Wurzelschaden

Ich bin ja so oft umgezogen, dass ich einfach bei achtzehn aufgehört habe zu zählen. In manchem Jahr bin ich sogar mehrmals umgezogen, mit leichtem Gepäck. Keiner weiß mehr genau, an welche Wohnungstüren ich überall mal meinen Namen drangepappt habe. Ich am Allerwenigsten!

Nun, das f*cking Alter, werde ich wunderlich. Ich habe das Bedürfnis, Rosenstöcke vor die Haustür zu stellen und ein selbstgetöpfertes Türschild anzubringen (Du lieber Himmel!). Ich möchte wurzeln. Ankommen und bleiben. Ich fürchte, demnächst finde ich auch noch Gefallen an der Farbe Beige und Besuchen im Möbelhaus. Mir graust.

Pieschen war für die letzten sechs Jahre unser Zuhause (Pieschen ist ein Stadtteil in Dresden, für die Neuen hier.). Pieschen ist, nun ja, was für Liebhaber. Ich war Liebhaber! Ich mag dieses Angeschlonzte, Verrotzte ja irgendwie. Aber für die Kinder wollte ich was anderes. Keine Spielplätze mit zerkloppten Bierflaschen im Sandkasten. Keine Kothaufen-Rallye auf den Fußwegen. Stattdessen Grün und Vögelgezwitscher. Elbnähe, und zwar auf der schöneren Seite der Elbe.

Aber mit dem Wünschen ist das ja so eine Sache. Die Anforderungen waren wohl zu unspezifisch, denn: Et voila! Wir wohnen nun in Elbnähe, inmitten von Ahörnern, Linden, Tannen und Robinien, Vögeln und efeuumwucherten Mäuerchen. Und Blasewitzern.

„Wer aus Pieschen wird verwiesen, zieht nach Blasewitz oder Striesen!“ (Pieschner Redensart)

Blasewitz („Blowjoke“, wie ein lieber Freund der Familie es titulierte) ist nicht witzig! Nein, eigentlich lacht darüber wirklich niemand in Dresden. Blasewitz ist elitär und wunderschön und kein bisschen witzig. Hier, vom Bombenhagel des letzten Weltkrieges verschont, stehen hochherrschaftliche Villen auf großzügigen Grundstücken mit altem Baumbestand. Keiner brüllt hier des Nächtens volltrunken irgendwelche Schmutzparolen durch die Straßen. Hier werden die Tore verschlossen, auch tagsüber. Nachts ist es still, nichts übertönt das Schnarchen des Bärtigen. Es ist wunderschön. Und still. Endlich Ruhe!

Dennoch habe ich einen Wurzelschaden. Ich komme nicht „an“.

Ich werde mich mit den kommenden Zeilen wohl auch nicht beliebter machen in Blowjoke, aber wer liest das denn schon! Hier lesen bestimmt eh alle nur die Wirtschaftswoche…

Die neue Nachbarin nennt mich manchmal „gnädige Frau“ und meint das durchaus nett. Wenn von anderen Nachbarn die Rede ist, wird die Berufsbezeichnung mit genannt („Der Musiker und die Anwältin…“; „Der Architekt und die Physikerin…“). Abends sieht man hier Herren mit Slippern an den Füßen, auf denen Quasten rumbaumeln und einem Kaschmirpulli leger um die Schultern geknotet. Die erste echte Frau mit aufgespritzen Lippen habe ich in Blasewitz gesehen und mit offenem Mund angestarrt. Ebenso Stiefel aus Schlangenleder, wobei ich mich damit wirklich nicht auskenne.

In Pieschen stehen auch am Wochenende Leute morgens vor der Trinkhalle. In Blasewitz ist man am Wochenende morgens auf dem Tennisplatz im Waldpark.

Man „trifft“ hier nicht einfach andere Mütter irgendwo. Wir wohnen jetzt seit einem halben Jahr hier vor uns hin, alleine. Gegenüber wohnt eine Familie mit vier Kindern, aber ich denke nicht, dass es gesellschaftlich etabliert ist, wenn ich dort klingeln würde mit den Worten: „Tach! Ich bin die Neue von gegenüber und das ist der Blondino. Wollt ihr nicht mal zum Spielen zu uns rüberkommen?“. In Pieschen wäre das kein Problem. In Blasewitz habe ich Ladehemmung. Jeder ist hier für sich in seinem Haus mit dem schönen großen Garten.  Mir fehlen meine früheren Nachbarinnen und ihre Kinder. Ich bin wohl ein bisschen einsam…

Vielleicht liegt das auch an meiner eigenen Aufzuchtphase.

Die frühen Jahre: Neustadtkind mit coolen Klamotten vor baufälliger Wohnsubstanz, circa 1973

Ich bin in der Dresdner Neustadt geboren. Zu einer Zeit, als die nicht hip war und keiner wusste, was ein Hipster ist. Wenn man damals die Tür zur „Erlenklause“ öffnete, guckten einen durch den obligaten gelben Nikotinschleier zehn Leute an mit zusammen hundert Zähnen in der Gusche und hundert Jahren Zuchthaus auf dem Buckel. Graue, dreckige Häuserschluchten mit erstem und zweitem Hinterhaus und kaum einem kümmerlichen Baum dazwischen. Das war die Neustadt! Also bevor die hip-pen jungen Leute kamen. Und vor ihnen der Helmut Kohl und die Wende…

Prießnitzstraße 48. Das Fenster über der Einfahrt war früher die Stube meiner Oma.

Die Kinder spielten in den Hinterhöfen oder in baufälligen Häusern (die eigentlich nie abgesperrt waren, also im Sinne von wirklich abgesperrt) oder Kellern oder einfach auf der Straße. Einen Garten vorm Haus hatte eigentlich niemand. Nein, nicht eigentlich. Niemand, den ich kannte, hatte einen Garten vorm Haus! Die meisten hatten noch nicht mal ein Auto vorm Haus. Später dann schon, nach vierzehn Jahren Sparen und Warten.

Als ich im zarten Alter von achtzehn Jahren wieder in die Neustadt zurückzog, sagte meine Mutter entrüstet: „Wir haben wirklich alles darangesetzt, dass wir dich aus dem Dreck rausholen können und du? Du ziehst freiwillig wieder dahin zurück?!“. Genau.

Heute bin ich nur noch selten da. Zu modern, zu voll, zu hip, zu… und dennoch. Ich erinnere mich an die Wohnung auf der Waldschlösschenstraße und die Badewanne

Letzte Woche war ich da und bin bewusst und alleine durch die Straßen geschlendert. Ich habe mich erinnert, wie (War es 1985? Später?) „Beat Street“ in der „Scheune“ aufgeführt wurde, rappelvoller Saal, alle hochemotional geladen. Wie sich immer mehr junge Leute mit bunten Haaren und verrückten Klamotten auf die Straße trauten, sich in der Neustadt die Hausbesetzer breitmachten und die ersten „Cafés“ einfach illegal eröffneten. Einige davon existieren noch heute, sogar unter ihrem ursprünglichen Namen.

In dem Hinterhäuschen wohnte die alte Frau Goldmann. Die hatte nur ein Zimmer mit Küche und kaum Zähne. Ich fürchtete mich sehr vor ihr! Einmal war meine Cousine Antje da und ich fühlte mich urst mutig, hab aus dem Küchenfenster gerufen: „Huhu, du alte Hexe!“. Leider hat meine Oma das gehört und ich musste runter zur Frau Goldmann, mich entschuldigen. Antje auch, obwohl die gar nichts gemacht hat. Und die alte Hexe? Hat uns eine Banane geschenkt. Eine BANANE!

Das linke Fenster mit dem Ast war das Zimmer, das meine Eltern mit mir bewohnt haben. Das Fenster rechts daneben gehörte zur Küche. Dort habe ich rausgeguckt und die arme Frau Goldmann… ihr wisst schon.

Ich erinnere mich an Konzerte. „Kaltfront“, „Die Freunde der italienischen Oper“. An zehn fremde Leute, die irgendwie bei mir auf dem Boden schliefen nach einem Konzertabend („Hey, haste ne Penne?!“, gängige Frage damals an jedem Wochenende). Ich erinnere mich auch an Abende, in denen ich ohne Kohle, ohne Fahrschein in einem Zug stand und nach Berlin fuhr. Auf irgendein Konzert. Und nein, es war nichts mit Geige oder Piano. Nie.

Heute wachsen Blumen vor Frau Goldmanns Häuschen. Das hätte ihr bestimmt gefallen. Mir jedenfalls gefällts.

Prießnitzstraße achtnfürtsch. Einen Steinwurf entfernt ist die Talstraße. Dort wohnte mein Schwiegervater, als er noch nicht mein Schwiegervater war und der in die gleiche Klassenstufe ging wie der Bruder meiner Mutter und irgendwann einen Sohn zeugte, der dann zwanzig Jahre später die Tochter der Schwester eines Schulkameraden… könnt ihr noch folgen? Genau, der Bärtige ist auch ein Neustadtkind. Der wurde aber erst geboren, als ich schon lange evakuiert war aus er dreckigen Neustadt und überhaupt habe ich mich damals noch nicht für Babies interessiert…

Früher habe ich manchmal scherzhaft gesagt, falls eines meiner Kinder so eine verrückte Jugend hinlegen sollte wie ich, sperre ich es ein. In einen Turm, einen hohen. Für so zehn, zwölf Jahre! Heute würde ich vermutlich dafür sorgen, dass er genug Kohle in der Tasche hat und meine Nummer abgespeichert. Und eine Bemmenbüchse in seinen Rucksack schmuggeln…

… Oder ihn einschließen!

Ich habe letzte Woche in der sauberen, freundlichen, schicken Neustadt gesessen und auf Mareice gewartet. Und ich mochte das dort. Es ist bunt, jung, laut. Ist die Neustadt authentisch? Pieschen ist echt. Pieschen ist das, was die Neustadt mal war. Wird dann Pieschen irgendwann die neue Neustadt? Hm. Gibt es bald gar keine drecksche Ecke mehr? Keine die aussieht wie „früher“?  Meine Mutter sagt: „Bloß gut!“, und: „…Dass du das alte verkommene Haus fotografiert hast! Nee, also wirklich, wie das aussieht!“. „Ja, aber genauso sah es damals doch aus!“, erwidere ich. „So haben wir doch gewohnt! Nur nicht so schön bunt. Man muss sich doch mal daran erinnern!“. Nein, muss man nicht, findet meine Mutter.

Doch, finde ich. Mir hilft das. So für die eigene Ortsbestimmung.

Mareice hätte auch überall sonst in Dresden lesen können, aber hierher hat sie allerdings besonders gepasst. In die Neustadt.

Als ich an dem Abend dann sehr spät mit dem Rad über die Albertbrücke auf die andere Elbseite fuhr und das „Blasewitz“-Schild passierte, hatte ich mich ein bisschen versöhnt. Blasewitz kann nichts dafür. Ich bin eben ein Neustadtkind. Sozialisiert zwar, aber dennoch.

Am Wochenende darauf saßen wir (Überraschung!) auf unserem Grundstück in Blasewitz rum, als von irgendwoher (zwei Grundstücke weiter die Straße runter, ich glaube, die Villa mit den roten Klinkern) Kindergelächter und Geschrei zu hören war. Und auf einmal ein kräftiges Niesen. Ich brüllte beherzt über alle Gartenzäune: „GESUUUUNDHEIT!“ (Voll peinlich, ey, als wären wir in Pieschen!).

Und wisst ihr was? Zurück kam ein: „DAAAANKE!““. Ich denke, ich werde dort mal klingeln.

„Tach! Ich bin die Neue aus der achtzehn. Ham sie neulich mal genießt im Garten? Und wolln sie mal zu uns zum Spielen rüberkommen? Sie oder die Kinder? Wir haben weder Titel noch Familienstammbaum oder Kaschmirpullover, dafür aber immer kaltes Bier. Also nicht für die Kinder! Wir könnten uns Blasewitze erzählen beim kalten Bier!“.

Ich arbeite noch an der Ansprache…

 

 

Tür 17 – Atheistenradikalinski

Über diesen Beitrag freue ich mich persönlich ein bisschen wie ein Kind an Weihnachten! Ein Dresdner Blogger. Ein männlicher Dresdner Blogger. Ein Geheimtipp (behaupte ich). Einer, der auf der Kooperationsseite seines Blogs stehen hat: „Nein! Geht weg!“. Jemand, dem der schnöde Mammon, Ruhm und Lorbeerkränze gänzlich abgehen und der dabei auch noch so unverwechselbar schreibt, dass ich mich regelmäßig freudig jubelnd errege ob seiner verbalen Sperenzien. Einer, dem ihr alle spätestens ab jetzt regelmäßig die Bude einrennen solltet. Ich freue mich schon sehr darauf, wie er damit umgehen wird 😉 . Liebe Leute, Vorhang auf und Scheinwerfer an für Olaf von Papaquatsch(t)!

Rike hat gesagt, ich muss drei Dinge abarbeiten: Kritische Abhandlungen, sozialistische Gedanken und versaute Rezepte. Bevor es aber los geht, sei eins noch gesagt:

Seid bereit!

Wer jetzt die Hand an der Rübe hat, der kommt aus einer grauen Welt. Zumindest sagt das mein Fotoalbum, denn das wird tatsächlich erst mit dem Jahr 1990 bunt. Verrückt. Komisch ist auch, dass ich zum Adventsbloggen beitragen soll. Dabei bin ich doch Atheist, ein sehr überzeugter noch dazu. Genauer gesagt mag ich Religionen, allen voran die christliche, überhaupt nicht. Wussten Sie zum Beispiel, dass in der katholischen Kirche noch sehr lange darüber diskutiert wurde, ob die Frau überhaupt ein Mensch sei? Nee, brauch’ ich nicht und will ich nicht. Am schlimmsten sind dann ja noch diese bigotten Feiertagsfrömmler. Erzählen Sie mir nix, ich hab’ die in der Familie.

Jetzt ist das mit Weihnachten allerdings doch irgendwie blöd. Ich mag es nämlich. Das hat aber keiner gehört, verstanden?!

Überall ist es geschmückt, es gibt Stollen, Plätzchen werden gebacken und alles läuft irgendwie ein bisschen ruhiger ab, auch wenn überfüllte Innenstädte ein anderes Bild der Lage vermitteln. Ich mag Weihnachten übrigens schon immer. Hier, gucken Sie mal:

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Was darf an Weihnachten auch nicht fehlen? Richtig, Klimbim. Ich bin damit reichlich versorgt, denn in den letzten 20 Jahren hat mich meine Oma jedes Jahr beschenkt. Ich besitze verschiedenste Räuchermännchen, Winterkinder und Nussknacker. Ich habe diese Geschenke übrigens nie zu würdigen gewusst. Wer will denn in seinen besten Jahren bitteschön Weihnachtsdeko geschenkt bekommen? Heute bin ich ziemlich glücklich, dass ich die große Kiste einmal im Jahr aus dem Keller holen kann, denn sie erinnert mich auch an die Zeit mit ihr. Seit meine Tochter auf der Welt ist, hat sich all das noch einmal verstärkt. Und fast bin ich geneigt, die Existenz meiner Familie als kleines Wunder zu betrachten.Was darf an Weihnachten auch nicht fehlen? Richtig, die Aurora und der Frank. Wer aus Westdeutschland kommt, der sucht jetzt einfach mal nach „Weihnachten in Familie“. Aber erschrecken Sie nicht! Auf dem Cover sind furchtbar gekleidete Personen zu sehen, die auch ganz furchtbar singen. Aber es ist so schön. Ich bin übrigens der festen Überzeugung, dass das die einzige existierende Weihnachtsschallplatte der DDR ist. Oder kennt hier noch wer was anderes?

Seit gefühlt immer fehlt in unserer Familie noch etwas nicht: Aschenbrödel. Die DDR/CZ-Verfilmung. Neuverfilmungen werden gnadenlos missachtet. Wie könnte man es auch nicht lieben? Vorgestapfte Pfade quer durch den Winterwald, aus den letzten Stoffbahnen herausgefetzte Schleier und ein wunderbar albern aussehender Rolf Hoppe.

Hach ja, Weihnachten. Da kann man sogar mal die Kirche Kirche sein lassen.

Nachtrag: Das versaute Rezept habe ich nicht abgedruckt! Möglicherweise lesen Kinder mit. Man hat ja schließlich auch Verantwortung. Keine Sauereien an Weihnachten. Steht schon im Weihnachtshandbuch für Blogger.

Tür 7 – Schwedische Weihnachtsbäume made in GDR

Gretel ist der kreative Kopf hinter Living4Family und meine Freundin. Ihre Wohnung ist wie eine jahreszeitlich dekorierte märchenhaft-romantische Interior-Ausstellung, die mich jedesmal in grenzenlose und lautsarke Verzückung versetzt. Selbermachen, Garten, Wohnen und Deko sind ihre Herzensthemen. Wir teilen eine leidenschaftliche Liebe zu Sahnecremetorten, Mohn-Marzipan-Gebäcken und allem, wo Baiser drauf ist. Gretel braucht man nicht zu fragen, ob sie noch ein zweites Stück Kuchen will, sie isst mit Genuss auch ein drittes. Eine Frau, die niemals auf Diät ist. Ich liebe sie dafür sehr. Und für vieles andere. Heute für diesen Beitrag.

Guten Tag,

ich will es gleich sagen, ich bin hier nur der Lückenfüller, denn ich passe nicht so recht ins Portfolio.

Meine Kinder sind groß. Man mag mich bedauern, ich ziehe es vor, mir zu gratulieren.

Zum Backen schicke ich sie zu den Großeltern, gebastelt wird nur noch in geringem Maße, als Nikolausgabe bekamen sie Karten fürs Mark Forster Konzert. Sie haben sich gefreut, aber bestimmt nicht so sehr wie ich. Es ist eine neue Qualität des Schenkens, wenn man sich selbst was Gutes tut dabei. Konzert war ne super Idee.

Ich habs nicht so mit Blogparadenrummel. Aber Rike ist meine beste Freundin und 24 Tage sind eine lange Zeit. Also mache ich mit bei ihrem Adventskalender.

Schwedisch ?

Vor mehr als 25 Jahren wusste man im garantiert westmedienfreien Tal der Ahnungslosen wahrscheinlich gerade einmal, wo Schweden auf der Landkarte lag. (Und wenn nicht, war es auch nicht schlimm, denn andere Länder hatten Priorität).

Immerhin war Schweden ein lieber Feind, zumindest als der Sozialdemokrat Olof Palme regierte.

Nach Schweden reisen konnte man natürlich nicht.

Meine Mutter arbeitete dazumal bei den Staatlichen Kunstsammlungen und war von relativ offenen Mitmenschen umgeben, da die Kunstschätze Dresdens in der gesamten Welt gern gesehen waren.

Als der Betriebstischler in den Restaurationswerkstätten den Rahmen der Sixtinischen Madonna gerade fertig ausgebessert hatte, blieb noch ein wenig volkseigene Zeit übrig und er machte sich daran, schwedische Weihnachtsbäume aus volkseigenem Holz zu basteln.

Woher er seine Inspiration bekam? Keine Ahnung. Aber die Dinger waren natürlich der Renner und sicherlich hatte mindestens jeder 2. Kollege nun nicht nur erzgebirgische Volkskunst im Wohnzimmer, sondern was „echt“ Schwedisches. Und der Tischler dafür paar echte Mark der DDR mehr auf dem Konto.

Jedenfalls liebte auch ich das Teil heiß und innig, ob nun schwedisch oder nicht.

Glücklicherweise hat er viele Umzüge im Keller von Muttern überlebt und nun steht er jedes Jahr bei uns im Fenster.

Ursprünglich war er knallrot, in diesem Jahr habe ich ihn weiß gepinselt.

Mein schwedischer Weihnachtsbaum made in GDR:Gretel

Warum aus mir nie ein Zonenromantiker wird…

Dieser Text spiegelt meine höchstsubjektive Meinung und mein eigenes Erleben. Er will weder ein Geschichtsbuch noch andere Sichtweisen ersetzen. Ein Hoch auf die eigene Meinung!

Ich bin neunzehnhundertsiebzig geboren. Im Tal der Ahnungslosen. Aufgewachsen ohne Westfernsehen, RIAS und Bananen. Es gab tatsächlich nur Äpfel und faserige, saftlose Orangen aus Kuba („Kuba-Orangen“, nicht zu vergleichen mit „Navel-Orangen“, die gab es in reglementierten Mengen an Weihnachten). Obst und Gemüse wurde saisonal verkauft. Gurken und Tomaten gab es halt nur im Mai! Ende der Durchsage. Und Birnen im August.

Was ich aber als Verdienst des Sozialismus ansehe, ist die Gleichstellung von Mann und Frau. Das war so und das wurde auch tatsächlich so gelebt. Und gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Bereits seit den Fünfzigerjahren war die Gleichstellung von Mann und Frau gesetzlich verankert, galt es als Scheidungsgrund, wenn ein Ehemann die berufliche Weiterentwicklung seiner Frau nicht unterstützte. Laut Ideologie des Marxismus-Leninismus kann die Gleichstellung der Frau nur durch wirtschaftliche Unabhängigkeit vom Mann, und die nur durch die vollständige Integration in den Arbeitsprozess erreicht werden. Lenin sagte, Hausarbeit sei die „Sklavenarbeit der Frauen“. Hausfrau war kein anerkannter Beruf. Ich hatte keine „Nadelarbeit“ in der Schule, ich hatte „Werken“. Ich lernte erst als erwachsene Frau einen Knopf anzunähen, konnte aber bereits im Grundschulalter verschiedene Werkzeuge bedienen. Und meine Schulbücher waren voll mit starken, kämpferischen Frauen: Clara Zetkin, Käthe Kollwitz und Rosa Luxemburg zum Beispiel. Oder Valentina Tereschkowa, die erste Frau im Weltall. All diese Frauen waren Vorbilder und hatten einen großen Einfluss auf das Bild, das ich von einer „vorbildlichen“ Frau hatte. Parallel zu den Frauen in meinem Leben. Diese hatten in dem System, in dem ich aufwuchs, die gleichen Rechte und Pflichten wie Männer. Mit dieser Selbstverständlichkeit wuchs ich auf. Ich sah darin nichts Exklusives. Ich war quasi per Geburtsrecht gleichberechtigt. Das zählt für mich zur größten Haupterrungenschaft meiner sozialistischen Prägejahre.

Des Weiteren gab es zinslose Familienkredite und subventionierte Kultur. Ein fast Gratismittagessen für alle Kinder und die stets hervorgezogene flächendeckende Kinderbetreuung. Bevor alle rufen: „Das wollen wir auch!“, lest erst mal zu Ende. Das alles hatte einen Preis, den auch heute kaum einer bereit wäre, zu zahlen…

Kinderkrippe, Kindergarten, Schule am Samstag, Fahnenappell, Kinderferienlager, organisierte Kinderfreizeiten in Arbeitsgemeinschaften, Sportvereinen. Ganztags Schulhort auch in den Ferien. Später – für die Jugendlichen – Beschäftigung in der „Gesellschaft für Sport und Technik (GST)“, und Wehrunterricht (wegen der Bedrohung durch die reaktionären kapitalistischen Staaten). Du warst als Kind untergebracht und beschäftigt. Von früh bis spät.

Das hatte den Zweck, die Arbeitskraft beider Elternteile für die Sicherstellung der sozialistischen Produktion freizuschaufeln. Und die Erwachsenen gingen arbeiten. Viel. Akkordarbeit war sehr beliebt, da dies leistungsbezogene Bezahlung versprach. Außerdem waren noch Berufe wie Frisör, Taxifahrer und Kellner sehr beliebt. Diese kamen in den Genuss von Trinkgeld. Viel Trinkgeld. Und manchmal auch in Form von Forumschecks, die dann auf dem Schwarzmarkt 1:20 getauscht wurden. Denn nur wer entweder viel Geld besaß oder in den Genuss von Valuta kam, konnte sich irgendwie von der Masse abheben. Sei´s durch Klamotten aus dem „Exquisit“, wo eine Nietenhose (Jeans) schon mal ein kleines  Gehalt kostete. Oder sei es durch ein tolles Auto. Und auf alles musste gewartet werden: Die Schrankwand, das Auto, der Fernseher. Es gab Anmeldescheine für den Führerschein, Anmeldescheine fürs Auto, für den Raduga-Farbfernsehr. Wenn so ein Anmeldeschein auslief, war dieser fast soviel wert wie der Warenwert selbst!

Das öffnete (in meinen Augen) schmieriger Geschäftemacherei Tür und Tor und die gerne von Zonenromantikern besungene Gemeinschaft und den Zusammenhalt sehe ich in einem anderen Licht. Echte Gemeinschaft definiere ich anders. Das waren vielmals dem Zweck geschuldete Abhängigkeiten. Es wurde gemauschelt, was das Zeug hielt. Getauscht. Der Eine kam an Ziegel ran im Betrieb, der nächste an Zahnriemen für den Wartburg, der Dritte hatte Verbindungen zu irgendwas anderem. Durch die allgemeine Verknappung von allem möglichen war man dringend auf die anderen angewiesen. Und hatte man nichts im Tausch anzubieten, am Arsch! Was oben im Satz mitschwingt, ist auch bittere Wahrheit: Das Wort „Volkseigentum“ wurde sehr wörtlich ausgelegt. Ich kann nicht mal sagen, dass die Leute geklaut hätten in den Betrieben, das Unrechtsverständnis war ein anderes für das „Volkseigentum“. Du arbeitest in einer Ziegelei und der Nachbar braucht Ziegel im Tausch gegen eine Kiste Radeberger unter der Hand? Dann warst du der Mann der Stunde!

Was wirklich an der Tagesordnung war, sind Feiern von Hausgemeinschaften. Oft im Wäschetrockenraum. Und Betriebsvergnügungen, bei denen sogar alle Rentner der Brigade stets mit eingeladen worden. Es wurde sich schon gern getroffen und auch gern zusammen gefeiert. Aber wie gesagt, vieles diente auch der Anbahnung von Geschäften.

Meine Eltern waren nicht linientreu. Es gab einige Vorkommnisse, die sehr viel mit Willkür und dem Gefühl eines Allmachtsstaates zu tun hatten. Und auch wenn sicher alles getan wurde, solche Sachen von den Kindern fernzuhalten, du kriegst das mit. Und auch das Bespitzeltsein war gegenwärtig und wenn irgendwer „wusste“, dass Müller, Meier oder Schulze spitzelt, sprach sich das wie ein Lauffeuer rum. Sicher wurde da auch denunziert! Und zwar in beide Richtungen. Wenn dich wer anschwärzte, wurdest du vernommen und dann – wo Rauch ist, ist auch Feuer – zur Sicherheit einfach weiter beobachtet. Ich glaube, es war sehr schwer, wirklich zu vertrauen, gerade wenn man nicht alles dufte fand im Arbeiter- und Bauernstaat. Ich weiß auch von einigen, die später ihre Stasi-Akte nicht einsehen wollten aus Angst, den Cousin, Onkel oder die Lieblingsnachbarin als Informanten /-in zu lesen.

Ich habe mich gefragt, wann ich meine kindliche Unschuld verlor. Möglicherweise mit dreizehn. Ich galt als sprachliches Ausnahmetalent und in meiner Heimatstadt gab es schon damals eine renommierte Sprachschule, damals eine Oberschule, heute ein Gymnasium. Meine Lehrer setzten den Eltern zu, ich würde auf diese Schule gehören! Der Direktor meiner Schule sagte geradeaus, nein, er würde den Delegationsantrag nicht unterschreiben und ohne seine Unterschrift bräuchten wir es gar nicht versuchen! Und wir versuchten es nicht mal.

Das war mein erster Kontakt mit Willkür. Die sollte sich wie Smog über die nächsten Jahre meines Lebens legen. Abitur konnte nur machen, wer delegiert wurde. Dann konntest du aber auch nicht zwangsläufig studieren, was du wolltest! Ebenso wenig, wie du den Ausbildungsberuf frei wählen konntest oder später deinen Arbeitsplatz! Es gab eine Stellenplanung, die ausspuckte, wie viele Ingenieure für dies und das und wie viele Bäcker etc. in den nächsten Jahren gebraucht würden im kleinen Land. Aus dieser Bedarfsanalyse speiste sich der Stellenplan. Dann wurde auch bei Bewerbungen selektiert nach Linientreue und Mauschelpunkten („Das ist die Tochter der Nachbarin meiner Cousine, die legste mal weiter oben off´n Stapel!“).

Ich lernte Elektronikfacharbeiter. Weil die gebraucht wurden. Und weil meine Eltern keine Beziehungen hatten ins Frisörhandwerk oder sonstwohin.

Auszug aus meinem Lehrvertrag

Auszug aus meinem Lehrvertrag

Mit sechzehn trat ich meine Lehre an und war schon ein wenig widerborstig und desillusioniert. Ich färbte mir die Haare bunt (und wurde deswegen zum Personalgespräch gebeten), trug Sommer wie Winter eine Lederjacke und Stiefel mit Nieten und umgab mich mit Subversiven und Dissidenten. Wir gingen auf verbotene Punkkonzerte, fuhren schwarz nach Berlin, besetzen Abrisshäuser, machten total wilde Sachen! Echt. Also nein. Nicht gemessen an heutigen Maßstäben.

Gefährlich war´s trotzdem. Jugendlichen drohte der Jugendwerkhof bei systemschädigendem Verhalten, ab dem achtzehnten Geburtstag wurde es richtig ernst.

Es ging schnell, dass du in den Fokus irgendwelcher Spitzel gerietest. Mein damals bester Freund war ein späterer Mitbegründer des Neuen Forum. Ein sanfter Junge, der Gewalt ablehnte und sich an Malerei und Schwarztee mit Kirscharoma berauschte. Der war ständig wegen „asozialem Verhaltens“ dran. Ich war das erste Mal zur Vernehmung kurz vor meinem achtzehnten Geburtstag. Wegen Verdachts auf „Herabwürdigung des Staates“. Morgens gegen drei Uhr wurde ich mit Handschellen aus meinem Kinderzimmer geholt. Ich durfte weder Zähne putzen noch einen Schlüpfer anziehen. Auf dem späteren Foto auf der Polizeiwache stand ich da mit Nachthemd, Stiefeln, Jacke und zerzausten Haaren. Abends haben sie mich zurückgebracht, zur Primetime, als alle Nachbarn meiner Eltern aus dem Fenster guckten… Die zweite Verhaftung erfolgte wegen versuchter Republikflucht über die Slowakei. Ich weiß nicht mehr, was mich geritten hatte und ob wir uns bis nach Jugoslawien durchschlagen wollten und ob ich denn nicht mal an meine arme Mutter gedacht hatte?! Jedenfalls war in Tschechien Schluss. Sack übern Kopp und raus aus dem Zug. Ich habe jede „Mittäterschaft“ abgestritten und mein Compagnon hat wohl ähnlich ausgesagt, was mich vor Schlimmerem bewahrt hat.

(Behalten habe ich davon bis heute eine perverse Scheu und ein Gefühl des Ausgeliefertseins gegenüber jedweder Uniform.)

Rückblickend fühlte ich mich als Jugendlicher und Erwachsener in diesem kleinen Land wie von strengen Eltern an der Kandare gehalten! Alles wurde vorgeschrieben: Was du denken sollst, was du tun sollst, was nicht, wohin du reisen darfst und wohin eben nicht. Und immer mit Angst vor Repressalien. „Pscht! Nicht so laut!“ auf jeder weinseligen Geburtstagsfeier.

Was mich immer wieder verblüfft, sind die ab und zu aufkommenden Zonenhymnen (meist von Menschen der älteren Generation). Wie schön es doch alles gewesen wäre! So billig! So behütet! Keine Drogen! Und wir konnten doch auch so schön Urlaub am Balaton machen! Und an der Ostsee!

Nee du. Ich weiß, dass der Alkohol in Massen geströmt ist! Auch bei den Jugendlichen. Und ich war nie am Balaton und nur einmal an der Ostsee mit meinen Eltern. Warum? Nun, weil Urlaubsplätze genauso unter der Hand gemauschelt wurden. Du warst jedes Jahr am Balaton? Aha, was war denn dein Vater von Beruf?! Wir waren in einem Bungalow auf dem Zeltplatz in Meckpomm. Genau. Jedes Jahr. Und froh, wenn wir überhaupt einen Ferienplatz über die FDGB bekommen haben. Vielen Dank!

Mein Vater hat sich später bei den Montagsdemonstrationen eine Lungenentzündung geholt.

Noch später dann habe ich mich für das kleine Land geschämt. Für die Menschen. Als nämlich jede inkontinente und kaum transportfähige Oma aus dem Pflegeheim geholt wurde und sich alles in die Züge nach Berlin und Hof und sonst wohin quetschte, um die hundert Mark Begrüßungsgeld abzugreifen. Und wie die sich benommen haben! Ich war dort, erzählt mir nichts. Scham und Schande…

Und dieselben Leute schreien heute, die Flüchtlinge sollen bleiben, wo sie sind! Noch mehr Scham… Aber das ist wieder ein ganz anderes Thema.

Ich bin frei, meine Kinder dürfen sein, werden und denken, was sie wollen. Ein Glück, mit dem jedes Kind hier aufwächst, für das ich persönlich aber sehr dankbar bin.

Und ich bin nach wie vor ungebrochen und per Geburtsrecht gleichgestellt und emanzipiert, man braucht nicht versuchen, mir etwas anderes einzureden! Das ist das kostbarste Erbe meiner DDR-Vergangenheit. 🙂

Diese Zeilen sind mein Beitrag zu Sonja´s  Blogparade: Erzählt von der DDR! (Finding Europe – Elternschaft anderswo).

#Familienalbum

Hach, Kinders, da hat die Nina von Frau Mutter ja was losgetreten. Nun sitze ich seit gestern zwischen alten Fotos und zwischen vier Jahrzehnten. Wollt ihr mal gucken?

b7…mit Strickkleid und Spangenschuhen.

b6… mit Familienangehörigen. Ich bin das ganz rechts im modischen Jumpsuit mit Fuchs (Ihr seht, es war echt alles schon mal da!). Wer die anderen beiden sind, darf ich euch aus Datenschutzgründen nicht verraten. Nur so viel: Das große Mädchen mit den Zöpfen war gar nicht so lieb und unschuldig, wie es auf dem Foto scheint. Ja! In der Tat soll sie Kleinere gekniffen haben (mehrmals).

b2… mit todschicker Handtasche und Oma Else.

b5… mit Buch und offensichtlich mitten im Zahnwechsel.

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Das mach ich jetzt lieber nicht so groß, das Foto.

… mit Bauchansatz und Dedoronblouson (das war ein absolut gängiges Wort im DDR-Mode-Jargon).

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… mit John-Lennon-Brille und meinem neuen Freund.

Ach ❤ das mag ich, das Bild! Auch wenn es gar nicht mehr zählt, weil das schon die Neunzigerjahre waren. Ich weiß noch, dass meine einzige Angst war, der Typ in dem anderen Boot könnte einfach so mit unserem Fotoapparat abhauen! Man siehts auch ein bisschen, ich sitze auf dem Sprung, bereit, mich kopfüber hechtend in das andere Boot zu werfen. Der neue Freund hat dann fünfzehn Kilo zugenommen und sich einen Vollbart und einen Sehfehler wachsen lassen (der das Tragen einer Brille erforderlich machte.). Ob das alles geschah, um nicht in Zusammenhang mit ollen Fotos gebracht zu werden, ist nicht bekannt. Ich habe ihn geheiratet. Aber nicht mit dieser Frisur (also meiner). Aber das waren dann sogar schon die Zweitausenderjahre.

Also: Album zu für heute!b1

25 Jahre Mauerfall – Mütter in Ost und West

Für die Brigitte MOM haben meine Bloggerkollegin Nina alias Frau Mutter aus Berlin und ich uns zum 9. November 2014 einen Brief geschrieben. Darin geht es um unsere ost- und westdeutschen Sozialisation und mit welchem Frauen- und Mütterbild wir aufgewachsen sind.

Hier geht es zu Ninas Brief an mich. Und das war meine Antwort:

Liebe Nina,

als Du mich neulich fragtest, ob ich heute, fünfundzwanzig Jahre nach dem Mauerfall, glaube, dass es noch immer große Unterschiede zwischen Ost und West gäbe, gerade in Bezug auf Gleichberechtigung und die Mutterrolle, dachte ich im ersten Moment, das könne doch gar nicht sein! Gerade, weil wir beide – nehmen wir mal uns als Beispiel – ja erst Mütter wurden lange nachdem Deutschland wiedervereinigt wurde. Und rein theoretisch unter den gleichen Bedingungen leben, arbeiten und erziehen. Oder doch nicht?

Du hast Dich gegen das vorgelebte Rollenbild Deiner Mutter entschieden. Ja, und auch ich hadere ebenso mit dem Vorbild meiner eigenen Mutter. Ist es nicht interessant, wie uns unsere unterschiedlichen Vorbilder geprägt haben?

Ich war nach der Geburt meiner Kinder zwei beziehungsweise drei Jahre zu Hause und bin in meinem direkten Umfeld diesbezüglich ein Exot. In der Tat belegen Studien immer wieder, dass deutlich mehr Frauen in Ostdeutschland relativ früh wieder arbeiten gehen. Und auch wesentlich mehr Mütter in Vollzeit beschäftigt sind. Das kann man mit der gut ausgebauten Betreuungslandschaft erklären oder der Notwendigkeit aufgrund des immer noch existierenden Gehälterunterschiedes zwischen Ost und West, aber möglicherweise ist da noch mehr. Eine vorgelebte Selbstverständlichkeit zum Beispiel.

Ich bin in der DDR geboren. Bereits seit den Fünfzigerjahren war die Gleichstellung von Mann und Frau gesetzlich verankert, galt es als Scheidungsgrund, wenn ein Ehemann die berufliche Weiterentwicklung seiner Frau nicht unterstützte. Laut Ideologie des Marxismus-Leninismus kann die Gleichstellung der Frau nur durch wirtschaftliche Unabhängigkeit vom Mann, und die nur durch die vollständige Integration in den Arbeitsprozess erreicht werden. Lenin sagte, Hausarbeit sein die „Sklavenarbeit der Frauen“. Hausfrau war kein anerkannter Beruf. Ich hatte keine „Nadelarbeit“ in der Schule, ich hatte „Werken“. Ich lernte erst als erwachsene Frau einen Knopf anzunähen, konnte aber bereits im Grundschulalter verschiedene Werkzeuge bedienen. Und meine Schulbücher waren voll mit starken, kämpferischen Frauen: Clara Zetkin, Käthe Kollwitz und Rosa Luxemburg zum Beispiel. Oder Valentina Tereschkowa, die erste Frau im Weltall. All diese Frauen waren Vorbilder und hatten einen großen Einfluss auf das Bild, das ich von einer „vorbildlichen“ Frau hatte. Parallel zu den Frauen in meinem Leben. Diese hatten in dem System, in dem ich aufwuchs, die gleichen Rechte und Pflichten wie Männer. Mit dieser Selbstverständlichkeit wuchs ich auf. Ich sah darin nichts Exklusives. Ich war quasi per Geburtsrecht gleichberechtigt.

Und Frauen hatten ja nicht nur das Recht zu arbeiten, sondern auch die Pflicht, ihre Arbeitskraft in den Dienst des sozialistischen Volkes zu stellen. Dabei galt das Prinzip: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Ich arbeitete später in einem Betrieb auf „Akkord“, also leistungsbezogen. Und da war es regelmäßig an der Tagesordnung, dass etliche Frauen am Monatsende mehr Geld in der Lohntüte hatten als mancher Mann. Wer sein „Soll“ übererfüllte (das betraf die produzierenden Bereiche), der wurde entsprechend reichhaltiger entlohnt.

Meine Mutter bekam mich im Alter von neunzehn Jahren und musste sechs Wochen nach meiner Geburt wieder arbeiten. Die Kinder kamen in der Regel zu dem Zeitpunkt in Kinderkrippen und wurden dort entweder von morgens bis abends oder auch von montags bis freitags betreut. Ich habe viel Zeit mit meinen beiden Großmüttern verbracht. Wenn ich die Attribute „fürsorglich“ oder „mütterlich“ zuordnen müsste, bekämen meine Omas diese. Ich habe kaum Erinnerungen an Dinge, die meine Eltern mit mir in der Woche gemacht haben. Hausaufgaben habe ich später allein erledigt oder im Schulhort, dann war ich im Hof spielen oder bin in den Sportverein gefahren. Wir sahen uns zum Abendessen. Meine Mutter ging sehr gern auf Arbeit. Aber selbst wenn es anders gewesen wäre, hätte sie nicht wirklich eine Wahl gehabt, das darf man nicht vergessen. Die Tage, an denen ich mittags nach Hause kam und sie war schon da und hatte etwas für mich gekocht, gehören zu den besonderen und kostbaren Momenten in meiner Erinnerung.

Als die Mauer fiel und Deutschland wiedervereinigt wurde, habe ich nicht eine Sekunde meine Rolle, meinen Platz in der Gesellschaft, überdacht. Niemals wäre mir der Gedanke gekommen, irgendwer könnte annehmen, ich sei untergeordnet oder benachteiligt aufgrund meines Geschlechts. Ich kann mich auch an keinen Kulturschock bezüglich des tradierten Frauenbildes in Westdeutschland erinnern. Es war vielmehr so, dass ich manchmal dachte, wie gut diese Frauen es doch hätten! So ein schönes Heim, ein Auto, Nutella auf dem Tisch. Und dafür müssten sie noch nicht mal arbeiten! Und auch: Was machen die den ganzen Tag? Dass es bis in die Siebzigerjahre einer westdeutschen Ehefrau untersagt war, ohne die Zustimmung ihres Mannes ein Konto zu eröffnen oder einem Beruf nachzugehen, das habe ich erst sehr viel später erfahren. Diese Abhängigkeit von einem Mann ist unvorstellbar für mich! Apropos Mann: Auch mein Mann ist mit einer Vollzeit arbeitenden Mutter aufgewachsen und musste schon früh im Haushalt mit anpacken: Kochen und Backen lernen, Schuhe putzen, sauber machen. Und zwar selbstverständlich. Manches davon kann er heute noch besser als ich.

Oftmals höre ich von Müttern aus Westdeutschland mit ein wenig Neid in der Stimme, dass wir privilegiert seien aufgrund des geschichtlich gewachsenen und tatsächlich existierenden breit ausgebauten Betreuungsnetzes. Und ja, ich kann mir wirklich nicht vorstellen, welchen Zweck Einrichtungen haben sollen, die über die Mittagszeit schließen oder Öffnungszeiten bis 14:00 Uhr. Auch wird bei uns generell in den Grundschulen ein Früh-und Nachmittagshort angeboten. Ebenso eine Ferienbetreuung.

Und doch sehe ich auch das ein wenig kritisch. Ich habe das System „Vollzeit arbeitende Mutter“ oft hinterfragt. Und erstaunlicherweise ist auch meine Mutter mir in ihrer Rolle kein Vorbild. Ich möchte mehr Zeit mit meinen Kindern verbringen als sie mit mir. Ich möchte wichtiger sein als Bezugsperson! Zumal meine Kinder keine emsig sorgenden Großmütter haben, wie ich sie hatte. Mein großer Sohn besucht mittlerweile die achte Klasse und seit er drei Jahre alt ist, gehe ich voll arbeiten. Die Jahre der Kita- und Grundschulzeit waren von permanentem Zeitdruck und schlechtem Gewissen meinerseits geprägt.

Meine Mutter hat das System der Fremdbetreuung nie angezweifelt und käme nie auf die Idee, darin etwas Schlechtes zu sehen. Und ich? Ich kenne es aus eigenem Erleben als Kind und als Mutter und blicke kritisch darauf. Ist das nicht seltsam?

Ich halte die Möglichkeit der Entscheidungsfreiheit für die größte Errungenschaft. Aber das Beste wäre, wenn jede Frau in diesem Land unter den gleichen Bedingungen ihre Wahl treffen könnte. Und ohne dafür verurteilt zu werden. Das sollte das Ziel sein. Und dass Mädchen zu Frauen heranwachsen können, ohne über Entscheidungsfreiheit und Gleichberechtigung nachdenken zu müssen.

In diesem Sinne stoße ich mit Dir an auf das 25jährige Jubiläum!

Deine Henrike