Spiel!“. „Weil das so ist, Mama. Und jetzt stellst du dich hier hin und ich knall mit der Kanone auf dich!“. „Gut, dann bin ich hier der gefährliche feuerspeiende Drache und du darfst mich abknallen, weil du die Insel beschützen musst vor mir. Aber nur ein mal! Aua! Du tust mir weh!“.

„PENNG! PENG! PENG!“, „So, jetzt möchte ich das nicht mehr spielen. Das macht mir keinen Spaß! Ich bin jetzt hier dieser Mann und ich grille jetzt ein Pferd hier und decke den Tisch für uns und dann können wir essen und laden noch alle anderen Playmobil-Figuren ein…“, „Und dann kommt der Pistolenschiessmann und du wirst geschossen! Peng! Peng!“.

Wir haben dann den Rest des Nachmittags mit der Nerf seines Bruders rumgeballert (ich durfte die Munition einsammeln), während die anderen Kinder – pardon – der Mann und der Großsohn an den Waffen saßen und Fall out und Borderlands spielten…

 

Epilog:

Deshalb sieht man auf Instagram von mir dauernd Fotos aus der Küche. Ich verstecke mich beim Kochen und Backen, wenn die Alternative „Spielen mit den Kindern“ bedeutet. Und ich würde mich sehr freuen, wenn ich mal zum Puppenhausspielen oder Puppenküche bespielen irgendwo anders eingeladen würde. Ich bringe auch gern aus Knete selbst gebackenes Obst mit. Und nein, ich weiß auch nicht, was ich hier falsch gemacht habe… Und nur fürs Protokoll: Zum Heer geht keiner von meinen Zöglingen! Notfalls lege ich mich nacksch als Kanonenfutter auf´s Feld.

Peace!

5 Kommentare zu “Spielen mit Kindern

  1. Same here. K1 hat auch ein riesen Interesse an allem, was schießt, sticht oder in Tarnfarben daherkommt *rolled eyes*
    Dabei sind wir Eltern zu Studentenzeiten mit Dreadlocks rumgerannt…
    Als Gegenmaßnahme wird hier immer Reinhard Mey ‚Meine Söhne bekommt ihr nicht‘ und Gehard Schöne in Dauerschleife gehört ;o)

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  2. Mein Sohn hat, da ich ihm Spielzeugwaffen verbot, mit 3 Jahren den Badzimmerteppich eingerollt und damit auf mich geschossen. Zum Glück hat die restliche Erziehung genügend Früchte getragen, dass er seine Abikollegen, die zur Bundeswehr zum Studieren gingen, als irgendwie seltsam empfand. Hoffnung besteht also! Es scheint aber (in meiner Familie zumindest) ein Jungensding zu sein: Meine Tochter hat so etwas nicht gemacht, dafür aber im zarten Alter von 2 Jahren auf „sick und sööönen“ rosa Schuhen bestanden und damit die 8 lange Jahre dauernde Rosaphase eingeläutet, obwohl ich ihr bis dahin gar nichts rosanes gekauft hatte… Manches scheint entgegen aller Hoffnung doch im Kind selber zu stecken…

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    • Also das muss nicht der Schluss daraus sein – wir sind ja nunmal nicht die einzigen die unsere Kinder sehen und die auf sie einwirken…. das ist glaub ich ein größeres gesellschaftlich strukturelles Phänomen.
      Ich glaub nicht, dass das unbedingt in den Kindern steckt… aber was weiß ich.

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      • Mein Sohn war damals schon im Kindergarten, da mag das gut möglich sein. Seine Schwester war mit 2 Jahren noch nicht fremdbetreut, weder in einem Kindergarten noch bei der Verwandtschaft, da die mehrere 100 Kilometer weit weg wohnt. Außerdem bestand das direkte Umfeld auf dem Spielplatz ungelogen ausschließlich aus Jungs. Aber was weiß ich schon…

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