pseudophilosphische Gartenbetrachtungen (von unten, aus der Hocke)

Es geht wieder los.

Das Kraut ruft. Das Unkraut. Eigentlich gings ihm ja ganz gut und besonders laut ruft es auch nicht nach meiner fortpflanzungsregulierenden Hand. Ich bin trotzdem da. Und hocke mal wieder in der Furche. Das dritte Jahr nun schon begebe ich mich in die Hocke. Hocke im Dreck, dessen Ursprung mir zwar geläufig ist, mich aber zu keiner städtertypischen Igitt-Reaktion mehr hinreißt.

Gemüsebeet. Gierschfeld. Was ihr wollt.

Gemüsebeet. Gierschfeld. Was ihr wollt.

(Exkurs. Letztes Jahr gab es folgendes Telefonat zwischen dem Bärtigen und dem Vorgartenbesitzer: „Du, Vati, alle wieviel Jahre muss eigentlich die Klärgrube geleert werden? Und welchen Anbieter haste da immer gerufen?“. „Äh, nee, da kam nie jemand. Du nimmst einfach mal ein Holz aus dem Schuppen und rührst kräftig um. Wenn viel Dickes oben schwimmt, machste einen Strick an eenen Eimer und schöpfst das ab. Das ist Superdünger! Ich hab das vierzig Jahre auf die Beete geschüttet. Im Gewächshaus brauchte ich nie Erde nachfüllen und die Tomaten werden dadurch einfach klasse!“.)

So knie ich also das dritte Jahr in der kompostierten Scheiße meiner Schwiegerleute und verteile im Sommer großzügig Kackgemüse aus meinen eigenen Beeten und langsam finde ich das großartig! Alles. Auf eine ganz andere Art, als ich mir das vorgestellt habe. Damals, als wir anfingen, dieses Stückchen Erde zu unserem zu machen. Ich bin Lichtjahre entfernt von allem, was ich mir in den letzten Jahren so ersponnen habe über mein Leben als Vorstadtgärtner mit Strohhut und Sommerkleidchen, das mit dem Lavendel im Takt zur zarten Brise mitschwingt…

(Hier, hier und hier sind die alten Posts verlinkt, die „frühen Beginne“ quasi.)

Und irgendwie ist es auch gut so. Das alles ganz anders gekommen ist. Was hatte ich für hochtrabende Pläne! Und wen wollte ich eigentlich damit vom Hocker hauen? Rückblickend kommt es mir vor, als sei das vergleichbar mit dem seltsamem Gebahren, die Wohnung grundzureinigen, bevor die Putzfrau kommt (Was soll die denn sagen!) oder wie blöde die Fenster zu wienern und die Böden, wenn sich Besuch mit Kindern ankündigt (Was sollen die denn sonst denken!). Als ob es danach nicht sinnvoller wäre! Was für ein Scheiß. Ich schüttele den Kopf, während ich am Giersch rumzuppele.

Was am Ende eines Nachmittags mit Kind im Garten so geschafft wurde... unglaublich, oder?

Was am Ende eines Nachmittags mit Kind im Garten so geschafft wurde… unglaublich, oder?

Über mir tschilpt es. Und tschiept. Und summt. Irgendwo röhrt ein Rasenmäher. Es riecht nach… hm… Erde. Und Grünzeug. Gut irgendwie. Mir brennen die Schultern und die Sonne bitzelt in meinem Gesicht. Das Gartenkind isst Fliegen und wühlt im Dreck. Ich wühle im Dreck.

Tonne mit Kindersicherung

Tonne mit Kindersicherung

Richtig voran komme ich nicht. Ich werde auch nie wirklich fertig. Ich hab mich damit abgefunden. Hier kommt keiner vorbei, um mich für „Mein schöner Garten“ zu interviewen. Die Regentonnen des Todes sind nach wie vor mit einem lächerlichen Stein gesichert, das Gewächshaus habe ich mit Schwiegervaters todsicherer alltime-favourite-Klebeband-Methode repariert, weil der Baby-Fliegenfresser schon versucht hat, die maroden Scheiben auszubauen. Jetzt glitzert mein Gewächshaus im Sonnenschein. Kann man so lassen. Hält.

glitzerndes Gewäschshaus

glitzerndes Gewäschshaus, sieht auch innen super aus

Ich zupfe weiter am Giersch. Vielleicht ist es auch Akelei oder ganz was anderes. Ich nenne alles Giersch. Ist praktischer. Außerdem habe ich gar keine Ahnung. Manchmal, wenn man gefühlvoll vorgeht, bekommt man die Pflanze ohne Spateneinsatz aus der Erde gezogen. Dann ist das wie Gebären. Irgendwie. Es ruckelt und geräuscht und dann -Schwupps!- ist die Pflanze draußen! Alles dran. Die Wurzel ist vollständig. Herzlichen Glückwunsch!

Es gibt in der Tat zwischen dem Gärtnern und der Kinderkriegerei sichtbare Parallelen.

Als wir anfingen – mit hochtrabenden Plänen und Abrissbirne und dem allen- da standen die erfahrenen Gärtner am Zaun, schüttelten die weißen Haare und regten sich tierisch auf, was wir da treiben. Das macht man aber nicht so! Das geht ganz anders! Wir dachten, so schwer kann das nicht sein. Können alle anderen ja auch. Und wir hatten ganz genaue Vorstellungen, wie das so werden würde.

Pah!

Das erste Jahr hat uns demütig gemacht. So viel Arbeit. So viel Plackerei. Ein Schund. Das hat uns niemand gesagt, dass das so viel Arbeit ist! Das erste mal mit nackten Händen in lebendes Schneckenfleisch fassen ist vom Ekelfaktor vergleichbar mit dem ersten schwallartigen Erbrechen eines Kindes im Auto. In die Stereoanlage. Die Gurte, Ritzen, Fugen. Alles. Beim zweiten Mal ist es dann schon nicht mehr so wild.

Und dann hat dieser Garten ja auch eine ganz eigene Dynamik: Pflanzen vermehren sich an Stellen, wo man die überhaupt nicht haben will. Und nie wieder wegkriegt (vergleichbar mit seltsamen Charakterzügen beim Nachwuchs: „Das hat er von deiner Familie! Bei uns sind wir nicht so!“.). Gras wächst prinzipiell am grünsten und dichtesten auf Beeten. Nicht auf dem Rasen! Dort will es nicht. Da bockt es wie ein Zweijähriger. Im ersten Jahr habe ich versucht, meinen Willen durchzusetzen, dem Garten meine Wünsche aufzudiktieren. Es wurde nichts. Jetzt sehe ich manchmal diese akkuraten ordentlichen Gärten, die nach dem Gartenkatalog geformt wurden und ich mag nicht mehr haben, was ich dort sehe.

Eine Sandsteinmauer als Mahnmal für nichtrealiserte hochtrabende Bauträume. Irgendwer hat aber Mileid und steigt wohl bei uns über´n Zaun. Im letzten Jahr war der Haufen noch deutlich höher ;)

Eine Sandsteinmauer als Mahnmal für nichtrealiserte hochtrabende Bauträume. Irgendwer hat aber Mitleid und steigt wohl bei uns über´n Zaun. Im letzten Jahr war der Haufen noch deutlich höher 😉

Und manchmal freue ich mich diebisch, wenn ich mit meiner hemdsärmeligen quick´n dirty-Taktik erfolgreicher bin als die Weißkappen mit ihrem achtzigjährigen Erfahrungsschatz und ihren gestutzten Buchsbaumhecken. Im letzten Jahr habe ich versäumt, Saatkartoffeln zu kaufen. Sie waren dann alle. Die Weißkappen belehrten mich, dass ich eh viel zu spät dran sei und laberlaberlaber. Ich habe einen Sack Kartoffeln beim blauweißen Discounter gekauft und weil das dann zu wenig für den Acker war, die Knollen einfach halbiert. Ab damit ins Feld. Ohne Dünger, ohne Vorkeimen, ohne Ahnung. Einfach so. Monate später klagten alle reihum über die versaute Kartoffelernte. Fäulnis, Viecher, was weiß ich. Bei uns standen die Pflanzen wie ne Eins und im Herbst habe ich eine fette Ernte eingefahren 🙂 Die dümmsten Bauern haben wirklich die größten Kartoffeln!

Gleich wird das Gartenkind wach und wir fahren raus. Vielleicht kommt Familie Igel wieder vorbei oder wir sehen ein Mäuschen. Oder die Katze, die sich abends bei uns auf der Terasse eingerichtet hat. Wir haben die noch nie zu Gesicht bekommen, aber stets ist ein runder Fellfleck auf einer der Auflagen zu sehen, wenn wir kommen.

Und wir kommen! Wir kommen gleich.

Unkraut oder Glückskleeteppich? Alles eine Frage der Einstellung!

Unkraut oder Glückskleeteppich? Alles eine Frage der Einstellung!

11 Kommentare zu “pseudophilosphische Gartenbetrachtungen (von unten, aus der Hocke)

  1. Danke!Danke! Danke! Du schreibst mir aus dem Herzen. als wir unser Haus mit 700qm Garten kauften, war ich einfach nur glücklich und NAIV. Gott sei Dank naiv. Sonst hätte ich es bestimmt nicht gekauft. Zur Seite stand mir auch mit Schwiegervater. Ehemaliger Vorsitzender einer Kleingartensparte. Nach 7 Jahren hat er sich langsam aus der (meiner) Gartenberatung zurückgezogen. Der Garten wird immer gemütlicher. Genieß die ☀️ und freu dich, wenn du mal etwas geschafft hast. Das sollte aber nicht zur Hauptaufgabe werden.

  2. *grins*

    Springklee, blüht hübsch gelb, entwickelt Schoten deren Samen rumhüpfen und verbreitet sich wie wild. 🙄 Hält aber biestigeres Unkraut fern. 😆

    Und Giersch ist „böse“, jedes blöde Würzelchen, was im Boden bleibt, treibt neu aus. 🙄

    Eine Wildblumenecke ist allerdings nicht zu verachten (macht weniger Arbeit und sieht toll aus) 😉

    Viel Spaß im Garten, da wo Tiere sich wohl fühlen, ist es meistens gemütlich. 🙂

      • Ich lern doch selber noch 😆 hab ja erst im dritten Jahr so ein „bisschen“ Wiese, Mengen von blöden Kirschlorbeer und halt da, wo ich was geändert habe Mengen von Giersch. Sind nur ca. 1.500 m² die ich verunstalten soll. 😆

  3. Hehe, sehr schön! Ich habe nur ein winzigkleines Schrebergärtchenbeetchen und meine hochtrabenden Pläne auch bereits beerdigt. Dafür ist es immer sehr bunt, wilde Bienen haben sich angesiedelt (Wespen und Schnecken auch) und vom Liegestuhl aus kann man dem ganzen Zeugs prima beim Wachsen zusehen. Manchmal gibt es eine Gurke. Oder Schnittlauch – der wächst übrigens besser auf der Wiese als im Beet (wo dann das Gras wächst, tja).

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