Just me, myself and I

Ständig rufen Leute an und schreiben besorgte Nachrichten über ihre kleinen Telefone. Hintergrund: Man sorgt sich um mich! Man will sich kümmern!

Weil, ich bin alleine. Der Mann ist mit dem Babylino auf Kur gefahren. Die arme muss getröstet werden!

Kinder wurden mir angeboten, zum Halten. Als Ersatz. Beschäftigungsstrategien ausgeheckt. Mehr arbeiten zum Beispiel (Fällt aus!), Kino (hab ich mich überreden lassen), Football gucken mit den Kollegen (vielleicht), und wer weiß, was mir noch alles angetragen wird.

Dabei ist das alles gar nicht nötig! Wahrscheinlich komme ich in die Muttihölle, aber wisst ihr, wie ich mich aktuell tatsächlich fühle?

Schlafen, schlafen, schlafen. Pralinen essen im Bett, Netflixen bis die Playstation raucht und Fastfood dreimal täglich. Yes! Und jetzt stört mich nicht weiter, ich tanze in der Küche!

Edit: Der pubertäre Sohn findet mich jetzt peinlich und seltsam. Na endlich!

Kur-z-Urlaub

Und es begab sich zu der Zeit, dass der bärtige Mann beschloss, es sei an ebendieser, sich von den Strapazen der zweifachen Vaterschaft und aller damit einhergehenden Verantwortung in Co-Einheit mit beruflicher Vollbeschäftigung und den physisch und psychisch belastenden Umständen, die die Ehe mit mir mit sich bringen, zu erholen, und stellte einen Kurantrag.

(Apropos erholen. Wer sich von diesem Satz erst mal erholen muss, bitte hier klicken.)

Nach reiflicher Überlegung beschloss er, das Prinzip „Vater-Kind-Kur“ zu testen und mich nicht mit beiden Kindern allein zu Hause zu lassen. Sondern nur mit einem. Ich möchte ihm dafür an dieser Stelle auch noch einmal von Herzen danken!

Er freut sich jetzt auch schon sehr. Vor allem auf die tausend Muttis, die ihn dort mit offenen Armen und Beinen empfangen werden, denn wenn so ein Vater auf Vater-Kind-Kur fährt, ist er ja noch immer ein Unikum mit Einhorncharakter. Selten. Rar. Orr, guck mal, ein Papi allein mit seinem Kind! Wie niedlich!

Seit der Kurantrag genehmigt ist, wird jede meiner ansatzweisen Zicken mit den Worten an das Baby quittiert: „Ärgere dich nicht, Baby, wir lernen bald ganz viele nette Mamis kennen!“.

Ich freue mich für ihn! Wirklich. Aber ich weiß gar nicht, wie ich das aushalten soll ohne ihn. Und das Kind.

Morgens werde ich ausschlafen bis mindestens halb sieben und dann mit Kaffee und Kerze vor mir auf dem Tisch aus dem Fenster gucken und dem Wetter beim wettern zusehen. Schwarz zu grau. Langsam wach werden und den Tag ankommen lassen. In Ruhe frühstücken, duschen.

Kein: „Ich will Tablet gucken! Ich will Kelloggs! Nein, die nich! Die sind nich legga! Ich will andere! Ich will Milch! Ich will Apfelsaft! Ich will den Bruda wecken! Ich will auf Arm! Geh weg! Böse Mama, geh in dein Zimma!“. Oh, wie wird mir das fehlen.

Kein: „Musst du auf´s Töppi?“. „Nein!“. „Musst du auf´s Töppi?“. „Nein!“. „Musst du auf´s Töppi?“. „Nein!“. „Musst du auf´s Töppi?“. „Nein!“. „Musst du auf´s Töppi?“. „Nein!“, und dann: „Oh! Ich hat eingepullat!“. Das wird mir fehlen.

Ich werde mich schminken können, ohne dass jemand meine Puderquasten klaut, aufs Klo steigt, dann herunterstürzt und brüllt, dass mir das Trommelfell vibriert. Das wird mir fehlen.

Kein: „Dann musst du eben die Badtür abschließen, Henrike!“, auf die Bitte hin, jemand (Irgendjemand!) möge mir doch bitte mal das Kind abnehmen, gerufen von einem, der ganz sicher in Ruhe Kaffee trinkt und die Börsenberichte studiert, weil das Entenjunge eben nur mir hinterherwatschelt… Hach, das wird mir fehlen!

Ich werde Zeit haben, mir die Haare zu fönen und vielleicht tatsächlich mal mit einer Frisur aus dem Haus gehen und nicht mit diesem festgezurrten Knödel auf dem Kopf, von dem ich annehme, er erinnert an eine zierliche Ballerina, der mir in Wahrheit aber das optische Erscheinungsbild einer abgehalfterten Domina verschafft.

Keine drei Brotbüchsen bestücken, Klamotten rauslegen und sich im Anschluss mit zwei Kindern rumärgern wegen der getroffenen Klamottenauswahl. Das wird mir fehlen!

Kein: „Henrike, wieso ist das Kind noch nicht angezogen? Wo sind denn dem seine Klamotten? Ach hier. Soll der noch Strümpfe anziehen? Hier liegen gar keine! Was?! Ja, und welche? Wie, irgendwelche! Kannst du mal herkommen anstatt mich durch die Wohnung anzuschreien! Was denn nun? Lange, kurze, dicke, dünne Strümpfe? Woher soll ich denn das wissen! Henrike! Um alles muss ich mich alleine kümmern! Ich muss los, ich komm zu spät ins Büro! Weib, hörst du mich?! Hallo?“. Das wird mir fehlen.

Ich werde ohne Blick auf die Uhr arbeiten und nachmittags noch mehr Kerzen anmachen. Und Räucherkerzen! Und Plätzchen backen, mindestens zehn Kilo. Ich werde durch die Wohnung laufen können ohne rumzueiern, weil die deutsche Reichsbahn den nieselpriemschen Regionalexpress durch unsere Behausung verlegt hat.img_4019

Kein: „Mann-oh! Das Klopapier ist alle!“. „Ich wa-heiß!“. Das wird mir fehlen.img_4020

Der urlaubigste Urlaub überhaupt erwartet mich!

Ich werde mit dem Großkind eine großartige Zeit haben. Wir werden eine Ausstellung besuchen und vielleicht gehen wir auch mal ins Kino. Wir werden uns von Kuchen, Torte, Döner, Burger und Pizza ernähren. Ich werde nicht ein einziges Mal kochen!

Und wir zwei werden nicht streiten, egal, was kommt. Ich werde mit Vernunft, Weitsicht und Vertrauen auf den jugendlichen Schlaks einwirken und es wird gut werden.

Kein Gezanke am Abendbrottisch über mangelndes Reinhängen bei der Schule und übertriebenes Reinhängen bei der Computerspielerei. Kein Rumgemotze übers Essen. Kein Gerangel am viel zu kleinen Tisch. Das wird mir wirklich fehlen!

Nur, was mache ich dann die andere Zeit? Weltfrieden retten? Wahlbetrug aufdecken?

Es ist ein Desaster. Ich überlege tatsächlich, mich für drei Wochen im Fitnessstudio anzumelden oder ein Handwerk zu erlernen. Schätzungsweise sechs Stunden meines Tages sind bis jetzt unverplant. Hilfe! Was mach denn dann? Ich muss was machen! Irgendwas wird mir sonst fehlen!

Und abends, also abends weiß ich auch nicht… abends tobt das Kleinkind immer in meinem Bett und zeigt Kunststücke und dann kommt noch mindestens einer mit dazu und wir lümmeln in den Kissen und gucken das Sandmännchen auf youtube, Arme und Beine zum gordischen Knoten geschlungen. Und ich sage zu dem Mann, dass er genauso verbohrt sei wie der Herr Fuchs und er nennt mich „sein Elsterchen“ und sagt, ich sei genauso besserwisserisch wie die. Das wird mir fehlen.

Und die feuchten Schmatze des Kindes, wenn es mich abküsst und morgens fragt: „Hast du gut gesslafen, mein Sssatz?!“, mich nachmittags begrüßt mit: „Hallo mein Mäußchen!“, und abends verabschiedet mit: „Iss komm auch gleiss ins Bett!“, und somit eins zu eins meine Worte an ihn wiedergibt. Ich finde das so anrührend. Das wird mir fehlen.

Ich darf gar nicht daran denken, wie ich ich den drei Nächten, die ich bislang ohne ihn verbracht habe, schlaflos irgendwo lag und dümmliche SMS an den Mann geschrieben habe. Mit Herzchen drauf und so Zeug. Und ihn genötigt habe, mir Fotos der schlafenden Kinder zu schicken.

Ich muss mich zusammenreißen! Wirklich jetzt. Das wird alles ganz großartig!

Und in der Kurklinik werden die mich auch kennenlernen! Pah, die Muttis dort werden gar nicht merken, dass der Mann da eigentlich alleine auf Kur ist. Ich komm einfach jeden Nachmittag vorbei. Wie bitte? Besuchszeit nur sonntags? Sorry, ich kann dich nicht verstehen. Ist so laut hier…

 

 

 

 

If this is a mans world

Wenn ich ein Mann wäre, wäre ich ein ganz passabler Kerl.IMG_3029

Ich bin ein wirklich passabler Kerl! Vorzeigbar, sauber, gebildet und sparsam. Ich bringe meiner Frau oft Blumen mit und nicht nur vom Aldi, wenn ich mal dort bin, obwohl meine Frau Aldi-Blumen wirklich mag! Das Preis-Leistungs-Verhältnis überzeugt sie, sagt sie. Nein, ich lasse Floristensträuße für sie binden! Oft.

Mache Geschenke. Schmuck, Schuhe, ich weiß doch, was sie sich wünscht. Ich bin spendabel, lade sie in Kneipen ein. Ok, eigentlich, weil ich gerne ausgehe und sie nicht, aber ich bin der, der die Zeche blecht. Altmodisch und gern. Ich führe sie gerne aus, wirklich!

Ich zeige mich auch gern mit ihr. Wir halten Händchen, auch nach neunzehn Jahren. Sie ist meine Frau, das darf ruhig jeder sehen!

Ich mache Komplimente, zeige ihr, dass sie begehrenswert ist für mich obwohl sie schon ganz schön in die Jahre gekommen ist, nein wirklich, ich verhalte mich wie ein Gentleman. Ich habe sie aus Liebe geheiratet und sie ist die Mutter meiner Kinder. Mir bedeutet das was!

Ja, ich muss sagen, sie hat mit mir wirklich einen guten Fang gemacht.

Nun gut, meine Frau ist auch nicht unbedingt ein Trostpreis und ich habe – gemessen an dem, was mir Kollegen so berichten – ein entspanntes Leben und mehr Freiheiten als so manch anderer Kerl. (Als eigentlich alle Kerle, die ich kenne, die nicht gerade Single sind, aber das muss sie ja nicht wissen.) Ich kann reisen, meinen Hobbies nachgehen, problemlos um die Häuser ziehen. Doch doch, auch jetzt noch, auch als Familienvater mit zwei Kindern. Das ist bei uns sehr liberal, Individualismus, Selbstverwirklichung, das ICH, das sind Themen, die durchaus auch vor dem WIR Bestand und Wichtigkeit haben dürfen.

Ich unterstütze meine Frau auch. Das ist ja heutzutage selbstverständlich! Also im Rahmen meiner Möglichkeiten. Es gibt Dinge, um die sich niemals Gedanken machen muss: Versicherungen, fahrbares Auto mit TÜV und vollem Tank, Urlaubsreisen, all das organisiere ich. Nicht zu vergessen, die Steuer! Sie hat es da nicht so…

Wenn ich ihnen erzähle, wie das vor meiner Zeit war, also das würden sie nicht glauben! Meine Frau hatte Kisten, in die sie die amtlichen Briefe und Rechnungen legte, direkt nachdem sie sie aus dem Briefkasten zog! Und nur nach dem Zufallsprinzip und wenn ihr vor Langeweile gar nichts mehr einfiel, öffnete sie mal einen. Und manchmal fühlte sie sich dann sogar angesprochen vom Schreiberling des Briefes. Die Autos, die sie fuhr, waren Sauställe auf Rädern, in die sie ab und zu für zwanzig Mark Sprit schüttete. Ich kann ihnen sagen!

Meine Frau verläuft sich auch immer und überall. Sie ist in ihrem Leben schon so oft falsch abgebogen, dass es ein Wunder ist, dass sie überhaupt noch auf dem Planeten ist!

Nein, die kann wirklich froh sein, mich zu haben.

Aber denken sie, ich ernte Dankbarkeit? Nicht, dass ich das erwarten würde, wirklich nicht! Aber stattdessen nur Unzufriedenheit. Immer! Meine Frau hat immer PMS. Premenstruell, postmenstruell, da komme ich nicht hinterher! Die ist chronisch schlecht gelaunt. Ich verstehe das nicht.

Heute zum Beispiel weckt sie mich wie immer um sieben. Sie selbst steht ja um fünf auf, weil das Kleinste dann nicht mehr schläft, ich höre das ja nicht. Ich finde, sie müsste einfach härter durchgreifen bei dem, aber das muss sie schon selbst wissen. Also sie weckt mich und ich liege dann noch eine halbe Stunde im Bett und lese Börsenberichte, weil mit mir morgens wirklich nicht gut Kirschen essen ist und ich Rücksicht auf meine Frau nehme, deshalb bleibe ich noch ein bisschen im Bett.

Sie macht in der Küche die Kinder fertig, hängt Wäsche auf und ab und was sie eben so meint, morgens unbedingt machen zu müssen. Dreiviertel acht fängt sie an zu nerven, sie wöllte nun auch endlich mal ins Bad um sich fertig für die Arbeit zu machen, ich solle das Kleinkind jetzt übernehmen, und ich denke mir: Mädchen, du bist seit fast drei Stunden auf, wäre da nicht genügend Zeit gewesen?!

Sie ist einfach schlecht organisiert!

Dann gehe ich wie stets um acht Uhr los und bringe unseren Kleinsten in die Kita, ich mache das gern und das unterstützt ja auch meine Frau. Neulich meint sie, ich müsste dem noch Zähne putzen! Wie kann das sein, frage ich sie? Drei Stunden wach und das Kind gerade mal gefrühstückt und angezogen, aber die Mutter im Lotterlook und Zähne auch nicht geputzt?

Ich gebe ihr dann liebevolle Hinweise, wie sie ihren Zeitplan optimieren könnte. Aber das wird nicht gehört. Anzischen muss ich mich lassen!

Sie sucht dann noch meine Schlüssel, die sie immer irgendwo versteckt. Und mein Portmonnée. Dann kann ich endlich los. Ein Chaos veranstaltet die jeden Morgen!

Ich bin dann auf Arbeit. Meine Frau arbeitet auch, aber hat nur eine Dreiviertelstelle, mehr schafft sie nicht, sagt sie. Nachmittags muss sich ja auch jemand um die Kinder kümmern.

Meine Frau hat großes Glück, finde ich. Sie kann auch flexibel arbeiten, das heißt, oft von daheim. Ich weiß ja, wie das ist: Da wird ein Mittagschläfchen gehalten und Fenster geputzt nebenbei… wenn ich ihr dann aber Besorgungen auftrage, wird sie böse! Ich verstehe das Weib nicht! Wenn sie doch Zeit hat?

Ich hätte gern ihre Flexibilität und ihre freien Nachmittage! Wissen, sie, wenn ich dann abends aus dem Büro komme, habe ich fast nichts mehr von meinen Kindern. Ich setze mich an den Abendbrottisch und danach geht der erste schon ins Bett. Manchmal verpasse ich sogar das. Schön ist das nicht, aber was soll ich denn machen? Ich kann nun mal nicht flexibel arbeiten und da ich drei Euro mehr verdiene, ist auch ein Wechsel gar nicht machbar!

Einen Tag in der Woche arbeite ich extra Stunden ein, damit meine Frau lange im Büro bleiben kann. Das tu ich gern, auch wenn es bedeutet, dass ich die anderen Tage eben später kommen muss. Dankbarkeit? Ach, vergessen sie´s!

Meine Frau ist wie Ilsebill, des Fischers Frau. Nie kriegt die genug. Ich soll kochen, ich soll putzen. Also ehrlich, keine Ahnung, was die meint. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal ein Klo geputzt habe. Warten sie, hier wohnen wir jetzt fünf Jahre und die Toiletten hier habe ich noch nie putzen müssen, die sind einfach immer sauber! Was also meint das Weib? Hier ist doch gar kein Dreck!

Und mit der Wäsche, also das ist auch so ein Ding. Hier stehen Sessel voller Wäsche und überall nasses Zeug, trockenes Zeug. Ich guck mir das ja eine Weile an, ich bin ein geduldiger Mann. Aber irgendwann sag ich dann auch mal was! Mädel, sag ich, du musst dich einfach besser organisieren! Leg das doch nicht auf einen Haufen! Leg es gleich ordentlich zusammen und räum es weg, dann sieht´s hier auch nicht so aus! Da hatte die dann Schaum vorm Mund, verstehen sie das? Ich verstehe das nicht.

Ich erinnere sie auch an familiäre Themen, frage, ob wir meiner Mutter eine Urlaubskarte geschrieben haben, ob wir ein Geschenk für Xsens Geburtstag organisiert haben und so weiter. Ich weiß, was ansteht! Im letzten Jahr war ich auf drei Elternabenden! Gut, die acht Jahre zuvor eher nicht, aber da saßen auch nur Frauen und tratschten, was soll ich dann dort.

Meine Frau ist auch immer müde, kein Mensch kann so viel schlafen wie die! Abends um neun fallen der die Augen zu und ich kann dann alleine auf der Couch sitzen. Schön ist das nicht! Ich mache ihr aber keine Vorwürfe. Also nur selten. Und wenn ich dann mal rausgehe mit meinen Freunden und ein bisschen lustig nach Hause komme, das Licht im Schlafzimmer anmache und ihr verkünde, ich wöllte jetzt ihre Küsse brüsten, meinen sie, die freut sich? Nein! Ein mürrischer Bettsack schnauzt mich an, ich solle gefälligst Leine ziehen! So sieht das aus. Hab ich das verdient? Nein, das sage ich ihnen.

Die Krönung ist: Neuerdings ist sie auch noch humorlos! Mit allem hätte ich gerechnet, aber das haut dem Fass den Boden aus. Sie müssen sich vorstellen, sie macht Homeoffice (wir wissen ja, wie das aussieht) und abends fällt ihr ein, sie hat vergessen, Klopapier zu besorgen! Den ganzen Tag zu Hause und noch nicht mal das hat sie sich merken können! Das denke ich mir nur, sagen tu ich scherzhaft: „Na, da hast du dir ja heute einen schönen Fauli-Tag gemacht!“. Ihre Augen werden zu Schlitzen und sie zischt mich an, das sei jetzt nicht mein Ernst. Hach, denk ich mir, die PMS-Hexe schlägt also wieder zu. Nun gut. Geh ich ihr also nach und sage, es sei doch nur ein Späßchen gewesen! Ob mein Zicklein jetzt wieder freundlich sei?! Mitnichten.

Und wissen sie was? Die droht mir! Sagt, es reiche! Das würde ich büßen! Der Spaß sei vorbei und lustig sei hier einiges schon lange nicht mehr! Was meint die? Ich meine, mit büßen?! Wissen sie, was die meint? Meinen sie, die haut mich in die Pfanne? In ihrem komischen Blog, den sie schreibt?!

 

Süßer, das ist ein Test, ob du meinen Blog liest! Ich warte im Schlafzimmer. Heute darfst du mich ruhig wecken! Ich glaube, wir sind quitt! 😀

Spurlos

Über die Hintergründe zu dieser Geschichte habe ich schon einmal hier geschrieben. Die junge Frau mit der Rötelninfektion, das war ich.

Jemand erzählt neulich beim Sonntagskaffee, ein Kollege habe einen furchtbaren Marderschaden im Haus gehabt. Eine Mardermutter hatte sein Dach als Wurfhöhle auserkoren. Der Kollege hat die Marderjungen entfernt, als die Mutter nicht da war. Die Mardermutter kam aber jeden Abend wieder und hat wie verrückt randaliert! Hat alles angefressen, zerkratzt, gewütet, einen furchtbaren Schaden angerichtet. Das Gekratze und Getrappel hätte die ganze Familie halb wahnsinnig gemacht! Sie hat ihre Kinder gesucht. Der Kollege habe sich darauf keinen anderen Rat gewusst, als die toten Marderbabies wieder auszugraben und erneut in das Dach zu legen. Daraufhin kam die Mardermutter genau noch einmal zurück…

Atmen, Rike, atmen! Einatmen, ausatmen. Jemand noch ein Stück Kuchen? Ja, danke, es schmeckt wunderbar! Rücken gerade und lächeln. Und atmen.

Ich bin auch eine randalierende Mardermutter.

Als ich vor vierundzwanzig Jahren das erste Mal in den Wehen lag und mein Kind, ein Mädchen, tot zur Welt bringen musste, haben mir wohlmeinende Menschen geraten, alles zu vernichten, das mich an diesen Schmerz und diese unerfüllte Hoffnung erinnern würde. Ich sehe mich noch heute die braune Papiertüte mit Aufschrift „Marktkauf“ zur Tonne tragen. Mutterpass, Ultraschallfotos. Die Babysachen und Kuscheltiere, die ich angeschafft hatte.

Überhaupt sind all die Erinnerungen, die ich doch so schnell vergessen sollte um nach vorn zu blicken (Denn ich würde noch viele, gesunde Kinder bekommen!) so präsent, als wäre es erst gestern gewesen.

Ich sehe den Kreißsaal vor mir aus meiner Perspektive im Bett. Ein schmaler weißer Raum, der nichts mit der Wohnzimmeratmosphäre gemein hat, die man heutzutage in Kreißsälen vorfindet. Links ein kleines Waschbecken mit tropfendem Hahn. Eine Hebammenschülerin, die mir stundenlang den Steiß massierte. Mit einer Winterjacke bekleidet, weil ich an diesem kalten Märztag so schwitzte und das Fenster offen stehen musste.

Nach achtundzwanzig Stunden die Hebamme, wie sie im Flur in ein Telefon spricht: „Die Frau in Saal drei treibt aus!“.

Das Gefühl des Gebärens. Die einzige Berührung zwischen mir und meiner Tochter. Dann bringen sie sie weg. Ich darf sie nicht sehen, sie nicht halten. Früher war alles anders…

Ich sehe das Tablett vor mir mit dem Frühstück, das mir gebracht wird. Ein Blümchen in einer kleinen Vase hat jemand daraufgestellt.

Meine Mutter kommt und bringt mir eine Schale Heidelbeeren. „Es geht vorbei. Es ist bestimmt besser so. Ein schwerbehindertes Kind, um Himmels Willen…“.

Ich weiß nicht mehr, wann der Schmerz einsetzte. Die Ohnmacht, der Kummer, der mich fast in die Arme des Wahnsinns trieb. Ich habe meinen Körper gehasst, mich bestraft, betäubt. Und ich hatte nichts. Kein Grab, an dem ich hätte trauern dürfen, nicht mal eine Kaiserschnittnarbe oder einen Schwangerschaftsstreifen, der mich an mein Kind erinnert hätte. Spurlos ging sie.

Irgendwann kamen die Träume. Monate später. Oder Jahre, ich weiß nicht mehr. Ich sehe meine Tochter. Sie wächst in meinen Träumen mit. Ich heule nächtelang und versuche sie festzuhalten. Manchmal spielt mir mein Gehirn Streiche und ich möchte glauben, dass sie lebt. Irgendwo. Als Adoptivkind eines reichen Oligarchenpaares. Glaube, dass man mir mein Kind geraubt hat. Es gibt keine Worte für das Ausmaß meiner Verzweiflung.

Irgendwann sehe ich sie zum letzten Mal. Da ist sie acht Jahre alt. Ein rundliches hübsches Mädchen mit lockigem blondem Haar. Zu der Zeit bin ich schwanger mit meinem ersten Sohn.

Ich entbinde in derselben Klinik wie acht Jahre zuvor. Ich möchte ein positives Erleben über das Vergangene stülpen. Ich möchte abschließen.

Ich freue mich so über mein Baby, und dennoch. Die Trauer kommt nach wie vor in Wellen. Wenn ich doch nur irgendwas hätte! Irgendetwas!

Da erzählt mir jemand, dass bei Autopsien in der Regel Fotos gemacht werden. Ein Foto! Wenn ich sie doch nur ein einziges Mal sehen könnte! Wie eine Ertrinkende greife ich nach diesem Strohhalm.

Blätter um Blätter. Meterweise CTG-Kurven, auf denen jemand handschriftlich vermerkt hatte, wann ich welches Medikament bekommen habe. Dann abrupt endet die Kurve. Kein Foto. Die Mappe enthält kein Foto. Ich weine die ganze Zeit über, aber es sind Tränen der Erlösung. Ich halte etwas in den Händen, das eine Verbindung zwischen mir und meinem Kind darstellt. Dokumente, die belegen, ich hatte diese Tochter. Ich habe diese Tochter.FullSizeRender

Ich erbitte mir eine Kopie des Autopsieberichtes. Das mag einem Außenstehenden makaber vorkommen, aber es ist das einzige Dokument, das mein Kind beschreibt. Ich stecke die drei Bögen in einen braunen Umschlag und trage ihn nach Hause. Mein Mädchen. Es ist alles, was ich von ihr habe.

Viele Jahre sind seitdem vergangen.

Ich sehe keine Filme, die das Thema behandeln. Ich lese keine Artikel, keine Bücher. Ich lese keine Blogposts über Fehlgeburten, nichts. Noch immer habe ich keine Worte des Trostes für andere Betroffene. Noch immer katapultiert mich der Schmerz einer anderen Frau in meine eigene persönliche Hölle. Und ja, vierundzwanzig Jahre sind eine lange Zeit. Viel Zeit, um Therapien zu machen, zu töpfern, einen Grabstein zu zeichnen, sich selbst zu vergeben, alle Mittel der Psychohygiene in Anspruch zu nehmen. Und dennoch…

Ich bin keine randalierende Mardermutter mehr, aber der Schmerz befällt mich immer noch. Kommt in den frühen Morgenstunden in einen Traum gemantelt und lässt mich mit heißem Gesicht und schmerzender Brust erwachen. Hält mich für Tage gefangen.

Trauer kennt keine Halbwertzeit. Und es gibt auch keine standardisierte Dauer dafür. Irgendwann meinen die Leute, es sei jetzt mal wieder gut. Das Leben geht doch weiter, mein Gott!

Ich kann die Trauer einer anderen Frau nicht mittragen. Ich würde so gern Trost spenden und kann es nicht. Und ja, ich verstehe auch die Menschen, die sich davor zurückziehen. Trauer, auch die eines anderen, macht auch immer etwas mit einem selbst.

Und dann gibt es Menschen wie die Sternenkinderfotografen, die unentgeltlich stundenlang eine Familie begleiten um das Bild dieser Familie einzufangen. In den wenigen Stunden, die dafür Zeit bleibt. In dieser nicht vorstellbaren Situation. Denn für diese Fotos gibt es keine zweite Chance!

Und es gibt Familien, die selbst ein Kind verloren haben und neben ihrem eigenen Schmerz noch die Energie aufbringen können, um andere Familien ein Stück zu tragen. Trost zu spenden. Um Geld zu sammeln für Beerdigungen oder die Erfüllung eines letzten Wunsches. Wie zum Beispiel die Betreiber der Seite „Sarah´s Sternenzauber“.

Ich weiß nicht, wo diese Menschen ihre mentale Stärke hernehmen, aber ich bewundere was sie tun und danke ihnen sehr dafür! Den Umfang dessen, was sie tun, kann nur jemand begreifen, dem genau das fehlt.

Mariechen wäre dieses Jahr im März vierundzwanzig Jahre alt geworden. Das Leben geht weiter. Einfach so.

 

❤ Für meine Freundin F., die ich auch dafür liebe, dass wir nie über toten Kinder sprechen, obwohl sie immer mit am Tisch sitzen. ❤

 

 

 

Feuchte Gedanken

Alles fing damit an, dass ich gestern faul auf der Couch rumsumpfte und mir Kinderriegel einverleibte, während die Jungs sich umzogen um zum wochenendlichen Läufchen zu starten. Nö, ich würde morgen laufen! Sprachs und wickelte den nächsten Riegel aus…

Morgen kam und bis dahin hatte es einen Abend und eine ganze Nacht lang geregnet, geschifft, geschüttet wie aus Eimern.

Nun ist es mit dem Schweinehund wie mit den Kindern: Konsequenz, Konsequenz, Konsequenz! Nicht, dass ich mich damit auskennen würde, oh nein! Aber der Bärtige selbstverständlich. Und in Oberlehrermanier erinnerte er mich freundlich an meinen Voratz.

Sonntags widerspricht man dem besser nicht.

dieser Weg wird ein feuchter sein

dieser Weg wird ein feuchter sein

Er hängte mir dann zu „Testzwecken“ noch einen ollen Klunker um, so´n Trackingteil, damit ich mal meinen Lauf dokumentieren könnte. (Siehe oben: Sonntags widerspricht man dem besser nicht.) In echt wollte er mich nur kontrollieren, damit ich nicht fröhlich singend Blümchen am Elbestrand pflücke bis es Zeit ist, wieder den Heimweg anzutreten.

Der Weg räkelte sich feucht glänzend und vor Vorfreude schmatzend vor mir und ja, das war genauso eklig, wie es hier jetzt klingt. Pitsch! Plitsch! Platsch! Innerhalb weniger Minuten hatte ich klitschnasse Füße. Bei acht Grad Außentemperatur. Ich versuchte, den Pfützen auszuweichen und sprang wie ein mental instabiler Geißbock hin und her. Natürlich half das kein bisschen!

Beim Blick auf den Kontrolletti sah ich, dass ich schon knapp vier Kilometer geschafft hatte. In mehr als dreißig Minuten. Nur Spaziergänger sind langsamer! Also langsame Spaziergänger.

Dann hatte ich es.

Nach Slow Food und Slow Travel würde ich jetzt mit „Slow Laufing“ eine neue Bewegung starten! Wir würden so langsam rennen, nur die „SMR-Bewegung“ (Senioren mit Rollatoren) wäre langsamer als wir. Schwitzen, Keuchen, Fiepen, Japsen, Stöhnen gehört ab sofort der Vegangenheit an. Mit Slow Laufing verläuft keine Wimperntusche und kein Puls überschlägt sich. Notfalls kann man dabei ein Stück Sahnetorte essen. Mit Gäbelchen selbstverständlich. Hach, das wird ganz und gar großartig!

(Ich spinnte mir was zusammen während ich einfach rannte. Die nassen Füße merkte schon lange nicht mehr und galoppierte auf meinem geflügeten Fantasieeinhorn auf und davon, während ich pitsch, plitsch, platsch Meter machte.)

Und weil ja so eine Bewegung „ganzheitlich“ sein muss, gehört zu Slow Laufing natürlich auch ein Ernährungskonzept! Ja, eigentlich bin ich selbst schon seit Jahren der beste Beweis, dass Zucker, Fett und Kohlehydrate gar nicht dick machen! Mann muss sie nur in einer konsequenten Trennkost zu sich sich nehmen. Meint, also sich von allem trennen, was nicht aus der Kombination Kohlenhydrate plus Zucker plus Fett besteht. Wir Slow Laufer würden uns von Kuchen, Torten, Süßigkeiten und Schokolade ernähren. Zum Nachtisch gibts Eis. Warme Speisen zur Auswahl sind Milchreis und Griesbrei mit einem See aus brauner Butter und einer dicken Kruste aus Zimtzucker. Oder Quarkkeulchen, Reibekuchen mit Zucker und Apfelmus und alle Knödel-, Kloß- und Ofenschlupfergerichte, die man mit Kompott servieren kann. An einem Tag in der Woche ist auch Gemüse erlaubt. Mit ordentlich Sauce Hollandaise obendrüber! Wer mit der Verdauung Probleme bekommt, kann mit Studentenfutter gegensteuern, allerdings sollte da auch auf eine Mischung von herkömmlichem Studentenfutter und schokolierten Rosinen und Nüssen geachtet werden. Salat gibts nicht! Slow Laufer essen kein rohes Gras. Außer, du bist im falschen Körper geboren und fühlst dich eher als Paarhufer, dann – Mäh! – lass es dir schmecken. Wir Slow Laufer schließen niemanden aus, schon gar nicht aufgrund einer Identitätsverdingsung. Obst geht. Also gekocht als Kompotte, Aufstriche und Konfitüren sowieso. Manchmal auch roh. Zum Beispiel als Füllung in einer Pavlova aus vierundzwanzig Eiweiß, anderthalb Kilo Zucker und auf einem Bett aus zwei Litern vanilliger Schlagsahne ergeben zwei Kilo Erdbeeren eine ausgewogenen Ernährung. Trinken ist natürlich auch sehr wichtig! Du kannst alles trinken, wobei Bellinis, Latte Macchiato mit Karamellsirup und heißer Schokolade mit Zimt je nach Tageszeit stets der Vorrang gegeben werden sollte. Einmal in der Woche dann gemütlich eine bis zwei Stunden raus zum Slow Laufing, schließlich sind wir eine „Bewegung“! Wir bewegen nicht nur was, sondern auch uns. Aber immer schön entspannt. Wenn Du unterwegs Blumen pflücken willst oder Fotos von einem Marienkäfer machen, dann wird das von der Slow Laufing Bewegung vollstens unterstützt! Eine Bewegung, die auch den Schöngeist anregen soll, das wollen wir sein. Wenn wir dann reinkommen vom Bewegen wird erst mal in der Badewanne nach Ernährungskonzept geschlemmt. Dann entspannen auf der Couch oder Chaiselonge oder was so rumsteht. Ist ein livrierter Diener zur Hand (ein Ehemann geht auch), dann sollte der aus Gründen der Gesundheit alle exponierten Körperteile des Slow Laufers massieren und ölen. Ich denke auch, es wird Überschneidungen geben mit „Slow Working“ und „Sleep longer“, zwei Lebenskonzepten, die sich wunderbar mit Slow Laufing verheiraten lassen! Hach, wenn ich wieder zu Hause bin, muss ich gleich an dem Konzept feilen! Und dann einen Blog und einen Shop launchen, ein Forum eröffnen, Merch designen, einen Buchvertrag unterschreiben, ach was, drei, und dann im Frühstücksfernsehen auftreten! Leute, wird das aufregend! Kochbücher muss ich konzipieren! Scheiße, ich muss los. Das macht sich schließlich nicht von alleine…

Später wird der Bärtige den Kontrolletti stirnrunzelnd begutachten und bemerken, dass ich ab Kilometer sieben immer schneller geworden sei und sowas hätte er ja noch nie erlebt.

Tja! Wer auf dem Einhorn reitet, dem wachsen Flügel. 🙂

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Heile, heile…

Vor einigen Wochen habe ich einen Beitrag über Endometriose geschrieben und auch, dass ich mich dem Thema mal wieder stellen müsste.

Nun war es soweit.

Ich habe es hinter mir. Also die ersten Schritte. Der Befund liegt noch nicht vor, nur ein Kurzprotokoll von der OP, sodass noch offen ist, inwieweit die Behandlung weitergehen wird. Die vergangenen Tage waren eine Achterbahn. Gesundheitlich, gefühlsmäßig, und ich habe jedes beschissene Tal durchschritten. Wut, Verzweiflung, Angst, Zorn, Selbstmitleid und ja, auch Zynismus. Noch bis vor einigen Stunden dachte ich, dieser Beitrag würde „Nahtzugabe“ heißen (ihr werdet noch lesen, warum) und ich würde mal so richtig vom Leder ziehen! Aber so richtig!

Ich habe mich umentschieden. Zum Einen, weil es sein kann, dass hier die eine oder andere Frau mitliest, der möglicherweise eine Befundlaparaskopie bevorsteht oder die mit unklaren Bauchbeschwerden kämpft. Das letzte, das ich will, ist jemanden verunsichern! Außerdem weiß ich nach sechs Narkosen und vier Operationen aufgrund der Endometriose: Es ist unter Umständen jedesmal anders.

Ich will euch von meiner letzten Woche erzählen und lieber für Betroffene Tipps dalassen zwischen den Zeilen.

Die Entscheidung steht, ich begebe mich in Behandlung. Die aktuellen Ausfälle sind zyklusbedingt und meine Gynäkologin ist der Meinung, ein Endometrioserezidiv sei die Ursache. Sie möchte mich gern nach Berlin in die Vivantes-Klinik überweisen. Auf meinen Einwand hin, ich sei zweimal sehr gut behandelt worden im Kreiskrankenhaus Radebeul, meinte sie, eine „Wald-und-Wiesen-Klinik“ sei sicher nicht das richtige für mich. Da ich aber nicht nach Berlin wollte, um nicht tagelang von meiner Familie getrennt zu sein, entschieden wir als zweite Wahl ein großes Dresdner Krankenhaus.

Tipp Nr.1 Wenn es in deiner Stadt ein Krankenhaus mit Spezialisierung auf dein Gesundheitsthema gibt und dein Arzt dich trotzdem lieber in ein Haus in einer anderen Stadt einweisen lassen will, dann ist das Empfehlung genug! Frag gar nicht erst, warum. Ehrlicher kann er nicht werden.

Voruntersuchung in der Spezialambulanz. Sie würden ambulant operieren und wann ich denn Zeit hätte? Die letzte OP fand auch ambulant statt und ja, es ging mir ein paar Tage nicht besonders, aber da wurde auch „groß reinegemacht“. Ich erwähnte meine Bedenken und hörte, bei dieser Befundlaparaskopie würde wirklich nur geschaut, was denn los sei und ganz egal, was man finden würde, an diesem Tag würde ich wieder zugemacht und im Nachgang das weitere Vorgehen besprochen. Keine große Sache. Drei kleine Knopflöcher. In die alten Narben rein, kennen sie ja alles. Also gut. Ob ich noch Fragen hätte? Nein.

Am Tag des Eingriffs war alles etwas turbulent. Sechs Uhr fünfundvierzig sollte ich dran sein. Dann neun Uhr. Ich war um neun da. Da hieß es, elf Uhr dreißig. Ich war seit dem Vorabend „nüchtern“ und entsprechend bei Laune. Da man mir meine Gefühlsregungen auch immer an meinem nicht nur schönen (wunderschönen), sondern auch ausdrucksstarkem Gesicht ansieht, zog ich mir direkt beim Pflegepersonal den Titel „beliebteste Patientin des Tages“ zu. Und bekam eine leidenschaftliche Aufklärung über den straffen OP-Plan des Tages in dieser großen Klinik und was sie alles um die Ohren haben dort! Danke noch mal dafür.

Tipp Nr.2 Geduld mitbringen. Und Lesestoff. Und ein Ladekabel fürs Handy. Niemand parkt dich freiwillig stundenlang irgendwo. Und vergessen wirst du auch nicht.

Ich bekam mein OP-Klamottenpaket und die Beruhigungspille. „Haben sie sich etwas zu trinken mitgebracht zum Runterspülen?“. „Nein?! Gibts hier denn nichts?“. „Sie sind ambulant, da bekommen sie von uns nichts zu essen oder zu trinken!“. „Ich bekomme nach dem Aufwachen keinen Kaffee und keinen Keks von ihnen?“ (Ich war entsetzt. Darauf freute ich mich schon seit Stunden, so hungrig wie ich war und das kannte ich auch von allen anderen ambulanten OPs so. Kaffee und Keks.). „Nein! Da hätten sie sich etwas mitbringen müssen!“.

Tipp Nr.3 Vorher fragen, ob du dir etwas zu essen und zu trinken mitbringen musst. Oder noch schnell (wie ich) vor der Abfahrt in den OP der Freundin SMS-en, dass sie doch bitte ein Rosinenbrötchen und einen Cappuchino bringen möge. Danke noch mal, liebe Gretel!

Im Vorbereitungsraum musste ich mich nackig auf eine OP-Liege umlagern, wurde angeschnallt, an meinem rechten Arm ein Blutdruckmessgerät festgemacht. EKG angeschlossen. Beine auf so Dinger wie beim Frauenarztstuhl, nur liegend. Gegrätscht. Ein grünes Tuch drüber. Flexüle legen in die Hand. Warten. Da lag ich nun festgezurrt und fror. Über mir die Uhr, die unaufhörlich tickte, das Blutdruckmessgerät brummte alle fünf Minuten los. Mir wehte ein kalter Wind zwischen die Beine. Scheiße, fror ich. Und wartete. Niemand kam. Das Gerät brummte wieder los. Zwischendrin hörte ich laute Befehle aus dem Aufwachraum, der vor mir liegen musste: „GUTEN MORGEN, AUFWACHEN! EINATMEN! TIEF EINATMEN!“.

Hinter mir war auf einmal Bewegung. Ohne Ansprache trat ein Anästhesist an meinen linken Arm heran und stöpselte mir eine Pulle in die Flexüle. „Gehts jetzt los?!“. „Na, deswegen sind wir ja hier!“. Aha. Als das Kribbeln im Hals zunahm, bat ich, ob mir die Schwester für einen Augenblick die Hand halten könnte, bis ich in Morpheus´Arme glitt. Das hatte ich mir auch nicht ausgedacht, das kannte ich von früheren OPs so und weiß diese überaus tröstliche Geste jetzt mehr denn je zu schätzen. „Dafür hat jetzt hier keiner Zeit!“, war das letzte, das ich hörte.

Tipp Nr.4 In einem großem Krankenhaus mit straffem und langen OP-Plan und womöglich ressourcentechnisch unteroptimal besetzt, liegt man unter Umständen zwanzig Minuten frierend in der Vorbereitung und möglicherweise hat auch keiner eine Hand frei zum Halten. Das hat nichts mit dir persönlich zu tun und die Ärzte und Schwestern arbeiten sich deshalb auch nicht gleich lieblos an dir ab. Ja, es wäre schöner, wenn man noch Zeit gehabt hätte für einen Händedruck und ein: „Hallo, ich bin der Dr. Sowieso. Schlafen sie gut und schöne Träume. Ich passe auf sie auf!“, aber Klinikalltag sieht eben oft anders aus. Du musst keine Angst haben, sie passen trotzdem auf dich auf und du wirst auch wieder wach! Stell dir einfach vor, ich halte deine Hand. 🙂

Ich wurde wieder wach, fror immer noch erbärmlich und bekam ein Gebläse unter das Laken geschoben, das Geräusche machte wie ein Fön. Und irgendwas zum Beruhigen. Dann hörte das Zittern auch auf. Weh tat mir nichts.

Zurück auf Station kam dann meine Freundin mit dem Kaffee, wir scherzten, ich war noch voll drauf und laberte ohne Unterlass. Nur das Herz raste mir wie verrückt. Das sollte auch noch ein paar Tage so bleiben.

Es kam dann auch eine Ärztin und erzählte meinem vermatschten Kopf irgendwas. Blasendach, Uterus, Eierstock, verödet. Aha. Blasenspiegelung müsste ich machen lassen. Und jetzt husch, aufs Klo, da ich kathetert worden sei müsste geguckt werden, ob ich pullern könnte. Zwei Synapsen machten kurzzeitig „BLING!“ und ließen den aufmüpfigen Gedanken aus meinem Mund poltern, warum zum Henker nicht gleich vor Ort und Stelle die Blasenspiegelung gemacht wurde, wenn ich doch schon mal nacksch und wehrlos dagelegen hätte? Und wo sie doch sowieso Zeug in meine Blase geschoben hätten? Wäre es wirklich zuviel verlangt, wenn das hier DIAGNOSTIK heißt, diese dann auch gleich mal vollumfänglich zu machen? Und ob ich jetzt allen Ernstes noch in die Urologie sollte? Hä?! Sagen sie mal! (Den Titel, „Beliebteste Patientin des Tages“ gab ich so schnell nicht wieder ab).

Tipp Nr.5 Was ich nicht wissen konnte und auch noch nicht ganz verstehe, nein, sie hätten dort keine Blasenspiegelung machen können. Technisch wohl schon. Aber irgendwie eben nicht. Krankenhauskram. Abrechnung. Was weiß ich. Deshalb habe ich auch nach wie vor meinen Blinddarm, obwohl ich den sehr gern gespendet hätte auf dem kalten Altar des OP-Raumes…

Vier Stunden nach „Wach“-Meldung, durfte mich meine Freundin abholen. Der Bärtige wartete mit den Kindern zu Hause, die (natürlich) pünktlich beide krank waren. Rückwirkend wäre ich gern zwei Tage geblieben, weiß aber gar nicht, ob ich die Option gehabt hätte. Und ich hätte mich für das weniger zackige, weniger hektische Wald-und-Wiesen-Krankenhaus entscheiden sollen, weil ich selber schon hektisch genug bin und dieser Trubel und das alles eher anstrengend auf mich wirkte. Ich wurde entlassen, orange von Schulter bis Knie vom Desinfektionsmittel und mit den EKG-Pads auf der Brust. Meine Klobrille und mein Bettzeug sind jetzt orange… färbt wie Sau. Kann man vielleicht für Ostereier verwenden?!

Tipp Nr.7 Ziehe die weiteste Hose an, die du finden kannst. Der Bauch wird geschwollen sein und druckempfindlich. Am besten irgendwas mit elastischem Bund. Und Slips ohne drückende Nähte. Und nicht zu vergessen Schuhe, in die du problemlos im Stehen schlüpfen kannst! Und lass dich zu Hause waschen.

Am OP-Tag hatte ich einen Druck im Brustkorb und Schmerzen in der Schulter, was normal ist und mich nicht weiter ängstigte. Das kannte ich schon und das ging auch innerhalb von zwei Tagen wieder weg. Der Wundschmerz war auszuhalten, nur der Kreislauf machte mir zu schaffen. Und das permanente Herzrasen. So „minimal invasiv“ solch eine OP ist, ist sie doch trotz allem eine OP. Und der Körper arbeitet dann fühlbar.

Es war dann leider auch so, dass gerade für den Kleinsten der Umstand, dass ich im Bett lag und ihn weder hochnehmen konnte noch mit ihm Fanger spielen, das arme Kleinchen sehr verunsichert hat. „Mama auftehn! Mama auftehn!“, rief er immerzu und kam auch nachts aus seinem Zimmer um in der Schlafzimmertüt zu stehen und „Mama auftehn!“ zu rufen. Oder tagsüber: „MAMA ARM! MAMA ARM! AUA! MAMA ARM!“, und sich nur sehr schwer beruhigen ließ durch den bärtigen Pfleger. Der war dann auch erkältungstechnisch wieder voll im Boot und am Wochenende hatten wir drei Rotznasen, einer mit zusätzlich Fieber und eine oben-drauf-Bindehautentzündung. Und mich.

Tipp Nr.7 Die Vorteile einer ambulanten OP liegen auf der Hand. Solltest du kleine Kinder haben, allerdings auch die Nachteile! Möglicherweise ist es für deine Genesung und auch für die Familie besser, du bleibst ein paar Tage stationär. Oder webst ein dichtes Netz an Helferlein um dich. Vielleicht hast du Familie, die unterstützen kann.IMG_1174

Ich leider nicht. Eine gute Mutter hätte Essen gebracht und im Haushalt geholfen. Eine schlechte Mutter hätte vielleicht angerufen um „Viel Kraft!“ zu wünschen. Meine hat nicht angerufen. Ich habe mir ziemlich leid getan und hätte mich nach Zuspruch und einer streichelnden Muttihand gesehnt. Wenn es einem schlecht geht, ist es wurscht, wie alt du bist!

Liebevolle Abhilfe kam aus dem Netz. Facebook, Instagram. So viele Genesungswünsche, die meinem hämmernden Herz gut getan haben. Und ja, da kann sich jemand hinstellen und sagen: Pah! Ist doch alles nur virtuell! Nicht echt! Aber der hat keine Ahnung, wieviel Trost sowas spenden kann. Danke euch allen! Ihr seid Schätze. ❤

Und Trost kam in Form einer Kollegin, die mit chinesischem Essen, Obst, Saft, Keksen und einem Blümchen vor der Tür stand.IMG_1176

Und in Form unzähliger SMS.

Und in Form von Blumen vom Mann.

Tipp Nr. 8 (allgemeingültig) Sich zu ärgern über Dinge, die andere Leute tun oder nicht tun, ist müßig. Hilfe zu erwarten oder einzufordern, wo sie nicht gern gegeben wird, ebenso. Man kann sich dann in Enttäuschung und Gram suhlen und verbittert werden oder neuen Menschen und Überraschungen öffnen. Und vielleicht muss man auch einfach sagen, dass man Hilfe braucht. Also der Welt, nicht den Menschen, die dazu vielleicht aus genetischen oder moralischen Gründen von Haus „zuständig“ wären. Lass dich nicht wiederholt negativ überraschen. Lass dich vom Rest der Welt einfach positiv überraschen!

Wut. Die Wut wurde noch größer. Als der Bärtige nach dem ersten Duschen meine Pflaster wechseln sollte, sagte der: „Sage mal, wie lang ist denn diese… die hört ja gar nicht mehr…“. „Hä?! Was?!“. „Ach, nichts.“. Dann fummelte der ewig mit den neuen Pflastern rum und ich meckerte. Darauf er: „Ich weiß gar nicht, wie ich das kleben soll! Das Pflaster ist nicht groß genug!“.

Gestern dann war ich neugierig. Sechs Zentimeter sind die Pflaster lang, ich habe gemessen. Nicht groß genug? Dann abgezuppelt. Neugierde wird bestraft. Mit Wut. Dreimal hab ich das nun hinter mir. Mit Drainagen, mit großräumigen Gewebsentfernungen, mit allem. Und nun das hier! Bei einer einfach Befundlaparaskopie?!

Tipp Nr. 9 Das verwächst sich. Auch wenn überall steht, Knopflochmethode. Schnittlänge ein bis zwei Zentimeter, kann es sein, dass du aussiehst, als hätte ein transsilvanischer Aushilfsstudent mit dreiacht offm Turm an dir Schnittübungen gemacht. Außerdem sieht der Bauch sowieso grün und blau aus. Nun gut, das geht alles wieder weg. Also alles, bis auf die längeren, eventuell nicht ganz vorteilhaft gesetzten Nähte. Aber da kann man doch dann schön Tattoos drumherum machen! Und außerdem wirst du wieder gesund. Das ist das wichtigste. Und Extratipp: Gehe nie zu deinem Arzt und sage: „Gucken sie sich mal die Scheiße an! Das muss ein Besoffener genäht haben! Und wieso sind die Narben so lang!? Sagen sie mal was dazu!“. Kein Arzt bei Trost wird dir sagen, ja, sieht echt Scheiße aus! Also reg dich nicht auf. Oder reg dich auf und zwar richtig, aber kurz. Dann leg dir warme Tücher auf den Bauch und tu dir was Gutes. Iss Schokolade (außer, du bist verstopft), lies, schau Netflix. Und genese. Du wirst gesund, der Rest ist scheißegal! Und ja, die Karriere als Bauchfrei-Model musst du vermutlich an den Haken hängen. 😀

Die Ärztin sagt heute: „Sie sind der wichtigste Mensch im Moment! Ach, die Kinder sind krank? Und ihr Mann auch? Was hat er denn? Erkältung, soso. Na, da muss ihr Mann jetzt mal durch. Im Moment geht es nur um sie!“. Irrtum. Es geht nie nur um mich. Genausowenig, wie es nur um ihn geht. Wir sind eine Familie. Und keine Krankheit ist wichtiger als die andere und jeder Mensch hat begrenzte Ressourcen. Meinen erkälteten fiebrigen Jungs eine Heile-Heile-Suppe zu kochen, hat nicht nur denen gut getan, sondern auch mir.

Der Winter hat uns alle geschlaucht und bis die Viren und Bakterien endgültig die Weltherrschaft an sich reißen, zeigen wir denen den ausgetreckten… ! Und zwar damit:IMG_1180

  • ein Huhn mit
  • einer halben Sellerieknolle
  • zwei großen Zwiebeln
  • drei Knoblauchzehen
  • einem daumengroßem Stück Ingwer
  • einer halben Fenchelknolle
  • einem Zweig Thymian und
  • einem Lorbeerblatt

drei Stunden auskochen und fein abseihen, würzen. Nudeln und Möhrchen separat kochen und mit Fleisch und Peterli in der Brühe servieren. Und keine Angst, weder Fenchel noch Knoblauch schmecken vor! Die Brühe schmeckt fantastisch und hat das Beste an heilenden Zutaten für erkältete Lieblingsmenschen in sich.

Tipp Nr.10 Dein Bauch. Unter Umständen zickt dein Darm und verhält sich wie eine Diva. Das darf der auch. Reagiert vielleicht mit Verstopfung, krampft an Blähungen, weil Restgas resorbiert wird und auch über den Darm abgegeben wird. Sei lieb zu ihm. Gib ihm Leichtverdauliches. Lein- und Chiasamen kann ich nicht empfehlen. Das „arbeitet“ mir zu stark. Und da der Darm sich eh schon geärgert fühlt und der ganze Bauchraum ja zur Ruhe kommen soll, kann ich davon nur abraten. Irgendwo steht, man soll die Beine auf eine Bank stellen vorm Klo und so versuchen abzuführen. Und auf keinen Fall pressen! Ich kann nicht mit Beine oben und ohne Pressen geht es natürlich auch nicht. Davon geht aber so leicht keine Narbe auf. Versprochen. Ein Glas warmes Wasser morgens auf nüchternen Magen hilft vielleicht sanft. Ich habe an Tag drei eine Handvoll Trockenpflaumen mit Wasser aufgegossen und über Nacht stehen lassen. Am nächsten Morgen als erstes trinken, funktioniert leicht und ohne Schmerzen.

Alles wird wieder gut! Und ich bin so ein Glückspilz. Für vieles. Auch, weil ich eben Endometriose habe und keinen Krebs. Neben mir in dem Zimmer lag eine junge Frau mit Glatze, Schläuchen in der Brustregion für den Chemo-Tropf und einer großen Bauchnarbe. Vor ihr ein Hochzeitsbild, das sie mit langen schwarzen Haaren zeigt. Keine Kinderfotos. Ich denke oft an diese Frau in den letzten Tagen und ich weiß nicht mal ihren Namen. Aber ich bin dankbar, dass ich nicht in ihrer Haut stecke, sondern in meiner. Und ich wünsche ihr von Herzen alles Gute und glückliche Fügungen.

Und das wünsche ich auch euch allen hier. Danke fürs Lesen denjenigen, die es bis hier runter geschafft haben 🙂 Ich denke, das wars erst mal mit Krankheiten. Wir müssen auch mal wieder lachen, oder?!

Machen wir! Bis bald.