Garten ist wie Software…

Ich komme gar nicht mehr zum Schreiben, weil ich bis zu den Hüften im Unkraut stehe.

Kubikmeter um Kubikmeter Unkraut und Dreck karren wir vom Gartengrundstück. Und während ich mich mühsam durch den Dreck wühle und hoffe, dass es irgendwann ein Ende haben wird, beschleicht mich immer öfter das Gefühl, dass es sich mit diesem Garten wie mit einem Softwareprojekt verhält.

Man stelle sich vor, da kommt ein Kunde mit einer Altanwendung und sagt: „Machense ma hübsch! So viel wird da ja nicht zu tun sein.“. Argwöhnisch denkst du dir, abreißen und neu bauen wäre bestimmt sicher billiger. Geht auch schneller. Aber der Kunde hängt an seiner vierzig Jahre alten Anwendung. Ehrlich gibt er zu, Wartungsverträge sind schon vor Jahren ausgelaufen. Dokumentation gibt’s auch keine. Das Team (der Opa), der das gebaut hat, ist pensioniert und will nicht mehr behelligt werden.

Ich hoffe, falls ein Softwareentwickler hier mitliest, dass er nie, nie, niemals mit einem derartigen Projekt zu tun haben wird!

Auf den ersten Blick ist die Anwendung sehr komplex und für ihr Alter relativ funktionstüchtig, ABER! Heißt im Gartendeutsch: Es gibt eine Fußbodenheizung, die ist aber kaputt. Das Licht geht per Fernbedienung an, die ist aber verschwunden. Die Räume sind mit Paneelen verkleidet, aber die hängen von den Decken. Es gibt einen Kühlschrank, der ist aber verschimmelt und kaputt. Die Waschmaschine traut sich der Kunde nicht anzuwerfen, weil die Wasserleitungen marode sind und der Schuppen bereits im letzten Jahr unter Wasser stand. Der ganze Garten ist mit Wasserfässern unterhöhlt, um ursprünglich das Regenwasser als Nutzwasser zu verwenden, aber die Fässer sind nicht miteinander verbunden! Und der Kunde weiß auch nicht mehr genau, wo sie denn überall stehen, denn es gibt keine Pläne (Ich albträumte bereits, dass der Kinderwagen eines Tages durch den Rasen in die Tiefe brechen würde und das arme Baby in einem Wasserfass ertrinkt.). Außerdem gucken aus dem Rasen an diversen Stellen Stromkabel, deren Existenz uns nur verwirrt. Das WC wurde mehrfach mit Pakteklebeband „repariert“ und an einigen Stellen des Hauses ist deutlich sichtbar, dass wir es mit Wasserschäden zu tun haben. Single Sign on geht auch nicht. Ein Schlüssel für die Schranke, ein anderer für das Tor, ein dritter für´s Haus und ein vierter für den Schuppen… Ich lebe ständig in Furcht und Angst, einen der vielen Schlüssel zu verlegen (ergo, mein Login-Passwort zu vergessen).

Die Grundstruktur ist am Zusammenfallen. Und über allem liegt ein lieblicher, dreißig Zentimeter hoher Löwenzahnteppich…

Und langsam wird mir außerdem klar, dass das Projektmanagement eine Katastrophe ist! Eigentlich hatte ich für mich selber die Rolle des Projektleiters vorgesehen, aber irgendwie mache ich nun alles, nur nicht das Projektmanagement. Und es läuft auch alles falsch: Es gab kein Projektkickoff, der Projektplan wird irgendwie so nebenbei mitgeschrieben, unklare Rollenaufteilung, Budgetplanung… ach, fragt lieber nicht! Ähnlich wie bei einem Time&Material-Vertrag in der Softwareentwicklung haben wir losgelegt und gesagt, eins nach dem anderen, wie eben Budget da ist. Ich möchte den Kunden am liebsten schütteln und anschreien: „Wach auf! Du hast keine Ahnung, was zuerst gemacht werden muss, was das kostet und was alles weitere kosten wird!“. Aber der Kunde gockelt durch die Unkrautwiese und schnoddert mich an: „Wie, du krautest seit drei Tagen an der Einfahrt rum?! Putz doch mal endlich das Haus! Das wäre viel besser!“. Wenn wir in der Softwareentwicklung wären, hätte er gesagt: „Wie, ich soll drei Tage bezahlen für Codereview? Mach doch mal schnell das Design neu, damit ich was Schönes sehe!“. Genau. Jetzt das Haus zu putzen, wo alles von der Decke fällt, wäre genauso unsinnig. Die Elektrik ist auf dem Stand von neunzehnhundertsiebzig (optimistisch geschätzt), aber wenn wir Tapete drüber kleben und ein Blümchen als Ablenkung auf den kippligen Tisch stellen, sieht’s ja keiner.

Ich habe einen anstrengenden Kunden. Er sieht einfach nicht, was ich alles gemacht habe, sondern moniert stets, was noch nicht fertig ist. Wären wir in der Softwareentwicklung, würde er stündlich im Büro anrufen und vermelden, wenn er sich einloggt, sieht er immer die gleiche Maske! Ja, lieber Kunde, aber im Hintergrund passiert ganz viel. Zurück im Garten heißt das: ´Guck nach unten, dann siehst du, das Tor lässt sich schon leicht öffnen, weil dein fleißiger Gartenknecht schon die Grasnaben darunter entfernt hat. Und wenn du nicht in den Garten reinkommst, dann ist auch wurscht, ob die Küche blitzt oder nicht!´. Seine Priorisierungen sind mir völlig schleierhaft.

Ich helfe mir. Das Krauten (mein neues Verb für „Unkraut rausbuddeln“) entspannt mich. Und ich sehe den ungeduldigen Kunden dabei nicht, der ja idiotischerweise von mir will, dass ich den Dreck von Jahrzehnten aus dem maroden Haus putze, damit er sich einreden kann, es sei ja alles gar nicht soooo schlimm. Wenn er dann vor mir steht und fragt, wie lange ich denn noch an dem sinnlosen Beet rumkraute, dann denke ich mir: ´Hm, sechs Stunden, wenn ich schnell mache. Wenn der Entwickler sonst sagt, er braucht sechs Stunden, weißt du als Projektleiter: Es werden vermutlich acht. Dann noch Risikopuffer, anteilig Qualitätssicherung und Projektmanagement…´und sage laut: „Fünf Tage!“. „Waaas?!“. „Ja, genau, ich habe außerdem auch noch mehrere Projekte nebenbei laufen! Mit Prio Hoch! Du musst doch nicht denken, dass ich hier exklusiv nur für dich arbeite! Und nerv mich nicht andauernd, wann das fertig ist! Außerdem: Was genau machst eigentlich DU hier?!“. „Ich mache die Projektleitung!“.

Ah ja… das kennt der Entwickler vermutlich auch…

 

Fußnote: Um Fragen und Irrtümern vorzubeugen möchte die Autorin anfügen, dass sie nicht nur mit dem besten aller Ehemänner verheiratet ist, sondern auch mit dem fleißigsten, stärksten und geduldigsten aller auf dem Erdball lebenden Exemplare. Mitnichten ist der in diesem Text mit „Kunde“ oder „Projektleiter“ benannte Mensch identisch mit dem Besten. Sollte dieser Anschein erweckt worden sein, so liegt das vermutlich nur an der Fantasie des Lesers 😉

 

3 Kommentare zu “Garten ist wie Software…

  1. Pingback: pseudophilosphische Gartenbetrachtungen (von unten, aus der Hocke) | Nieselpriem

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