25 Jahre Mauerfall – Mütter in Ost und West

Für die Brigitte MOM haben meine Bloggerkollegin Nina alias Frau Mutter aus Berlin und ich uns zum 9. November 2014 einen Brief geschrieben. Darin geht es um unsere ost- und westdeutschen Sozialisation und mit welchem Frauen- und Mütterbild wir aufgewachsen sind.

Hier geht es zu Ninas Brief an mich. Und das war meine Antwort:

Liebe Nina,

als Du mich neulich fragtest, ob ich heute, fünfundzwanzig Jahre nach dem Mauerfall, glaube, dass es noch immer große Unterschiede zwischen Ost und West gäbe, gerade in Bezug auf Gleichberechtigung und die Mutterrolle, dachte ich im ersten Moment, das könne doch gar nicht sein! Gerade, weil wir beide – nehmen wir mal uns als Beispiel – ja erst Mütter wurden lange nachdem Deutschland wiedervereinigt wurde. Und rein theoretisch unter den gleichen Bedingungen leben, arbeiten und erziehen. Oder doch nicht?

Du hast Dich gegen das vorgelebte Rollenbild Deiner Mutter entschieden. Ja, und auch ich hadere ebenso mit dem Vorbild meiner eigenen Mutter. Ist es nicht interessant, wie uns unsere unterschiedlichen Vorbilder geprägt haben?

Ich war nach der Geburt meiner Kinder zwei beziehungsweise drei Jahre zu Hause und bin in meinem direkten Umfeld diesbezüglich ein Exot. In der Tat belegen Studien immer wieder, dass deutlich mehr Frauen in Ostdeutschland relativ früh wieder arbeiten gehen. Und auch wesentlich mehr Mütter in Vollzeit beschäftigt sind. Das kann man mit der gut ausgebauten Betreuungslandschaft erklären oder der Notwendigkeit aufgrund des immer noch existierenden Gehälterunterschiedes zwischen Ost und West, aber möglicherweise ist da noch mehr. Eine vorgelebte Selbstverständlichkeit zum Beispiel.

Ich bin in der DDR geboren. Bereits seit den Fünfzigerjahren war die Gleichstellung von Mann und Frau gesetzlich verankert, galt es als Scheidungsgrund, wenn ein Ehemann die berufliche Weiterentwicklung seiner Frau nicht unterstützte. Laut Ideologie des Marxismus-Leninismus kann die Gleichstellung der Frau nur durch wirtschaftliche Unabhängigkeit vom Mann, und die nur durch die vollständige Integration in den Arbeitsprozess erreicht werden. Lenin sagte, Hausarbeit sein die „Sklavenarbeit der Frauen“. Hausfrau war kein anerkannter Beruf. Ich hatte keine „Nadelarbeit“ in der Schule, ich hatte „Werken“. Ich lernte erst als erwachsene Frau einen Knopf anzunähen, konnte aber bereits im Grundschulalter verschiedene Werkzeuge bedienen. Und meine Schulbücher waren voll mit starken, kämpferischen Frauen: Clara Zetkin, Käthe Kollwitz und Rosa Luxemburg zum Beispiel. Oder Valentina Tereschkowa, die erste Frau im Weltall. All diese Frauen waren Vorbilder und hatten einen großen Einfluss auf das Bild, das ich von einer „vorbildlichen“ Frau hatte. Parallel zu den Frauen in meinem Leben. Diese hatten in dem System, in dem ich aufwuchs, die gleichen Rechte und Pflichten wie Männer. Mit dieser Selbstverständlichkeit wuchs ich auf. Ich sah darin nichts Exklusives. Ich war quasi per Geburtsrecht gleichberechtigt.

Und Frauen hatten ja nicht nur das Recht zu arbeiten, sondern auch die Pflicht, ihre Arbeitskraft in den Dienst des sozialistischen Volkes zu stellen. Dabei galt das Prinzip: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Ich arbeitete später in einem Betrieb auf „Akkord“, also leistungsbezogen. Und da war es regelmäßig an der Tagesordnung, dass etliche Frauen am Monatsende mehr Geld in der Lohntüte hatten als mancher Mann. Wer sein „Soll“ übererfüllte (das betraf die produzierenden Bereiche), der wurde entsprechend reichhaltiger entlohnt.

Meine Mutter bekam mich im Alter von neunzehn Jahren und musste sechs Wochen nach meiner Geburt wieder arbeiten. Die Kinder kamen in der Regel zu dem Zeitpunkt in Kinderkrippen und wurden dort entweder von morgens bis abends oder auch von montags bis freitags betreut. Ich habe viel Zeit mit meinen beiden Großmüttern verbracht. Wenn ich die Attribute „fürsorglich“ oder „mütterlich“ zuordnen müsste, bekämen meine Omas diese. Ich habe kaum Erinnerungen an Dinge, die meine Eltern mit mir in der Woche gemacht haben. Hausaufgaben habe ich später allein erledigt oder im Schulhort, dann war ich im Hof spielen oder bin in den Sportverein gefahren. Wir sahen uns zum Abendessen. Meine Mutter ging sehr gern auf Arbeit. Aber selbst wenn es anders gewesen wäre, hätte sie nicht wirklich eine Wahl gehabt, das darf man nicht vergessen. Die Tage, an denen ich mittags nach Hause kam und sie war schon da und hatte etwas für mich gekocht, gehören zu den besonderen und kostbaren Momenten in meiner Erinnerung.

Als die Mauer fiel und Deutschland wiedervereinigt wurde, habe ich nicht eine Sekunde meine Rolle, meinen Platz in der Gesellschaft, überdacht. Niemals wäre mir der Gedanke gekommen, irgendwer könnte annehmen, ich sei untergeordnet oder benachteiligt aufgrund meines Geschlechts. Ich kann mich auch an keinen Kulturschock bezüglich des tradierten Frauenbildes in Westdeutschland erinnern. Es war vielmehr so, dass ich manchmal dachte, wie gut diese Frauen es doch hätten! So ein schönes Heim, ein Auto, Nutella auf dem Tisch. Und dafür müssten sie noch nicht mal arbeiten! Und auch: Was machen die den ganzen Tag? Dass es bis in die Siebzigerjahre einer westdeutschen Ehefrau untersagt war, ohne die Zustimmung ihres Mannes ein Konto zu eröffnen oder einem Beruf nachzugehen, das habe ich erst sehr viel später erfahren. Diese Abhängigkeit von einem Mann ist unvorstellbar für mich! Apropos Mann: Auch mein Mann ist mit einer Vollzeit arbeitenden Mutter aufgewachsen und musste schon früh im Haushalt mit anpacken: Kochen und Backen lernen, Schuhe putzen, sauber machen. Und zwar selbstverständlich. Manches davon kann er heute noch besser als ich.

Oftmals höre ich von Müttern aus Westdeutschland mit ein wenig Neid in der Stimme, dass wir privilegiert seien aufgrund des geschichtlich gewachsenen und tatsächlich existierenden breit ausgebauten Betreuungsnetzes. Und ja, ich kann mir wirklich nicht vorstellen, welchen Zweck Einrichtungen haben sollen, die über die Mittagszeit schließen oder Öffnungszeiten bis 14:00 Uhr. Auch wird bei uns generell in den Grundschulen ein Früh-und Nachmittagshort angeboten. Ebenso eine Ferienbetreuung.

Und doch sehe ich auch das ein wenig kritisch. Ich habe das System „Vollzeit arbeitende Mutter“ oft hinterfragt. Und erstaunlicherweise ist auch meine Mutter mir in ihrer Rolle kein Vorbild. Ich möchte mehr Zeit mit meinen Kindern verbringen als sie mit mir. Ich möchte wichtiger sein als Bezugsperson! Zumal meine Kinder keine emsig sorgenden Großmütter haben, wie ich sie hatte. Mein großer Sohn besucht mittlerweile die achte Klasse und seit er drei Jahre alt ist, gehe ich voll arbeiten. Die Jahre der Kita- und Grundschulzeit waren von permanentem Zeitdruck und schlechtem Gewissen meinerseits geprägt.

Meine Mutter hat das System der Fremdbetreuung nie angezweifelt und käme nie auf die Idee, darin etwas Schlechtes zu sehen. Und ich? Ich kenne es aus eigenem Erleben als Kind und als Mutter und blicke kritisch darauf. Ist das nicht seltsam?

Ich halte die Möglichkeit der Entscheidungsfreiheit für die größte Errungenschaft. Aber das Beste wäre, wenn jede Frau in diesem Land unter den gleichen Bedingungen ihre Wahl treffen könnte. Und ohne dafür verurteilt zu werden. Das sollte das Ziel sein. Und dass Mädchen zu Frauen heranwachsen können, ohne über Entscheidungsfreiheit und Gleichberechtigung nachdenken zu müssen.

In diesem Sinne stoße ich mit Dir an auf das 25jährige Jubiläum!

Deine Henrike

Freiheit

Ich habe seit gestern Nachmittag verordnete Bettruhe. So liege ich faul und hustend ausgesperrt vom Wochenendtrubel der Familie in meinem Bett und lese.

Die Nachttischbibliothek war schon etwas angestaubt, ich nahm mir das Buch mit dem hübschesten Einband: „Caravan“ von Marina Lewycka.

Es dauerte ein wenig, bis ich mich auf die Schreibweise der Autorin einschwingen konnte, aber schon bald zog mich das Buch in seinen Bann und ich fieberte mit Irina und Andrij und den anderen jungen Menschen mit, die auf der Suche nach Freiheit aus ihren Städten und Dörfern im Osten der Ukraine auf abenteuerliche Weise in den goldenen Westen gereist waren. In das Land, wo Milch und Honig fließen. Und von einem Missgeschick ins nächste stolperten.

Ich schmunzelte. Und dachte an ein anderes Mädchen…

…vor fünfundzwanzig Jahren.

Eines Tages standen sie im Geschäft, in dem das Mädchen arbeitete. Die Jungs, die sie aus der Plattenbausiedlung kannte, aus dem Jugendklub. Die Jungs, die im Sommer über Ungarn getürmt waren. Da standen sie, sagten Hallo, wir sind´s! Heute Abend schon fahren wir zurück. Schau, da draußen, das ist unser Auto! Wir haben einfach nach der Flucht behauptet, wir hätten einen Führerschein besessen. Da wurde uns einer ausgestellt im Westen. Ist das nicht lustig? Dabei haben wir erst in Ungarn auf dem Campingplatz fahren gelernt. Willst du mitkommen? Wir arbeiten bei einem Bauunternehmer aus dem Osten, der schon vor Jahren abgehauen ist. Dort gibt’s auch Arbeit für dich!

Das Mädchen sieht in die fröhlich lächelnden Gesichter der Freunde und auf ihren langweiligen Schreibtisch. Dann verabschiedet sie sich von ihrer Mutti. Es ist ihr vierzigster Geburtstag. Die Mutti aber sagt, geh ruhig Kind. Schreib mir. Pass auf dich auf.

Sie packt eine kleine Tasche, viel braucht sie nicht. Da, wo sie hin will, ist alles viel schöner. Sie wird sich schönere Sachen kaufen! Sie fahren die ganze Nacht. Auf einer Raststätte staunt das Mädchen über die schöne Einrichtung. Wie im Interhotel. Die Toiletten sind sauber und haben einen Folienbezug. Sie kann sich nicht sattsehen.

In der schönen neuen Welt wohnen sie in einer kleinen Zweizimmerwohnung. Ein Raum ist voller Baumaterial. Das müssen wir jeden Tag mitnehmen, das klauen sonst die Polen, erklären die Freunde. In dem anderen Raum schlafen sie zu fünft, auf Matratzen. Das Mädchen und ihre Freunde aus dem Jugendklub von früher.

Am nächsten Morgen lernt sie den Bauherren kennen. Er sagt, sie könne als Sekretärin bei ihm arbeiten. Aber erst müsse das Haus fertiggestellt werden. Siehst du, Mädchen, hier kommt mal das Büro rein. Hier wirst du dann sitzen, sagt der Bauherr.

Das Mädchen fährt Schubkarren mit Schutt, sie lernt eine Maurerkelle zu benutzen, trägt Steine. Sie ist das einzige Mädchen auf der Baustelle. Die Polen lernt sie auch kennen. Die sind lustig. Das Mädchen spricht russisch und tschechisch, nach einer Woche auch polnisch.

Mittags kocht die Frau des Bauherren ein warmes Essen. Freitags bekommt sie ein paar Schachteln Zigaretten. Abends fährt sie mit den Freunden von früher in das Matratzenlager und träumt von einem Job als Sekretärin. Wenn erst das Haus fertig ist.

Sie schreibt fröhlich klingende Briefe an die Eltern daheim.

Nach einem Monat fragt sie nach einem Lohn. Der Bauherr vertröstet sie, das Büro sei bald fertig, dann könne sie bei ihm arbeiten. Und sorge er nicht gut für sie alle?

Sie schleppt weiter Steine und Mörteleimer und kehrt Baudreck aus dem halbfertigen Haus. Nach einem weiteren Monat sollen sie auf einer anderen Baustelle arbeiten gehen. Vom Büro ist keine Rede mehr.Sie überwirft sich mit dem Bauherren, der schmeißt sie raus. Bei uns kannst du jetzt nicht mehr wohnen, sagen die Freunde. Die Wohnung bezahlt schließlich der Bauherr.

Sie geht zu den Polen. Der eine junge Mann war doch immer sehr freundlich zu ihr. Er sagt, sie könne bei ihm bleiben. Sie arrangieren sich. Er wohnt in einem Hotel. Nur Aus- und Umsiedler wohnen dort. Er hat einen winzigen ehemaligen Keller bezogen. „Souterrain“ nennt der Hotelbesitzer das. Wenn das Mädchen das Kellerfenster öffnet, weht der Wind die alten Blätter vom Herbst herunter in den Keller.

Sie hat Heimweh. Nach der kleinen Wohnung mit den Vorhängen, die die Mutti genäht hat. Den beiden Bücherregalen, die der Vati für sie gebaut hat. Den beiden Stühlen von den Urgroßeltern.

Lass uns heiraten, sagt der Pole. Das ist hier nur eine Formsache und ich bekomme dadurch eine Aufenthaltserlaubnis. Dann können wir aus dem Keller ziehen. Was soll ich meinen Eltern erzählen? Nichts. Das ist nur Papier. Hier im Westen. Wir müssen zum Rathaus. Aufgebot bestellen. Was ist das? Das ist hier so. In ein paar Wochen sind wir verheiratet und ziehen aus dem Keller. Das ist nur formal. Wirst schon sehen.

Sie steht am Kellerfenster und schaut auf die Schuhe der vorbeieilenden Passanten, während der Pole auf der Baustelle arbeitet.

Eines Tages klopft eine wunderschöne Frau und sucht den Polen. Sie ist verwundert über das Mädchen. Das Mädchen staunt die schöne Frau an. Sie sei die Freundin des Polen. Ja, seit vielen Jahren schon. Er habe erzählt, er wolle eine Deutsche heiraten, damit sie beide in Deutschland bleiben könnten. Die schöne Frau und er. Wieso das Mädchen hier aber wohnen würde, das wöllte sie wissen?

Das Mädchen packt ihre Sachen und läuft durch die Stadt. Nach Hause kann sie nicht. Sie hat kein Geld. Sie kann nicht anrufen, jemand möge sie holen. Wen denn? So ist sie nicht erzogen.

Sie bleibt vor einem schönen Friseursalon stehen und erinnert sich, irgendwann mal gehört zu haben, dass Friseure immer gesucht würden. Dort im goldenen Land. Sie geht hinein und sagt, sie würde gern hier arbeiten. Sind sie Friseurin?, fragt eine nette Frau. Nein, aber ich würde das gern lernen, sagt das Mädchen. Dann erzählt sie alles. Die nette Frau bietet ihr einen Aushilfsjob an im Laden und ein Zimmer. Möbliert unter dem Dach.

Das Mädchen fegt jetzt die Haare im Frisiersalon und legt die Handtücher zusammen. Manchmal darf sie auch einem Kunden die Haare waschen. Der Pole steht tagelang wutschnaubend vor der Tür und verlangt sie zu sprechen. Die nette Frau verjagt ihn jedes Mal.

Abends sitzt das Mädchen in dem kleinen Zimmer und träumt davon, Friseurin zu sein und eine eigene Wohnung zu haben. Nicht dieses Zimmer neben der Afghanin, die jeden Abend laut weint und sich stundenlang im gemeinsamen Bad einschließt und ihre Hände schrubbt. Anfangs hat das Mädchen immer geklopft und Hilfe angeboten, Tee. Die Afghanin will sich nicht unterhalten. Tagsüber frisiert sie freundlich lächelnd die Köpfe der Kunden und abends weint sie laut und scheuert ihre Hände. Das Mädchen weiß nichts über Afghanistan. Die Sowjetunion ist unser Freund und Gorbatschow hat uns die Freiheit geschenkt.

Sie schreibt immer noch fröhliche Briefe nach Hause.

Einmal kommt die Mutti zu Besuch. Die nette Frau bietet an, der Mutti die Haare schön zu machen im Frisiersalon. Die Mutti schämt sich, hat sie sich doch zu Hause die Haare so schön gemacht mit Lockenwicklern.

Als das Mädchen die Mutti das nächste Mal wiedersieht, ist nichts mehr, wie es einmal war. Ähnlich wie Irina im Buch musste sie auch lernen, dass Freiheit kein Versprechen ist. Vielmehr eine Chance und eine große Verantwortung. Und es würde noch sehr viele Jahre dauern, bis sie die Früchte dieser Verantwortung und Chance ernten würde. Sie wurde nie Sekretärin. Auch nie Friseurin. Der Prinz mit dem weißen Schimmel ist auch niemals gekommen. Also nicht mit dem Schimmel. Mit einem hellblauen Trabi kam er gereist. Und mit diesem Zweitakter sind sie in die hoffnungsvolle Zukunft getuckert und haben sich ihr Bullerbü aufgebaut.

Menschenskinder, so spät schon! In einer ganz anderen Zeit lege ich das Buch beiseite und denke mir: ´Mist, die Jungs kommen gleich aus dem Zoo! Und ich hab noch nichts gekocht! Zwei Tage Bettruhe reichen vollkommen! `.Foto-2

Draußen strahlt die Sonne in bunt gefärbten Bäumen. Heute ist ein schöner Tag! Und ein besonderer.

 

 

 

 

 

Ein Kaffee für Frau Nieselpriem

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Der wilde Westen

Als Kind war ich fasziniert von allem, was aus dem Westen kam. Jedes „Bravo“-Fitzelchen wurde gebügelt und gepflegt und jeder Plastikbeutel zwanzig Mal gewaschen und so lange benutzt, bis er auseinandergefallen ist. Ich wusste: Ich wollte dort unbedingt hin, wenn ich groß wäre. Und nun bin ich da. Im Westen! Das is ein Ding!

Die große Sehnsucht. Der goldene Westen. Das Land, wo Milch und Honig fließen und es jeden Morgen „Kaba“ in der Milch gibt und nicht nur alle paar Monate „Trinkfix“, wenn die Mutti mal eine Packung erstanden hat. Das Land, wo alles riecht wie ein Westpaket. Nach einer Mischung aus „Fa“-Seife, Schokolade und Kaffeepulver. Wie im Intershop, wo ich einmal, nachdem ich ganz besonders tapfer beim Zahnarzt war, mir für einen Forumscheck im Wert von fünfzig Pfennig diese „Hitschler“-Kaugummis kaufen durfte, die eine kleine Schatzkiste auf der Verpackung draufgeschweißt hatten…

Ich fand alles toll, was aus dem Westen kam. Und nicht nur ich. Bekamen wir eine Seife geschickt, durfte die nicht benutzt werden (Die wird doch sonst alle!), sondern die wurde für Jahre zwischen die Handtücher in den Wäscheschrank gelegt. Ich habe mich bei Oma Charlotte einmal mit „Pril“ gewaschen, weil ich gut duften wollte. Nach Westen. Und wenn ein großer Umzugslaster im Wohngebiet hielt, um Sachen einzuladen die ein Übersiedler nachholen wollte, standen wir Kinder daneben in einer Traube (´Hamse een Kaugummi? Oder een Kuli für mich?`Meine Mutter hat mir damals Betteln strikt verboten, ich habe mich nicht dran gehalten. Das war doch alles viel zu aufregend! Zu meiner Ehrenrettung kann ich nur sagen, ich war nicht alleine!)

Mein Vater hatte einen Kollegen, der Anfang der Achtziger übersiedelte. Dieser Typ war ein Scherzkeks. An Weihnachten bekamen wir ein Päckchen mit Schokolade, der obligate „Fa“-Seife und wahrscheinlich war auch Autopolitur drin, mein Vater war verrückt nach dem Zeug! Ach, und so ein Ding in Alufolie gewickelt fanden wir. Wir drehten es alle nacheinander in den Händen („WAS IST DAS?!“), packten es vorsichtig aus und waren immer noch nicht schlauer. Vor uns lag eine Kartoffel mit Pelz. Wozu man das Ding verwendet und ob das gar etwas Essbares sei, wir fanden keine Erklärung. Auch der Geruchstest ergab keine Auflösung. Das Ding roch neutral. Wir schmissen es weg und gingen an diesem Abend mit der Überzeugung ins Bett, dass wenigstens die Kartoffeln im Osten eindeutig besser aussehen!

komische Kartoffel

komische Kartoffel

 

 

 

 

 

 

 

Als ich achtzehn war, schickte mir meine Freundin Dorit eine Einladung in den Westen. Sie war mit ihren Eltern nach Rosenheim übergesiedelt und die Reisebedingungen hatten sich etwas gelockert, also bekam ich die staatliche Genehmigung. Ich weiß nicht mehr genau, wie das ablief. Aber ich musste mit dieser Einladung zu einer amtlichen Stelle die Genehmigung abholen und mit dem Genehmigungswisch bekam ich eine Fahrkarte ausgestellt. Ich fuhr los. Aufgeregt.

Irgendwann hielt der Zug, draußen konnte ich MÜNCHEN lesen auf einem Schild. Ich blieb sitzen, schließlich wollte ich ja nach Rosenheim. Dann kam eine Fachkraft der Reichsbahn und teilte mir mit, dieser Zug ende hier. Ich zeigte meinen Fahrschein und bestand auf einen Weitertransport! Ohne Erfolg. Und so war mein erster Eindruck vom goldenen Westen: der Münchner Hauptbahnhof. Ich war mutterseelenallein im Wunderland.

Ich weiß heute noch, wie erschlagen ich von dem Ambiente war. Die Werbung, die vielen Menschen! Ich wusste nicht wohin. Also eigentlich schon: nach Rosenheim! Aber wie? Irgendwann bin ich zu einem Schalter gegangen und habe mein Anliegen vorgetragen. Nach einigen Verständnisschwierigkeiten (Ich hatte noch niemals vorher Bayrisch gehört und entsprechend meine Schwierigkeiten) verstand ich, ich müsste nachzahlen. Konnte ich nicht und brach in Tränen der Verzweiflung aus. Dann: “Hams scho da agrufen in Rosenheim?“ (oder so ähnlich). Natürlich nicht! Ein Telefon besaß in der DDR, wer eine wichtige Persönlichkeit war oder seit fünfundzwanzig Jahren ein aktives Parteimitglied. Ich war noch nicht mal fünfundzwanzig Jahre alt und auch nicht wichtig. In unserem Mietshaus lebten zehn Familien, darunter zum Glück ein Polizist mit Telefon. Immer wenn ein Mieter angerufen werden musste, rief man dort bei Polizistens an und die holten dann den Nachbar ans Telefon. Ergo hatte ich nie nach der Telefonnummer meiner Freundin gefragt. Die Idee kam mir schlichtweg nicht!

Die nette Frau am Schalter schenkte mir eine Münze und schickte mich zur Telefonzelle. Die nächste Verzweiflung bahnte sich an: Ich fand den Schlitz nicht, in den man die Münze stecken muss zum Telefonieren! Ich befühlte den ganzen Kasten, nichts. Mit klopfendem Herzen sprach ich mehrere Passanten an mit der Bitte, mir zu zeigen, wo der Schlitz sei. Sie verstanden mich nicht. Nicht meine Sprache (das waren einige), nicht mein Anliegen (das waren andere). Irgendwann erbarmte sich jemand und erklärte, dass man die Münze AUFLEGEN sollte auf so eine Art Schieber, dann den Schieber nach rechts bewegen, die Münze rattert in den Automaten und man kann telefonieren. Also auch ich. Aus Rosenheim kam nur das Freizeichen zu mir an (die Telefonnummer hatte ich zwischenzeitlich selbständig aus dem Telefonbuch rausgefunden).

Ich weinte mittlerweile hemmungslos und wenn irgendwo ein Zug gestanden hätte mit dem Ziel „Dresden“ oder „irgendein Bahnhof im Osten“, ich wäre eingestiegen.

So tapperte ich wieder zu der netten Frau am Schalter. Aufgelöst wie ich war und offensichtlich noch nicht abgestumpft von den Horden an einreisewilligen und bedürftigen Ossis, die noch auf sie zukommen würden, erbarmte sie sich meiner und stellte mir die benötigte Fahrkarte nach Rosenheim aus und brachte mich sogar zu dem entsprechenden Zug (Danke noch mal an der Stelle!).

Ich kam tatsächlich in Rosenheim an und am Bahnsteig stand meine Dorit!

Der Rest des dreitägigen Aufenthaltes verlief verhältnismäßig langweilig (Ich konnte mich nur mit meiner Freundin und ihren Eltern unterhalten, die anderen Menschen verstand ich schlichtweg nicht. Und der Ehemann meiner Freundin, so lernte ich, hatte keine langjährige Haftstrafe hinter sich, sondern war ein Rocker und deshalb tätowiert. Er ignorierte mich nach einer halben Stunde für den Rest meines Besuches, da ich auf seine freundlichen Versuche einer Kommunikation nur mit staunenden Augen und „Dorit, was sagt dein Mann da zu mir?!“ reagierte.).

Ich reiste nach drei Tagen mit Tüten voller alter Otto- und Klingelkataloge ab (Was ich damit wollte, weiß ich nicht. Nur, dass ich kaum noch gehen konnte, so schwer trug ich daran.) und einem neuen Leibgericht: Fischstäbchen!

Einige Zeit später hat es mich in meiner Abenteuerlust ins Rheinland verschlagen und als mein Mütterlein sich eines Tages auf den Weg machte, um ihre abenteuerlustige Tochter zu besuchen, verpasste ich irgendwie die Einfahrt ihres Zuges in Köln. Er stand schon leer auf dem Bahnsteig. Keine Mutti! Panisch und mit der Erinnerung von München beladen (Oh Gott, die arme Mutti! Irrt auf dem Bahnhof rum! Kann nicht telefonieren! Weiß nicht, wo ich bin und wo sie hinsoll!) raste ich zur Information und lies sie mehrmals ausrufen.

Nichts.

Ich suchte den Bahnhof nach ihr ab, jemand vom roten Kreuz half mir sogar, nachdem ich die Situation mit meiner hilflosen Ossi-Mutter drastisch in allen Farben geschildert hatte.

Immer noch nichts. Ich sorgte mich unendlich.

Als ich partout nicht mehr wusste, was ich auf dem Kölner Hauptbahnhof jetzt noch ausrichten könnte und annahm, sie sei gar nicht gekommen, fuhr ich Richtung Bonn heim nach Bornheim. Auf dem Bahnsteig der kleinen Kleinstadt Bornheim steht mein Mütterchen, quietschfidel, und begrüßt mich mit den Worten: „Da bist du ja endlich! Ich bin schon mal losgefahren damit du mich nicht extra abholen musst!“. Ich schüttelte sie vor Freude über das Wiedersehen und völlig perplex wollte ich wissen, wie sie denn alleine von Köln nach Bornheim gekommen sei. „Aber Mädchen, ich habe einen Mund zum Fragen und die sprechen ja schließlich auch deutsch hier!“.

Aha.

Fünfundzwanzig Jahre später bin ich immer noch ein großer Fan der Wiedervereinigung. Und von Handies!

Und Fremden in Not helfe ich aus Prinzip. Egal, woher sie kommen und womit sie Hilfe brauchen. Ich hab da was gutzumachen, fürs Karma!