Erste Male-Wochenende in Bildern #wib

Auf dem Balkon steht eine Schale angeknackte Walnüsse und jeden Morgen erfreue ich mich an den Meisen, die sich an den Walnüssen erfreuen.

Meine Oma hat zeit ihres Lebens im Winter die Meisen mit Nüssen gefüttert und ich erinnere mich, dass sie mir erzählt hat, dass ein paar ganz vorwitzige sogar zur Balkontür hereingeflogen kamen, wenn sie Nüsse knackte, um bloß nicht warten zu müssen! Soweit ist unsere Zuneigung hier aber noch nicht.

Allerdings ist die Schüssel binnen weniger Tage leer, was zum Einen daran liegt, dass ich mir hier auch seltsame große und entsprechend gefräßige Taubenvögel angefüttert habe und zum anderen, dass meine gefiederten Freunde und ich dringend mal über Esskultur sprechen müssen. Die setzen sich in den Trog und schmeißen vor lauter Fresslust die Hälfte der Nüsse und Schalen aus der Schüssel oder stopfen sich die Schnäbel voll und versuchen erfolglos, damit abzuzischen, wobei sie dann zwei Drittel ihrer Beute bereits beim Start verlieren! img_4064

Der Mann hat mir aufgetragen, Spachtel im Baumarkt zu besorgen. Teurer Fehler! Kennt ihr den Teelicht-Effekt? Das ist, wenn du wegen Teelichtern zu Ikea fährst und die dann fuffzig Euro kosten. Tja, Spachtelmasse für siebzig, sage ich nur…img_4084

Nach dem Baumarkt habe ich etwas getan, das ich noch nie zuvor gemacht habe: Ich bin allein im Wald spazieren gegangen. Nun gut, nicht Wald, eher Wäldchen, weil ich leider über den Orientierungssinn eines Einzellers verfüge, aber immerhin.img_4087

Überall lagen ganz liederlich Birkenäste herum, ich hab da mal aufgeräumt! Die stelle ich zu Hause in einen Emaille-Eimer und fülle den mit Steinen. Das wird dann mein Jahreszeitenbaum und ich kann da so Dekodingsbumse dranhängen. Aber zuerst muss ich das Zeug irgendwie aus dem Wald zerren…img_4089

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Der Ginster muss auch dringend mal verschnitten werden! Wie das dort aussieht! Also ehrlich.

Mist, ich habe keine Schere mit, dann muss es eben so gehen… img_4090

Immer wieder drehe ich mich (behäbig, aufgrund den Waldunrates, mit dem ich mich beladen habe) um, aus Angst, der Förster käme geritten um mich übers Knie zu legen. Ich verstehe schon, wie das aussehen muss, aber ich räume doch nur auf in diesem Wald. Muss ja mal gemacht werden!

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Los. Fall. Runter. Jetzt!

Seit Wochen regnet es und meine Füße qietschen, schmatzen und glucksen auf dem Waldboden. Zapfen hätte ich gern gesammelt, die sind aber aufgrund des Wetters modrig.

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Hallo du Hübscher, willste mitkommen und mein Weihnachtsbaum sein?

Und wie ich so durch den Wald quietsche, schmatze und gluckse, merke ich, dass ich lächle. Nicht so ein kleines Schmunzeln, eher ein Ganzgesichtsgrinsen. Schön hier. Mit mir.

Warum mache ich das nicht öfter? Hm, schon klar, immer irgendwelche Themen im Kopf, keine Zeit. Abgelenkt durch die Ansprüche der Familie oder meiner eigenen im Familienkontext. Aber während ich so stapfe, denke ich. Ich denke einfach, was so an Gedanken kommt und das sind ganz persönliche, keine Gedanken, die zweckgebunden oder zielorientiert wären. Ich verbringe Zeit mit mir. Und eigentlich ist es auch ganz spannend, was ich mir so zu sagen habe! Erstaunlich.

Und auch die ganz großen Fragen kommen. Was ist Glück, wo komme ich her, wo gehe ich hin. Moment mal! Wohin gehe ich hier eigentlich?! Und wo bin ich überhaupt? Kein Mensch kann sich in einem drei Meter breiten Waldstück verlaufen!

Doch. img_4095

Zurück in der Zivilisation.

Die letzten Gartentomaten zu Sauce verkocht. Ich glaube, das ist auch das erste Mal, dass ich noch im November Freilandtomaten geerntet habe. Grün natürlich, die mussten zum Reifen auf einem Backblech unter den Schrank. Aber welch dekadenter Luxus! Im November Tomatensauce aus frischen Tomaten. War lecker.img_4105

Keller ausgemistet, weil wir ja umziehen. Nimmt kein Ende! Wem gehört denn das alles? Und warum?img_4058

Sonntags ist Besuchszeit im Vater-Kind-Kurheim.

Und so wurde erwartet, dass der junge Mann und ich einen Besuch abstatten im Bärtiger-Blondino-Kurheim. Ich persönlich hätte noch eine Woche ausgehalten (optimistische Prognose), aber der Mann schien sehr an Sehnsucht zu leiden und der Blondino guckte auch immer so komisch in die Handykamera beim abendlichen Skypen…

Und so fahren der Junge Mann und ich stundenlang in der Gegend herum, bis wir irgendwann im Gebirge ankommen.

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Wir spazieren. „Wenigstens ist heute schönes Wetter!“, sagt der Bärtige durch den Mundschlitz in seinem Polar-Outfit, während ich mir das Mitteltiefgrau am Himmel ansehe und ein eisiger Wind mir ungefragt in den Schlübber fährt (Wenigstens einer am heutigen Tag. Gelegenheit macht zwar Liebe, aber bei diesen Temperaturen braucht man auch eine beheizbare räumliche Gelegenheit. Und außerdem eine Kinderbetreuung! Ach, komm, vergiss es… ).

In stockdunkler Nacht (also kurz vor sechs) verabschieden wir uns und ich verspreche, wiederzukommen. Ist so schön… grau hier. Nächsten Sonntag? Ja, Schatz, na klar.
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Während ich nachtblind versuche, den Heimweg durch den finstren Wald zu finden, sinniere ich darüber nach, dass ich den heutigen Tag im Auto verbracht habe um Mann und Kind zu sehen. Und ob das verhältnismäßig ist. Sechs Stunden Fahrt für zwei feuchte Küsse und das Halten einer Lolli-verschmierten Kleinkindhand?

Ja!

Und so habe ich an diesem Sonntag etwas gemacht, das ich das letzte Mal vor mehr als zwanzig Jahren getan habe. Und auch damals sehr widerwillig. Ich bin alleine und mit voller Absicht auf eine Autobahn gefahren.

Es gibt Menschen, die meinen, in einem Fahrstuhl zu ersticken oder an plötzlichem Herzstillstand zu sterben, wenn sie von einer Spinne berührt werden. Ich habe Todesangst auf der Autobahn. Genaugenommen seit dem Unfall meines Vaters vor sechsundzwanzig Jahren und dabei tut auch gar nichts zur Sache, dass dieser auf einer Landstraße ums Leben kam. Angst ist niemals rational.

„Komm Mädchen, du hast den Schlüssel, das Lenkrad und die Kontrolle. Und neben dir deinen schlaksigen Sohn. Du bist erwachsen, verantwortlich und du kannst das! Links ein weißer Streifen, rechts ein weißer Streifen. Du fährst einfach stur in der Mitte durch. Kein Reifen wird platzen, kein LKW dich in die Leitplanke drängen. Heute wird niemand sterben.“

Was soll ich sagen, ich bin hier! Und schreibe das nieder. 🙂

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„… Alles kannst du, will´s die Liebe!“

 

 

Mehr Wochenenden in Bildern gibts hier.

Just me, myself and I

Ständig rufen Leute an und schreiben besorgte Nachrichten über ihre kleinen Telefone. Hintergrund: Man sorgt sich um mich! Man will sich kümmern!

Weil, ich bin alleine. Der Mann ist mit dem Babylino auf Kur gefahren. Die arme muss getröstet werden!

Kinder wurden mir angeboten, zum Halten. Als Ersatz. Beschäftigungsstrategien ausgeheckt. Mehr arbeiten zum Beispiel (Fällt aus!), Kino (hab ich mich überreden lassen), Football gucken mit den Kollegen (vielleicht), und wer weiß, was mir noch alles angetragen wird.

Dabei ist das alles gar nicht nötig! Wahrscheinlich komme ich in die Muttihölle, aber wisst ihr, wie ich mich aktuell tatsächlich fühle?

Schlafen, schlafen, schlafen. Pralinen essen im Bett, Netflixen bis die Playstation raucht und Fastfood dreimal täglich. Yes! Und jetzt stört mich nicht weiter, ich tanze in der Küche!

Edit: Der pubertäre Sohn findet mich jetzt peinlich und seltsam. Na endlich!

Kur-z-Urlaub

Und es begab sich zu der Zeit, dass der bärtige Mann beschloss, es sei an ebendieser, sich von den Strapazen der zweifachen Vaterschaft und aller damit einhergehenden Verantwortung in Co-Einheit mit beruflicher Vollbeschäftigung und den physisch und psychisch belastenden Umständen, die die Ehe mit mir mit sich bringen, zu erholen, und stellte einen Kurantrag.

(Apropos erholen. Wer sich von diesem Satz erst mal erholen muss, bitte hier klicken.)

Nach reiflicher Überlegung beschloss er, das Prinzip „Vater-Kind-Kur“ zu testen und mich nicht mit beiden Kindern allein zu Hause zu lassen. Sondern nur mit einem. Ich möchte ihm dafür an dieser Stelle auch noch einmal von Herzen danken!

Er freut sich jetzt auch schon sehr. Vor allem auf die tausend Muttis, die ihn dort mit offenen Armen und Beinen empfangen werden, denn wenn so ein Vater auf Vater-Kind-Kur fährt, ist er ja noch immer ein Unikum mit Einhorncharakter. Selten. Rar. Orr, guck mal, ein Papi allein mit seinem Kind! Wie niedlich!

Seit der Kurantrag genehmigt ist, wird jede meiner ansatzweisen Zicken mit den Worten an das Baby quittiert: „Ärgere dich nicht, Baby, wir lernen bald ganz viele nette Mamis kennen!“.

Ich freue mich für ihn! Wirklich. Aber ich weiß gar nicht, wie ich das aushalten soll ohne ihn. Und das Kind.

Morgens werde ich ausschlafen bis mindestens halb sieben und dann mit Kaffee und Kerze vor mir auf dem Tisch aus dem Fenster gucken und dem Wetter beim wettern zusehen. Schwarz zu grau. Langsam wach werden und den Tag ankommen lassen. In Ruhe frühstücken, duschen.

Kein: „Ich will Tablet gucken! Ich will Kelloggs! Nein, die nich! Die sind nich legga! Ich will andere! Ich will Milch! Ich will Apfelsaft! Ich will den Bruda wecken! Ich will auf Arm! Geh weg! Böse Mama, geh in dein Zimma!“. Oh, wie wird mir das fehlen.

Kein: „Musst du auf´s Töppi?“. „Nein!“. „Musst du auf´s Töppi?“. „Nein!“. „Musst du auf´s Töppi?“. „Nein!“. „Musst du auf´s Töppi?“. „Nein!“. „Musst du auf´s Töppi?“. „Nein!“, und dann: „Oh! Ich hat eingepullat!“. Das wird mir fehlen.

Ich werde mich schminken können, ohne dass jemand meine Puderquasten klaut, aufs Klo steigt, dann herunterstürzt und brüllt, dass mir das Trommelfell vibriert. Das wird mir fehlen.

Kein: „Dann musst du eben die Badtür abschließen, Henrike!“, auf die Bitte hin, jemand (Irgendjemand!) möge mir doch bitte mal das Kind abnehmen, gerufen von einem, der ganz sicher in Ruhe Kaffee trinkt und die Börsenberichte studiert, weil das Entenjunge eben nur mir hinterherwatschelt… Hach, das wird mir fehlen!

Ich werde Zeit haben, mir die Haare zu fönen und vielleicht tatsächlich mal mit einer Frisur aus dem Haus gehen und nicht mit diesem festgezurrten Knödel auf dem Kopf, von dem ich annehme, er erinnert an eine zierliche Ballerina, der mir in Wahrheit aber das optische Erscheinungsbild einer abgehalfterten Domina verschafft.

Keine drei Brotbüchsen bestücken, Klamotten rauslegen und sich im Anschluss mit zwei Kindern rumärgern wegen der getroffenen Klamottenauswahl. Das wird mir fehlen!

Kein: „Henrike, wieso ist das Kind noch nicht angezogen? Wo sind denn dem seine Klamotten? Ach hier. Soll der noch Strümpfe anziehen? Hier liegen gar keine! Was?! Ja, und welche? Wie, irgendwelche! Kannst du mal herkommen anstatt mich durch die Wohnung anzuschreien! Was denn nun? Lange, kurze, dicke, dünne Strümpfe? Woher soll ich denn das wissen! Henrike! Um alles muss ich mich alleine kümmern! Ich muss los, ich komm zu spät ins Büro! Weib, hörst du mich?! Hallo?“. Das wird mir fehlen.

Ich werde ohne Blick auf die Uhr arbeiten und nachmittags noch mehr Kerzen anmachen. Und Räucherkerzen! Und Plätzchen backen, mindestens zehn Kilo. Ich werde durch die Wohnung laufen können ohne rumzueiern, weil die deutsche Reichsbahn den nieselpriemschen Regionalexpress durch unsere Behausung verlegt hat.img_4019

Kein: „Mann-oh! Das Klopapier ist alle!“. „Ich wa-heiß!“. Das wird mir fehlen.img_4020

Der urlaubigste Urlaub überhaupt erwartet mich!

Ich werde mit dem Großkind eine großartige Zeit haben. Wir werden eine Ausstellung besuchen und vielleicht gehen wir auch mal ins Kino. Wir werden uns von Kuchen, Torte, Döner, Burger und Pizza ernähren. Ich werde nicht ein einziges Mal kochen!

Und wir zwei werden nicht streiten, egal, was kommt. Ich werde mit Vernunft, Weitsicht und Vertrauen auf den jugendlichen Schlaks einwirken und es wird gut werden.

Kein Gezanke am Abendbrottisch über mangelndes Reinhängen bei der Schule und übertriebenes Reinhängen bei der Computerspielerei. Kein Rumgemotze übers Essen. Kein Gerangel am viel zu kleinen Tisch. Das wird mir wirklich fehlen!

Nur, was mache ich dann die andere Zeit? Weltfrieden retten? Wahlbetrug aufdecken?

Es ist ein Desaster. Ich überlege tatsächlich, mich für drei Wochen im Fitnessstudio anzumelden oder ein Handwerk zu erlernen. Schätzungsweise sechs Stunden meines Tages sind bis jetzt unverplant. Hilfe! Was mach denn dann? Ich muss was machen! Irgendwas wird mir sonst fehlen!

Und abends, also abends weiß ich auch nicht… abends tobt das Kleinkind immer in meinem Bett und zeigt Kunststücke und dann kommt noch mindestens einer mit dazu und wir lümmeln in den Kissen und gucken das Sandmännchen auf youtube, Arme und Beine zum gordischen Knoten geschlungen. Und ich sage zu dem Mann, dass er genauso verbohrt sei wie der Herr Fuchs und er nennt mich „sein Elsterchen“ und sagt, ich sei genauso besserwisserisch wie die. Das wird mir fehlen.

Und die feuchten Schmatze des Kindes, wenn es mich abküsst und morgens fragt: „Hast du gut gesslafen, mein Sssatz?!“, mich nachmittags begrüßt mit: „Hallo mein Mäußchen!“, und abends verabschiedet mit: „Iss komm auch gleiss ins Bett!“, und somit eins zu eins meine Worte an ihn wiedergibt. Ich finde das so anrührend. Das wird mir fehlen.

Ich darf gar nicht daran denken, wie ich ich den drei Nächten, die ich bislang ohne ihn verbracht habe, schlaflos irgendwo lag und dümmliche SMS an den Mann geschrieben habe. Mit Herzchen drauf und so Zeug. Und ihn genötigt habe, mir Fotos der schlafenden Kinder zu schicken.

Ich muss mich zusammenreißen! Wirklich jetzt. Das wird alles ganz großartig!

Und in der Kurklinik werden die mich auch kennenlernen! Pah, die Muttis dort werden gar nicht merken, dass der Mann da eigentlich alleine auf Kur ist. Ich komm einfach jeden Nachmittag vorbei. Wie bitte? Besuchszeit nur sonntags? Sorry, ich kann dich nicht verstehen. Ist so laut hier…