Umgang formt den Menschen

…behauptet meine Mutter. Wenn das stimmt, bin ich ein umgegangener, geformter Mensch.

Lange Zeit beneidete ich die Leute, die selbstsicher von sich sagen, ein bis zwei „gute Freunde“ zu haben. Fürs ganze Leben. Reicht. Qualität statt Quantität!

Ich hinterfragte mich oft, ob es sein könne, dass ich ein oberflächlicher Mensch sei?! Gar bindungsgestört? Solange ich mich erinnern kann, haben meine Freundschaften immer Zyklen meines Lebens begleitet. Ich habe also offensichtlich ein „lebensphasenangepasst orientiertes Bindungsverhalten“.

Oberflächlich? Nein. Nichts ist mir ernster als die momentan beste Freundin!

Meine erste Freundin zu Schulzeiten war ein Mädchen aus dem Nachbarhaus, was meine Mutter lieber von hinten sah. Das sei kein guter Umgang, meinte sie. Ihre Befürchtungen waren, ich würde irgendwann rauchen und mit Jungs rummachen (Mutti, hat ja super geklappt mit deiner Intervenierung!). Die Eltern des Nachbarsmädchens dachten ähnlich… Wir zwei verstanden uns super! Sie zog weg mit den Eltern, Ausreiseantrag, tränenreicher Abschied. Das Handy war noch nicht erfunden.

Dann kamen die „richtigen“ Freundinnen. Das war die Zeit der ganz großen Dramen: Liebeskummer, den man nicht zu überleben glaubte, erste Erfahrungen mit Todesfällen im Freundes-und Familienkreis und die brennende Frage: Kann ich vom Petting schwanger werden?

Die Freundschaften mit meinen drei ältesten Freundinnen haben schon längst den Silberhochzeitszenit überschritten. Wenn wir uns heute treffen, dann ist das wie ein Familientreffen:  Man schaut sich wohlwollend an und bemerkt die Falten um die Augen der Anderen, die irgendwie nicht zu dem Erinnerungs-Abziehbild von 1988 passen. Wir klopfen die Themen ab, die wir miteinander haben. Vieles liegt in der Vergangenheit, wenig im Jetzt. Es herrscht eine absolute Nähe zwischen uns, Intimität fast. Aber zur Gegenwart des anderen gibt es kaum Schnittstellen. Was mich heute beschäftigt, das teile ich mit ihnen nicht. Die eine hat keine Kinder, eine ist bereits Großmutter(!), die dritte hat ihren Nachwuchs „aus dem Gröbsten“ rausgebracht und „denkt jetzt an sich“. Sie gehören trotzdem zu mir. Zu dem Erfahrungspuzzle, das nötig war, um aus mir einen ordentlichen Menschen zu machen.

In jeder Phase meines Lebens hatte ich die „richtige“ Frau an meiner Seite, die manchmal auch ein Mann war. Was Carrie ihr Stanford ist, war mir mein Artur. Und der konnte sogar Haare machen – Jackpot! Aber das Leben trennte uns und das Handy war immer noch nicht erfunden!

Nachbarinnen und Kolleginnen sind die allerbesten besten Freundinnen. Was für ein Traum! Du gehst nicht auf Arbeit, nein, du triffst dich jeden Morgen aufs Neue mit deiner Freundin! Und wie herrlich ist es, die Haustür zu öffnen und ein Teller mit der neuesten Kochkreation der allerbesten Lieblingsnachbarin begrüßt dich vor deiner Tür?! Zu allen meiner ehemaligen Nachbarsfreundinnen habe ich noch heute ein herzliches Verhältnis. Im Stubenwagen der einen schlief das neue Baby die ersten Monate seines Lebens, eine andere war gar seine Hebamme.

Alle haben etwas von sich dagelassen und ich hoffe, ich auch bei ihnen.

Jeder Lebensabschnitt bringt die passende Begleitung mit. Der wohltemperierte Wein zum perfekten Dinner des Lebens. Und manchmal schmeckt der Rotwein erstaunlicherweise doch zum Fisch!

Ich sehe das so, dass uns alle Menschen nur ein bestimmtes Stück begleiten. Und uns befruchten, Spiegel und Katalysator sind. Und irgendwann heißt es Abschied nehmen. Ich bin mir dem immer bewusst und das ist gar nicht schlimm! Ich glaube, in dem Moment, wo einem die unvermeidliche Endlichkeit einer Beziehung klar wird, ist man sich der Kostbarkeit derselben am deutlichsten bewusst. Und das trifft auch auf die Abschiede zu, an die man gar nicht denken mag! Die Großeltern, Eltern, die irgendwann gehen müssen. Und- weniger dramatisch- auch der schmerzliche Abschied, wenn du die Hand deines Kindes loslassen musst, weil es meint, jetzt alleine in die Welt gehen zu wollen.

Mittlerweile (das Alter?) verschwimmen bei mir Begrifflichkeiten wie Familie, Freunde, Bekannte. Ich trenne das nicht. Mir würde auch eine Kategorisierung schwer fallen. Na und? Umgang formt den Menschen. Je mehr Umgang umso mehr Prägung!

Was ich meinen Kindern über Freundschaften weitergeben möchte, ist, immer ein offenes Herz und ein offenes Haus zu haben. Das war´s schon. Und wenn ich „elternmäßig“ eine Plattitüde gebrauchen müsste, dann bitte: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt´s heraus!

Ach, und falls dir in Pieschen beim Spazierengehen eine nette ältere Dame mit Kinderwagen begegnet, die dich freundlich anlächelt, dann weißt du: das ist eine altmodische Freundschaftsanfrage.

Zurücklächeln=Annehmen, Weggucken=Ablehnen.

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Für: Dorit, Micky, Anne, Grit, Artur, Ute, Antje, Vera, Sabine, Silke, Conny, Katja, Jenny, Hilde, Fika, nochmal Katja, Marco, Sandra, Dana, Kirstin, Tanja, Manu, Bea, Jawi, Mandy, eine dritte Katja, Yvonne, Isabell, Kathrin, Beate, Manja, Stephanie.

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4 Kommentare zu “Umgang formt den Menschen

  1. Liebe Rike, das ist ein ganz wunderbarer Text. 🙂 Ich möchte meine Nachbarin nicht morgens in meinem Garten haben, aber ansonsten gebe ich Dir in vielen Dingen Recht, und wenn Du mit Deinem Kinderwagen mal bis Berlin spazierst, werde ich auch lächeln. 😉

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