Haustiere und andere Unberechenbarkeiten

Wir hatten neulich Lebensmittelmotten in der Behausung. Da das unser erster Angriff war, waren wir nicht nur vollkommen naiv („Guck mal, da fliegt was! Hm, komisch. Naja, wird sich schon wieder verziehen!“), sondern auch überfordert.

Alles fing damit an, dass wir den jungen Mann allein ließen, während wir anderen drei auf Sommerurlaub fuhren. Er war ausgestattet mit dem notwendigen Wissen, allerlei Fertiggerichten und einem Kochbuch für Studenten.

Als wir wiederkamen, hatten wir Myriaden von Flieggetier in Küche und Wohnzimmer. Der Langbeinige erklärte, er habe extra die Balkontür geschlossen gehalten, damit nicht noch mehr hereinkämen! Mir schwante schon, dass die vermutlich nicht von draußen kamen. Nach einer Inspektion der Küche stellte ich fest, dass weder der Biomüll in den vergangenen vierzehn Tagen geleert worden war (den Eimer muss man nicht öffnen, wenn man sich zwei Wochen lang von Tiefkühlpizza ernährt) und der Brotschieber offensichtlich auch nicht (aus demselben Grund). Nachdem ich alles mit Essigwasser ausgewischt hatte und die biologischen Experimente entsorgt, verschwand die Hälfte der Tierpopulation.

Jedoch, es blieben welche, und die schienen sich zu vermehren. Maden kreuchten an den Wänden – es war ekelhaft! Einmal fiel eine von der Decke dem Mann ins Trinkglas. Ich warf sämtliche Gewürzmischungen weg, überprüfte alle Vorräte, ich fand weder das Nest noch angefressene Lebensmittel. Dass es sich um Trockenobstmotten handeln musste, hatte Google Lense zwischenzeitlich erkennungsdienstlich ausgespuckt.

Erleichterung fanden wir letztendlich nur in Schlupfwespenfallen – ich hatte wirklich alles versucht- und dann auch das Nest: Die Ungeziefer und Ungezieferinnen waren in einer Tüte Erdnüsse mit Schale ins Haus eingezogen. Diese Nussschale hatte ich im Vorfeld bestimmt schon zwölf Mal untersucht und keine Spuren gefunden! Erst nach mehreren Wochen fand ich Staub und Fraßlöcher in den Nussschalen. Ein Scheißdreck, sag ich euch!

Nun zieht diesbezüglich langsam Ruhe ein. Es gibt noch vereinzelt Motten, die umherfliegen und den Ausgang suchen. Wir wedeln und klatschen nach ihnen, es ist schon fast ein Reflex, und der Mann läuft ständig mit dem Handsauger umher und saugt die letzten ein.

Neulich jagte das Kleinste ein Mottentierchen und wir feuerten ihn dabei an. Dann erwischte er es und  – Klatsch!- mit der Fliegenklatsche ans Fenster geditscht! Da stand das Kind kurz wie versteinert. Danach brach es in herzzerreißendes Geheul aus: „Die arme Motte! Die arme Motte ist tot! Ich hab die Motte getötet! Die arme Motte!“. Ursache-Wirkung-Prinzip. Seitdem dürfen wir keine Motte mehr erschlagen, wir müssen sie einfangen, sonst gibt es Ärger mit dem Wutzwerg. Er hat ja sonst keine Haustierfreunde.

Anfang September fanden wir einen Igel im Garten. War das eine Aufregung! Wir servierten sofort einen Apfel, denn sieht man nicht auf Bildern in Kinderbüchern ständig Igel mit Äpfeln umherlaufen? Jetzt sind wir schlauer. Igel laufen nur mit Äpfeln auf dem Rücken umher, wenn sie ein Nickerchen unter einem Apfelbaum gemacht haben und ihnen einer auf Kreuz geklatscht ist. Wie soll sich so ein Igel den Apfel wieder aus dem Pelz ziehen? Genau.

Also bequatschten wir „Pieksi“, wie er/sie nun mittlerweile hieß und stellten Wasser auf. Und wirklich, Pieksi hatte sich eine Wurfhöhle gebaut neben unserem Treppenaufgang und mehrere Wochen sahen wir sie (wir wussten nun, es war eine Mami) mit ihren vier Jungen. Wir belasen uns und erfuhren dabei, dass Igelkinder nur etwa drei Wochen gesäugt werden und nach sechs Wochen den Bau verlassen, da Igel Einzelgänger sind. Wir stellten Katzenfutter und Igeltrockenfutter auf (Katzenfutter wurde lieber angenommen; gekochtes Ei verschmäht und rohes Fleisch haben wir nicht ausgelegt). Nach einer Weile sahen wir die Igel nicht mehr tagsüber, was ein gutes Zeichen sei, sagt das Igel-Internet. Denn Igel treiben sich nur tagsüber umher, wenn sie hungrig/durstig/in Not sind.

Nun gingen wir abends umher, mit Handytaschenlampen bewaffnet um die Igelchen zu sehen. Besonders der Bärtige zeigte ein über-igel-mäßiges Verhalten. Er lief abends das Grundstück ab und bequatschte die Igelkinder, was sie denn am Zaun suchen würden, sie sollen wieder zurück gehen ins sichere Versteck und auch sonst benahm er sich komisch. Er fragte mich dann täglich, ob ich schon unsere Igelkinder gefüttert hätte! Oder er formulierte es als einen Vorwurf: „Du hast unsere Igelkinder heute noch gar nicht gefüttert!“. Als ob die nicht bautechnisch dafür vorgesehen wäre, sich Nacktschnecken zu suchen! Und der Mann nicht in der Lage wäre, selbst was hinzustellen! Aber so ist das.

Wir hatten auf einmal fünf Pieksis. Dann waren es nur noch vier. Eins der Kinder wurde bei Nachbars auf der Wiese gefunden, alle vier Beinchen nach oben gestreckt. Es wurde amtlich beerdigt und wir waren alle furchtbar traurig. Seitdem wurde es still und oft sagte ich, ich dächte, es wäre nur noch einer da. Man sähe immer nur einem am Futter! Als ob ich drei Igel von einander unterscheiden könnte. Außerdem wurde kurz erwägt, alle Schlupflöcher im Zaun abzudichten, damit keines mehr rauskäme und dadurch in Gefahr. Das wurde dann aber aufgrund unserer DDR-Erinnerungen verworfen. Wer Freiheit sucht, stürzt sich in noch halsbrecherische Abenteuer, baut einen Fallschirm aus einer Katzenfutterdose oder was weiß denn ich.

Jetzt ist es still. Die letzte Schale heißbegehrtes Katzenfutter (Marke: „saftiges Huhn“) habe ich heute in den Müll geworfen, drei Tage stand es unangerührt da. Mir ist das Herz schwer. Der Mann denkt, die Igel haben sich unter die Treppe verzogen in den Winterschlaf. Dabei ist es noch nicht mal kalt nachts. Ich bin traurig. Der Mann ist traurig.

Immer öfter kommt deshalb das „Hundethema“ auf den Plan.

Nun muss man wissen, dass ich komplett durch bin war, was dieses Thema angeht, ich habe sogar hier schon mal berichtet.

Was in dem Beitrag völlig fehlt, ist der Umstand, dass wir durchaus wissen, wie es ist, mit einem Hund zusammenzuleben. Das ist auch der Grund, warum wir niemals leichtfertig die Entscheidung treffen würden, uns wieder einen „anzuschaffen“.

Ich hatte Eva, einen Bullterrier, bevor ich den Mann kennenlernte. Ein kluges, sensibles und vollkommen verstörtes Wesen, das aus einem Kofferraum an der tschechischen Grenze gerettet wurde. Zerbissen und vollgekackt war sie dort zwischen zig anderen Welpen eingepfercht gewesen. Sie war gerade vier Wochen alt, als sie zu mir kam. Die Zeit, die ihr zur Zivilisation fehlte bei ihrer Mutter in ihrem Rudel, die haben wir nie aufgeholt.

Dann kam der Mann und Benni. Benni hieß Olaf und war ein DSH-Mix unschätzbaren Alters, als er zu uns kam. Benni saß im Tierheim als Wiederholungstäter. Mindestens dreimal wurde er wieder zurückgebracht. Er sei in das Kinderbett gesprungen, man befürchte, er wolle das Baby beißen, hieß es zum Beispiel von ehemaligen Besitzern. Nun erkennt jeder Mensch, der sich mit Hunden ein wenig auskennt, was das Verhakten eigentlich sagen soll: Ihr habt ein neues Baby, das bekommt ganz viel Aufmerksamkeit, ich will auch Aufmerksamkeit!

Benni durfte sein Altenteil bei uns fristen. Er war liebevoll, immer bei unserem Bubi, der später dazukam, hat den Kinderwagen bewacht und den Schlitten gezogen im Winter (das waren damals noch Winter, in denen man einen Schlitten brauchte). Bennis Halsband liegt noch immer bei uns im Keller in einer Schachtel. Bei jedem Umzug nehmen wir es mit, selbstverständlich. Als wir Benni einschläfern mussten, hat der Mann so sehr geweint, dass ich dachte, er würde an gebrochenem Herzen sterben. Es war klar, niemals wieder kommt ein Hund zu uns, denn Hunde werden nun mal nicht älter als maximal dreizehn Jahre. Und große schon gar nicht.

Denn wenn wir uns manchmal (theoretisch) über einen neuen Hund unterhalten, wird klar, unter fünfundzwanzig Kilo wird es nicht werden! Rhodesian Ridgebacks, Viszlas, Weimeraner, das sind die Rassen, die uns gefallen. Erstaunlich finden wir dabei immer wieder, dass es sich dabei dann später um Moderassen handelte. Einen „ungarischen Vorstehhund“ kannte vor zehn Jahren kaum einer. Heute weiß fast jeder, wie ein „Viszla“ aussieht.

Wir sprechen oft darüber, wie schön das wäre, einen Hund im Haus zu haben. Was das für die Kinder für ein toller Zugewinn wäre. Dass es diesmal ein Welpe sein dürfte, weil wir beide schon unser Soll an traumatisierten, kranken Hunden erfüllt hätten und ob man denn so egoistisch sein dürfe. Und die „Zuchtfabriken“! Und was ist mit den Straßenhunden?! Wir reden.

Und immer mehr wird klar, der Mann will. Jetzt, nicht erst im hohen Rentenalter. Die Kinder wollen sowieso, denen wäre komplett egal, was das für ein Viech wäre! Die nähmen sogar begeistert irgendein Reptil auf, das sich einen Scheiß um uns schert und süße Gerbels verfüttert bekommen müsste, lebendig. No way.

Ein Hund steht also zur Disposition (das mit der Schlange wurde von meiner Seite nur ganz kurz tatsächlich erwogen).

Die Argumentation dafür ist außerhalb der emotionalen (da sind sich alle einig) eher organisatorischer Natur und zielen darauf ab, dass ich a) im Home Office arbeite und mich deshalb b) ja darum kümmern könnte. Natürlich können anders als damals der neue Hund in die nahe gelegene Hundetagesstätte gebracht werden (von mir), allerdings wäre ich dann dennoch dafür hauptverantwortlich. Morgens stehe ich als erster Mensch auf. Zu wem würde wohl der Hund kommen, um zu signalisieren, er wöllte raus? Nachmittags sind das Kind und ich zugange, und der Hund. Der Mann muss ja zum Arbeiten weit weg und ist zehn Stunden aushäusig. Was ist mit einkaufen? Wo bleibt dann der Hund? Was, wenn ich mal zum Arzt muss? Ein Welpe ist im Handling ja auch noch mal anders. Nachts raus, teilen wir uns das? Wie ist das, wenn ich nachmittags noch mal los muss, um Schulkram zu besorgen oder mit dem Kind zum Sport? Wie soll ich das machen? Kann ich das organisieren und besser: Will ich?

Das, was da gefühlsmäßig meine Bedenken flankiert, ist im Großen und Ganzen das blöde mental-load-Thema, das ich so überhaupt nicht für mich in Anspruch nehmen will. Weil es weh tut! Weil es dort zwickt, wo sich Gewohnheit und Bequemlichkeit Fahrspuren für den Alltag gefräßt haben. Weil wir dann ganz schnell nicht mehr über ein Haustier sprechen, sondern über Allgemeinplätze und wer wann was und am meisten macht. Ich will das nicht.

Unberechenbarkeiten. Vor fünfundzwanzig Jahren und zwanzig Jahren kamen die Hunde eher zufällig in mein Leben. Ich habe damals nicht groß nachgedacht, wie das werden könnte. Ich habe mein Leben darum herumorganisiert. Heute nun gehe ich alle Eventualitäten in Gedanken durch und versuche, theoretische Lösungen zu erarbeiten für noch nicht eingetretene Situationen! Weil die Verantwortung gestiegen ist. Weil ich nicht mehr nur für mich und mein Leben verantwortlich bin, das ist es.

Am besten wäre, uns würde ein Hund zulaufen, dann wäre das entschieden. So wie die Igel. Oder die Motten. Könnte mir bitte einer einen Weimeranerwelpen ans Tor bringen, mit einem Schild um den Hals: „Ich bin zugelaufen! Ich wohne jetzt hier!“?

 

 

 

9 Kommentare zu “Haustiere und andere Unberechenbarkeiten

  1. Also wenn du für einen zugelaufenen Hund dein Leben umsortieren würdest, ist die Entscheidung doch quasi schon gefallen ;o)

    Und die Frage ist doch: Möchtest du dich um den Hund kümmern? Wenn ja, kannst du ja vielleicht eine andere Mental Load Sache abgeben…

    Alles Liebe,
    Nadine

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    • Nu klar, auf emotionaler Ebene ist die Entscheidung gefallen! Aber das ganze Organisatorische gurkt mir im Schädel rum. Und das würde sofort stoppen, wenn von außen die Entscheidung getroffen würde, weißt Du, was ich meine? Wenn einer hier stünde, zitternd, dann würde ich das passend machen! So aber drehe ich hier Runden in meinem Kopf. Und ja, ich bin sauer, dass sich keiner wirklich sonst Gedanken macht bei mir. LG, Rike

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  2. Also, wir haben ja zwei Hunde (aktuelle drei wegen einer Pflegestelle) und ich bin ehrenamtlich in einem kleinen feinen Tierschutzverein aktiv… Da gibt es einige tolle Hunde, die einem quasi zulaufen und die man auch noch rettet 🙂 😀 Ihr könnt ja gerne mal schauen…Vergessene Tierseelen 🙂 Liebe Grüße Leonie

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  3. Woah, ich kann das SO gut verstehen. Ich hatte auch schon zwei Hunde, Rieke habe ich aus dem Tierheim geholt, als sie schon 10 Jahre war und ich eine einsame, awkward Studentin. Sie wurde 15. Berta habe ich adoptiert, da war sie 12 und ich frisch verheiratet. Berta wurde auch 15. Beide Hunde waren wunderbare, liebe, treue Seelen. Aber das Loslassen…puh. So ist das eben mit alten Hunden, aber ich bin sehr froh über jeden Tag mit ihnen.

    Das Thema Hund und Mental Load und alles gibt es hier auch. Wahrscheinlich warte ich deshalb nochmal ein paar Jahre, aber vom Tisch ist der Hundehalterinnenwunsch deshalb nicht.

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    • Liebe Liz, schön Dich hier zu lesen 🙂 Ich hatte beim Schreiben auch Deinen Beitrag zum Hund-meines-Lebens vor mir. Mal sehn, wie das hier weitergeht. Bis zur Rente zu warten ist mir zu lange, sogar für meine Verhältnisse! Liebst, Rike

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