Von Blümchen und Bienchen

„Mama, was wollen Mädchen eigentlich? Also, von einem Jungen?“. Ohne mit der Wimper zu zucken oder vom Wäscheberg aufzublicken sage ich laut: „Das fragst du deinen Vater, der weiß das besser!“. „Den hab ich schon gefragt, der meinte, das wüsste er auch gern und ich soll doch dich fragen.“. Mit einem ostentativen Blick auf den Bärtigen sage ich deutlich zu laut: „Also, das ist wirklich ganz einfach!“, und versuche Zeit zu schinden…

Minuten später sitzt mein Sohn hoffnungsvoll (und offensichtlich hoffnungslos verknallt) vor mir und guckt mich erwartungsvoll mit seinen Bambi-Augen an.

„Sie zu fragen, fällt wohl aus, nehme ich an?“ (das Kind nickt), „Das Beste ist, wenn du einfach nett bist. Und höflich. Und hilfsbereit und zuvorkommend. Und ihre Nähe suchst! Dann schnallt sie das irgendwann.“.

Oh, mein Gott, was rede ich da! Das Kind wird fünfzehn! Wann war „nett“ je in Teenagerkreisen ein USP?

Ausweglos am Ziel vorbei schwadroniere ich weiter: „Weißt du, der Papa hat mir immer die Tür aufgehalten, obwohl das damals auch nicht mehr modern war. Einfach jede. Ich habe nie eine Autotür selbst öffnen müssen, er ging immer zuerst zur Beifahrertür und hielt die mir auf. Er hat sich immer wie ein Prinz aus dem Märchen verhalten.“. Darf man das noch sagen? Wo doch heute alle Mädchen und Frauen alles selber machen wollen und können?

Ich bin überhaupt keine Hilfe! Ich seh schon, wie mich eine andere Mutter anruft und mich befragt, welche antiquierten Wertesysteme wir unserem Sohn vermitteln. Scheiße!

„Und was, wenn du ihr einen Brief schreibst? Oder ein Gedicht?“. Für mich hat nie einer ein Gedicht geschrieben.

Oh Henrike, du meines Herzens Gräte,

wenn ich dich in die Finger kriegen tun täte,

ich schmisse dich auf meine Liege!

Hat niemand je geschrieben.

„Warte, vergiss das mit dem Gedicht. Wahrscheinlich zeigt sie das all ihren Freundinnen und dann lachen die über dich.“. Vermutlich wäre das der beste Augenblick, mit der Wahrheit rauszurücken: Ich habe keine Ahnung! Das Kind schaut immer noch hoffnungsvoll. Meine Arme und Mundwinkel werden immer länger.

Soweit ich mich erinnere, geht es nur ums Überleben, wenn du fünfzehn bist und nicht zu den coolen Kids gehörst. Das Kind gehört nicht dazu. Klassenbester und Außenseiter.

Ich erinnere mich, dass ich jahrelang für einen Jungen mit wilder Frisur und irrem Blick schwärmte, der nur mit mir knutschte nach der Schuldisco, wenn wirklich, und ich meine wirklich, alle anderen Optionen noch weniger vielversprechend waren. Währenddessen…

In meiner Klasse gab es den *Max Mustermann (*Name aus Datenschutzgründen geändert), Klassenbester und altkluger Streber. Der hatte zu allem Überfluss eine schlimme Schuppen-flechte und kaute an den Nägeln. In der ersten Klasse saß der bereits neben mir auf der letzten Bank. Und tat Unerhörtes, was mich veranlasste, mich zu melden und entrüstet zu verkünden: „Frau Menke, der Max hat mich gerade geküsst!“. Ob es Sanktionen gab, weiß ich nicht mehr. Was ich weiß ist, dass er auf jedem Klassenfoto neben mir sitzt. Auf unserem Jugendweihefoto neben mir steht und selbst in der Tanzstunde… Ach, wem mache ich was vor? Er war jahrelang der Einzige, der sich für das kleine, sommersprossige Mädchen interessierte. Er hatte nicht den Hauch einer Chance, rückblickend war mir gar nicht klar, dass der mich wohl urst Bombe fand (Hätter mal ein Gedicht geschrieben!). Also wurde er auch mein Tanzstundenpartner, obwohl ich lieber jemanden mit wilder Frisur gehabt hätte. Der Max klebte meine gesamte Schulzeit an mir.

Ich hatte kein Auge für die Netten, die Strebsamen. Das ist das Privileg der Pubertät. Was Aufrührerisches muss her. Wenn man in der Ecke mit den coolen Kids steht, sowieso. Und auch sonst. Dann schielt man eben zur Ecke mit den coolen Kids, und will auch dort stehen! Beliebt sein. Vielleicht dann erst recht.

Wann hört das auf? Ich hab keine Erinnerung mehr, wann „nett“ nett wurde. Leise anstatt laut, feinsinnig anstatt draufgängerisch. Sommersprossen auf den Armen anstatt Tattoos. Ab wann man sich zurückerinnert, wie die eigenen erwachsenen Vorbilder miteinander umgegangen sind. Selektiert, was man davon selbst haben möchte und was ganz anders.

„Hm, ich weiß auch nicht, was Mädchen wollen. Früher wollten sie cool sein und total beliebt. Vielleicht wollen sie das auch heute noch. Oder nur einige von ihnen. Möglicherweise findest du gerade die toll, die dich überhaupt nicht sehen. Daran kannst du vermutlich auch nicht viel ändern. Aber ich weiß ganz sicher, dass das besser wird. Später. Es wird einfacher.“ (Lüge! Schamlose Lüge!)

Das Kind schaut jetzt entmutigt und in mir krampft sich was (Wehe, wenn dem eine das Herz bricht!).

Man kann sich nicht aussuchen, in wen man sich verliebt. Nicht mit fünfzehn, nicht mit fünfzig. Aber manchmal ist es der Mut, sich zu offenbaren, der einem anderen das Herz öffnet. Nicht nur in Liebesdingen. Aber da auch. Wenn ich daran denke, mit welchem Blick mein Vater meine Mutter stets ansah, diese Mischung aus Erstaunen, Bewunderung und Stolz. Dieser Blick, der sagte: „Du bist die Eine für mich!“, vollkommen wurscht, wie antiquiert diese Äußerung auch heute sein mag. Ehrliches Interesse signalisieren, vor allem Interesse an dem, was im Herz und im Kopf los ist. Nicht nur in der Hose.

Aber das kann ich doch meinem Kind nicht sagen! Nein.

„Weißt du, wir hatten einen Jungen in der Klasse früher, der hieß Max.“, „Gehörte der zu den Coolen?“, „Nein, überhaupt nicht. Ich weiß nicht, ob der überhaupt während der Schulzeit je eine Freundin hatte. Aber du, wenn ich den jetzt sehe bei den Klassentreffen, freue ich mich immer besonders! Und weißt du was, der ist heute Physikprofessor und schreibt Bücher und unterrichtet Studenten!“, „Heute ist der also cool?“, „Ich glaub schon.“.

Das Kind guckt erleichtert, erhebt sich vom Stuhl und im Gehen sagt er: „Vielleicht werde ich auch mal Physikprofessor!“.

Ich atme tief, ich hab´s überstanden…

In der Tür dreht er sich plötzlich um und fragt: „Und was ist mit Sex? Der Arthur sagt, Mädchen wollen immer Sex?!“. „Nein! Äh, manchmal! Aber doch nicht jetzt! Und auch nicht mit sechzehn! Also überhaupt erst… Hä?! Also, der Arthur ist ein Idiot, der hat gar keine Ahnung! Und ich muss jetzt auch mal mit der Wäsche weitermachen! Und wenn du unterwegs im Flur deinen Vater triffst, sag dem, nur weil ich mir eine goldene Handschelle habe anlegen lassen, braucht er nicht aufhören, die Türen für mich zu öffnen! Und die Erfindung der Zentralverriegelung ist überhaupt keine Entschuldigung für nachlässiges Verhalten. Und überhaupt! Wann hab ich denn das letzte Mal Blumen bekommen?! Ja, ich weiß, ich mag keine Schnittblumen, aber ich will trotzdem welche! Und Komplimente! Aufmerksamkeit! Gedichte. Sag dem das. Und außerdem will ich, dass der die Erde küsst, auf der ich wandle und mich wie eine Prinzessin behandelt! Pah, keine Ahnung haben, was Mädchen wollen!“.

Ist doch ganz einfach, oder?

18 Kommentare zu “Von Blümchen und Bienchen

  1. Hahaha … Das Gedicht! Ich möchte sagen, dass Dir da aber auch eine sehr schwierige Frage gestellt wurde. Vor allem, weil ja nicht alle Mädchen das Selbe wollen. Uff, ich könnte das auch nicht so leicht beantworten.

    Aber ich wähne, dass ehrliche Komplimente und Aufmerksamkeit immer noch hoch im Kurs sind. Und neben Respekt auch ein bisschen verwegene Frechheit.
    Im Glauben, ich würde die klassischen Rebellen mögen, habe ich mir am Ende einen von den schüchternen, introvertierten, Gedichte schreibenden, speziellen Romantikern geangelt. Eines von den stillen wie tiefen Gewässern. Und bin bis heute sehr glücklich.

    Hätte man mich mit 15 gefragt, was ich will, hätte ich vielleicht gesagt: Ich will einen, dem ich richtig wichtig bin, der sich für mich interessiert und wissen will, was ich denke. Ich will einen intelligenten und vor allem nicht peinlichen Typen.
    Ich könnte mal versuchen, eins von den alten Steckbriefbüchern zu organisieren und nachlesen, was ich da unter „Mein Traumtyp“ so eingetragen habe 😀

  2. Also ich wollte gesehen werden mit 15,auch jetzt noch. Ich wollte immer einen der mir zeigt das er mich einfach gern hat. Humor fand und finde ich immer anziehend. Vlt klappt das ja auch beim Großen? Alu

  3. Oh, das ist wirklich hart. ABER, also ich hab mich (so im Rückblick) immer nur für die Nerds interessiert. Ich hab mich mit 15 sogar total dumm gestellt, damit ich von Mr. Super-IQ ‚Chemie-Nachhilfe‘ bekomme. Wir waren immerhin 2 volle Jahre lang ein Paar… Und ich möchte mal behaupten, ich war kein sooo schlechter Fang, auch wenn mir durchaus nachgesagt wurde, eigenbrötlerisch zu sein.
    Der Junge soll die Hoffnung nicht aufgeben und hingebungsvoll schmachten! Die Wunden zu lecken ist nie wieder so bittersüß, wie mit 15.

      • Na, sag mal nem 15jährigem, er solle geduldig warten, es fände ich schon ein Deckelchen für’s Tröpfchen. Der wird dir was husten…
        Mein Gatte musste über 30 Jahre warten, bis sich eine fand, die er nicht sofort abgeschreckt hat mit seiner Diskutiererei und dem Oberlehrercharakter… hat sich aber gelohnt – behaupte ich mal 🙂

  4. Oh liebstes Nieselpriem-Henrike,
    Du bist mir doch die Allerliebste

    Wenn in Deinen Blog ich schau
    mein Mutterherz wird manchmal flau

    Denn weil dein Kind bereits recht groß
    das finde ich zwar sehr famos,

    Du mir damit ein Zukunftsfenster öffnest
    in das ich doch nicht schauen möchte…st

    Du siehst ich reime äußerst schlecht
    Drum nimm dies <3, und diesen Hecht.

    (Jetzt hatte ich so ein hübsches Bild von einem Hecht gegoogelt und kann es nicht einfügen… *seufz)

    • Liebe Frau Harmonika,
      mit Freude seh ich, du warst auch schon da!
      so öffne das Fenster ich weit für dich
      und lade dich ein an meinen Tisch.
      Ob Fleisch, ob Fisch,
      ob ❤ , ob Hecht,
      es ist egal, es ist mit recht.
      Sei mir willkommen, liebes Wesen!
      Und wie´s weitergeht,
      das werden wir dann alle lesen.
      🙂

  5. Ich war zwar nicht besonders gut in der Schule, dafür aber übergewichtig. Was die ganze Angelegenheit nicht leichter gemacht hat. Ich musste raffinierter und eloquenter sein als die Beaus in meiner Klasse.

    Das klappte auch nicht.

    Gott sei dank bin ich innerhalb von vier Monaten 25 cm gewachsen und konnte mit der alten Masche meine Klassenkameradinnen klar machen: Mit Bluestanzen im Keller. Denn Tanzen kann ich. 😉

  6. Huh, schwierig. Da kann ich ja froh sein, dass mein Fünfjähriger noch mich, seine Lehrerin und sonst alle Mädchen mit gelben Haaren heiraten will. Aber ohne Küssen! Küssen ist grauselig! Wääk!

  7. Also laut meinen Töchtern (12,5 und 15): nicht ärgern – auch wenn dies DAS Zeichen ist wie Jungs ihre Liebe zur Angebeteten zeigen wollen, ehrlich auch mal über Gefühle reden, normal einfach mal ansprechen – NICHT über FB oder KIK oder ähnliches sondern in echt. Sich auch mal zu Sachen äussern die Mut erfordern. Wir führen dafür die Gespräche andersrum…

  8. Pingback: Das Bloggen der Anderen (27) | Familienbetrieb

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