Das Leben an sich im Frühjahr 2022

Der Bärtige hat neulich zum ersten Mal in seinem Leben eine Schere geschliffen und glaubt nun, er sei Edward mit den Scherenhänden! Schnipp-schnipp, ging er stolz durch den Garten und schändete mit der neuen alten scharfen Schere den Efeu, um zu beweisen, dass er es mal so richtig drauf hätte! Er, der Scherenschleifer! Nun hätte ich ja prinzipiell nichts dagegen, mit Jonny Depp, aka Edward, verheiratet zu sein, allerdings glaube ich, dass dieser eigentlich zu Vanessa und den Kids auf die Pirateninsel gehört und diese wirklich niemals hätte verlassen sollen, weil, dann wäre auch die unglückselige Geschichte mit Amber Heard nicht passiert, und überhaupt.

Wie auch immer, wenn hier mal jemand was zu schleifen hat, der Mann macht das. Einfach über mich Kontakt aufnehmen. Mir ist sehr daran gelegen, dass der kopfarbeitende Informatikerehemann eine adäquate Freizeitbeschäftigung erhält. Der guckt immer so Videos , wo Menschen altes Zeug reparieren und träumt von einer Hütte mit Drehbank und so weiter. Auf meinen nüchternen Kommentar hin, wir hätten jungfräulich verpackt im Keller allerlei Kisten mit der Aufschrift „HILTI“ oder „BOSCH“ und gefährlich wirkenden Werkzeugen im Inneren, diese könnten doch erst mal probiert werden, da winkt er nur ab, ich solle still schweigen, was wüsste ich denn schon! Also ich weiß, dass Handwerkeranfragen hier immer erst dann beantwortet werden, wenn ich androhe, es selbst zu machen, oder einen fremden Kerl ins Haus holen will.

Es ist mit den Männern wie mit den Kindern: Das Spielzeug, das da ist, ist langweilig! Andere Männer haben viel dolleres Spielzeug. Immer.

Die Graue hat noch immer ihre erste Hitze nicht gehabt, ergo wächst sie eventuell noch weiter und wird bald die größte Weimaranerin der Welt sein. Fun fact: Wir haben den letzten Welpen des Wurfes genommen, weil die meist (wer hat uns das erzählt, wenn ich das noch wüsste) am kleinsten und geduldigsten seien. Pah!

Außerdem hat das Pony eine Identitätskrise passend zum Eintritt in die Pubertät. Sie ist ein Jagdhund ohne jagdlichen Eifer, dafür mit Hütehundattitüde, heißt, sie rennt panisch in Kreisen um „ihr“ Rudel, sobald wir das Haus verlassen. „Alle zusammenbleiben! Alle zusammenbleiben!“, sowas eben. Außerdem liebt sie es, mit dem Massagegerät den Bauch massiert zu bekommen und wehe, du nimmst die elektrische Massagepistole weg, da greift sie mit den Vorderpfoten sofort danach! Macht das sonst auch noch ein Hund?! Sie singt, wenn man ihr die Schnauze streichelt und schmeißt sich sofort vor einen auf den Rücken, wenn irgendwo das Geräusch eines Föns erklingt – das ist das Schönste! Heiße Luft! Ansonsten ist sie ein etepete Luxushund, der nur selbst gekochtes Essen will, davon allerdings ein Kilo pro Tag, von jedem bisschen Stress Durchfall kriegt und schmollt bei jeder kleinsten Gelegenheit. Warte. Irgendwie kommt mir das bekannt vor…

Und da wären wir bei mir. Ich habe mir kürzlich den Daumen in der Autotür eingeklemmt und das war ein Spaß! Also so richtig mit Krankenwagen und Betäubung und Menschen mit grünen Häubchen, die mich fragten, ob sie mir den Daumen kleben oder nähen sollten. Und ich so: „Bin ich hier bei wünsch dir was? Woher soll ich das denn wissen! Das ist mein erstes Mal! Machense mal, oder ist das auch ihr erstes Mal?! Ich brauche Schnaps.“. Sie haben gemacht und jetzt, sieben Wochen später, ist es leider noch immer nicht schön. Wird es vermutlich auch nicht und meine Karriere als Daumendouble von Daniel Craig kann ich wohl an den Haken hängen. Das war ein Scheiß, sag ich euch. Ich hatte ja keine Ahnung, wozu man alles seinen rechten Daumen braucht. Zu allem! BH schließen, BH öffnen, Zopfgummi dranmachen, Schneiden mit der Schere, Schneiden mit einem Messer, etwas festhalten, Haare waschen, Tastaturschreiben, ich wusste es nicht. Der Daumen ist ab sofort mein Lieblingsfinger. Beim Röntgen kam dann auch raus, dass ich eine fortgeschrittene Arthrose hätte und „zu jung für diesen Befund sei“, als ob ich das nicht wüsste! Ich bin auch zu jung für meine schmerzende Hüfte, zu jung für meine Falten, zu jung für meine grauen Haare…

Neulich klingelte es an der Tür, davor stand eine mir gänzlich unbekannte Person und fragte: „Hamm sie ma ne Doledde?!“. Ich stellte die einzig mögliche Gegenfrage: „Wie bitte?“. Und die Person wieder: „Hamm sie manchmal ne Doledde?!“. Ich weiß, was der Bärtige geantwortet hätte (nämlich: „Ja doch, eigentlich sogar immer, nur keine öffentliche, auf Wiedersehen!“, Tür zu), aber ich bin anders und habe der notdürftigen Person den Weg zum Klo gewiesen. Danach habe ich alles gereinigt, desinfiziert und gewienert, als ob ein Leprakranker die Toilette benutzt hätte und fragte mich dabei, was nicht stimmt und vor allem, mit wem. Der fremden Person oder mir, und ja, die Antwort kenne ich. Aber Corona und diese verrückte Zeit, wo keiner einem Fremden einfach so die Tür öffnet, macht komische Sachen selbst mit Menschen mit den besten Absichten.

Außerdem wundere ich mich. Zum Beispiel, dass Harry Potter erst für Kinder ab zwölf Jahren geeignet ist, Pippi Langstrumpf aber schon für Kinder ab sechs! Also Pippi halte ich eindeutig für den schlechteren Umgang. Nach dem Konsum von Harry Potter konnte ich nur feststellen, dass das Kind auf mein Gemecker gerne antwortete: „Mama, machst du jetzt wieder die maulende Myrthe, oder was?!“, nach Pippi Langstrumpf demoliert der Blonde regelmäßig sein Zimmer, klettert auf dem Ofen und den Fensterbänken herum und möchte mit „Herr Nilson“ angesprochen werden, während er Zeug vom Tisch schmeißt und alles mit dem Mund allein essen möchte ohne Zutun der Hände – danke schön, Kinderfernsehen!

Wir waren auch immer wieder im Biergarten. Wir sind ja ganzjährige Biergartenbesucher. Das sind die härtesten, etwa wie ganzjährige Nudisten, nur mit Sachen an. Und Bier. Ich bin das hintere Frollein auf dem Bild, falls ihr nicht mehr wisst, wie ich aussehe. So sehe ich aus.

Außerdem sitze ich neuerdings wieder regelmäßig an der Nähmaschine. Nicht um hübsche Klamöttchen zu nähen, sondern um nicht mehr hübsche, durchgewetzte Hosen zu stopfen. Beim Großsohn ist der Arsch die Problemzone. Und beim Kleinen die Knie.

Diese Jeans hier habe ich für vier Euro fuffzig beim Lieblingssecondhandladen in Pieschen gekauft, gebraucht. Wenn ich jetzt die Arbeitszeit mit meinem Stundensatz multipliziere, haben wir hier nun im Kinderschrank ein Luxusbeinkleid, denn Stopfen und Auftrennen, Stoff annähen und Beine wieder zunähen dauert in etwa so lange wie die Fabrikation eines Oberteils. Mindestens. Ich will nicht das Vorhaben an sich in frage stellen (Nachhaltigkeit für alle und Entspannungsfaktor am Rattergerät für mich), sondern ich frage mich, warum die in der Schule nicht lernen, wie man sowas herstellt! Einfach mal selber machen schafft Respekt, glaube ich. Wie viele Schritte sind nötig, um eine Stoffbahn zu fabrizieren, dann Schnittmuster zeichnen, ausschneiden, vernähen. Möglicherweise wäre das für die nächste Generation nützlich. Ich mein ja nur. Keine Ahnung, wo das hier alles noch hinführt.

Außerdem frage ich mich natürlich, welches Kind eine Jeans trägt und die danach als neuwertig im Laden landen kann! Gibt es solche Sitz-Kinder, die nur in der Hose irgendwo sitzen? Also im Gegenteil zu meinem Kind, das sich ganz offensichtlich auf den Knien fortbewegt? Zum Glück ist jetzt kurze-Hose-Saison, da brauche ich die Nähmaschine nicht. Nur jede Menge Pflaster.

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8 Kommentare zu “Das Leben an sich im Frühjahr 2022

  1. Hallo Rike,
    das Schreiben hast Du nicht verlernt und Deinen Humor nicht verloren, behalte Dir das bei, auch wenn’s momentan schwerfällt. Ich hab‘ mich köstlich amüsiert. Auch wenn wir uns nicht kennen, schön, dass Du wieder zur Hochform aufläuft. Das mit den Hosen flicken kenne ich nur zu gut, Smilies usw. wurden hier in Massen produziert.:) Genieß die Zeit trotzdem, irgendwann denkt man wehmütig zurück. Ich habe in der Schule auch nicht nähen gelernt, am Werkunterricht nahm ich teil, später PA-Unterricht. Mein Mann hatte Glück, er hat nähen, sticken usw. in der Schule gelernt. Schön, wenn man so ein Nählieschen zu Hause hat. 🙂
    Viel Grüße, Grit

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  2. Liebe Rike, du bist zurück und ich erfahre das am anderen Ende der Welt. Ich habe über diese wundervolle Alltagsbeobachtung, deinen Sinn für Humor und wie du dich selbst auf die Schippe nehmen kannst schallend gelacht. Hier,im Waldgarten meiner Tochter in Kentucky, suchten daraufhin sämtliche Katzen und der Rote Kardinal, die Kolibris und Streifenhörnchen Deckung. Ich freue mich über die Lebenslust, die wirklich rüberkommt und so herzerfrischend auf mich wirkt. Und die „Doledden“-story ist bühnenreif. Nicht nur dein Sächsisch for you, auch unsere „German Angst“(den Begriff gibt es wirklich im amerikanischen) spiegelst du punktgenau wieder.
    Ja. Wir sind, mit Abstand betrachtet, schon ein eigenartiges Völkchen. Aber, jeder, wie er kann.
    Wenn man nicht als Tourist hier ist, sondern in Familie und Freundeskreis, merkt man die Unterschiede. Hier wird gelebt und nicht alles hinterfragt. What ever.
    Ich hoffe, den BH bekommst du mittlerweile wieder zu. Alles Liebe für dich und deine Familie und habt einen schönen Sommer.
    Herzlich, Romy

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      • Haha, das Kompliment gebe ich gerne zurück. Wir schwitzen hier wirklich bei jedem Tag 30Grad und hoher Luftfeuchtigkeit. Morgen geht’s in den Urlaub in diesem Riesenland mit der atemberaubenden Natur. Hier fällt es selbst mir schwer zu glauben, dass wir in einer Klimakatastrophe stecken. Es ist einfach berührend schön und immer wieder anders in den verschiedenen Regionen.
        Alles Liebe vom anderen Ende der Welt für dich und die deinen.
        Herzlich, Romy

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      • Wenn du blind date Besuch willst und dir langweilig wird im großen Land, sagst du dann bescheid, ja?! berührend schön würde ich gerne sehen. 30 Grad, da mache ich gerade mal den ersten Knopf der Strickjacke auf!

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  3. Ach, Süße, hier ist das Leben auch nicht unkomplizierter als in old Germany. Ich könnte Geschichten schreiben….den Titel habe ich schon: „Ich mach nur Schei…., oder: der Tag, an dem ich beinahe die Niagarafalls sah….“
    Alles Liebe, Romy

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