Partykultur im Wandel

Heute morgen wurde ein lustiges Liedchen in meine Timeline gespült und ich habe vor Lachen meinen Soja-Latte über das Tablet gesprüht!

(Bitte Geduld, ab 2:40 geht das Liedchen los)

Ja, in diesem Alter bin ich auch. Bei Instagram habe ich unter „gespeicherte Links“ ungefähr vierzehnhundert Rezeptvideos. Und zwölfhundert Kuchenrezepte als Posts. Und Anleitungen für Aufstriche, Salate und  selbstverständlich Dessertrezepte. Bei Pinterest sieht das ähnlich aus. Ja, schuldig!

Und früher, also früher, da war viel mehr. Von allem! Also allem außer Dips und Guacamole. Früher kaufte man einen Kasten dunkel, einen Kasten hell, zwei Pullen Rotwein (Sangria; ja, Sangria ging als Rotwein durch) und ein Kilo Chips – ready to party! Und überall wurde geraucht. Das Schlafzimmer war nicht verschlossen, als müsste man einen geheimen Darkroom, gekachelt und mit Abfluss in der Mitte vor den neugierigen Blicken verstecken. Nein, da lagen dann auch Leute rum und rauchten und redeten, denn genug Stühle hatte niemand den ich kannte. Manchmal brachte sogar jemand eine Schüssel Kartoffelsalat mit, wo dann allerdings bestimmt Zwiebel fehlte, aber das wurde leergefressen unter frenetischem Jubel. Kein Mensch machte sich über die Lautstärke des Gelächters oder der Musik Sorgen, außer, die Nachbarn hatten sich noch nicht beschwert…

Und noch früher basierte das Partykonzept auf dem magischen Wort „sturmfrei“. Hatte jemand in meiner Clique sturmfrei – also die Eltern waren ohne den hauseigenen Pubertäter verreist und das passierte weit öfter als heute üblich – dann gingen wir dort hin! Und wie. Es war auch üblich, dass nur jemand jemanden kannte und wusste, derjenige hatte „sturmfrei“ und machte ne Fete und wir alle gingen hin! Wenn ich das in meinen heutigen Kontext übertragen würde, wäre das folgende Situation: Ich habe vor Wochen ein Doodle rumgeschickt an einen auserwählten Adressatenkreis wegen der Terminfindung, danach Listen angefertigt um das kulinarische Konzept des Abends zu spezifizieren. Dann drei Tage in der Küche zugebracht, mindestens, und nun ertönt aus den Boxen Loungemusik, da klingelt es an der Tür, zehn mir völlig unbekannte Menschen schieben mich beiseite und treten herein mit den Worten: „Hier steigt heute ne Party?! Wo ist das Bier!“. So wäre das.

Gruselig, oder? Früher war das aber völlig normal! Also in meinem Dunstkreis (vielleicht gehörte ich aber auch einer Horde Vandalen an, das kann ich rückblickend nicht mehr sagen). Ich erinnere mich an Sommerferien, die ich nahezu vollständig in der elterlichen Wohnung eines Freundes zubrachte, zusammen mit einer größeren Menge anderer Jugendlicher. Die meisten pennten auch dort. Einer sogar im Gitterbettchen des kleinen Bruders vom sturmfreien Freund, das fand sogar ich schräg. Weder war das Schlafzimmer der Eltern tabu, noch die Kosmetiksammlung der Mutter. Dem Rosettenmeerschwein wurde bereits in der ersten Woche ein Irokesenhaarschnitt verpasst, dieser mit Schulmalfarben bunt angemalt und der armen Meersau Ketten um den Meerschweinnacken gehängt. Wenn nichts zu essen im Haus war, lagen wir auf der Lauer, bis der LKW vom VEB Backwaren um die Ecke bog um einen riesigen Sack mit Semmeln im Hof vor dem Konsum abzustellen. Dann flitzten wir hinunter und klauten Semmeln, so viele wir tragen konnten und wieder waren ein paar Tage gerettet (Ich denke, auch das Meerschwein bekam was ab davon). Einmal kletterte ein Freund in ebendieser Wohnung unterm Dach außen rum von Fenstersims zu Fenstersims, weil sich zwei der Freunde in einem Zimmer verschanzt hatten und die Neugierde über die geheimen Tätigkeiten größer war als die Höhenangst. Und größer als die Vernunft sowieso.

Heute würde dieser Jugendliche mit Tatütata abgeholt werden und zur Beobachtung und zum Test auf Substanzmissbrauch in einer Klinik untergebracht werden. Dabei waren die einzigen Substanzen, die in uns gurgelten, schlichtweg unsere übersprudelnden Hormone!

Ich hatte niemals „sturmfrei“. Meine Eltern hatten wohl ausreichend Fantasie um sich vorzustellen, was dann passieren würde. Vielleicht auch, weil sie selbst eine ausufernde Partykultur pflegten. Ihre Kostümparties waren berüchtigt! Da wurden lauthals Rülps- und Furzwettbewerbe ausgerichtet und überhaupt wurde niemals Rücksicht auf uns Kinder genommen. Ich sehe mich andauernd mit meiner kleinen Schwester an der Hand im Flur stehen wie zwei kleine Nachtgespenster und mich über den Krach beschweren, wir könnten nicht schlafen bei dem Lärm!

So war das damals, bevor Guacamole in unser aller Leben zog.

Und heute? Heute bin ich die Elterngeneration, deren Fantasie überschwabbert beim Gedanken, das Fortpflänzchen alleine in der Bude zu lassen. Aber da besteht gar keine Gefahr! Die sind ja alle so anständig! Keiner raucht, die ganz Verwegenen dampfen vielleicht. Gekifft wird nur nach „safer use“-Regeln (die mir mein Sohn erklärt hat), sexuelles Ziel sind nicht die größte Menge an Erfahrungen sondern stabile Beziehungen. Mit achtzehn. Mein Sohn ist erwachsener als ich mit Mitte dreißig war, das kann ich getrost hier hinschreiben. Und guck, die beiden Männer in dem Video sind durch meine Brille betrachtet, auch super jung, reden aber wie Leute in meinem Alter, also alte Leute. Woran liegts? An der Guacamole?!

Trotz allem will ich mal festhalten, dass ich urst froh bin, dass ich ohne Check meiner Haus- und Haftpflichtversicherung und ohne alle Zimmer abzuschließen das Haus verlassen kann mit dem Bubi drin, wenn ihr mich allerdings fragt, ob ich heute noch mal achtzehn sein wöllte:

Wäh?! Wofür denn?

😀