Domestizierung und ihre Folgen – ein Sozialexperiment

So, Leute, da bin ich wieder!

Wo soll ich denn auch sein, jetzt, wo niemand mehr irgendwo hin kann. Nein, hier bin ich, und der Dude wäre sowohl stolz auf meine Arbeitskleidung als auch meine Lebenshaltung. Der Bärtige findet, ich lasse mich gehen, aber apropos gehen: Er kann auch nirgendwo hin! Also isses mir wurscht, dass er mir die Schokolade in den Hals zählt und mich ständig zum Sporttreiben animieren will. Und zum Schminken, normale-Sachen-anziehen. Der Mann ist seltsam. Ich finde, meine fortgeschrittene Verlotterung ist nur ein Zeichen für funktionierende Selbstfürsorge.

Wobei, er selber behauptete ja neulich, er habe es echt am Allerschwersten, da er mit drei Pubertätern zusammen leben müsste! Der Blondino sei eindeutig vorpubertär, der Bubi regelpubertär und ich spätpubertär. Stimmt, Wechseljahre sind echt die schlimmste Phase aller Pubertäten. Meine Klimaanlage ist kaputt und ich bin permanent emotional übersteuert! Aber wir waren ja bei dem Mann. Dem Mann geht es gut! Danke der Nachfrage.

Mir geht es nicht so gut. Neulich las ich, die Isolation wäre wirklich furchtbar für ganz viele Menschen. Mensch, dachte ich so bei mir, die Isolation ist gar nicht mein Problem. Eher deren Fehlen, die Zwangsvergesellschaftung innerhalb der Kernfamilie, das macht mir zu schaffen! Ständig ist jemand hier, immer eigentlich, und ich selber ja auch! Gestern stand ich am Stadtrand und beglubschte sehnsüchtig eine baufällige Gartenlaube. Ich sagte zu dem Kerl, ich wöllte mein Pflichtteil ausgezahlt bekommen und bitte sofort diese „Datsche“ kaufen! Dann würde ich hier draußen alleine wohnen, egal, wie lange die Krise noch dauern würde. Und dass, wenn ich gewusst hätte, wie das alles so in echt aussieht, ich mir überlegt hätte, ob ich nicht mit jemand anderem zwangsisoliert werden wöllte. Der Mann blickte auf mich herab und ich konnte seine Gedanken lesen: Er stimmte mir zu, das wäre auch für ihn eine reizvolle Idee gewesen, wenn ich irgendwo anders wäre.

Das muss man verstehen. Das Geheimnis, warum wir uns auch noch nach zweiundzwanzig Jahren meist gut leiden können liegt darin, dass wir sehr wenig gemeinsam machen! In Friedenszeiten ist der Kerl an drei Abenden in der Woche nicht da, ich an zwei. Wir verreisen sogar getrennt, manchmal, und finden es schön so. Wenn wir wieder nach Hause kommen, haben wir etwas zu erzählen! Was sollen wir uns denn JETZT bitte erzählen? Der andere war doch dabei, der andere ist immer dabei.

In Woche eins des „Einschlusses“ war ich so fertig davon, mich an die neue Situation anzuaproximieren, um mal ein Wort aus dem Sprachgebrauch des Mannes zu verbiegen, mich hinzunivellieren, dass ich zu meinem Freund Bruno beim Facetimedate sagte, ich wüsste wirklich nicht, ob der Mann und ich im Sommer noch verheiratet sein würden! Der hat nur gelacht.

Dieses Sozialexperiment hier, das haut mir alle unter der Oberfläche schwärenden zwischenmenschlichen Beziehungsprobleme um die Löffel. Da kommen Probleme zum Vorschein, von denen wusste ich gar nicht, dass ich sie hatte! Wir sollen ja aber was lernen, die Krise als Chance, also Augen zu und gewaltfreie Kommunikation an. Da geht es der Nieselpriem wie allen anderen Kindern, da müssen wir jetzt durch!

Wisst ihr, was ich mich frage? Warum noch keiner auf die Idee gekommen ist, dass das Virus von Amazon eingeschleppt wurde! Da sitzen die ja immer in ihren Verschwörungsvideos und sagen, man solle sich fragen, wem das alles nütze! Ja, wem nützt es denn? Also ich weiß nur, dass Amazon mit den Lieferungen nicht mehr hinterherkommt. Ich habe eine Verlautbarung gelesen, wo sie mitteilen, dass es aufgrund von vermehrten Bestellungen von Drogerie-, Lebensmittel und Haustierbedarf  zu zum Teil wochenlangen Verzögerungen kommen kann. Ja, unser persönlicher Amazon-Lieferant, der immer fröhlich durch die Türsprechanlage ruft: „Amma Sohn Bagget für disch!“, ist schon länger nicht mehr gesehen worden.

Das mit dem Homeschooling, das habt ihr jetzt alle drauf, ja? Wir haben das Abiturprogramm des Kronsohnes nach Kompetenzen aufgeteilt. Ich, die ich nicht mal Abitur habe, kontrolliere Wirtschaftslehre, Deutsch und Englisch, der Mann muss bei den technischen Fächern ran, weil er zwar nicht weiß, wie „Physalis“ geschrieben wird, aber den Unterschied zwischen MP3 und MP4 kennt und anderen fürs praktische Leben unnützen Kram, der aber im Leistungskurs Informatik beim Sohn irgendeine praxisferne Relevanz haben könnte.

Überhaupt ist das Leben mit dem Bubi wirklich schön, der Bubi dürfte auch mit in meine Datsche. Der macht nix und hockt den ganzen Tag in seinem Keller vorm PC. Manchmal werfe ich ihm eine Vitamin D-Tablette in seinen Pumakäfig, weil er ja nun gar nicht mehr ans Tageslicht kommt, da der Schulweg weggefallen ist. Ansonsten ist er angenehm unauffällig. Mit diesem Verhalten passt er so gar nicht zum Rest der Familie!

Neulich las ich einen Text, ihr kennt diese dämlichen Bildchen, wo jemand dann einen Sinnspruch draufgeschrieben hat und die bei Facebook und per WhatsApp geteilt werden? Irgendein kinderloser Mensch schrieb da von den schönen Dingen, für die „man“ ja nun Zeit hätte und was alles nicht abgesagt sei: Frühling, Lachen, Sonnenschein, Vogelgezwitscher, Blablabla.

Weißte, was noch? Heuschnupfen! Heuschnupfen wurde auch nicht abgesagt! Um meine Heuschnupfenbetroffenheit drastisch zu beschreiben, stellt euch mich mit dem Blondino im Auto vor, versehentlich die AC an, fahren an den Elbwiesen vorbei, auf denen sich fröhlichen People tummeln in lustigen Grüppchen, da schniefts kurz dreimal hinten, dann kommt ein: „Aua, meine Augen…“, gefolgt von infernalischem Gebrüll: „MEINE SCHEIßAUGEN! GIB MIR SOFORT DIE KACKMEDIZIN, DU KACKMAMA, FÜR MEINE KACKSCHEIßAUGEN!!!!!“. Ja, ich weiß, das sind fünf Ausrufungszeichen. Hielt ich für angemessen.

Was sonst noch? Zeitumstellung! Zeitumstellung wurde auch nicht abgesagt! Wollen die mich eigentlich komplett rollen? Als ob ich nicht schon genug Probleme hätte, mit den Wochentagen klarzukommen, jetzt auch noch der KACKSCHEIß, um meinen Sohn zu zitieren und ja, er hat ein Problem mit seiner verminderten Frustrationstoleranz. Und ich auch, zwangsläufig. Wir alle. Am ersten Abend der Ausgangssperre sagt der zu mir: „Also, wenn morgen nochmal Corona ist, dann ist das eine Kackwelt, Mama!“.

Kind in Quarantäne – Symbolbild

Immer wenn der Blondine schlechte Laune hat, ist das ansteckend. Auch seine gute Laune ist ansteckend, aber er hat öfter schlechte Laune. Viel öfter. Er bastelt und malt nicht, er beschäftigt sich nicht alleine, er findet alles doof, weil er seine Kitakumpels nicht bei sich hat, er will den ganzen Tag bespaßt werden. Ich fühle mich wie im Kinderferienlager eingesperrt, als Betreuungsperson. Mittagschlaf macht der auch nicht mehr, dabei brauche ich nach der ersten Halbzeit dringend eine Ruhepause! Neulich machte ich mir Ohropax rein und dachte, was soll schon passieren. Nun, ich sage euch, was passiert ist. Ich komme nach anderthalb Stunden in sein Zimmer, da steht er vorm Fenster, die Jalousie hochgezogen und macht sich gerade dran, die Stricke derselbigen durchzuschneiden. Bunt angemalt im Gesicht und an den Armen. Vorher war er im Badezimmer, hat die Schubladen der Kommode dort aufgezogen als Treppe benutzt und ist nach oben geklettert um sich zu „schminken“. Ich weiß jetzt, wie das mit dem „ever last“ und „24 Std Halt“ gemeint ist bei Kajalstiften und Liplinern: Hält auf sechsjähriger Haut für mindestens fünf Tage! Danach ist der Angeschmuddelte nach unten geklettert, hat die Schubladen geschlossen und die Knaufe von außen abgedreht. Ich halte jetzt immer Wache vor seiner Zimmertüre (aktuell schreibe ich diesen Beitrag genau in dieser Wachhaltung, während das anbetungswürdige Früchtchen meiner Lenden und Räuber meines letzten einsamen Nervs eingesperrt und zur Mittagsruhe verdonnert in seinem Zimmer ist).

Das einzige, was hilft, ist das Kind zu schinden. Der muss rennen, toben, klettern, springen, der ist in Wahrheit ein Äffchen. Draußen. Wir kommen gleich darauf zurück.

Was war noch so los?! Ich habe die letzten Stoffreste aus dem Fundus meiner Omi zu Mundschutzen vernäht, wie ganz ganz viele Menschen.

Nun gibt es in der Stadt sogar solche“toten Briefkästen“,wo die fleißigen Nähbienen abends ihre Mundschutzlieferung reintun können. Diese hier ist aber offensichtlich bewunderungsgeil und übergibt ihre nur den bekannten Menschen im ärztlichen Dienst, gegen Dank und warme Worte. Kann sein. Aber (gefühlt) alle nähen fürs Uniklinikum und (gefühlt) keiner für die Hausarztpraxen, Physiotherapeuten und Altenpfleger. Ich war selber überrascht, wie viele Menschen ich persönlich kenne, die persönlich vom Mangel betroffen sind. Also liefere ich aus.

Heute nun fuhr ich erst zu unserer Kinderarztpraxis und im Anschluss  – weil es sich anbot- zu meiner Mutter. Ich brachte den neuesten Nele Neuhaus-Roman hin und zwei Mundschutze, selbst in Handschuhe und kochfeste Baumwolle gewandet. Meine Mutter erzählt ein wenig und dann sagt sie: „Diese Unwissenheit macht mich fertig! Mor weeß ja gar nisch mehr, was mor machn solln! Un wie mor uns schitzen gönn!“. „Doch, Mutti!“, widerspreche ich: „Man weiß eigentlich ziemlich sicher, wie man sich schützen soll! Da gehts schon mal los, dass du nicht jeden Tag runter zum netto gehst wegen einem Becher Quark und Nachmittags noch mal, weil die Nachbarin gesagt hat, es gäbe jetzt Klopapier!“. Aber sie trägt doch immer Handschuhe, erwidert meine Mutter. Und mit denen fasst sie sich an die Nase, wenn diese krabbelt, streite ich. Sie hat versprochen, nur mit Mundschutz rauszugehen, damit ich endlich den Mund halte.

Ich möchte jetzt bitte dringend den Doktor Brinkmann und den Doktor Stefan Frank und alle Mediziner Schauspieler der Schwarzwaldklinik bitten, täglich zwanzig Uhr vorm Kessel Buntes zu dem Volk zu sprechen! Die Senioren brauchen sie! Die Senioren vertrauen ihnen! Die Senioren glauben nicht, was ihre dussligen Kinder sagen, und die Lügenpresse! Bitte sagen sie es ihnen! Danke.

Denn wenn ich die Rentner so beobachte, wie sie sich um das Klopapier kloppen, tratschend zusammen stehen, dann begreife ich es nicht. Denn sie begreifen die Situation nicht! Schon zu Friedenszeiten verstopfen sie den ALDI zur primetime – der Bärtige sagt gerne, das sei denen ihr Facebook- nun machen sie es genauso. Stehen mit einer Packung Knäckebrot in der Schlange, rücken einem auf den Leib und kontrollieren, ob man selbst hamstert. Neulich steht so ein Exemplar hinter mir, Typ „Bier formt diesen schönen Bauch“, mit verschränkten Armen über der Brust, während seine Frau neben ihm einen Sechserpack Mineralwasser wuchtet, beobachtet, wie ich meinen Wocheneinkauf aufs Band packe und sagt: „Orr nee, Inge, gugge dir das an! Die kooft wohl für das gesamte Hauskollektiv ein!“. Dieser Typ Rentner ist mir wohlbekannt. Er spaziert Montags um den Altmarkt und wählt AFD, weil da „endlich mal eener sagt, wie es ist!“, hat noch nie einen Ausländer von Nahem gesehen  – außer den Vietnamesen vom Imbiss- weiß aber, die Ausländer sind an allem schuld. Und davor war´s der Wessi! Dieser Typ Wendeverlierer altert ungnädig und wird zur Plage in diesen Zeiten.

Ich war heute noch auf der Post ein Päckchen aufgeben – mit Gummihandschuhen und Mundschutz, als einzige-, da wuselten sie durcheinander durch den Kassenraum, von Abstand keine Rede, die ganzen Warnschilder lesen sie nicht, die Kreuze auf dem Boden ignorieren sie, da kommt ein Rentnerpaar rein, sie öffnet mit bloßer Hand die Tür an der Klinke, er hält mit seiner bloßen Hand die Tür für sie auf, sie stellen fest, dass noch ein paar Menschen vor ihnen dran sind, regen sich darüber auf und beschließen, am Nachmittag die fünf Briefmarken einzukaufen, die sie einkaufen müssen. Weil, sowas hat man besser vorrätig.

Sie machen einfach so weiter wie immer. Von mir aus, könnte man sagen! Sei das Licht, sei selbst das Licht, Henrike, sage ich zu mir, und das soll mich beruhigen. Tuts nur nicht, weil die Leutchen mich penetrieren mit ihrer Unwissenheit/ Trotz/ Ignoranz.

Ich bin ja von Rentnern umgeben in dem seriösen Stadtteil, in dem wir leben. Links, rechts, vorn, hinten. Wir leben hier idyllisch, wir haben Platz en masse, wir haben die Elbe in Laufnähe, den Waldpark, wir habens wirklich schön!

Nun ist es ja so, dass unser Radikalinski wirklich zweimal täglich raus muss zum rumrennen, bolzen, springen… ihr wart aufmerksame Leser, ihr wisst bescheid. Es ist auch so, dass ich durchaus weiß, dass wir es hier weitaus luxeriöser haben als andere Familien. Es geht um die Haltung meiner Nachbarn.

Der Waldpark ist voll mit Menschen, die trotz Spielplatzsperre am Spielplatz stehen – ich kann es ihnen nicht verdenken, was soll man denn wochenlang mit den Kindern machen! Manch einer hat auch kein Auto, was ihn in irgendeinen Wald bringen könnte, und was soll man denn dann auch andauernd im Wald! Es ist zum Piepen. An den Elbwiesen dasselbe. Viele Menschen, viele Kinder.

Wir also, wir leben auf und neben großen Gründen, auf denen man bolzen, springen, toben, rennen könnte. Nicht kann, könnte. Denn bei uns ist es nicht erwünscht, weil überall Blümchen blühen, was schön ist, aber fragil gegenüber Kinderfüßen.

Auf der Einfahrt wird es auch nicht gern gesehen, weil da ist es laut und außerdem fliegt der Ball auch auf die Wiese, die Blümchen.

Hinter unserem Haus ist ein kleines Stück Wiese, da dürfte das Kind, aber der Ball, der Zaun, die Blümchen…

Jetzt – Ha!- hat der Mann das Nachbargrundstück ausgemacht. Dort residiert eine Verwaltungsfirma in einem großen Haus mit riesengroßer Rasenfläche hintendran. Außen drumherum ein hoher Zaun, der ideale Fußballplatz. Denn, nachmittags gehen die Verwaltungsfräuleins nach Haue und nur ein Rentnerehepaar lebt noch dort unterm Dach. Niemand sonst. Die Rasenfläche ist brach, ungenutzt und vermoost, sie wird von niemandem genutzt, falls das eine Geige spielt. Das Tor ist auch unverschlossen, weil es nicht zu verschließen geht. Wir wissen schon, dass das sicher nicht rechtens ist, auf ein unverschlossenes Nachbargrundstück zu gehen, nur weil es unverschlossen ist, aber das ist eigentlich ein Gewerbegebiet und man kennt uns da! Udn wir dachten – doof, wie wir sind – dass es einfach ALLEN Mitmenschen klar ist, was das im Moment für eine Belastung ist, der wir arbeitenden Eltern ausgesetzt sind.

Der Mann geht also manchmal dorthin um mit dem Blondino zu bolzen. Weil ja, wir alle sollen und wollen zum Gemeinschaftsschutz zu Hause bleiben und wenn raus, dann doch bitte nicht alle auf einen Haufen. Wir dachten, das sei angesichts der Lage doch in Ordnung. Denkste.

Zuerst wurden wütend unsere Federbälle konfisziert, die über den Zaun flogen, danach traten die Rentner persönlich auf um dem Bärtigen mitzuteilen, das sei hier kein Fußballplatz! Nun, da hätten sie sich wohl spezifischer ausdrücken müssen, denn der Mann tauschte den Fußball gegen einen Segelflieger und spielte wieder in dem Garten. Dann!

Dann kamen sie, plärrten den Gatten an, das sei eine bodenlose Frechheit, die Polizei wöllten sie holen! Was der sich denken würde! Dabei rückte die Seniorin dem Kerl auf die Pelle, Geifer spuckend. Der Mann sagte: „Bite halten sie Abstand!“, und ging einen Schritt zurück. Die Frau rückte auf, dass jeder weitere Schritt als Pettingversuch zu werten wäre und blaffte meinen armen Mann an: „Häh! Ich habe was! (hustet) Jetzt werden sie sich anstecken! Hähä!“. Der Bärtige hat versucht, auf die besondere Situation im eigentlichen und die Chance dieser ungenutzen ungepflegten Wiese im Besonderen hinzuweisen und um Solidarität gebeten, wurde aber verlacht und rausgeschmissen.

Der Mann war erregt, und das ist er selten. Ich bin sauer. Und zwar richtig! Das ist die Risikogruppe. Wegen denen schützen wir uns, damit die nicht krank werden. Entschuldigt, mir kommen Zweifel. In Zeiten, wo wir alle uns in Solidarität üben, Nachbarn Hilfe anbieten, nähen gegen den Mundschutzmangel, unsere Kinder zu hause betun und „nebenbei“ arbeiten, uns im Spagat befinden zwischen allen Anforderungen, da kommt mir sowas so richtig hoch!

Vielleicht schreibe ich den Besitzer des Grundstückes an um zu fragen, ob wir da gelegentlich spielen dürfen, und dann gehe ich mit der Seniorin in den Zweikampf! Mit Mundschutz! Ich bin die einzige Alte, die meinen Mann anschnauzen darf! Vielleicht verraucht meine Wut auch einfach unverpufft, aber ich weiß ganz sicher, wem ich garantiert nicht meine Nachbarschaftshilfe anbieten werde!

 

(saure Rike ab)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

65 M

Die Zeit, als ich an jedem dritten des Monats den Monatsgeburtstag des Kleinchens gefeiert habe, ist ja nun schon ein bisschen her, also zumindest öffentlich, aber noch immer ist der dritte ein Geburts-Tag. An einem dritten habe ich geboren. Auch an einem sechsten und an einem einundzwanzigsten. Aber da der Blondino „mein Baby“ ist, muss der da jetzt durch, dass ich das so zelebriere. Das mit dem dritten.

Fünfundsechzig Monate ist er jetzt bei uns. Er ist einen Meter zehn hoch, wiegt siebzehn Kilo, sein Kopf riecht immer noch nach Griessbrei und hat ein Stimmchen wie Tweety. Und große fragende Knopfaugen.

Er fragt auch eigentlich immer irgendwas. Als ich mal versehentlich beim Spazierengehen „Hänsel und Gretel verliefen sich im Wald“, sang, da war was los. „Warum will die Hexe den Hänsel fressen? Warum schubst die Gretel die Hexe in den Ofen? Und was hat de Hexe dann gemacht? Und wie hat die Gretel die Hexe in den Ofen geschubst? Und was hat der Hänsel dann gesagt? Und warum gibt es Hexen nur im Märchen? Was will die Hexe mit mir machen, wenn sie mich sieht? Und was machst du mit der Hexe, wenn sie mich fressen will? Können wir ein Pfefferkuchenhaus haben zum wohnen?“.

Auch täglich auf Wiedervorlage: „Wenn ich groß bin, kann ich dann auch Fliegen fangen mit meiner Zunge? Wie lang ist meine Zunge, wenn ich groß bin?“. Und neulich zu einem jungen Mann hinter uns an der Kuchenschlange: „Zeig mal, wie lang deine Zunge ist, meine ist nämlich am längsten, aber ich kann dir das nicht zeigen, man zeigt seine Zunge nur seiner Familie! Und wie alt bis du?! Isch bin fümf. Und mein Papa ist einundvierzig und meine Mama neunundvierzig und die hat heute Geburtstag und wie lang ist deine Zunge?! Zeig mal die Zunge!“.

Jeden Tag müssen wir bei Youtube Videos über Schlangen und Chamäleons und Frösche gucken. Weil die nämlich coole Zungen haben! Ich denke, die Dino-Phase wird durch die Amphibien und Weichwirbler, Schlabberekeltierchen abgelöst.

Der Beste frohlockt! Denn der züchtete früher Würgeschlangen. Zumindest war das der Plan, bis alle Schlangen Schnupfen kriegten und verendeten. Dann lernte er mich kennen und ich stellte klar, es wird ab sofort nur noch eine Schlange in seinem Leben geben! Nun, einundzwanzig Jahre später, sieht er in seinem Jüngsten einen Verbündeten im Kampf um ein Terrarium im Haus. Zusammen gucken sie sich die Bücher über Schlangen an, die der Bärtige seit Kindertagen hortet und die aus seinem Kinderzimmer mit bei uns eingezogen sind.

(Er wird niiiie ein Terrarium mit Schlangen haben, so lange ich hier wohne! Ich würde immer alle Futtertiere befreien und überhaupt kann ich nicht nachvollziehen, wie man ein Tier in einer Kiste halten kann, das nachweislich keinerlei Beziehung zu einem eingehen will und wird. Und so lange ich keinen Hund, nicht mal eine Katze oder einen Chinchilla haben darf – nein, auch keinen Papagei!- bin ich total fest, was das Schlangenthema angeht. Und selbst wenn ich ein, zwei Tiere haben dürfte, kriegt er keine Boa Constrictor. Sonst würde sein Tier mein Tier fressen wollen und das gäbe nur Terz hier. „Dein Tier hat…!“, „Aber dein Tier hat angefangen…!“. Nee, fällt aus. Im übrigen plane ich, mein nächstes Leben auf dem Land zu fristen und dann habe ich Hühner und Hunde und Katzen und Kaninchen und kenne definitiv niemanden näher, der mit Schlangen leben will. Ich meine, Schlangen, ernsthaft?!)

Ich sitze die Schlangenphase des Babylinos einfach aus.

Während ich das schreibe, liegt neben mir eine Gummikobra, die Eier eines „Türodacktulus“ ausbrütet.

Die weißen Bohnen, die hier die Eier sind, hat das Kindchen von irgendwo her angeschleppt und trägt die seit Tagen mit sich herum. Das sei sein Schatz, informierte mich das Kind. Jeden Tag stopfte es die Bohnen in die jeweilige Hose des Tages und holte sie immer mal hervor. Eigentlich waren es ja bestimmt zwölf oder zwanzig Bohnen ursprünglich. Ein paar befinden sich mittlerweile in den Ritzen der Couch oder in der Waschmaschine oder sonstwo. In jedem Fall werden die übrigen „Dinoeier“ ebenso diesen Weg gehen. Das ist sicher!

Ich mache ja auch jeden Quatsch mit (außer Schlangenquatsch mit echten Schlangen; und ja, Regenwürmer sind auch Schlangen, keine Diskussion!), aber neulich war echt Schluss mit lustig. Ich decke das Bett des Süßileins auf und denke, mich trifft gleich der Schlag. Unter der Bettdecke war ein Haufen Sand, breitgeklopft. Also ich meine so viel Sand, als hätte jemand eine Erwachsenenschaufel voller Sand in das Kinderbett gekippt! Hallo?! Es gab ein Riesengezeter, aber ich habe nicht herausgefunden, mit wie vielen Sandeimerchen das Kind sich an mir vorbeilaviert hat auf dem Weg nach oben, um das anzurichten, aber er machte deutlich, er bräuchte diesen Sand! Das sei nämlich Schlafsand!

Und nun weiß ich eigentlich auch, warum wir zwei seit ein paar Wochen wieder zwischen fünf und sechs aufstehen müssen. Einmal sogar zwischen vier und fünf. Das wird die Rache sein, weil ich den Schlafsand weggesaugt habe…

Wir haben nur noch selten Kommunikationsprobleme. Viele „seiner“ Worte haben wir in den allgemein gebräuchlichen Sprachgebrauch übernommen: Götterzug, Mutterboot und die Abschleppkammer selbstverständlich. Neulich aber: „Mama, ich wünsche mir zum Geburtstag Sacknaschuhe.“, „Was wünschst du dir?“, „Sacknaschuhe!“. „Ich weiß nicht, was das ist.“, „SACKNASCHUHE!“, „ICH WEIß NICHT, WAS SACKNASCHUHE SIND!“, „NA, SACKNAAAAASCHUUUUHE!“. Saugnapfschuhe. Da hätte ich wirklich alleine drauf kommen können.

Zumindest ging es diesmal schneller mit der Überwindung der Begriffsstutzigkeit. Ich habe aus der „Middelbonnie“ gelernt. Ihr erinnert euch? Das Kind verlangte, zur Middelbonnie gebracht zu werden. Tagelang. Am Ende weinte das arme Würmchen, weil ihn niemand verstehen wollte. Nach geduldigem Nachfragen (Was ist es? Wie sieht es aus? Was kann man dort machen? Wer ist dort?) erfuhren wir, es handelt sich um die Mülldeponie. Die Mülldeponie! Middelbonnie, na klar, das Kind spricht Spezial-Sächsisch.

Hoffentlich wird er für immer so niedlich und knopfäugig und neugierig bleiben und ich weiß, das wünsche ich mir umsonst. Nicht mehr lange, und er wird „ALLDER!“, sagen und „VOLL KRASS!“, und alles besser wissen wollen und mit den Augen rollen. Und ich hasse es jetzt schon. Ich frage mich, wann diese Metamorphose eintritt (Mit der Schule vielleicht?) und warum?! Ist es der „schlechte“ Einfluss von Justin und Elias? Wollen deren Mütter nicht auch, dass die süß und niedlich bleiben? Denken die, das sei unser schlechter Einfluss? Warum muss alles wachsen und sich verändern? Warum kann es nicht mal so bleiben, wie es ist? Ich zum Beispiel, ich hätte doch auch für immer dreißig bleiben können! Oder?!

In jedem Fall ist es ne Supersache, sich immer zwischendurch mal vor Augen zu führen, warum es genau JETZT so bleiben sollte, wie es ist. Es gibt immer und überall etwas, das echt jetzt mal für immer so bleiben könnte. Immer. Überall.

Wenn man genau hinguckt. ❤

 

 

 

 

 

 

Aus dem Leben einer Mutter – Kurzepisode 1

Das Seniorenheim

Sie kennen das. Da gehen sie gemütlich zum wochenendlichen Entenfüttern an den nahegelegenen Fluss und just als die heimatliche Behausung aus dem Blickwinkel entschwindet, schreit das angedeihliche Fortpflänzchen zu ihrer Linken: „Muss kackorn!“.

Zum Glück haben die Städtebaumeister wohl genau aus diesem Grund alle drei Meter ein Seniorenheim mit Gästetoilette im Entreé errichtet.

Das bedürftige Kind verspürt naturgemäß keinerlei ursächliches Bedürfnis mehr beim Anblick des coolen Interieurs: Behindertentoilette, Notrufklingel, eine Riesenrolle Handtuchpapier… Aber weil sie schon mal hier sind, geben sie dem Kind ihr Handy, damit es nicht ins Klo fällt, wenn sie gleich…

 

Zum Glück hat das Kind weder Twitter- noch Instagram-Account. Bislang.