Herzensangelegenheiten

Die erste Herzensangelegenheit: Ich danke euch allen für die zahlreichen und mitfühlenden Kommentare unter dem letzten Beitrag! Ich freue mich so über jede Zeile. Und wäre ich eine vorbildliche (oder nur eine leidlich anständige) Bloggerin, würde ich jeden einzelnen schon längst selbst dankend kommentiert haben. Aber diese hier – diese, ich – hat weder einen einen WordPresszugang über die App, einen mobilen Login oder sonstwas. Nein, diese ist zu faul, sich das endlich mal einzurichten und weiß auch nicht, wo eigentlich die Zugangsdaten stehen und ist froh, dass ihr guter alter Laptop die natürlich gespeichert hat und sie also über die Weboberfläche noch drauflässt auf das Blöggel. Es ist eine Schande, sie schämt sich, das tut sie wirklich, aber nun ja, so ist das eben. Und deshalb gibt es keine just-in-time-Dankbarkeiten, weil, ich muss immer erst die Turbine des Rechners hochfahren um auf einen Kommentar antworten zu können. Das hier ist jetzt für alle Kommentator- und -Innen (m/w/d, Unentschlossene sind mitgemeint): ❤

Fürderhin erwäge ich aufgrund meiner soeben beschriebenen Defizite im IT-organisatorischen Bereich eine Praktikantenstelle auszuschreiben, die ich dann mit zweifelhaften Kooperationen querfinanziere, die hier neuerdings wieder gehäuft bei mir einflattern. Aber darum geht es heute gar nicht. Es geht um Herzensangelegenheiten.

Es ist eine aufbruchschwangere Zeit, in der ich mich befinde. Und zum ersten Mal in meinem Leben begrüße ich diesen Umstand nicht. Ich befinde mich in der Bewahrungshaltung, einer brütenden. Ich sitze auf vertrockneten Eierschalen, während das Küken längst flatternd und aufgeregt nach Würmern pickert. Oder Asseln (Das Küken hier interessiert sich nämlich nach der Dinosaurierphase wieder vermehrt für Insekten und Reptilien.).

Die Vorschule im Kindergarten ist abgeschlossen, die Vorschullehrerin hat all ihren Eleven in der vergangenen Woche ein kleines Abschiedgeschenk und einen wundervollen Brief überreicht, den ich nicht zu Ende lesen konnte, weil die liebevollen, mit Stolz erfüllten Worte vor meinen Augen verschwammen. Wenn das Facebook mir als „Erinnerung des Tages“ ein Foto von 2015 anbietet, bei dem das holde Blondchen ein pausbäckiges Oberschätzchen neben seiner fünf Jahre jüngeren Mama, die er damals noch „Mama“, nannte und nicht: „Mutter“, dann ist das auch ein triftiger Grund, in Tränen auszubrechen. Wenn der Bezugserzieher die Kita verlässt, dann stehe ich mit dämlichen Blumen in der Türe, zucke mit den Schultern und: Genau, heule schon wieder. Die beste Kitatante von allen, die linke Herzhälfte der ganzen Kita, die hatte schon vergangenen Freitag ihren letzen Arbeitstag und schrieb dann so: „Wir haben uns leider verpasst!“. Irrtum, ich konnte mich nicht verabschieden und ich wollte auch nicht. Ich verweigere mich dieser allgemeinen Abschiedsstimmung. Ich habe nicht teilgenommen, also ist es nicht geschehen. Hier verabschiedet sich niemand von irgendwem für immer!

es gibt keinen passenden Blumengruß für einen Abschied…

Zwei Wochen ist die Kita nun geschlossen und danach wird sie noch genau zwei Wochen ihre Türen für uns öffnen. Nun noch zehn mal nach unserem Urlaub.

… aber bitte nicht für immer!

Ich dachte, das würde einfacher. Ich dachte, aufgrund des Frühjahres und diverser Probleme, Wechsel im Voraus, würde es einfacher werden. Tut es nicht. Weil ich ja nicht einfacher werde. Je älter ich werde (und ich werde wirklich immer älter, ist das zu fassen), werden Abschiede für mich unerträglicher. Ich möchte mich nicht mehr trennen. Mich nicht trennen müssen, nicht getrennt werden oder sein. Nein! Wenn es schön ist, soll es so bleiben, verdammt noch mal, das ist doch nicht zu viel verlangt.

Und mit einem Kleinkind kommt tatsächlich ständig etwas Neues, aber man verliert auch andauernd etwas. Die Stillphase, geliebt, gehasst, sehnsüchtig erinnernd bedacht. Wickeln, Küsschen auf den Bauchnabel beim Waschen, vorbei. Tragen, Rückenschmerzen, Sehnsucht nach den Kinderärmchen um den eigenen Hals beim Hinauftragen ins Bett. Schmierige Küsse beim Füttern, eng umschlungenes Einschlafen, Kindergartengarderobe, Wasserschneckengruppe, Seesterngruppe, vorbei. Ein Wimpernschlag nur gemessen an einer Lebensdauer. Ein verschwindend kurzer Moment vor langem Vermissen und weißt-du-noch. Die intensivsten kürzesten Jahre mit den längsten Tagen.

Ich wusste das. Ich wurde die Mutter dieses Kleinen, nachdem ich schon verdutzt fragend mein großes Kind angesehen hatte und nicht mehr wusste, in welcher Zeitfresserraffermaschine dessen Kindheit verschwunden war. Anders wollte ich es nun machen. Jeden Tag bewusst erleben! Und dennoch ist jeder Abend ein kleiner Abschied. Dieser Tag kommt nie wieder und mit jedem Tag wird das Kind größer, wächst von mir weg und über mich hinaus.

Jeder Tag ein Abschied. Die Zeit ist nicht meine Freundin. Sie malt hässliche Linien in mein Gesicht und nimmt mir meine Kinder. Wann wird der Kleine das letzte Mal meine Hand halten wollen?! Wann höre ich das letzte Mal: „Mami, dich lieb ich am meisten. Sogar, wenn du nackig bist!“? Jetzt schon ist er in Salome verliebt und nicht mehr lange, dann wird er mir das nicht mal mehr erzählen wollen.

So ist das jetzt. Der Kindergartenabschied steht an und eventuell dramatisiere ich ein wenig. Ich möchte mich dort nicht verabschieden, noch nicht, nie. Ich will jeden Morgen diesen Kindergartengeruch inhalieren und jeden Nachmittag mit Küsschen begrüßt werden. Noch zwanzig Jahre wenigstens. Ich feilsche vergeblich. Mir ist die Endlichkeit eines jeden Momentes mit den Kindern so dramatisch präsent. Den Großen erreiche ich wieder, aber gänzlich anders und er zeigt sich auch wieder empfänglich für meine mütterlichen Zuwendungen, aber es ist eine erwachsene Reaktion. So, wie erwachsene Kinder ihre Mütter anschauen, wenn diese ihnen den Reißverschluss der Jacke hochziehen mit den Worten: „Junge, du wirst dich noch erkälten!“, so schaut er mich an. Noch zweimal Zwinkern und dann rollt der kleine auch mit den Augen, wenn ich ihn an mich drücken will, ich ahne es. Tick tack.

In dieser herzwunden Zeit ist das Beste, nicht zu sehen, was man verliert, sondern zu bewundern, was man hat. Sich mit herzlichen Menschen und liebevollen Dingen zu umgeben, noch mehr bewusst in Dankbarkeit jeden Tag zu leben. Nicht zu bedauern, dass die Freundin, von der man dachte, man würde bis ins hohe Rentenalter zusammen Flohmärkte unsicher machen, sich nicht mehr meldet, weil man eben keinen Platz im neuen Lebensabschnitt hat, oder Familienangehörige sich nicht so verhalten, dass sie den Namen verdienen, das sind alles Begebenheiten, mit denen sich möglicherweise jeder und jede irgendwann auseinandersetzen muss. In unterschiedlichen Zeiten mit unterschiedlicher Grundkonsistenz des eigenen Befindens rufen diese Abschiede von Gewünschtem oder Gewohntem ein unterschiedliches Echo im Brustkorb hervor.

Und dann gibt es Momente und Begegnungen, die sind so voller unvorhersehbarem Glück. Alte Freunde, neue Freunde, für die ich so dankbar bin. Und dann ist da alles schön und warm im Brustkorb und wenn das Veränderung heißt und dazwischen immer wieder der Bestand alter Freundschaften voller Verständnis und Liebe aufflackert und neue Menschen neue Lebensabschnitte begleiten, dann bin ich mit der Veränderung und dem Wandel versöhnt.

Gestern hatte ich einen fantastischen Nachmittag bei Maria, die ich schon eine Weile kenne und mit der die Gespräche über Gott und die Welt und die Kinder darauf jeden Zeitrahmen zu sprengen scheinen und bei jedem Abschied drücken wir uns fester, als Versprechen, dass es: „Auf Wiedersehen!“, heißt. Maria bewohnt mit ihrer Großfamilie eine wunderbunte Wohnung voller Liebe, Leben, Türen, Gängen, Nischen, Kunst und Kerzen. Ich finde kaum den Ausgang ohne Hilfe, aber hinter jeder Ecke einen neuen Schatz für meinen buntverliebten Augen.

Ich war gestern da, um den Geburtstagsteller für mein Neffchen abzuholen und komme ganz bestimmt wieder aus vielen anderen Gründen.

Und Marias Töpferkunst finde ich genauso faszinierend wie sie selbst als Person. Das Kindergeschirr ist so zauberhaft, dass ich im vergangenen Jahr dem Neffen bereits eine Schale geschenkt habe und nach dem Teller zum zweiten Geburtstag wird sicher die Tasse zum dritten Geburtstag noch folgen. Es ist mir einen Herzensangelegenheit, euch Marias Seite Drehworm zu empfehlen, wenn ihr auf der Suche nach einem besonderen Geschenk seid.

Eine Herzensangelegenheit ist es auch, euch zwei Bücher vorzustellen von zwei Bloggerinnen, die mir sehr viel bedeuten. Dass Blogger Bücher schreiben, ist nichts Neues und dennoch sind das hier Prämieren.

Das Ei von Aua

Rike Drust schrieb schon Bücher, als ich noch nicht mal bloggte. Rike ist berühmt, gefeiert und zu Recht ausgezeichnet als Texterin und „mein Bett im Hamburg“. Der feinste Kumpel, der mitfühlendste Mensch, den du dir vorstellen kannst, irre lustig, wunderbar einzigartig und ich bete sie an. Rike hat mir beigestanden, als es mir schlecht ging mit Wort und Tat und Herz. Das ist unvergessen bis in alle Ewigkeit und noch weiter. Und als ob es nicht schon reiche, ist außerdem alles, was ihren kreativen Händen entspringt, auch noch so unfassbar am supersten (diesen Begriff hat sie geprägt). Ob das Bücher sind, Kolumnen, Häkelbuttons, Häkelbilder mit Flüchen und Schimpfworten, gestrickte Sommerkleider, die wild verziertesten Muffins und verrücktesten Kinderkostüme der Welt, ach, die Liste ist unendlich erweiterbar! Und dann schreibt sie seit ein paar Jahren als Kinstabuch über Kinderbücher. Unzählige unbezahlte Minirezensionen zu selbstgekauften Büchern für Kinder, und zwar, weil sie das am meisten liebt: Kinder und Bücher. Und Kinderbücher.

Und jetzt hat sie es gemacht. Ihr erstes Kinderbuch ist da! Endlich. Das wurde wirklich Zeit! Und die liebe Geschichte ist so „Rike“, dass ich sofort glaube, dass die Entstehungsgeschichte wirklich so war, dass sie sich diese Story spontan ausgedacht hat, als sie mit ihrer Tochter Ruby im Wald festhockte in einer blöden Situation, wo es nur eins gibt, was die Kinderstimmung irgendwie rettet: Eine fabelfantastische Geschichte! Und bitte, hier ist sie. Wunderschön illustriert von Mareike Engelke, die ich nicht kenne, aber deren Zeichnungen ich wirklich gut leiden kann (und Axel Scheffler hätte bestimmt auch sehr gern „Das Ei von Aua“, illustriert, hatte vermutlich nur keine Zeit).

Das „Ei von Aua“ ist im Kunstanstifterverlag erschienen und geeignet für Kinder zwischen fünf und einhundert Jahren. Und ihr müsst jeder mindestens ein Exemplar kaufen. Für euch. Und dann noch eines für alle Menschen, die ihr gut leiden könnt.

Mama allein in New York

Über Rena und ihren Sehnsuchtsblog bin ich eher zufällig gestoßen und hier habe ich auch schon mal davon berichtet. Mittlerweile sind Rena und ihre Familie in Berlin gelandet und glücklicherweise für uns alle ist es ihr spielend gelungen, Abenteuer und Skrurriles in der neuen Heimat ebenso spannend und mit mit einem ganz besonderen detailverliebten Spürsinn zu beschreiben. Über ihrer Zeit in New York hat sie ein Buch geschrieben, das ich ich einem Rutsch verschlungen habe, und das ein absolutes „must have“ für alle Menschen wie mich ist, die nicht genug bekommen von der Stadt, die niemals schläft.

Nun ist es ja so, dass Rena die drei Jahre ihres Daseins auf Roosevelt Island in Kolumnen dokumentiert hat. Warum also dieses Buch kaufen? Dieses zauberhafte Buch ist kein abgedruckter Blog. Mir kamen zwar ein paar Geschichten bekannt vor, aber ganz viele Situationen sind dort beschrieben, die es so in dieser Form nicht auf dem Blog gibt! Und vor allem hat Rena es geschafft, ihre Erinnerungen in einen Reiseführer, einen Traumspaziergang zwischen Seiten zu packen, der ans Herz geht und Bilder entstehen lässt vorm Auge des lesenden Menschens.

Zu Beginn steigen wir von der Fähre, wir kommen an auf der Insel. Sie beschreibt mit zartem und scharfem Auge das Setting, erzählt uns, was wir sehen, welchen schrulligen Protagonisten wir begegnen bei unseren ersten Schritten und führt uns so in eine Umgebung, in der sie drei Jahre gelebt hat und aus der sie 104 Geschichten mit uns teilt, die informativ, herzanrührend, zum Haareraufen und lustig sind. Dieses Büchlein ist für alle, die weder von „Sex and the City“, „Manhattan Love Story“, „und anderen Filmen aus dem Big Apple genug bekommen, noch von Frank Sinatras „New York, New York“, für alle, die das Rezeptbuch von „Olive Garden“ und der „Magnolia Bakery“ daheim haben (die „New York Christmas-Kochbücher“ sowieso) und alle, die wie ich verzaubert sind von den Bildern und Geschichten rund um dieses einzigartige Stadt.

Rena und ihr Buch „Mama allein in New York“ schließen da eine ganz besondere Lücke. Renas Buch zeigt, wie lebt es sich als Mutter, als Auswanderin, als ganz normaler Mensch mit Familie hier in dieser großen Stadt, dieser besonderen Stadt. Und das ist spannend! Das ist schreiend komisch und zum Teil wirklich unbeschreiblich zauberhaft. Nicht zu empfehlen für Menschen, die vorhatten, die nächsten Jahre unbedingt zu Hause zu bleiben, denn: Fernweh garantiert!

„Mama allein in New York“ ist bei Books on Demand entstanden und online erhältlich, zum Beispiel hier.

Wer noch mehr New York braucht fürs Leben, dem sei abschließend noch „Stadtnomaden“ empfohlen. Mehr New York inside geht nicht!

So, das waren die Herzensangelegenheiten für heute. Ich möchte abschließend erklären, dass die Kaufempfehlungen, die ich hier ausgesprochen habe, keiner „Kooperation“ entspringen und ich weder gebeten noch bezahlt wurde, hier etwas Nettes dazu zu schreiben. Die Menschen hinter den Produkten liegen mir am Herzen und ich mag jedes Buch und jedes Ding, das ich euch zeige so sehr, dass ich will, dass ihr es auch schön findet! „Werbung“ ist es dennoch im eigentlichen Wortsinn- deshalb schreibe ich diese Wort hierhin. Denn wir sitzen ja nicht zusammen in meiner Küche und quatschen, sondern hier im Internet, und da kann eben doch keiner machen, was er oder sie will. Ich vergesse das zum Glück oft und tu so, als säßen wir zusammen auf dem Sofa, jede ein Kissen zwischen den angezogenen Knien und einen Becher heißen Tee in der Hand… schönes Bild.

Ich packe jetzt die Koffer für die Ferien. Wer sich fragt, wie es nun bei dem Bubi weitergeht, dem sei gesagt, der Beitrag dazu heißt „Saul Goodman“, und ist bereits in Rohfassung erstellt. Ich muss noch warten, wie es nun weitergeht, bevor ich euch das schreibe. Aber wer weiß, wer Saul Goodman ist, dem ist auch schnell klar, welchen Weg wir eingeschlagen haben!

Bis zum Wiederlesen schöne Sommerferien und bleibt gesund und fröhlich! ❤

 

Achtzehn

Der Kronsohn, unser Erstlingswerk, wird in drei Wochen achtzehn. Also ist er dann sowas wie erwachsen, auf dem Papier zumindest.

Ich meine, es war klar, dass dieser Tag irgendwann kommen würde. Genauso, wie immer klar war, someday baby, we´ll be old, oh baby. Und trotzdem guck ich in den Spiegel und denke, ach du Scheiße, wann ist das passiert? Warum? Und: Jetzt schon? So ist das auch mit dem Bubi.

Wie, der ist jetzt erwachsen?!

Komisch.

Wir Alten fragen uns zum Beispiel aktuell, wie wir ihm das seit seiner Geburt angesparte Geld auf dem Sparbuch nun schenken sollen. Ein Diskussionsgegenstand, der regelrecht skurril erscheint, haben wir doch ganze achtzehn Jahre jeden Monat auf das Kinderkonto überwiesen, für später. Nun ist es da, dieses „später“. Was heißt das, wie geht man jetzt damit um? Niemand hat uns vorgewarnt, wie verhält man sich denn entsprechend? Anders? So wie vorher? Was ist mit Rechten? Pflichten? Dürfen wir überhaupt noch Vorschriften machen? In seine Angelegenheiten reinreden, weil wir alt und weise sind und sowieso alles besser wissen?

Niemand bereitet einen darauf vor.

Ich habe noch den Duft seines verschwitzten Kinderkopfes (nach warmem Apfelkuchen) in meiner Nase und wie er eine „Fitzschnute“ zog als Baby, wenn ihm etwas nicht passte. Nichts davon erinnert beim Anblick des langbeinigen Kerls mit den (aktuell) blauen Haaren und der tiefen Bassstimme an dieses kleine Kind.

Wir haben noch Glück. Meine Freundin muss sich im Sommer von ihrem Sohn verabschieden, da dieser (obwohl eine Woche jünger als unser eigener) für ein Jahr nach Amerika geht. Unser Sohn zieht nur von der ersten Etage in den Keller in seine neue „Souterrain-Wohnung“. Also lediglich ein Abschied vom Kinderzimmer.

Wir Eltern gehen unterschiedlich mit der Gesamtsituation um. Während ein Elternteil gefühlsduselig die neue Bleibe hübsch machen möchte (Lichterketten, Schwarzlichlampe, Poster), schnauzt das andere Elternteil, das sei völlig übertrieben und dem Sohn gefalle das gar nicht. Und: Immer musst du was einkaufen! Kaufen, kaufen, kaufen! Da wo unser Geld herkommt, gibts ja unbegrenzt Nachschub, nicht wahr? Und wenn es dann nach drei Wochen nicht mehr gefällt, fliegt es einfach auf den Müll! Nein, sage ich. Also das andere Elternteil.

Ich bin ja mal gespannt, wie das Zeugnis aussieht dieses Jahr, sagt das eine Elternteil. Was soll schon sein, das andere. Zwei Komma fünf im Durchschnitt wird es, hat er mir gesagt. Was?! Zwei Komma fünf?! Dann brennt die Luft. Der ist so stinkenfaul, immer nur zocken hat der im Kopf! Nichts hat er gemacht für die Schule in diesem Jahr! Ja, aber sieh es doch mal anders, sagt das andere Elternteil, er hat also mit Null Lerneinsatz die elfte mit zwei Komma fünf geschafft! Da ist jede Menge Luft nach oben! Ganz genau, sagt das der andere. Jede Menge Luft. Er nutzt seine Potentiale nicht, er hat null Biss! Dieses strunzfaule Rumgedahle, lalala, scheiß doch drauf, wird schon irgendwie, das kotzt mich sowas von an, sagt das eine Elternteil aufgebracht. Mann, du redest uns hier echt Probleme herzu, wo überhaupt keine sind, interveniert das andere Elternteil beim Kisten von oben nach unten tragen. Du meckerst immer nur an dem rum! Der steht jeden Morgen auf und geht in die Schule mit gutem Ergebnis, er säuft nicht, nimmt keine Drogen und wenn er auch nur fünf Minuten später nach Hause kommt als vereinbart, schreibt er mir ne SMS! Ich weiß nicht, was du immer willst von dem?!

Ich will, dass der mal ein ordentlicher Kerl wird! Mir wäre lieber, er würde sich mal besoffen prügeln und die Nächte um die Ohren hauen! Ach so, jetzt verstehe ich, sagt das andere Elternteil. DAS ist es also. Weil er „anders“ ist und anders als du sowieso schon mal. Ja, genau, das ist es! Der ist kein bisschen wie ich! Wie soll ich mich da identifizieren? Weißt du, wie gemein du bist, sagt das eine Elternteil, der joggt mit dir, er stemmt Hanteln, er blickt noch immer zu dir auf, alles nur, um dir nachzueifern und du merkst es nicht mal. Und außerdem, ich will ehrlich gesagt nicht, dass der so wird wie du warst! Den Eltern den Mercedes geklaut und ohne Führerschein besoffen zur Disco über die Dörfer gebrettert! Gekifft, geprügelt! Ach, komm, das gehört doch zum Erwachsenwerden dazu, beschönigt das so angeprangerte Elternteil, und ehrlich gesagt würde mir genau das gefallen! Mir aber nicht, widerspricht das andere Elternteil.

Du würdest ihn ja am liebsten noch an die Zitze legen, höhnt der eine, das war schon immer das Problem! Du hast ihn von Anfang an zu sehr verhätschelt! Und du hast von Anfang an ein völlig übersteigertes Anspruchsdenken an den Jungen gehabt! Ich weiß gar nicht, was mit dir los ist. Warum kannst du den Jungen nicht einfach so annehmen, wie der ist. Weil der kein bisschen wie ich ist!, sagt das andere Elternteil. Weil der sein Leben einfach verdaddelt! Weil der keine Ziele hat! Ach, hör doch auf, nölt das andere. Du hattest mit achtzehn nur das Ziel, ne geile Zeit zu haben! Du warst nicht auf der Penne, du warst auf der Baustelle. Penne und Ziele, das kam alles später, du hast es nur vergessen. Niemand von uns hat auf dem geraden Weg sein Abi gemacht und studiert, bei dem Jungen aber sieht es so aus, als würde genau das passieren. Du aber maulst, er wäre faul und nicht fokussiert.

Mit zwei Komma fünf studiert der gar nichts! Ich sage dir was, wenn der in der zwölften noch zwei Komma fünf hat und ich den nicht mal ne halbe Stunde am Tag pauken sehe, nehme ich den von der Schule! Ja, da guckste! Ich zahle doch nicht das Scheiß Schulgeld für den, wenn der sich nicht mal am Riemen reißt und mir zeigt, dass er das wirklich will!

Du solltest dich hier mal reden hören, sagt das andere Elternteil. Dann sagt sie nichts mehr.

Sie würde ihn gern in den Arm nehmen und ihm sagen, dass er alles, alles richtig gemacht hat, in all den Jahren. Dass er ein toller Vater war und ist. Dass alles gut wird und dieser junge Mann, sein Sohn, seinen Weg gehen wird. Dass sie beide erleben werden, wie er Sonntags mit ihren Enkeln zum Essen kommt. Dass sie beide Gespräche führen werden, erwachsene Gespräche auf Augenhöhe, er und sein Sohn. Dass sie es sehen kann! Sie möchte ihm so gern sagen, dass sie froh ist, dass er in all den Jahren ihr Partner war. In den sorgenvollen Zeiten, in denen sie auf das Kind herabgesehen haben, hielten beide es an der Hand, der eine an der linken, der andere an der rechten. Wie froh sie über diesen Umstand ist. Und dass er stets wissend genickt hat, wenn ihr das Herz weh tat um diesen Jungen. Dass es okay ist, wie es ist. Dass er nachlassen kann, darf. Das möchte sie ihm gerne sagen.

Und während sie darüber nachdenkt und diese Zeilen schreibt, kommt das Blondchen in seinem Superman-Schlafanzug aus seinem Zimmer, legt den Kopf auf ihren Schoß und sagt, er wölle niemals fünf werden! Er wolle für immer klein bleiben und sie denkt: Ach, mein Herz. Es ist, als sei es vorgestern gewesen, als ein Kind mit dunklen Haaren genau dasselbe gesagt hat, mit dem Kopf in ihrem Schoß.

 

 

 

Schatz, danke, dass du mich gefunden hast, damals. Und danke für diese Kinder! Das ist, was sie dir sagen will. ❤

 

 

 

 

Das hat der Doktor gesagt!

Es gibt ja so Eltern, die ihren Kindern mit dem Weihnachtsmann drohen. Oder der Zahnfee. Dem Osterhasen. „Näh, Tscheremeiea, wenn das dor Weihnachtsmann sieht, du, der bringt dir kee Geschenk! Auweia!“. Unmöglich ist das. Und ja, auch der Dialekt.

Ich würde ja nie zu so manipulativen Tricks greifen! Ehrlich. Weihnachtsmann. Also wirklich…

Wir haben den „Doggo“.

Der Doggo ist ehrfurchtseinflößend für den Blondino. Eigentlich ist er ein freundlicher, älterer Mann, der rosa T-Shirts trägt mit der Aufschrift „Doktor Gunther“. Und ist unser Kinderarzt.

Da der Blondino im letzten Quartal häufig dauernd erkrankt war, haben wir den Doktor Gunther oft besucht. Und der hat dann Medizin verschrieben. Die nicht schmeckte. Aber sein musste. „Das musst du trinken! Das hat der Doktor Gunther gesagt!“, hörte man mich mehrmals täglich sagen.

Kam ich mit der Medizin, tönte das Babylein irgendwann schon von allein ehrfürchtig: „Hatter Doggo sagt!“ und sperrte das Mäulchen auf.

Ab dann war es ein Selbstläufer.

Zähneputzen? Hat der Doggo gesagt.

Händewaschen vorm Essen? Hat der Doggo gesagt.

Abendbrot aufessen? Hat der Doggo gesagt.

Hören, wenn die Mami ruft? Hat der Doggo gesagt.

Augen zu, Ruhe und Schicht im Schacht? Hat der Doggo gesagt.

Es war zu einfach…

Gestern springt der Blondino auf dem Trampolin rum und nervt, ich solle reinkommen und mitmachen. Nein! Ich komme nicht rein! Ich will nicht!

Da guckt er mich streng an und sagt: „Mama machs Hüpfen und nimms meine Hand. Hatter Doggo sagt!“.

Scheiße.