Gedanken beim Apfelschneiden

Gedanken beim Apfelschneiden

Pink Lady, was für ein Name für einen Apfel! Irgendwie erinnert mich dieser Apfel an Schneewittchen, aber ich gebe zu, da hat der Herr Cripps 1973 einen großen Wurf gemacht, als er durch eine natürliche Kreuzung diese Apfelsorte kreierte. Knackig, süß, prall und glänzend poliert, optisch aufdringlich verheißungsvoll wirken diese makellosen pinkfarbenen Geschöpfe nahezu obszön in ihrer Aufdringlichkeit, mit der sie mich aus der Obstauslage anblitzen. Du willst mich! Deine Kinder wollen mich! Nimm mich!

Äpfel sind der Nieselpriemschn liebstes Obst. Und so schäle ich circa fünfzehn Stück pro Woche, immer mit einem Messer, nie mit einem Schäler. Ich sehe auf die geschwungene Schalenspirale herab, die sich unter meinen Händen bildet und denke an Tom Hanks, wie er mit weidwundem Blick sagt: „Deine Mama konnte einen Apfel schälen, dass die Schale ein einziges langes Band ergab.“, und frage mich, ob sich jemand auch so an mich erinnern wird.

Der Blondino nimmt den Teller Apfelschnitze entgegen und schnüffelt an ihm. Das tut er immer, und ich muss jedesmal lächeln. Das Kind schnüffelt wie ein Welpe. Eigentlich erkundet er alle Gegenstände und neuen Menschen mit der Nase. Ich mache das auch, natürlich deutlich subtiler, also zumindest hoffe ich das! Dennoch, jemand, den ich „nicht riechen“ kann, wird schwerlich auch nur irgendeinen Platz in meinem Leben einnehmen.

Gerüche sind elementar für mich. Ich habe zu vielen Situationen einen typischen Geruch abrufbar in meiner Erinnerung. Old Spice und Motorenöl, mein Vater. Tabak, Pomade und Zigarettentabak, mein Opa. Die Wohnung der einen Großeltern roch nach Bratensoße und Tosca und ich höre das verrauchte herzliche Lachen meines Großvaters, wenn ich diesen Geruch abrufe. Auch jetzt noch, nach so vielen Jahren. Meine Oma Else roch nach Gurkensalat und eingekochtem Birnenkompott. Nach Wolle, in Säcken gelagert, dazwischen getrocknete Orangenschalen. Hauptsächlich aber roch ihre Wohnung nach Äpfeln, die in Stiegen nachreiften. „James Grieve“ hieß die Apfelsorte. Glänzende dicke Schale, weiches helles Fruchtfleisch und ein unvergesslicher Duft. Der Kindergeruch meiner Söhne, warmer Apfelkuchen der Große, Grießbrei der Kleine. Der Geruch ihrer weichen Füße.

Ich frage mich, was für meine Kinder der „Geruch der Kindheit“ sein wird, wenn sie sich irgendwann zurückerinnern. Ob sie sich erinnern? Und wird das der Duft von Pink Lady sein oder Boss aus der Flasche, das der bärtige Boss aufträgt? Wird ihr Kindheitsgeruch der nach Erbsensuppe sein, die ich einmal wöchentlich für den Großsohn kochen soll oder vielleicht irgendwas aus einer Flasche, die ich im Bad stehen habe? Werden sie sich an warmen Kuchenduft erinnern, der eigentlich immer aus meiner Küche wabert oder an den Geruch ihrer bunten Kinderbettwäsche? Vielleicht daran, wie meine Halskuhle riecht, an der ihr Gesicht so oft lag, wenn ich sie tröstete, sie hielt, wenn sie Nähe brauchten?

Ich hoffe, sie werden es mir erzählen, irgendwann in zwanzig, dreißig Jahren. Und ich hoffe, ich habe so lange Zeit zu warten. Dass ich sie so lange begleiten darf. Und dass es noch sehr lange dauert, bis sie sich an einem verschneiten Wintertag an mich zurückerinnern und sagen: „Mit ihr war der Schnee ein bisschen weißer.“, wieder Tom Hanks, wieder „Schlaflos in Seattle“.

Und ich denke heute beim Äpfelschneiden an eine liebe Kollegin, jung, zwei kleine Kinder, die gerade um ihr Leben kämpft. Ich erinnere mich an den zarten Duft ihres Parfums, wenn sie mich umarmte, ihr Lächeln. Sie ist ein Mensch, der andere mit ihrem ganzen Wesen umarmen kann, mit ihren Händen, dem Blick und mit dem, was sie sagt. Während ich mit wehem Gefühl an sie denke, schlurft der neunzigjährige, unfreundliche Nachbar an meinem Küchenfenster vorbei zur Papiertonne. Ich weiß nicht, wie der alte Mann riecht und spontan kommt mir der Gedanke, dass das Leben nicht fair ist in seiner Verteilung. Aber für irgendjemanden ist bestimmt auch er voller Erinnerungen und Düfte. Erinnerungen an Schlittenfahrten vielleicht und den Geruch von warmem Kakao danach, an bärtige Gutenachtküsse und schwielige Händedrucke. Ich hoffe es.

(c) pixabay

 

Weil ich euch leider keinen Apfel anbieten kann, geb ich euch diesen Apfel zum Nachdenken mit:

„… Ein kleiner, im Herzen eines Apfels versteckter Kern ist ein unsichtbarer Obstgarten. Doch wenn dieser Kern auf felsigen Boden fällt, wird nichts daraus hervorgehen.“
Khalil Gibran

 

 

Winter… auch das noch!

Wie ich das hasse! Gehst du arbeiten, verlässt du im Dunkeln das Haus und kommst im Dunkeln wieder. Schlurfst in sackähnlichen Lagen durch matschige Straßen. Und dieser Schnee! Muss das denn sein? Seit Jahrzehnten wird die globale Erwärmung propagiert, aber Frau Holle ist das wurscht. Irgendwie leckt da die Informationsübermittlung. „Kein Schnee in Deutschland! Wir haben globale Erwärmung!“ Das kann doch nicht so schwer sein.

Doch.

Es kommt runter, das krümelige Scheißzeug. Allen Unkenrufen zum Trotz. Und versaut mir den Tag. Mützen versauen mir außerdem die Frisur und der Schneematsch die italienischen Schuhe. Ich kann dieser Winterromatik nichts abgewinnen. Schneebedeckte, unberührte Natur, von mir aus! Guck ich mir auf einem Bild an. Hier, Bild:IMG_0398

Noch eins? Na gut. Hier. Büsche mit Schnee. Pieschen.

IMG_0401Und mit Kindern ist Winter ja noch doofer! Da stehe ich in Vollmontur im Flur und versuche, ein sich wehrendes Kleinkind in Schneeanzug und Socken, Mütze und Stiefel zu stecken, während sich dieses Kind windet und protestiert. Mir läuft der Schweiß in Strömen zwischen den müden Brüsten runter und ich hab schon die Faxen dicke, da hab ich noch nicht mal das Haus verlassen! Dann kommen noch zwei Treppen. Natürlich will das Kind nicht getragen werden! Aber laufen, also laufen will es aber auch nicht. Es steht so Stufe für Stufe in seinem dicken Anzug rum. Dann wird ihm auch heiß. Dann heult es. Wirft sich auf die Treppe, rutscht drei Stufen bäuchlings herunter. Wird dann zur mütterlichen Tasche unter irgendeinen Arm geklemmt und gegen seinen Willen aus dem überheizten Haus gewuchtet. An der Stelle reicht es mir dann eigentlich schon gänzlich.

Rückzu ist es auch nicht schöner. Ehe man das unkooperative Kleinkind aus der Eskimo-Pelle geschält hat, taut man selbst und die Stoffwulst des Kindes fröhlich vor der Tür. Und immer, aber wirklich immer, trete ich dann mit Strümpfen in so eine scheißnasse Pfütze vor der Scheißtür und habe dann nicht nur nasse Füße, sondern auch Scheißlaune! Und dann hängt überall in der Bude irgendwas Feuchtes zum Trocknen rum. Als ob nicht sowieso schon überall Zeug hinge. Und der durchschnittliche Handschuh- und Mützenverbrauch im Winter ist doch bei Kindern auch nicht mehr mit zwei Gehältern zu bezahlen, oder? Nach maximal zweimaliger Benutzung ist stets ein Handschuh verschwunden. Wohin? Was weiß denn ich!

Ja, früher, als ich selber Kind war, da war das toll. Da hatten wir auch noch richtige Winter. Mit knirschendem Schnee und Sonne, die die weißen Wiesen glitzern und funkeln ließ. Schneemänner bauen. Mit bloßen Händen, natürlich, sonst wird das nicht schön. Bis die Finger rot und steif waren. Und wie das kribbelte, wenn man dann wieder ins Warme kam! Ich kann mich noch an das Geräusch erinnern, das die Schneebälle machen, wenn man sie drehend aufeinandersetzt. So ein leises Knirschen. Und dann mit Schnee die Kanten verschmieren, damit es hält.

Ich war immer draußen, jeden Tag. Stets in „Steghosen“ und einen dicken Norwegerpullover gewandet, die meine Oma aus Drieselwolle der Pullover meines Opas und meiner Onkel herstellte („Gute Shetland-Wolle!“). Ich sauste auf meinen Schlittschuhen über den Carolasee im Großen Garten und übte wochelang rückwärts übersetzen und Piouretten. Wenn es dunkel wurde, schnell noch mal den Rodelberg rauf und runtergesaust auf dem Hörnerschlitten! Nassgeschwitzet, voller Eiskristalle und mit roten Wangen kam ich abends heimgestapft.

Vorbei!

Wenn man heute als erwachsener Mensch mit Familie in die Winterferien fährt, dann muss man ja schon wahnsinnig sein. Oder verschuldet. Oder weiß ich auch nicht. Und dann stehste da mit hundert anderen am Skilift und regst dich über die Preise der Skipässe auf und rechnest kurz durch, dass du für die Kosten des familiären Winterurlaubes auch einen Monat nach Bora Bora hättest fliegen können. Oder ein afrikanisches Dorf ein Jahr lang grundversorgen. Und versuchst trotzdem, nach außen geistige Gesundheit auszustrahlen! Während du das Outfit der anderen Skihasen checkst. Fire and ice, war ja klar. Und nur du stehst hier in der Tschibo-Ski-Kollektion. Und aprés ski, von wegen! Eine Cola für alle und eine Portion Hütten-irgendwas, dreihundertvierundachtig Euro bitte!

Ach, hau mir ab mit Winter.

Ja, und dann ist das Kleinkind krankgeschrieben und der Patient und die Pflegekraft kriegen den Lagerkoller. Und dann kommt eine SMS: „Gehen rodeln, kommt ihr mit?“. Die einzig logische Antowrt wäre gewesen: „Wäh?!“. Aber siehe oben, Lagerkoller.

Und so sah man mich heute das sich windende Kind in Watte packen, während mir der Schweiß zwischen… und ja, auch das mit der Treppe. Und dann Porutscher und Rutscheteller auf den Wagen schnallen und los zum Kindergarten. Die anderen Canaillen treffen. Innerlich hoffend, dass vielleicht kein Schnee liegt auf dem anvisierten Hügel („Ach, schade schade! Wirklich jammerschade!“), dann könnte ich eine Runde lüften fahren mit dem Kinderwagen und danach wieder halbwegs trocken ab nach Hause! Und warten, dass dieser blöde Winter endlich vorbei ist.

Aber irgendwie war es ganz anders. Es lag an der Gesellschaft. Inmitten lauter glücklicher Hosenscheißer mit strahlenden Gesichtern war alles ein Genuss. Dass Schnee auf dem Rodelberg lag, konte ich schon gar nicht mehr negativ bewerten. Und wie die sich freuten! Und wie lieb die waren. Untereinander. Kein Zanken um die Porutscher, kein: „Nänänänä, meiner ist aber schneller/ schöner/ roter!“. Die Großen zeigten schon durch kühnes Zurücklehnen, was mal ein echter Rodelweltmeister werden will und die zukünftigen Klassenclowns waren auch schnell ausgemacht, weil sie sich kullernd den Berg hinunterrollen ließen, um ihre Kollegen zum Lachen zu bringen. IMG_0406 IMG_0408 IMG_0420 IMG_0423 IMG_0426Und lachen. Also lachen. Was soll ich sagen? Ich habe die ganze Zeit gelacht! Gelächelt, gegrinst, gestrahlt. Spaß gehabt! Und bin johlend mit: „Bahne frei, Kartoffelbrei!“ auf dem Teller den Berg runtergefegt, vor mir irgendeinen kleinen, warmen, knubbeligen Hosenscheißer auf dem Schoß. Schnee im Nacken, Schnee in den Schuhen, egal! Ich habs nicht mal gemerkt.IMG_0445Dann sind wir nach Hause gestiefelt, ein paar der kleinen Kumpels fielen unterwegs fast die Augen zu. Dann kam noch die Sonne raus und es fing an zu glitzern…

Hach.

Ich denke, ich baue morgen einen Schneemann. Nur für mich. Einfach, weil es Spaß macht! Natürlich mit bloßen Händen, sonst wird das nicht schön!

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#Familienalbum

Hach, Kinders, da hat die Nina von Frau Mutter ja was losgetreten. Nun sitze ich seit gestern zwischen alten Fotos und zwischen vier Jahrzehnten. Wollt ihr mal gucken?

b7…mit Strickkleid und Spangenschuhen.

b6… mit Familienangehörigen. Ich bin das ganz rechts im modischen Jumpsuit mit Fuchs (Ihr seht, es war echt alles schon mal da!). Wer die anderen beiden sind, darf ich euch aus Datenschutzgründen nicht verraten. Nur so viel: Das große Mädchen mit den Zöpfen war gar nicht so lieb und unschuldig, wie es auf dem Foto scheint. Ja! In der Tat soll sie Kleinere gekniffen haben (mehrmals).

b2… mit todschicker Handtasche und Oma Else.

b5… mit Buch und offensichtlich mitten im Zahnwechsel.

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Das mach ich jetzt lieber nicht so groß, das Foto.

… mit Bauchansatz und Dedoronblouson (das war ein absolut gängiges Wort im DDR-Mode-Jargon).

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… mit John-Lennon-Brille und meinem neuen Freund.

Ach ❤ das mag ich, das Bild! Auch wenn es gar nicht mehr zählt, weil das schon die Neunzigerjahre waren. Ich weiß noch, dass meine einzige Angst war, der Typ in dem anderen Boot könnte einfach so mit unserem Fotoapparat abhauen! Man siehts auch ein bisschen, ich sitze auf dem Sprung, bereit, mich kopfüber hechtend in das andere Boot zu werfen. Der neue Freund hat dann fünfzehn Kilo zugenommen und sich einen Vollbart und einen Sehfehler wachsen lassen (der das Tragen einer Brille erforderlich machte.). Ob das alles geschah, um nicht in Zusammenhang mit ollen Fotos gebracht zu werden, ist nicht bekannt. Ich habe ihn geheiratet. Aber nicht mit dieser Frisur (also meiner). Aber das waren dann sogar schon die Zweitausenderjahre.

Also: Album zu für heute!b1