#Geschichten vom Scheitern

Liebe Alu,

Du hast mit Deiner eigenen Geschichte zu einer Blogparade aufgerufen und geschrieben, dass du dich unter anderem ganz besonders auf meine Geschichte zu diesem Thema freust. Seit Tagen gehe ich mit qualmendem Kopf umher und hinter jeder Ecke springt dieses Thema hervor und schreit „Möp!“ (wie du sagen würdest). Ich tu mich schwer. Ich muss dir das jetzt mal schreiben!

Eigentlich ist es ja einfach. Dreiviertel aller meiner Vorhaben funktionieren nicht nach Plan. Scheitern, könnte man sagen.

Ich wäre gern eine Bree van de Kamp mit tollen Haaren und einem perfekten Haushalt. Wenn du die Geschichten über meinen Haushalt und meine vielen Unfälle gelesen hast, weißt du ja, dass ich von Glück reden kann, abends mal wieder einen Tag überlebt zu haben, ohne die Bude abgefackelt oder mir drei Finger abgesägt zu haben. Verbranntes und versalzenes Essen gehören neben Kuchenexperimenten, bei denen im Nachgang festgestellt wird, dass der Zucker vergessen wurde (oder die Eier) zu meinen Spezialitäten. Man kann also sagen, dass ich täglich an meinem Hausfrauenideal scheitere. Ich mache trotzdem weiter.

Beziehungen. Ich glaube schon immer, dass jede Beziehung auf Verständnis für den anderen basieren sollte. Irgendwie hänge ich da in einer „trial and error“-Schleife. Meiner Umwelt gegenüber bin ich nie „Nein! Auf gar keinen Fall!“, sondern stets „Ja. Vielleicht. Ich versuchs.“. Man könnte zusammenfassend sagen, dass ich regelmäßig beim Versuch scheitere, meine eigenen Interessen durchzusetzen (Ich bin auch nicht sturmtauglich. Sobald der Wind rauher weht, fühle ich mich unwohl und verteile an alle Anwesenden Decken. Und Handwärmer in Herzform.).

Es gab eine Zeit, in der meine Ehe als gescheitert galt. Heute weiß ich mit schmerzendem Herzen, dass das, was wir zwei haben, einfach besonders ist und niemals zu ersetzen. Und trotzdem gibt es Tage, an denen ich mich frage, ob es sein kann, dass manchmal Liebe allein einfach nicht reicht. Klingt das nach Scheitern?

Und die Kinder. Beziehung statt Erziehung. Bedürfnisse akzeptieren. Annehmen. Ich gehe immer mit ausgestreckten Händen auf meine Kinder zu, beide Handflächen nach oben. Mit offenen Augen und weitem Herz. Und doch. Der eine bricht mir das Kreuz und der andere das Herz. Ich sollte den Kleinen nicht mehr tragen, aber da steht der knopfäugig vor mir und reckt die Ärmchen hoch. Und ich bin dem wehrlos ausgeliefert (Ich werde bis zum Ende meiner Tage chronisch Rücken haben.). Der andere will kämpfen, sich reiben, messen, diskutieren. Ich biete so viel Angriffsfläche wie eine junge Birke im Frühlingswind. Und muss mir zur Belohnung anhören, dass er Respekt nur vor dem Papa hat. Ich sei ja immer nur… lieb. Man kann sagen, dass ich täglich daran scheitere, den Kindern meine Grenzen zu aufzuzeigen und diese zu verteidigen.

„Scheitern geht auf Scheiter, eine Pluralform zu Scheit zurück. Im 16. Jahrhundert existierten zunächst die Verben zuscheitern und zerscheitern, deren Bedeutung noch ‚in Stücke brechen‘ lautete. Die verkürzte Form entstand vermutlich in Anlehnung an Wendungen wie zu Scheitern gehen ‚in Trümmer zerbrechen‘.“

(Wiktionary)

Ich hatte so viele Träume. Ich wollte Dolmetscher werden. Später dann auch mal Friseur. Ich habe es immer versucht. Immer gekämpft. Aber auch da kann man konstatieren, ich bin wohl gescheitert (Denn ich bin ja weder Friseur noch Dolmetscher worden. Auch nicht Maler, trotz ansatzweisem Talent.). Das Leben kam mir in die Quere. Immer wieder.

Als ich mit diesem Blog anfing und der Schreiberei, war es ganz schnell so, als stellte mich das Leben vor ein buntes, glitzerndes Schaufenster. Und sagte zu mir: „Siehst du, mal kurz mache ich die Tür auf für dich, darfst mal reinlunschen. Aber nichts anfassen!“. Ich fühle mich mit der Tastatur unter den Fingern so wohl wie nirgends sonst und wirklich oft habe ich im letzten Jahr gehört, dass ich da etwas gefunden hätte, was „besonders“ sei. Besonders. So fühlt es sich auch an. Aber ich habe auch ein Leben drumrum. Und wenn im September meine Erziehungszeit endet und mit ihr diese unglaublich intensive Zeit wie ein endloses Kinderferienlager, mit Zeit zum Nähen und Spaziergängen und Mittagschlaf und Frei-Zeit für meine Gedanken und deren Niederschriften, ja, dann werde ich wohl auch auf diese Traumkiste den Deckel drauftun. Manchmal kommen mir so trotzige Gedanken und ich stampfe innerlich auf und will mich dem Unabwendbaren widersetzen! Es gibt doch Leute, die davon leben. Die nur schreiben. Als Arbeit. Ich will das auch! Der erwachsene, vernüftige Teil, meine Ratio, streichelt mir dann über den Kopf und sagt, dass mein zum Familieneinkommen beizutragender monetärer Teil leider nicht optional ist. Und so wird das Schreiben ein Hobby bleiben. Eines mit knapp bemessener Zeit. Ich hoffe, ich finde die Zeit. Diese Kiste zu deckeln wird mir sehr schwerfallen. Man kann also sagen, dass ich stets daran gescheitert bin, meine Träume in die Realität zu retten. Ihnen ein Fundament zu geben. Mein Drumherum ist mir immer wichtiger gewesen.

Aber ich bin nicht „man“. Mir ist egal, was „man“ übers Scheitern sagt! Und im Drehbuch meines Lebens steht auch nichts von Scheitern. Ich glaube, es gibt nicht mal ein Drehbuch! Das ist ein verdammtes Improtheater, bei dem ich nicht weiß, ob im nächsten Augenblick das Bühnenbild zusammenkracht, der Strom ausfällt oder ein Dinosaurier erscheint! Ich glaube aber, es ist eine Komödie.

Das ist das Leben! Und es ist schön 🙂 Scheitern unmöglich. Es geht immer weiter. Und es kommt immer das, was dran ist (Vielleicht gibts ja doch ein Drehbuch…).

In diesem Sinne: Immer weitermachen! Deine Rike

Freiheit

Ich habe seit gestern Nachmittag verordnete Bettruhe. So liege ich faul und hustend ausgesperrt vom Wochenendtrubel der Familie in meinem Bett und lese.

Die Nachttischbibliothek war schon etwas angestaubt, ich nahm mir das Buch mit dem hübschesten Einband: „Caravan“ von Marina Lewycka.

Es dauerte ein wenig, bis ich mich auf die Schreibweise der Autorin einschwingen konnte, aber schon bald zog mich das Buch in seinen Bann und ich fieberte mit Irina und Andrij und den anderen jungen Menschen mit, die auf der Suche nach Freiheit aus ihren Städten und Dörfern im Osten der Ukraine auf abenteuerliche Weise in den goldenen Westen gereist waren. In das Land, wo Milch und Honig fließen. Und von einem Missgeschick ins nächste stolperten.

Ich schmunzelte. Und dachte an ein anderes Mädchen…

…vor fünfundzwanzig Jahren.

Eines Tages standen sie im Geschäft, in dem das Mädchen arbeitete. Die Jungs, die sie aus der Plattenbausiedlung kannte, aus dem Jugendklub. Die Jungs, die im Sommer über Ungarn getürmt waren. Da standen sie, sagten Hallo, wir sind´s! Heute Abend schon fahren wir zurück. Schau, da draußen, das ist unser Auto! Wir haben einfach nach der Flucht behauptet, wir hätten einen Führerschein besessen. Da wurde uns einer ausgestellt im Westen. Ist das nicht lustig? Dabei haben wir erst in Ungarn auf dem Campingplatz fahren gelernt. Willst du mitkommen? Wir arbeiten bei einem Bauunternehmer aus dem Osten, der schon vor Jahren abgehauen ist. Dort gibt’s auch Arbeit für dich!

Das Mädchen sieht in die fröhlich lächelnden Gesichter der Freunde und auf ihren langweiligen Schreibtisch. Dann verabschiedet sie sich von ihrer Mutti. Es ist ihr vierzigster Geburtstag. Die Mutti aber sagt, geh ruhig Kind. Schreib mir. Pass auf dich auf.

Sie packt eine kleine Tasche, viel braucht sie nicht. Da, wo sie hin will, ist alles viel schöner. Sie wird sich schönere Sachen kaufen! Sie fahren die ganze Nacht. Auf einer Raststätte staunt das Mädchen über die schöne Einrichtung. Wie im Interhotel. Die Toiletten sind sauber und haben einen Folienbezug. Sie kann sich nicht sattsehen.

In der schönen neuen Welt wohnen sie in einer kleinen Zweizimmerwohnung. Ein Raum ist voller Baumaterial. Das müssen wir jeden Tag mitnehmen, das klauen sonst die Polen, erklären die Freunde. In dem anderen Raum schlafen sie zu fünft, auf Matratzen. Das Mädchen und ihre Freunde aus dem Jugendklub von früher.

Am nächsten Morgen lernt sie den Bauherren kennen. Er sagt, sie könne als Sekretärin bei ihm arbeiten. Aber erst müsse das Haus fertiggestellt werden. Siehst du, Mädchen, hier kommt mal das Büro rein. Hier wirst du dann sitzen, sagt der Bauherr.

Das Mädchen fährt Schubkarren mit Schutt, sie lernt eine Maurerkelle zu benutzen, trägt Steine. Sie ist das einzige Mädchen auf der Baustelle. Die Polen lernt sie auch kennen. Die sind lustig. Das Mädchen spricht russisch und tschechisch, nach einer Woche auch polnisch.

Mittags kocht die Frau des Bauherren ein warmes Essen. Freitags bekommt sie ein paar Schachteln Zigaretten. Abends fährt sie mit den Freunden von früher in das Matratzenlager und träumt von einem Job als Sekretärin. Wenn erst das Haus fertig ist.

Sie schreibt fröhlich klingende Briefe an die Eltern daheim.

Nach einem Monat fragt sie nach einem Lohn. Der Bauherr vertröstet sie, das Büro sei bald fertig, dann könne sie bei ihm arbeiten. Und sorge er nicht gut für sie alle?

Sie schleppt weiter Steine und Mörteleimer und kehrt Baudreck aus dem halbfertigen Haus. Nach einem weiteren Monat sollen sie auf einer anderen Baustelle arbeiten gehen. Vom Büro ist keine Rede mehr.Sie überwirft sich mit dem Bauherren, der schmeißt sie raus. Bei uns kannst du jetzt nicht mehr wohnen, sagen die Freunde. Die Wohnung bezahlt schließlich der Bauherr.

Sie geht zu den Polen. Der eine junge Mann war doch immer sehr freundlich zu ihr. Er sagt, sie könne bei ihm bleiben. Sie arrangieren sich. Er wohnt in einem Hotel. Nur Aus- und Umsiedler wohnen dort. Er hat einen winzigen ehemaligen Keller bezogen. „Souterrain“ nennt der Hotelbesitzer das. Wenn das Mädchen das Kellerfenster öffnet, weht der Wind die alten Blätter vom Herbst herunter in den Keller.

Sie hat Heimweh. Nach der kleinen Wohnung mit den Vorhängen, die die Mutti genäht hat. Den beiden Bücherregalen, die der Vati für sie gebaut hat. Den beiden Stühlen von den Urgroßeltern.

Lass uns heiraten, sagt der Pole. Das ist hier nur eine Formsache und ich bekomme dadurch eine Aufenthaltserlaubnis. Dann können wir aus dem Keller ziehen. Was soll ich meinen Eltern erzählen? Nichts. Das ist nur Papier. Hier im Westen. Wir müssen zum Rathaus. Aufgebot bestellen. Was ist das? Das ist hier so. In ein paar Wochen sind wir verheiratet und ziehen aus dem Keller. Das ist nur formal. Wirst schon sehen.

Sie steht am Kellerfenster und schaut auf die Schuhe der vorbeieilenden Passanten, während der Pole auf der Baustelle arbeitet.

Eines Tages klopft eine wunderschöne Frau und sucht den Polen. Sie ist verwundert über das Mädchen. Das Mädchen staunt die schöne Frau an. Sie sei die Freundin des Polen. Ja, seit vielen Jahren schon. Er habe erzählt, er wolle eine Deutsche heiraten, damit sie beide in Deutschland bleiben könnten. Die schöne Frau und er. Wieso das Mädchen hier aber wohnen würde, das wöllte sie wissen?

Das Mädchen packt ihre Sachen und läuft durch die Stadt. Nach Hause kann sie nicht. Sie hat kein Geld. Sie kann nicht anrufen, jemand möge sie holen. Wen denn? So ist sie nicht erzogen.

Sie bleibt vor einem schönen Friseursalon stehen und erinnert sich, irgendwann mal gehört zu haben, dass Friseure immer gesucht würden. Dort im goldenen Land. Sie geht hinein und sagt, sie würde gern hier arbeiten. Sind sie Friseurin?, fragt eine nette Frau. Nein, aber ich würde das gern lernen, sagt das Mädchen. Dann erzählt sie alles. Die nette Frau bietet ihr einen Aushilfsjob an im Laden und ein Zimmer. Möbliert unter dem Dach.

Das Mädchen fegt jetzt die Haare im Frisiersalon und legt die Handtücher zusammen. Manchmal darf sie auch einem Kunden die Haare waschen. Der Pole steht tagelang wutschnaubend vor der Tür und verlangt sie zu sprechen. Die nette Frau verjagt ihn jedes Mal.

Abends sitzt das Mädchen in dem kleinen Zimmer und träumt davon, Friseurin zu sein und eine eigene Wohnung zu haben. Nicht dieses Zimmer neben der Afghanin, die jeden Abend laut weint und sich stundenlang im gemeinsamen Bad einschließt und ihre Hände schrubbt. Anfangs hat das Mädchen immer geklopft und Hilfe angeboten, Tee. Die Afghanin will sich nicht unterhalten. Tagsüber frisiert sie freundlich lächelnd die Köpfe der Kunden und abends weint sie laut und scheuert ihre Hände. Das Mädchen weiß nichts über Afghanistan. Die Sowjetunion ist unser Freund und Gorbatschow hat uns die Freiheit geschenkt.

Sie schreibt immer noch fröhliche Briefe nach Hause.

Einmal kommt die Mutti zu Besuch. Die nette Frau bietet an, der Mutti die Haare schön zu machen im Frisiersalon. Die Mutti schämt sich, hat sie sich doch zu Hause die Haare so schön gemacht mit Lockenwicklern.

Als das Mädchen die Mutti das nächste Mal wiedersieht, ist nichts mehr, wie es einmal war. Ähnlich wie Irina im Buch musste sie auch lernen, dass Freiheit kein Versprechen ist. Vielmehr eine Chance und eine große Verantwortung. Und es würde noch sehr viele Jahre dauern, bis sie die Früchte dieser Verantwortung und Chance ernten würde. Sie wurde nie Sekretärin. Auch nie Friseurin. Der Prinz mit dem weißen Schimmel ist auch niemals gekommen. Also nicht mit dem Schimmel. Mit einem hellblauen Trabi kam er gereist. Und mit diesem Zweitakter sind sie in die hoffnungsvolle Zukunft getuckert und haben sich ihr Bullerbü aufgebaut.

Menschenskinder, so spät schon! In einer ganz anderen Zeit lege ich das Buch beiseite und denke mir: ´Mist, die Jungs kommen gleich aus dem Zoo! Und ich hab noch nichts gekocht! Zwei Tage Bettruhe reichen vollkommen! `.Foto-2

Draußen strahlt die Sonne in bunt gefärbten Bäumen. Heute ist ein schöner Tag! Und ein besonderer.

Die schönste Zeit des Jahres

Wir sind nicht urlaubskompatibel, der Beste und ich. Der eine schreit „Meer!“, der andere „Berge!“ (oder allenfalls „Mehr Berge!“). Und diese Affinitäten sind bei uns auch noch extrem ausgeprägt.

Egal wo wir sind, wenn irgendwo am Horizont ein Hügel sichtbar ist, am besten noch mit einer schneebedeckten oder qualmenden Kuppe: „Oh! Das ist aber schön! Da will ich hin!“ (Er). Ein Maulwurfhügel im Garten und er steigt ganz sicher drauf: „Erstbegehung!“.

Mich zieht´s zum Wasser. Ich bin meersüchtig. Ich kenne zwar ein paar Weltmeere (vom Strand aus), aber mein Lieblingsmeerchen ist ganz klar die Ostsee. Wenn ich denn mal da bin, stolpere ich glückstaumelnd an den Strand wie ein Wüstenwanderer in eine Oase, schmeiße mich in den Sand, streichle den wundervollen Untergrund, starre grenzdebil aufs Wasser…und tauche ein in Transzendenz! Ich brauche nichts, ich denke nichts, ich atme, ich bin, ich bin vollkommen seelig… Bis ein Schatten meinen Blick verdunkelt: „Hier isses langweilig! Kein Berg! Nicht mal´n Hügel! Und was is´n das für Zeug in dem Ikea-Beutel?! Steine?! Vierzig Kilo Steine? Oh nein, sag mir nicht, das willst du mitnehmen! Unser Zuhause sieht jetzt schon aus wie Stonehenge!“.

Urlaubsfoto von ihr

Urlaubsfoto von ihr

Ich habe im Gegenzug für ein paar Steine vom Strand ungezählte Urlaube in den Bergen hinter mich gebracht, adrenalinbesoffen und stinkend vor Angstschweiß an mindestens fünfzig Zentimeter hohen Abgründen entlanggehangelt, hysterisch schreiend, der Arschlochvater solle gefälligst das Kind mit seinem Gürtel sichern und in abrissreifen Bruchbuden („Sie haben eine wahnsinnstolle Sicht auf die Berge!“) mit einem verbeulten Topf ohne Henkel und einem rostigen Wok Essen gekocht. Ich habe mich zwölftausendmal verlaufen mit dem Bergsüchtigen, der behauptet, er könne Karten lesen. Oder „aus Versehen“ das Navi vergessen hat mitzunehmen um den Challenge-Charakter des Ausfluges zu erhöhen. Bin mit Wurstschnitten im Rucksack durch Wälder, Gebirge und Steinshaufen gekraxelt um den wundervollen, anbetungswürdigen Mann, den ich geheiratet habe, glücklich zu machen. „Wenn ich hier jemals lebend aus diesem gottverfluchten, verfickten Scheißwald rauskomme lass ich mich scheiden! An der nächsten Wegkreuzung!“.

Wir verreisen jetzt getrennt. Nicht immer, aber öfter.

Alle zwei Jahre packt der Beste seinen Rucksack und seine Kumpels und dann stapfen die durch irgendwelche Dschungel am anderen Ende der Welt. Steigen auf Vulkane oder Gletscher, schlafen in Zelten auf Bergen oder in finstren Gegenden, reisen und speisen wie die Einheimischen und wechseln drehen nur alle paar Tage ihre „Schlübber“ auf links.

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Urlaubsfoto von ihm

Und ich finde das wundervoll! Wenn er nach ein paar Wochen im Nirgendwo und genug Bohnensuppe intus, um meine überragenden Kochkünste wieder schätzen zu können, heimkommt…dann habe ich Herzklopfen! Muffensausen wie eine Siebzehnjährige!

Zum Flughafen schaffe ich einen Schreibtischtäter mit zarten Händen und empfindlicher Haut und ein paar Wochen später spuckt mir der Flughafen einen braungebrannten, vollbärtigen Weltbezwinger aus mit Pranken zum Bärentöten und einem Blick, der sagt, dass er das auf der Stelle tun würde, sollte jetzt ein Bär auftauchen und sich zwischen ihn und mich und den heißesten Kuss der Welt stellen! Und wenn wir irgendwann aufgehört haben zu knutschen, zeigt er mir Bilder und Videos und seine Begeisterung schwappt rüber zu mir und mein Stolz auf ihn rüber zu ihm…und so geht das hin und her. Das ist wie eine Frischekur für unsere Ehe. Während der Trennungszeit schreiben wir uns Liebesbriefe (Na gut! Mails!) und sehnen uns nach einander. Ich mag Vermissen! Zumal das Sehnen mit dem Vergessen der Macken des anderen einhergeht. Je länger er weg ist, umso toller und Superman-mäßiger wird er.

Es gibt allerdings Stimmen im Umfeld, die offen sagen, sie fänden das indiskutabel! Der Mann hat Familie! Und Verantwortung! Wie kann der seine Frau mit den Kindern wochenlang alleine lassen um seinen Spaß zu haben (Und wie kannst du als Frau derartige Faxen unterstützen?! Wenn das nun alle machen wöllten!).

Richtig. Er hat Verantwortung! Und zwar in erster Linie für sich und sein Wohlbefinden. Genau wie ich. Uns gefällt die Idee einer Partnerschaft, in der Individualbedürfnisse nicht hinter dem Kollektivbedürfnis zurückstecken müssen. Ich kann das machen, WEIL ich mit dir zusammen bin und du meine Träume unterstützt. Auch wenn es nicht deine Träume sind. Träume haben wir alle und auf vielen Sinnspruchkarten steht gern auch der Wunsch nach …Mut, sie zu verwirklichen… Ist es nicht schön, wenn man nicht nur den Mut dazu hat, sondern auch jemanden an der Seite, der einen nicht bremst sondern bestärkt? Wenn man dadurch lernt, dass Träume keine Schäume sondern Pläne in einer Grobkonzeptionsphase sind? Und dass dieser Mensch auch stark genug ist zu sagen, ich brauche dich, aber in erster Linie möchte ich, dass du glücklich bist! Tu, was dafür nötig ist und sag mir, wie ich dich unterstützen kann.

Und er träumt nun mal von Semeru, Krakatau, Nanga Parbat und Machu Picchu (Gesundheit!). Ich will da nicht hin! Aber warum sollte er das dann lassen?! Im Gegenzug nimmt er Urlaubstage und fährt babysittend mehrmals täglich durch die Stadt um mir das Kind zum Stillen zu bringen, weil ich mir zum Beispiel in den Kopf setze, im Wochenbett noch eine Ausbildung mit unklarer Zukunftsperspektive beginnen zu müssen. Und zwar selbstverständlich!

Ich träume ganz bestimmt bald wieder von der Ostsee. Und von Steinen. Einem Ikea-Beutel voller Strandgut. Da muss er dann durch. Immerhin könnte es durchaus schlimmer kommen: Ich könnte ja schließlich auch von einem Trantra-Seminar auf Goa träumen oder ein Sonnenstudio eröffnen wollen oder eine Agentur für männliche Nacktputzer. Oder mit ihm einen Walzerkurs belegen wollen…

Und ihr, macht mit euren Träumen was ihr wollt! Und habt die schönste Zeit des Jahres. Am besten jetzt.