Neues von der „Orr Menno!“-Pause

Zum Thema „Pausenraum“ habe ich ja ganz vergessen, ein update zu dem Pausenraum zu geben, in dem ich mich schon seit round about – wie wir so schön neudeutsch sagen – sieben Jahren befinde: Dem Wartezimmer zur Vorhölle, nein, dem fünften Kreis von Herrn Dante, nein nein, nämlich dem Menopausenraum, oder besser dem Wartezimmer zur: „Orr Menno!“-Pause.

Wen das Thema aufgrund seiner eigenen hormonellen Struktur und Testosteronlastigkeit nicht an den Eiern kratzt, oder wer keine Frau ist oder gar keine Frau kennt, die von der zweiten Pubertät betroffen ist, betroffen sein könnte oder möglicherweise irgendwann einmal betroffen sein wird, der darf hier gern abspringen. Zum Beispiel hierhin.

Es ist schon eine Weile her, dass ich euch mitgenommen, quasi hinuntergezogen habe in die Freuden der zweiten Pubertät. Es hat sich seitdem einiges verändert – und das ist gut so! Veränderung ist etwas, das Zeit braucht, das hört man schon am Wort. Ver-änder-ung, etwas wird anders, aber langsam, nicht abrupt. Und das kann man blöd finden, darf man blöd finden, klar. Oder man setzt sich auf eine Blumenwiese, atmet in die Vulva und findet, alles im Leben sei ein Geschenk, nur in unterschiedliche Geschenkpapiere verpackt, oder so.

Mir ist ja dergleichen klangschalentönernde Akzeptanz und Liebe zum Unausweichlichen leider nicht gegeben. Ich bin eher so der Typ Mensch, der die winzigen Fäuste ballt und fluchend in den Himmel boxt und die ganze Arschlochscheiße und alle furzenden Affenpimmel dieser Welt (Schimpfwort vom Blondino geklaut; wir werden dazu später mehr erfahren) beschimpft, weil es eben nun so ist, wie es ist. Und Geduld mit dem Prozess, also Geduld überhaupt, nun ja, kann ich prinzipiell relativ schlecht aufbringen, schon gar nicht mir selbst gegenüber. Mache Eier!, so bin ich eher.

Aber auch den Ungeduldigen und Hadernden passieren so unschuldige Sachen wie Altern oder Wechseljahre. Und mit all dem Scheiß, den man nicht gut findet (und das auch nicht muss), passieren tolle Sachen! Das zuerst: Es passieren ganz wunderbare Sachen mit Dir, mit mir, mit uns allen. Wir werden weicher, auch mit uns. Wir werden schöner. Wir werden differenzierter, dankbarer (bis auf die Motzrentner, die immer nach einer zweiten Kasse schreien, sobald du vor ihnen mehr als drei Artikel aufs Band legst), wir werden mehr zu dem Menschen, von dem wir immer dachten, wir seien dieser Mensch bereits. Runder irgendwie, das äußere Spiegelbild passt zum inneren Spiegelbild.

Warte. Bei „Spiegel“ halten wir mal den Phrasenzug kurz an.

Für mich sind diese Wechseljahre tatsächlich Jahres des Wechsels. Und nie zuvor war mir das so hart bewusst. Nie zuvor hatte ich die große Chance, das selbstbestimmt zu gestalten! Die Hormonachterbahn wirft mich permanent auf mich selbst zurück, immerzu muss ich für mich bewerten, was will ich noch, was will ich nicht mehr, wie will ich irgendwas, wann und wen. Und warum, auch das. Es fühlt sich an wie eine Halb-Lebens-Inventur, als käme KonMari zu Besuch und würde sich alles ansehen, was ich so angehäuft habe in meinem halben Menschenleben. Den Haufen an schlechten Gewohnheiten, Bequemlichkeiten und Menschen hin- und herdrehen und mich fragen, ob jedes einzelne Puzzleteil joy sparkelt. Und sich auch die Spuren ansehen von dem, was ich verloren habe auf dem Weg: Menschen, Talente, Leidenschaften. Und dann wird alles bewertet, ob ich will oder nicht, und manches muss ich loslassen um anderes wieder finden zu können.

Das alles passiert unbewusst, bewusst, permanent. Ich glaube, der Begriff „Metamorphose“ trifft es am besten. Von der Puppe zum Schmetterling und dann zum Falter. Alter Falter!

Ich finde, ähnlich wie bei der ersten Pubertät sollten wir gnädig sein mit uns, wohl wissend um die Aufruhr im Inneren, sich Fehler bei den Entscheidungen gönnen und bewusst Fehler machen, nie wieder werden die einem so verziehen! Hoffe ich.

Ich kann das nicht mit dem Rat geben, allenfalls so pschüschedelisch durch den Blumenstrauß. Neulich fragte mich eine Freundin zum Beispiel, ob sie wohl schon drin sei in den Wechseljahren?! Ich sagte nur, sie sei drin, wenn sie es wüsste. Ich kenne Frauen, die waren kaum vierzig und rasten bereits auf der Hormonachterbahn durchs Leben, unwissend, mit einem Kinderwunsch im Gepäck – Ha! Und ich kannte eine weißhaarige Dame, die felsenfest behauptete, sie sei noch zu jung für die Wechseljahre, das würde sie schließlich merken! Auch das stimmt. Wechseljahre, als Angebot für alle Wechselwilligen, sehr schöner Gedanke. Eine andere Freundin haderte neulich mit der Entscheidung, die dunklen Haare nun färben oder hoffen, sie würden sich wie bei Birgit Schrowange heiligenscheingleich irgendwann in glitzerndem Helmchen um das zarte Haupt legen. Probier´s aus!, mehr kann man dazu nicht sagen! Probier so viel wie möglich aus, das sollte man jeder Frau sagen. Alles, was du dich nicht getraut hast, alles, wofür du dich vor zwanzig Jahren geschämt hättest, alles, bei dem dir jetzt beim bloßen Gedanken der Fuß juckt: Wann, wenn nicht jetzt?

Viele Jahre hatte ich nur Freundinnen, die mindestens zehn Jahre jünger waren als ich. Ich hatte mir das nicht ausgesucht, das ergab sich einfach so. Ich fand mich zugehörig, wir hatten dieselben Themen. Nun haben ich vermehrt Frauen in meinem Umfeld, die so alt wie ich oder gar älter sind, und auch da fühle ich mich zugehörig! Sogar inspiriert. Ich bin so dankbar für die neuen, alten Freundinnen, Annett, Silke, ich bin froh, dass ich jetzt alt genug bin, um das Geschenk zu sehen, das ihr mir macht mit eurer Freundschaft. Und trotzdem liebe ich meine Mädels in den Dreißigern und Vierzigern, diese Freundschaften gibt es noch immer. Aber Inspiration ist so wichtig wie nie zuvor. Ich habe zum Beispiel die Geli unfassbar gefeiert, als sie antrat, um den HYROX zu bezwingen, ich habe sie angefeuert von der Couch aus. Das muss nicht mein Weg sein, und kann mich doch beflügeln! Wie so viele andere starke Frauenbeispiele. Sich nicht runterziehen lassen durch Menschen, die nichts bewegen und vor allem nicht sich selbst, die wichtigste Aufgabe. Netzwerke bilden, Frauenbündnisse stärken, das ist die Mission. Ein Teil der „neuen Alten“ werden, sein, aber anders sein als die „alten Alten“.

Sich auf der Stelle das Leben nehmen, im wahrsten Sinn des Wortes, das ist die wichtigste Aufgabe. Genieße, lebe, teile, freue, liebe. Es ist so einfach. Und so schwer zu schaffen gewesen in all den Jahren. Jetzt wird es leichter.

Ich habe fette Glaubenssätze im letzten Jahr über den Haufen geworfen und mir vorgenommen, den Platz nie wieder zu füllen mit neuem Stuss. Ich glaube ab jetzt klar und ohne Dogmen, oder gar nicht. Zum Beispiel glaubte ich lange, ich würde niemals Hormone nehmen (mit fettem Ausrufezeichen!)! Und ich würde mir niemals freiwillig irgendwas ins Gesicht spritzen lassen! Was müssten das für arme Menschen sein, gebeutelt von schwachem Selbstwertgefühl und unsicher und unwissend ob der Gefahren. Und überhaupt. Ich glaubte viel in Zeiten. als das jeweilige Thema gar nicht dran war für mich. Das ist ja oft so, dass Menschen gern eine ganz klare Meinung zu einer bestimmten Sache haben, die sie gar nicht betrifft.

Wenn ich zum Beispiel zu dem Drittel Frauen gehören würde, die keinerlei Probleme durch die Hormonumstellung haben, dann wäre eine Hormonersatztherapie für mich nie in Frage gekommen. Ich muss auch ehrlich sagen, dass ich relativ bockig darangegangen bin nach dem Motto: Hilft mir eh nicht und ich hasse es sowieso! Die Wahrheit ist: Ich liebe es! Ich habe meinen Körper zurück. Ich fühle mich wieder wie ich selbst! Für mich war es die richtige Entscheidung. Jede ist für sich selbst verantwortlich und viele Wege führen nach Rom, und ins Altersheim.

Und was die Spritzen im Gesicht angeht, ich erspare euch vorher-nachher-Fotos, aber auch da gilt: Ich habe nichts Gutes erwartet und habe beim ersten Mal zu dem Arzt gesagt, ich mache das nur, um danach wenigstens genau zu wissen, warum ich Botox und all das Gedöns so Scheiße finde, und siehe da, auch das fühlte sich in dem Rahmen überhaupt nicht Scheiße an! Entspannt, ich fühlte mich zum ersten Mal in meinem Leben entspannt! Was Meditation und Konsorten nie geschafft haben, hat Botox bewirkt. Vielleicht brauchte ich den Scheiß wirklich um mal zu fühlen, wie sich andere so fühlen, die nicht mit einem dauerverkrampften Gesicht herumlaufen. Außerdem habe ich seitdem keine Migräne mehr gehabt, eher eine zufällige Nebenwirkung, aber sehr willkommen. Ich habe im übrigen noch immer Falten, ich hatte nie das Ziel, mir meine Mimik wegzuspritzen oder mich zehn Jahre jünger aussehen zu lassen. Nur eben nicht zehn Jahre älter! Ich bin zu jung für Seniorenmenüs und die Apothekenumschau und will gefälligst auch nicht so aussehen, als sollte man mir das anbieten! Aber das ist meine Entscheidung, jetzt, hier, während meiner (!) Wechseljahre. Vielleicht finde ich das alles in fünf Jahren so Scheiße wie die Eine oder der Andere hier aktuell beim Lesen, kann schon sein. Aber Freiheit in allen Entscheidungen, das ist, was ich euch allen wünsche, für die Wechseljahre in jedem Jahrzehnt. Und Akzeptanz für die Entscheidungen der anderen, es sind nicht deine, du musst sie nicht tragen. Aber ich will auch nicht eine von denen sein, die behaupten, ihre glatte Haut sei nur fünf Litern Quellwasser und viel Schlaf zu verdanken. Für sowas habe ich keine Zeit mehr.

Und für die jungen hier: Was ihr seid, das waren wir. Was wir sind, das werdet ihr sein. Ich bin also gar nicht alt, ich bin nur schon länger da und muss somit in manche Büchse der Pandora eher hineinblicken als ihr. Aber irgendwann müsst auch ihr. Und niemand weiß vorher, was man da sieht.

„Aber auch den Ungeduldigen und Hadernden passieren so unschuldige Sachen wie Altern oder Wechseljahre“, schrieb ich eingangs, und am Ende muss ich das noch mal aufgreifen. Wir sind die Glücklichen, die wir uns über so unschuldige und harmlose Sachen Gedanken machen dürfen. Wir sind die Glückspilze, die schon so alt geworden sind und die sich übers Altern Gedanken machen dürfen! Deren Gedanken sich nicht um schwere Krankheiten drehen müssen. Oder um Trauer, um Existenzangst, um schwere Kost. Wenn du dich über die Scheißarschlochhormone aufregen kannst, bist du ein Glückskind! Das ist die Message. Und wenn du dich nicht ständig aufregen willst, tja, dafür gibts was von Ratiopharm. Bei Fragen zu Risiken oder Nebenwirkungen fragen sie ihren Arzt oder Apotheker. Oder die Heilpraktikerin, Astrologin, einen Guru, eine Schamanin, eine Influencerin, die Leute vom YOGA-Kurs, die Frau an der Kasse vom Netto. Glaubt mir, jeder hat eine Meinung! Zu allem und immer.

Und irgendwo zwischen all den anderen Meinungen findest du dann deine eigene.

Und alles wird gut. ❤ Tschakka.

6 Kommentare zu “Neues von der „Orr Menno!“-Pause

  1. Ehre die Alten, verspottet sie nie. Sie waren wie du und du wirst wie sie 🙃, 😇
    Ich erschrecke immer, wenn ich mich dabei etappe, wie meine Mama zu reden, zu lachen , zu gehen… Und doch bin ich so froh, daß ich das erleben darf 😀wieder so schön geschrieben. Mädels, letz Fetz, alles andere ist eh schnurzpipsegal ❤️

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