Der Traum vom Garten, Teil 2

Wir haben uns das so schön vorgestellt. Wie wir abends auf der Terrasse sitzen, ein isotonisches Kaltgetränk in den Händen und mit hochgelegten Beinen dem Sonnenuntergang zuschauen und dem Igel, der schnuffelnd durch die Wiese tappert auf der Suche nach heruntergefallenen Stachelbeeren…

Ha!

Vorm isotonischen Kaltgetränk steht der Schweiß. Schund, Plackerei, Gewuchte, Gestöhne, Steine, Dreck und Unkrautberge. Seit Wochen, ach was, Monaten, schuften wir an dem Gartengrundstück rum und legen eine Baustelle nach der anderen frei. Und es wird immer schlimmer! Der Beste hat die Möbel zerhackt (im Haus), da der Opa den Wohnzimmeranbau um die riesige, wunderschöne Eckcouch im Stil des Gelsenkirchner Barocks einfach drum herum gebaut hatte. Sie passte nicht durch die Tür! Bevor ihr fragt, auch nicht durch die Fenster, die meisten sind mit Bauschaum zugeklebt und lassen sich nicht öffnen. Warum? Ach, hört doch auf! Ich weiß es nicht! Aus demselben Grund, warum unter der Decke Stromkabel in den Raum hängen und eine Steckdose angebracht wurde (unter der Zimmerdecke). Damit geht die Deckenbeleuchtung an. Also, falls das jetzt unverständlich war: Wenn es dunkel wird, hole ich einen Stuhl, steige drauf, nehme eines der drei Kabel und stecke es in die Steckdose oben an der Decke. Dann geht das Licht im Wohnzimmer an. Hat jetzt wirklich noch jemand Fragen bezüglich der Fenster?! Wie bitte? Wofür die anderen zwei Kabel sind? Für die Terrassenbeleuchtung natürlich (Was für eine dumme Frage!). Und ja, es gibt nur EINE funktionierende Steckdose, entweder Licht im Wohnzimmer oder auf der Terrasse, ist doch klar!

Draußen ist es nicht besser. In den letzten zwanzig Jahren wurde immer wieder neu hinzugepflanzt, ursprünglich sah man das Häuschen nicht vom Gartentor aus. Wir haben das alles weggerissen, rausgebuddelt und Container damit befüllt. Viele. Sehr, sehr viele. Wirklich enorm viele! Es ist damit nicht getan. Ich hocke ständig im entweder verschlammten oder furztrockenem Boden und grabe Wüstlinge oder Unkraut aus. Manchmal ziehe ich an Wurzeln und reiße damit meterlange Gräben, weil die Arschlöcher den kompletten Garten durchdrungen haben. Umgeben von hunderten Nacktschnecken. Und Scherben. Der Garten liegt nämlich auf einer ehemaligen Mülldeponie, und ständig drücken sich Scherben und Glasstücke durch den Boden. Und Wurzelgemüse sollte man nicht anbauen, wegen der eventuellen Kontamination des Bodens. Das habe ich erfahren, nachdem ich ackerweise Karotten, Kartoffeln und Pastinaken angepflanzt habe… Macht ja nichts!

Außerdem habe ich Köttel auf der Arbeitsfläche in der Küche gefunden. Ich versuchte mir tapfer einzureden, das sei ein Igel gewesen. Ein Spezialigel, mit Kletterfüßen. Gibt es doch alles! Aber auch Löcher haben wir entdeckt, kinderfaustgroße. Und die heimlichen Besetzer wehren sich jetzt. Fressen die Sträucher von unten an, buddeln Haufen.

Hat der Beste sich im Frühjahr noch damit zufrieden gegeben, kiloweise Ameisengift zu verstreuen und zu gießen, so legt er jetzt an allen Stellen im Garten Fraßköder aus. Ich kann kaum noch schlafen, weil ich in Angst lebe, das Baby könnte sich daran bedienen. Der Beste ist beratungsresistent. Sein Sohn wäre doch nicht blöde und als Alternative könnte er noch Sprengsätze legen oder mit Gas rumexperimentieren, um die Viecher auszurotten. Dabei glänzen seine Augen.

Ich glaube, wir drehen langsam durch, der Beste und ich.

Der ganze Garten ist von Fässern unterhöhlt. Ursprünglich sollte mit dem aufgefangenen Regenwasser der Nutzwasserbedarf geregelt werden. Nur: die Fässer sind nicht miteinander verbunden! Und niemand weiß genau, wo überall welche sind! Ich albträume, der Boden sackt zusammen und reißt das Baby oder mich in die Tiefe. Jämmerlich ersaufend wird mein kurzes Leben enden. Oder das von meinen armen unschuldigen Kindern. Außerdem stehen noch diverse Wasserfässer halb eingebuddelt entlang der Grundstückseinfriedung. Ja, die haben einen Deckel. Und Kindersicherung (einen kleinen Stein obendrauf). Ich habe den Besten angefleht, er möge die Fässer zuschütten, der lebensbedrohlichen Situation ein Ende bereiten! Nein. Das ginge nicht. Die müsste man ausbuddeln und das kriegt keiner hin. Ich habe in den drastischsten Farben geschildert, wie ich mir das vorstelle: Ich stehe vor einem Wasserfass (was mir bis zum Knie geht), willens, eine Gießkanne einzutauchen um die Tomätchen zu wässern. Dann wird mir blümerant, ich lege einen Handrücken an die Stirn und taumele seufzend ich in die Tiefe. Das kann passieren! Sollen seine Kinder etwa mutterlos aufwachsen? Und wie will er mich wieder aus dem Fass rauskriegen?

Der Mann, der mich geheiratet hat winkte nur ab und meinte, ich sei viel zu melodramatisch.

Heute ist eine Nacktschnecke rotzfrech über die Terrasse geschlendert. Die schleimigen Arschlöcher sind überall. Ameisen, Wühlmäuse, und jetzt das. Unter jedem Blatt klebt eine, zwischen den Tomatenpflanzen, meine Aubergine haben sie angeschlabbert! Gibt es was Widerlicheres? Bäh. Iiih. Meine Schwester hatte vor ein paar Jahren einen Nacktschneckenbefall an der Terrassentür, Hunderte oder Tausende schleimten die Glastür nach oben und versuchten wohl das Haus zu entern. Kommt das jetzt auch auf mich zu? Ich fürchte schon, dass mich bald eine aus der Kaffeedose anglubscht oder im Babybett sitzt. Pfui.

Der Beste sagt, es gäbe eine spezielle Entenart, die der natürliche Feind der Nacktschnecken sei. Ich werde das googlen.

Also zusammenfassend ist zu vermelden, dass ich in panischer Angst lebe, das Baby könnte durch Nagergift, Glasscherben, Ertrinken oder Schneckenbefall Schaden nehmen und der Beste hat einen irren Blick. Der Garten sieht aus wie Dresden ´45, aber ansonsten geht’s uns gut.

Vermutlich steige ich demnächst ganz groß in die Entenzucht ein.

Oder ich sprenge die ganze Scheiße in die Luft! Ich muss den Besten mal fragen, wie das geht mit dem Gas und so…

 

18 Kommentare zu “Der Traum vom Garten, Teil 2

  1. Hallo Henrike, die Enten heißen „Laufenten“ und sehen lustig aus(als wäre ein Pinguin reingekreuzt worden), aber sie helfen wirklich und sind pflegeleicht und lecker(sind schön mager, da sie den ganzen Tag rennen…).Viel Glück beim Gartenprojekt.

    • Liebe Yvette, danke fürs Aufschlauen! Nur sage mir mal, woher weißt Du, dass die mager sind? Meinst Du, es gibt Leute, die tatsächlich etwas essen, was vorher SOWAS gefressen hat?! Buärrr…

      • Ja, ich hab sie gegessen…ich war ja nicht dabei, als sie gefressen hatten und das Fleisch brachte uns eine Tante fein filetiert vom Bauernhof aus Zwickau mit. Und es ist wirklich lecker…lach. Viel Glück bei der Entenzucht!

  2. Oh je, das scheint ja ein Jahrhundertprojekt zu sein…Aber glaube deinem alten lebenserfahrenen Tantchen…auch der schlimmste Alptraum geht einmal vorüber und danach könnt ihr darüber schmunzeln und euch an allem erfreuen…😊👍

  3. Nur ein kleiner Hinweis: Die Laufenten sind famose Schneckenvernichter. Dummerweise aber auch famose Salat- und andere angepflanzte Leckereien-Fresser … in dem Jahr hatten wir also einen schneckenfreien und leergefressenen Garten 😉

    • …ich werde wohl drastischere Maßnahmen als das Anschaffen von Nutztieren überlegen. Zumal ich nicht weiß, wohin mit den Entchen im Winter?! Und essen fällt ja auch aus.

  4. Pingback: pseudophilosphische Gartenbetrachtungen (von unten, aus der Hocke) | Nieselpriem

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