Der wilde Westen

Als Kind war ich fasziniert von allem, was aus dem Westen kam. Jedes „Bravo“-Fitzelchen wurde gebügelt und gepflegt und jeder Plastikbeutel zwanzig Mal gewaschen und so lange benutzt, bis er auseinandergefallen ist. Ich wusste: Ich wollte dort unbedingt hin, wenn ich groß wäre. Und nun bin ich da. Im Westen! Das is ein Ding!

Die große Sehnsucht. Der goldene Westen. Das Land, wo Milch und Honig fließen und es jeden Morgen „Kaba“ in der Milch gibt und nicht nur alle paar Monate „Trinkfix“, wenn die Mutti mal eine Packung erstanden hat. Das Land, wo alles riecht wie ein Westpaket. Nach einer Mischung aus „Fa“-Seife, Schokolade und Kaffeepulver. Wie im Intershop, wo ich einmal, nachdem ich ganz besonders tapfer beim Zahnarzt war, mir für einen Forumscheck im Wert von fünfzig Pfennig diese „Hitschler“-Kaugummis kaufen durfte, die eine kleine Schatzkiste auf der Verpackung draufgeschweißt hatten…

Ich fand alles toll, was aus dem Westen kam. Und nicht nur ich. Bekamen wir eine Seife geschickt, durfte die nicht benutzt werden (Die wird doch sonst alle!), sondern die wurde für Jahre zwischen die Handtücher in den Wäscheschrank gelegt. Ich habe mich bei Oma Charlotte einmal mit „Pril“ gewaschen, weil ich gut duften wollte. Nach Westen. Und wenn ein großer Umzugslaster im Wohngebiet hielt, um Sachen einzuladen die ein Übersiedler nachholen wollte, standen wir Kinder daneben in einer Traube (´Hamse een Kaugummi? Oder een Kuli für mich?`Meine Mutter hat mir damals Betteln strikt verboten, ich habe mich nicht dran gehalten. Das war doch alles viel zu aufregend! Zu meiner Ehrenrettung kann ich nur sagen, ich war nicht alleine!)

Mein Vater hatte einen Kollegen, der Anfang der Achtziger übersiedelte. Dieser Typ war ein Scherzkeks. An Weihnachten bekamen wir ein Päckchen mit Schokolade, der obligate „Fa“-Seife und wahrscheinlich war auch Autopolitur drin, mein Vater war verrückt nach dem Zeug! Ach, und so ein Ding in Alufolie gewickelt fanden wir. Wir drehten es alle nacheinander in den Händen („WAS IST DAS?!“), packten es vorsichtig aus und waren immer noch nicht schlauer. Vor uns lag eine Kartoffel mit Pelz. Wozu man das Ding verwendet und ob das gar etwas Essbares sei, wir fanden keine Erklärung. Auch der Geruchstest ergab keine Auflösung. Das Ding roch neutral. Wir schmissen es weg und gingen an diesem Abend mit der Überzeugung ins Bett, dass wenigstens die Kartoffeln im Osten eindeutig besser aussehen!

komische Kartoffel

komische Kartoffel

 

 

 

 

 

 

 

Als ich achtzehn war, schickte mir meine Freundin Dorit eine Einladung in den Westen. Sie war mit ihren Eltern nach Rosenheim übergesiedelt und die Reisebedingungen hatten sich etwas gelockert, also bekam ich die staatliche Genehmigung. Ich weiß nicht mehr genau, wie das ablief. Aber ich musste mit dieser Einladung zu einer amtlichen Stelle die Genehmigung abholen und mit dem Genehmigungswisch bekam ich eine Fahrkarte ausgestellt. Ich fuhr los. Aufgeregt.

Irgendwann hielt der Zug, draußen konnte ich MÜNCHEN lesen auf einem Schild. Ich blieb sitzen, schließlich wollte ich ja nach Rosenheim. Dann kam eine Fachkraft der Reichsbahn und teilte mir mit, dieser Zug ende hier. Ich zeigte meinen Fahrschein und bestand auf einen Weitertransport! Ohne Erfolg. Und so war mein erster Eindruck vom goldenen Westen: der Münchner Hauptbahnhof. Ich war mutterseelenallein im Wunderland.

Ich weiß heute noch, wie erschlagen ich von dem Ambiente war. Die Werbung, die vielen Menschen! Ich wusste nicht wohin. Also eigentlich schon: nach Rosenheim! Aber wie? Irgendwann bin ich zu einem Schalter gegangen und habe mein Anliegen vorgetragen. Nach einigen Verständnisschwierigkeiten (Ich hatte noch niemals vorher Bayrisch gehört und entsprechend meine Schwierigkeiten) verstand ich, ich müsste nachzahlen. Konnte ich nicht und brach in Tränen der Verzweiflung aus. Dann: “Hams scho da agrufen in Rosenheim?“ (oder so ähnlich). Natürlich nicht! Ein Telefon besaß in der DDR, wer eine wichtige Persönlichkeit war oder seit fünfundzwanzig Jahren ein aktives Parteimitglied. Ich war noch nicht mal fünfundzwanzig Jahre alt und auch nicht wichtig. In unserem Mietshaus lebten zehn Familien, darunter zum Glück ein Polizist mit Telefon. Immer wenn ein Mieter angerufen werden musste, rief man dort bei Polizistens an und die holten dann den Nachbar ans Telefon. Ergo hatte ich nie nach der Telefonnummer meiner Freundin gefragt. Die Idee kam mir schlichtweg nicht!

Die nette Frau am Schalter schenkte mir eine Münze und schickte mich zur Telefonzelle. Die nächste Verzweiflung bahnte sich an: Ich fand den Schlitz nicht, in den man die Münze stecken muss zum Telefonieren! Ich befühlte den ganzen Kasten, nichts. Mit klopfendem Herzen sprach ich mehrere Passanten an mit der Bitte, mir zu zeigen, wo der Schlitz sei. Sie verstanden mich nicht. Nicht meine Sprache (das waren einige), nicht mein Anliegen (das waren andere). Irgendwann erbarmte sich jemand und erklärte, dass man die Münze AUFLEGEN sollte auf so eine Art Schieber, dann den Schieber nach rechts bewegen, die Münze rattert in den Automaten und man kann telefonieren. Also auch ich. Aus Rosenheim kam nur das Freizeichen zu mir an (die Telefonnummer hatte ich zwischenzeitlich selbständig aus dem Telefonbuch rausgefunden).

Ich weinte mittlerweile hemmungslos und wenn irgendwo ein Zug gestanden hätte mit dem Ziel „Dresden“ oder „irgendein Bahnhof im Osten“, ich wäre eingestiegen.

So tapperte ich wieder zu der netten Frau am Schalter. Aufgelöst wie ich war und offensichtlich noch nicht abgestumpft von den Horden an einreisewilligen und bedürftigen Ossis, die noch auf sie zukommen würden, erbarmte sie sich meiner und stellte mir die benötigte Fahrkarte nach Rosenheim aus und brachte mich sogar zu dem entsprechenden Zug (Danke noch mal an der Stelle!).

Ich kam tatsächlich in Rosenheim an und am Bahnsteig stand meine Dorit!

Der Rest des dreitägigen Aufenthaltes verlief verhältnismäßig langweilig (Ich konnte mich nur mit meiner Freundin und ihren Eltern unterhalten, die anderen Menschen verstand ich schlichtweg nicht. Und der Ehemann meiner Freundin, so lernte ich, hatte keine langjährige Haftstrafe hinter sich, sondern war ein Rocker und deshalb tätowiert. Er ignorierte mich nach einer halben Stunde für den Rest meines Besuches, da ich auf seine freundlichen Versuche einer Kommunikation nur mit staunenden Augen und „Dorit, was sagt dein Mann da zu mir?!“ reagierte.).

Ich reiste nach drei Tagen mit Tüten voller alter Otto- und Klingelkataloge ab (Was ich damit wollte, weiß ich nicht. Nur, dass ich kaum noch gehen konnte, so schwer trug ich daran.) und einem neuen Leibgericht: Fischstäbchen!

Einige Zeit später hat es mich in meiner Abenteuerlust ins Rheinland verschlagen und als mein Mütterlein sich eines Tages auf den Weg machte, um ihre abenteuerlustige Tochter zu besuchen, verpasste ich irgendwie die Einfahrt ihres Zuges in Köln. Er stand schon leer auf dem Bahnsteig. Keine Mutti! Panisch und mit der Erinnerung von München beladen (Oh Gott, die arme Mutti! Irrt auf dem Bahnhof rum! Kann nicht telefonieren! Weiß nicht, wo ich bin und wo sie hinsoll!) raste ich zur Information und lies sie mehrmals ausrufen.

Nichts.

Ich suchte den Bahnhof nach ihr ab, jemand vom roten Kreuz half mir sogar, nachdem ich die Situation mit meiner hilflosen Ossi-Mutter drastisch in allen Farben geschildert hatte.

Immer noch nichts. Ich sorgte mich unendlich.

Als ich partout nicht mehr wusste, was ich auf dem Kölner Hauptbahnhof jetzt noch ausrichten könnte und annahm, sie sei gar nicht gekommen, fuhr ich Richtung Bonn heim nach Bornheim. Auf dem Bahnsteig der kleinen Kleinstadt Bornheim steht mein Mütterchen, quietschfidel, und begrüßt mich mit den Worten: „Da bist du ja endlich! Ich bin schon mal losgefahren damit du mich nicht extra abholen musst!“. Ich schüttelte sie vor Freude über das Wiedersehen und völlig perplex wollte ich wissen, wie sie denn alleine von Köln nach Bornheim gekommen sei. „Aber Mädchen, ich habe einen Mund zum Fragen und die sprechen ja schließlich auch deutsch hier!“.

Aha.

Fünfundzwanzig Jahre später bin ich immer noch ein großer Fan der Wiedervereinigung. Und von Handies!

Und Fremden in Not helfe ich aus Prinzip. Egal, woher sie kommen und womit sie Hilfe brauchen. Ich hab da was gutzumachen, fürs Karma!

5 Kommentare zu “Der wilde Westen

    • Stell dir mal unsre Mutter vor, wie sie auf dem Kölner Hbf steht und die Leute anquatscht:“ Sachen se ma, gibts hier eene Straßenbahn oder was? Ich muss nämlich nach Bornheim!“. 🙂

  1. Herrlich…so oder ähnlich hat sich wohl jeder Ossi gefühlt damals. Aber wir haben doch schnell gelernt, oder?

    • Es hat gedauert! Ich habe noch Jahre später schlimme Schamattacken gehabt, wenn neben mir beim Italiener eine Ehepaar bestellte mit den Worten: „Mir nehmen die Gnotschis!“.

  2. Ach herrlich:) Erinnert mich an mein erstes Photo im Passbildautomaten. Ich habe mich so erschrocken, dassich rausgesprungen bin-nur weiße Bilder:) Hypermoderne Klos, bei denen man die Klospülung nicht fand, die erste Mango auf der Heidelberger Fußgängerzone und und und…:)Schöne Erinnerung! Vielen Dank fürs Teilen!

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