Röchelndes Bettgeflüster, oder: Vom Leben mit Hund

Ich bin nun schon die vierte Woche krank, virulent, und irgendwie wird es nicht besser, sondern schlechter. Das Gesicht ist dick, die Nebenhöhlen dicht und warum ich eine Nase im Gesicht habe, das erschließt sich mir nicht. Ich rieche nichts, ich schmecke nichts. Gestern Abend zum Beispiel löffelte ich lustlos in einem Becher Schokoladeneis und stellte fest, es schmeckte: Kalt! Sonst nichts. Das war seltsam. Der Löffel voll mit Nudossi, den ich im Anschluss als Geschmackstest ebenfalls in den Mund steckte, rief das Gefühl in mir hervor, auf Schlamm oder Lehm herumzulutschen. Temperatur und Konsistenz sind alles, was ich wahrnehme. Ich rieche nicht mal Hundekacke, was mich nicht nur zur Kotentsorgungsverantwortlichen macht, sondern hier auch als Überleitung dient.

Denn, ich habe meine Lädiertheit zum Anlass genommen, das Laptop entsprechend seiner namentlich angedachten Funktion auf den Schoß zu legen und im Bett zu bloggen – eine Premiere!

Wer mir auf Instagram folgt, weiß es schon vom ersten Tag an: wir haben seit dem ersten Mai ein Weimaranermädchen hier bei uns. Sie heißt Baya und ist eine Badenserin, keine Thüringerin. Ihre Mutter und Tante sehen aus wie graue Doggen von der Größe her, was wir allerdings erst bemerkten, als wir das Welpenkind abholten! Dank Corona hatten wir vor dem Kauf keine Gelegenheit, den Wurf zu betrachten und mussten alles fernmündlich und nach Betrachtung von Videos entscheiden.

Wir haben uns ein Jahr lang mit dem Weimaraner als Rasse beschäftigt, und uns lange vergeblich auf Wartelisten und Wurfankündigungsbewerbungslisten gesetzt. Nach unendlichen Rückschlägen dann waren wir schwanger und kurz darauf purzelten aus der badischen Entfernung täglich goldige Filmchen ein.

Zum Beispiel solche (pardon the furchtbar miese quality):

Wir waren verzückt! Nun ist es dank Corona und der Entfernung nicht möglich gewesen, den Wurf zu besuchen bis zur endgültigen Abholung, sodass wir schlussendlich die Katze im Sack kauften, den Weimaraner im Korb. Und der war dann tatsächlich gar nicht mehr soooo klein, wie (ein bisschen) erhofft. Sie wog am Tag des Einzuges bereits acht Kilo und war größer, als dass ich sie hätte in eine Hundetasche stecken können. Was ich annahm, dass ich es tun würden täte, als ich noch auf sie wartete und idiotische Pläne schmiedete über das Leben mit Hund.

Ich war sehr müde an dem Tag, und glücklich, also alles wie immer, wenn Nachwuchs kommt!

Der Vergleich sollte auch die kommenden Wochen standhalten, was ich noch nicht ahnte. Zum Glück. Irgendwann später mal erzählte mir eine Psychotherapeutin, dass es den Begriff der „postpartalen Depression“ tatsächlich auch bei Hundebesitzern gäbe, klingt verrückt, aber genauso hab ich mich gefühlt!

Der Babyhund hatte nicht nur rund um die Uhr Betreuung nötig, sondern auch Schutz, vor dem Blondino zum Beispiel. Der wollte den Babyhund am liebsten permanent befummeln und herumtragen! Das gefiel dem Hund zwar, allerdings hatten die scharfen Krallen und spitzen Zähnchen des Milchgebisses bald nicht nur an allen erwachsenen Händen und Armen und Beinen und Rücken (ach, ihr habt Fantasie, erweitert beliebig) hinterlassen, sondern auch auf der zarten Kinderhaut. Es gab ständig Geschrei, wie böse der plöte Hund sei, und im nächsten Augenblick – Zack!- war das Kind wieder dran am Korb.

Die vielen Treppen in unserem Haus waren auch ein Problem. Also nicht für Baya, die enterte die Stufen problemlos und unerwünschterweise bereits ab dem zweiten Tag bei uns, also im zarten Alter von acht Wochen. Nur kam sie am Anfang nicht wieder herunter! Also traute sich nicht. Dann traute sie sich zwar, sollte das doch aber nicht, wegen den Gelenken, der Hüfte! Kindersicherungen wurden konzipiert und wieder verworfen, wir müssen eigentlich ständig treppauf treppab. Also schleppten wir fortan den ganzen Tag einen Welpen mit uns herum. Einen Welpen, der sehr schnell zunahm und sehr schnell sehr schwer war. Und sehr süß. Das auch.

Wir waren von Anfang an streng. Sie darf nicht auf die Couch! Also nie. Wie man deutlich an dem Foto sieht, hat sie das nicht interessiert. Weil, die Sonne schien doch! Guck doch mal, wie schön das ist! Und ich muss immer auf einem Sonnenfleck liegen, das hat meine Mami gesagt! Als ich dieses Foto oben machte, rief ich sie beim Namen, was sie schon verstand, sie guckte einfach nicht zu mir, getreu dem Motto, ich höre dich gar nicht, Frau mit den gelben Haaren. Es ist so schön hier auf dieser Decke, auf dieser Couch! Und guck mal, wie süß ich bin, du darfst mir nichts verbieten. Guck doch mal, wie ich gucke!

Das war auch ein Problem: Die übergriffigen Menschen. Gingen wir mit der Grauen raus, stürzten wildfremde Menschen herbei und grabschten an den Hund (der sich natürlich immer freute), eititei, wie süß du bist! Wir mussten ständig die Leute erziehen, und das klappte etwa so prima wie bei unseren Kindern, also eher schlecht. Gut war, wenn ich jemandem erklärt habe, dass der Hund nicht lernen soll, dass fremde Menschen immer Streicheleinheiten parat hätten, denn ich könnte mir nicht vorstellen, dass die fremde Person sich noch immer so übergebührlich freuen wird, wenn die kleine Baya dann ausgewachsen mit mindestens fünfunddreißig Kilo auf sie zustürzen wird. Das Gute war, das brachte stets Einsicht bei den Menschen. Das Schlechte daran, diesen Text sagten wir sehr oft auf.

Aber die Zeit spielt uns da ja in die Karten. Bereits jetzt wechseln manche Menschen die Straßenseite, wenn wir kommen. Sie ist schon ein eher mittelgroßer, langbeiniger Hund mit ihren sechs Monaten und wiegt bereits dreiundzwanzig Kilo.

Die blauen Weimaranerwelpenaugen sind einem Bernsteinton gewichen, der Brustkorb ist tief und bereits jetzt mächtig breit.

Sie ist eine beeindruckende Schönheit, was selbst andere Weimaranerbesitzer (- betreuer) beteuern.

(Nur wenn sie sich schämt oder Blödsinn angestellt hat, sie sieht voll affig aus. Dann streckt sie den langen Hals nach vorn, die Rute nach hinten und läuft quasi Rute-Körper-Hals-Kopf bilden eine Linie wie bedröppelt herum und ich finde, sie sieht dann aus wie eine laufende Biertischgarnitur! In grau!)

Dabei hat sie ein ganz zauberhaftes Wesen. Sie ist scheu, aber nicht ängstlich. Super anschmiegsam und sehr gelehrig. Sie bellt nicht, sie fiept selten, sie will einfach nur gefallen. „Baya, unser Stelzbein, ist ein wirklich angenehmer Hund!“, sagte neulich der Betreuer in der Hundetagesstätte, wo die Graue zweimal in der Woche hingeht, und ich war ganz schön stolz. Affig, ich weiß, aber was soll man machen, wenn einen schon die Kinder nicht stolz machen und es in der Schule nur Früchtchengespräche gibt, die beginnen mit: „Ihr Kind hat…!“. Dann muss mich eben der Hund mit tadellosem Verhalten mit Stolz erfüllen. Dann kann ich sagen, es liegt nicht an mir, guck, der Hund ist prima erzogen! Kleine Scherz. Ich kann die Kinder immer noch mehr leiden als den Hund. Also meistens.

Was man wissen sollte, wenn man sich in die Rasse verliebt ist nicht nur der Umstand, dass diese Tiere viel Beschäftigung brauchen für den Kopf, die Nase. Auch als „grauer Schatten“ bezeichnet man sie, und das sieht so aus, dass Baya uns alle auf Schritt und Tritt folgt, ganz egal, wie absurd das ist. Also auch dann, wenn ich nur aus der Küche in die Kammer gehe um Mehl zu holen, sie latscht hinterher. Alleine aufs Klo gehen habe ich mir ja zum Glück noch nicht wieder angewöhnt, denn das werde ich nie wieder. Sie hockt sich vor mich hin, ganz egal, was ich mache. Nur das liebevolle Abschleckern meiner nackten Knie, wenn ich auf der Schüssel hocke, das musste ich ihr verbieten – also irgendwo ist mal Schluss!

Wir haben drei identische Hundekörbchen im Haus verteilt, sodass sie auf jeder Etage eine Ruhezone hat.

Beim alleine Einschlafen haben wir das so gemacht, dass sie die ersten Wochen bei uns im Schlafzimmer ruhte in einem der drei Körbe, und wir den dann immer weiter aus dem Zimmer zogen, bis sie nun in meinem Büro schläft (da liegt sie jetzt auch neben mir, während ich schreibe). Das klappt alles, also jetzt.

Denn bis der Hund aus dem Schlafzimmer auszog, vergingen einige Wochen. Wochen, die immer länger wurden, denn ich genierte mich. Kaum fingen der Kerl und ich an zu fummeln, wollte der Hund mitmachen! Auf irgendeinem Schoß sitzen! Auch knutschen! Schubsten wir sie weg, fiepte sie. Das hielt ja keiner aus. Irgendwann – es nützte ja nichts – wir also bei der Sache, der Hund hatte mittlerweile gecheckt, dass unser Bett TABU mit Großbuchstaben ist, da steht sie am Bettende und guckt in „Pass auf!“-Haltung ganz genau, wer hier wem weh tut und ob sie vielleicht einschreiten müsse. Und kurz bevor die Blitze und das Feuerwerk kamen, also in dem Moment, wo man die Augen nicht mehr aufhalten kann, dann spurtete die um das Bett herum, vor, zurück, Kopf und Rute hoch und hat Alarm angezeigt! Radau gemacht! Hülfe, zu Hülfe! Die neue Mami ist in Gefahr! WUFFWUFFWUFF!

„Le petit mort“, der kleine Tod, so nennen die Franzosen den Orgasmus. Braucht keiner, habe ich beschlossen. Ich habe jetzt einen Weimaraner, der will auch kuscheln, eigentlich permanent. Reicht doch!

Was hat die letzten Wochen noch genervt? Magen-Darm-Infekt beim Hund, das ekligste überhaupt. Dann überhaupt diese Haufen! Baya kackt Riesenfladen, die mich an Kuhkacke erinnert, nicht an Hundehaufen. Sie verträgt nur eine einzige Sorte Futter, sonst kotzt und kackt sie mengenmäßig täglich ihr eigenes Gewicht, überall (hier Würgegeräusch vorstellen). Was noch? Ganz klar halb sechs aufstehen, also am Wochenende, in der Woche tut sie, als wäre sie ein Langschläfer, wie das Kind!

aktuelle Spitznamen: Stelze, Stelzbein, Köti, „mein Meeeedschn“, Bayanator, Bayakowskaja, Fiffi

Jetzt seid ihr erst mal im Bilde. Wie das mit der Grauen hier weitergeht, das könnt ihr zum Beispiel bei Instagram verfolgen, wenn euch das Warten auf einen neuen Blogpost zu lange erscheint. Ich poste ziemlich regelmäßig dort, fürs Blöggel bleibt leider aktuell viel zu wenig Zeit. Das ist alles Netflixens Schuld im übrigen. Seit es Netflix gibt, bin ich seltener Blogger, dafür öfter Netflixer! Ich gelobe Besserung. Ich hoffe, wir lesen uns bald!

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3 Kommentare zu “Röchelndes Bettgeflüster, oder: Vom Leben mit Hund

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