Der Baustellenreport

Es gibt so Tage, die sind ein Arschloch. Ich behaupte ja oft, das seien gebrauchte Tage, die hatte schon mal jemand und hat die zurückgegeben, weil er auch voll unzufrieden war damit…

Der heutige Tag begann wie so oft vollkommen harmlos im Anschluss an eine heiße und schlaflose Nacht (leider nicht im wünschenswerten Sinne).

Wir orderten wie neuerdings immer morgens beim Baumarkt unseres Vertrauens die benötigten „täglichen Dinge des Bedarfs“ in Höhe eines kleinen Monatsgehaltes und steuerten die gärtnerische Baustelle an. Mittlerweile fühlt sich diese Routine an wie ein alltäglicher Arbeitsweg. Zu einem unliebsamen Job (wie Steinbruch oder Schienen legen bei der Deutschen Bahn).

Streichen des Wohnzimmers stand heute an. Wobei, eigentlich waren nur noch zwei Wände übrig, den Rest hatte der Beste bereits geweißt. Für diese zwei Wände hatte ich „Mitternachtsblau“ vorgesehen und rannte mir Hörner an den Türen (versuchter Wortwitz; soll Gegenteil darstellen von: offene Türen einrennen). „In der Bude isses finster wie im Bärenarsch! Und du willst die Wände dunkelblau streichen! Solln wir alle mit der Grubenlampe dort drin rumfunzeln, oder was?!“, „Wer von uns hat denn zwanzig Kilo Wohnzeitschriften konsumiert zur Farbgestaltung kleiner Räume? Da sieht man´s wieder: Keine Ahnung hast du! Durch die dunklen Wände an der Tür fokussiert sich das Auge auf die Lichtquelle! Dadurch wirkt der Raum heller. Ach, sei still und mach einfach!“, „DAS kannst du vergessen! Das streichst du schön selber. ICH war für Weißen. Dann wären wir im Übrigen bereits durch und könnten heute den Bodenbelag verlegen. Aber nein! Mitternachtsblau! Ausgerechnet!“.

Ich wünschte ihm viel Spaß mit dem schwer zahnenden Kind auf der Baustelle und nahm mir vor, souverän die Wände zu rocken. Wie schwer kann das sein!?

„Du musst aber erst noch das Abrollsieb sauber machen, das habe ich gestern nicht mehr geschafft.“, „Ich nehme an, du hast es in einen Eimer mit Wasser geschmissen?!“, „Äh, nein! Ich hab das nicht mehr geschafft!“.

Ein mit weißer Farbe eingetrocknetes Sieb. Na toll. Ich schrubbte die ersten zehn Minuten in der Küche an dem Ding rum. Dann war die Spüle eingesaut. Ich wechselte laut fluchend ins Badezimmer und weichte das Sieb dort im Waschbecken ein. Schrubbte. Winzige Partikel lösten sich in gemächlicher Trägheit. Ich fluchte lauter und schrubbte schneller. Dann war das Waschbecken im Bad auch versaut. Duschwanne. Abbrausen, schrubben (Der Beste hatte sich unters Dach verzogen mit dem Baby. Mittagsschlaf. Der hat echt die härtesten Jobs!). Nachdem ich auch die Duschwanne ordentlich eingesaut hatte, habe ich gefühlte Stunden mit einem kleinen Küchenmesser die Farbreste aus den Waben rausgekratzt. Zwischenzeitlich kam mir kurz in den Sinn, dass ich in der vergangenen Zeit problemlos ein neues Sieb im Baumarkt hätte holen können, ja, sogar ein Sieb schnitzen aus einem Holzbrett wäre zeitlich drin gewesen! Ich machte weiter. Nichts sollte mein mitternachtsblaues Farbergebnis trüben. Als Motivation fluchte ich lautstark. Das war alles SEINE Schuld!

Irgendwann hatte ich wunde Finger und ein halbwegs farbfreies Sieb.

Dann stellte ich fest, dass ich überhaupt keine Malerklamotten für mich mitgenommen hatte. Dafür konnte der Beste theoretisch nichts, aber aus rein praktischen Gründen bekam er auch dafür die Schuld in Abwesenheit zugesprochen. Ich fand einen Schwangerschafts-Bikini, den ich mit ein paar Knoten an verschiedenen Stellen halbwegs passend machte und ein Paar alte „Wilde Kerle“-Badelatschen vom Kind Nummer eins. Jetzt sah ich so aus, wie ich mich fühlte!

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Im Baumarkt hatte sich morgens schon ein mittelgroßer Streit ergeben, weil ich darauf bestand, für mein Farbprojekt das allerbeste, teuerste Abklebeband haben zu müssen. „Aber wir haben doch noch das Tesa-Band!“. „Nein! Das ist nicht gut genug! Ich muss das grüne haben! Das aus der Werbung! Dann läuft auch nichts darunter.“. Für den Preis einer Packung hätte der berühmte Verpackungskünstler, dieser Dingsbums, unser Gartenhäuschen komplett mit noname-Abklebeband verpacken können. Das nur am Rande und rein spekulativ.

Ich begann abzukleben. Aber an Tagen wie diesem… Die Scheiße hielt nicht! Ich meine, gar nicht! Zehn Zentimeter geklebt, nächsten Streifen abreißen, wuschschsch…, erster Streifen wieder unten. Jetzt langsam bekam ich richtig Laune! Runter von der Leiter und lesen. Vielleicht muss man das überkandidelte Scheißklebeband anfeuchten. Nein. Vielleicht ist es nicht für Rauhputz geeignet. Nein, steht nichts da. Ich wieder hoch. Irgendwie muss ich doch das grüne Scheißzeug an die Wand kriegen! Reiben, reiben, reiben. Drücken, walzen. Wuschschsch…da lag´s wieder unten.bau2

Einatmen, ausatmen.

Aus dem Schuppen das Tesa-Abklebeband holen. Auf die Leiter. Abkleben. Hält. Na sowas! Geht doch! Meine Laune besserte sich für zwei Minuten. Dann war das Tesa-Band alle.

Als mir klar wurde, dass ich jetzt auf jeden Fall in den Baumarkt müsste um neues zu besorgen und sich die Erinnerung an die vermaledeite Abputzerei des Scheiß-Abrollsiebes in mein Gedächtnis schob, hätte ich am liebsten vor Wut den Farbeimer umgeschmissen! Jetzt würde ich den Weg antreten müssen, zu dessen Vermeidung ich eine stundenlange, hirnrissige und waschbeckenversauende Tätigkeit in Kauf genommen hatte! Und dort würden mich die Abrollsiebe nur so anlachen! Blütenrein.

Egal. Es nütze ja nichts. Der Beste machte noch immer, was er so macht. Nämlich Mittagschlaf .

Auf dem Parkplatz vorm Baumarkt versuchte ich so elegant wie möglich, rückwärts neben der Currywurst-Bude einzuparken, als eine Weißkappe fuchtelnd in meinem Heckfenster auftauchte. Ich denke noch: ´Nanu, was will der Opi denn?`, da erklärte er auch schon, ich würde gerade einen Pfeiler umfahren. Ich sah keinen Pfeiler, aber das bedeutet ja auch nichts, wenn man wie ich kaum mit der Nase an die Unterkante des Fahrerfensters reicht! Das ist alles SEINE Schuld! Warum muss ich mit so einem scheißgroßen Auto rumfahren, wo doch so ein Autoscooter viel besser geeignet wäre in Größe und Rundumschutz! Oder?!

(Übrigens: Ich habe verstohlen geguckt, die Anhängerkupplung hat gegen den Pfeiler gewonnen.)

Lautes Gelächter an der Currywurstbude und so originelle Kommentare wie „Typisch Frau am Steuer! Haha!“. Ich wollte schon kontern, besann mich aber, dass jemand, der in meinem Alter am helllichten Tag mit „Wilde Kerle“-Badelatschen rumläuft, sich ansonsten in der Öffentlichkeit besser unauffällig verhält.

Ich bekam das Klebeband, fuhr unfallfrei in den Garten und schmiss die ganze Scheiße dem Besten vor die Füße! Und dann hab ich dem aber mal gesagt, was Sache ist! Und wie schwer ich es hatte, während er schlafen durfte (den Pfeiler habe ich unterschlagen). Und dass es jetzt aber reichen würde! Und überhaupt! Er könne jetzt gefälligst auch mal was machen! Und damit Du es weißt: Ich hatte einen Scheißtag! Und ich fluche, so lange und so laut ich will! Und ja, die Nachbarn können das ruhig hören!

Ich bin dann mit dem Baby entspannt zu Ikea gefahren. Nach diesem Tag musste ich mich erst mal belohnen. Und außerdem brauchte ich noch Stoff um die Stühle zu beziehen. Und neue Grünpflanzen. Und Kissenhüllen. Und…

Jetzt sitze ich entspannt am Rechner und schreibe… und ganz langsam fällt der Stress dieses harten Arbeitstages von mir ab.

Der Beste? Na, der ist nicht da. Der streicht das Wohnzimmer natürlich! Aber wie schwer kann das schon sein?! So´n bisschen Farbe an die Wand schmieren…

4 Kommentare zu “Der Baustellenreport

  1. Ich kann das so gut nachvollziehen: wir haben auch ewig auf einer Baustelle gewohnt. Das war Abenteuer pur. Aber es war auch meine Schuld. Ich wollte unbedingt eine grosse Wohnküche und das, als mein Sohn gerade zu laufen anfing. Gesagt, getan. Mein toller Göttergatte hat nicht lang überlegt, nahm den grossen Hammer und schlug Wände ein.(Und das an einem Sonntagnachmittag, nachdem wir das morgens geplant hatten) Natürlich dauerte das Aufbauen viel länger als gedacht. So lebten, kochten, wohnten, stritten, spielten… wir wochenlang zwischen Sand, Zement und Steinen…Mein Sohn brauchte nicht mehr nach draussen zum Spielen, er spielte so schön im Sand mit seinen Sachen. Natürlich war jeden Abend gross Reinemachen angesagt. Diese Renovierungsarbeiten konnten wir nur nach Feierabend machen, es hat mich auch an meine Grenzen gebracht, aber es hat sich gelohnt!

    • Ich ziehe respektvoll den Strohhut! Das wäre nichts für mein labiles Nervenkostüm… ich kollabiere ja schon bei der Teilsanierung von 50m², obwohl ich abends immer in eine piccobello geputzte und nach Lenor duftende, wohnliche, gemütliche (ich schweife ab) Mietlingsbehausung zurückkehren darf. Ich verbücke mich vor allen Häuslebauern! Sonnige Grüße, Rike

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