Saul Goodman

Ihr kennt sicher die Netflixserie mit selbem Namen, und wenn nicht, es geht um einen Anwalt, der – neben vielen spektakulären Kawenzmännerdingens in und außerhalb des Gerichtssaales- seinen Namen ändert von James McGill in Saul Goodman, was jedem Menschen auf der Suche nach einem Rechtsbeistand Vertrauen vermittelt. Wenn man das hört. Also mir. Außerdem kennen wir diesen Saul Goodman alle schon aus „Breaking Bad“, und wenn dir das auch nichts sagt, dann, also dann weiß ich auch nicht, was das noch mit dir werden soll… dann musst du nachsitzen und nachschauen, alles!

Saul Goodman. It´s all good man.

Also. Ich habe mich in Sachen verhunzte Abiturprüfung vor einiger Zeit (ganz genau am sechsten Juli) in juristisch bewanderte Hände gegeben. Im Vorfeld fand ich spannend, dass es (besonders) eine Kanzlei gibt, die bundesweit vertreten will und explizit damit wirbt, Abitur- und andere Prüfungen anzufechten. Sinngemäß steht da, war es zu heiß, zu kalt, der Lehrer war gemein zu dir, sprich mit uns! Natürlich steht da nicht, dass man dann seine Prüfung anfechten kann! Natürlich nicht, das sind Anwälte, aber der juristisch unterbelichtete Laie könnte es so auffassen.

Ich wollte einen Saul Goodman. Einen, bei dem ich mich in Dresden Vorort an einen Schreibtisch setzen kann um die Sachlage zu erörtern. Ich fand in Dresden zwei Kanzleien für Verwaltungsrecht (das ist die relevante Sparte). Einer der beiden Anwälte hat außerdem vor Jahren eine Schule mitbegründet (das konnte ich in der Vita lesen) und hat eine autistische Tochter, die kurz vorm Abitur steht (was ich später im Gespräch erfuhr). Volltreffer! Weil er ja dadurch abseits von Gesetzestexten auch persönlich  irgendwie in das Thema involviert war, was mich hier umtrieb. Abitur plus Inklusion plus Kacke alles. Dieses Thema. Ich dachte irgendwie so bei mir, puh, jetzt ist es auf dem seinem Schreibtisch und jetzt wird alles gut. Jetzt macht der das! Natürlich nur gegen kontinuierlichem Einwurf kleiner Münzen, versteht sich. Ich will euch berichten, wie das so war.

Alles startete mit einer Rechtsberatung zum Thema, der Bubi und ich waren anwesend und Saul Goodman hat das Vorgehen erörtert. Wir haben einen Vertrag geschlossen und für diese erste Rechtsberatung zweihundertfünfzig Euro bezahlt. Er hat uns das weitere Vorgehen erklärt und uns auch informiert, dass es im ersten Schritt  – also bis es zu einem Gerichtsverfahren käme – um die eintausend Euro kosten könnte. Er würde aber kostentransparent arbeiten, sodass wir keine Überraschungen zu erleben hätten. Wir hatten ein gutes Gefühl und waren (sind) außerdem rechtsschutzversichert. Lessons learned: Die Rechtsschutzversicherung (also unsere) greift in so einem Fall erst ab den Gerichtskosten. Alles, was außergerichtlich mit anwaltlichem Beistand zu klären ist, bezahlen wir aus eigener Tasche.

Dann flossen viele, sehr viele Mails hin und her. Im ersten Schritt hat Saul Goodman die Schule informiert, dass wir Einsicht in die Prüfungsunterlagen fordern. Das läuft auf privaten Schulen anders als bei öffentlichen, habe ich mir sagen lassen. Bei öffentlichen Schulen findet da wohl ein Sichtungstermin bei der Schulbehörde statt, bei uns war es direkt in der Schule. Wir mussten nicht dabei sein. Saul Goodman hat die Prüfungsbögen des Bubi, die Aufgabenstellung und auch die Lösungsbögen bekommen und konnte Kopien machen. Ziemlich zeitnah legte Saul Goodman vorsorglich Widerspruch gegen diese eine Prüfung ein, bei der Schule. Wir hatten uns auf die durchgefallene schriftliche Mathematikprüfung fokussiert, es hätte auch die mündliche Nachprüfung sein können (auch durchgefallen), aber die Erfolgschancen standen bei „schriftlich“ irgendwie glänzender am Horizont.

Danach bekamen wir diese Kopien und sollten überprüfen, ob wir einen Ansatzpunkt für einen Widerspruch finden. Das war schwierig. Zum einen dachte ich naiv, der Anwalt hätte da irgendwen am Start oder selbst Expertise um das zu bewerten und zum anderen, ich meine, Leistungskurs Mathe?! What? Ich habe gar nichts verstanden! Und die Lösungsbögen waren ebenfalls kryptisch. Als Laie blickt man nicht durch das Benotungssystem, das kann ich euch sagen. Was da mit wieviel dreiviertelhochachtzehn Punkten bewertet wurde, puh. Abhilfe schaffte zum einen die Aufklärung über das Benotungssystem, die eine befreundete Lehrerin übernommen hat und der Bärtige als einziges Familienmitglied mit höherem Mathematikverständnis hat dann tagelang über den Seiten gebrütet mit dem Ziel, nicht bewertete Extrapunkte zu finden oder Ungereimtheiten.

Der Mann kam zum Schluss, dass mindestens ein Punkt mehr gegeben werden müsste. Danach brauchten wir noch einen Experten von außerhalb, da wir uns nicht in der Lage sahen, das alleine zu begründen. Ein Mathelehrer musste her! Nun war es so, dass wir den auch selbst suchen mussten. Es ist nämlich (leider) nicht so, dass eine Sache, einmal in anwaltliche Hände gegeben, dann auch von selbst läuft. Nein! Ich dachte im Vorfeld, so ein Fachmensch hat da einen Stab an Experten im Telefonbuch, die er entsprechend der Anforderung einfach so zu Rate zieht. Und uns das dann nur in Rechnung stellt. Nein, Eigeninitiative war wirklich an der Tagesordnung.

Der unabhängige Mathelehrer hat sich das dann auch noch mal angeguckt (gegen einen Obolus von 150,00€) und ebenfalls einen Punkt gefunden, der unter Umständen noch bewertet werden müsste.

Nun war es allerdings so, dass dieser eine Punkt den Bubi nicht bis zur Mindestpunktzahl von fünf katapultiert hätte. Man muss es nicht umschreiben: Diese Matheprüfung strotzte vor Minderleistung. Das Perfide war ja, dass er mit wirklich guter Vornote in die Prüfung gegangen war und nicht rekapitulieren kann, was da los war, warum er an diesem Tag das nicht zeigen konnte. Für diejenigen, denen die Vorgeschichte nicht geläufig ist, hier kann das noch mal nachgelesen werden.

Was wir gefunden haben, war eine zum Teil absurde Umsetzung der geforderten Aufgabenadaption, die – laut Anwalt – eine gute Aussicht auf Klageerfolg hätte. Wir haben uns dagegen entschieden. Ich erkläre das gleich. Gewünscht hätten wir uns etwas wirklich profanes wie zwei bis drei Ansätze hinsichtlich der Benotung. Dann hätten wir über die Schule oder Bildungsagentur relativ zeitnah eine Wiederholung erreichen können, bei einer Klage ist das anders. Wenn wir klagen, dann muss das bei Gericht eingereicht werden. Dann wird irgendwann ein Termin festgesetzt, dann muss vorgetragen, bewiesen etc. werden, irgendwann wird darüber dann entschieden. Selbst wenn zu unseren Gunsten, wann wäre das denn? Das kann keiner sagen. Denn es ist ja nun so, dass unser Sohn sich um eine Ausbildungsstelle bewerben wird. Stell dir vor, er bekommt dann für Sommer nächsten Jahres einen Nachprüfungstermin, ist aber zum Einen schon aus dem Stoff raus und zum anderen, was bedeutet das dann für den Ausbildungsplatz? Wegschmeißen und sich schnell noch auf einen Studienplatz bewerben, wenn er denn bestünde? Nein, das funktioniert nicht für uns. An dieser Stelle endete das für uns. Also wirklich. Eine Ausbildung mit Abitur ist jetzt hier im Gespräch bei einem Bildungsträger, der viele junge Menschen mit Autismusspektrumstörung ausbildet. Darauf arbeiten wir nun hin.

Ich muss auch noch erwähnen, dass ich sehr wohl die erschwerenden Aspekte mit dem Saul Goodman diskutiert habe: Corona, manche Länder vergaben sogar Extrapunkte, kein Schulintegrationshelfer, unklare Tutorbegleitung. Das ist alles nicht schön, das fand er auch, allerdings hat er mir sehr ernst klar gemacht, dass ich mich SOFORT und in der Situation des Eintretens beschweren hätte müssen und Abhilfe fordern. Nun, im Nachgang, nach verhunzter Prüfung, lässt das kein Richter mehr gelten. Warum haben sie denn nichts gesagt?! Na, ganz einfach, weil alle immer gesagt haben, ich bräuchte mir keine Sorgen zu machen. Und das habe ich dann auch getan – mir keine Sorgen gemacht. Das hat man nun davon.

Im übrigen sind alle Schritte, die wir gegangen sind, bis zur Klageeinreichung bei Gericht ohne anwaltlichen Beistand zu bewältigen. Ich hätte schlichtweg nicht gewusst, wie. Das ganze hat uns etwas über eintausend Euro gekostet. Wenn ihr in so einer Situation seid, wisst ihr nun, Einsicht in alle Unterlagen ist Bürgerrecht. Und Widerspruch kann jeder durchgefallene Abiturient formal selber stellen (oder der gesetzliche Vertreter). Danach braucht ihr jemanden, der das beurteilen kann und dann geht ihr mit dem Ergebnis zur Schule zurück und die kann „dem Widerspruch stattgeben“, das heißt, Fehler in der Prüfung eingestehen und das setzt dann irgendwie einen neuen Prüfungsversuch in Gang, oder sie sagt, „nicht stattgegeben“, und dann muss das vor Gericht, wenn ihr das wollt. Und dann braucht ihr zwingend einen Anwalt, der mit euch die Erfolgsaussichten klärt und auch, wie lange sich sowas hinziehen kann. Es ist ja so, wie Annett Louisan schon sang: … So viele Dinge bekommt man erst dann, wenn man sie nicht mehr gebrauchen kann. Im übrigen entbehrt das Lesen keiner Rechtsberatung, ich habe keine Ahnung, ich gebe nur wieder, was ich erlebt habe und was mir gesagt wurde. Immerhin könnt ihr euch gegebenenfalls tausend Euro sparen wenn euch zumindest der Prozess bekannt ist. Vielleicht wusstet ihr das alles auch schon oder habt das BGB gelesen und verstanden. Anderenfalls war es hoffentlich eine nette Lektüre! 😉

Wir schauen optimistisch in die Zukunft und ich bin friedlich, was das Thema angeht. Ich habe Frieden geschlossen. An dieser Stelle ist jetzt und hier alles gekämpft. Der Sohn will nie wieder einen Fuß in diese Schule setzen, muss er nicht. Er macht jetzt ein freiwilliges Jahr, was ihm gut gefällt und wo alle ihn mögen, was ihm außerdem sehr guttut und im nächsten Jahr dann halt Ausbildung. Und wer weiß schon, was danach ist. ich weiß noch nicht mal, was nächstes Jahr ist! Kleine Schritte und annehmen, was ist, das sind die Lektionen von 2020. Wer weiß, ohne Corona würde ich vielleicht anders aufgestellt sein. Jetzt ist es so, wie es ist. Ich hab den Sohn gefragt, was willst du?! Sollen wir weitermachen? Er meinte, nein. Er wird sich also nun 2021 mit seinem Abiturzeugnis ohne Abschluss um eine Ausbildung bewerben und wenn die Entscheider dort lesen können und wollen, sehen sie recht passable Leistungen aus drei Jahren Gymnasium, das ist doch was.

Ach so! Wenn ihr mich tatsächlich nach einem Rat fragen würdet nach dieser Sache, dann möchte ich den Bubi selbst zitieren, der meinte zu mir: „Wenn ich noch mal von vorn anfangen könnte, würde ich niemals Mathe/Info als Leistungskurs nehmen! Nicht, weil mir das nicht liegen würde, sondern, weil es die allerschwerste Prüfung ist mit dem meisten Stoff. Ich würde Englisch wählen oder etwas, was leicht zu schaffen ist, wo man leicht Punkte einsammeln kann.“. Damit hatte der Bubi hier das letzte Wort und das Kapitel ist nun abgeschlossen. It´s all good, man!

 

 

Ein Kaffee für Frau Nieselpriem

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Die Reifeprüfung

Mein lieber Bubi,

ich soll nicht mit dir reden, hast du gesagt. Und ich solle auch keinen Brief schreiben, hast du gesagt. Ich soll dich doch bitte jetzt in Ruhe lassen.

Nun, das mit der Ruhe kann ich gerade nicht. Gar nicht. Seit Wochen hängen dein Vater und ich in einem Strudel aus Anspannung, was-wäre-wenns und Supportbestreben fest. Das ist ein Scheiß, das kannste laut sagen. Also, wenn dein kleiner Bruder gerade nicht zuhört.

Weißt du, das ist wirklich echt Kacke gelaufen heute. Und vor zwei Wochen auch schon. Ich meine, du hast wirklich passable Leistungen abgeliefert, dreizehn Jahre lang, und nur an an zwei Tagen waren die nicht abrufbar – shit happens! Tja, Abitur adé. Und dann heute die beschissene mündliche Nachprüfung – die allerallerallerletzte Chance, nur kein Druck- und wieder hat es nicht gereicht. Und dann noch diese Abwertung, dieses: „Das war gar nichts, was sie heute gezeigt haben!“, danke.

Als du den Weg zum Haus herunterkamst am heutigen Vormittag, da wollte ich dich nur in den Arm nehmen. Du wolltest das natürlich nicht, das willst du nie. Dein Gesicht, diese Enttäuschung, dich so zu sehen… weißt du, wir sind alle am Boden zerstört, heute. Aber das musst du wissen, wirklich glauben: Es hat nichts damit zu tun, dass wir dich für einen Versager halten, dass wir enttäuscht wären. Im Gegenteil! Wir sind so traurig, weil wir dir von Herzen gegönnt hätten, dass du diesen Sieg einfährst! Weil dein Vater und ich der Meinung sind, du hast das sowas von verdient, dieses alberne Blättchen mit dem Abiturzeugnis. Du hast dich dreizehn Jahre abgestrampelt unter deutlich erschwerten Bedingungen, die letzte Zeit gänzlich ohne Hilfe. Du hast nicht einen einzigen Tag geschwänzt, niemals „versehentlich“ verschlafen, du warst geradlinig bei der Sache. Das hat nicht gereicht. Leider.

Seit Ende letzten Jahres musstest du ohne Schulintegration auskommen, weil der letzte Integrationshelfer krank wurde und in der ganzen Stadt kein Ersatz zu finden war. Deine Schule hat bis heute keinen Integrationsbeauftragten benannt, obwohl sie nach dir in jedem Jahr mindestens einen Schüler mit Autismusspektrumstörung aufgenommen haben, das zusätzliche Geld für die Inklusion nimmt man gerne mit und niemand prüft so genau nach, ob der Auftrag denn überhaupt erfüllt wird, egal. Dann kam Corona und verbannte dich zum Alleinlernen in dein Zimmer. Tutorstunden fielen aus, Prüfungsvorbereitung nur noch im Alleingang. Du hast das wirklich bravourös gemacht! Ich habe dich eigentlich nie genervt erlebt, niemals schlecht gelaunt. Die letzten Tage der Prüfungen, da hattest du entsetzliche Muskelzuckungen, die dich um  den Schlaf brachten, du warst am Ende deiner Belastung, wir haben es alle gemerkt. Und dennoch hast du dich so wacker geschlagen, hast dich zusammengerissen (Auch wenn Autisten immer wieder gern beteuern, das sei per definitionem unmöglich!) und dich motiviert. Es hat nicht gereicht.

Mir will das Herz brechen über deinen Kummer heute, deinem Vater geht es ähnlich. Aber nur, weil wir finden, das ist so ungerecht, so kackdrecksgemein. Weil wir sehen, was du geschafft hast und wie weit du gekommen bist und dass dir wirklich niemals in den letzten dreizehn Jahren irgendwas in der Schule geschenkt wurde. Und zugefallen ist es dir schon überhaupt gar nicht. Wenn ich daran denke, dass du trotz aller Anträge im Vorfeld das Abitur ohne Nachteilsausgleich (lediglich ein paar Minuten mehr Zeit wurden dir zugestanden) ablegen musstest, will ich ein Loch in die Wand hauen! Da wird dir jahrelang zugesichert, dass du die Operatorenliste als Hilfsmittel bei Arbeiten benutzen darfst und in der Prüfungsordnung steht, der Integrationsschüler legt die Prüfungen ab unter den Bedingungen, wie der Stoff gelehrt wurde, und dann wird die für dich so wichtige Operatorenliste auf einmal abgelehnt mit dem Hinweis, das wäre ja sonst ungerecht gegenüber den anderen Schülern und alle müssten unter den gleichen Bedingungen abliefern. Hallooo?!

Chancengleichheit

(Ich bin so inklusionsagressiv, ich könnte was anzünden… )

Ich habe dir im Vorfeld gesagt, ganz egal, wie heute das Ergebnis ausgeht, ich bin stolz auf dich! Du hast dreizehn Jahre Schule gemeistert und ich schau mir deinen Zensurenspiegel an, da steht nichts von „durchgefallen“! Du hast die letzten drei Jahre Leistung abgeliefert, das steht dort. Du konntest es an den Prüfungstagen nicht abrufen, von mir aus, aber du hast es geleistet! Ich lass mir nichts anderes einreden. Du bist absolut großartig und ein fantastischer junger Mensch, den ich so gerne um mich habe.

Und ich habe dir gesagt, wurscht, was dort auf dem Papier steht, ich weiß einfach, du wirst deinen Weg finden und ich wünsche mir nur für dich – nicht für mich – dass du glücklich wirst und zufrieden und deinen Platz in dieser Welt ausfüllst. Ob du dazu als Baggerfahrer deinen Lebensunterhalt verdienst oder als Verkäufer für Tiernahrung, als Biochemiker oder Eintänzer, das ist mir wumpe, solange es deiner eignen Wahl entspricht.

Ich weiß aber auch, dass du das Meerrauschen einschaltest, wenn ich gefühlsduselig werde und liebesschnulzig. Du hast mal gesagt, das könntest du alles nicht ernst nehmen, was ich von mir geben würde, denn ich fände ja immer alles ganz toll, was du machen würdest. Das hat mich nicht gekränkt, ich verstehe, was du meintest. Aber dein Vater ist zum Glück auch noch da und darf den Part des konstruktiven Kritikers übernehmen und dir Rankhilfe sein, an der du dich festhältst und nach oben wächst. Ich muss das nicht. Ich bin der Barde mit den Lobgesängen.

Wenn ich so drüber nachdenke, weiß ich auch nicht, ob ich das super gefunden hätte mit einer Mutter wie mir. Ich weiß nur, dass ich mein erstes halbes Leben versucht habe, die Lücke zu schließen, das Loch zu stopfen, dort, wo die elterliche Unterstützung und Wertschätzung und ewiglich geschworene Liebe und Zuversicht eigentlich hingehören. Und dass ich es um jeden Preis anders machen wollte. Dass ich sowieso gar nicht anders kann, als für immer der größte Fan von dir und deinem Bruder zu sein, das ist für dieses Vorhaben natürlich überaus hilfreich.

Ich werde niemals damit aufhören, auch nicht, wenn du siebzig bist und ich hundert. Auch dann noch werde ich dir sagen, wie glücklich ich bin, deine Mutter zu sein. Und wie stolz du mich machst. Weil es eben nicht von einem Zettel abhängt, was deinen Wert ausmacht. Und noch nicht mal dein Lebensweg wurde heute entschieden, nicht im mindesten, auch wenn du das jetzt sicher denkst. Und dich fragst, was nun aus dir werden soll. Du musst nicht werden, du bist schon.

Ich erzähl dir mal was.

Wenn du jetzt nach dreizehn Jahren auf dem sogenannten „ersten“ Bildungsweg dein Abitur gemacht hättest, dann wärst du in unser ganzen Familie der erste Mensch überhaupt! Ernsthaft. Dein Opa hat die Schule nach acht Klassen verlassen und Maurer gelernt, sich danach irgendwie hochgearbeitet und Abendschule gemacht und war dann Chef von Dings und Bums. Deine Oma hat bei der Post gearbeitet, während der Lehre noch deinen Onkel bekommen und auch „irgendwie“ weitergelernt bis in ihre leitende Position. Damit will ich nicht sagen, dass eine leitende Position erstrebenswert ist, nur, dass beim Schulabschluss nicht entschieden wird, wo die berufliche Reise schlussendlich endet.

Dein Vater hat eine Ausbildung zum Schlosser gemacht und jeden Tag davon gehasst. Danach hat er sein Abitur nachgeholt und war mit dreiundzwanzig fertig damit. Mit achtundzwanzig hatte er das Studium beendet. Du warst fünf Jahre alt damals.

Und ich habe gar kein Abitur! Hab ich damals gedacht, das sei ein Manko? Natürlich. Ich habe eine verhasste Lehre gemacht unter Honecker (Elektronikfacharbeiter, damals noch ohne -in am Ende, Genderfizierung war noch nicht erfunden), danach zwei weitere Ausbildungen angefangen (Frisör, Außenhandelskauffrau) und aus unterschiedlichen Gründen abgebrochen. Erst mit fünfunddreißig (du warst schon da und ich bin täglich morgens um halb vier aufgestanden um zu lernen) habe ich meinen Abschluss als Informatikkauffrau gemacht, der mich zu meinem heutigen Job gebracht hat. Hat mich das zu einem Versager gemacht? Nein. Hatten andere Menschen in meinem Alter viel früher große Autos und schicke Häuser und einen Plan im Leben? Ja, sicher. Will ich rückblickend tauschen? Auf gar keinen Fall!

Was ich dir damit sagen will ist, dass Versagen in den seltensten Fällen wirklich Versagen bedeutet. Versagen ist nur ein Begriff der Abwertung, den du dir selbst auferlegst oder dir von anderen auferlegt wird. Nichts im Leben ist Versagen! Davon bin ich zutiefst überzeugt. Alles führt uns am Ende auf einen bestimmten Weg, unseren Weg! Und du stehst erst am Anfang deines Weges. Ob er verzweigt ist und mit Wurzeln bewachsen oder eine asphaltierte Straße, bei der du den Horizont fest im Blick hast, ich weiß es nicht. Ich hoffe, er ist mit schattigen Bäumen bewachsen und mit Blumen am Wegesrand, damit dein Blick Ablenkung erfährt und du dich nicht immer auf dein Ziel fokussierst. Und dass du immer nette Gesellschaft hast auf deinem Weg. Das ist überhaupt das wichtigste in meinen Augen, aber ich bin alt, das musst du noch nicht verstehen, jetzt mit zwanzig.

Ich möchte dich noch ein Stückchen begleiten, auch wenn ich lernen muss, dir nicht mehr die richtigen Wanderschuhe rauszustellen und dich mit Sonnencreme einzuschmieren, falls der Weg durch die Mittagshitze führt (Metaphern sind nicht so deins, ich weiß, ich schreibe das mehr für mich). Ich würde dich gern für immer behüten und beschützen und dir jede Last und jedes Arg und Weh vom Leibe halten, aber dann macht der Weg auch keinen Spaß.

Weißt du noch, als wir auf Teneriffa auf den La Guaraja gestiegen sind? Das war eine Plackerei. Aber als wir oben waren, wow. Und wie stolz wir da waren! Wir hätten natürlich auch mit der Seilbahn hoch zum El Teide fahren können und auf bequeme Weise die Aussichtsplattform erreicht – ohne Schweißvergießen, ohne Mühen – glaubst du, wir  hätten dieselben Gefühle gehabt da oben?

 

Heute willst du nicht mit mir reden, heute lass ich dich in Ruhe. Aber ich bin hier, ich habe die Ärmel hochgekrempelt und zwei, drei Reiserouten für die nächste Etappe zur Auswahl. Oder du machst erst mal Pause. Du darfst das selbst entscheiden, es ist deine Reise, auf deinem Weg. Wir, deine Eltern, sind nicht die Reiseleitung. Aber wir sind bergerfahren und schluchterfahren, wir sind schon durch Stürme und ohne Ausrüstung gegangen, und du kannst immer auf uns zählen, wenn du uns ein Stück mit dir gehen lässt. Das wird die Reise deines Lebens und sie hat gerade erst angefangen.

Deine Ma