Achtzehn

Der Kronsohn, unser Erstlingswerk, wird in drei Wochen achtzehn. Also ist er dann sowas wie erwachsen, auf dem Papier zumindest.

Ich meine, es war klar, dass dieser Tag irgendwann kommen würde. Genauso, wie immer klar war, someday baby, we´ll be old, oh baby. Und trotzdem guck ich in den Spiegel und denke, ach du Scheiße, wann ist das passiert? Warum? Und: Jetzt schon? So ist das auch mit dem Bubi.

Wie, der ist jetzt erwachsen?!

Komisch.

Wir Alten fragen uns zum Beispiel aktuell, wie wir ihm das seit seiner Geburt angesparte Geld auf dem Sparbuch nun schenken sollen. Ein Diskussionsgegenstand, der regelrecht skurril erscheint, haben wir doch ganze achtzehn Jahre jeden Monat auf das Kinderkonto überwiesen, für später. Nun ist es da, dieses „später“. Was heißt das, wie geht man jetzt damit um? Niemand hat uns vorgewarnt, wie verhält man sich denn entsprechend? Anders? So wie vorher? Was ist mit Rechten? Pflichten? Dürfen wir überhaupt noch Vorschriften machen? In seine Angelegenheiten reinreden, weil wir alt und weise sind und sowieso alles besser wissen?

Niemand bereitet einen darauf vor.

Ich habe noch den Duft seines verschwitzten Kinderkopfes (nach warmem Apfelkuchen) in meiner Nase und wie er eine „Fitzschnute“ zog als Baby, wenn ihm etwas nicht passte. Nichts davon erinnert beim Anblick des langbeinigen Kerls mit den (aktuell) blauen Haaren und der tiefen Bassstimme an dieses kleine Kind.

Wir haben noch Glück. Meine Freundin muss sich im Sommer von ihrem Sohn verabschieden, da dieser (obwohl eine Woche jünger als unser eigener) für ein Jahr nach Amerika geht. Unser Sohn zieht nur von der ersten Etage in den Keller in seine neue „Souterrain-Wohnung“. Also lediglich ein Abschied vom Kinderzimmer.

Wir Eltern gehen unterschiedlich mit der Gesamtsituation um. Während ein Elternteil gefühlsduselig die neue Bleibe hübsch machen möchte (Lichterketten, Schwarzlichlampe, Poster), schnauzt das andere Elternteil, das sei völlig übertrieben und dem Sohn gefalle das gar nicht. Und: Immer musst du was einkaufen! Kaufen, kaufen, kaufen! Da wo unser Geld herkommt, gibts ja unbegrenzt Nachschub, nicht wahr? Und wenn es dann nach drei Wochen nicht mehr gefällt, fliegt es einfach auf den Müll! Nein, sage ich. Also das andere Elternteil.

Ich bin ja mal gespannt, wie das Zeugnis aussieht dieses Jahr, sagt das eine Elternteil. Was soll schon sein, das andere. Zwei Komma fünf im Durchschnitt wird es, hat er mir gesagt. Was?! Zwei Komma fünf?! Dann brennt die Luft. Der ist so stinkenfaul, immer nur zocken hat der im Kopf! Nichts hat er gemacht für die Schule in diesem Jahr! Ja, aber sieh es doch mal anders, sagt das andere Elternteil, er hat also mit Null Lerneinsatz die elfte mit zwei Komma fünf geschafft! Da ist jede Menge Luft nach oben! Ganz genau, sagt das der andere. Jede Menge Luft. Er nutzt seine Potentiale nicht, er hat null Biss! Dieses strunzfaule Rumgedahle, lalala, scheiß doch drauf, wird schon irgendwie, das kotzt mich sowas von an, sagt das eine Elternteil aufgebracht. Mann, du redest uns hier echt Probleme herzu, wo überhaupt keine sind, interveniert das andere Elternteil beim Kisten von oben nach unten tragen. Du meckerst immer nur an dem rum! Der steht jeden Morgen auf und geht in die Schule mit gutem Ergebnis, er säuft nicht, nimmt keine Drogen und wenn er auch nur fünf Minuten später nach Hause kommt als vereinbart, schreibt er mir ne SMS! Ich weiß nicht, was du immer willst von dem?!

Ich will, dass der mal ein ordentlicher Kerl wird! Mir wäre lieber, er würde sich mal besoffen prügeln und die Nächte um die Ohren hauen! Ach so, jetzt verstehe ich, sagt das andere Elternteil. DAS ist es also. Weil er „anders“ ist und anders als du sowieso schon mal. Ja, genau, das ist es! Der ist kein bisschen wie ich! Wie soll ich mich da identifizieren? Weißt du, wie gemein du bist, sagt das eine Elternteil, der joggt mit dir, er stemmt Hanteln, er blickt noch immer zu dir auf, alles nur, um dir nachzueifern und du merkst es nicht mal. Und außerdem, ich will ehrlich gesagt nicht, dass der so wird wie du warst! Den Eltern den Mercedes geklaut und ohne Führerschein besoffen zur Disco über die Dörfer gebrettert! Gekifft, geprügelt! Ach, komm, das gehört doch zum Erwachsenwerden dazu, beschönigt das so angeprangerte Elternteil, und ehrlich gesagt würde mir genau das gefallen! Mir aber nicht, widerspricht das andere Elternteil.

Du würdest ihn ja am liebsten noch an die Zitze legen, höhnt der eine, das war schon immer das Problem! Du hast ihn von Anfang an zu sehr verhätschelt! Und du hast von Anfang an ein völlig übersteigertes Anspruchsdenken an den Jungen gehabt! Ich weiß gar nicht, was mit dir los ist. Warum kannst du den Jungen nicht einfach so annehmen, wie der ist. Weil der kein bisschen wie ich ist!, sagt das andere Elternteil. Weil der sein Leben einfach verdaddelt! Weil der keine Ziele hat! Ach, hör doch auf, nölt das andere. Du hattest mit achtzehn nur das Ziel, ne geile Zeit zu haben! Du warst nicht auf der Penne, du warst auf der Baustelle. Penne und Ziele, das kam alles später, du hast es nur vergessen. Niemand von uns hat auf dem geraden Weg sein Abi gemacht und studiert, bei dem Jungen aber sieht es so aus, als würde genau das passieren. Du aber maulst, er wäre faul und nicht fokussiert.

Mit zwei Komma fünf studiert der gar nichts! Ich sage dir was, wenn der in der zwölften noch zwei Komma fünf hat und ich den nicht mal ne halbe Stunde am Tag pauken sehe, nehme ich den von der Schule! Ja, da guckste! Ich zahle doch nicht das Scheiß Schulgeld für den, wenn der sich nicht mal am Riemen reißt und mir zeigt, dass er das wirklich will!

Du solltest dich hier mal reden hören, sagt das andere Elternteil. Dann sagt sie nichts mehr.

Sie würde ihn gern in den Arm nehmen und ihm sagen, dass er alles, alles richtig gemacht hat, in all den Jahren. Dass er ein toller Vater war und ist. Dass alles gut wird und dieser junge Mann, sein Sohn, seinen Weg gehen wird. Dass sie beide erleben werden, wie er Sonntags mit ihren Enkeln zum Essen kommt. Dass sie beide Gespräche führen werden, erwachsene Gespräche auf Augenhöhe, er und sein Sohn. Dass sie es sehen kann! Sie möchte ihm so gern sagen, dass sie froh ist, dass er in all den Jahren ihr Partner war. In den sorgenvollen Zeiten, in denen sie auf das Kind herabgesehen haben, hielten beide es an der Hand, der eine an der linken, der andere an der rechten. Wie froh sie über diesen Umstand ist. Und dass er stets wissend genickt hat, wenn ihr das Herz weh tat um diesen Jungen. Dass es okay ist, wie es ist. Dass er nachlassen kann, darf. Das möchte sie ihm gerne sagen.

Und während sie darüber nachdenkt und diese Zeilen schreibt, kommt das Blondchen in seinem Superman-Schlafanzug aus seinem Zimmer, legt den Kopf auf ihren Schoß und sagt, er wölle niemals fünf werden! Er wolle für immer klein bleiben und sie denkt: Ach, mein Herz. Es ist, als sei es vorgestern gewesen, als ein Kind mit dunklen Haaren genau dasselbe gesagt hat, mit dem Kopf in ihrem Schoß.

 

 

 

Schatz, danke, dass du mich gefunden hast, damals. Und danke für diese Kinder! Das ist, was sie dir sagen will. ❤

 

 

 

 

Liebe im Wandel

Babies sind toll! Das weiß jeder. Und die Blogs und Magazine sind voll von Babies. Haltung, Förderung, Ernährung, Glückseligkeit. Alles ist wichtig, wird beleuchtet.

Und Kleinkinder sind toll! Sie lernen jeden Tag ein bisschen mehr und, hach, die Brust platzt einem als Mutter fast vor Stolz, wenn das eigene Fortpflänzchen auf einmal etwas ganz Großartiges geschafft hat. Und auch darüber kann man viel lesen. Auf Blogs zum Beispiel. Oder in Magazinen. Während dieser Zeit ist man Teil einer starken Peergroup. Und das ist schön! Es gibt ständig Austausch über Entwicklungsschritte. Wie ist das bei euch? Was kann eures schon?

Schulkinder sind dann schon „die Großen“. Gelegentlich wird noch über Schulprobleme, Hochbegabung und dergleichen geschrieben. Oder sie werden in ihrer Rolle als große Schwester und großer Bruder beschrieben.

Sind die Kinder dann zwölf, dreizehn, ist Schluss. Schluss mit lustig, Schluss mit der Berichterstattung. Peergroup Fehlanzeige. Stattdessen Pubertät. Willkommen in der Elternhölle!

Pubertät ist furchtbar.

Pubertät ist das allerschlimmste, da ist sich jeder sicher! Besonders Leute, die selbst noch keine pubertierenden Kinder haben, wissen das ganz genau und sagen zum Beispiel auf laut geäußerten späten Kinderwunsch Sachen wie: „Jetzt noch ein Kind? Nein danke. Also ich will mit sechzig keine Pubertät mehr mitmachen müssen!“. Wovon sprechen die dann genau? Von der Erinnerung an die eigene Pubertät? Oder von Erzählungen anderer?

Jetzt ist es ja so, dass man da in mir einen Gesprächspartner hat, dem nicht nur genau das bevorsteht, sondern der auch jetzt schon mit dem ersten Fortpflänzchen mittendrin ist. Entsprechend bockig reagiere ich auf derlei phrasenhafte Verallgemeinerung. Es gibt doch nicht „die“ Pubertät!

Pubertät ist individuell.

Maulen, Motzen, aufmüpfiges Verhalten ab circa dem neunten Geburtstag kann günstigerweise mit vorpubertärem Verhalten gelabelt werden. Ab dem zwölften Geburtstag dann hat man für alles eine Generalentschuldigung: Die Pubertät! Schön einfach, oder?

Pubertät ist ne super Entschuldigung für unmögliches Verhalten.

Wobei, einfach ist wohl nichts an dieser Zeit.

Ich könnte jede Woche das Blöggel füllen mit Erlebnissen mit dem Großen, meinen Gefühlen für ihn. Warum liest man dann so selten über das Leben mit Jugendlichen? Für mich ist es so, dass ich schon wahrnehme, dass mein Sohn eine Persönlichkeit ist. Noch dazu eine mit Netzpräsenz. Und mir ist vollkommen klar, dass es ihm nicht gefallen würde, über sich zu lesen. Bilder von sich zu sehen, auf denen er erkannt würde.

(Ich mache mir über dieses Phänomen schon seit längerem Gedanken, genaugenommen seit die  Diskussion über Kinderfotos im Netz entstand und ich für meinen Teil muss mir eingestehen, ja, es fällt mir sehr leicht, über mein Baby zu schreiben und es Teil dieser Geschichten in dem Blog werden zu lassen. Wenn ich darüber nachdenke habe ich stets den Eindruck, ich schade ihm nicht. Und auch was Fotos von dem Kleinsten anbelangt: He! Er sieht doch jede Woche anders aus! Und dennoch überlege ich mir oft, inwieweit das als übergrifflich gewertet werden könnte. Hm. Darüber nachzudenken ist sicher in keinem Fall verschwendete Zeit.)

Wenn ich bislang über den Großen schrieb, dann hauptsächlich über das Leben mit einem Kind, das aufgrund seiner Persönlichkeitsstruktur „besonders“ ist.

Besonders ist auch die Pubertät.

Mein Sohn wird sechzehn in diesem Jahr. Wenn ich neben ihm sitze und seine langen Arme ansehe, auf denen sich schon Sehnen abzeichnen, aufblicke in sein Gesicht, das eine Haupteslänge über meinem ist, dann ist das mit einem verblüfften Staunen verbunden.  Ein junger Mann mit tiefer Stimme, der so gar nichts mit dem Baby und Kleinkind von einst gemein hat. Der zum Teil gefestigte Standpunkte vertritt, der eine eigene Körperhaltung ausgeprägt hat und schon als Persönlichkeit wahrgenommen werden muss. Das ist seltsam! Ehrlich.

Ich habe viele Jahre in ständiger Sorge um diesen Jungen gelebt und habe wirklich geglaubt, ich würde niemals nie aufhören (aufhören können) ihn zu bemuttern, zu beschützen, meine Flügel schützend um ihn zu legen. Irgendwie richtet das die Natur dann doch so ein, dass die Kinder Signale geben und dass das dann ganz langsam passiert. Dieses Loslassen. Wirklich immer!

Es gibt keine körperlichen Liebesbezeugungen zwischen uns und nehme ich ihn einfach beim Kopf und drücke ihn, macht er sich steif und schüttelt mich ab wie ein Insekt. Und dennoch sind wir zwei nach wie vor in Liebe verbunden. Das wird in anderen Situationen deutlich: Wenn wir streiten und ich ihm erkläre, wie verletzt ich bin, weil ich das Gefühl habe, er respektiere mich nicht. Dann bekommt sein Blick etwas Dunkles und er versichert mir, dass das nicht so sei! Auf keinen Fall! Und wie gut er sich fühlt, wenn ich ihn lobe, weil er mir bei irgendwas geholfen hat. Wenn ich ihn sehe, wie liebevoll und fürsorglich und geduldig er mit seinem kleinen Bruder umgeht. Mit wieviel Mühe er Geschenke für unsere Geburtstage auswählt. Und wir für den seinen. Wenn ich mich manchmal morgens auf die Kante seines Bettes setze um ihn zu begrüßen und er dann doch die Hand nach mir ausstreckt… wie früher.

Gemeinsame Unternehmungen gehen jetzt immer von mir aus. Möchte ich mit meinem Sohn etwas unternehmen, muss ich mir Gedanken machen. Frage ich ihn dann, ob er mit mir einen Einkaufsbummel/ Kinobesuch/ irgendwas machen will, kommt häufig ein gelangweiltes Schulterzucken als Antwort. Gefolgt von: „Können wir mal machen.“. Reagiere ich dann gekränkt, versaue ich uns beiden den Spaß. Denn wenn wir dann wirklich mal losgehen (dazwischen kommt noch mindestens einmal „Heute nicht. Hab keen Bock!“), dann ist es schön. Und vertraut. Und es kommen gute Gespräche in Gang. Und ich spüre, wie nah wir uns noch sind.

Pubertät ist wie eine stürmische See.

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Dazwischen auch immer wieder Nervenaufreibendes. Ich habe vor gar nicht langer Zeit mal zu ihm gesagt: „Ich liebe dich wirklich sehr, aber im Moment kann ich dich einfach nicht leiden!“. Es hat ihn nicht geschockt, vermutlich fühlt er ähnlich…

Wir haben so viele Kämpfe durchfochten die letzten Jahre, dass mir die aktuelle Zeit wunderbar entspannt vorkommt. Es hat gedauert, Regeln für diese Familie zu etablieren und vor allem, weil der Sohn oft das Gefühl hatte, nur er müsse sich an diese Regeln halten! Da zeigte sich, dass Pubertät eben auch Prozessveränderung bedeutet. Rückwirkend ist ein festes Regelkonstrukt für uns hilfreich gewesen, da es uns ermöglichte, an explizit benennbaren Stellschrauben (zB. Pflichten im Haushalt/ Schlafenszeit/ Mediennutzungsdauer/ Taschengeld) zu drehen und damit unserem Jugendlichen das Gefühl zu geben, seine Freiheiten wüchsen mit wachsendem Alter messbar. Damit will ich um Gottes Willen nicht den Anschein erwecken, ich hätte Ahnung von solchen Dingen. Das läuft hier wie anderswo nur nach der trial-and-error-Methode.

Pubertät ist anstrengend.

Für den Jugendlichen in erster Linie. Die Hormone spielen verrückt und alles steht Kopf. Wohin will ich? Was will ich? Wen? Verrückte Fragen schwirren einem auf einmal im Kopf rum und das eigene Spiegelbild verändert sich. Nicht immer gefällt dem Jugendlichen, was er dort sieht. Dazu kommen irre Wachstumsschübe. Auf einmal wachsen bei Jungen zum Beispiel Arme und Beine sprunghaft und der junge Mensch sieht aus wie ein Schlaks, dem die Tentakel ständig im Weg sind. Dann wachsen die Finger und Zehen sprunghaft und du sitzt auf einmal am Abendbrottisch neben einem Wesen halb Mensch, halb Lurch. Dann brauchst du einen Dispokredit, weil zusätzlich zum normalen Familieneinkauf palettenweise Joghurt und säckeweise Schnitzel rangeschafft werden müssen. Zusätzlich zu Großpackungen an Keksen und Softdrinks und Süßkram. Und trotzdem wiegt der Schlaks vielleicht nur fünfundvierzig Kilo bei einem Meter siebzig Körperhöhe und du denkst, scheiße, wie krieg ich den bloß satt? Und auch der Gedanke kommt dir: Gotte sei Dank haben wir zwei Bäder! Während ich aus Erzählungen Jugendliche kenne, die mit dreckigen Fingernägeln und fettigen Haaren das Haus verlassen, haben wir ein sehr reinliches Exemplar. Was prinzipiell gut ist, aber Geduld erfordert! Also von allen anderen Familienmitgliedern. Zweimal täglich eine Stunde sind minimale Badzeiten. Währenddessen ist die Tür verschlossen und die Musik laut. Du kommst hier net rein! Also wirklich nicht. Nicht mal im Notfall. (Merke: Zwei Bäder sind wichtig. Notfalls Dixie-Klo organisieren.).

Pubertät ist also auch für Eltern anstrengend. Diese ganze Abnabelei ist wichtig, keine Frage, aber das ist auch schmerzhaft. So eine Familie ist ja ein geschlossenes System und wenn sich jemand in diesem System ändert, ruckelt alles. Das ist logisch. Und dann kann man versuchen, an alten Gesetzmäßigkeiten festzuhalten und das System im alten Modus wieder zum Laufen zu bringen. Kann man versuchen. Vielleicht klappts ne Weile. Oder das System blockiert völlig. Oder aber alle anderen verändern sich auch ein bisschen mit.

Pubertät ist die Zeit sich zu verändern und neu kennenzulernen.

Und das tut unter Umständen weh. Mensch, war doch alles so schön! Warum kann es nicht so bleiben? Darum! Weil Leben Veränderung bedeutet.

Ich habe mal bei Jesper Juul einen Slogan gelesen im Zusammenhang mit der Pubertät: „Von der Erziehung zur Beziehung“. Und da ich ja keine Erziehungsratgeber lese, hab ich mir auch nur diesen Slogan gemerkt. Treffenderweise sagt der eigentlich auch alles aus. Es ist unsinnig, einem Sechzehnjährigen irgendwas einbläuen zu wollen. Man muss anfangen, auf Augenhöhe zu gehen und ja, auch verhandeln. Seine eigenen Muster zu hinterfragen. Warum ist mir dies und das so wichtig und ist es das wirklich oder geht’s vielleicht um etwas ganz anderes? Wenn man sich darauf einlassen kann und sich auch selbst hinterfragt, kann das gut laufen. Spaß macht das nicht. Beziehungsarbeit macht in keiner Partnerschaft wirklich Spaß, sonst würde es ja Beziehungsspaß heißen! Und warum? Weil der erwachsenen Mensch (ich) ja eigentlich gern an Altbewährtem festhält und ungern Kontrolle abgibt.

Hilfreich war auch mal das Statement eines Mannes, der mit Jugendlichen arbeitet und der mir erklärte, von seinem Standpunkt aus betrachtet gibt es nur eine Sache, die ein Jugendlicher muss: Regelmäßig die Schule besuchen. Das ist sein Job. Das muss er. Alles andere sei nebensächlich. Gewagte These, aber dennoch hilfreich, wenn man vor lauter „Problemen“ nicht mehr Wald von Baum und Borke unterscheiden kann.HPIM1972

Kleine Kinder, kleine Sorgen. Große Kinder, große Sorgen. Da ist was dran. Während ich mein Kleinstes mit jeder Faser meines Seins genieße und wirklich nur im Hier und Jetzt lebe, kreisen meine Gedanken an den Großen immer mehr um die Zukunft. Und fast ausschließlich sind sie mit Sorgen, Bedenken und Ängsten behaftet. Meinen Ängsten, wohlgemerkt! Wie geht das mit der Schule weiter? Wie wird ihn die Liebe finden und wird sie große Schmerzen im Gepäck haben? Welche Erfahrungen wird er mit Drogen und Alkohol machen und wie geht das für ihn aus? Wird er Gewalterfahrung machen müssen und kann ich ihn irgendwie davor beschützen? Also vor allem? Für zehn Jahre einschließen vielleicht? Und würde ich es denn noch zehn Jahre mit diesem komplexen, anspruchsvollen, streitbaren Menschen in einem Haus aushalten?

Pubertät ist die Zeit der ambivalenten Gefühle.

Auf allen Seiten.

Es ist nach wie vor eine zärtliche Liebe in meinem Herzen. Eine Liebe, die in den letzten sechzehn Jahren einem steten Wandel unterzogen war, und dennoch lichterloh brennt. Aber mittlerweile eben anders. Ich spüre die unsichtbare Nabelschnur zwischen uns nicht mehr so stark pulsieren. Ich kann zulassen, dass andere Menschen wichtig sind in seinem Leben. Dass die Meinung anderer Leute manchmal wichtiger ist als meine. Öfter sogar.

Dass ich mehr für diese Beziehung tun muss als früher. Und vielleicht auch für die nächsten Jahre. Dass ich Angebote machen muss, dass ich auf ihn zugehen muss. Immer wieder. Auch wenn er mich anbellt, er wölle jetzt nicht reden. Gesprächsbereit bleiben. Nähe – Distanz. Den Wunsch nach beidem respektieren.

Und schlussendlich dem Bärtigen zuprosten! Denn so schlecht haben wir das die letzten Jahre wohl nicht gemacht. Jetzt zeigt sich, welche Werte und Normen in ihm verankert sind und meistens – immer öfter – gefällt mir gut, was ich sehe! Ein höflicher, sympathischer junger Mann, der ein gutes Herz hat und ein Gefühl entwickelt für seine Umwelt. Und wenn mir jemand vor fünf Jahren gesagt hätte, dass ich das heute über ihn schreiben würde, hätte ich mich sehr gefreut.

Pubertät ist die beste Zeit, sich täglich einzureden: Es ist alles nur ne Phase!

HPIM1971

Schwer erziehbar

Alles Jungs, außer Mutti. Und die tanzen mir auf der Nase rum! Alle.

Ach, Leute, ich muss echt an mir arbeiten. Ich bin viel zu weich. Sagt auch der Beste. Ich lasse mich von denen manipulieren, sagt der Beste. Die nehmen mich nicht ernst, da ist sich der Bärtige sicher. Konsequenz sei das A und O, sagt der Beste. Ich sei keine Autoritätsperson, kritisiert der Mann. Dabei steht er vor mir mit einem Oberlehrerblick und erwartet irgendwie jedesmal, dass ich Besserung und konsequenteres Handeln gelobe.

In der Tat reichen zwei Worte („Mami, bitte!“), gesprochen aus einem süßen, süßen Kindermund, umrandet von duftender zarter Kinderhaut und obendrüber diese blinkenden riesengroßen Augen in dunkelbraun beziehungsweise blau, und schon knicke ich ein. Blinker, blinker. Mami, bitte! Ich stecke Gummibärchen in klebrige Kinderhände, zehn Minuten vorm Abendessen. Mami, bitte! Ich zücke Fünf-Euro-Scheine zusätzlich zum Taschengeld. Ich suche den dritten oder vierten Nuckel und das zwölfte Buch, das der Kleinste eben braucht zum Glücklichsein. Ich bin weich. Wie ein Muttibauch. Ich kann gar nicht anders!

Ich soll allerdings. Wenn es nach dem Besten geht. Das sagt der mir immer wieder.

Nun begab es sich die Tage, dass der bärtige, oberschlaue Mann einer Wirbelblockade im oberen Rücken anheimfiel (Ich werde jetzt etwas weiter ausholen. Irgendjemand von euch muss mal den Faden für mich festhalten, den finde ich alleine womöglich nicht wieder. Danke.). Es ziepte also. Hilfsbereit und rückenleidsgeplagt wie ich bin, empfahl ich, das für den Abend anvisierte Kneipenmeeting mit vorangehender Squash-Einheit besser abzusagen. Aber auf mich hört ja keiner (siehe oben). Der mit dem kleinen Zipperlein schnappte sich die Sporttasche und ging.

Heim wurde er dann gebracht. Es rumpelte spätabends im Flur und des Bärtigen Freund stand schuldbewusst vor der Tür, die Squashtasche des mir Angetrauten in der einen Hand und den Widerspenstigen quasi an der anderen. Dieser hing mehr schief als gerade irgendwie am Treppengeländer (von Demut keine Spur) und forderte mich auf, vor ihm in die Knie zu gehen. Er kam alleine nicht mehr aus den Latschen. Nach einem kurzen Blick war klar, es lag nicht am Bier. Die Ursache war viel mehr in der dem Bier vorangegangenen Sporteinheit zu vermuten. Der Alte hatte Rücken. Und zwar jetzt richtig!

Der Freund lächelte noch entschuldigend und meinte, ich hätte wohl recht gehabt mit meiner weisen Voraussage, es wäre besser gewesen, wenn… ach was, geschenkt. Ich winkte ab und bugsierte den bockigen Patienten in die Waagerechte.

Dort verharrt er nun weitestgehend seit Tagen. Ich könnte noch einiges zu der kranker-Mann-zu-Hause-Situation schreiben, aber wen will ich damit hinterm Ofen vorlocken. Kennt ihr alles. Mürrischer Kerl, der die Welt und seine Familie vom Bett aus regiert, lauwarmer Kaffee! Tu dies, hol mir das, nein, ich will kein Zäpfchen, das hilft bei mir nicht, mach das Licht aus im Flur, haben wir einen Goldesel im Keller, ich schwitze, ich friere, was gibt’s zu essen?

Das ist also die Ausgangssituation. Wo ist mein Faden? Ach danke. Konsequenz ist das Thema. Und Erziehung. Und dass ich an beidem arbeiten soll. Sagt der Mann.

Heute Morgen nun terrorisiert mich der Angeheiratete noch mehr als sonst und fragt ständig, wann ich denn endlich ins Büro gehe. Ich kläre ihn auf, dass ich heute aus dem Homeoffice arbeiten würde. Wir sitzen uns gegenüber, da platzt es aus ihm heraus: „Du, ich muss dir was sagen. Ich hab was gemacht…“ (bedröppelter Blick). Aus irgendeinem Grund verfügte ich in diesem Moment über uns beide vollkommen überraschende hellseherische Talente und ich knallte ihm vor den Kopf: „Du hast die Playstation heimlich aufgemacht!“. „Hä?! Ja?! Woher…“.

Wochenlang hatte mich der Bärtige mit inszenierter Unterstützung durch das Großkind bequatscht, sie bräuchten jetzt aber ganz dringend die PS4, weil die olle PS3, also das geht ja nun mal gar nicht mehr! Und überhaupt haben alle Kinder die neue PS4! Und wenn wir die alte bei ebay verticken, dann ist die neue ja quasi fast umsonst! Also mindestens umsonst! Und wie schön sie dann damit spielen würden, die beiden großen Jungs. Und was ich dann für eine Ruhe hätte! Also eigentlich sei das ja quasi ein Geschenk, das sie MIR machen würden, wenn sie dann diese PS4 hätten und so schön spielen würden und ich dann so viel Ruhe hätte…

Lesern, die zum Abschweifen neigen, empfiehlt sich an der Stelle das nochmalige Lesen des zweiten Abschnittes. Das mit dem „Ich bin weich“ und so. Habt ihrs? Alles klar. Das ist auch das Stichwort: Sie hatten mich. Nicht wegen der Ruhe, ich bin ja nicht blöd, sondern weil ich einfach weich bin. Und weil die mich so angeguckt haben!

Mit fadenscheiniger Konsequenz habe ich erklärt, das sei aber ein Weihnachtsgeschenk! Und zwar das einzige! Für beide! Sie nickten.

Seit einer Woche ist die Kiste nun da und neben dem Bügelbrett im Schlafzimmer versteckt.

entweihtes Weihnachtsgeschenk

entweihtes Weihnachtsgeschenk

Und nun das heute. Ich saß dem Mann gegenüber und versuchte, die Contenance zu wahren: „Nein! Du hast nicht wirklich. Sag mir, dass du nicht… ich fasse es nicht! Allen Ernstes?!“. „Ach Mäusel, komm…“. „Wie muss ich mir das vorstellen? Ich geh auf Arbeit und du holst das Weihnachtsgeschenk für unseren Sohn raus und…“. „Es ist auch mein Weihnachtsgeschenk!“. „Holst euer Weihnachtsgeschenk aus dem Schlafzimmer, daddelst den ganzen Tag, und bevor ich heim komme, versteckst du das wieder klammheimlich?!“. „Nö, nur die Kiste ist noch im Schlafzimmer, der Rest ist in den Schiebern im Wohnzimmer. Guckt ja keiner von euch rein.“. „Sage mal, wie durchtrieben bist du eigentlich?!“. „Ach komm, Mäusel, sei doch nicht so sauer. Da hab ich einmal eine anständige Krankheit, mit der es sich leben lässt und du gönnst mir keinen Spaß.“. „Waaaas? Ich glaube, es hackt! Ich sorge gleich dafür, dass du richtige Rückenschmerzen hast! Solche, wo du froh bist, wenn dir einer ein Zäpfchen in den Hintern rammt!“. „Ach komm, Mäusel.“. „Nix da, hör auf, mich anzumäuseln!“.

Atmen. Contenance.

„So. Du sagst mir immer, ich muss konsequenter sein. Was also denkst du, wäre eine angemessene Strafe?“. „Hä? Aber du sollst doch nicht MIR gegenüber konsequenter sein! Nur gegenüber den Kindern! Ach Mäusel, komm, sei wieder lieb zu mir.“. „Lass das, und hör auf, so einen albernen Flunsch zu ziehen und mit den Augen zu klimpern! Das wirkt bei mir nicht. Du siehst aus wie Heidi, das schielende Opossum. Nur mit Bart. Was hast du zu deiner Verteidigung zu sagen?“. „Mir war so langweilig.“. „Ach, und da hast du gedacht, die blöde Alte merkt nicht, wenn die Playse aufgerissen ist. Die wickelt am vierundzwanzigsten Dezember einfach buntes Papier drum, die doofe, und du lachst mich heimlich aus hinter meinem Rücken, ja? So hast du dir das gedacht.“. „Nein, Schatz, natürlich nicht.“. „Ich zeig dir jetzt mal, wie konsequent ich bin, Freundchen. Ich bin nämlich nicht dein Privatidiot. Tagsüber auf der Couch lümmeln und daddeln, wenn keiner guckt, und wenn ich da bin, spielst du den sterbenden Schwan und liegst im Bett und musst bedient werden…“. „Ach Mäusel, komm, so ist das doch gar nicht. Und ich habs dir ja immerhin auch erzählt. Und ich wollte dir auch noch sagen, wie wunderschön du heute aussiehst und dass ich dich sehr liebe!“. „Papperlapapp! Die Playstation schicke ich heute noch zurück.“. „Waaaas?! Nein, das kannst du nicht machen! Damit bestrafst du ja nicht nur mich, sondern auch das Kind.“. „Stimmt. Dann bekommst du in diesem Jahr eben keinen Adventskalender! Und den, den ich für dich gekauft habe, stelle ich auf meinen Schreibtisch und esse ihn ganz alleine auf!“. „Das ist fies. Ich würde sowas Fieses mit dir nie machen!“. „Du hast mir noch nie einen Adventskalender gekauft!“. „Aber ich wollte! Du wolltest doch gar keinen haben. Du seiest erwachsen und bräuchtest das nicht, hast du gesagt.“. „Ja, sowas sagen Erwachsene eben! Trotzdem hätte ich mich gefreut, wenn du mir einen gekauft hättest. Oder gebastelt. Oder einen Douglas-Gutschein jeden Tag. So schwer ist das doch nicht. Aber nein!“….

Ich gebe zu, irgendwo ist mir zum Ende zu in dieser Debatte die Sachlichkeit abhanden gekommen. Und das Thema wurde auch etwas verwässert. Ich kann auch nicht streiten. Ich knicke ein. Ich bin ein Friedfisch. Und ermüde schnell.

Ich war dann im Büro und habe gearbeitet. Und der Simulant war im Wohnzimmer an der Playse. Bevor das Großkind heimkam, hat er sie versteckt. Und ja, ich schäme mich für uns beide.

Der Bärtige hat recht: Ich muss an mir arbeiten. Die tanzen mir auf der Nase rum! Je oller, je doller.

Was mache ich denn jetzt mit dem? Was würde Jesper Juul raten? Hat irgendjemand Ideen? Alles außer: „Kein Sex mehr in diesem Jahr!“, wir haben schließlich nicht den einunddreißigsten Dezember. Das glaubt der mir eh nicht, auch diesbezüglich habe ich schon früher meine Inkonsequenz bewiesen.

Ich fürchte, ich bin erziehungstechnisch ein hoffnungsloser Fall.  🙂

Usabilityprobleme

Sprächen wir hier über etwas anderes, etwas weitaus einfacheres als Kinder, also sagen wir Software zum Beispiel, dann würde ich mal beim Support anrufen und möglicherweise ergäbe sich dann folgendes Gespräch:

„Ding Dong!“

„Äh… Hallo! Ich rufe an, weil ich Probleme mit diesem Dings… System habe.“

„Welche Version?“

„ ´20M`.“

„Ah! Eines unserer beliebtesten Anfängerprodukte! Macht eigentlich kaum Probleme. Die treten meistens erst in den Versionen ´12J`bis ´17J`auf.“

„Also, ich denke, bei meinem ist die Sprachsteuerung kaputt!“

„Aha, dann erzählen sie doch mal.“

„Nun, er versteht mich nicht. Gar nicht! Klare Befehle ignoriert er oder macht das komplette Gegenteil…“

„Sind sie sicher, dass ihre Befehle klar formuliert sind?“

„Ja, schon. Also ´Nein!`und `Hör auf!`und so. Aber da erhöht er lediglich sein Tempo beim Blödsinnmachen.“

„Was muss ich mir darunter vorstellen?“

„Na, zum Beispiel Zeug ins Klo schmeißen: Handtücher, meinen Schmuck, Shampooflaschen…“

„Hm, das hören wir öfter. Das ist allerdings typisch für den ´20M`. Da können sie nur die Systemumgebung modifizieren.“

„Hä?“

Support murmelt leise „RTFM!“ und „Verfluchte Anfänger!“

„Sorgen sie einfach dafür, dass ´20M`nicht in Reichweite dieser Dinge kommt. Damit sollte die Störung behoben sein. War´s das?“

„Neiiiin! er rennt auch immer weg und verwüstet hier die Systemumgebung, wie sie so schön sagen. Er kommuniziert auch nicht mit mir. Kann es sein, dass das Sprachmodul nicht auf ´deutsch`gestellt ist? Dass ich ein tschechisches System habe?“

„Unwahrscheinlich!“

„Also, in vier Monaten ist ein Upgrade auf `2J` geplant und im U-Katalog… äh… Lastenheft dieser neuen Version habe ich gelesen, dass bereits zwei-Wort-Kombinationen möglich sein sollen. Das ist unvorstellbar mit dem hier! Der ist kaputt!“

„Na na, ganz ruhig, junge Frau! Sagt er denn irgendwas?“

„Also ´Mama`, ´Papa`. Damit deckt er alles ab. Essen, Leute, alles einfach. Oder er zeigt unspezifisch in der Gegend rum und verlangt ´Dal!`. Keine Ahnung, was er damit will. Und ganz schlimm ist auch ´Alldä!`. Aber das sagt er nur zu mir.“

„Das hat er vielleicht mal gehört und gibt es nur wieder?!“

„Na, hören sie mal! Sowas sagt sonst niemand zu mir! Ich habe auch mit anderen Nutzern dieser Version geredet und die erzählen Unglaubliches. Was die mit ihren ´20M`s alles machen. Der hier kann einfach gar nichts!“

„Unglaublich ist da ein gutes Stichwort. Meiner Erfahrung nach neigen gerade Erstnutzer dieser Version zu schamlosen Übertreibungen. Das sollten sie sich nicht zu Herzen nehmen. Glauben sie einfach generell nur die Hälfte!“

„Und außerdem ruft meiner neuerdings ständig ´Kacke!`.“

„Das finde ich erstaunlich, dieses Feature ist eigentlich erst in höheren Versionen vorgesehen.“

„Nein nein, er verlangt damit nach Kakaomilch! Sehen sie, der ist kaputt! Außerdem läuft er auch nachts unkontrolliert mehrere Stunden und lässt sich nicht herunterfahren! Ich finde das schwierig. Einen derartigen Wartungs- und Pflegeaufwand habe ich nicht vermutet. Ich habe hier ja auch noch andere Systeme laufen. Ich kann mich doch nicht ständig um den ´20M`kümmern!“

„Hören sie mal zu. Der ´20M`ist in erster Linie ein Informationsverarbeitungssystem. Heißt, er lernt durch sie und durch die Dinge, die er wahrnimmt. Kopiert in erster Linie. Wenn er sprachliche Befehle nicht umsetzt, liegt das vermutlich am unpräzisen Befehl oder dem, was er zu diesem Befehl und den Erwartungen aus der Umgebung empfängt. Haben sie das Nutzerhandbuch gelesen?“

„Äh… nein. Dieser Handbücher verwirren mich nur. Jeder Popanz schreibt ein Scheiß-Nutzerhandbuch! Ach, und außerdem fängt sich der ´20M`ständig einen Virus ein. Das ist doch nicht normal!“

„Erzählen sie mir bloß nicht, dass sie kein Anti-Virus-Programm haben!“

„Doch, natürlich. Immer auf dem neuesten Stand. Masern, Röteln, Schwarz-Rot-Gelb-Fieber… Alles bekommt er quasi eingeimpft.“

„Das ist schon mal gut.“

„Was mache ich denn nun mit dem?“

„Mit dem ´20M`? Mit dem machen sie gar nichts. Ich empfehle: runterfahren. Vom Strom nehmen. Für länger. Und damit meine ich sie! Verschonen sie mich und ihr System mit ihrem überspreizten Anspruchsdenken. Und jetzt muss ich mich verabschieden, ich habe noch jemanden mit einem ´15J` und RICHTIGEN Problemen in der Leitung!

… tut tuuuut.“

„Hallo?“

I´ve got you under my wings

I´ve got you under my wings

Seit ich Mutter bin, sind mir Flügel gewachsen. Starke Schwingen, bereit zu beschützen und zu tragen. In der Tat sehe ich das wirklich so, dass meine Kinder mir Flügel verleihen, mich beflügeln. Für manche sehen die Dinger von weitem allerdings aus wie Rotorblätter…

Nimm ein offensichtlich verhaltensauffälliges Kind und eine besorgt dreinblickende Mutter und die Sache ist für jede andere Mutter klar! Also für jede, die irgendwann mal im Wartezimmer neben einer alten Ausgabe von „Psychologie heute“ gesessen hat (Es waren immer nur die Mütter, deshalb „jede“. Und ja, Ich würde lieber behaupten, das sei anders gewesen.).

Was war zuerst, Henne oder Ei? Ganz klar, die Henne ist an allem schuld! Das dazugehörige Ei war laut, schwer zu bändigen und zu sozialisieren. Außerdem motorisch ungeschickt. Konnte weder Seilspringen noch einen Ball kicken. Sollte er dennoch Fußballspielen, dann verlangte er nach gänzlich anderen Regeln. Er wollte nie auf einen Baum klettern oder mit anderen Kindern gemeinsam irgendetwas bauen. Dreck fand er eklig und ich habe in meinem ganzen Mutterleben noch nie ein Knie geflickt. Der war schon immer seltsam komisch und die Sache war sonnenklar. Das rief ungefragt alle wohlmeinenden Mitmütter auf den Plan.

„Das Kind braucht mehr Grenzen!“, „Der Junge braucht mehr Freiheiten!“, „Du engst ihn ein!“, „Du traust ihm nichts zu!“, „Du musst ihn loslassen.“.

Allein, das Kind gab mir ganz andere Signale. Das der Umwelt zu erklären habe ich lange erfolglos versucht…

„Das ist nur deine eigene Unruhe! Das überträgt sich alles.“, „Du musst mehr…“, „Du musst weniger…“.

In Erziehungsfragen sind Ratschläge in erster Linie Schläge. Es war ein Teufelskreis. Sie meinten es alle nur gut. Sie wollten doch nur helfen! Und verunsicherten mich vollends. Offensichtlich schien ja jeder besser als ich zu wissen, was der Junge denn nun brauchte! Selbst als sich herausstellte, dass meine seltsame Besorgnis nicht unbegründet war, musste ich mich tatsächlich einmal fragen lassen, ob ich denn glauben würde, dass das meine Schuld sei?! Also, dass er so seltsam sei aufgrund meines Verhaltens? Sie habe da mal was darüber gelesen…

Apropos lesen. Ich wünschte, ich hätte das Geld für die unzähligen Erziehungsratgeber gespart und stattdessen einen herzensklugen Menschen gehabt, der mir gesagt hätte:

„Hör zu, Mädchen. Das hat die Natur so eingerichtet, dass du schon alles mitbringst, was du brauchst um dein Junges zu versorgen, von der ersten Sekunde seines Lebens an. Und zwar unabhängig davon, ob das Internet je erfunden wird oder Steve Biddulph und Jesper Juul Bücher schreiben. Sonst wären wir Menschen schon ausgestorben! Deine Instinkte und dein Mütter-Sonar sagen dir, was dein Kind braucht. Dieser kleine Mensch vertraut dir blindlings und das hat seine Richtigkeit! Wird Zeit, dass auch du dir diesbezüglich traust. Hör auf dein Kind und auf dein Bauchgefühl. Und macht euer Ding. Du schaffst das! Und kein Mensch auf der Welt weiß besser als du, was das Kleine wann braucht. Und wenn du das Gefühl hast, da stimmt etwas nicht, geh dem nach. Und hör auf dein Kind. Vor allem: Lass dich nicht verunsichern. Alle Kinder laufen irgendwann, sprechen und legen den Schnuller und die Windeln ab. Jedes zu seiner Zeit. Und alle können irgendwann eins und eins zusammenzählen, der eine mit vier, der andere mit acht. Das ist eure gemeinsame Reise. Sie ist das schönste Abenteuer deines Lebens und du bestimmst, wie ihr reisen wollt: Im Hubschrauber, im U-Boot oder zu Fuß. Dein Kind und du, ihr zwei entscheidet das. Genieß doch einfach mal die Reise!“

So, und jetzt putze ich meine Rotorblätter! 🙂

 

 

 

Die Aufzucht und Pflege der Jungen

Der erste ist mir vor siebzehn Jahren quasi schwanzwedelnd zugelaufen. Wie das eben meistens so ist. Mittlerweile weiß ich, dass er mit 1,70m im zarten Alter von zwanzig Jahren damals schon ausgewachsen war, nur an Gewicht hat er seitdem pro Jahr ein Kilo zugenommen und leider verliert er auch langsam Haare und Nerven. Für beides wird mir grundlos die Schuld in die Schuhe geschoben. Naiverweise glaubte ich zu dem Zeitpunkt, an dem könnte nicht mehr viel zu versauen sein. Hinterher ist man immer schlauer.

Bald stellte sich heraus, dass wo einer ist, sich gern ein zweiter und dritter dazugesellt.  Aus der eigenen Zucht, jeweils einen halben Meter groß und unschuldig dreinblickend zogen sie 2000 und 2013 bei uns ein und erweckten den irrsinnigen Anschein, einfach nur niedlich und schmusig und pflegeleicht  zu sein. Pah!

Du erwägst, dir einen Jungen oder zwei zuzulegen? Was du in rauen Mengen brauchen wirst, sind:  Lob, Bewunderung, Geduld, Streicheleinheiten und das jeweils gängige Leib- und Magengetränk (Milch, Hefepils).

Ach ja, Humor nicht zu vergessen!Und Lesen hilft auch, auf diesem Blog zum Beispiel. Oder Ratgeberbücher…damit kannst du dann auch mal einen kippligen Tisch stabilisieren.

Und nie, wirklich NIIIIEMALS  die funktionierende Verdauung loben! „Hattu fein Stinker gemacht?!“, „So ein feines Bäuerchen hat der Jean Luc Malte da aber gemacht!“. Oh, wie du das bereuen wirst… Denn eins kann ich dir versichern: die werden nicht mehr damit aufhören. Und aus irgendeinem Grund selbst mit über Dreißig in der wahnwitzigen Annahme leben, wir loben sie noch immer für ihre fulminanten Verdauungsgeräusche!