Freiheit

Ich habe seit gestern Nachmittag verordnete Bettruhe. So liege ich faul und hustend ausgesperrt vom Wochenendtrubel der Familie in meinem Bett und lese.

Die Nachttischbibliothek war schon etwas angestaubt, ich nahm mir das Buch mit dem hübschesten Einband: „Caravan“ von Marina Lewycka.

Es dauerte ein wenig, bis ich mich auf die Schreibweise der Autorin einschwingen konnte, aber schon bald zog mich das Buch in seinen Bann und ich fieberte mit Irina und Andrij und den anderen jungen Menschen mit, die auf der Suche nach Freiheit aus ihren Städten und Dörfern im Osten der Ukraine auf abenteuerliche Weise in den goldenen Westen gereist waren. In das Land, wo Milch und Honig fließen. Und von einem Missgeschick ins nächste stolperten.

Ich schmunzelte. Und dachte an ein anderes Mädchen…

…vor fünfundzwanzig Jahren.

Eines Tages standen sie im Geschäft, in dem das Mädchen arbeitete. Die Jungs, die sie aus der Plattenbausiedlung kannte, aus dem Jugendklub. Die Jungs, die im Sommer über Ungarn getürmt waren. Da standen sie, sagten Hallo, wir sind´s! Heute Abend schon fahren wir zurück. Schau, da draußen, das ist unser Auto! Wir haben einfach nach der Flucht behauptet, wir hätten einen Führerschein besessen. Da wurde uns einer ausgestellt im Westen. Ist das nicht lustig? Dabei haben wir erst in Ungarn auf dem Campingplatz fahren gelernt. Willst du mitkommen? Wir arbeiten bei einem Bauunternehmer aus dem Osten, der schon vor Jahren abgehauen ist. Dort gibt’s auch Arbeit für dich!

Das Mädchen sieht in die fröhlich lächelnden Gesichter der Freunde und auf ihren langweiligen Schreibtisch. Dann verabschiedet sie sich von ihrer Mutti. Es ist ihr vierzigster Geburtstag. Die Mutti aber sagt, geh ruhig Kind. Schreib mir. Pass auf dich auf.

Sie packt eine kleine Tasche, viel braucht sie nicht. Da, wo sie hin will, ist alles viel schöner. Sie wird sich schönere Sachen kaufen! Sie fahren die ganze Nacht. Auf einer Raststätte staunt das Mädchen über die schöne Einrichtung. Wie im Interhotel. Die Toiletten sind sauber und haben einen Folienbezug. Sie kann sich nicht sattsehen.

In der schönen neuen Welt wohnen sie in einer kleinen Zweizimmerwohnung. Ein Raum ist voller Baumaterial. Das müssen wir jeden Tag mitnehmen, das klauen sonst die Polen, erklären die Freunde. In dem anderen Raum schlafen sie zu fünft, auf Matratzen. Das Mädchen und ihre Freunde aus dem Jugendklub von früher.

Am nächsten Morgen lernt sie den Bauherren kennen. Er sagt, sie könne als Sekretärin bei ihm arbeiten. Aber erst müsse das Haus fertiggestellt werden. Siehst du, Mädchen, hier kommt mal das Büro rein. Hier wirst du dann sitzen, sagt der Bauherr.

Das Mädchen fährt Schubkarren mit Schutt, sie lernt eine Maurerkelle zu benutzen, trägt Steine. Sie ist das einzige Mädchen auf der Baustelle. Die Polen lernt sie auch kennen. Die sind lustig. Das Mädchen spricht russisch und tschechisch, nach einer Woche auch polnisch.

Mittags kocht die Frau des Bauherren ein warmes Essen. Freitags bekommt sie ein paar Schachteln Zigaretten. Abends fährt sie mit den Freunden von früher in das Matratzenlager und träumt von einem Job als Sekretärin. Wenn erst das Haus fertig ist.

Sie schreibt fröhlich klingende Briefe an die Eltern daheim.

Nach einem Monat fragt sie nach einem Lohn. Der Bauherr vertröstet sie, das Büro sei bald fertig, dann könne sie bei ihm arbeiten. Und sorge er nicht gut für sie alle?

Sie schleppt weiter Steine und Mörteleimer und kehrt Baudreck aus dem halbfertigen Haus. Nach einem weiteren Monat sollen sie auf einer anderen Baustelle arbeiten gehen. Vom Büro ist keine Rede mehr.Sie überwirft sich mit dem Bauherren, der schmeißt sie raus. Bei uns kannst du jetzt nicht mehr wohnen, sagen die Freunde. Die Wohnung bezahlt schließlich der Bauherr.

Sie geht zu den Polen. Der eine junge Mann war doch immer sehr freundlich zu ihr. Er sagt, sie könne bei ihm bleiben. Sie arrangieren sich. Er wohnt in einem Hotel. Nur Aus- und Umsiedler wohnen dort. Er hat einen winzigen ehemaligen Keller bezogen. „Souterrain“ nennt der Hotelbesitzer das. Wenn das Mädchen das Kellerfenster öffnet, weht der Wind die alten Blätter vom Herbst herunter in den Keller.

Sie hat Heimweh. Nach der kleinen Wohnung mit den Vorhängen, die die Mutti genäht hat. Den beiden Bücherregalen, die der Vati für sie gebaut hat. Den beiden Stühlen von den Urgroßeltern.

Lass uns heiraten, sagt der Pole. Das ist hier nur eine Formsache und ich bekomme dadurch eine Aufenthaltserlaubnis. Dann können wir aus dem Keller ziehen. Was soll ich meinen Eltern erzählen? Nichts. Das ist nur Papier. Hier im Westen. Wir müssen zum Rathaus. Aufgebot bestellen. Was ist das? Das ist hier so. In ein paar Wochen sind wir verheiratet und ziehen aus dem Keller. Das ist nur formal. Wirst schon sehen.

Sie steht am Kellerfenster und schaut auf die Schuhe der vorbeieilenden Passanten, während der Pole auf der Baustelle arbeitet.

Eines Tages klopft eine wunderschöne Frau und sucht den Polen. Sie ist verwundert über das Mädchen. Das Mädchen staunt die schöne Frau an. Sie sei die Freundin des Polen. Ja, seit vielen Jahren schon. Er habe erzählt, er wolle eine Deutsche heiraten, damit sie beide in Deutschland bleiben könnten. Die schöne Frau und er. Wieso das Mädchen hier aber wohnen würde, das wöllte sie wissen?

Das Mädchen packt ihre Sachen und läuft durch die Stadt. Nach Hause kann sie nicht. Sie hat kein Geld. Sie kann nicht anrufen, jemand möge sie holen. Wen denn? So ist sie nicht erzogen.

Sie bleibt vor einem schönen Friseursalon stehen und erinnert sich, irgendwann mal gehört zu haben, dass Friseure immer gesucht würden. Dort im goldenen Land. Sie geht hinein und sagt, sie würde gern hier arbeiten. Sind sie Friseurin?, fragt eine nette Frau. Nein, aber ich würde das gern lernen, sagt das Mädchen. Dann erzählt sie alles. Die nette Frau bietet ihr einen Aushilfsjob an im Laden und ein Zimmer. Möbliert unter dem Dach.

Das Mädchen fegt jetzt die Haare im Frisiersalon und legt die Handtücher zusammen. Manchmal darf sie auch einem Kunden die Haare waschen. Der Pole steht tagelang wutschnaubend vor der Tür und verlangt sie zu sprechen. Die nette Frau verjagt ihn jedes Mal.

Abends sitzt das Mädchen in dem kleinen Zimmer und träumt davon, Friseurin zu sein und eine eigene Wohnung zu haben. Nicht dieses Zimmer neben der Afghanin, die jeden Abend laut weint und sich stundenlang im gemeinsamen Bad einschließt und ihre Hände schrubbt. Anfangs hat das Mädchen immer geklopft und Hilfe angeboten, Tee. Die Afghanin will sich nicht unterhalten. Tagsüber frisiert sie freundlich lächelnd die Köpfe der Kunden und abends weint sie laut und scheuert ihre Hände. Das Mädchen weiß nichts über Afghanistan. Die Sowjetunion ist unser Freund und Gorbatschow hat uns die Freiheit geschenkt.

Sie schreibt immer noch fröhliche Briefe nach Hause.

Einmal kommt die Mutti zu Besuch. Die nette Frau bietet an, der Mutti die Haare schön zu machen im Frisiersalon. Die Mutti schämt sich, hat sie sich doch zu Hause die Haare so schön gemacht mit Lockenwicklern.

Als das Mädchen die Mutti das nächste Mal wiedersieht, ist nichts mehr, wie es einmal war. Ähnlich wie Irina im Buch musste sie auch lernen, dass Freiheit kein Versprechen ist. Vielmehr eine Chance und eine große Verantwortung. Und es würde noch sehr viele Jahre dauern, bis sie die Früchte dieser Verantwortung und Chance ernten würde. Sie wurde nie Sekretärin. Auch nie Friseurin. Der Prinz mit dem weißen Schimmel ist auch niemals gekommen. Also nicht mit dem Schimmel. Mit einem hellblauen Trabi kam er gereist. Und mit diesem Zweitakter sind sie in die hoffnungsvolle Zukunft getuckert und haben sich ihr Bullerbü aufgebaut.

Menschenskinder, so spät schon! In einer ganz anderen Zeit lege ich das Buch beiseite und denke mir: ´Mist, die Jungs kommen gleich aus dem Zoo! Und ich hab noch nichts gekocht! Zwei Tage Bettruhe reichen vollkommen! `.Foto-2

Draußen strahlt die Sonne in bunt gefärbten Bäumen. Heute ist ein schöner Tag! Und ein besonderer.

6 Kommentare zu “Freiheit

  1. Schöne Geschichte über eine Zeit, in der alles plötzlich so anders war. Zum Glück hatte der Pole das Nachsehen und der Prinz den Trabi 🙂

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