Seniorensport

Also es begab sich zu der Zeit, als der Bärtige befand, einhundert Kilometer auf dem Fahrrad plus zwei Stunden Joggen zusätzlich zu zwei Stunden Krafttraining seien nicht genug für den eigenen Body, und er vertut die nun noch übrige Zeit neben der Erwerbstätigkeit mit Cross Fit. Was das ist und warum und überhaupt und Hendrik Hey, ihr könnt das googeln. Ich glaube ja, das wird der neue heiße Scheiß und die klassischen Fitnessstudios werden bald nur noch von Rentnern mit Rücken-Abo frequentiert. Wenn es mal soweit sein sollte, erinnert euch, die Nieselpriem hat schon damals, zwanzig neunzehn, gesagt, dass es so wird.

Jedenfalls sieht der Kerl jetzt so aus, als hätte er meine Oberschenkel neben seinen Hals transplantieren lassen und selbst meine Freundinnen reißen ungebührlich die Augen auf bei seinem Anblick. Sie wissen ja nicht, dass er sich ächzend auf das Heizkissen schleppt zwischen seinen Sporteinheiten und der Physiotherapie, die das nun alles auch noch nötig macht.

(c) giphy

Neuerdings beobachte ich mit Argusaugen, dass der Kerl sich flachbrüstige Gewichtheberinnen auf dem Handy anguckt, die Schreie ausstoßen wie ich beim Kinderkriegen. Dabei aber keine Kinder pressen, sondern Stangen mit Gewichten dran. Der Mann ist seltsam. Aber mir ist eigentlich egal, was der Kerl treibt und ich habe einen Filter über den Motivationssprüchen, die er gelegentlich in meine Richtung absondert, meine sportliche Aktivitäten betreffend. Ich laufe ein bis zweimal pro Woche und mache manchmal morgens vor der ersten Kucheneinheit solche Rumpfhebendinger, ihr wisst schon. Ich denke, das reicht.

Moment! Ich dachte, das reicht.

Jetzt denke ich anders, und das hat noch nicht mal was mit den Gewichtheberinnen auf dem Handy meines Kerls zu tun. Denn mir ist ein Foto in die Hände gefallen. Ein Konterfei meiner selbst im zarten Alter von sechsunddreißig. Ich habe damals geraucht wie ein Schlot, gesoffen wie ein Loch, und dennoch lächelt mich ein graziles Wesen mit makelloser Haut von dem Bild an. Mit Schultern! Und zwar Schultern… wartet… ich muss erst mal atmen… also so zarten Schülterchen, wisst ihr, die aussehen, als hätte man drei formschöne Hühnerbrüstchen adrett an das dünne Ärmchen geklebt. Ganz und gar zauberhaft sieht das aus! Ich bekam feuchte Augen.

Dann kam ich nicht umhin einzugestehen, dass ich nun zwar nicht mehr rauche, keinen Alkohol trinke und mehr (!) Sport mache als damals, das fiese Alter aber dafür sorgt, dass ich zur Belohnung für den ganzen Verzicht auch noch aussehe wie Hackfleisch! Adé Hühnerbrüstchen.

Jetzt könnte ich mich damit abfinden und eine Packung Pralinen öffnen, Kaftane bestellen zur Verhüllung der Hackfleischmasse, und ein Keilkissen mit seltsamem Muster, das ich dann immer mit mir rumschleppe. Zur optischen Vervollständigung böte sich dann noch eine güldene Brillenkette an, die ich mir übers praktisch kurze dauergewellte Haar stülpen könnte.

Ich habe beschlossen: NEIN! Ich gebe mich nicht kampflos geschlagen! Ich will die Hühnertittis zurück!

Der  Entschluss ist nun schon ein paar Wochen alt und alles begann, wie es immer so beginnt. Die moderne Frau mit Sportambitionen installiert sich eine App, und guckt dann so in etwa:

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Denn was sie sieht, ist vielleicht dies hier:

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Ist euch das mal aufgefallen? Überall recken einem wildfremde Menschen ihren Arsch ins Gesicht! Ärsche sind die neuen Möpse! Ich fühle mich ange-arscht, und nicht nur, weil ich selbst von hinten aussehe wie Holland, also flach, sondern weil mir das irgendwie alles zu schnell geht. Früher, also früher, da wurde man noch gefragt, bevor ein anderer Mensch einem seinen Pops ins Gesicht drückte. Aber was weiß ich schon, ich bin nur ein altes runzeliges Frauchen mit Problemzonen.

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Die Apps und ich, das wurde nichts.

Ich bin dann auf drei Laufeinheiten pro Woche umgestiegen und mein Fitness-Tracker-Armband-Computer (den mir selbstverständlich mein Mann geschenkt hat; ich hätte auch eine Uhr aus einer „Christ“-Tüte genommen, ihr versteht) kommt gar nicht mehr hinterher. Deshalb fühlen sich meine Beine an wie Betonpfeiler. Und ich habe dem Mann erlaubt, mich zu „schinden“. Wir werden noch sehen, wozu das gut ist.

Das mit dem Schinden sieht wie folgt aus:

Auf unserem Dachboden liegt außer zehn Kilo Lego auch ein Teppichboden, weshalb der Kerl schon vor Monaten befand, das sei ab sofort ein Fitnessdachboden und Gelumpe anschleppte, das ich bislang ignorierte, nun allerdings hautnah kennen lerne. Fünfzig Seilsprünge und drei erbärmliche Runden Krebsgang in unwürdiger Haltung zur Erwärmung. So, und nun das Ganze rückwärts, Frollein! Dann zehn Minuten Hardcore ohne Pause im Wechsel zehn Mal Hanteln stemmen, runter und zehn Liegestütze, hoch und zwanzig Kniebeugen („TIIIIEFER!“). Dann alles wieder von vorn („NOCH TIIIIEFER!“). Ich keuche, ich schnaufe, ich werde angebrüllt. „LOS! DU BIST STARK! WEITER! LOS! HOCH! UND NOCH MAL!“. So geht das nun schon seit einer Weile.

Was ich denke, wie ich aussehe:

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… wie ich tatsächlich aussehe:

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Es sind schon Effekte spürbar. Ich kann nicht mehr Treppen steigen. Meine Knie tun weh, mein Rücken ist wie ein Brett. Der Mann und ich streiten uns um das Heizkissen. Ich kann mir meine Socken nicht mehr anziehen, ich komme einfach nicht runter. Ich versuche, die Söhne gegen Geld anzubetteln, mich an- und auszuziehen. Ich brauche dringend einen Zivi, es ist soweit. Alles tut mir weh. Erbarmen kennt der angeheiratete Drillinstructor nicht und über die Theorie, dass man bei Muskelkater dem Körper die Chance auf Erholung gönnt, kann er nur lachen.

Und so kam es, dass ich mich heute unter zuhilfenahme beider Arme stöhnend mit einer schraubenartigen Bewegung aus meinem Bürostuhl erhob und mit krummem Rücken zur Kaffeeküche schlurfte, und die Kollegin treffsicher bemerkte: „Oh, gestern wieder Sport?!“.

Ihr wisst also, was von euch erwartet wird, wenn mich das nächste Mal seht: Kommentiert bitte ausufernd den Status meiner Hühnertittis (meiner Schultern) und überhaupt lügt was das Zeug hält, meine Körperzustand betreffend! Ihr müsst mich da jetzt wirklich mal unterstützen. Notfalls übt vor dem Spiegel. Das kann doch nicht so schwer sein. Ich schlurfe matt auf euch zu und ihr schreit: „Hey! Rike! Super siehst du aus! Trainierst du etwa?! Wow, und diese Schülterchen! Wie zarte Hühnerbrüste! Respekt!“. Oder so ähnlich.

Danke und Sport frei!

Ein Kaffee für Frau Nieselpriem

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13 Kommentare zu “Seniorensport

  1. Hallo Rike,
    Der Blog-Beitrag ist vom Feinsten! 😁 So ein Personal- Trainer ist schon goldwert.
    Ich sage weiterhin sportfrei.
    Viele Grüße nach Dresden und ein sportliches Wochenende!
    Grit

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  2. Ja, ist gut, ich mach das! Hey, Rike, super siehst du aus! 💪🏼
    Ich hab übrigens jetzt das zweite Jahr Schulter, ich mach keine Liegestützen. Nur für den Fall, dass du die Dinger leid wirst und ein wenig Nachhilfe über die symptome zwecks wegen des Instruktors brauchst 😆💩

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  3. Kicher. Ich würde sagen da fehlt ein zweites Heizkissen und jeweils eine Großpackung Magnesium und Ibuprofen zum sportlichen Eheglück.
    Eventuell kann man dem Drillinstructor noch stecken, dass der eigentliche Kraft- und Muskelzuwachs in den Regenerationsphasen passiert. 🙂
    Aber was rede ich, hier ist gerade ein Gravel-Bike eingezogen, das weniger wiegt als ein voller Wäschekorb. *verhüllt entsetzt das Haupt*

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