Die Glücksbürste

Ich fahre mit den Nachkommen zur samstäglichen Lebensmitelbeschaffungsquelle. Von hinten singt das Kleinste glücklich mit seiner Tweety-Stimme:

„Hip, Schulter, niesenos, niesenos. Hip, Schulter, niesenos, niesenos. Aishe isst Bananentoast. Hip, Schulter, niesenos, niesenos!“

Der Großsohn schreibt gerade seine Prüfungen und die Vorprüfungen sind prima gelaufen. Auch stellt er sich passabel an und der Muttihimmel hängt voller Geigen deshalb. Auf dem Rückweg vom Kaufmannsladen nutze ich entsprechend die Gunst der Stunde und dass er nicht abhauen kann aus dem fahrenden Auto, um ein Qualitätsgespräch zu führen:

„Was hast du denn für Pläne für die Ferien? Wollen wir mal für zwei Tage nach Berlin fahren uns was angucken?“. Nein. „Vielleicht ist auch in Köln eine Daddel Convention, willst du da hin? Ich fahr mit dir!“. Nein.

Mist. So ein junger Mensch braucht doch Pläne und Ziele! Das musikalische Glückskind stimmt nun ein anderes Volkslied an und wünscht uns eine glückliche Bürste:

„Häbbi Bürste tu juu, häbbi Bürste tu juu…“

Ich zum Nicht-Sänger: „Aber sage doch mal, auf irgendwas musst du doch Bock haben! Du kannst doch nicht sechs Wochen in der Bude sitzen, pennen und Animes gucken!“. „Wenn ich die Prüfungen geschafft habe, werde ich mir richtig einen durchziehen. Darauf hab ich Bock!“.

Häh?! Was hat der gerade gesagt?! Was will der durchziehen? Doch nicht DAS, oder?! Ohweiohwei, bei der heiligen Christiane F. und allen Kindern vom Bahnhof Zoo, ich muss doch jetzt nicht dieses Sex-and-Drugs-and-Rock´n Roll-Gespräch führen, oder? Wieso? Der ist doch erst siebzehn! Ich dachte, ich habe noch massig Zeit! So etwa zehn Jahre, oder länger. Verdammt! Doch dann…

„Hach, Kinder, guckt mal! Hier ist schon unsere Straße. Da vorn steht unser Haus. Wirklich schade, aber die Fahrt ist zu Ende. Wir sind da!“.

via giphy

Und von hinten trällert es:

„Geeenau! Ausstieg in Fahrtrichtung links!“

Liebe im Wandel

Babies sind toll! Das weiß jeder. Und die Blogs und Magazine sind voll von Babies. Haltung, Förderung, Ernährung, Glückseligkeit. Alles ist wichtig, wird beleuchtet.

Und Kleinkinder sind toll! Sie lernen jeden Tag ein bisschen mehr und, hach, die Brust platzt einem als Mutter fast vor Stolz, wenn das eigene Fortpflänzchen auf einmal etwas ganz Großartiges geschafft hat. Und auch darüber kann man viel lesen. Auf Blogs zum Beispiel. Oder in Magazinen. Während dieser Zeit ist man Teil einer starken Peergroup. Und das ist schön! Es gibt ständig Austausch über Entwicklungsschritte. Wie ist das bei euch? Was kann eures schon?

Schulkinder sind dann schon „die Großen“. Gelegentlich wird noch über Schulprobleme, Hochbegabung und dergleichen geschrieben. Oder sie werden in ihrer Rolle als große Schwester und großer Bruder beschrieben.

Sind die Kinder dann zwölf, dreizehn, ist Schluss. Schluss mit lustig, Schluss mit der Berichterstattung. Peergroup Fehlanzeige. Stattdessen Pubertät. Willkommen in der Elternhölle!

Pubertät ist furchtbar.

Pubertät ist das allerschlimmste, da ist sich jeder sicher! Besonders Leute, die selbst noch keine pubertierenden Kinder haben, wissen das ganz genau und sagen zum Beispiel auf laut geäußerten späten Kinderwunsch Sachen wie: „Jetzt noch ein Kind? Nein danke. Also ich will mit sechzig keine Pubertät mehr mitmachen müssen!“. Wovon sprechen die dann genau? Von der Erinnerung an die eigene Pubertät? Oder von Erzählungen anderer?

Jetzt ist es ja so, dass man da in mir einen Gesprächspartner hat, dem nicht nur genau das bevorsteht, sondern der auch jetzt schon mit dem ersten Fortpflänzchen mittendrin ist. Entsprechend bockig reagiere ich auf derlei phrasenhafte Verallgemeinerung. Es gibt doch nicht „die“ Pubertät!

Pubertät ist individuell.

Maulen, Motzen, aufmüpfiges Verhalten ab circa dem neunten Geburtstag kann günstigerweise mit vorpubertärem Verhalten gelabelt werden. Ab dem zwölften Geburtstag dann hat man für alles eine Generalentschuldigung: Die Pubertät! Schön einfach, oder?

Pubertät ist ne super Entschuldigung für unmögliches Verhalten.

Wobei, einfach ist wohl nichts an dieser Zeit.

Ich könnte jede Woche das Blöggel füllen mit Erlebnissen mit dem Großen, meinen Gefühlen für ihn. Warum liest man dann so selten über das Leben mit Jugendlichen? Für mich ist es so, dass ich schon wahrnehme, dass mein Sohn eine Persönlichkeit ist. Noch dazu eine mit Netzpräsenz. Und mir ist vollkommen klar, dass es ihm nicht gefallen würde, über sich zu lesen. Bilder von sich zu sehen, auf denen er erkannt würde.

(Ich mache mir über dieses Phänomen schon seit längerem Gedanken, genaugenommen seit die  Diskussion über Kinderfotos im Netz entstand und ich für meinen Teil muss mir eingestehen, ja, es fällt mir sehr leicht, über mein Baby zu schreiben und es Teil dieser Geschichten in dem Blog werden zu lassen. Wenn ich darüber nachdenke habe ich stets den Eindruck, ich schade ihm nicht. Und auch was Fotos von dem Kleinsten anbelangt: He! Er sieht doch jede Woche anders aus! Und dennoch überlege ich mir oft, inwieweit das als übergrifflich gewertet werden könnte. Hm. Darüber nachzudenken ist sicher in keinem Fall verschwendete Zeit.)

Wenn ich bislang über den Großen schrieb, dann hauptsächlich über das Leben mit einem Kind, das aufgrund seiner Persönlichkeitsstruktur „besonders“ ist.

Besonders ist auch die Pubertät.

Mein Sohn wird sechzehn in diesem Jahr. Wenn ich neben ihm sitze und seine langen Arme ansehe, auf denen sich schon Sehnen abzeichnen, aufblicke in sein Gesicht, das eine Haupteslänge über meinem ist, dann ist das mit einem verblüfften Staunen verbunden.  Ein junger Mann mit tiefer Stimme, der so gar nichts mit dem Baby und Kleinkind von einst gemein hat. Der zum Teil gefestigte Standpunkte vertritt, der eine eigene Körperhaltung ausgeprägt hat und schon als Persönlichkeit wahrgenommen werden muss. Das ist seltsam! Ehrlich.

Ich habe viele Jahre in ständiger Sorge um diesen Jungen gelebt und habe wirklich geglaubt, ich würde niemals nie aufhören (aufhören können) ihn zu bemuttern, zu beschützen, meine Flügel schützend um ihn zu legen. Irgendwie richtet das die Natur dann doch so ein, dass die Kinder Signale geben und dass das dann ganz langsam passiert. Dieses Loslassen. Wirklich immer!

Es gibt keine körperlichen Liebesbezeugungen zwischen uns und nehme ich ihn einfach beim Kopf und drücke ihn, macht er sich steif und schüttelt mich ab wie ein Insekt. Und dennoch sind wir zwei nach wie vor in Liebe verbunden. Das wird in anderen Situationen deutlich: Wenn wir streiten und ich ihm erkläre, wie verletzt ich bin, weil ich das Gefühl habe, er respektiere mich nicht. Dann bekommt sein Blick etwas Dunkles und er versichert mir, dass das nicht so sei! Auf keinen Fall! Und wie gut er sich fühlt, wenn ich ihn lobe, weil er mir bei irgendwas geholfen hat. Wenn ich ihn sehe, wie liebevoll und fürsorglich und geduldig er mit seinem kleinen Bruder umgeht. Mit wieviel Mühe er Geschenke für unsere Geburtstage auswählt. Und wir für den seinen. Wenn ich mich manchmal morgens auf die Kante seines Bettes setze um ihn zu begrüßen und er dann doch die Hand nach mir ausstreckt… wie früher.

Gemeinsame Unternehmungen gehen jetzt immer von mir aus. Möchte ich mit meinem Sohn etwas unternehmen, muss ich mir Gedanken machen. Frage ich ihn dann, ob er mit mir einen Einkaufsbummel/ Kinobesuch/ irgendwas machen will, kommt häufig ein gelangweiltes Schulterzucken als Antwort. Gefolgt von: „Können wir mal machen.“. Reagiere ich dann gekränkt, versaue ich uns beiden den Spaß. Denn wenn wir dann wirklich mal losgehen (dazwischen kommt noch mindestens einmal „Heute nicht. Hab keen Bock!“), dann ist es schön. Und vertraut. Und es kommen gute Gespräche in Gang. Und ich spüre, wie nah wir uns noch sind.

Pubertät ist wie eine stürmische See.

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Dazwischen auch immer wieder Nervenaufreibendes. Ich habe vor gar nicht langer Zeit mal zu ihm gesagt: „Ich liebe dich wirklich sehr, aber im Moment kann ich dich einfach nicht leiden!“. Es hat ihn nicht geschockt, vermutlich fühlt er ähnlich…

Wir haben so viele Kämpfe durchfochten die letzten Jahre, dass mir die aktuelle Zeit wunderbar entspannt vorkommt. Es hat gedauert, Regeln für diese Familie zu etablieren und vor allem, weil der Sohn oft das Gefühl hatte, nur er müsse sich an diese Regeln halten! Da zeigte sich, dass Pubertät eben auch Prozessveränderung bedeutet. Rückwirkend ist ein festes Regelkonstrukt für uns hilfreich gewesen, da es uns ermöglichte, an explizit benennbaren Stellschrauben (zB. Pflichten im Haushalt/ Schlafenszeit/ Mediennutzungsdauer/ Taschengeld) zu drehen und damit unserem Jugendlichen das Gefühl zu geben, seine Freiheiten wüchsen mit wachsendem Alter messbar. Damit will ich um Gottes Willen nicht den Anschein erwecken, ich hätte Ahnung von solchen Dingen. Das läuft hier wie anderswo nur nach der trial-and-error-Methode.

Pubertät ist anstrengend.

Für den Jugendlichen in erster Linie. Die Hormone spielen verrückt und alles steht Kopf. Wohin will ich? Was will ich? Wen? Verrückte Fragen schwirren einem auf einmal im Kopf rum und das eigene Spiegelbild verändert sich. Nicht immer gefällt dem Jugendlichen, was er dort sieht. Dazu kommen irre Wachstumsschübe. Auf einmal wachsen bei Jungen zum Beispiel Arme und Beine sprunghaft und der junge Mensch sieht aus wie ein Schlaks, dem die Tentakel ständig im Weg sind. Dann wachsen die Finger und Zehen sprunghaft und du sitzt auf einmal am Abendbrottisch neben einem Wesen halb Mensch, halb Lurch. Dann brauchst du einen Dispokredit, weil zusätzlich zum normalen Familieneinkauf palettenweise Joghurt und säckeweise Schnitzel rangeschafft werden müssen. Zusätzlich zu Großpackungen an Keksen und Softdrinks und Süßkram. Und trotzdem wiegt der Schlaks vielleicht nur fünfundvierzig Kilo bei einem Meter siebzig Körperhöhe und du denkst, scheiße, wie krieg ich den bloß satt? Und auch der Gedanke kommt dir: Gotte sei Dank haben wir zwei Bäder! Während ich aus Erzählungen Jugendliche kenne, die mit dreckigen Fingernägeln und fettigen Haaren das Haus verlassen, haben wir ein sehr reinliches Exemplar. Was prinzipiell gut ist, aber Geduld erfordert! Also von allen anderen Familienmitgliedern. Zweimal täglich eine Stunde sind minimale Badzeiten. Währenddessen ist die Tür verschlossen und die Musik laut. Du kommst hier net rein! Also wirklich nicht. Nicht mal im Notfall. (Merke: Zwei Bäder sind wichtig. Notfalls Dixie-Klo organisieren.).

Pubertät ist also auch für Eltern anstrengend. Diese ganze Abnabelei ist wichtig, keine Frage, aber das ist auch schmerzhaft. So eine Familie ist ja ein geschlossenes System und wenn sich jemand in diesem System ändert, ruckelt alles. Das ist logisch. Und dann kann man versuchen, an alten Gesetzmäßigkeiten festzuhalten und das System im alten Modus wieder zum Laufen zu bringen. Kann man versuchen. Vielleicht klappts ne Weile. Oder das System blockiert völlig. Oder aber alle anderen verändern sich auch ein bisschen mit.

Pubertät ist die Zeit sich zu verändern und neu kennenzulernen.

Und das tut unter Umständen weh. Mensch, war doch alles so schön! Warum kann es nicht so bleiben? Darum! Weil Leben Veränderung bedeutet.

Ich habe mal bei Jesper Juul einen Slogan gelesen im Zusammenhang mit der Pubertät: „Von der Erziehung zur Beziehung“. Und da ich ja keine Erziehungsratgeber lese, hab ich mir auch nur diesen Slogan gemerkt. Treffenderweise sagt der eigentlich auch alles aus. Es ist unsinnig, einem Sechzehnjährigen irgendwas einbläuen zu wollen. Man muss anfangen, auf Augenhöhe zu gehen und ja, auch verhandeln. Seine eigenen Muster zu hinterfragen. Warum ist mir dies und das so wichtig und ist es das wirklich oder geht’s vielleicht um etwas ganz anderes? Wenn man sich darauf einlassen kann und sich auch selbst hinterfragt, kann das gut laufen. Spaß macht das nicht. Beziehungsarbeit macht in keiner Partnerschaft wirklich Spaß, sonst würde es ja Beziehungsspaß heißen! Und warum? Weil der erwachsenen Mensch (ich) ja eigentlich gern an Altbewährtem festhält und ungern Kontrolle abgibt.

Hilfreich war auch mal das Statement eines Mannes, der mit Jugendlichen arbeitet und der mir erklärte, von seinem Standpunkt aus betrachtet gibt es nur eine Sache, die ein Jugendlicher muss: Regelmäßig die Schule besuchen. Das ist sein Job. Das muss er. Alles andere sei nebensächlich. Gewagte These, aber dennoch hilfreich, wenn man vor lauter „Problemen“ nicht mehr Wald von Baum und Borke unterscheiden kann.HPIM1972

Kleine Kinder, kleine Sorgen. Große Kinder, große Sorgen. Da ist was dran. Während ich mein Kleinstes mit jeder Faser meines Seins genieße und wirklich nur im Hier und Jetzt lebe, kreisen meine Gedanken an den Großen immer mehr um die Zukunft. Und fast ausschließlich sind sie mit Sorgen, Bedenken und Ängsten behaftet. Meinen Ängsten, wohlgemerkt! Wie geht das mit der Schule weiter? Wie wird ihn die Liebe finden und wird sie große Schmerzen im Gepäck haben? Welche Erfahrungen wird er mit Drogen und Alkohol machen und wie geht das für ihn aus? Wird er Gewalterfahrung machen müssen und kann ich ihn irgendwie davor beschützen? Also vor allem? Für zehn Jahre einschließen vielleicht? Und würde ich es denn noch zehn Jahre mit diesem komplexen, anspruchsvollen, streitbaren Menschen in einem Haus aushalten?

Pubertät ist die Zeit der ambivalenten Gefühle.

Auf allen Seiten.

Es ist nach wie vor eine zärtliche Liebe in meinem Herzen. Eine Liebe, die in den letzten sechzehn Jahren einem steten Wandel unterzogen war, und dennoch lichterloh brennt. Aber mittlerweile eben anders. Ich spüre die unsichtbare Nabelschnur zwischen uns nicht mehr so stark pulsieren. Ich kann zulassen, dass andere Menschen wichtig sind in seinem Leben. Dass die Meinung anderer Leute manchmal wichtiger ist als meine. Öfter sogar.

Dass ich mehr für diese Beziehung tun muss als früher. Und vielleicht auch für die nächsten Jahre. Dass ich Angebote machen muss, dass ich auf ihn zugehen muss. Immer wieder. Auch wenn er mich anbellt, er wölle jetzt nicht reden. Gesprächsbereit bleiben. Nähe – Distanz. Den Wunsch nach beidem respektieren.

Und schlussendlich dem Bärtigen zuprosten! Denn so schlecht haben wir das die letzten Jahre wohl nicht gemacht. Jetzt zeigt sich, welche Werte und Normen in ihm verankert sind und meistens – immer öfter – gefällt mir gut, was ich sehe! Ein höflicher, sympathischer junger Mann, der ein gutes Herz hat und ein Gefühl entwickelt für seine Umwelt. Und wenn mir jemand vor fünf Jahren gesagt hätte, dass ich das heute über ihn schreiben würde, hätte ich mich sehr gefreut.

Pubertät ist die beste Zeit, sich täglich einzureden: Es ist alles nur ne Phase!

HPIM1971

Der große Tag

Am vergangenen Samstag hatte unser Erstgeborener Jugendweihe. Dieses Fest geht auf die Freidenkergemeinde zurück und stellt ein nichtchristliches Pendant zur Konfirmation dar. Ein Initiationsritual, um den jungen Menschen im Kreis der Erwachsenen willkommen zu heißen.

Als DDR-Kind kam man gar nicht um dieses „Event“ drum herum, wurde es nur allzu gern instrumentalisiert, um die gewünschte Ideologie und den marxistisch-leninistischen Klassenkampfgedanken und die zweifelsohne bewiesene vorherrschende Überlegenheit des Sozialismus durch Veranstaltungen in den Köpfen und Herzen der Jugendlichen auf ewig einzupflanzen.

Hat nicht funktioniert. Wir haben alle nur wegen der Geschenke mitgemacht.

Mir gefällt allerdings der Ursprungsgedanke. Und auch heute noch werden im Rahmen dieser Weihe die Jugendlichen mit Veranstaltungen rund ums Erwachsenwerden, Erwachsensein, unsere humanitäre Verpflichtung gegenüber der Welt und unseren Mitmenschen auf ihren Schritt in die Selbständigkeit vorbereitet. Es ist ein bisschen wie ein erweiterter Ethikunterricht. Nur draußen. Und alles ist freiwillig. Am Ende folgt dann eine festliche Veranstaltung mit kulturellen Beiträgen (meist in einem Theater abgehalten), wo alle Jugendlichen eines Jahrgangs im Beisein ihrer stolzen Verwandten in todschicken Klamotten auf einer Bühne stehen und die Devotionalien des Festtages entgegennehmen (Buch, Gerbera, ein Pamphlet).

Man muss den Dingen
die eigene, stille ungestörte Entwicklung lassen,
die tief von innen kommt
und durch nichts gedrängt oder beschleunigt werden kann,
alles ist ausgetragen –
und dann geboren…

Reifen wie der Baum,
der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen des Frühlings steht,
ohne Angst
dass dahinter kein Sommer kommen könnte.

Rainer Maria Rilke

Auch heute machen die jungen Leute nur wegen der Geschenke mit.

Also nun der unsrige. Ich war mäßig aufgeregt. Übermäßig. Ansteigend aufgeregt, könnte man sagen. Am Vorabend legte ich schon die Klamotten der Kinder in ordentlichen Häufchen breit und ging in Gedanken alles durch. Kneipe war bestellt, Einladungen waren verschickt. Zwei Varianten, um auch ja die innerfamiliären Animositäten zu beachten! Person A kann nicht im selben Raum wie Person B sein, also kommt Person A zur Feierstunde und Person B zur anschließenden Familienfeier. Oder doch lieber umgekehrt? Das Hotel für die Leute von außerhalb reserviert. Allen erklärt, wann man sich wo trifft. Ich war soweit fertig. Der große Tag konnte kommen.

Er kam. Und ich drehte schon frühmorgens durch. Also so richtig. Nicht das Pipifax-Durchgedrehe, das ich sonst auch täglich veranstalte. Ich schmiss Kleider, Mäntel, Blusen und Schuhe in der Gegend rum. Ich hatte noch immer nichts anzuziehen! Der Beste besah sich mein Treiben mit müden Augen vom Bett aus und sagte den folgenschweren Satz: „Jetzt erst fängst du an, dir Gedanken zu machen, was du anziehst?“. Ich sag euch, der war binnen Minuten hellwach! Ein gnadenloses Donnerwetter brach über ihn herein. In Gestalt seiner hysterischen Zwergenfrau. Ob er überhaupt eine Ahnung hätte, was ich alles in den letzten Tagen und Wochen um die Ohren gehabt hätte wegen diesem Tag. Und ob ihm nicht aufgefallen sei, dass die gemeinsame Behausung bereits seit Wochen einer Edelboutique ähnelte, weil einfach an jeder Tür und an jedem Schrank Unmengen von Kleidern hingen. Und ob er auch nur den Hauch eines Verständnisses dafür aufbringen könnte, dass ich zwar an jedem Abend mit der Gewissheit ins Bett gegangen sei, etwas Passendes zum Anziehen zu haben, aber an jedem verdammten Morgen im todsicheren Bewusstsein erwacht wäre, dass einfach nichts von all dem hier wirklich passend sei! Und wenn ihm sein Leben lieb sei, dann solle er wenigstens einmal so vernünftig sein und die Klappe halten und einfach mal nicht im Weg rumstehen. Das sei schon alles. Mehr würde ich wirklich nicht verlangen! Danke.

Ich bin mit einem sehr klugen Mann verheiratet. Er nahm sich den Hosenscheißer und ging mit den Nachbarsmännern und deren Hosenscheißern einfach runter in den Hof spielen. Den ganzen Tag.

Gegen elf Uhr Mittags hatte ich noch immer nichts zum Anziehen, aber für alle Fälle schon mal Lockenwickler auf dem Kopf. Was das werden sollte, das wusste ich allerdings selbst nicht. Dennoch kam mir das anlassentsprechend vor.

Scheiße, war mir schlecht. Und ich hatte Herzrasen. Ich fühlte mich wie eine Braut an ihrem Hochzeitstag. Eine vollkommen verrückte, durchgeknallte Braut.

Durchdrehen macht hungrig. Ich erschien in meiner Lockenwicklerpracht auf dem Balkon und bellte „Schatz!“ nach unten. Sechs Augenpaare blickten zu mir hoch (so müssen sich Könige fühlen). Ich erbat, dass einer der Schätze bitte zum Supermarkt flitzen möge um mir eine Tüte Milchreis zu besorgen. Maggifix oder Mondamin, sowas halt. Die Nachbarsmänner boten hilfreich an, mir mit Milchreis auszuhelfen. Also Körnern. Ich atmete, bis ich wieder bei Stimme war und erklärte dann bemüht unhysterisch, dass ich ganz sicher nicht in der Lage sei, dreißig Minuten in einem Topf zu rühren! Und auch sonst eher nicht der natürliche Typ sei. Ich bräuchte E-Stoffe! Stärke. Zucker! Viel. Und pronto!

Der klügste unter den Schätzen stapfte los und legte wortlos nach nur wenigen Minuten eine Tüte E-Stoff-Milchreis in den Flur. Dann ganz schnell wieder die Tür zumachen, vielleicht beißt die Frau sonst in die Hand? Man kann nie wissen…

Nachdem ich mich gestärkt hatte, durften auch die Jungs wieder rein. Ich versprach, mich zu benehmen.

Wenig später- der Bärtige stutze die Wallemähne, die ihm diesen Namen eingebracht hatte- da klingelte es. Der Pizzadienst! Ich informierte den behaarten Mann, dass ein „senior food delivery manager“ unten sei. Mit  Pizza. Der Mann empfahl, dass ich dann doch runtergehen möge um diesem Menschen im Tausch dafür Geld anzubieten (Ich hatte noch immer die Lockenwickler auf dem Kopf!). Ich informierte ihn im Gegenzug darüber, dass ich finden würde, er sei heute so hilfreich wie ein eitriges Gerstenkorn und präsentierte mich danach dem nächsten Mann an diesem Tag mit bunten Plastikwürsten auf dem Kopf.

Nach dieser neuerlichen „shame attack“ erklärte ich der Familie, ich würde das jetzt so lassen mit dem Plastekopf. Fall ich überhaupt mitkäme!

Eine Stunde vor Abmarschzeit zerrte ich die Nähmaschine aus dem Schrank, steckte mit zittrigen Fingern eine Hose ab (von der ich in diesem Moment annahm, dass sie die einzige sei, die ich heute würde tragen können) und würschte den Stoff irgendwie durch die knatternde Maschine. Der Faden riss nicht. Die Beine waren am Ende sogar gleich lang! Das war wirklich nicht zu erwarten gewesen.

Ich hatte was zum Anziehen. Ich ging also mit (Die Lockenwickler blieben zu Hause. Eine Frisur hatte ich trotzdem nicht, nur Haare, aber das war auch keine wirkliche Überraschung.). Die Jungs waren allesamt innerhalb drei Minuten fertig und sahen so… aus, dass ich schon mal probeheulte.

Programm zur Jugendweihe

Programm zur Jugendweihe

Im Theater ging es dann weiter. Eine Schauspielerin eröffnete mit Hilde Kneefs „Für mich solls rote Rosen regnen“ und ich heulte ab dem ersten „mich“. Als mein Kind auf die Bühne gerufen wurde, brachen alle Dämme. Wie er dort stand. So erwachsen, so ernst, so groß, so klein. Mein Junge.

Loslassen, ein Wort, das schwer zu fassen,
manchmal möchte ich es hassen,
trennt es doch was einst verbunden,
es entstehen tiefe Wunden.
Ich will es lernen, tut es auch weh,
und bin ich bereit, ich schließlich seh´,
daß alles im beständigen Fluß.
Loslassen ist leider ein Muß.

Irmgard Adomeit

Der Kindsvater lachte mich aus und machte Fotos von meinem verheulten Gesicht. Ich hielt mich an meinem Baby fest und ignorierte den emotional unterentwickelten Mann.

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Dann schnell Fotos machen. Du mit dem und jetzt noch mal andersherum. Nun alle bitte vor dem Springbrunnen. Halt! So nicht, bitte so. Es dauerte. Draußen lief mir bereits die Mailbox vom Handy über, weil alle, die wir irgendwie unterwegs auf dem Weg zum Restaurant treffen sollten, mich bereits darüber informierten, dass: Es zu kalt sei/ Man schon ewig warten würde/ Man jetzt alleine losginge und: Wo wir denn verdammt noch mal blieben?!

So kamen wir zu unserem eigenen Fest als letzte im Restaurant an. Alle hatten sich irgendwie platziert, Kaffee geordert und feierten schon mal los. Es gab auch keine vier zusammenhängenden Plätze mehr für uns. Man saß ja schon! Und was mer ham, das hammer. Bevor wir uns dann zu viert auf einen Eckplatz quetschten, traf aber noch eine befreundete Familie ein und ich gab die nonchalante Gastgeberin. Stellte die Freunde unseren Verwandten vor und erklärte meinen Freunden, das da vor ihnen seien quasi unsere Verwandten. Also bis auf die Familie Schiemann dort drüben, mit der wären wir nicht verwandt. Nur befreundet.

Ganz großartig…

Als ich mit einer halben Arschbacke auf dem Eckplatz verkantet war, sah ich, dass nun alle Torte schaufelten und murmelten und das gefiel mir aber auch nicht! Das war nicht festlich genug. Igerndwer müsste was sagen. Ich rungste und schubste also „Irgendwer“ zu meiner linken Seite an und besprach ihn ohne Unterlass, dass er gefälligst aufstehen und was Feierliches sagen solle!

Und der Mann hat wirklich eine leidenschaftliche Rede gehalten. Das ist nicht zu leugnen. Zuerst stellte er sich allerdings irgendwo unsichtbar an den Rand und murmelte etwas von „Tag“ und „Appetit“, was meine innere Autovervollständigung zu „Guten Tag und guten Appetit!“ auffüllte, aber dann! Mit funkensprühendem Blick schmiss er seinen Körper auf unseren Eckplatz und mit ungeahnter Leidenschaft hielt er eine Rede. An mich gerichtet. Ob ich jetzt zufrieden sei, dass er sich mal wieder zum Horst für mich gemacht hätte und dass ihm mein überkandideltes Anspruchsempfinden sowas von auf den Sack gänge! Wenn ich mich nicht sofort runterfahren würde, dann könne er heute für rein gar nichts mehr garantieren! Er habe seine letzten Haare verloren. Und die letzten Nerven, auf die ich ihm noch hätte gehen können. Es reiche!

Was für ein Temperament! Mir war ganz wuschig ❤

Leider platzierte er mich darauf ans andere Ende der Tafel, weil er sich von mir ausruhen musste. Dort saß ich dann auch den Rest des Tages und versuchte, mich dem Anlass entsprechend zu verhalten. Von dort hinten konnte ich allerdings auch nicht verhindern, dass Vater und Sohn unter großem Gejohle ihr erstes gemeinsames Bier zusammen leerten!

Nein, es war wirklich schön.

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Tags darauf nahm der Junge, der jetzt ein junger Mann ist, meine Hand und erklärte, mit dem Fotobuch und der Feier hätten wir ihm das schönste Geschenk von allen bereitet. Das aus dem Mund eines Menschen zu hören, der niemals in der Lage wäre, etwas aus bloßem Kalkül zu sagen, hat mich sehr ergriffen.

Gestern waren wir in der Stadt. Und haben uns einen Maple Macchiato geteilt. Der junge Mann und ich.

Mit der Zeit lernst Du,

dass eine Hand halten nicht dasselbe ist
wie eine Seele fesseln.
Und dass Liebe nicht Anlehnen bedeutet
und Begleitung nicht Sicherheit.
Du lernst allmählich,
dass Küsse keine Verträge sind
und Geschenke keine Versprechen.
Und Du beginnst,
Deine Niederlagen erhobenen Hauptes
und offenen Auges hinzunehmen
mit der Würde des Erwachsenen,
nicht maulend wie ein Kind.
Und Du lernst,
all Deine Straßen auf dem Heute zu bauen,
weil das Morgen
ein zu unsicherer Boden ist.
Mit der Zeit erkennst Du,
dass sogar Sonnenschein brennt,
wenn Du zuviel davon abbekommst.
Also bestell Deinen Garten
und schmücke selbst
Dir die Seele mit Blumen,
statt darauf zu warten,
dass andere Dir Kränze flechten.
Und bedenke,
dass Du wirklich standhalten kannst …
und wirklich stark bist.
Und dass Du Deinen eigenen Wert hast.

Kelly Priest

Valentinstag

„Mama, ich brauche fünf Euro für eine Rose! Ich will heute um Mitternacht im Mondenschein jemandem meine Liebe gestehen.“

Den Hang zur Theatralik hat er in jedem Fall von mir.

„Freundchen, um Mitternacht gestehst du niemandem deine Liebe! Da liegst du im Bett und schläfst.“.

„Ich hoffe, du weißt, was du mir damit zerstörst!“

Die Tendenz zu übertriebener Melodramatik wohl auch…

Von Blümchen und Bienchen

„Mama, was wollen Mädchen eigentlich? Also, von einem Jungen?“. Ohne mit der Wimper zu zucken oder vom Wäscheberg aufzublicken sage ich laut: „Das fragst du deinen Vater, der weiß das besser!“. „Den hab ich schon gefragt, der meinte, das wüsste er auch gern und ich soll doch dich fragen.“. Mit einem ostentativen Blick auf den Bärtigen sage ich deutlich zu laut: „Also, das ist wirklich ganz einfach!“, und versuche Zeit zu schinden…

Minuten später sitzt mein Sohn hoffnungsvoll (und offensichtlich hoffnungslos verknallt) vor mir und guckt mich erwartungsvoll mit seinen Bambi-Augen an.

„Sie zu fragen, fällt wohl aus, nehme ich an?“ (das Kind nickt), „Das Beste ist, wenn du einfach nett bist. Und höflich. Und hilfsbereit und zuvorkommend. Und ihre Nähe suchst! Dann schnallt sie das irgendwann.“.

Oh, mein Gott, was rede ich da! Das Kind wird fünfzehn! Wann war „nett“ je in Teenagerkreisen ein USP?

Ausweglos am Ziel vorbei schwadroniere ich weiter: „Weißt du, der Papa hat mir immer die Tür aufgehalten, obwohl das damals auch nicht mehr modern war. Einfach jede. Ich habe nie eine Autotür selbst öffnen müssen, er ging immer zuerst zur Beifahrertür und hielt die mir auf. Er hat sich immer wie ein Prinz aus dem Märchen verhalten.“. Darf man das noch sagen? Wo doch heute alle Mädchen und Frauen alles selber machen wollen und können?

Ich bin überhaupt keine Hilfe! Ich seh schon, wie mich eine andere Mutter anruft und mich befragt, welche antiquierten Wertesysteme wir unserem Sohn vermitteln. Scheiße!

„Und was, wenn du ihr einen Brief schreibst? Oder ein Gedicht?“. Für mich hat nie einer ein Gedicht geschrieben.

Oh Henrike, du meines Herzens Gräte,

wenn ich dich in die Finger kriegen tun täte,

ich schmisse dich auf meine Liege!

Hat niemand je geschrieben.

„Warte, vergiss das mit dem Gedicht. Wahrscheinlich zeigt sie das all ihren Freundinnen und dann lachen die über dich.“. Vermutlich wäre das der beste Augenblick, mit der Wahrheit rauszurücken: Ich habe keine Ahnung! Das Kind schaut immer noch hoffnungsvoll. Meine Arme und Mundwinkel werden immer länger.

Soweit ich mich erinnere, geht es nur ums Überleben, wenn du fünfzehn bist und nicht zu den coolen Kids gehörst. Das Kind gehört nicht dazu. Klassenbester und Außenseiter.

Ich erinnere mich, dass ich jahrelang für einen Jungen mit wilder Frisur und irrem Blick schwärmte, der nur mit mir knutschte nach der Schuldisco, wenn wirklich, und ich meine wirklich, alle anderen Optionen noch weniger vielversprechend waren. Währenddessen…

In meiner Klasse gab es den *Max Mustermann (*Name aus Datenschutzgründen geändert), Klassenbester und altkluger Streber. Der hatte zu allem Überfluss eine schlimme Schuppen-flechte und kaute an den Nägeln. In der ersten Klasse saß der bereits neben mir auf der letzten Bank. Und tat Unerhörtes, was mich veranlasste, mich zu melden und entrüstet zu verkünden: „Frau Menke, der Max hat mich gerade geküsst!“. Ob es Sanktionen gab, weiß ich nicht mehr. Was ich weiß ist, dass er auf jedem Klassenfoto neben mir sitzt. Auf unserem Jugendweihefoto neben mir steht und selbst in der Tanzstunde… Ach, wem mache ich was vor? Er war jahrelang der Einzige, der sich für das kleine, sommersprossige Mädchen interessierte. Er hatte nicht den Hauch einer Chance, rückblickend war mir gar nicht klar, dass der mich wohl urst Bombe fand (Hätter mal ein Gedicht geschrieben!). Also wurde er auch mein Tanzstundenpartner, obwohl ich lieber jemanden mit wilder Frisur gehabt hätte. Der Max klebte meine gesamte Schulzeit an mir.

Ich hatte kein Auge für die Netten, die Strebsamen. Das ist das Privileg der Pubertät. Was Aufrührerisches muss her. Wenn man in der Ecke mit den coolen Kids steht, sowieso. Und auch sonst. Dann schielt man eben zur Ecke mit den coolen Kids, und will auch dort stehen! Beliebt sein. Vielleicht dann erst recht.

Wann hört das auf? Ich hab keine Erinnerung mehr, wann „nett“ nett wurde. Leise anstatt laut, feinsinnig anstatt draufgängerisch. Sommersprossen auf den Armen anstatt Tattoos. Ab wann man sich zurückerinnert, wie die eigenen erwachsenen Vorbilder miteinander umgegangen sind. Selektiert, was man davon selbst haben möchte und was ganz anders.

„Hm, ich weiß auch nicht, was Mädchen wollen. Früher wollten sie cool sein und total beliebt. Vielleicht wollen sie das auch heute noch. Oder nur einige von ihnen. Möglicherweise findest du gerade die toll, die dich überhaupt nicht sehen. Daran kannst du vermutlich auch nicht viel ändern. Aber ich weiß ganz sicher, dass das besser wird. Später. Es wird einfacher.“ (Lüge! Schamlose Lüge!)

Das Kind schaut jetzt entmutigt und in mir krampft sich was (Wehe, wenn dem eine das Herz bricht!).

Man kann sich nicht aussuchen, in wen man sich verliebt. Nicht mit fünfzehn, nicht mit fünfzig. Aber manchmal ist es der Mut, sich zu offenbaren, der einem anderen das Herz öffnet. Nicht nur in Liebesdingen. Aber da auch. Wenn ich daran denke, mit welchem Blick mein Vater meine Mutter stets ansah, diese Mischung aus Erstaunen, Bewunderung und Stolz. Dieser Blick, der sagte: „Du bist die Eine für mich!“, vollkommen wurscht, wie antiquiert diese Äußerung auch heute sein mag. Ehrliches Interesse signalisieren, vor allem Interesse an dem, was im Herz und im Kopf los ist. Nicht nur in der Hose.

Aber das kann ich doch meinem Kind nicht sagen! Nein.

„Weißt du, wir hatten einen Jungen in der Klasse früher, der hieß Max.“, „Gehörte der zu den Coolen?“, „Nein, überhaupt nicht. Ich weiß nicht, ob der überhaupt während der Schulzeit je eine Freundin hatte. Aber du, wenn ich den jetzt sehe bei den Klassentreffen, freue ich mich immer besonders! Und weißt du was, der ist heute Physikprofessor und schreibt Bücher und unterrichtet Studenten!“, „Heute ist der also cool?“, „Ich glaub schon.“.

Das Kind guckt erleichtert, erhebt sich vom Stuhl und im Gehen sagt er: „Vielleicht werde ich auch mal Physikprofessor!“.

Ich atme tief, ich hab´s überstanden…

In der Tür dreht er sich plötzlich um und fragt: „Und was ist mit Sex? Der Arthur sagt, Mädchen wollen immer Sex?!“. „Nein! Äh, manchmal! Aber doch nicht jetzt! Und auch nicht mit sechzehn! Also überhaupt erst… Hä?! Also, der Arthur ist ein Idiot, der hat gar keine Ahnung! Und ich muss jetzt auch mal mit der Wäsche weitermachen! Und wenn du unterwegs im Flur deinen Vater triffst, sag dem, nur weil ich mir eine goldene Handschelle habe anlegen lassen, braucht er nicht aufhören, die Türen für mich zu öffnen! Und die Erfindung der Zentralverriegelung ist überhaupt keine Entschuldigung für nachlässiges Verhalten. Und überhaupt! Wann hab ich denn das letzte Mal Blumen bekommen?! Ja, ich weiß, ich mag keine Schnittblumen, aber ich will trotzdem welche! Und Komplimente! Aufmerksamkeit! Gedichte. Sag dem das. Und außerdem will ich, dass der die Erde küsst, auf der ich wandle und mich wie eine Prinzessin behandelt! Pah, keine Ahnung haben, was Mädchen wollen!“.

Ist doch ganz einfach, oder?

Mutanten – Sie sind unter uns!

Das Kind Nummer eins und mich verbindet etwas ganz besonderes. Es ist, als sei die Nabelschnur zwischen uns nie durchschnitten worden.  Wenn wir „Wer bin ich?“ spielen, können wir nie für einander die Personen auswählen. Weil ein tiefer Blick in die Augen des anderen meist genügt, um lapidar festzustellen: „Ich bin Angela Merkel, stimmts?“, „Und ich Sheldon Cooper?!“. It´s magic!

Überhaupt dieses süße, süße Geschöpf mit einem Duft, als würde Apfelkuchen in ihm backen und Augen, riesengroß wie bei Bambi und von der glänzenden Farbe einer guten Zartbitterschokolade (mit 75% Kakao!). Wenn du da zu lange hinguckst, überfällt dich eine Heißhungerattacke. Das Größte für ihn ist, früh wie ein Tornado in mein Bett geschossen zu kommen (wenn er nicht schon als blinder Passagier drin liegt), mich wie ein Krake zu tentakeln und in meinem Arm wach zu werden. Jahrelang  habe ich ihm morgens das „Küsschen-Lied“ von Monika Ehrhardt vorgesungen oder schief und krumm „Summertime“ aus Porgy und Bess, wenn er mal krank war. Zwischen uns passt kein Blatt Papier. Er ist die größte Liebe meines Lebens.

Irgendwann ist er ausgezogen. Ohne Vorwarnung. Ohne Nachsendeadresse.

Stattdessen hat er sein Zimmer und den Platz an unserem Esstisch untervermietet an ein „Dingsbums“, ein schlechtgelauntes, knurriges, tentakeliges Mutantenwesen. Es ist fast größer als ich, die Arme und Beine sind momentan so lang, als wöllte er sich als Spiderman-Double bewerben. Das Gesicht sieht man selten, weil Sommer und Winter trotz teurer Coiffeur-Frisur unter einer Mütze versteckt (Entschuldigung! Beanie.).

Wenn ich klopfend das Ex-Kinderzimmer meines Ex-Kindes betreten will, wird mir als Willkommensgruß oft ein leidenschaftliches „RAUS!!“ entgegengerufen. Einmal war ich nachts drin. Leute, hab ich mich erschreckt! Schnarchgeräusche, ich schwöre, wie bei einer armenischen Bauarbeiterbrigade nach feuchtfröhlicher Feierabendgestaltung. Keine Ahnung, wo aus diesem spindeldürren Körper derartige Laute herkommen!

Und der Geruch! Von wegen Apfelkuchenduft… Man sagt ja, Säugetiermütter erkennen ihre Jungen blind am Duft. Also diesem Test möchte ich mich momentan zu meiner eigenen Sicherheit nicht unterziehen. Es wäre durchaus denkbar, dass ich mit einem ausgewachsenen Puma nach Hause gehen würde.

Es spricht auch ausländisch. Beim letzten Versuch einer Konversation kam aus seinem Mund etwas Sinngemäßes wie: „Ich kann jetzt mit Shader spielen ohne FPS zu loosen, weil ich mir eine Mod installiert habe, die die FPS oben hält.“ Ich verstand Bahnhof und teilte das in meiner Hilflosigkeit auch so mit. „Ey Ma, du bist so ein peinlicher noob!“ war seine Antwort. Sicherheitshalber beschränkte ich meine weiteren Kommentare auf „Hm.“s.

Manchmal möchte ich das Wesen schütteln und anschreien: „WER BIST DU UND WAS HAST DU MIT MEINEM KIND GEMACHT???!“.

Ich weiß schon, was ihr jetzt sagen wollt: Das ist die Pubertät. Das ist normal.

Nix da! Von wegen normal! Ich sag euch, was normal ist! Wenn ich darüber lese oder das anderen passiert. Das ist normal! Aber doch nicht mir, und nicht diesem süßesten Kind von allen. Ich fand das perfekt! Was für eine grausame Natur zerstört Perfektion durch Metamorphose?!

Das ist ganz, ganz schlimm. Auf einmal bist du nicht mehr der wichtigste Mensch in seinem Leben, die Sonne seines Universums. Und nichts und keiner bereitet dich darauf vor. Egal, wieviele Bücher du liest.

Und jetzt soll ich mich gedulden…riesengroße Stärke von mir! Und vertrauen! Ihm, und darauf, dass die Samen, die ich gepflanzt habe, aufgehen werden. Was für ein Blödsinn!

Ich komme mir vor wie in einem Chemieexperiment! „Na, mal sehn, ob´s Gold wird oder Meißner Porzellan…oder nur stinkt und uns allen um die Ohren fliegt.“.

Aber zum Glück habe ich meine Schatzkiste.

Wenn es brennen würde, würde ich mir unter jeden Arm ein Kind klemmen und mit den Zähnen dieses Kästchen retten.

Die gesammelten Liebesbriefe meines Kindes an mich. Wenn ich diese Schachtel öffne, dann ist er wieder da. Bei mir.

tim

Ich muss Schluss machen, ich rührseliges altes Ding. Tempos holen…