Hochzeitstag

Am Donnerstag letzter Woche sind der bärtige Mann und ich seit langem mal wieder ausgegangen. So mit vier-Gänge-Menü und Wein und Kerzen und so. Wir mussten gar nicht weit weg, wir konnten laufen! Wir waren schick französisch essen. Und das in Pieschen. Echt jetzt. Über das Restaurant werde ich noch mal gesondert berichten, das hat einen eigenen Beitrag verdient. 😉 IMG_3889

Zehn Jahre sind wir jetzt verheiratet. Ich bin ein bisschen rührselig und habe den alten staubigen Koffer mit den Erinnerungen vom Schrank geholt . Und Irgendwie hallt mir das doch schon ein paar Tage nach und deshalb gibt’s jetzt wahre Worte über die Ehe. Und Weisheiten! Oder auch nicht.IMG_3896

Wir haben uns vor achtzehn Jahren unter Umständen kennengelernt, die einer Lüge bedürfen, sollten uns die Kinder irgendwann danach fragen…

Das mit uns bahnte sich nicht stürmisch an, eher behutsam. Aber auf eine ganz und gar besondere, neue Art. Und als ich anderthalb Jahre darauf mit dem Pubertino schwanger war, sagte ich dem Mann (der damals noch kein Bärtiger war), ich hätte es gewusst. Bereits an unserem ersten Date. Damals liefen wir romantisch durch Moritzburg und irgendwie hatte ich eine „Erscheinung“. Ich sah ihn neben mir einen Kinderwagen schieben (Wenn ich ihm das bereits beim ersten Date erzählt hätte, wäre es sicher nicht so weit gekommen. Mir ist klar, wie das klingt!). Aber alles war anders als bisher. Weniger Feuer, Action, dafür mehr… hm… Beständigkeit, Wärme, Selbstverständnis. Und der inniglichen Wunsch bei mir, es bloß nicht zu versauen!

Denn der junge Mann hatte es drauf: Türen aufhalten, Jacke abnehmen, Kofferraum voller Blumen. Alles aus einer liebevollen Selbstverständlichkeit und einem großen Respekt heraus und nicht, weil er mich für bedürftig oder unselbständig hielt. Und Komplimente kann der machen! Ich erinnere mich an einen Vorfall, als er Stunden zu spät und angeschickert von einer Radtour nach Hause kam, beide Arme voller langstieliger Sonnenblumen, und sagte: „Du darfst nicht böse sein, weil ich so spät komme! Ich habe dieses Sonnenblumenfeld gefunden und stundenlang nach einer Blume gesucht, die so schön ist wie du. Ich habe keine gefunden, deshalb musst du jetzt mit denen hier vorliebnehmen.“ (Ja ja ja. Hört auf, Geräusche zu machen! Ist lange her.)IMG_3895

Er ist was Besonderes. Ganz ehrlich.

Die letzten zehn Jahre waren stürmisch. Wir haben viel erlebt gemeinsam. Das ist, was Ehepaare nach so einer Zeit immer sagen. Wir haben wirklich viel erlebt. Viel Kummer, Sorgen, Trennung, Versöhnung. Schlaflose Nächte aus Sorge um unseren Sohn, schlaflose Nächte aus Sorge um den jeweils anderen. All das. Und wir sind immer noch hier.IMG_3893

Es wird ja viel geschrieben darüber, was das Geheimnis langer Partnerschaften ist. Man hört zum Beispiel, viel Zeit miteinander zu verbringen sei wichtig. Nun, ich kenne langjährige Ehepaare, deren Geheimnis des Glückes eher das Gegenteil ist! Oder gemeinsame Hobbies. Meins wäre das nicht. Genauso wenig wie ich Bergsteigen, Abenteuerreisen oder Mountainbiken will, will ich, dass der Mann neben mir an der Nähmaschine sitzt oder einen Blog schreibt. Und selbst das Laufen, das wir ja beide betreiben, tun wir getrennt, wenngleich aus praktischen Gründen. Immerhin haben wir mittlerweile zwei Kinder, die wir nicht einfach so sich selbst überlassen können.

Überhaupt, wenn aus einem Liebespaar ein Elternpaar wird, ändert sich die Qualität der Beziehung. Ob verheiratet oder nicht spielt da keine Rolle. Viele sehen den Verzicht, sehen, was wegfällt für Jahre. Oder unwiederbringlich. Ich habe dem nie hinterhergetrauert und fand, unsere Beziehung hat durch die Elternschaft noch an Tiefgang und Qualität gewonnen. Diesen, meinen Mann, als Vater zu erleben, hat doch meiner Entscheidung für ihn noch mal eine ganz andere Tragweite gegeben.IMG_3891

Liebe. Was macht das aus? Was ist das überhaupt? Warum der „eine“? Ich weiß es nicht. Ich weiß es nicht mit rationalen Gedanken. Es ist ein diffuses Wissen, das von ganz woanders herkommt. Nicht aus dem grauen Klumpen oben in der Birne. Diese Wucht an Jahren, dieses an- einander- gewöhnt-sein, das einander- die- Sätze- vervollständigen. Einer spricht aus, was der andere denkt. Lauter Dinge, die langweilig sein können, banal und unbedeutend, oder eine tiefe warme Vertrautheit darstellen. Etwas ganz Kostbares, das eben nicht austauschbar ist auf die Schnelle. Das Wissen, egal was passiert, hinter dir steht jemand. Und zwar immer und bei jedem Wetter! …Und immer noch nach so vielen Jahren ein Kribbeln, wenn der andere nackt im Flur an einem vorübergeht…

So, genug geschnulzt! Jetzt kommen harte Fakten. Wie ist das also beim alten Nieselpriem-Ehepaar?

Nun, zuerst einmal reicht es nicht, sich gegenseitig zu hassen und zu verabscheuen, wenn der jeweils andere krank ist und inperformant. Das gehört für uns selbstverständlich dazu, aber andere Dinge sind uns auch sehr wichtig. Zum Beispiel:

Tiefsinnige Gespräche führen

„Ich hätte doch Medizin studieren sollen. Also nichts mit röchelnden Menschen, aus denen Zeug rausläuft. Aber Haarforensik. Also Haarforensik hätte ich sehr interessant gefunden!“

Eine konstruktive Streitkultur pflegen

„Du bist so ein Blödmann und damit du´s weißt, den Sex von heute Morgen nehme ich zurück!“. „Da kann man mal sehen, wie blöd du erst bist! Erlebten Sex kann man nicht zurücknehmen!“. „Und du, du bist ja noch viel blöder als ich dachte. Ich kann sehr wohl, habe ich hiermit getan. So!“

Obsessionen teilen

„Du, sag mal, denkst du auch manchmal, du könntest dem Baby vor lauter Liebe einfach in die Speckärmchen oder in die Schenkel beißen?“. „Klar, andauernd.“

Geduld

„Mäusel, sei doch vernünftig. Bitte hör doch nur ein einziges Mal auf mich! Komm, Mäusel, bitte…“. „NEIN! Und höre auf, mich anzumäuseln!“

Der Altersunterschied von acht Jahren war nie ein Thema

„Gib mal den Schwebedeckel.“. „Pfff, den was? Meinst du das Frisbee?“. „Du brauchst gar nicht zu lachen, du Schnösel! Ich bin nicht wie du in der BRD aufgewachsen. Da, wo ich herkomme, hatten wir kein Frisbee. Wir waren froh, wenn wir einen Schwebedeckel hatten. Und jetzt rück das Scheißding raus!“

Außerdem haben wir eine Spezialsprache, Codes, Super-Spitznamen und einen Heidenspaß daran, dem anderen einen Streich zu spielen. Wir sind somit unsterblich! Außer, ich bin alt und röchle und Zeug läuft aus mir raus. Dann muss ich leider weg ins Heim, da war er stets ehrlich zu mir.

Wobei… sicher ist ganz sicher nichts. Die Liebe ist gestorben, eingeschlafen, vorbei, wir haben uns auseinandergelebt. Wir alle haben das schon gehört oder gesagt. Wie passiert sowas? Ich weiß es nicht, habe aber eine Heidenangst davor.IMG_3894

Es ist kostbar, was wir haben. Jedes bisschen Glück ist nur geliehen. Aber ich glaube, mir ist wichtig, das mir immer mal wieder vor Augen zu führen. Bei allem Gerangel um alltägliche Banalitäten, das, worum es geht, ist das „wir“. Und „wir“ sind so in dieser Konstellation etwas ganz Besonderes.

Romantik ist ja nicht so meins, ich bin so romantisch wie eine abgelaufene Parkuhr. Und ich bin anstrengend! Und kompliziert! Und hysterisch! Schmeiße das Geld zum Fenster raus! Permanent müde! Nicht an sience fiction interessiert oder Bergtouren. Und bestimmt keine supertolle Ehefrau. Aber ich versuche es. Also manchmal versuche ich es. Ich denke zumindest darüber nach! Nachdenken ist wichtig. Also darüber, wie wichtig der andere einem ist… ach, jetzt Schluss hier mit der Rührseligkeit! Hoch die Tassen, wir haben die ZEHN geschafft! Schatz, du bist ein Schatz. Mein Bärtiger. Mein Bärentöter, mein Raubtierbezwinger, mein Mann. ❤

Und wage dir bloß nicht, dich vom Acker zu machen mit so´ner Stringtanga tragenden Möchtegern-Latina! Da brennt die Hütte, da haste Enthaarungsmittel im Shampoo. Da streue ich Grassamen in all deine Schuhe und gieße. Lackiere Dein Mountainbike mit Nagellack und koche deine Outdoorklamotten. Also, nur so als Idee. Weißte Bescheid!IMG_3897

21 Kommentare zu “Hochzeitstag

  1. „Diese Wucht an Jahren, dieses an- einander- gewöhnt-sein, das einander- die- Sätze- vervollständigen. Einer spricht aus, was der andere denkt. Lauter Dinge, die langweilig sein können, banal und nichtsbedeutend, oder eine tiefe warme Vertrautheit darstellen.“

    Der schönste Satz ❤ Alles Liebe für Euch.

  2. Schön hast du das gesagt und jedes Wort kam an. Ich habe genickt wie ein Wackeldackel, geseufzt und debil gegrinst. Meine Gesichtskirmes während der Lektüre irritierte den Kerl neben mir auf dem Sofa arg. Dabei kann ich gar nicht behaupten großartig Parallelen erkennen zu können. Warum finde ich mich trotzdem so wieder im Text?

    Egal. Von Herzen ganz dolle Glückwunsch gewünscht. Zum Hochzeitstag, zum Bärtigen und ihm vor allem zur Granate von Frau.

    LG

  3. Total schöner Beitrag, und gar nicht kitschig! Hat echt Spaß gemacht zu lesen. Das mit dem Schwebedeckel war am besten. 😀 Und so wie das klingt, brauchst du dir denk ich keine Gedanken um irgendein Auseinanderleben machen. 😉

    Liebe Grüße,
    Susi

  4. Sehr schön geschrieben! Überhaupt in Zeiten, in denen man das Gefühl hat, komisch betrachtet zu werden wenn man nicht mindestens eine hart erkämpfte Lebenserfahrung namens Scheidung vorweisen kann…
    Viel Glück weiterhin!: )
    Ganz liebe Grüße aus Wien

  5. Ogott wie musste ich lachen. Und schmunzeln. Und nicken. Und überhaupt. Du hast dieses Phänomen des Seelenverwandten (der ähnlich bekloppt ist wie man selbst) einfach in superschönen und -lustigen Worten beschrieben. Ich habe auch so einen (auch mit Bart) und wünsche mir genauso dass uns dieses gewisse Etwas immer erhalten bleiben wird.

  6. Rike! Hör sofort auf, mich mit Deinen Texten zu rühren! Ich muss arbeiten, Mensch! Geld zum sinnlosen Ausgeben ranschaffen.

    Wir streiten uns immer an unserem Hochzeitstag. Irgendwie bringt uns die Erwartungshaltung eines harmonischen Tages dazu, genau das Gegenteil zu tun. Letztens waren wir 5 Jahre verheiratet, ein Mini-Jubiläum. Mann, haben wir uns gezofft.

    Einen Tag später war wieder alles fein. Tja, vielleicht verbindet uns ja, dass wir beide einen totalen Ratsch am Kappes haben. (Wenn ich das dem Mann sage, behauptet er aber bestimmt wieder, ich wäre pathetisch. (Was ich auch bin.)).

    • Ach, liebste und allerschönste Liz! Wir haben hier auch einen gehörigen Ratsch anner Dattel! Und streiten… ach hör doch auf. Wir lieben uns natürlich sehr, echt jetzt. Aber am meisten, wenn der andere grad zur Tür raus ist 😉 Dann kann die Muddi auch mal rührselige Texte schreiben. Ansonsten nerven wir uns gegenseitig bis ins Grab… das ist unsere Aufgabe. Jep.
      Aber mal ehrlich: Will ich so ein schluffig-harmonisches Couchleben? Nö.
      ❤ Liebste Grüße

  7. Hier gab es letzlich den 18. Hochzeitstag. Der Mann völlig verschreckt „Da droht ja die Silberhochzeit, das wollte ich ja nie!“ Auch eine Art (verdrehte und völlig richtig verstandene) Liebeserklärung.

  8. Wunderschön geschrieben und voll auf den Punkt. Was für wunderschöne Hochzeitsbilder! Danke fürs Teilen <333 – Bin ganz berührt. Und muss nachher meinen Mann knuddeln gehen.

  9. Pingback: Immobiliengedanken – Nieselpriem

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