Gemischtes Weihnachtsgeplänkel

Die Gedanken der letzten Tage, nacheinander und durcheinander gedacht und aufgeschrieben.

Dieser Blogpost ist ein Kessel Buntes. So hieß früher zu DDR-Zeiten eine Fernsehsendung, in der Helga Hahnemann auftrat und Gunther Emmerlich und Jürgen Lippert und wenn euch das alles überhaupt nichts sagt, ist das nicht schlimm, ihr habt nichts verpasst! Und an Weihnachten kam auch immer „Zwischen Frühstück und Gänsebraten“, eine Sendung, in der alle Mitwirkenden besoffen waren, ich bin mir ziemlich sicher. So viel Fröhlichkeit ist nur mit Nordhäuser Doppelkorn hinzubekommen. Ich hab das immer geguckt als Kind, es gab keine Alternative, wenn man schon als kleines Mädchen allergisch auf „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ war (hier Würgegeräusch vorstellen).

Jedenfalls hat Inka Bause, die manch eine aus „Bauer sucht Frau“ (ich hatte gerade aus Versehen „Bayer sucht Frau“ geschrieben und fand mich grad selbst übelst lustig) das sogar fünfzehn Jahre lang moderiert und früher als junger schnieker Hüpfer mit toupierter Action-Haarspray-gestylter Mähne bestimmt dort auch mal gesungen. Das mit dem Haarspray verstehen nun wirklich nur noch alteingesessene Ossis, deshalb für alle: Stank nach Johannisbeere, klebte wir Zuckerwasser und war in den Achtzigern der letzte Schrei. Auch, weil es kaum Alternativen gab, wollte man obenrum nicht nach Erdöl riechen. Und ein Alon-Haarspray aus dem Exquisit kostete zwölf Mark, Alter!

Wo ist mein Faden? Der rote?! Ah, danke.

Also, Weihnachten 2020. Alle riechen hier nach Westshampoo und es gibt jeden Tag Bohnenkaffee so viel wir wollen! Schöne neue Welt. Scheiß doch drauf, dass wir in der Bude hocken, ey, wir haben Farbfernsehen! Und Mandarinen aus der Dose! Und wir dürfen sagen, was wir wollen und keiner wird verhaftet! Jeder darf sagen, was er will, egal wie bescheuert das ist. Man darf auch sagen, dass die Coronaimpfung alle krank macht und nur eine Riesensauerei der Mächtigen ist und… darfst du alles sagen. Wenn du willst und keine Freunde brauchst um dich herum oder jemanden, der dir länger zuhört. Und dennoch fühlen sich manche Menschen „eingesperrt“, Menschen sind komisch.

Wir reden hier in der Familie über Nachwuchs, Nachwuchs mit Fell. Nachwuchs mit sehr kurzhaarigem, nahezu nicht haarendem Fell. Allen Leserinnen und Lesern ist also nun sicherlich klar: Wir reden über Weimaraner, Singular. Es soll eventuell eine Hündin hier einziehen im nächsten Jahr. Es steht auch schon fest, wie die heißen wird, für jede(n) von uns:

  1. Pepita; kurz: Peppi oder Pepsi  (für mich)
  2. Isabell (Unmöglich, oder? Kann nur vom Bärtigen kommen)
  3. es wird auf jeden Fall ein Hundejunge und der heißt Justus Jonas (der Blondino)
  4. es wird kein Weimaraner sondern ein Dackel und der heißt dann „Dackel“, was sonst

Der imaginäre Hund beschäftigt uns und wir lenken uns mit Hundegesprächen vom Alltag ab, auch nicht so schlecht. Klar ist auf jeden Fall, der Hund wird nie was vom Tisch kriegen, na-hein! Und er wird nicht auf die Couch dürfen, schon gar nicht in eins der Betten, niiiiemals! Und ich habe schon mal vorsorglich Bücher bekommen mit dem Titel: „Du bist der Rudelführer“, und dem Hinweis, es wäre enorm wichtig, dass ich das lesen würde! Weil, man wüsste ja… klappt ja schon nicht bei den Kindern mit der Strenge und Konsequenz. Mir persönlich ist wichtig, dass wir keinen Kläffer bekommen, also ich will einen Hund, dem man den „no-bell-Preis“ geben könnte, har har. „Bell heißt Klingel, das weißt du schon, oder?“, grätscht der Bubi humorlos ein, und: „Weiß jetzt nicht, wo das lustig gewesen sein soll!“. So geht das andauernd. Ich behaupte dann gern, andere Leute fänden mich urst lustig! Da winken sie immer gelangweilt ab, die Kerle. Der Prophet ist im eigenen Dorf nichts wert, das sag ich euch!

Heute ist Mittwoch und mir tut der Rücken weh vom Geschenkeeinpacken. Das vorherrschende Geräusch ist das Abrollen von Tesaband in einem Klebebandabroller, kennt ihr? Quiiiietsch. Das Geschenkpapier hat geradeso gereicht und in jedem Jahr denke ich, das muss aufhören, anders werden, jemand muss das für mich machen. Ich hasse das! Man sieht es im übrigen auch meinen Paketen an, dass ich Verpacken hasse. Es geht schon damit los, dass am Ende verschiedene Stücken übrig bleiben, die nicht auf das letzte zu verpackende Paket passen. Dann das Gefalte. Meine Mutter war da Königin. Akkurate Falze, Papier, das sich wie draufgebügelt um die Geschenke schmiegte. Mir hat sie das nicht vererbt.

Apropos Vererbung. Mein Onkel rief neulich an und sagte, er habe meine schöne Weihnachtskarte vor sich und freue sich daran. Was ich für eine hübsche Handschrift hätte! Da wusste ich, er hat die Weihnachtskarte meiner Schwester vor sich und uns zwei gerade verwechselt. Denn ich habe eine Sauklaue, echt jetzt. Ich schmadere was zusammen und hoffe, der Adressat kann es lesen. Meine Schwester hat die schöne Handschrift der Familie meiner Mutter. Die hatten wahrscheinlich alle in Schönschreiben eine Eins! Ich bin anders. Der Freund meiner Mutter sagt immer, eine von uns hat man mit Sicherheit vertauscht im Krankenhaus und ich weiß genau, wen er meint.

Weil wir gerade dabei sind. In den letzten Monaten mache ich oft Videotelefonie mit meiner Familie und meine Mutter und ihr Freund freuen sich immer sehr. Die staunen und strahlen, was das Zeug hält, wenn sie uns in der kleine Kiste (Smartphone) sehen! Was es nicht alles gibt. Guck mal, da bewegt sie sich sogar und ich kann sehen, wie sich der Mund bewegt beim Sprechen, abgefahren! Also wenn ich beim Freund der Mutter anrufe, dann sehe ich stets seine Handyhülle von innen. Nein, nein, er würde mich gut sehen! Alles prima, sagt dann der Opa. Rufe ich meine Mutter an, stellt sie das Telefon vor sich (schon mal super). Allerdings, wenn ich spreche, sehe ich nur grauen Pelz, weil sie stets das Ohr an das Display hält um mich gut zu verstehen. Dann setzt sie sich wieder aufrecht, um das Wort an mich zu richten. Ich antworte und sie beugt sich wieder nach vorn – ich sehe grau. ❤ Das rührt mich.  Die beiden sind siebzig und achtzig Jahre alt. Es geht ihnen gut, das ist das wichtigste.

Morgen, Kinder, wirds was geben. Der Baum nadelt vor sich hin und ich habe großzügig um die Tanne herumgefeudelt. Ich putze ständig und dennoch ist alles schmoddrig hier. Das liegt daran, dass wir zu viert hier sind und ich meistens zweimal pro Tag koche. Es gibt so Menschen, organisierte, die stellen vorm Kochen die benötigten Gewürze parat und haben das Rezept laminiert in einem Rezeptaufsteller neben dem geputzten Herd. Ich habe nie ein Rezept und knete zum Beispiel Hackfleisch und denke dann, ach, Majoran könnte noch dran, zack, mit den Hackfleischfingern den Gewürzschrank geöffnet und nach dem Fläschchen geangelt. Bei mir ist alles verschmiert und die Besteckschubladen voller Krümel und sogar die Topfschieber innen dreckig. Nur damit ihr mal Bescheid wisst! Immer wenn eine Freundin zu mir sagt: „Hach, bei euch ist immer alles so schön sauber!“, denke ich: `Was ist los mit dir? Bist du blind oder verlogen?!`. So ist das. Aber schon bei meiner Oma Else sah die Küche aus wie Bombe, aber das Essen! Die konnte kochen! Ich wünsche mir, das sagen die Leute auch irgendwann von mir. Scheiß doch auf ordentliche Besteckschubläden und streifenfreie Fronten!

Ich denke an die Studentinnen, die sonst in der Adventszeit bei Douglas Geschenke verpackten, was machen die in diesem Jahr? Und wie hat sich die Maskenpflicht auf den Absatz von Lippenstiften ausgewirkt? Weiß das jemand? Wie ist die Virusauswirkung im arabischen Raum, wo alle draußen sowieso mit Mundschutz rumlaufen, also die Frauen zumindest? Fragen, die mich beschäftigen.

Der Bärtige hat ein Buch mit Papierfliegeranleitungen gekauft (Warum?!) und nun muss einer von uns Erwachsenen ständig Druckerpapier zu Papierfliegern verfalten. Und die Dinger liegen überall rum, unter Schränken, hinter Möbeln. Des Kindes Begeisterung für Papier endet allerdings abrupt vor dem Wochenplan der Klasse 1c. Dort sind die Arbeitsbögen gesammelt für das Homeschooling. Katastrophe, sag ich euch. Malen, schneiden, kleben und lesen verweigert der Blondino lautstark und enthusiastisch. Mathe geht und Schreiben auch. Wir machen „angewandte Pädagogik im Alltag“ und lesen die Zahlen auf den Autokennzeichen, üben spielerisch die Malfolgen und ich schreibe dem Kind Liebesbriefe. Wenn er wissen will, was da steht, muss er sich eben Mühe geben! Ansonsten bin ich entspannt. Ist mir egal, wenn wir das nicht alles schaffen. Aber ich hab auch gut Lachen in Klasse eins. Wobei ich denke, das ist die Erfahrung. Die Erstlingseltern bei uns im Klassenchat sind mitunter überambitioniert, aber was weiß denn ich. Das ist mein vierzehntes Schuljahr als Mutter. Ich glaube, ich hab schon alles gesehen und gehört, sollen sie doch. Mich erregen die nicht. Ich gehe mit zu Wandertagen solange ich darf, weil die Zeit so verdammt kurz ist, wo das Kind das dulden wird und ich so alle anderen Kinder sehe und kennenlernen darf und damit ein Gesicht vor Augen habe, wenn von Dustin und Justin gesprochen wird. Und ich helfe der Lehrerin, wenn Elternunterstützung gewünscht ist, das versteht sich von selbst. Aber bei dem üblichen Schmus (wer hat was gesagt, welches Kind hat die längste Leseraupe und warum, wieso sind die Ranzen so schwer und mein Kind hat dieses und will jenes und überhaupt) da schalte ich ab.

Neulich stand ich mit Mundschutz beim Abholen im Foyer und eine Mutter beschwerte sich bei einer anderen Mutter über meinen Sohn. Weil, er sei so ein schlechter Einfluss auf ihr Schätzchen! Ich hab in mich reingegrinst, sie haben mich nicht erkannt mit meinem Ganzgesichtsschutz. Ich grinse auch, wenn die Horterzieherin beim Abholen sagt: „Und sie? Sie sind die Oma?“, mich haut im Moment nichts vom Hocker, was die Schule betrifft. Solange das Kind gern hingeht (wenn er denn wieder kann) und keine pathologischen Defizite zeigt. Für den Rest habe ich keine Zeit. Ich hab keine Lebenszeit übrig mich aufzuregen wegen irgendwelchem Blödsinn, der gar nicht wichtig ist. Und jetzt ist auch Weihnachten.

Drei Tage, eine Gans, eine Ente, zweierlei Klöße, eimerweise Rotkraut, ein Mohnstriezel und allerhand Kekse später ist nun der zweite Feiertag und ich hab voll das Weihnachtsmojo. Dieses Jahr in echt. Es hat mir gutgetan, nur mit den Meinen zu sein. Kein Besuch, keine Weihnachtsmarktglühweinverabredungen, kein Kalender-übereinander-legen, um alle Freunde zu treffen. Ich bin komplett runtergefahren und Weihnachten ist passiert. Ist mir passiert! Fern ab von all der Hektik, die mich sonst kirre und froh macht, bin ich glücklich gewesen.

Der Sohn hat mir einen Harry-Hole-Krimi von Jo Nesbo geschenkt und beömmelt sich stundenlang wegen dem Namen („Harry Hole… das klingt wie… hihihi… das klingt wie…. hahaha!“, „Ich weiß, das klingt wie haariges Loch, du Quatschbirne! Das findest du lustig, aber bei no-bell-Preis verleierst du die Augen, ja?!“). Alle freuen sich über die Geschenke und wir habens schön.

Die Tage waren gemütlich, unter allen Tischen liegen Legobausteine, jede freie Fläche ist mit Spielzeug vollgestellt. Die Weihnachtssterne sehen langsam müde aus und abgekämpft und auch der Baum hat durchgehalten – danke dafür!

„Rupfi of Blasewitz“, der schönste Tannenbaum vom Blasewitzer Waldpark

Abend laufen wir durch die Hood und schauen in die geschmückten Wohnungen, das ist der schönste Adventskalender für mich.

Gestern begannen die Rauhnächte, diese besonderen Tage, in denen mir früher manchmal das Gemüt etwas wackelte. In denen ich mich fragte, was das neue Jahr wohl bringen würde, in denen ich oft sehnsüchtige Wünsche an das Universum schickte. In diesem Jahr ist alles gut. Es gibt keine losen Enden, es ist alles geworden. So möge es bleiben, das ist mein Wunsch.

Im Garten schiebt sich neues Leben durch den kalten, feuchten Boden und die Tage werden wieder länger. Alles wird neu, alles fängt wieder von vorne an, wunderbar.

Euch wünsche ich magische, schöne und friedliche Tage bis zum Wiederlesen und jede(r) hat einen Wunsch frei beim Universum, ich habe das geklärt! ❤

 

 

 

 

 

 

Wurzelschaden

Ich bin ja so oft umgezogen, dass ich einfach bei achtzehn aufgehört habe zu zählen. In manchem Jahr bin ich sogar mehrmals umgezogen, mit leichtem Gepäck. Keiner weiß mehr genau, an welche Wohnungstüren ich überall mal meinen Namen drangepappt habe. Ich am Allerwenigsten!

Nun, das f*cking Alter, werde ich wunderlich. Ich habe das Bedürfnis, Rosenstöcke vor die Haustür zu stellen und ein selbstgetöpfertes Türschild anzubringen (Du lieber Himmel!). Ich möchte wurzeln. Ankommen und bleiben. Ich fürchte, demnächst finde ich auch noch Gefallen an der Farbe Beige und Besuchen im Möbelhaus. Mir graust.

Pieschen war für die letzten sechs Jahre unser Zuhause (Pieschen ist ein Stadtteil in Dresden, für die Neuen hier.). Pieschen ist, nun ja, was für Liebhaber. Ich war Liebhaber! Ich mag dieses Angeschlonzte, Verrotzte ja irgendwie. Aber für die Kinder wollte ich was anderes. Keine Spielplätze mit zerkloppten Bierflaschen im Sandkasten. Keine Kothaufen-Rallye auf den Fußwegen. Stattdessen Grün und Vögelgezwitscher. Elbnähe, und zwar auf der schöneren Seite der Elbe.

Aber mit dem Wünschen ist das ja so eine Sache. Die Anforderungen waren wohl zu unspezifisch, denn: Et voila! Wir wohnen nun in Elbnähe, inmitten von Ahörnern, Linden, Tannen und Robinien, Vögeln und efeuumwucherten Mäuerchen. Und Blasewitzern.

„Wer aus Pieschen wird verwiesen, zieht nach Blasewitz oder Striesen!“ (Pieschner Redensart)

Blasewitz („Blowjoke“, wie ein lieber Freund der Familie es titulierte) ist nicht witzig! Nein, eigentlich lacht darüber wirklich niemand in Dresden. Blasewitz ist elitär und wunderschön und kein bisschen witzig. Hier, vom Bombenhagel des letzten Weltkrieges verschont, stehen hochherrschaftliche Villen auf großzügigen Grundstücken mit altem Baumbestand. Keiner brüllt hier des Nächtens volltrunken irgendwelche Schmutzparolen durch die Straßen. Hier werden die Tore verschlossen, auch tagsüber. Nachts ist es still, nichts übertönt das Schnarchen des Bärtigen. Es ist wunderschön. Und still. Endlich Ruhe!

Dennoch habe ich einen Wurzelschaden. Ich komme nicht „an“.

Ich werde mich mit den kommenden Zeilen wohl auch nicht beliebter machen in Blowjoke, aber wer liest das denn schon! Hier lesen bestimmt eh alle nur die Wirtschaftswoche…

Die neue Nachbarin nennt mich manchmal „gnädige Frau“ und meint das durchaus nett. Wenn von anderen Nachbarn die Rede ist, wird die Berufsbezeichnung mit genannt („Der Musiker und die Anwältin…“; „Der Architekt und die Physikerin…“). Abends sieht man hier Herren mit Slippern an den Füßen, auf denen Quasten rumbaumeln und einem Kaschmirpulli leger um die Schultern geknotet. Die erste echte Frau mit aufgespritzen Lippen habe ich in Blasewitz gesehen und mit offenem Mund angestarrt. Ebenso Stiefel aus Schlangenleder, wobei ich mich damit wirklich nicht auskenne.

In Pieschen stehen auch am Wochenende Leute morgens vor der Trinkhalle. In Blasewitz ist man am Wochenende morgens auf dem Tennisplatz im Waldpark.

Man „trifft“ hier nicht einfach andere Mütter irgendwo. Wir wohnen jetzt seit einem halben Jahr hier vor uns hin, alleine. Gegenüber wohnt eine Familie mit vier Kindern, aber ich denke nicht, dass es gesellschaftlich etabliert ist, wenn ich dort klingeln würde mit den Worten: „Tach! Ich bin die Neue von gegenüber und das ist der Blondino. Wollt ihr nicht mal zum Spielen zu uns rüberkommen?“. In Pieschen wäre das kein Problem. In Blasewitz habe ich Ladehemmung. Jeder ist hier für sich in seinem Haus mit dem schönen großen Garten.  Mir fehlen meine früheren Nachbarinnen und ihre Kinder. Ich bin wohl ein bisschen einsam…

Vielleicht liegt das auch an meiner eigenen Aufzuchtphase.

Die frühen Jahre: Neustadtkind mit coolen Klamotten vor baufälliger Wohnsubstanz, circa 1973

Ich bin in der Dresdner Neustadt geboren. Zu einer Zeit, als die nicht hip war und keiner wusste, was ein Hipster ist. Wenn man damals die Tür zur „Erlenklause“ öffnete, guckten einen durch den obligaten gelben Nikotinschleier zehn Leute an mit zusammen hundert Zähnen in der Gusche und hundert Jahren Zuchthaus auf dem Buckel. Graue, dreckige Häuserschluchten mit erstem und zweitem Hinterhaus und kaum einem kümmerlichen Baum dazwischen. Das war die Neustadt! Also bevor die hip-pen jungen Leute kamen. Und vor ihnen der Helmut Kohl und die Wende…

Prießnitzstraße 48. Das Fenster über der Einfahrt war früher die Stube meiner Oma.

Die Kinder spielten in den Hinterhöfen oder in baufälligen Häusern (die eigentlich nie abgesperrt waren, also im Sinne von wirklich abgesperrt) oder Kellern oder einfach auf der Straße. Einen Garten vorm Haus hatte eigentlich niemand. Nein, nicht eigentlich. Niemand, den ich kannte, hatte einen Garten vorm Haus! Die meisten hatten noch nicht mal ein Auto vorm Haus. Später dann schon, nach vierzehn Jahren Sparen und Warten.

Als ich im zarten Alter von achtzehn Jahren wieder in die Neustadt zurückzog, sagte meine Mutter entrüstet: „Wir haben wirklich alles darangesetzt, dass wir dich aus dem Dreck rausholen können und du? Du ziehst freiwillig wieder dahin zurück?!“. Genau.

Heute bin ich nur noch selten da. Zu modern, zu voll, zu hip, zu… und dennoch. Ich erinnere mich an die Wohnung auf der Waldschlösschenstraße und die Badewanne

Letzte Woche war ich da und bin bewusst und alleine durch die Straßen geschlendert. Ich habe mich erinnert, wie (War es 1985? Später?) „Beat Street“ in der „Scheune“ aufgeführt wurde, rappelvoller Saal, alle hochemotional geladen. Wie sich immer mehr junge Leute mit bunten Haaren und verrückten Klamotten auf die Straße trauten, sich in der Neustadt die Hausbesetzer breitmachten und die ersten „Cafés“ einfach illegal eröffneten. Einige davon existieren noch heute, sogar unter ihrem ursprünglichen Namen.

In dem Hinterhäuschen wohnte die alte Frau Goldmann. Die hatte nur ein Zimmer mit Küche und kaum Zähne. Ich fürchtete mich sehr vor ihr! Einmal war meine Cousine Antje da und ich fühlte mich urst mutig, hab aus dem Küchenfenster gerufen: „Huhu, du alte Hexe!“. Leider hat meine Oma das gehört und ich musste runter zur Frau Goldmann, mich entschuldigen. Antje auch, obwohl die gar nichts gemacht hat. Und die alte Hexe? Hat uns eine Banane geschenkt. Eine BANANE!

Das linke Fenster mit dem Ast war das Zimmer, das meine Eltern mit mir bewohnt haben. Das Fenster rechts daneben gehörte zur Küche. Dort habe ich rausgeguckt und die arme Frau Goldmann… ihr wisst schon.

Ich erinnere mich an Konzerte. „Kaltfront“, „Die Freunde der italienischen Oper“. An zehn fremde Leute, die irgendwie bei mir auf dem Boden schliefen nach einem Konzertabend („Hey, haste ne Penne?!“, gängige Frage damals an jedem Wochenende). Ich erinnere mich auch an Abende, in denen ich ohne Kohle, ohne Fahrschein in einem Zug stand und nach Berlin fuhr. Auf irgendein Konzert. Und nein, es war nichts mit Geige oder Piano. Nie.

Heute wachsen Blumen vor Frau Goldmanns Häuschen. Das hätte ihr bestimmt gefallen. Mir jedenfalls gefällts.

Prießnitzstraße achtnfürtsch. Einen Steinwurf entfernt ist die Talstraße. Dort wohnte mein Schwiegervater, als er noch nicht mein Schwiegervater war und der in die gleiche Klassenstufe ging wie der Bruder meiner Mutter und irgendwann einen Sohn zeugte, der dann zwanzig Jahre später die Tochter der Schwester eines Schulkameraden… könnt ihr noch folgen? Genau, der Bärtige ist auch ein Neustadtkind. Der wurde aber erst geboren, als ich schon lange evakuiert war aus er dreckigen Neustadt und überhaupt habe ich mich damals noch nicht für Babies interessiert…

Früher habe ich manchmal scherzhaft gesagt, falls eines meiner Kinder so eine verrückte Jugend hinlegen sollte wie ich, sperre ich es ein. In einen Turm, einen hohen. Für so zehn, zwölf Jahre! Heute würde ich vermutlich dafür sorgen, dass er genug Kohle in der Tasche hat und meine Nummer abgespeichert. Und eine Bemmenbüchse in seinen Rucksack schmuggeln…

… Oder ihn einschließen!

Ich habe letzte Woche in der sauberen, freundlichen, schicken Neustadt gesessen und auf Mareice gewartet. Und ich mochte das dort. Es ist bunt, jung, laut. Ist die Neustadt authentisch? Pieschen ist echt. Pieschen ist das, was die Neustadt mal war. Wird dann Pieschen irgendwann die neue Neustadt? Hm. Gibt es bald gar keine drecksche Ecke mehr? Keine die aussieht wie „früher“?  Meine Mutter sagt: „Bloß gut!“, und: „…Dass du das alte verkommene Haus fotografiert hast! Nee, also wirklich, wie das aussieht!“. „Ja, aber genauso sah es damals doch aus!“, erwidere ich. „So haben wir doch gewohnt! Nur nicht so schön bunt. Man muss sich doch mal daran erinnern!“. Nein, muss man nicht, findet meine Mutter.

Doch, finde ich. Mir hilft das. So für die eigene Ortsbestimmung.

Mareice hätte auch überall sonst in Dresden lesen können, aber hierher hat sie allerdings besonders gepasst. In die Neustadt.

Als ich an dem Abend dann sehr spät mit dem Rad über die Albertbrücke auf die andere Elbseite fuhr und das „Blasewitz“-Schild passierte, hatte ich mich ein bisschen versöhnt. Blasewitz kann nichts dafür. Ich bin eben ein Neustadtkind. Sozialisiert zwar, aber dennoch.

Am Wochenende darauf saßen wir (Überraschung!) auf unserem Grundstück in Blasewitz rum, als von irgendwoher (zwei Grundstücke weiter die Straße runter, ich glaube, die Villa mit den roten Klinkern) Kindergelächter und Geschrei zu hören war. Und auf einmal ein kräftiges Niesen. Ich brüllte beherzt über alle Gartenzäune: „GESUUUUNDHEIT!“ (Voll peinlich, ey, als wären wir in Pieschen!).

Und wisst ihr was? Zurück kam ein: „DAAAANKE!““. Ich denke, ich werde dort mal klingeln.

„Tach! Ich bin die Neue aus der achtzehn. Ham sie neulich mal genießt im Garten? Und wolln sie mal zu uns zum Spielen rüberkommen? Sie oder die Kinder? Wir haben weder Titel noch Familienstammbaum oder Kaschmirpullover, dafür aber immer kaltes Bier. Also nicht für die Kinder! Wir könnten uns Blasewitze erzählen beim kalten Bier!“.

Ich arbeite noch an der Ansprache…

 

 

Immobiliengedanken

Wir ziehen um.

Die Unterschriften sind unter Verträge gesetzt, Malerfirma, Umzugsunternehmen, Trockenbau, alles irgendwie schon halb organisiert. Ein Nachmieter für die alte Wohnung gefunden, ein Käufer für unseren Garten… Es stehen größere Veränderungen an.

Vor sechs Jahren sind wir nach Pieschen gezogen. Und ja, ich wusste, es ist laut hier! Es ist dreckig! Aber auch authentisch, ehrlich. „Pieschen hat was.“, das sagen die, die hier leben. „Ja, Glasscherben und Hundekacke!“, sagen die, die woanders leben. Ich mochte es hier.  Aber nun zieht es uns weiter.

Uns zieht es immer irgendwann weiter. Also speziell mich! Der Freund meiner Mutter führt Buch über mein Umzugsverhalten, ich muss den mal fragen, wie der aktuelle Stand ist. Ich schätze, das wird mein neunzehnter Umzug. Wenn ich mich nicht verzählt habe…

Andere Leute sparen auf Urlaube, ein Eigenheim, einen Lotus. Ich ziehe regelmäßig um. Deshalb werde ich niemals Reichtümer besitzen. Das betrifft natürlich auch meinen Mann, da hat er wirklich Pech. Augen auf bei der Partnerwahl, sage ich da nur!

Mein Mann. Gutes Stichwort. Ich denke oft an den Bärtigen und an mich, an uns, jetzt, in den stürmischen Zeiten des Listenmachens, Planens, Rumorganisierens. Ich denke daran, durch wieviele Wohnungen, an wievielen Nachbarn vorbei uns unsere Reise bisher geführt hat. Viele unserer ehemaligen Nachbarn sind nach wie vor Freunde. Wenn wir nicht so oft umziehen würden, hätten wir die nie kennengelernt!

Begonnen hat alles vor fast zwanzig Jahren, als der Bärtige (damals sehr jung, sehr schlank und sehr glattrasiert) zu mir zog in meine kleine Dreizimmerwohnung. Ohne Balkon, am Busbahnhof. Dann, wir hatten schon über unsere gemeinsame Zukunft gesprochen und Fortpflanzungspläne, zogen wir in eine größere Dreizimmerwohnung. Genossenschaftswohnung, PVC-Bodenbelag, immerhin mit Balkon. Und das Sozialamt war gleich nebenan, das einen Teil der Miete übernahm. Er war Student, ich gleich darauf in Elternzeit. Jeder hatten wir einen Nebenjob. Vor allem hatten wir immer ein volles Haus und ja, Sorgen auch, aber nur kleine. Das Geld ist schon wieder alle! Wie kann das sein? Äh… weiß ich auch nicht. Es ist ja nicht weg, es hat jetzt nur jemand anderes, also reg dich nicht auf! Solche Sorgen eben.

Dann zogen wir in eine Dreieinhalbzimmerwohnung. Arbeiteten, heirateten, trennten uns. Zogen in zwei Zweizimmerwohnungen. Damals hatten wir wirklich Sorgen… Ich zog dann noch mal alleine mit Kind um (um in Übung zu bleiben), dann zogen wir wieder zusammen. In eine Fünfzimmerwohnung, das ist die hier in Pieschen.

Und schon damals sagten die Leute: „Menschenskinder, was wollt ihr bitte mit fünf Zimmern?!“. Wir wollten einfach Platz! Und wir hatten am Anfang ein leeres Zimmer, unser „Hoffnungszimmer“.

Seit reichlich drei Jahren ist dieses Hoffnungszimmer nun bewohnt. Wir haben keinen Platz mehr.

Das mit dem Platz ist seltsam. Wir haben uns schon quadratmetertechnisch verdoppelt seit Anbeginn unseres Zusammenlebens, aber weil wir immer mehr werden und immer mehr Erinnerungen und Leben und Dinge haben, brauchen wir auch mehr Raum! In Zeiten, wo alle von simplify-dein-irgendwas reden, bin ich eine Bewahrerin. Von Klamotten und Schuhen kann ich mich gut trennen, nicht aber von Kinderzeichnungen, gebastelten Ding-sen, Faschingskostümen (voller Erinnerungen) und so weiter. Erinnerungen an die Kinder, Erinnerungen an unsere Familie. Kistenweise Fotos von Urlauben, Ausflügen, Schuleinführung (Ja, auch die Zuckertüten habe ich noch, natürlich! Und alle Milchzähne.), Weihnachtsfesten. Fotos im Kreissaal, das erste Kind ohne Zähne, mit Milchzähnen, mit Zahnlücken, mit Zahnspange. Schätze.

Okay, eine gewisse Sammelwut lässt sich mir nicht absprechen! Ich kann noch nicht mal getrocknetes Gras aus dem Osternest wegschmeißen. Man kann doch damit irgendwas basteln! Oder dekorieren! Und ist nicht das dieses „nachhaltig“, von dem immer alle reden? Na also.

Wann denn genau der Gedanke aufkam, dass es jetzt ein Haus zur Miete sein soll, weiß ich gar nicht. Seit Anfang des Jahres haben wir erst lose, dann zunehmend mit mehr Engagement und am Ende regelrechter Vehemenz, gesucht. Es gab Wochen, da habe ich mit fünf Hausangeboten und Maklern um Besichtigungstermine jongliert und die versucht, in unsere Kalender zu integrieren.

Wir haben ziemlich kuriose Sachen erlebt. Von verdreckten, abgeranzten Buden mit schimmligen Fenstergummis („Das ist kein Schimmel, das muss nur mal geputzt werden!“), über dreiste Makler („Was wollen sie? Über die Grundmiete reden? Ich wusste gleich, dass sie sich dieses Haus nicht leisten können!“) bis hin zu seltsamen Besitzern („Ich habe sie gegoogelt!“, anstatt eines „Hallo, guten Tag.“, „Sie sind doch die mit dem Blog, oder?“). Bei einem Haus wurde uns mitgeteilt, der Besitzer wünschte nach einem ersten Auswahlverfahren alle Bewerber persönlich kennenzulernen um nach einem Gespräch sich dann für einen Mieter zu entscheiden. Assesment center für Mieter, man glaubt es nicht (Das betreffende Haus steht im übrigen immer noch leer).

Wir haben ein Haus gefunden.

Oder das Haus uns. Denn ehrlich gesagt, hat es wohl auf uns gewartet. Meine Freundin hatte mir schon vor Monaten einen Link zum Exposé geschickt. Es kam damals nicht in Frage. Während der ganzen Zeit der Suche hat sich auch erst herauskristallisiert, was wir suchen! Und unsere Vorstellung von dem Haus, das es dann sein soll, sich auch sehr verändert. Das war spannend zu erleben. Und manchmal schien es, als würden wir niemals ein Haus finden, das uns beiden gefallen könnte. Wir haben gestritten, gefeilscht, argumentiert und manchmal einfach geschwiegen. Und uns am Ende gemeinsam entscheiden.

Vor einigen Tagen war ich zum Messen im zukünftigen Haus.

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Ich stand auf dem leeren Dachboden, der irgendwann unser Schlafzimmer sein wird. Achtzig Quadratmeter, so groß waren manche Wohnungen nicht, in denen wir zu dritt gewohnt haben, und habe an uns gedacht.

Ich bin durch das Haus gegangen, voller Vorfreude. Auf den Trubel, auf das Neue, das in diesem Haus passieren wird. Auf uns. Hier drin. Und dass ich mich zum ersten Mal in meinem Leben auf etwas einlasse, das ein „wir“ braucht.

Denn: Für mein persönliches Freiheitsempfinden hatte ich stets im Leben die Maxime, mir nie mehr aufzuhalsen, als ich auch allein würde tragen können. Kinder, Arbeit, Schulden.

„Freedom is just another word for nothing left to lose“ (Janis Joplin)

Nun, die Mietbelastung für dieses Haus wird keiner von uns beiden alleine tragen können! Das ist ein Fakt, das ist nichts, worüber wir sprechen würden. Sprechen müssten. Und so ist unser beider Unterschrift unter dem Mietvertrag für dieses große Haus mit viel Platz für Neues auch ein weiteres Bekenntnis zueinander. Ja, ich will mit dir weiter zusammenleben! Größer, weiter, ohne Netz und doppelten Boden. Nach dem Umzug und den Umbauten pleite vermutlich, aber he, lass uns das machen! Ein neues Nest für unsere Familie. Du und ich. Wir.

Schön.