Zeit

Arbeitszeit, Freizeit, Lebenszeit, Urlaubszeit, Teilzeit, Erziehungszeit.

Ein Tag hat vierundzwanzig Stunden. Ein Leben hundert Jahre. Oder achtzig. Manchmal auch nur vierzig Jahre.

Keiner hat mehr Zeit. Alle haben Stress. Dieses Wort wird in meinen Ohren mittlerweile so inflationär benutzt, und dabei leider auch oft im richtigen Kontext, da wird einem schwummerig.

Ich mache mir meine Gedanken, zum Beispiel, wenn ich mal wieder einen Artikel wie diesen hier lese. Besonders die Kommentare interessieren mich, bilden sie doch – anders als der Ursprungsartikel eines oder zwei Autoren – eine ganze Bandbreite an Meinungen ab. Ich habe auch oft das Gefühl, dass gerade Frauen heute mehr denn je zerrissen sind. Und ja, es wurde schon alles an Argumenten und Gründen ins Licht gezerrt. Von allen Seiten beleuchtet, durchdiskutiert. Und nicht zu vergessen, die Alleinerziehenden! Die haben keine Wahl! Die Geringverdiener! Die haben auch keine Wahl! Stimmt alles. Und auch nicht.

Weil ich der Meinung bin, dass die wenigsten Menschen in diesem Land wirklich wissen, wie es ist, keine Wahl zu haben. Nicht wählen zu dürfen, wo sie leben oder welchen Bildungsweg sie einschlagen wollen. Mit wem sie leben wollen und als was.

Viele von uns sind mit einer Gewissheit und in einem Luxus aufgewachsen, der uns in unserer Entwicklung das Gefühl gegeben hat: Du kannst alles werden, was du willst! Nur leider erweckt die allgemeine Diskussion oft den Anschein, dass manche Menschen der Meinung sind, damit sei „alles auf einmal“ gemeint. Gut, auch diese Möglichkeit besteht im Grunde. Du kannst alles sein und alles haben. Wenn du hart genug dafür arbeitest und bereit bist, den Preis dafür zu zahlen!

Ich spreche jetzt hier bewusst nicht über die in manchen Gebieten unzureichende Kinderbetreuungsmöglichkeit. Nicht über die Familien, die an der (deutschen) Armutsgrenze leben trotz zweier Vollzeitarbeiter. Nicht von geschlechtsspezifischer Gehälterungerechtigkeit. Es gibt gehörig was zu tun. Ohne Zweifel. Wobei auch der Armutsbegriff ziemlich weitgefasst wird, was jeder weiß, der sich ein bisschen in der Welt umgesehen hat. Aber es ist richtig, der Maßstab sind die Gesellschaft und das Sozialgefüge, in dem wir leben und daran wird gemessen. Und da ist einiges in Schieflage. Alles richtig.

Die einen haben Zeit, aber kein Geld. Die anderen Stress und keine Zeit, das Geld zu genießen. Die ersten schauen auf das schöne Auto, das Businesskostümchen, die Einladungen zum Lunch, la dolce Vita. Die anderen sehen neidisch auf Stunden voller Ruhe und Nichtstun. Beides ist wahr. Und beides falsch. Und viele haben Stress und trotzdem kein Geld. Und nicht das Gefühl, eine Wahl zu haben.

Traurig, oder?

Wenn ich mich so durch die Berichte und Kommentare lese, habe ich das Gefühl, alle hetzen durch ihr Leben. Und die Kinder auch gleich mit.

Wir wollen Kinder und Karriere. Oder wenigstens Kinder und gut leben. Oder: Mütter sein und trotzdem wertvoll. Anerkannt. Anders ausgedrückt, Scheiße! Wer oder was ist das denn, was uns das Leben so schwer macht? Wem können wir dafür die Schuld in die Schuhe schieben? Und wie kommt man da raus? Warum hadern viele so mit ihrer Rolle, ihrer Doppel- und Dreifachbelastung? Weil sie keine Wahl haben? Weil sie „mehr“ wollen? Alles, und zwar alles auf einmal?

Ja, das war plakativ und ironisch gemeint. Echt jetzt. Und die Teilzeitlüge, in der viele Mütter beruflich stecken, kenne ich auch (vom Hörensagen). Zwanzig Stunden Arbeitszeit, aber ein Projekt ist ein Projekt. Und da fällt die Arbeit an, die anfällt! Kein Unternehmen würde dann pro Projekt zwei Mütter einstellen! Nein, die Halbzeitmutti presst die Arbeit irgendwie in ihren Halbzeitjob. Und hängt Überstunden dran im Homeoffice. Was wiederum von der Halbzeitstelle als Mutti abgeht…

Kämpfen wäre eine Möglichkeit. Sich politisch zu engagieren um Dinge zu ändern. Oder es wenigstens zu versuchen! Einen Fußabdruck zu hinterlassen. Nach dem Meckern zu fragen: „Okay, was kann ICH konkret tun, um verschiedene Dinge zu ändern? Und, falls ich das nicht will oder kann, sollte ich dann vielleicht meine eigene Lebenseinstellung überdenken?“. Unzufriedenheit als permanenter Lebensinhalt ist Stress.

Aussteigen ist auch immer eine Option. Muss man nur wollen! Ich hatte neulich ein sehr inspirierendes Gespräch mit einer Bloggerkollegin. Jahrelang für einen Großkonzern um die Welt gejettet, Bombengehalt. Ja! So kann man leben! Aber alles hat seinen Preis. Wie sagte sie: ´I´ve been there. I´ve seen that…`. Heute, schrieb sie, gönne sie sich den allergrößten Luxus für sich und ihren Partner: Zeit. „Arbeiten“ geht sie nicht mehr, sie verdient Geld mit Dingen, die sie gern macht.

Simone von kiKo hat den oben benannten Artikel bei Facebook gepostet und nach Meinungen gefragt. Da kamen auch einige. Und dann fragte sie sinngemäß: Wenn der ganze Druck von außen nicht wäre, was würdest DU wollen?

Das greife ich mal so auf. Diese Frage lohnt es sich zu stellen, immer mal wieder. Was würdest DU wollen? Wie sähe dein Leben aus, wenn es keinen Druck von außen gäbe, keinen Vergleichswahn. Keine finanziellen Sorgen. Kein… irgendwas. Wenn Du ein Maler wärest und Dein Leben malen könntest. So, wie es schön wäre für Dich. Wie sähe das aus?

Unter Umständen ist das entstehende Bild schon für sich eine Überraschung. Oder ein konkretes Ziel, auf das es sich hinzuarbeiten lohnt. Denn, wir haben immer eine Wahl.

Ein Tag hat vierundzwanzig Stunden und ein Leben hundert Jahre. Oder achtzig, manchmal nur vierzig. Und möglicherweise gibt es weder für das Eine noch für das Andere einen zweiten Versuch.

Das familienunfreundliche Land

Einen Job hat ja heute kaum noch einer, alle haben Karriere! Und in diesem Land ist es ganz duster mit Karriere, wenn du Mutter oder Vater bist! Zappenduster! Alles ganz, ganz übel…konnte man in einschlägigen Artikeln in der letzten Zeit lesen. Im Intro stets der Ruf nach mehr Ganztagesschulen und Kitas mit angepasster Betreuungszeit, das ist nicht neu.

Aber dann: „Wir sind die erste Generation, die Emanzipation live lebt!“, war da zu lesen. „Daher kommen die Probleme, die wir jetzt haben!“ (Ach, daher kommen die Probleme. Bloß gut, dass das mal einer erkannt hat…).  „Die Arbeitswelt ist nicht mehr zeitgemäß! Büros und Bürozeiten gehören abgeschafft! In der heutigen Zeit muss es doch möglich sein, in Teilzeit bei flexibler Arbeitszeitgestaltung einen Konzern zu leiten!“ (Na klar, mit 20 Stunden pro Woche aus dem Home Office einen Konzern leiten, das ist wirklich ein realistischer Vorschlag und nicht zu viel verlangt. Und die Kommunen, Frau Merkel, die EU und der liebe Gott sollen jetzt gefälligst endlich mal… ja, äh was? Ach ja, Teilzeit bei doppeltem Lohn und gratis Ganztagesbetreuung des Nachwuchses ermöglichen. Das ist doch wirklich nicht zu viel verlangt! Ich habe schließlich ein Recht auf Karriere!).

Ein Autor meinte unerwartet reflektiert, er glaube, die Kritiker kämen allesamt aus der gutsituierten, bildungsnahen Mittelschicht. Warum, wusste er auch nicht.

[Ich vermute, Ines, Kassiererin im Drogeriemarkt mit Zweitjob als Putzfrau und Udo (Straßenbauer) sind abends einfach mal platt von ihren Jobs und ihrem Kampf ums kleine Glück. Vereinbarkeit von Familie und Karriere ist nicht ihr Thema! Die machen einfach, schließlich wollen sie in zehn Jahren die Anzahlung für ein kleines Häuschen zusammenhaben und Ines würde so gerne mal wieder eine Woche nach Mallorca. Wie in den Flitterwochen. Damals…]

Für alle anderen habe ich da mal ein Konzept erarbeitet.

Okay, das ist gar nicht von mir…aber wenn hier alles so unmöglich ist, warum nicht mal was „Altbewährtes“ probieren?

In der DDR wurde über Emanzipation gar nicht geredet, dort war klar: Alle gleich. Gleiche Arbeit, gleiche Bezahlung, gleiche Rechte, gleiche Pflichten. Und gleiche Klamotten. Okay, Chancengleichheit gab es nicht, aber aus anderen Gründen. Da müsste das Konzept noch mal modifiziert werden.

Kinderbetreuung: Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, wo (normalerweise) der komplette Republiknachwuchs fremderzogen wurde in Ganztageseinrichtungen. Und zwar von morgens um sechs bis nachmittags um fünf. Und das bereits im zarten Alter von sechs Wochen bis zum Eintritt in die Pubertät. Mensch, die Eltern hatten vielleicht Zeit, Karriere zu machen! Und wem das noch nicht reichte, es gab auch Wochenkrippen: da gab man die Kinder (ab sechs Wochen alt) am Montag ab und holte sie am Freitag wieder.

In den Ferien fuhren alle Kinder in Ferienlager und wenn sie alt genug waren, in „Lager für Arbeit und Erholung“. Da konnten sie gleich mal mit auf der Kolchose arbeiten und sich nützlich machen für den Arbeiter-und Bauern-Staat. Und ihre Eltern hatten viel Zeit für Karriere!

Und ob, wie lange und zu welchen Zeiten ein Kind gestillt werden sollte und wann es welchen Brei gibt, das wurde auch alles schön vorgegeben. Vielleicht wäre das ja auch was für euch? Diese ganze Entscheidungsfreiheit scheint ja nicht gut zu bekommen. Immer diese hitzigen Diskussionen in den Foren und Blogs!

Und diese ganzen Vergleiche (meins kann das, und meins kann jenes schon) untereinander werden auch wieder abgeschafft. Die Kinderlein werden alle in der Kinderfabrik (äh Krippe) von Tante Ingeborg erzogen, alle mit acht Monaten zu bestimmten Zeiten auf den Topf gesetzt bis was drin ist, dann sind alle mit zwölf Monaten trocken! So macht man das!

Gut, den Business case habe ich nicht durchgerechnet auf die Schnelle. Aber wenn wir das so machen wie die Ossis kommen wir vierzig Jahre klar mit dem System. Heißt: alle eine Sorte Hose, zwei Modelle an Oberbekleidung. Antrag stellen und zehn Jahre warten auf Luxusgüter wie eigene Wohnung, Schrankwand, Urlaubsreisen in die Slowakei usw.

Brauchst du aber dann sowieso nicht! Bist ja eh nie zu Hause. Die Kinder werden fremdversorgt und du bist im Betrieb und kannst ENDLICH in Ruhe Karriere machen.

Rot Front! Sport frei Genossen!

Ich stell schon mal vorsorglich einen Ausreiseantrag…