Das schwere Schaf – Abschied von Bullerbü

Ich denke nach. Endlich habe ich mal Zeit! Also zuerst dachte ich nicht. Auch nicht nach. Zuerst war es so, dass ich morgens zur Arbeit ging, am späten Nachmittag nach Hause kam, Jacke und anderen Anziehkram über die Couchlehne schmiss, in der Küche einen angefressenen (oder einen neuen, je nach Füllstand) Becher Eis holte, Limo, Chips und die Fernbedienungen, mich sodann auf die Chaiselongue warf und dort liegen blieb, bis zwischen zweiundzwanzig und null Uhr die Gesichtsjalousie herunterging. Dieses Tagesprogramm wiederholte ich stringent eine Woche lang. Oder zwei. Ich aß kein Obst, ich aß meine Vitamintabletten nicht, ich schlurfte sogar manchmal ins Bett ohne Zähne zu putzen oder mich abzuschminken. Ich benahm mich wie ein Pubertier im Modus „sturmfrei“. Zwischenzeitlich überkam mich ein Gedankenanflug, und zwar, wie lange ich dieses verlodderte Verhalten wohl unbeschadet an den Tag und Abend legen konnte, ohne der Skorbut anheimzufallen. Ich wusste keine Antwort, zum Googlen war ich zu faul und ich musste ja auch die nächste Folge „irgendwas“ auf Netflix anklicken.

Was war passiert?

Der Bärtige ist mit dem Kleinsten auf Vater-Kind-Kur. Das macht er nicht, weil er (der Vater) oder es (das Kind) gekurt werden müssten, nein, das macht er (der Bärtige), weil die Mutter (also ich) dringend Erholung braucht. Jetzt könnte man lange darüber philosophieren, warum das so sei und wie man im Alltag und überhaupt, das Dorf, gerechte Verteilung von care Arbeit, gerechte Arbeitsteilung generell, gerechte Entlohnung, die eine Arbeitsteilung auch möglich machen würde, ich lasse das! Weil, das macht mich aggressiv. Das bringt mich nicht zu Ergebnissen! Außer, dass ich denke, ich pack am besten meinen Scheiß und haue ab, dann teilen wir wirklich gerecht! Eine Woche du die Kinder, eine Woche ich! Und in deiner Woche hänge ich sieben Tage faul auf der Couch. Also nach der Lohnarbeit, der ich ja noch regelmäßig nachgehen muss, um mein Netflixabo zu finanzieren. Nein, das sind Gedanken, denen ich keinen Raum lasse. Nicht mehr. Also habe ich jetzt Kur! Die einzige Kur, die mir wirklich Entspannung verschafft: Alle weg, Mutti alleine.

Der Großsohn ist auch noch hier, aber er und ich haben einen modus operandi, der super funktioniert. Wir lassen uns eigentlich total in Ruhe, und falls doch mal eine(r) von uns beiden Gesellschaft wünscht, deckt sich das glücklicherweise exakt mit dem Zeitpunkt, in dem das ebensolche Bedürfnis im anderen erwacht. Dann reden wir ein paar Sätze, essen eventuell etwas gemeinsam und gehen dann wieder unserer Wege. Meiner führt stets auf die Couch.

Das geht nun seit zweieinhalb Wochen so und langsam schmecken mir weder Chips noch Eis. Ich denke auch manchmal, dass es doch schön wäre, wenn irgendjemand zu mir käme und mich küssen würde. Und dass es schön wäre, mal einen Grund zu haben, von der Couch aufzustehen! Zwei Staffeln Mrs. Maisel, eine Staffel Working Moms, vier Staffeln Sherlock später, und ich sitze also hier.

Ich denke nach, das schrieb ich ja bereits. Ich habe lange nicht mehr geschrieben, ich weiß. Ich dachte, die Worte seien weg. Nach der letzten Depression war ich so leer, ich hatte Mühe, meine eigenen Gefühle einzuordnen und mich unauffällig im Tagesgeschehen zu bewegen, einfach nur teilzuhaben, dass ich einfach gar keine Energie mehr übrig hatte für irgendwelche Gedankenausflüge, die ich hier hätte niederschreiben können.

Blogger, was ist das. Ich habe mich nie verstanden als jemanden, logbuchartig seinen Tagesinhalt mitteilt.

Gestern war das Wetter mild, heute regnet es, morgen gibt es Fisch, eventuell bekommt das Kind Schnupfen, es hat so rote Augen.

Ich denke darüber nach, wie sehr mich alleine der Umstand verändert hat, dass ich diese Plattform hier für mich gefunden habe. Eigentlich wollte ich ja ein Café eröffnen in der Elternzeit (das stimmt wirklich). Während meiner Coachingausbildung bin ich dann mit der Idee des Secondhandladen-DIY-nett- und- lauschig-vegan-was-sonst-Elterncafé in eine Coachingsitzung gegangen und die endete, in dem ich laut ausrief, ich würde kein Café eröffnen! Nein, ich würde einen Blog launchen! Dass ich damit wirklich etwas machen würde, das mir persönlich so viel mehr einbringt als es ein Business jemals könnte, das konnte ich nicht ahnen. Oder doch? Scheinbar war es irgendwo in mir. Ich bin nach wie vor ein riesengroßer Fan von Coaching.

Jedenfalls (wer sich jetzt schon langweilt, darf gern nach hierhin abspringen) dachte ich (ich schrieb ja schon, dass ich das neuerdings wieder mache, weil ich gerade mal Zeit dazu habe), ich hätte nichts mehr zu erzählen. Geschichten formten sich nicht mehr in meinem Kopf, allenfalls kurze Sequenzen. Ich habe das sehr bedauert, betrauert. Genau wie ich noch immer der Zeit hinterhertrauere, die ich nicht festhalten konnte. Ich denke an die glücklichsten Jahre meines ganzen Lebens, die Elternzeit mit dem Blondchen. Diese Jahre waren ein Füllhorn an Liebe, Kreativität und so vielen Möglichkeiten, die sich alle auf einmal zeigten. Und alles war von Liebe getragen. Meine Sorgen waren klein, oder lösten sich gerade auf, mündeten in Ideen von Lösungen. Alles war möglich. Und ständig wurde geküsst.

Alles wächst, verändert sich. Ich wusste das und wehrte mich dennoch. Vergebens, ihr wisst das bereits. Und sorgenschwere Jahre kamen und hielten an. Und manchmal denke ich, ich habe meine Leichtigkeit und all meinen kindlichen Enthusiasmus verloren, meinen Glauben daran, dass wirklich, wirklich alles gut wird am Ende. Und dass wir uns immer noch jeden Tag küssen werden, wir alle, in Liebe. Sorgen über mehrere Familienmitglieder, sich-kümmern-müssen, sich streiten, Verantwortlichkeiten, die man übernehmen muss, obwohl niemand gefragt hat, ob einem selbst der Rucksack viel zu schwer ist. Und was soll das sein, dieses „müssen“? Warum müssen wir? Sagt wer? Und sich dann trotzdem fügen. Wir alle. Und sich nach Bullerbü zurücksehnen, wo das blonde Kind diagnosefrei und unschuldig seine ersten Schritte im taufeuchten Gras unseres Gartens machte, den wir nicht mehr haben. Verkauft und getauscht gegen ein großes Haus mit kleinem pflegeleichten Garten, in dem wir selten sind.

Alles wird besser, doch nie wieder gut. Diese Liedzeile aus einem Rosenstolzsong kam mir oft in den Sinn. Das Haus wird größer, das Auto PS-iger, die Arbeit mehr und die Liebe? Die Zeit? Das Glück? Ist das der Preis? Können wir dahin zurück, was wir hatten? Ist das möglich? Vielleicht, indem wir in eine kleine Wohnung ziehen, weniger arbeiten? Lassen wir dann die Probleme hinter uns zurück in dem großen Haus? Haben wir dann wieder „Zeit“? Zeit, um glücklich zu sein, Zeit zum Träumen von der Zukunft? Das mit der Zukunft ist im Moment so, dass ich noch nachdenke, was ich mir wünschen würde von ihr, da steht sie schon im Türrahmen und sagt: „Sorry, aber das ist nun leider zu spät! Ich bin schon da und bitte, hier, das ist es jetzt für dich! Viel Spaß damit!“.

Ich stand heute vor dem Garten, dem alten. Seit zwei Jahren gehört er nun einer anderen Familie. Alles ist zugewachsen, ein Zweig einer mir unbekannten Pflanze hat sich durch das zerbrochene Glas des Gewächshauses nach draußen gewuchert. Dort, wo der Mann in wochenlanger Schweißarbeit einen Rasen angelegt hat, wächst irgendwelches Kraut auf fast zwei Meter Höhe. Mein Rhabarber, mein Lavendel! Riesige Büsche sind mittlerweile aus den Pflänzchen gewachsen, die ich einst eingesetzt hatte. Aber alles wirkt verwahrlost. Ich stand dort an dem rostigen Tor und weinte. Es tat mir so unendlich weh! Ich habe nicht vergessen, dieses Grundstück ist ein Grab für all unsere Ersparnisse gewesen, hat sich wie eine verdammte Hydra benommen, was die Arbeit dort anging. Wir wurden niemals fertig. Das Haus, das Gewächshaus, die Umbauarbeiten, Marderschaden, Viehzeug, ich habe es nicht vergessen. Dennoch.

Ich habe auch nicht vergessen, wie ich vor mehr als neunzehn Jahren dort im Auto auf dem Beifahrersitz saß auf der Buckelpiste zum Garten und den Mann anschrie, wenn er nicht sofort langsamer fahren würde, würde ich auf der Stelle sein Kind gebären in diesem Scheißauto! Und ich sehe so viele Sommerfeste dort. Sehe meine Schwiegermutter, die wir vor drei Wochen beerdigt haben, wie sie ihre furchtbar ungenießbare Kirschtorte aus der Küche trägt, jedesmal wenn wir zu Besuch da waren. Ich sehe uns zwei selbst viele Jahre später den Garten zu unserem machen. Sehe mich erneut hochwanger in dem Garten, mit Gummistiefeln im Kartoffelacker und später unser Baby in dem kleinen Gitterbettchen unterm Dach. Ob das noch immer dort steht? Unter dem Dachgiebel in dem verfallenen Häuschen? Rückblickend denke ich (wie immer), wie scheiß glücklich wir doch waren und warum konnte es denn nicht so bleiben?

Ich schreibe dem Mann im Kurhaus, dass ich so unendlich traurig bin. Und schicke ihm Fotos.

Wir reden nicht, er ruft mich nicht zurück. Er schreibt mir, ich solle die Fotos löschen von meinem Handy!

Und dann schickt er mir Fotos. Fotos aus der Vergangenheit, in die ich so gerne zurückmöchte. Bilder, auf denen unser mittlerweile erwachsener Sohn lachend unter einem Rasensprenger steht. Auf einer gemähten Wiese. Bilder, auf denen der Mann mit dem Baby, das damals noch eines war, in einem Babyplanschbecken sitzt. Ich weine, lange. Und ich liebe den Mann sehr dafür. Mehr, als mir vorher bewusst war. Er schreibt, wir haben so schöne Erinnerungen, die Buchstaben verschwimmen.

Ich pflücke ein paar Blumen durch den zugewucherten Gartenzaun und sammle eine Handvoll Schoten von der unsäglichen Wicke am Gartenzaun, die niemals ganz im Zaum zu halten war und nun die Weltherrschaft anstrebt in Schrebergartenhausen. Die Samenhülsen breche ich zu Hause im pflegeleichten Garten neben dem großen Haus über einem Hochbeet auf und streue circa sechszig Samen aus. Ich will, dass etwas wiederkommt! Dass diese verrückte Schlingpflanze mich im nächste Sommer daran erinnert, dass das noch in uns ist. Dass diese Erinnerungen für immer bleiben und dass neue dazukommen werden. Mit großen Kindern, anderen Begebenheiten. Und dass auch Liebe Energie ist, die ja bekanntlich nicht verschwindet, sondern sich nur wandelt.

Ich finde, es ist langsam Zeit, dass die Jungs zurückkommen.

Und ich finde, es war wirklich an der Zeit, dass die Worte wiederkommen.

Auf Wiederlesen!

 

Ein Kaffee für Frau Nieselpriem

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