Brief an einen Reisenden

Der Beste ist mal wieder mit dem Rucksack losgezogen. Warum? Nun, wer hier neu ist, sollte für´s Verständnis erstmal DIESEN Artikel lesen…

In zwei Tagen ist unser Hochzeitstag. Ausnahmsweise hab ich in diesem Jahr dran gedacht, aber du bist gar nicht da! Deshalb schreibe ich dir, sonst heißt es wieder, ich hätte es sowieso vergessen. Es ist komisch hier ohne dich. Ich meine nicht, dass ich dich direkt vermisse. Es ist nur seltsam, zu wissen, dass du mehrere Tausend Kilometer entfernt bist.

Wenn ich dein Fahrrad in der Garage sehe am Nachmittag, macht mein Herz (das dumme Organ) einen Hopser und ich denke, schön, du bist früher zu Hause! Ich habe jetzt die Kinderwagenregenplane darübergestülpt, damit ich mich nicht jeden Tag aufs Neue freue. Deine Schuhe vor der Türe haben denselben Effekt. Ich habe einfach mehrere Paare von mir draufgeschüttet. Jetzt sieht man auch den hässlichen Fußabtreter nicht mehr. Und mit zwei Kopfkissen und zwei Decken quer im Bett zu schlafen ist einfach nur Klasse!

Es geht uns gut. Ich habe mir allerdings irgendwas Allergisches eingefangen. Mir tränen die Augen und die Nase ist auch betroffen. Am Schlimmsten ist es, wenn Tierbabies im Fernsehen sind oder ein Brief im Briefkasten mit deinem Namen drauf. Komischer später Heuschnupfen. Aber ansonsten ist alles super!

Die Kinder machen mir große Freude. Abwechselnd. Sie scheinen sich abgesprochen zu haben. Und so sorgt immer einer von ihnen für meine Unterhaltung.

In den ersten Tagen war der Kleinste dran. Er schläft nicht mehr tagsüber. Aber müde ist er trotzdem und ningelt stundenlang, stößt sich die Rübe, klemmt sich die Finger ein, purzelt irgendwo runter. Und heult. Will nichts essen außer Butterkeksen und wenn ich ihm EINEN und nicht zwei in die Wurstfinger drücke, ist das auch ein Grund, in Geheul auszubrechen. Stecke ich ihn dann irgendwann mit rotgeweinten müden Augen in sein Bettchen, dreht er richtig auf! Nicht dieses mämämämä-ich-bin-gar-nicht-müde-aber-wenn-ich-schon-hier-drin-liege-dann-mach-ich-eben-ein-Nickerchen-Jammern. Nein, ohrenbetäubendes Gebrüll! Uwäääääääääääääääääääh! Mit gegen den Schrank schlagen, an den Gitterstäben rütteln. Bis zur Heiserkeit. Ich gehe dann immer rein und erkläre ruhig und bestimmt, dass ich nicht der Uwe bin und es nicht mag, wenn man mich anschreit. Er brüllt einfach weiter! Das wird dann stets durch halbstündliche Aktionen meinerseits unterbrochen, in denen ich ihn rumtrage (der Flur hat schon eine stumpfe Laufbahn auf dem Parkett), in der Plagenkarre rumfahre oder Butterkekse reiche. So kriege ich den Tag rum, ohne groß nachzudenken, dass du mir eigentlich doch ein bisschen fehlst.

Wie gesagt, sie sorgen gut für meine Ablenkung. Als Belohnung sorge ich gut für ihr Wohl und lasse uns regelmäßig bekochen von Fachkräften mit Sonnenblende, die wahlweise „Willkommen bei Mc Donalds, was kann ich für sie tun?“ und „Herzlich Willkommen bei Burger King, ihre Bestellung bitte!“ zu mir sagen. Wobei erstere mir mittlerweile deutlich lieber sind, da ich jedesmal den Versuch starte: „Ich will mal ne Stunde Ruhe. Bitte nehmen sie die Kinder und machense irgendwas mit denen!“. „Haha! Witzig.“. „Na, hörn sie mal! Sie haben gefragt!“. Bislang habe ich immer nur Essen UND die Kinder nach Hause geschafft. Ich versuche es weiter.

Am ersten Abend habe ich mir zur Feier des Tages einen Mädelsabend gegönnt. Mir alleine. Mit Pizza Hawaii, Ben&Jerry´s, Toblerone, Enzympeeling, Heilerdemaske, Q10-Serum, Hand-und Fußcreme und dem Film „Schadenfreundinnen“. Halt. Irgendwas hab ich vergessen. Ach so! Das Kind Nummer eins war auch dabei. Uneingeladen. Aber mit einer angetrockneten Heilerdemaske auf dem Gesicht lässt es sich schlecht argumentieren. Ungefähr so sprechen vermutlich frisch ge-Botox-te. Ich habe es wirklich versucht! Allein, er ging nicht. Kann nicht schlafen, habe Trennungsschmerz und Mama! Ich MUSS Frauenfilme schauen! Woher soll ich sonst wissen, wie die denken und was die so wollen! Das ist wichtig für mich! Und so hockte ich neben dem dauerquatschenden Pubertäter mit bröckelnder Maske auf dem Gesicht und hörte nur die Hälfte der Dialoge, weil von rechts noch einmal alles erklärt und interpretiert wurde, was da vor uns passierte…

Fernsehen werde ich wohl nicht mehr. Ich gehe jetzt immer zu seiner Zeit mit ihm ins Bett und stelle mich schlafend, wenn er zum dritten mal flüsternd in der Tür steht: „Mama! MAMA! MAAAAAMAAAA! Schläfst du schon?“. Meistens schlafe ich dann wirklich schon.

Ich erlebe wirklich spektakuläre Tage! Da kannst du mit deinem Titicaca-See und dem Machu Picchu einpacken!

Halt! Wir haben wirklich was Lustiges erlebt. Das Baby müffelte und ich beschloss, ihn zu Wasser zu lassen, bevor sich die Obstfliegen draufstürzen. Und, du kennst ihn ja, er hampelte aufgeregt vor der Wanne herum, während ich ihn versuchte festzuhalten und mit der anderen Hand seine Klamotten und die Windel abzupfte und -rupfte. Komisch, dachte ich, ne Bremsspur in der Windel… wo ist die Wurst? Muss wohl rausgekullert sein. Und wie ich so suche, türmt der Babynator, krabbelt in einem Affenzahn weg und sich sehe noch hinten an seinem Ärschel die Kackwurst baumeln! Ich also ruhig und souverän hysterisch quiekend hinter dem her! Eine Hand an dem Nackedei und eine Hand immer unter der wippenden Wurst, um deren unkontrollierten Fall zu verhindern. Durch den ganzen Flur! Hatten wir einen Spaß!

Dein Sohn fand das eklig. Nicht der mit der Wurst. Der andere. Und ich weiß, du willst auch nie irgendwas Fäkalisches hören! Aber wer in Peru sitzt und Meerschweinchen isst, der sollte ganz still sein. Weißt du noch, unser alter Hund? Der hatte so ´ne fette schwarze Warze am Kinn. Ich fand die eklig, aber du hast gesagt, der arme alte Hund kann doch nichts dafür! Und ihn immer gekrault unterm Kinn. An der fetten schwarzen Warze. Die eines Tages abfiel, mit einem ´Plong!`auf dem Fußboden landete und sich als vollgefressene Zecke entpuppte. Das muss man sich mal vorstellen: Du hast wochenlang einer Zecke den Bauch gekrault. DAS ist eklig!

Die Leute hier nehmen alle sehr Anteil an unserer aktuell gespaltenen Familiensituation. Wir haben vor ein paar Tagen einen deiner Studienkollegen getroffen. Diesen Dings… Senior senior Head of de ganze Welt… du weißt schon. Fragt der mich, wie´s dir geht und ich erzähle, du bist in Peru. Er so: „Aha. Warum?“. Ich stammel irgendwas von: „Kultur? Und Gebirge?“. Da sagt der: „Ach, er ist gar nicht beruflich dort, sondern freiwillig?!“. Das toppt fast noch den hier von einer Bekannten: „Muss sich dein Mann schon wieder von seiner Familie erholen?“. 🙂

Ach Schatz, erhol dich schön von deiner Familie. Und ich wünsche dir ganz viele Abenteuer und heul nicht in deinen Schlafsack, wir vermissen dich nämlich überhaupt nicht.

Außer unsere tiefsinnigen Gespräche, die fehlen mir. Wie das kurz vor deiner Abreise: „Wie du wieder Auto fährst!“, „Wieso? Ich fahr doch schön!“, „Also wirklich! Es geht echt schöner!“, „Du gehst mir vielleicht off´n Sack! Wächst in Peru eigentlich Pfeffer? Weil, dann kannste gleich da bleiben!“, „Ach, du laberst doch bloß! Und dann heulst du jeden Abend in mein Kissen, weil du mich so vermisst. Huhuhuhu. Komm zurück. Huhuhuhu!“, „Freundchen! Du kannst gleich bei deiner Mutter einziehen! Und ich kenne auch jemanden, der dir sofort beim Packen helfen wird! Mich!“.

Ja, das fehlt mir. Du fehlst mir, mei Dieschor (Sächsisch ist echt sexy, oder?)! Aber nur noch zehn mal Mc Donalds und zehn mal Burger King, und schon bist du wieder da! Unser familiärer Cholesterinspiegel wird dich blenden am Flughafen.

Und das nächste Mal nimmst du gefälligst die Kinder mit, damit das klar ist!

17 Kommentare zu “Brief an einen Reisenden

  1. Ha, Süße, ich hab schon drauf gewartet, wann du mal wieder was schreibst. Jetzt verzeihe ich dir die tagelange Pause, weil ich nun weiß, dass sie aus pubertären Bröselmasken und Fäkalienflurprävention bestehen. Das ist wirklich eine gute Entschuldigung mich so lange darben zu lassen.

  2. Genau! Ich erlebe Wahnsinnssachen! Die müssen auch erst mal verdaut werden. Und manchmal auch Heilerdebrösel vom Teppich gesaugt und der Flur gewischt werden, bevor man zum Schreiben kommt… Ich widme mich jetzt wieder meinem spektakulären Tagesprogramm. Heute mein Stellenprofil: Senior Laundry Manager.

  3. Habe sehr geschmunzelt. Mein Mann und ich fahren auch regelmäßig mal getrennt weg – Heilfasten und Ruhe vs. Kirchenmusik-Spezialtouren in verschiedene Länder. So sehr wie nach so einer Woche ohne freut man sich sonst nie auf seine Familie.
    Gibt es in/bei Dresden einen Porta-Möbelmarkt? Hier in Magdeburg haben die da eine super freundliche kleine und kostenfreie Kinderbetreuung (Portalino genannt), die die Kinder für eine Stunde bespaßen und selbst meinen Zweijährigen schon nehmen, wenn er mit dem großen Bruder (7) kommt. Ich bin zwar eher der IKEA-Käufer und bringe daher nicht den erhofften Umsatz – Ich setze mich dann für die Stunde gemütlich ins Porta-Café mit einem Buch und es hat sich bisher noch nie jemand beschwert. Das Ganze runden wir dann mit einer Portion Nudeln je 1,00 € pro Kind ab und meine Küche sieht mal einen Abend nicht aus wie ein Schlachtfeld. Wenn dein Kleiner noch etwas größer ist, wäre das eine Alternative zur Anfrage bei MacDonalds & Co.

  4. Herrlich… Selten so gelacht, wie bei deiner Beschreibung der Badewannenszene und der bauchgekraulten Zecke… *YOU-MADE-MY-DAY*

  5. Habe deinen Blog erst gestern durch Zufall entdeckt und bin sehr begeistert! 😂 Heute Nacht hatte ich unfreiwillig die Gelegenheit weiterzulesen, da Schätzchen Nr. 2 lautstark nach einer Milch verlangt hat. Sie hat danach selig geschlummert und ich war wach…grrrr… Dann fiel mir dein Blog ein und ich las… und las…und las… und war versöhnt! Bin irgendwann glucksend und schmunzelnd eingeschlafen. Heute Morgen zugegeben etwas müde, aber das war es wert!😉 Danke für Deinen herrlichen Blog und liebe Grüße aus dem Norden

  6. Dein Mann hat einer Zecke wochenlang den Bauch gekrault?!?Muahahaha, weil geil ist das denn! Öh… was für Tiere er wohl in Pero kraulen wird…? *schüttel. Lieber nicht drüber nachdenken. Und sag ihm ruhig öfter, dass er das nächste Mal die Kinder mitnehmen soll. ist ja nicht witzig so für Dich ähhh für ihn.. schdrückdisch!

  7. suuper. Da war ein Dreher drin. „Wie geil ist das denn“ sollte das natürlich heissen….. Ich bin zu alt für diese PC-Welt, kann immer noch kein 10-Finger-System (psssst!).

    • ❤ Ach, ich mag Deine Kommentare auch mit allen Drehern 😉 Zehn Finger zum Schreiben ist auch Verschwendung, man muss ja noch irgendwie die kaffeetasse halten… und die KInder… und kochen nebenbei… schdrückdisch

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