Tür 2 – Alu mit Zuckerguss

Heute schreibt ein Großer Kopf für uns. Anne-Luise und Konstantin (der Einfachheit halber von allen nur Alu und Konsti genannt und nein, ich habe mir das nicht ausgedacht) schreiben gemeinsam den Blog Große Köpfe und der Name ist Programm. Mal leichtfüßig, mal schwermütig, stets klug und feinsinnig haben sie nur ein Ziel: Dich mitten in die Brust zu treffen. Schaffen sie bei mir immer. Heute nun schreibt Alu hier für uns alle über ihre große Liebe zu Christstollen. Viel Spaß!

 

Es betrug sich vor drei Jahren, dass meine geliebte Frau Mama mich zu sich rief. „Kind, ich brauche deine Hilfe“, sagte sie am Telefon und wir wissen alle, wie Töchter aus gutem Hause auf diesen Ruf zu reagieren haben. Pünktlich zu Weihnachten wird nämlich in dem wunderbaren Museum in dem meine Mutter tätig ist immer eine tolle Adventsausstellung gezeigt. In diesem Jahr würden es die Weihnachtspyramiden mit extra tollen Pyramiden aus dem schönen sächsischen Erzgebirge sein. Bereits wohl wissend, dass Hilfe immer ein weitgefasster Begriff im Zusammenhang mit Ausstellungseröffnungen sein kann, begab ich mich auf den Weg nach einer zehn-Stunden-Schicht im Büro. Dort angekommen wurden mir sofort eine Schürze und ein recht großes Messer in die Hand gedrückt (Zum Glück bin ich im Besitz der roten Hygienekarte zum Umgang mit Lebensmitteln) und mir wurde ein Geschenk aus dem Erzgebirge präsentiert: Ein 10 kg Stollen, der an diesem Abend den Gästen als Leckerli präsentiert werden sollte. Ich begann zu schneiden. Der Zucker zog in meine Ärmel, meine Brüste, meine Socken. Ich war allein! Allein mit einem 10kg Stollen und nur einem Liter Wasser. Immer mehr Menschen stellten sich in die Schlange und ich reichte Stollenstück um Stollenstück herüber. „Haben sie den gebacken?“, „Wissen sie welche Zutaten da drin sind?“ „Können sie mir sagen woher der Stollen genau kommt?“, und weitere Fragen hörte ich ca. 45 Minuten lang, während ich versuchte, dem Stollen Herr zu werden. Ich hatte Schmerzen in Armen und Beinen und ich murmelte immer wieder den Satz: „Ich habe ihn nicht gebacken, er kommt aus dem Erzgebirge, es sind Rosinen darin“ vor mich her. Der Zucker hatte in meinen Haaren ein Nest gebildet, vielleicht mein Gehirn verklebt und meine Brillengläser von innen zerfressen. Ich hatte mir ein Zuckerpeeling immer schön vorgestellt, das hier war aber eher recht klebrig und süß! Irgendwann sah ich ein Licht. Ich hatte es geschafft, den riesigen Stollen zu besiegen. Stolz zog ich meine Küchenhandschuhe aus und ging mich entzuckern. Zurück im Raum traf ich meine wunderschöne, stolze Mama. Sie zog mich erneut zum Tisch. Dort lag bereits aufgebahrt ein weiterer 10 kg Stollen, gespendet vom Förderverein des Museums. Das ganze Spiel begann von vorn und ich erlebte die zweite Runde des verzuckert-seins. An diesem Abend fuhren mich meine Eltern heim zu meiner Familie, der Zucker rieselte in die Autositze meines Vaters. Mit 30 Jahren hatte man es geschafft: Ich war des Zuckers überdrüssig geworden, ich war geheilt! Seit 2012 esse ich übrigens recht wenig Stollen und wenn, dann lasse ich mir das Stück immer von jemand anderem abschneiden, da ich sonst in salzige Tränen ausbrechen muss. In Echt!

 

#Geschichten vom Scheitern

Liebe Alu,

Du hast mit Deiner eigenen Geschichte zu einer Blogparade aufgerufen und geschrieben, dass du dich unter anderem ganz besonders auf meine Geschichte zu diesem Thema freust. Seit Tagen gehe ich mit qualmendem Kopf umher und hinter jeder Ecke springt dieses Thema hervor und schreit „Möp!“ (wie du sagen würdest). Ich tu mich schwer. Ich muss dir das jetzt mal schreiben!

Eigentlich ist es ja einfach. Dreiviertel aller meiner Vorhaben funktionieren nicht nach Plan. Scheitern, könnte man sagen.

Ich wäre gern eine Bree van de Kamp mit tollen Haaren und einem perfekten Haushalt. Wenn du die Geschichten über meinen Haushalt und meine vielen Unfälle gelesen hast, weißt du ja, dass ich von Glück reden kann, abends mal wieder einen Tag überlebt zu haben, ohne die Bude abgefackelt oder mir drei Finger abgesägt zu haben. Verbranntes und versalzenes Essen gehören neben Kuchenexperimenten, bei denen im Nachgang festgestellt wird, dass der Zucker vergessen wurde (oder die Eier) zu meinen Spezialitäten. Man kann also sagen, dass ich täglich an meinem Hausfrauenideal scheitere. Ich mache trotzdem weiter.

Beziehungen. Ich glaube schon immer, dass jede Beziehung auf Verständnis für den anderen basieren sollte. Irgendwie hänge ich da in einer „trial and error“-Schleife. Meiner Umwelt gegenüber bin ich nie „Nein! Auf gar keinen Fall!“, sondern stets „Ja. Vielleicht. Ich versuchs.“. Man könnte zusammenfassend sagen, dass ich regelmäßig beim Versuch scheitere, meine eigenen Interessen durchzusetzen (Ich bin auch nicht sturmtauglich. Sobald der Wind rauher weht, fühle ich mich unwohl und verteile an alle Anwesenden Decken. Und Handwärmer in Herzform.).

Es gab eine Zeit, in der meine Ehe als gescheitert galt. Heute weiß ich mit schmerzendem Herzen, dass das, was wir zwei haben, einfach besonders ist und niemals zu ersetzen. Und trotzdem gibt es Tage, an denen ich mich frage, ob es sein kann, dass manchmal Liebe allein einfach nicht reicht. Klingt das nach Scheitern?

Und die Kinder. Beziehung statt Erziehung. Bedürfnisse akzeptieren. Annehmen. Ich gehe immer mit ausgestreckten Händen auf meine Kinder zu, beide Handflächen nach oben. Mit offenen Augen und weitem Herz. Und doch. Der eine bricht mir das Kreuz und der andere das Herz. Ich sollte den Kleinen nicht mehr tragen, aber da steht der knopfäugig vor mir und reckt die Ärmchen hoch. Und ich bin dem wehrlos ausgeliefert (Ich werde bis zum Ende meiner Tage chronisch Rücken haben.). Der andere will kämpfen, sich reiben, messen, diskutieren. Ich biete so viel Angriffsfläche wie eine junge Birke im Frühlingswind. Und muss mir zur Belohnung anhören, dass er Respekt nur vor dem Papa hat. Ich sei ja immer nur… lieb. Man kann sagen, dass ich täglich daran scheitere, den Kindern meine Grenzen zu aufzuzeigen und diese zu verteidigen.

„Scheitern geht auf Scheiter, eine Pluralform zu Scheit zurück. Im 16. Jahrhundert existierten zunächst die Verben zuscheitern und zerscheitern, deren Bedeutung noch ‚in Stücke brechen‘ lautete. Die verkürzte Form entstand vermutlich in Anlehnung an Wendungen wie zu Scheitern gehen ‚in Trümmer zerbrechen‘.“

(Wiktionary)

Ich hatte so viele Träume. Ich wollte Dolmetscher werden. Später dann auch mal Friseur. Ich habe es immer versucht. Immer gekämpft. Aber auch da kann man konstatieren, ich bin wohl gescheitert (Denn ich bin ja weder Friseur noch Dolmetscher worden. Auch nicht Maler, trotz ansatzweisem Talent.). Das Leben kam mir in die Quere. Immer wieder.

Als ich mit diesem Blog anfing und der Schreiberei, war es ganz schnell so, als stellte mich das Leben vor ein buntes, glitzerndes Schaufenster. Und sagte zu mir: „Siehst du, mal kurz mache ich die Tür auf für dich, darfst mal reinlunschen. Aber nichts anfassen!“. Ich fühle mich mit der Tastatur unter den Fingern so wohl wie nirgends sonst und wirklich oft habe ich im letzten Jahr gehört, dass ich da etwas gefunden hätte, was „besonders“ sei. Besonders. So fühlt es sich auch an. Aber ich habe auch ein Leben drumrum. Und wenn im September meine Erziehungszeit endet und mit ihr diese unglaublich intensive Zeit wie ein endloses Kinderferienlager, mit Zeit zum Nähen und Spaziergängen und Mittagschlaf und Frei-Zeit für meine Gedanken und deren Niederschriften, ja, dann werde ich wohl auch auf diese Traumkiste den Deckel drauftun. Manchmal kommen mir so trotzige Gedanken und ich stampfe innerlich auf und will mich dem Unabwendbaren widersetzen! Es gibt doch Leute, die davon leben. Die nur schreiben. Als Arbeit. Ich will das auch! Der erwachsene, vernüftige Teil, meine Ratio, streichelt mir dann über den Kopf und sagt, dass mein zum Familieneinkommen beizutragender monetärer Teil leider nicht optional ist. Und so wird das Schreiben ein Hobby bleiben. Eines mit knapp bemessener Zeit. Ich hoffe, ich finde die Zeit. Diese Kiste zu deckeln wird mir sehr schwerfallen. Man kann also sagen, dass ich stets daran gescheitert bin, meine Träume in die Realität zu retten. Ihnen ein Fundament zu geben. Mein Drumherum ist mir immer wichtiger gewesen.

Aber ich bin nicht „man“. Mir ist egal, was „man“ übers Scheitern sagt! Und im Drehbuch meines Lebens steht auch nichts von Scheitern. Ich glaube, es gibt nicht mal ein Drehbuch! Das ist ein verdammtes Improtheater, bei dem ich nicht weiß, ob im nächsten Augenblick das Bühnenbild zusammenkracht, der Strom ausfällt oder ein Dinosaurier erscheint! Ich glaube aber, es ist eine Komödie.

Das ist das Leben! Und es ist schön 🙂 Scheitern unmöglich. Es geht immer weiter. Und es kommt immer das, was dran ist (Vielleicht gibts ja doch ein Drehbuch…).

In diesem Sinne: Immer weitermachen! Deine Rike