Schwer erziehbar

Alles Jungs, außer Mutti. Und die tanzen mir auf der Nase rum! Alle.

Ach, Leute, ich muss echt an mir arbeiten. Ich bin viel zu weich. Sagt auch der Beste. Ich lasse mich von denen manipulieren, sagt der Beste. Die nehmen mich nicht ernst, da ist sich der Bärtige sicher. Konsequenz sei das A und O, sagt der Beste. Ich sei keine Autoritätsperson, kritisiert der Mann. Dabei steht er vor mir mit einem Oberlehrerblick und erwartet irgendwie jedesmal, dass ich Besserung und konsequenteres Handeln gelobe.

In der Tat reichen zwei Worte („Mami, bitte!“), gesprochen aus einem süßen, süßen Kindermund, umrandet von duftender zarter Kinderhaut und obendrüber diese blinkenden riesengroßen Augen in dunkelbraun beziehungsweise blau, und schon knicke ich ein. Blinker, blinker. Mami, bitte! Ich stecke Gummibärchen in klebrige Kinderhände, zehn Minuten vorm Abendessen. Mami, bitte! Ich zücke Fünf-Euro-Scheine zusätzlich zum Taschengeld. Ich suche den dritten oder vierten Nuckel und das zwölfte Buch, das der Kleinste eben braucht zum Glücklichsein. Ich bin weich. Wie ein Muttibauch. Ich kann gar nicht anders!

Ich soll allerdings. Wenn es nach dem Besten geht. Das sagt der mir immer wieder.

Nun begab es sich die Tage, dass der bärtige, oberschlaue Mann einer Wirbelblockade im oberen Rücken anheimfiel (Ich werde jetzt etwas weiter ausholen. Irgendjemand von euch muss mal den Faden für mich festhalten, den finde ich alleine womöglich nicht wieder. Danke.). Es ziepte also. Hilfsbereit und rückenleidsgeplagt wie ich bin, empfahl ich, das für den Abend anvisierte Kneipenmeeting mit vorangehender Squash-Einheit besser abzusagen. Aber auf mich hört ja keiner (siehe oben). Der mit dem kleinen Zipperlein schnappte sich die Sporttasche und ging.

Heim wurde er dann gebracht. Es rumpelte spätabends im Flur und des Bärtigen Freund stand schuldbewusst vor der Tür, die Squashtasche des mir Angetrauten in der einen Hand und den Widerspenstigen quasi an der anderen. Dieser hing mehr schief als gerade irgendwie am Treppengeländer (von Demut keine Spur) und forderte mich auf, vor ihm in die Knie zu gehen. Er kam alleine nicht mehr aus den Latschen. Nach einem kurzen Blick war klar, es lag nicht am Bier. Die Ursache war viel mehr in der dem Bier vorangegangenen Sporteinheit zu vermuten. Der Alte hatte Rücken. Und zwar jetzt richtig!

Der Freund lächelte noch entschuldigend und meinte, ich hätte wohl recht gehabt mit meiner weisen Voraussage, es wäre besser gewesen, wenn… ach was, geschenkt. Ich winkte ab und bugsierte den bockigen Patienten in die Waagerechte.

Dort verharrt er nun weitestgehend seit Tagen. Ich könnte noch einiges zu der kranker-Mann-zu-Hause-Situation schreiben, aber wen will ich damit hinterm Ofen vorlocken. Kennt ihr alles. Mürrischer Kerl, der die Welt und seine Familie vom Bett aus regiert, lauwarmer Kaffee! Tu dies, hol mir das, nein, ich will kein Zäpfchen, das hilft bei mir nicht, mach das Licht aus im Flur, haben wir einen Goldesel im Keller, ich schwitze, ich friere, was gibt’s zu essen?

Das ist also die Ausgangssituation. Wo ist mein Faden? Ach danke. Konsequenz ist das Thema. Und Erziehung. Und dass ich an beidem arbeiten soll. Sagt der Mann.

Heute Morgen nun terrorisiert mich der Angeheiratete noch mehr als sonst und fragt ständig, wann ich denn endlich ins Büro gehe. Ich kläre ihn auf, dass ich heute aus dem Homeoffice arbeiten würde. Wir sitzen uns gegenüber, da platzt es aus ihm heraus: „Du, ich muss dir was sagen. Ich hab was gemacht…“ (bedröppelter Blick). Aus irgendeinem Grund verfügte ich in diesem Moment über uns beide vollkommen überraschende hellseherische Talente und ich knallte ihm vor den Kopf: „Du hast die Playstation heimlich aufgemacht!“. „Hä?! Ja?! Woher…“.

Wochenlang hatte mich der Bärtige mit inszenierter Unterstützung durch das Großkind bequatscht, sie bräuchten jetzt aber ganz dringend die PS4, weil die olle PS3, also das geht ja nun mal gar nicht mehr! Und überhaupt haben alle Kinder die neue PS4! Und wenn wir die alte bei ebay verticken, dann ist die neue ja quasi fast umsonst! Also mindestens umsonst! Und wie schön sie dann damit spielen würden, die beiden großen Jungs. Und was ich dann für eine Ruhe hätte! Also eigentlich sei das ja quasi ein Geschenk, das sie MIR machen würden, wenn sie dann diese PS4 hätten und so schön spielen würden und ich dann so viel Ruhe hätte…

Lesern, die zum Abschweifen neigen, empfiehlt sich an der Stelle das nochmalige Lesen des zweiten Abschnittes. Das mit dem „Ich bin weich“ und so. Habt ihrs? Alles klar. Das ist auch das Stichwort: Sie hatten mich. Nicht wegen der Ruhe, ich bin ja nicht blöd, sondern weil ich einfach weich bin. Und weil die mich so angeguckt haben!

Mit fadenscheiniger Konsequenz habe ich erklärt, das sei aber ein Weihnachtsgeschenk! Und zwar das einzige! Für beide! Sie nickten.

Seit einer Woche ist die Kiste nun da und neben dem Bügelbrett im Schlafzimmer versteckt.

entweihtes Weihnachtsgeschenk

entweihtes Weihnachtsgeschenk

Und nun das heute. Ich saß dem Mann gegenüber und versuchte, die Contenance zu wahren: „Nein! Du hast nicht wirklich. Sag mir, dass du nicht… ich fasse es nicht! Allen Ernstes?!“. „Ach Mäusel, komm…“. „Wie muss ich mir das vorstellen? Ich geh auf Arbeit und du holst das Weihnachtsgeschenk für unseren Sohn raus und…“. „Es ist auch mein Weihnachtsgeschenk!“. „Holst euer Weihnachtsgeschenk aus dem Schlafzimmer, daddelst den ganzen Tag, und bevor ich heim komme, versteckst du das wieder klammheimlich?!“. „Nö, nur die Kiste ist noch im Schlafzimmer, der Rest ist in den Schiebern im Wohnzimmer. Guckt ja keiner von euch rein.“. „Sage mal, wie durchtrieben bist du eigentlich?!“. „Ach komm, Mäusel, sei doch nicht so sauer. Da hab ich einmal eine anständige Krankheit, mit der es sich leben lässt und du gönnst mir keinen Spaß.“. „Waaaas? Ich glaube, es hackt! Ich sorge gleich dafür, dass du richtige Rückenschmerzen hast! Solche, wo du froh bist, wenn dir einer ein Zäpfchen in den Hintern rammt!“. „Ach komm, Mäusel.“. „Nix da, hör auf, mich anzumäuseln!“.

Atmen. Contenance.

„So. Du sagst mir immer, ich muss konsequenter sein. Was also denkst du, wäre eine angemessene Strafe?“. „Hä? Aber du sollst doch nicht MIR gegenüber konsequenter sein! Nur gegenüber den Kindern! Ach Mäusel, komm, sei wieder lieb zu mir.“. „Lass das, und hör auf, so einen albernen Flunsch zu ziehen und mit den Augen zu klimpern! Das wirkt bei mir nicht. Du siehst aus wie Heidi, das schielende Opossum. Nur mit Bart. Was hast du zu deiner Verteidigung zu sagen?“. „Mir war so langweilig.“. „Ach, und da hast du gedacht, die blöde Alte merkt nicht, wenn die Playse aufgerissen ist. Die wickelt am vierundzwanzigsten Dezember einfach buntes Papier drum, die doofe, und du lachst mich heimlich aus hinter meinem Rücken, ja? So hast du dir das gedacht.“. „Nein, Schatz, natürlich nicht.“. „Ich zeig dir jetzt mal, wie konsequent ich bin, Freundchen. Ich bin nämlich nicht dein Privatidiot. Tagsüber auf der Couch lümmeln und daddeln, wenn keiner guckt, und wenn ich da bin, spielst du den sterbenden Schwan und liegst im Bett und musst bedient werden…“. „Ach Mäusel, komm, so ist das doch gar nicht. Und ich habs dir ja immerhin auch erzählt. Und ich wollte dir auch noch sagen, wie wunderschön du heute aussiehst und dass ich dich sehr liebe!“. „Papperlapapp! Die Playstation schicke ich heute noch zurück.“. „Waaaas?! Nein, das kannst du nicht machen! Damit bestrafst du ja nicht nur mich, sondern auch das Kind.“. „Stimmt. Dann bekommst du in diesem Jahr eben keinen Adventskalender! Und den, den ich für dich gekauft habe, stelle ich auf meinen Schreibtisch und esse ihn ganz alleine auf!“. „Das ist fies. Ich würde sowas Fieses mit dir nie machen!“. „Du hast mir noch nie einen Adventskalender gekauft!“. „Aber ich wollte! Du wolltest doch gar keinen haben. Du seiest erwachsen und bräuchtest das nicht, hast du gesagt.“. „Ja, sowas sagen Erwachsene eben! Trotzdem hätte ich mich gefreut, wenn du mir einen gekauft hättest. Oder gebastelt. Oder einen Douglas-Gutschein jeden Tag. So schwer ist das doch nicht. Aber nein!“….

Ich gebe zu, irgendwo ist mir zum Ende zu in dieser Debatte die Sachlichkeit abhanden gekommen. Und das Thema wurde auch etwas verwässert. Ich kann auch nicht streiten. Ich knicke ein. Ich bin ein Friedfisch. Und ermüde schnell.

Ich war dann im Büro und habe gearbeitet. Und der Simulant war im Wohnzimmer an der Playse. Bevor das Großkind heimkam, hat er sie versteckt. Und ja, ich schäme mich für uns beide.

Der Bärtige hat recht: Ich muss an mir arbeiten. Die tanzen mir auf der Nase rum! Je oller, je doller.

Was mache ich denn jetzt mit dem? Was würde Jesper Juul raten? Hat irgendjemand Ideen? Alles außer: „Kein Sex mehr in diesem Jahr!“, wir haben schließlich nicht den einunddreißigsten Dezember. Das glaubt der mir eh nicht, auch diesbezüglich habe ich schon früher meine Inkonsequenz bewiesen.

Ich fürchte, ich bin erziehungstechnisch ein hoffnungsloser Fall.  🙂

17 Kommentare zu “Schwer erziehbar

  1. Das kenne ich. So krank, dass er nicht zum Fußball gehen könnte, kann mein Mann überhaupt nicht sein. Und meiner wurde auch mal heimgetragen.
    Mein Rat: Besorg‘ Dir ein eigenes Mädchen-Playstation-Spiel, so eins, von dem Männer sofort Augenkrebs kriegen, und spiel es vor seinen Augen. Am Besten die Finger mit Sekundenkleber an dem Steuerdings festkleben, damit Du nicht weich wirst. Dann würde ich damit in seinem Freundeskreis angeben und behaupten, dass er das auch ganz toll findet und Du soo froh bist, dass ihr endlich ein gemeinsames Hobby habt.
    So einen ähnlichen Tipp habe ich mal von einem ganz besonderen Erziehungsexperten bekommen. Aber das ist meine Lieblingsgeschichte. Die kann man vielleicht bald lesen.
    Du merkst, ich schaue mir Deine Marketingkampagnen ab … 😉

    Aber auf jeden Fall sollte das den Bärtigen mal mindestens zwei IKEA-Trips und einen Lind-Adventskalender kosten!

    Das klingt jetzt alles schrecklich überlegen, oder?
    In Wahrheit bin ich mindestens ebenso weich wie Du. Ich bin so hart wie Vanillepudding.
    Aber zum Glück auch sehr vergesslich in solchen Dingen. Damit lebt es sich dann wieder ganz gut 🙂

    • Danke für den Lindt/Ikea-Tipp! Gold wert. Ich erweitere um drei Häagen Dasz, meine Sorte (chocolat Praliné and cream) ist überall raus, da kann er sich mal strecken und die Republik abfahren für mich. Ich merke schon, das spielt mir ganz schön in die Karten. Allerdings bezweifle ich, dass das respektable Erziehungsmethoden sind. Und Mädels-Playse-Spiele… ich bin da leider völlig raus! Ich kann null damit anfangen.
      Aber wie gesagt, danke, Lindt/ Ikea hilft schon weiter! Liebste Grüße in die Sandkuchenbäckerei

      • Kann ich verstehen. Da wäre mir die Schmerzgrenze persönlich auch zu hoch.

        Aber über Nacht kam mir noch eine teuflische Idee: Schreib doch einfach einen Blogpost darüber und stell ihn in dieses Internet.
        Ha!

  2. Ich weiß zwar nicht, um welche Eskalationsstufe es sich handelt, wenn der Satz fällt: „Hör auf, mich anzumäuseln!“, aber dieser Satz, er amüsiert mich so. 🙂
    PS? Heißt das nicht post scriptum?

    • Post scriptum: Eskalationsstufe drei,würde ich sagen. Hellrote Ampel. Bei dunkelrot müssen personelle Veränderungen vorgenommen werden 😉 Das mit dem Rummäuseln oder Anmäuseln werde ich einfach mal mitnehmen in den Berufskontext. Das kann man bestimmt auch gut in Projektstatusberichten unterbringen.

  3. Es liegt nicht an dir. Ich bin mir nach mittlerweile 16 Jahren Beziehung und zwei Jahren Mama sein sicher, dass man Jungs nicht erziehen kann. Dressieren vielleicht. Aber ernsthaft erziehen?

    Die ändern sich nicht bzw sie werden alle so. Mein liebster kleiner großer Sohn, mein Muttersöhnchen mit den Kulleraugen macht auch nur noch, was er will. Und das ist selten das, was ich wollen würde.

  4. Pöse Purschen!!! (und es macht mir etwas Angst, wo ich mit der Bockigkeit der Tochter ganz gut klarkomme und mich frage, wie es demnächst mit Sohn wird 🙂 )

  5. Hallo Nieselpriem,
    seit kurzem hab ich deinen Blog entdeckt und bin begeistert. Es ist alles so wahr und humorvoll geschrieben. Einfach amüsant. Ich hab dich gleich abonniert.
    LG este

  6. Ich würde die PS mit ins Büro nehmen. Jeder Tag ohne PS ist für den armen Leidenden Strafe. Und eigentlich stellst Du ja nur denn Ursprungszustand und damit geordnete Verhältnisse wieder her.
    Liebe Grüße nach Pieschen.

    • Eine kluge Johanna! Aktuell bin ich mehr daheim als im Büro wegen dem dauerkranken Babylino, aber ansonsten bester Tipp. Wobei… das Generve dann! Man muss Erziehung auch aushalten können 😉 und je älter die Jungs sind, umso penetranter wird es.
      Sonnige Grüße!

  7. Hallo,
    vor einigen Wochen hab ich deinen Blog entdeckt und bisher nur „leise“ mitgelesen, aber das muss einfach kommentiert werden. Da hat sich dein Gudster ja ein starkes Stück geleistet! Ich hab mal meinen Sohnemann gefragt was passiert, wenn an der PS das Kabel fehlt. „Da kannste ne spielen“, hat er gemeint. Merkste was?
    Verschwörerische Grüße vom Erzgebirgsrand!
    Simone

  8. Also jetzt mal noch ein diabolischer Rat. Nimm das Stromkabel für die Playse mit. Achtung das der Alten muss auch mit. Und wenn der Bärtige dann sucht kann er gleich mal Schubkästen auswischen und vorweihnachtlichen Putz machen. (Füge hier das diabolische Lachen ein).
    Ganz Herzliche Umarmung!

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