Montags

Manchmal braucht selbst ein Blogpost ein Vorwort. Montage. Wenn man sich für zwei Jahre auf Bora Bora, Ziyaraifushi oder in Erziehungszeit befindet, haben Wochentage überhaupt keine Relevanz. Montag, Freitag, Sonntag, Wurscht. Der Tag wird durch Naturgewalten strukturiert und nicht durch Uhr und Kalender. Da sitzt man da auf seiner Insel und liest Beiträge über Vereinbarkeit und die Quadratur des Kreises, nickt mit klugem Blick Wissen vorschützend und hat schlichtweg keine Ahnung! Kommt man dann nach zwei Jahren zurück aus Bora Bora, Ziyaraifushi oder der Erziehungszeit, Zack!, hat man auf einmal wieder Wochentagsgefühle. Und Zeitdruck! Und der Montag ist ja ein besonderes Schätzchen unter den Wochentagen. Der zeigt den Menschen im fahlen Morgenlicht von seiner allerfeinsten Seite. Mich zum Beispiel…

Quatscht mich bloß nicht an heute! Ich habe Laune. Also so richtig. Halb sechs wecken. Die Nacht war viel zu kurz, das Wochenende zu unerholsam und es ist mir schnurzpiepegal, ob der Allerbeste von allen extra und nur wegen mir und aus übergroßem Mitgefühl und dem Wunsch zu helfen heraus extra bis ein Uhr nachts wach geblieben ist um dem Blondino eine Milchpulle in den Hals zu stopfen. Weil, wenn nicht, hätte vermutlich ich irgendwann zwischen zwei und drei rangemusst. Ist mir egal! Hilft mir überhaupt nicht. Ich bin so fertig. Ich halte mich an der Kaffeemaschine fest, damit ich nicht umfalle.

Der Blondino schaufelt Müsli in die Zuckerschnute und löffelt Milch aus seiner Schüssel auf den Tisch. Und den Fußboden. Und verlangt nach meeeeehr Milch. Ich renne kopflos hin und her und mache sinnlose Handgriffe. Räume Brötchen, Wurst, Käse, Salat und Marmeladengläser von A nach B und dann nach C. Fange an, Brotbüchsen zu bestücken. Renne wieder in der Küche rum, rutsche in der verschütteten Milch aus. Der Blondino will runter. Er will seinen Bruder wecken. Oder den Papi. Oder beide. Ich will nichts davon. Ich will duschen oder mir wenigstens das Gesicht waschen. Und mich schminken. Die Brotbüchen sind auch noch nicht fertig. Stattdessen bespiele ich leise („Leiiiiise! Psst. Wir sind jetzt beide mal ganz leiiiiiise!“) das Kleinkind, damit die anderen beiden noch ein paar Minuten schlafen können.

Für´n Arsch! Ich will wieder ins Bett. Aber ich bin erwachsen, ich muss irgendwas. Nach Wollen fragt das Leben gar nicht mehr.

Ich muss den Pubi wecken. Der dreht auch gleich auf und rennt lauthals in Schlübbern in der Bude rum und quatscht mich voll. Will mir irgendein Level von irgendeinem Spiel zeigen, seinem Bruder den Fußball an den Kopf kicken, seine Plüschtiere jetzt sofort alle von dem Blondino wiederhaben, über Taschengeldabmachungen diskutieren und generell mehr Computerzeit und überhaupt. „Zieh dir erst mal was an und geh dir die Zähne putzen, Mensch!“, sage ich entnervt. „Menns!“, pflichtet der Blondino mir bei, während er den Tritthocker durch die Küche schiebt um die Kaffeemaschine zu entern.

Zehn Minuten später habe ich den mittlerweile angezogenen Pubi zum Frühstücken an den Tisch gequatscht und bereits viermal das Babylein vom Tritthocker wieder runtergeholt. Jetzt haut er ab, die Hose hängt ihm unterhalb vom Arsch und ein grüner Schleimbatzen aus seiner Nase raus und klebt nun an seiner Wange. Ich versuche, die mobile Schleimschleuder einzufangen. In der Zwischenzeit fährt dieser sich lösungsorientiert mit dem Pulloverärmel einmal „Wisch!“ übers Gesicht.

Ich bin jetzt anderthalb Stunden wach, habe nichts gegessen und trage eine Leggings und ein Schlabbershirt. Meine Haare hängen zottelig in einem Knoten schief auf meinem Oberkopf und ich stehe in einer wüsten Küche voller angefangener Brotbüchsen, leerer Müslisschüsseln und so weiter und habe keinen Plan, was ich jetzt zuerst machen soll.

Ah, jetzt weiß ich es. Ich verstecke mich im Bad und färbe mir die Augenbrauen… Zehn Minuten Pause. Mir egal, was die Blagen dort draußen jetzt machen. Meine Finger zittern beim Auftragen und mir ist die Abstrusität der Situation durchaus bewusst. Ich male weiter.

Angescheuselt wie Theo Waigel beschließe ich, den Mann aus Morpheus´Armen zu reißen. Der aber steht schon völlig schlaftrunken inmitten der Küche und guckt genauso begeistert wie ich. Allerdings ist er wesentlich entscheidungsstärker: Er nimmt sein Handy vom Tisch und geht wieder ins Bett. Börsenkurse studieren, Clash of Clans spielen. Ich bin zu müde um zu protestieren. Aus dem Bett heraus gibt er dann auch Anweisungen an die Kinder, die diese selbstverständlich ignorieren. Hauptsache, er fühlt sich besser. Immerhin hat er ja geholfen!

Ich atme. Ein. Aus. Reiße Klamotten aus meinem Schrank und trage sie in irgendein Zimmer. Packe die Brotbüchsen weiter und räume Zeug in den Kühlschrank und die Spülmaschine. Nein, nicht in die Spülmaschine, die ist selbstverständlich voll mit sauberem Geschirr. Selbstverständlich!

Was würde ich dafür geben, mir selbst jetzt ruhig zureden zu können, dass in einer Stunde alle weg sein werden und ich Zeit für einen Kaffee in Ruhe habe. Und den Rest des Tages Zeit, das Chaos zu beseitigen. Aber nein, geht ja nicht. Und ich rege mich schon wieder auf. Diesmal, weil mir der Artikel einfällt, den ich vor einigen Tagen auf einem Blog gelesen hatte, weil ich mich im Internet verklickt hatte. Da konnte ich also versehentlich lesen, wie stressig der Tag so mit einem Kleinkind sei. Also aus Hausfrauensicht. Das ist so stressig, da muss sie jetzt Yoga machen und autogenes Training und eine Putzfrau musste der Mann auch einstellen. Das packste einfach nicht! So als Hausfrau und Mutter auch noch den Haushalt. Völlig verblüfft guckte ich nach: Tatsächlich. Mutti, Vati, ein Kind. Eins. Und einen Stress hat die! Alter Falter! Ich stand so da und regte mich gleich noch mal auf. Dein scheißstressiger Hausfrauenalltag sind ab jetzt meine verfluchten paar Urlaubstage! Und meine Wochenenden! Das hat man davon, wenn man sich aus Versehen mal verklickt. Man kann wirklich nicht genug aufpassen mit diesem Internet.

Fünf Minuten später. Der Mann steht in der Küche. „Warum ist denn das Spülbecken schon wieder voll? Haben wir keine Spülmaschine? Wie´s hier aussieht… Komm Baby, wir gehen Zähneputzen.“. Ich rufe hinterher, dem Baby solle er auch gleich die Zähne putzen und höre als Antwort, das wäre ja mal wieder klar, dass ich das vergessen hätte. Es fehlte nur noch die Frage, was ich denn überhaupt bis jetzt so getrieben hätte in diesem Saustall. Ich platze! Innerlich.

Gegen halb acht bin ich mittlerweile halbwegs vorzeigbar, der Pubi ist aus dem Haus und der Mann sitzt mit Kaffee in der Küche. Ich mache mir was zu essen, während der Blondino an meinen Beinen hängt, seinen Schlonz bei mir abwischt und versucht, an mir hochzuklettern. Der Mann sitzt.

Irgendwas sagt er. Dann sehe ich rote Blitze vor meinem inneren Auge und explodiere. Also diesmal sichtlich und hörbar!

Dann lege ich dem Blondino alle Sachen raus zum Drüberziehen, die Kindergartenbeutel bestückt neben die Türe, telefoniere kurz mit dem Krankenhaus wegen dem Großen und packe meine Tasche.

„Du willst schon gehen?“ (der Mann). „SCHOOON?! Schon gehen? Normalerweise war ausgemacht, dass du dich morgens kümmerst und ich nachmittags! Praktisch habe ich morgens und nachmittags die Kinder und, ach so,  zwischendurch bin ich auch noch arbeiten! Theoretisch sollte ich schon im Büro sein. Praktisch schmeiße ich hier morgens alles bis aufs Wegbringen und praktisch komme ich jeden Morgen eine halbe bis zwei Stunden zu spät auf Arbeit! Sei mir bloß still.“. Ist er nicht. Er erwähnt seine heroischen nächtlichen Flaschendienste. Ich gehe.

Auf dem Weg zum Büro werde ich beinahe über den Haufen gefahren, als eine alte Hobelschlunze („Du blöde alte Hobelschlunze!“) mit ihrem BMW Panzerfahrzeug eine Einfahrt nehmen will, über die ich gerade laufe. Ihr Kopf ist soweit nach hinten rechts verdreht, dass sie aussieht wie Anjelica Huston in „Der Tod steht ihr gut“. Ich entrinne nur durch einen beherzten Sprung nach vorn.

Der BMW. Wie blöde muss man sein. Also ich. So schön hätte ich jetzt liegen können! Im Krankenhaus zwar, aber immerhin liegen. Für Wochen vielleicht. Mit viel Glück hätte ich mir beide Beine gebrochen. Oder sogar den Hals. Hach, einfach nur liegen. Und schlafen…

Dann sitze ich mit kleinen roten Schweineäuglein in dem viel zu hellen Großraumbüro und die Leute reden. Telefonieren, laufen an mir vorbei. Was wollt ihr? Wieso seid ihr wach? Was mache ich hier? Ich will zurück auf die Insel!

 

Und warum man Posts über Montage am besten Dienstags publiziert, ist auch klar: Dann kann sogar die Autorin mitlachen. 😀

4 Kommentare zu “Montags

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