Zwischen den Phasen

Die Babyphase ist die anstrengendste aller Phasen, das wissen alle Eltern ganz genau. Also dann, wenn sie sich mittendrin befinden. Du kannst nicht schlafen, wirst angeheult, ausgesaugt, vollgekübelt, angekackt, belagert und gebraucht von früh bis spät. Hunger, Durst, Kacke, Zähne, Fieber, Weltschmerz, irgendwas ist immer. Und du bist verantwortlich. Kümmere dich darum! Kümmere dich um mich! Sofort! WÄÄÄÄÄÄH! WÄÄÄÄÄÄH!

Ich fand das eigentlich schön, muss ich gestehen. Ich mochte dieses krasse Abhängigkeitsgefühl, ging auf in der aufopfernden Haltung gegenüber meinen Kindern, die kleinen Gesichter neben meinen, ihre feuchten Händchen überall auf mir, Oxytocin bis zum Abwinken. Ich fand das super, am liebsten hätte ich sie nach dem ersten Geburtstag mittels einer „Freeze“-Taste so gelassen, als Einjährige. Ich vermisste irgendwann ganz schrecklich das Stillen, das Geräusch des Schnullerschmatzens, den Geruch ihres Morgenatems, ihrer Halsfalte. Das Gefühl dieser süßen Schwere, wenn sie mir auf der Hüfte saßen und sich an meinen Haaren festhielten. Ich wusste schon während ich die Zeit versuchte anzuhalten, dass ich das vermissen würde! Unzählige Liebeserklärungen hier auf dem Blog verklären diese ersten Zauberjahre in den schnulzigsten Tönen. Müde war ich, ja, mein Gott, aber all die Liebe! So viel Liebe! So viele schnodderige Küsse, so viel Nähe, die Nabelschnur unsichtbar und dennoch stark zwischen uns pulsierend. Ich bin süchtig nach diesem Gefühl, gewesen und immer noch. Dass ich mich lange Zeit nicht als alleinstehender Mensch fühlte, sondern als Teil eines symbiotischen, fast siamesisch anmutenden Menschgebildes, das störte mich nie. Das kam meinem Gefühl von Liebe und dem damit verbundenen Bedürfnis des Einswerdens sehr nahe. Näher, als das in einer Erwachsenenbeziehung je möglich wäre! Aber, alles ist endlich, alles hat seine Zeit. Ich habe den Freeze-Button nicht gefunden. You know.

Die Pubertät ist die schlimmste aller Phasen, das wissen alle Eltern auch ganz genau. Und ja, nämlich genau dann, wenn sie mittendrin stecken. Gemaule, Gemotze, Gestank, Gebrüll, Fressattacken („Wo sind die acht Schnitzel hin, die für morgen Mittag gedacht waren? Und wer hat die ganze Erdbeertorte gegessen? Und hatten wir nicht gestern noch drei Toastbrote?!“). Das Bad ist immer blockiert, und „blockiert“ ist auch ansonsten das Leitthema für die Pubertät. Du kannst mit den Kindern nicht reden, sie verstehen nicht, sie hören nicht, sie wollen nicht. Und du auch nicht! Was soll nur aus dieser undankbaren stinkfaulen Brut werden.

Die Pubertät habe ich immer gut verstanden. Für mich selbst waren das schreckliche Jahre. Vielleicht deswegen. Ich habe mich hässlich, fett, ungeliebt, nirgends zugehörig und entsetzlich wertlos gefühlt. Ich habe das nie vergessen. Ich war in Träumen gefangen, die mich weit weit weg von allem Realen trugen, verlor die Bodenhaftung, den Blick für Gefahren. Ich hatte keine Anker, keine starken Arme, die mich hielten. Ich erinnere mich ganz genau, was ich so vermisste. Verstanden sein, angenommen werden, begleitet sein. Und immer wieder bewunderndes Lob und Vertrauen.

Als der Bubi in die Pubertät kam, hob der Mann die Arme und sprach, er sei raus! Er kam gar nicht mehr klar mit dem. Da kam ich auf den Plan. Alles, was vorher nie abgefragt wurde und ich gut liefern konnte, war jetzt groß in Mode. Zuhören, Mut zusprechen, trösten, motivieren, absoluten Unsinn und abstruse Fantasien geduldig anhören. Ich konnte den jungen Mann gut begleiten, mit gehörigem Abstand natürlich, ich habe ihn immer unterstützt, egal, wie blöd der sich aufgeführt hat, mir fiel das nicht schwer, das konnte ich gut von mir als Person trennen. Ich wusste ja noch, wie Scheiße Pubertät sich anfühlt. Den ersten Liebeskummer haben wir dann als Eltern zu zweit überwacht am Bett des Jungens, der glaubte, er würde sterben. Sein Herz bräche und weiterleben sei nicht nur sinnlos, sondern sogar unmöglich. Der Mann rollte mit den Augen, ich aber wusste genau, was das Kind fühlte und sah sofort die Gesichter von Thomas K und Tilo B vor mir und war in dem Moment sechzehn wie er. Ich fühlte mit und sagte ihm nicht: „Ach, so schlimm ist das nicht! Daran stirbst du ganz sicher nicht!“, sondern, dass ich wüsste, wie weh das täte und dass ich ihm aber versichern könne, so weh wie jetzt wird ihm nie wieder etwas tun (was natürlich auch gelogen war, aber das erste Mal Liebeskummer ist wirklich eine Grenzerfahrung, da sind wir uns wohl alle einig). Die erste Pubertät haben wir überstanden, vor der nächsten habe ich keine Angst, ich kann das.

Die Phase zwischen den Phasen, dort hänge ich jetzt fest.

Diese Phase ohne Namen, ohne reißerische denglische Begrifflichkeit samt Ratgeberstapel. Dieses Alter zwischen fünf und elf, ich hasse das! Doch, ja, dieses starke Tunwort ist hier angebracht. Ich hasste es schon beim ersten Sohn, ich fürchtete mich schon Jahre jetzt beim zweiten und nun bin ich mitten drin. Das ist für mich die schlimmste aller Phasen. Ich komm nicht klar mit dem. Alles was ich kann, wird vollmundig in schlauen achtsamen Büchern aufgeschrieben: Kommunizieren, auf Augenhöhe, eigene Gefühle ansprechen, Ich-Botschaften, klare Regeln, Lob und Wertschätzung. Allein, ich könnte genauso gut Suaheli sprechen. Ich komme nicht durch. Ich bin nichts wert aktuell. Ich werde zum Kochen und Nägelschneiden und Kotzschüssel halten gebraucht, ansonsten kann ich abtanzen.

Vielleicht ist das die Quittung für die so innige Beziehung der ersten Jahre, das denke ich mir manchmal, dass die Söhne sich so vehement und geradezu brutal von mir lösen in diesen darauffolgenden Jahren. Wenn die Pubertät klopft, bin ich wieder die wichtigste Bezugsperson, jetzt bin ich abgemeldet und jede Bitte, jeder Wunsch, jede Handlungsanweisung wird ignoriert, ich werde vollgemault, angenölt, weggebissen. Ich bin zu blöd zum Spielen, zu uncool, um Minecraft zu kapieren oder dass man mit mir spielt. Der Papa ist der Größte, der Held, ich bin ich hier der Privatidiot von allen.

Die sind in diesem Alter nicht erreichbar durch gefühlsbasierte Ansprache, die reagieren nur auf Befehle und knappe Aufforderungen, gern gespickt mit „Wenn du nicht, dann du nicht…!“, Tablet, Fernsehzeit etc. Das nervt mich unendlich. Ich will das nicht! Und ich kann das nicht! Das ist, als müsste ich mich komplett verbiegen und verstellen, bis ich wieder begleiten darf. Erziehen kann ich nämlich nicht.  Der Mann weiß das auch. Der Mann bedauert mich und streichelt mir über den Kopf und sagt: „Dass gerade du zwei solcher Exemplare bekommen musstest…“, und dass er mich liebt, gerade weil ich so weich wie ein Muttibauch sei. Das ist lieb von ihm, ändert aber nichts daran, dass er ER im Moment alleinerziehend ist und ich alleingelassen.

Manchmal ruft das Kind mich säuselnd: „Mäusel, wo bist du?“, ebenso wie der Mann es tut, und dann muss ich lächeln. Oder er sagt, ich sei zwar die älteste Mama, die er kenne, aber keine sei schöner und sogar meine Falten seien schön. Und meine Fürze niedlich. Und dass er unter meinen Pulli kriechen will und sich an mich schmiegen, als wäre er noch in meinem Bauch. Es würde so gut riechen dort. Diese Momente genieße ich innig und versuche nicht, sie mir selbst zu versauen, indem ich sauer bin, dass er zehn Minuten vorher noch rotzfrech war und Mundfürze gemacht hat oder widersprochen.

Denn meistens sind sie extrem selten und extrem kurz, die innigen Momente. Am letzten Wochenende waren wir zu dritt im Park Bumerang schießen. Den zu kaufen war meine Idee, meine Umsetzung und auch die ersten Lernversuche habe ich alleine mit dem Blondino gemacht. Dann aber im Park, schlurft der an mir vorbei, blickt zu mir hoch und sagt: „Du kannst jetzt wieder gehen! Du spielst nicht mit!“, latscht weiter. Zack, und lässt mich in etwa so zurück:

 

Sieben ist er jetzt. Noch fünf Jahre bis zur Pubertät. Noch fünf Jahre die schlimmste aller Phasen. Ich brauche einen Hund oder einen Skorpion oder irgendwas anderes zum Liebhaben. Und einen Einführungskurs in Kindererziehung, bei den Navy Seals am besten.

Gemischtes Weihnachtsgeplänkel

Die Gedanken der letzten Tage, nacheinander und durcheinander gedacht und aufgeschrieben.

Dieser Blogpost ist ein Kessel Buntes. So hieß früher zu DDR-Zeiten eine Fernsehsendung, in der Helga Hahnemann auftrat und Gunther Emmerlich und Jürgen Lippert und wenn euch das alles überhaupt nichts sagt, ist das nicht schlimm, ihr habt nichts verpasst! Und an Weihnachten kam auch immer „Zwischen Frühstück und Gänsebraten“, eine Sendung, in der alle Mitwirkenden besoffen waren, ich bin mir ziemlich sicher. So viel Fröhlichkeit ist nur mit Nordhäuser Doppelkorn hinzubekommen. Ich hab das immer geguckt als Kind, es gab keine Alternative, wenn man schon als kleines Mädchen allergisch auf „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ war (hier Würgegeräusch vorstellen).

Jedenfalls hat Inka Bause, die manch eine aus „Bauer sucht Frau“ (ich hatte gerade aus Versehen „Bayer sucht Frau“ geschrieben und fand mich grad selbst übelst lustig) das sogar fünfzehn Jahre lang moderiert und früher als junger schnieker Hüpfer mit toupierter Action-Haarspray-gestylter Mähne bestimmt dort auch mal gesungen. Das mit dem Haarspray verstehen nun wirklich nur noch alteingesessene Ossis, deshalb für alle: Stank nach Johannisbeere, klebte wir Zuckerwasser und war in den Achtzigern der letzte Schrei. Auch, weil es kaum Alternativen gab, wollte man obenrum nicht nach Erdöl riechen. Und ein Alon-Haarspray aus dem Exquisit kostete zwölf Mark, Alter!

Wo ist mein Faden? Der rote?! Ah, danke.

Also, Weihnachten 2020. Alle riechen hier nach Westshampoo und es gibt jeden Tag Bohnenkaffee so viel wir wollen! Schöne neue Welt. Scheiß doch drauf, dass wir in der Bude hocken, ey, wir haben Farbfernsehen! Und Mandarinen aus der Dose! Und wir dürfen sagen, was wir wollen und keiner wird verhaftet! Jeder darf sagen, was er will, egal wie bescheuert das ist. Man darf auch sagen, dass die Coronaimpfung alle krank macht und nur eine Riesensauerei der Mächtigen ist und… darfst du alles sagen. Wenn du willst und keine Freunde brauchst um dich herum oder jemanden, der dir länger zuhört. Und dennoch fühlen sich manche Menschen „eingesperrt“, Menschen sind komisch.

Wir reden hier in der Familie über Nachwuchs, Nachwuchs mit Fell. Nachwuchs mit sehr kurzhaarigem, nahezu nicht haarendem Fell. Allen Leserinnen und Lesern ist also nun sicherlich klar: Wir reden über Weimaraner, Singular. Es soll eventuell eine Hündin hier einziehen im nächsten Jahr. Es steht auch schon fest, wie die heißen wird, für jede(n) von uns:

  1. Pepita; kurz: Peppi oder Pepsi  (für mich)
  2. Isabell (Unmöglich, oder? Kann nur vom Bärtigen kommen)
  3. es wird auf jeden Fall ein Hundejunge und der heißt Justus Jonas (der Blondino)
  4. es wird kein Weimaraner sondern ein Dackel und der heißt dann „Dackel“, was sonst

Der imaginäre Hund beschäftigt uns und wir lenken uns mit Hundegesprächen vom Alltag ab, auch nicht so schlecht. Klar ist auf jeden Fall, der Hund wird nie was vom Tisch kriegen, na-hein! Und er wird nicht auf die Couch dürfen, schon gar nicht in eins der Betten, niiiiemals! Und ich habe schon mal vorsorglich Bücher bekommen mit dem Titel: „Du bist der Rudelführer“, und dem Hinweis, es wäre enorm wichtig, dass ich das lesen würde! Weil, man wüsste ja… klappt ja schon nicht bei den Kindern mit der Strenge und Konsequenz. Mir persönlich ist wichtig, dass wir keinen Kläffer bekommen, also ich will einen Hund, dem man den „no-bell-Preis“ geben könnte, har har. „Bell heißt Klingel, das weißt du schon, oder?“, grätscht der Bubi humorlos ein, und: „Weiß jetzt nicht, wo das lustig gewesen sein soll!“. So geht das andauernd. Ich behaupte dann gern, andere Leute fänden mich urst lustig! Da winken sie immer gelangweilt ab, die Kerle. Der Prophet ist im eigenen Dorf nichts wert, das sag ich euch!

Heute ist Mittwoch und mir tut der Rücken weh vom Geschenkeeinpacken. Das vorherrschende Geräusch ist das Abrollen von Tesaband in einem Klebebandabroller, kennt ihr? Quiiiietsch. Das Geschenkpapier hat geradeso gereicht und in jedem Jahr denke ich, das muss aufhören, anders werden, jemand muss das für mich machen. Ich hasse das! Man sieht es im übrigen auch meinen Paketen an, dass ich Verpacken hasse. Es geht schon damit los, dass am Ende verschiedene Stücken übrig bleiben, die nicht auf das letzte zu verpackende Paket passen. Dann das Gefalte. Meine Mutter war da Königin. Akkurate Falze, Papier, das sich wie draufgebügelt um die Geschenke schmiegte. Mir hat sie das nicht vererbt.

Apropos Vererbung. Mein Onkel rief neulich an und sagte, er habe meine schöne Weihnachtskarte vor sich und freue sich daran. Was ich für eine hübsche Handschrift hätte! Da wusste ich, er hat die Weihnachtskarte meiner Schwester vor sich und uns zwei gerade verwechselt. Denn ich habe eine Sauklaue, echt jetzt. Ich schmadere was zusammen und hoffe, der Adressat kann es lesen. Meine Schwester hat die schöne Handschrift der Familie meiner Mutter. Die hatten wahrscheinlich alle in Schönschreiben eine Eins! Ich bin anders. Der Freund meiner Mutter sagt immer, eine von uns hat man mit Sicherheit vertauscht im Krankenhaus und ich weiß genau, wen er meint.

Weil wir gerade dabei sind. In den letzten Monaten mache ich oft Videotelefonie mit meiner Familie und meine Mutter und ihr Freund freuen sich immer sehr. Die staunen und strahlen, was das Zeug hält, wenn sie uns in der kleine Kiste (Smartphone) sehen! Was es nicht alles gibt. Guck mal, da bewegt sie sich sogar und ich kann sehen, wie sich der Mund bewegt beim Sprechen, abgefahren! Also wenn ich beim Freund der Mutter anrufe, dann sehe ich stets seine Handyhülle von innen. Nein, nein, er würde mich gut sehen! Alles prima, sagt dann der Opa. Rufe ich meine Mutter an, stellt sie das Telefon vor sich (schon mal super). Allerdings, wenn ich spreche, sehe ich nur grauen Pelz, weil sie stets das Ohr an das Display hält um mich gut zu verstehen. Dann setzt sie sich wieder aufrecht, um das Wort an mich zu richten. Ich antworte und sie beugt sich wieder nach vorn – ich sehe grau. ❤ Das rührt mich.  Die beiden sind siebzig und achtzig Jahre alt. Es geht ihnen gut, das ist das wichtigste.

Morgen, Kinder, wirds was geben. Der Baum nadelt vor sich hin und ich habe großzügig um die Tanne herumgefeudelt. Ich putze ständig und dennoch ist alles schmoddrig hier. Das liegt daran, dass wir zu viert hier sind und ich meistens zweimal pro Tag koche. Es gibt so Menschen, organisierte, die stellen vorm Kochen die benötigten Gewürze parat und haben das Rezept laminiert in einem Rezeptaufsteller neben dem geputzten Herd. Ich habe nie ein Rezept und knete zum Beispiel Hackfleisch und denke dann, ach, Majoran könnte noch dran, zack, mit den Hackfleischfingern den Gewürzschrank geöffnet und nach dem Fläschchen geangelt. Bei mir ist alles verschmiert und die Besteckschubladen voller Krümel und sogar die Topfschieber innen dreckig. Nur damit ihr mal Bescheid wisst! Immer wenn eine Freundin zu mir sagt: „Hach, bei euch ist immer alles so schön sauber!“, denke ich: `Was ist los mit dir? Bist du blind oder verlogen?!`. So ist das. Aber schon bei meiner Oma Else sah die Küche aus wie Bombe, aber das Essen! Die konnte kochen! Ich wünsche mir, das sagen die Leute auch irgendwann von mir. Scheiß doch auf ordentliche Besteckschubläden und streifenfreie Fronten!

Ich denke an die Studentinnen, die sonst in der Adventszeit bei Douglas Geschenke verpackten, was machen die in diesem Jahr? Und wie hat sich die Maskenpflicht auf den Absatz von Lippenstiften ausgewirkt? Weiß das jemand? Wie ist die Virusauswirkung im arabischen Raum, wo alle draußen sowieso mit Mundschutz rumlaufen, also die Frauen zumindest? Fragen, die mich beschäftigen.

Der Bärtige hat ein Buch mit Papierfliegeranleitungen gekauft (Warum?!) und nun muss einer von uns Erwachsenen ständig Druckerpapier zu Papierfliegern verfalten. Und die Dinger liegen überall rum, unter Schränken, hinter Möbeln. Des Kindes Begeisterung für Papier endet allerdings abrupt vor dem Wochenplan der Klasse 1c. Dort sind die Arbeitsbögen gesammelt für das Homeschooling. Katastrophe, sag ich euch. Malen, schneiden, kleben und lesen verweigert der Blondino lautstark und enthusiastisch. Mathe geht und Schreiben auch. Wir machen „angewandte Pädagogik im Alltag“ und lesen die Zahlen auf den Autokennzeichen, üben spielerisch die Malfolgen und ich schreibe dem Kind Liebesbriefe. Wenn er wissen will, was da steht, muss er sich eben Mühe geben! Ansonsten bin ich entspannt. Ist mir egal, wenn wir das nicht alles schaffen. Aber ich hab auch gut Lachen in Klasse eins. Wobei ich denke, das ist die Erfahrung. Die Erstlingseltern bei uns im Klassenchat sind mitunter überambitioniert, aber was weiß denn ich. Das ist mein vierzehntes Schuljahr als Mutter. Ich glaube, ich hab schon alles gesehen und gehört, sollen sie doch. Mich erregen die nicht. Ich gehe mit zu Wandertagen solange ich darf, weil die Zeit so verdammt kurz ist, wo das Kind das dulden wird und ich so alle anderen Kinder sehe und kennenlernen darf und damit ein Gesicht vor Augen habe, wenn von Dustin und Justin gesprochen wird. Und ich helfe der Lehrerin, wenn Elternunterstützung gewünscht ist, das versteht sich von selbst. Aber bei dem üblichen Schmus (wer hat was gesagt, welches Kind hat die längste Leseraupe und warum, wieso sind die Ranzen so schwer und mein Kind hat dieses und will jenes und überhaupt) da schalte ich ab.

Neulich stand ich mit Mundschutz beim Abholen im Foyer und eine Mutter beschwerte sich bei einer anderen Mutter über meinen Sohn. Weil, er sei so ein schlechter Einfluss auf ihr Schätzchen! Ich hab in mich reingegrinst, sie haben mich nicht erkannt mit meinem Ganzgesichtsschutz. Ich grinse auch, wenn die Horterzieherin beim Abholen sagt: „Und sie? Sie sind die Oma?“, mich haut im Moment nichts vom Hocker, was die Schule betrifft. Solange das Kind gern hingeht (wenn er denn wieder kann) und keine pathologischen Defizite zeigt. Für den Rest habe ich keine Zeit. Ich hab keine Lebenszeit übrig mich aufzuregen wegen irgendwelchem Blödsinn, der gar nicht wichtig ist. Und jetzt ist auch Weihnachten.

Drei Tage, eine Gans, eine Ente, zweierlei Klöße, eimerweise Rotkraut, ein Mohnstriezel und allerhand Kekse später ist nun der zweite Feiertag und ich hab voll das Weihnachtsmojo. Dieses Jahr in echt. Es hat mir gutgetan, nur mit den Meinen zu sein. Kein Besuch, keine Weihnachtsmarktglühweinverabredungen, kein Kalender-übereinander-legen, um alle Freunde zu treffen. Ich bin komplett runtergefahren und Weihnachten ist passiert. Ist mir passiert! Fern ab von all der Hektik, die mich sonst kirre und froh macht, bin ich glücklich gewesen.

Der Sohn hat mir einen Harry-Hole-Krimi von Jo Nesbo geschenkt und beömmelt sich stundenlang wegen dem Namen („Harry Hole… das klingt wie… hihihi… das klingt wie…. hahaha!“, „Ich weiß, das klingt wie haariges Loch, du Quatschbirne! Das findest du lustig, aber bei no-bell-Preis verleierst du die Augen, ja?!“). Alle freuen sich über die Geschenke und wir habens schön.

Die Tage waren gemütlich, unter allen Tischen liegen Legobausteine, jede freie Fläche ist mit Spielzeug vollgestellt. Die Weihnachtssterne sehen langsam müde aus und abgekämpft und auch der Baum hat durchgehalten – danke dafür!

„Rupfi of Blasewitz“, der schönste Tannenbaum vom Blasewitzer Waldpark

Abend laufen wir durch die Hood und schauen in die geschmückten Wohnungen, das ist der schönste Adventskalender für mich.

Gestern begannen die Rauhnächte, diese besonderen Tage, in denen mir früher manchmal das Gemüt etwas wackelte. In denen ich mich fragte, was das neue Jahr wohl bringen würde, in denen ich oft sehnsüchtige Wünsche an das Universum schickte. In diesem Jahr ist alles gut. Es gibt keine losen Enden, es ist alles geworden. So möge es bleiben, das ist mein Wunsch.

Im Garten schiebt sich neues Leben durch den kalten, feuchten Boden und die Tage werden wieder länger. Alles wird neu, alles fängt wieder von vorne an, wunderbar.

Euch wünsche ich magische, schöne und friedliche Tage bis zum Wiederlesen und jede(r) hat einen Wunsch frei beim Universum, ich habe das geklärt! ❤

 

 

 

 

 

 

Schon wieder Wochenende?!

Am Freitagmorgen stelle ich entsetzt fest, dass mein Geldbeutel verschwunden ist. Ich suche auf die Schnelle das Haus ab. Viele Quadratmeter, vier Etagen, treppauf treppab rennt die Mutti. Das dauert und führt zu keinem Ergebnis.

Ich weiß, ich war am Donnerstag mit dem Kind im Secondhandladen, und dort habe ich den Geldbeutel benutzt. Aber danach hüllt sich alles in Dunkel. Möglicherweise liegt er noch im Laden, weil das Kind sein soeben gekauftes dringend benötigtes Spielzeug irgendwo in dem Geschäft schon wieder verloren hatte und möglicherweise hatte ich beide Arme voll, als ich Kind und Krams dann zum Auto bugsierte. Denkbar wäre auch, dass mir beim Versuch, den Autoschlüssel aus der Tasche zu fummeln, der ganze Spiddel in den Dreck geflogen ist. Durchaus denkbar also, dass mein Geldbeutel in Pieschen auf der Bürgerstraße liegt! Ich alarmiere den Besitzer vom Lädchen und der Gute sucht für mich mit. Und geht auch auf der Straße gucken – nichts!

Ich sperre sodann (nach nochmaligen Check des gesamten Grundstücks und aller Ecken und Nischen) alle meine Karten und als ich den Bankordner zurück ins Büro des Mannes trage, liegt dort mein Portemonnaie! Auf dem Alten seinem Schreibtisch! Wottsefacko?! Ich hasse sogleich den Mann ein bisschen, denn dass ICH den dort nicht hingelegt habe, steht außer frage.

Am Nachmittag fahre ich in den Kaufmannsladen. Kaum habe ich das Auto in eine winzige Parklücke bugsiert (irgendwie kommt es mir vor, als seien sämtliche Parklücken in Parkhäusern für Mofas konzipiert), stelle ich fest, dass ich zwar nun wieder einen Geldbeutel besitze, aber darin kein Geld ist und – Ha!- die Karten habe ich ja eben erst gesperrt! Also wieder raus aus der winzigen Parklücke und wieder heim, dieser Tag ist sowas von für´n Arsch.

Als ich wieder da bin, ertönen Geräusche aus dem Inneren des Hauses, als stürbe der Mann lautstark. Oder möglicherweise hat er auch Sex ohne mich, wobei mir spontan gar nicht einfallen will, wie der Mann beim Sex klingt! Ich haste nach oben und finde den Bärtigen auf dem Dachboden, wo er sich schwitzend schindet und lauter geräuscht als ich beim Kinderkriegen. Der Kerl macht neuerdings Crossfit zu allem anderen dazu und wahrscheinlich klingt es jetzt bei uns öfter. Ich schreibe das nur, damit ihr wisst, ich bin in dieses lautstarke Treiben nicht involviert. Und nein, es ist nicht das, wonach es klingt!

Ich bin dann wieder in den Kaufmannsladen zurück und habe unterwegs im Klamottenladen Halt gemacht und bei dieser Instagramsache #10yearschallenge mitgemacht. Foto von 2009 und 2019. Hier bitte. Und nur für diejenigen von euch, die denken, mit vierzig ist das Leben vorbei: Rike links ist neununddreißig (dachte allerdings damals auch, mit vierzig ist dann das Leben vorbei; Überraschung! War gar nicht so).

Die Romantik eines Freitagabend in einem Bild zusammengefasst:

Samstag Morgen. Immer dasselbe. Es ist schummrig, die Mutti zündet Kerzen an. Alle (zwei) Anwesenden schweigen und trinken Heißgetränke, bis…

Ihr wisst, was jetzt kommt. Es wird gebacken! Das Kindchen will, ich muss mitmachen. Bis er es irgendwann komplett alleine kann und ich einfach gar nicht mehr aufstehe am Wochenende, sondern mir die leckeren Sachen dann ans Bett tragen lasse (es mangelt mir nicht an Motivationssprüchen um die wochenendlichen Projekte schön zu reden).

Unter die Pflaumen habe ich Pflaumenmus geschmiert, der Rhabarber bekam ein Bett aus Erdbeermarmelade.

Bereit zur Abnahme:

Nach dem Kuchen ist vor dem Kochen. „Stimmts, Mama, heute ist Schlafanzugtag?!“, spricht das Kind und damit wissen nun auch alle, wie wir so rumschlumpfen am Wochenende.

Die beiden Männer schlafen bis Mittag und das Süßilein und ich machen Kartoffelgratin.

Mahlzeit!

Am Nachmittag sind wir eingeladen beim Neujahrsessen meiner Familie.

Ich fand das Restaurant zu laut und wuselig und mit meinen Jungs ist es immer ein wenig schwierig, in so Läden zu gehen. Und so hat der eine Sohn seine Probleme mit sozialen Interaktionen damit bekämpft, indem er sich auf seinen Vater fokussierte und diesen die kompletten zwei Stunden ohne Unterlass zugeschnattert hat. Irgendwas in epischer Breite ausgespeichert. Der andere Sohn hat versucht, alle zu ignorieren und zu spielen. Als das nicht mehr ging, rief er dann mit beiden Händen an den Ohren „ZU LAUT! ZU LAUT! ZU LAUT!“, und wir verabschiedeten uns als erste.

So ist das eben. Aber immerhin konnten wir unser Essen aufessen, das gab es auch schon anders.

Den restlichen Abend verbrachten wir ruhig, mit Rückzug und Puzzles.

 

Guten Sonntagmorgen!

Während das Kind bastelt und puzzelt,

…stelle ich Zeug bei eBay ein. Kooft sowieso keiner! Ich hasse das. Entweder sagen die Leute, sie kämen an diesem oder jenen Tag und kommen dann nicht, ohne abzusagen, oder wollen Schränke abholen und kommen mit dem öffentlichen Nahverkehr angefahren („Ich dachte, sie könnten den Schrank und mich schnell mal nach Dippoldiswalde fahren?!“). Alles schon erlebt. Und guck doch, kaum fünf Minuten online schreibt jemand zu einer Tasche, die zwanzig Euro exklusive Versand kosten soll: „Für zwölf Euro inklusive Versand nehm ich sie!“. Ach, wie schön. Nicht. Und immer ohne Hallo und Grußformel. Die zicken mich quasi am frühen Morgen schon an!

Dabei ist das diesmal für einen guten Zweck. Meine Freundin hat ihr Leben halbiert und ist deswegen umgezogen. Jetzt ist am Ende des Ersparten noch jede Menge Baustelle in der neuen Behausung übrig. Und jede Menge Krempel, der nicht mehr gebraucht wird. Da komme ich hier ins Spiel. Ich will von dem Erlös eine Dunstabzugshaube kaufen!

Mittag: Lachs mit Sahnesoße und Bandnudeln. Oder, um es mit den Kindern auszudrücken: „Iiiieh, ich esse keine Fischnudeln!“, und: „Ich hatte das irgendwie leckerer in Erinnerung!“.

Nachmittags trage ich den Kuchen zu Gretel und stehe wieder vor diesem Spiegel. 🙂

Ich musste so lachen! Gretel macht mir Sonntags stets die Tür in Jogginghosen und mit Knödel auf dem Kopp auf und alles ist wunderbar! Ich sehe genauso aus. Sundays are for Jogginghosen! Mir ist wurscht, was der olle Lagerfeld dazu sagt („Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren!“), oder der Bärtige („Wie du wieder rumrennst! Wie diese Pippi Dingsbums von der Eva Lindgren!“), und wenn ich einen Sack hätte, ich schwöre, Sonntags würde ich mich den ganzen Tag dran kratzen! Mit Jogginghose. Auf der Couch. Echt jetzt.

 

Ich wünsche euch eine schöne Woche! ❤ Mehr Wochenendbilder gibts hier bei Alu und Konsti, die das sammeln.

Fümf

„Ich weiß nämlich schon, wie Sechs geht!“, informiert der holde Blondschopf seit vier Wochen alle Leute, und hat mit dieser Ankündigung sofort die ungeteilte Aufmerksamkeit aller Erwachsenen. „So!“.

Denn nach dem Geburtstag ist schließlich vor dem Geburtstag!

Am Nationalfeiertag ist er einundsechzig Monate bei uns, das Süßilein. Fünf Jahre, die rasanter kaum vergehen konnten.

Und Leute, ganz ehrlich, ich bin so froh, dass ich mit dem Bloggen angefangen habe, als der bei uns einzog. So kann ich immer mal nachlesen, wie das so war, als der noch ein brabbelnder „Rumlieger“ war. Und nun, wenn ich in meinen eigenen alten Gedanken stöbere (oft mit Seufzern verbunden), erfüllt sich der Sinn dieses Blöggels. Tatsächlich war das der Ursprungsgedanke, dass ich irgendwie die vierte Dimension erreiche, neben Fotos und Videos auch Gefühle konservieren kann, die mit der jeweiligen Zeitspanne verbunden sind. Dieser Blog ist eine digitale Liebeserklärung an meine Kinder und bevor es noch schnulziger wird, als es jetzt schon ist, komme ich mal zur Sachebene zurück.

Der fünfte Geburtstag nämlich.

„Mama, wie lange noch schlafen, bis ich fümf bin?“, „Mit Mittagschlaf oder nur Nachtschlaf?“, waren die letzten Monate die Fragen, von denen mir täglich die Ohren bluteten.

Dann war es soweit.

Da saßen wir dann an diesem Geburtstagsmorgen zusammen auf der Couch und das Kind sah mich mit diesem besonderen Blick an und sprach: „Jetzt bin ich fümf. Und ich werde niiiiie wieder vier sein!“. Ich antwortete: „Ich weiß, mein Schatz. Und ich nie wieder dreißig.“, und dann haben wir zwei Philosophen schweigend Kaffee bzw. Kakao getrunken.

Der Kindergeburtstag war das große Ding! Also im Vorfeld, und nur für das Kind. Denn wir zwei Alten haben genug. Nach gefühlt sechzehn ausgerichteten Geburtstagsfeiern in Kinos, In- und Outdoorspielplätzen, Soccerhallen, Kletterparks und Zelten (ganz ganz schlimm) bekommen wir zwei aschfahle Gesichtszüge, wenn das Wort „Kindergeburtstag“ fällt.

Das beste überhaupt waren rückwirkend immer die Kindergeburtstage bei Mc Donalds, also früher. Wisst ihr noch? Da gab es diesen Partyraum, den man für einen schmalen Taler komplett verwüsten konnte. Für fünf Euro konnte man eine Torte bestellen und ganz früher wurde sogar ein bedauernswerter Mc Donalds-Mitarbeiter abgestellt, der Becherwerfen mit den Kindern spielen musste. Mann, war das schön! Das Bällebad komplett entleeren und Burgerweitwurf!

Also sicher nicht für die Angestellten, aber für uns war das sehr schön. Später noch unkte der Bärtige, das Konzept wurde nur wegen uns verworfen, da die Mitarbeiter immer in Tränen ausbrachen, wenn sie nur unterjährig unsereiner zu Gesicht bekamen… ich weiß es nicht. Auf den Fotos sieht das immer alles gesittet aus. Hier ein Beweis.

2003 – Kindergeburtstag bei Mc Donalds

Im Hintergrund der Bärtige mit einer Videokamera (Liebe Kinder, das benutzte man damals, es gab noch keine Fotohandies. Nein, ehrlich nicht.), und rechts im Bild der Mitarbeiter beim Aufbau des alljährlichen Becherwerfenspiels. Ich mochte das immer sehr und möchte hiermit mein Bedauern zum Ausdruck bringen, dass die frühkindliche Fixierung auf Pressfleisch und Plastikspielzeug nicht mehr unterstützt wird. (Hat irgendjemand Interesse, diesbezüglich eine Petition zu unterstützen?)

Zurück in 2018. Wir mussten uns also mal wieder Gedanken machen. Wer in die Suchmaschine „Kindergeburtstag in Dresden“ eingibt, bekommt eine unübersichtliche Anzahl von Treffern. Nicht alles ist für Fünfjährige geeignet und manches (Inddoorspielplätze zum Beispiel) nach schmerzvoller Erfahrung nicht für den Nachwuchs der Nieselpriemfamilie.

Schlussendlich haben wir im Waldseilpark Bühlau mit dem Jubilar und seinen „fümf“ Freunden gefeiert und das war toll! Wir haben die „kleine“ Schatzsuche gebucht und waren eine gute Stunde mit den Hosenscheißern im Gelände unterwegs. Danach gab es Preise und im Anschluss konnten sie noch nach Herzenslust auf dem Kinderparcours klettern. Das alles war im Vergleich lächerlich preiswert, die Veranstalter waren supernett und man hatte uns sogar einen überdachten Picknickplatz reserviert, wo wir unser mitgebrachtes Futter aufbauen konnten.

 

Der Hit war im übrigen die stinknormale Rutsche, die dort im Gelände steht (Oh Gott! Eine Rutsche! Ich habe noch niemals so eine Rutsche gesehen! Hier kann ich ja rutschen!), sie waren kaum dort wegzukriegen. Versteh einer Kinder…

Am Ende, zur Abholzeit, heulten drei von fünf Kindern herzzerreißend, und ich sah mich genötigt, zur Begrüßung die altbekannte Elterngrußformel an Kindergeburtstagen auszurufen: „Es ist nicht so, wie es aussieht! Bis eben hatten wir alle sehr viel Spaß!“.

Der Bärtige sagte abends zu mir, das sei endgültig der allerletzte Kindergeburtstag gewesen, den wir gemacht haben. Und ich sagte, ja. Also so wie das schon seit Jahren abläuft. Immerhin haben wir ja dreihundertfünfundsechzig Tage Zeit zur Akklimation. Und so lange hält kein Kindergeburtstagstrauma an. Ich kenne uns da schon ziemlich gut 🙂 .

Und nun ist er fünf. Ein Meter neun hoch, siebzehn Kilo schwer und noch immer weizenblond. Und süß. Ja. Aber es gibt Dinge, die sich verändert haben. Bis vor Kurzem dachte ich ja oft noch wehmütig, es wäre doch schön gewesen, wenn das späte Wunder aus Drillingen oder wenigstens Zwillingen bestanden hätte. Oder wenn ich im Jahr darauf (Huch, wie konnte das bloß passieren?!) noch einmal verwundert gewesen wäre. Damit ist Schluss! Denn die Wunderlinge werden alle irgendwann fünf sein und ich nie wieder dreißig, das hatten wir ja eben schon…

Der Süße raubt mir meinen letzten Nerv und ist die Liebe meines Lebens. Oder zumindest eine von dreien (falls der Mann hier mitliest). Des Kindes Wutausbrüche sind nicht von dieser Welt. „DU PLÖTE SCHEIßMAMA!“, „HAU AB DU PLÖTE SCHEIßE!“, untermalt mit Spucken, Mundfürzen und um-sich-Schlagen und es hilft kein in-den-Arm-nehmen, nur in-acht-nehmen, bis der Spuk vorbei ist. Er schmeißt Zeug, haut, brüllt und rennt wie ferngesteuert in der Gegend rum, wenn ihn der Hafer sticht. Im Durchschnitt zehn Minuten täglich und nein, ich gewöhne mich nicht daran.

Ach, Gegend. Er rennt auch weg. Also nicht zu Hause, da läuft er wie ein Entenjunges hinter mir her, auf Schritt und Tritt, aber draußen ist er fort. Aber nur, wenn es irgendwohin geht, worauf er Bock hat. Ansonsten wird sich erst mal längs geworfen und gebrüllt aus der Horizontalen, er wölle getragen oder in der Kutsche gefahren werden, denn laufen gänge in gar keinem Fall. Geht es aber irgendwohin, wo es ihm gefällt, ist er fort.

Zum Beispiel habe ich ihn mal im Kaufland gesucht, lange, mit professioneller Unterstützung. Er lag dann im Regal mit den Hochlehnerauflagen. Zwischendrin. Und ruhte sich aus. Ich gehe ab jetzt nur noch zu Aldi, da gibt es kaum Verstecke.

Aber durch das Kleinchen komme ich auch zu unerwartetem Wissen. Neulich zum Beispiel ging er – der selbsternannte Toiletteninspekteur – wie selbstverständlich seiner Oma hinterher, nur um sofort darauf angerast zu kommen und zu berichten: „Mami, Mami, weißt du was?! Die Oma hat Haare an ihrem Puller! So dick!“, und zeigt mit den Ärmchen einen Abstand von circa vierzig Zentimeter. Dank des Kindes weiß ich also nun, dass meine Schwiegermutter ihre Rente ganz offensichtlich mit dem Schmuggeln von Perücken aufbessert. Danke Kind!

Und heute morgen, dann endlich, kam sie wieder, die Frage aller Fragen: „Mami, wie lange noch schlafen, bis ich sechs bin? Mittagschlaf auch, oder nur Nachtschlaf?“.

 

 

Aus dem Leben einer Mutter – Kurzepisode 1

Das Seniorenheim

Sie kennen das. Da gehen sie gemütlich zum wochenendlichen Entenfüttern an den nahegelegenen Fluss und just als die heimatliche Behausung aus dem Blickwinkel entschwindet, schreit das angedeihliche Fortpflänzchen zu ihrer Linken: „Muss kackorn!“.

Zum Glück haben die Städtebaumeister wohl genau aus diesem Grund alle drei Meter ein Seniorenheim mit Gästetoilette im Entreé errichtet.

Das bedürftige Kind verspürt naturgemäß keinerlei ursächliches Bedürfnis mehr beim Anblick des coolen Interieurs: Behindertentoilette, Notrufklingel, eine Riesenrolle Handtuchpapier… Aber weil sie schon mal hier sind, geben sie dem Kind ihr Handy, damit es nicht ins Klo fällt, wenn sie gleich…

 

Zum Glück hat das Kind weder Twitter- noch Instagram-Account. Bislang.

 

Das Eminem-Baby

Triggerwarnung: Nachfolgende Zeilen enthalten Schimpfworte der schlimmsten Coleur. Dies könnte empfindliche Personen irritieren oder verschrecken und in der Konsequenz gegebenenfalls Übersprungshandlungen wie zum Beispiel das-Jugendamt-anrufen zur Folge haben. Das wollen wir doch nicht, na-hein! Deshalb möchte die Autorin (ich) sich an der Stelle darauf berufen, dass es sich hier möglicherweise höchstwahrscheinlich um rein fiktive (*hust*), quasi schlichtweg erfundene Begebenheiten handeln wird, und total langweilig sind die außerdem. Ach, wissense was, klicken sie lieber gleich ganz woanders hin! Bitte gehen sie vorsichtshalber weiter, es gibt hier wirklich nichts zu sehen!

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Zu Beginn müssen wir den Baby-Begriff etwas weiter fassen. Das hier beschriebene Baby ist vier Jahre, vier Monate und neun Tage alt und somit genaugenommen kein Baby mehr. Aber ich nehme es ja generell nicht so genau, oder? Warum dann also hier?!  Und wo ich doch bislang noch kein Ersatzbaby bekommen habe!

Auch der hier so Benannte möchte eigentlich eher als vierjähriger Erwachsener beschrieben werden: „Das ist nicht für die kleinen Kinder! Das können nur die Erwachsenen. Und die erwachsenen Vierjährigen!“, erklärt das Babylein nämlich gern und zu jeder annähernd passenden Gelegenheit: Beim Eisessen (nur für Erwachsene), beim Backen (nur für Erwachsene), beim im-Stehen-Pinkeln (nur für geübte Erwachsene…). Das Erwachsenending ist überhaupt gerade urst wichtig. „Mama, weißt du, ich bin schon ein großer Junge. Und du wirst auch bald ein großer Junge. Und danach wirst du dann ein Papi und dann habe ich zwei Papi´s!“, wurde ich jüngst aufgeklärt. Blöderweise habe ich dies dem amtierenden Papi erzählt, der sogleich schlussfolgerte, „Papi sein“ sei dann wohl erwiesenermaßen entwicklungstechnisch die höchste Ausbaustufe! Schwerer Fehler meinerseits.

Eigentlich isser süß, der Blondino, immer noch. Auf der anderen Seite (Heilige Scheiße, wann bitte ist das passiert?!) ist er mittlerweile schon verdammt groß und das zieht auch unerwünschte Begleiterscheinungen nach sich. Im Moment zum Beispiel wohnt ein Mini-Eminem bei uns. Ein Mini-Eminem mit Tourette, Hauptgewinn!

Neulich erst tönte es laut durch unser Haus:

„F*tzekacke, F*tzekacke, F*tzekacke!“

Mir gefror das Blut in den Adern. Der Bubi sah mich an und behauptete, ein „R“ gehört zu haben. „Netter Versuch mich zu trösten, aber das war keine Furzekacke!“, korrigierte ich ihn.

„F*tzekacke, F*tzekacke, F*tzekacke!“

Zum Einkaufen kann ich den gar nicht mehr mitnehmen. Nicht nur, weil der die Omas anknurrt („Nich mich angucken!“), sondern neuerdings eben auch, weil ich nicht sicher sein kann, ob aus dem süßen Schnäbelchen ein fröhliches Weihnachtslied („… So viel Peinlichkeit in der Heimlichkeit!…“) ertönt oder eben:

„Fickificki, fackifacki, Arschpupskanone!“

Ich weiß, was ihr fragen wollt: Ich habe keine Ahnung! Und ja, ich versuche alles. Ich erstarre jedes Mal vor Schreck und rede mit dem Kind. Sage, dass wir das nicht sagen, dass das hässliche Wörter sind und so weiter! Und nein, der guckt keine krassen Youtuber. Der guckt Feuerwehrmann Sam (und das Arschlochkind Norman ist wohl sein Vorbild…), Peppa Wutz (die „dummer Papa“ zu ihrem Papa sagt) oder Benjamin Blümchen (in einer Weihnachtsfolge beschimpft ein gewisser Edwin ein Mädchen als „dämliche Gans“). Ich sehe es ein, die Bewegtbilder sind voll von „hässlichen“ Wörtern, böse, böse!

Okay, dann also Kinderbücher. Doch warte, auch bei den Machern vom Grüffelo werden Dinge und sogar eigene Eigenschaften als „blöd“ oder „doof“ bezeichnet und bei den Karlchen-Büchern erst! Da muss ich ständig umtexten beim Vorlesen! Boar, was mach ich nur.

Vor kurzem fragte mich die beste Kindergartentante von allen: „Du sage mal, was ist denn bei euch zu Hause los?!“, und lächelte zwar dabei, aber wer weiß. Mutti, sei wachsam! Ich heuchelte vollkommene Ahnungslosigkeit und musste dann auch hören, dass die geliebte Ausgeburt meiner Lenden nicht nur stänkerte, schubste, zeterte (jaja, das auch), sondern im Moment besonders durch inflationären Schimpfwortgebrauch auffiele! Ob er das etwa von zu Hause hätte? Sie lächelte noch immer und zwinkerte mir zu, ich stieg aber vorsichtshalber um in den Verteidigungsmodus. „Öh…nein?!“

Und vor meinem geistigen Auge lief die Wiederholung eines Filmes, der erst wenige Tage vor dem Gespräch in unserer Küche lief, während das Eminem-Baby und ich im angrenzenden Wohnzimmer verweilten. Protagonisten: Der Bärtige und der Bubi. Szenerie: Der Bärtige deckt den Abendbrottisch, während der Bubi den Geschirrspüler ausräumt und zwischendrin seinen Vater mit dem Geschirrhandtuch vermöbelt, weil ersterer ihn wegen irgendwas aufgezogen hat. Beide verhalten sich so erwachsen, wie sie eben können und ich schaue machtlos dem Spektakel zu und frage mich, ob sich so „alleinerziehend mit drei Söhnen“ anfühlt:

„Du elender Rosettenkneifer, komm her!“. „Was willst du denn von mir, du räudiger Kotbeutel!“. „Von dir winzigem Hodenkobold?! Nichts, du köttelwerfender Kotnascher, du!“. „Na, besser als ein Senkhodenpendler jedenfalls!“. „Pah! Senkhodenpendler, von wegen. Ich bin ein SCHÜRFEICHELPENDLER, da guckste!“

„Leu-te! Cut! Cut! Aufhören, sofort! Alle beide! Und jeder geht jetzt in sein Zimmer! Ihr seid unmöglich! Un-mög-lich seid ihr! Wie im Kindergarten, nur mit Testosteron! Ich werd bleede mit euch! Mensch, ey, meine Nerven!“

Letzteres war mein Text, gebrüllt aus dem angrenzenden Wohnzimmer. Und wahrheitsgemäß erkläre ich der Erzieherin:

 

„Ich habe keine Ahnung, wo der das her hat. Also von zu Hause jedenfalls nicht!“

via Giphy

 

Über das Grauen

„Morgengrauen“ ist ein Begriff, der die astronomische Dämmerung am Morgen beschreiben soll.

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Morgengrauen; wie Wikipedia es beschreiben würde

Mir allerdings dämmert schon seit längerem, dass sich unter dem Begriff das Grausen vorm nächsten Morgen verbirgt. Vor den grauen trüben Morgenstunden, in denen erwachsene Menschen, von Minderjährigen aus dem Schlaf gerissen, in der Gegend rumtorkeln. Mit grauem, aschfahlem Gesicht.

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die ungeschminkte und unschöne Wahrheit im trüben Licht eines jungen Morgens

Vermatschte, energielose Menschen, die zitternd vor der Kaffeemaschine stehen und sich in einem Zustand befinden, zur Erreichung dessen sie früher mehrere Gefäße hochalkoholischen Zeugs benötigt hätten und den sie nun einfach regelmäßig und ohne Einfluss von toxischen Stoffen erreichen. Prima!

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Betroffene

Und dann reden sich die Leute immer ein, dass alles eine „Phase“ sei und man doch bald wieder acht, neun, zehn, (Ach was!) achtzehn Stunden am Stück schlafen würde! Nach vollumfänglich befriedigendem Beischlaf am Abend zuvor (mindestens dreißig Minuten lang in verschiedenen Positionen und einer angemessenen Menge Alkohol davor und einer Zigarette danach, im Morgenmantel aus Seide mit attraktiv verwurschteltem Haar) und die lieben Kindlein erwachen erst, wenn die ausgeschlafenen Elternmenschen am nächsten Tag in Ruhe geduscht und eine angemessene Menge Kaffee konsumiert hätten.

Ja, das erzählen sie alle!

Niemand erzählt einem, dass wir alle nie, nie wieder schlafen werden! Wie Ingo Appelt schon vor gefühlt tausend Jahren erkannt hat, können wir erst nicht schlafen, weil die Kinder alle anderthalb Stunden gestillt werden wollen oder krank sind. Oder Zähne kriegen. Oder aufwachen und sich beschäftigen wollen. Mit dir, versteht sich. Dann können wir nicht ausschlafen, weil wir mitten in der Nacht die Brut in irgendwelche Einrichtungen fahren müssen. Und später, weil wir auf den Anruf warten, um die (möglicherweise angetrunkene) Brut nachts aus irgendwelchen Einrichtungen abzuholen! Und dann können wir auch nicht ausschlafen, weil der Zivi das Licht anmacht und sagt, er wöllte dich jetzt waschen!

So sieht´s aus! Das geht jetzt bis zum Ende so weiter. Schlaflos forever.

Man kann einfach nicht genug warnen: Liebe Kinder, Geschlechtsverkehr kann Folgen haben!

Über die Langzeitfolgen des Morgengrauens wird nicht geforscht (die Pharmalobby hat wohl noch keinen Stoff entdeckt, der sich damit promoten ließe), Betroffene schildern allerdings einhellig, dass das Grauen ganzheitlich von ihnen Besitz ergriffe.  Graue Gesichtsfarbe, dunkelgraue Augenschatten, vorzeitig ergrautes Haupthaar, das Absterben grauer Zellen.

Ja, sogar eine Grau-ifizierung des kompletten Umfeldes wurde von einigen beschrieben! Grau als Lebenseinstellung. Mir graut!

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Wie kann man dem Grauen Einhalt gebieten? Nun, Abdeckmitteln werden Wunder nachgesagt und damit die Not müder, ergrauter Menschen mit fahlem Teint schamlos ausgenutzt!

Abdeckmittel

Abdeckmittel mit rein optischem Lösungsansatz

Das einzige Abdeckmittel, das tatsächlich und ganzheitlich hilft, ist:img_3958

In diesem Sinne: Gute Nacht! 😉

 

Meine Blumen für…

Ich liege im Bett und scrolle mich durch die Leseempfehlungen bei Bloglovin´. Rezepte, Restaurationsanleitungen für Gesicht und Möbel, Nähen, Häkeln, Stricken.

„Ich wäre gern noch geblieben“, eine Überschrift hält mein Auge fest und ich denke, ach guck, ein Reisebericht vielleicht! Ich erkenne die Frau auf dem Foto als die Jessica von schoenstricken und denke im ersten Moment nur, dass sie sehr jung wirkt auf dem Foto…

„…Danke für all die Liebe…“. Immer wieder lese ich den kleinen Text, unfähig zu begreifen, was dort steht.

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Das Leben ist nicht fair und das Schicksal ein mieser Verräter.

Du hast mich so oft inspiriert. Die schlichte Kissenhülle, ein Untersetzer mit Lederschlaufe. Coole Ideen für Leute ohne Häkeldiplom und fernab von jeder Piefigkeit, die Handarbeiten gern nachgesagt wird, konnte man bei dir finden.

Krankheiten machen nicht halt vor jungen Frauen. Vor Müttern mit kleinen Kindern. Vor Bloggern. All das warst du, bist du.

Auf dem Blog lachst du noch immer, begrüßt du mich fröhlich. Und auf so vielen Seiten dein strahlendes Gesicht!  Oft mit einer farbenfrohen Mütze, die ich für eine Attitüde hielt. Ich habe beim Lesen nicht geahnt, wie sehr du fernab der Tastatur gekämpft hast.

Ich habe es nicht gewusst. Ich habe nicht gewusst, dass ich keine Zeit haben werde, danke zu sagen. Dass JETZT stets der beste Augenblick gewesen wäre, einen netten Gruß zu hinterlassen, um dir zu sagen, wie viel Freude du mir machst mit dem was du machst. Ich habe es dir nie geschrieben.

Wann habe ich das letzte Mal meine Blümchen verschenkt? Warum ist das so lange her? Weil ich mit mir selbst beschäftigt war? Weil ich mich zu sehr um mich, die meinen und meinen Mikrokosmos gedreht habe?

Ich habe dir ein Blümchen gehäkelt. Also ich habe es versucht. Vermutlich wirst du über das Ergebnis schallend lachen und dieser Gedanke gefällt mir.

Jessica, du wirst hier fehlen. Auch mir. ❤

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